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Full text of "Zeitschrift fur Naturwissenschaften."

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Bound  at 
A.M.N.H. 
1916 


ACADEMY  Cr  SCiE^CES 

Zeitschrift 

fiir  SOI^M  3)  ß 

Naturwissenscharten 


Organ  des  iiaturwisseiiscliaftlichen  ^^el■eills 
für  Sachsen  und  Thüringen 

zu 

Halle  a.  S. 

unter  Mitwirkung  von 
Prof.  Dr.  C.  Mcz  und  Geh.- Rat  Prof.  Dr.  E.  Sehiiiidt 

herausgegeben 
von 

Prof.  Dr.  G.  Brandes 

Prof.  der  Zoologie  au  der  Tierärztl.  Ilochschule  und  Direktor  des  zoologischen  G^irtens 

zu  Dresden, 


83.  Band  —  1910 

(Fünfte  Folge,  ZwaiiziKäter  Haml) 

Mit  1  Profiltafel  und  43  Figureu  im  Texte 


1910 

Verlag  von  Quelle  &  Meyer  in  Leipzig 


Inhalt  des  82.  Bandes. 


I.  Original -Abhandlungen.  Seite 

Bandermann,  Franz,  Über  zwei  Zuchten  von  Abweichungen 

des  Wolfsmilchschwäruiers  310 

Bauer,  E.,  Eine  für  Deutschland  neue  Noctuide  373 

Füge,  Bernhard,  Beiträge  zur  Microlepidopteren -Fauna  von 

Halle  a.  S  295 

Haupt,  H.,  Verzeichnis  der  bis  jetzt  in  Thüringen  beobachteten 

Homopteren  -I-IB 

Hoffmann,   Dr.  Karl,   Wachstumsverhältnisse   einiger  holz- 

zerstörenden  Pilze.    Mit  9  Figuren  im  Text   35 

Kanngiefser,  Friedrich,  Dr.  med.  et  phil..  Die  Etymologie  der 
Pteridophytennomenklatur.  Eine  Erklärung  der  wissen- 
schaftlichen, der  deutschen,  französischen,  englischen  und 
holländischen  Namen  der  Farnkrautgewächse  274 

Lange,  Dr.  Hans,  Studien  Uber  die  Zusammensetzung  helium- 
führender Mineralien.    Mit  7  Figuren  im  Text   1 

Jyiebe,  Johannes,  Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg.  Mit 

16  Figuren  im  Text  845 

Schnee,  Dr.  med.,  Einiges  über  die  höhere  Tierwelt  der  Marianen  458 

Schulze,  Erwin,  Literatur  über  die  triadische  Pflanzengattung 

Pleuromeia   135 

Scupin,  Prof  Dr.  Hans,  Über  sudetische  prätertiäre  junge 
Krustenbewegungen  und  die  Verteilung  von  Wasser  und 
Land  zur  Kreidezeit  in  der  Umgebung  der  Sudeten  und 
des  Erzgebirges.  Eine  Studie  zur  Geschichte  der  Kreide- 
transgression.    Mit  2  Figuren  im  Text  321 

Streicher,  Dr.  Otto,  Der  Kreislauf  des  Kohlenstoffs  in  der  Natur  253 

Wangerin,  Dr.  Walther,  Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der 

Flora  von  Burg  2P)'2 

—  Über  den  Formenkreis  der  Statice  Limonium  und  ihrer 

nächsten  Verwandten  401 

Wein,  K. ,  Th.  Beling,  Beiträge  zur  Flora  des  nordwestlichen 

Harzes   129 

Wüst,  Ewald,  Die  plistozänen  Ablagerungen  des  Travertin- 
gebietes  der  Gegend  von  Weimar  und  ihre  Fossilien- 
bestände in  ihrer  Bedeutung  für  die  Beurteilung  der  Klima- 
schwankungen des  Eiszeitalters.  Mit  einer  Profiltafel  und 
einer  Tabelle   161 


IV 


II.  Kleinere  Mittoiliiiigcn.  seiic 

Gesteine  und  Minerale  des  Radautales  (Fromme)   139 

Neue  Funde  von  Gletscherschliflfen  bei  Halle  a.  S.  (Wagner)   .  142 

Über  den  Köderfang  im  Hochgebirge  (Bauer)   143 

Zur  Schmetterlingsfauna  der  Goitzsche  (Banderniann).    ...  145 

Ein  Zwitter  (?)  von  Satnrnia  paronia  L.  (Banderniann).    .    .  146 

Variationen  im  Geiider  des  Diptereuflügels  (Kleine)   147 

Aus  den  Sitzungen  der  Entomologisehen  Gesellschaft  zu  Halle  a.  S. 

(Daehne)  :    .    .    .  148 

Ein  "Verfahren  zur  Abformuug  von  Pflanzenblättern  (Liesegang)  375 
Aus  den  Sitzungen  der  Entomologischen  Gesellschaft  zu  Halle  a.  S. 

(Daehne)   377 

Erklärung  und  tatsächliche  Berichtigung  (Weifs)   471 

III.  Literatur-Besprecluiiigeu. 

Artus,  Die  Grundzüge  der  Chemie  für  Gewerbetreibende  sowie 

für  Lehrer  an  Gewerbeschulen   399 

Binz,  Kohle  und  Eisen   400 

Geyer,  Unsere  Land-  und  Süfswassermollusken.  Einführung  in 

die  Molluskenfauna  Deutschlands   477 

Glafey,  Rohstoffe  der  Textilindustrie   157 

Haase,  Die  Erdrinde   154 

—  Lütrohrpraktikum   155 

Hegi,  Illustrierte  Flora  von  Mitteleuropa   398 

Herre,  Wissenschaft  und  Bildung.  Einzeldarstellungen  aus  allen 

Gebieten  des  Wissens   480 

Hersen  und  Hartz,  Die  Fernsprechtechnik  der  Gegenwart  .   .  392 

Hesse  und  Doflein,  Tierbau  und  Tierleben   475 

Holl  er  und  Ulmer,  Naturwissenschaftliche  Bibliothek  für  Jugend 

und  Volk   479 

Pohl,  Die  elektrische  Fernübertragung  von  Bildern   393 

Reinisch,  Entstehung  und  Bau  der  deutschen  Mittelgebirge    .  396 
Schurig,  Biolügische  Experimente  nebst  einem  Anhang:  Mikro- 
skopische Technik   'M' 

Schuster,  Der  Einflufs  des  Mondes  auf  unsere  Atmosphäre    .  39'.i 

Uhlenhuth,  Vollständige  Anleitung  zum  Formen  und  Giefsen .  307 

Voigt,  Die  Praxis  des  naturkundlichen  Unterrichts   158 

Werth,  Das  Eiszeitalter   478 

Ziegler  und  Woltereck,  Monographien  einheimischer  Tiere   .  472 

Zimmermann,  Die  Photographie   156 

V.  Zittel,  Grundzüge  der  Paläontologie  (Paläozoologie)    ...  395 
Zur  Strafsen,  Brehms  Tierleben.  Allgemeine  Kunde  des  Tier- 
reichs .    •   473 


Studien  über  die  Ziisammeiisetziing 
heliiiiii führender  Mineralien 


Dr.  Hans  Langel) 

Assistent  am  Anorganisch -Chemischen  Institut  der  Königlichen 
Technischen  Hochschule  zu  Berlin 

Mit  7  Figuren  im  Text 


Vorliegende  Arbeit  beschäftigt  sich  mit  einem  Euxenit 
aus  dem  Sätersdal  und  einem  roten  Flufsspat  aus  Süd- Grön- 
land. Daran  schliefsen  sich  analytische  Untersuchungen 
über  die  Trennung  des  Titans  vom  Zirkon,  sowie  vom  Niob 
und  Tantal  mittels  Animoniumsalicylat;  das  bei  der  Rein- 
darstellung des  hierzu  erforderlichen  Zirkonmaterials  er- 
haltene Zirkonoxychlorid  gab  auf  Grund  in  der  Literatur 
sich  findender  Widersprüche  Veranlassung,  dieses  Salz  einer 
erneuten  Untersuchung  zu  unterziehen. 

Im  März  des  Jahres  1895  gelang  es  Sir  William 
Ramsay,2)  Helium  in  dem  von  Nordenskjöld  entdeckten 
Mineral  Cleveit  nachzuvpeisen.  Es  sind  seitdem  durch  die 
Untersuchungen  verschiedener  Forscher  eine  grofse  Anzahl 
von  Mineralien,  von  denen  die  meisten  Uran,  Thor  oder  Blei 
enthielten,  als  heliumhaltig  erkannt  worden.  Eine  erhöhte 
Bedeutung  aber  erhielten  alle  diese  Untersuchungen  erst, 
seitdem  übereinstimmend  von  Ramsay  und  Soddy-^)  einerseits 

Die  nachstehende  Untersuchung  wurde  von  Herrn  Lange  unter 
meiner  Leitung  im  Anorganisch -Chemischen  Institut  unsrer  Hochschule 
ausgeführt  und  dann  der  philosophischen  Fakultät  der  Königlichen 
Friedrichs  -  Universität  Halle -Wittenberg  als  Inaugural- Dissertation  ein- 
gereicht. H.  Erdmann. 

2)  Chem.  News  71,151  (1895). 

3)  Nature  16  July  1903,  p.  24Ü.  Proc.  Roy.  Soc.  72,204  (1903). 
73,  340  (1904). 


Zeitschr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  S2.  1910. 


1 


2 


Hans  I,an(4e, 


und  andererseits  von  Curie  und  Dewau  ')  das  Helium 
als  eines  der  Endprodukte  radioaktiver  Umwandlungen  er- 
kannt wurde.  Es  nebmen  dalier  die  heliumfübrenden,  radio- 
aktiven Mineralien  ein  besonderes  Interesse  in  Anspruch.  Im 
folgenden  soll  ein  Beitrag  zur  Kenntnis  solcber  Mineralien 
geliefert  werden. 

I.  Über  einen  Euxenit  aus  dem  Sätersdal 
in  Süd -Norwegen. 

Zur  Untersucbung  standen  mebrere  Kilogramm  eines 
Minerals  der  Euxenit -Polykras- Reibe  aus  den  Granit- 
Pegmatitgängen  von  Sätersdal  im  südlicben  Norwegen. 
Das  Vorkommen  des  Minerals,  das  zuerst  von  Th.  Scheerer 
bescbrieben  wurde,  ist  an  dieser  Stelle  niebt  neu,  so  ver- 
zeicbnet  auch  W.  C.  BroeggeR'')  das  Sätersdal  als  häufig 
Euxenit  führend.  Indessen  ist  eine  nähere  Untersuchung, 
speziell  chemische  Analyse  gerade  dieses  Vorkommens 
nicht  ausgeführt  worden,  das,  wie  die  Bearbeitung  ergab, 
in  Bezug  auf  den  Heliumgebalt  und  auf  die  Zusammen- 
setzung der  seltenen  Erdmetalle  als  eines  der  interessantesten 
und  kostbarsten  bezeichnet  werden  kann. 

Das  Material  bestand  zumeist  aus  derben  Stücken. 
Vereinzelte  Kristallbruchstücke  zeigten  deutlich  rhombischen 
Habitus  mit  den  Flächen: 

ooPoo    acF    ooPcx)    2  P  oo      P  oP 

■loio;   jiioi   ;ioo!    ;20i(  jin;  jooi; 

Die  Kristallflächen  waren  matt,  zum  Teil  mit  einer 
rauhen  Oxydationshaut  überzogen,  daher  schlecht  messbar, 
zum  Teil  mit  paralleler  Fläcbenstreifung  versehen.  Eine 
Spaltbarkeit  war  nicht  zu  bemerken.  Die  Oberfläche  des 
derben  Minerals  hatte  häufig  glasige  Beschaffenheit,  zeigte 
muscheligen  Bruch  und  war  von  rein  samtschwarzer,  glän- 
zender Farbe,  nur  in  ganz  feinen  Splittern  an  den  Kanten 


1)  C.  r.  138.  190  (19Ü4). 

2)  Poggendorfs  Annalen  40,149  (1840). 

^)  W.  C.  Broegger,  Die  Mineralien  der  südnorwegischen  Granit- 
Pegmatitgänge.  I.   Christiana  19()H. 


Die  Zusanmiensetzung  hcliumt'iihrender  Mineralien. 


8 


durchscheinend.  Auffallend  war  der  hell^elbbraune  Strich. 
Die  Härte  betrug  6,5;  das  spezitische  Gewicht  wurde  ver- 
hältnismäfsig  niedrig  zu  4,62  gefunden,  was  vielleicht  dem 
überwiegenden  Titangehalt  und  der  dem  hohen  GlUhverlust 
entsprechenden  vorgeschrittenen  Zersetzung  des  Minerals 
zuzuschreiben  ist.  Vor  dem  Lötrohr  war  das  Mineral 
unschmelzbar,  es  zersprang  in  kleine  Stücke.  Wurde  der 
Euxenit  für  sich  auf  Dunkelrotglut  erhitzt,  so  zeigte  sich 
die  schon  vom  Fergusonit  her  bekannte  Glimmerscheinung, 
d.  h.  die  Stücke  erglimmten  plötzlich  durch  die  ganze  Masse. 
Die  Farbe  war  hernach  hellgelbbraun;  die  Stücke  selbst 


waren  stark  glänzend,  rissig  und  leicht  zu  zersplittern.  Das 
spezifische  Gewicht  ist  nach  dem  Erglühen  auf  5,06  gestiegen. 
Die  Annahme  einer  molekularen  Umlagerung  dürfte  auch 
hier  die  Erklärung  für  die  beschriebene  Erscheinung  sein.  2) 
Ein  Dünnschliff  zwecks  einer  dahingehenden  Untersuchung 
liels  sich  wegen  der  überaus  bröckeligen  Natur  des  Materials 
auf  keine  Weise  herstellen. 

Die  Untersuchung  auf  der  photographischen  Platte 
ergab  eine  beträchtliche  Aktivität  des  Minerals,  was  seiner 
chemischen  Zusammensetzung  nach  zu  erwarten  war. 

Die  Stärke  der  Aktivität  im  Verhältnis  zur  Joachims- 
thaler  Pechblende  oder  dem  ebenso  stark  aktiven  Cleveit 
von  Arendal  verdeutlicht  die  Wiedergabe  einer  Photographie, 


Fig.  1  und  2.   Euxeuit  von  Sätersdal. 


*)  Des  Cloiseaux  und  Damour.  Ann.  chim.  phys.  3,59  (1860). 
Broegger  1.  c.  S.  35. 

1* 


4 


Hans  Lange, 


die  durch  48  stüodige  Einwirkung  dieser  Mineralien  auf  die 
Platte  erhalten  wurde  (siehe  Fig.  3).  Ein  dünner  Aluminiuni- 
Blechstreifen  vermag  die  Strahlung  bedeutend  aufzuhalten, 
wie  der  dunkle  Streifen  ina  linken  Teile  der  Figur  er- 
kennen läl'st. 

Die  erglimmten  Stücke  wirken  stärker  auf  die  Platte 
ein  als  das  ursprüngliche  Material.    Aufser  den  aus  dem 

Pechblende 


Fig.  3. 


Mineral  gewonnenen  Uran-  und  Thorium -Präparaten  zeigte 
auch  das  Blei  i)  eine  merkliche  /3-Strahlung,  während  die 
Aktivität  der  vom  Thorium  vollkommen  freien  seltenen  Erd- 
metalle, in  Form  ihrer  Oxyde,  sich  als  äulserst  schwach 
erwies  (siehe  Fig.  4). 

Als  eines  der  Endprodukte  der  radioaktiven  Vorgänge 
ist  das  in  dem  Mineral  enthaltene  Helium  anzusehen. 


')  K.  Hofmann  und  E.  Straiil's,  Radioaktives  Blei.  Ber.  33, 
3002  (190(1).    3f),  1043  (1903). 


Die  Zusanunensetzung  heliumfiihrender  Mineralien. 


5 


Die  quantitative  ehemische  Analyse  wurde  nach  folgender 
Methode  ausgeführt: 

Zirka  4 — 5  g  gangfreier,  feingepulverter  und  ge8iel)ter, 
lufttrockener  Euxenit  wurde  in  einer  Platinschale  mit  der 
sechsfachen  Menge  entwässerten  Natrinmdisulfats  unter 
ständigem  Rühren  bis  zum  klaren  ruhigen  Flul's  —  was 
eine  halbe  bis  dreiviertel  Stunde  in  Anspruch  nahm  — 


4 


wiedergeben.) 
3  Exposit.  6  Tage. 

Fig.  4. 

geschmolzen  Die  erkaltete  Schmelze  wurde  in  kaltem 
Wasser  aufgenommen,  mit  10  ecm  konzentrierter  Schwefel- 
säure versetzt  und  in  einem  grofsen  Kolben  mit  Wasser 
auf  2  —  21/2  1  verdünnt,  worauf  ohne  vorherige  Filtration  am 
Rückflufskühler  8  —  10  Stunden  auf  Siedetemperatur  erhitzt 
wurde. 

Nach  dem  Absetzen  des  Niederschlages  durfte  Wasser- 
stoftsuperoxyd  keine  Gelbfärbung  der  Flüssigkeit  mehr  hervor- 
rufen, widrigenfalls  unter  weiterer  Verdünnung  noch  längere 
Zeit  zur  vollständigen  Abscheidung  des  Titans  gekocht 


6 


Hans  I>ange, 


wurde.  Der  Niederschlag  wurde  an  der  Saugpumpe  abfiltriert, 
mehreremals  mit  kaltem  Wasser  gewaschen  und  noch  feucht 
mit  einer  vorher  bereiteten  Mischung  von  Kalilauge  und 
Mannitlösung  auf  dem  Filter  gelöst,  i)  Bei  gutem  Aufschluls 
ging  alles,  die  Metallsäuren  und  Bleisulfat,  in  Lösung, 
worauf  zur  Abscheidung  des  Bleies  tropfenweise  mit  farblosem 
Schwefelammonium  versetzt  wurde.  Das  Sulfid  liefs  sich 
durch  vorsichtiges  Erhitzen  in  der  Platinschale  mit  kon- 
zentrierter Salpetersäure  zersetzen  und  alsdann  elektrolytisch 
bestimmen.  Zur  Trennung  der  Metallsäuren  versetzte  man 
das  Filtrat  vom  Blei  mit  der  der  angewandten  Kalilauge 
doppelt  äquivalenten  Menge  Schwefelsäure  und  liefs  über 
Nacht  stehen;  während  nur  Niob  und  Tantal  sich  abschieden, 
blieb  Titan  in  Lösung,  das  nach  dem  Filtrieren  durch 
kochendes  Ammoniak  ausgefällt  werden  konnte. 

Nach  diesem  Verfahren  ist  die  Scheidung  des  Niobs 
vom  Titan  eine  sehr  vollkommene.  Sie  übertrifft  an 
Genauigkeit  die  seit  Marignacs^)  Untersuchungen  über  die 
Scheidung  der  Metallsäuren  im  Euxenit  üblich  gewordene 
Trennungsmethode  mittels  der  Kalium -Doppelfluoride,  eine 
„methode  imparfaite",  wie  sie  Marignac  selber  bezeichnet, 
und  vermeidet  überdies  das  lästige  Arbeiten  mit  Flufssäure. 

Nachdem  nun  das  zuerst  erhaltene  Filtrat  von  den 
Metallsäuren,  das  alle  übrigen  Bestandteile  des  Minerals 
gelöst  enthielt,  durch  Einleiten  von  Schwefelwasserstoff  vom 
Zinn  befreit  und  durch  Abdampfen  der  zur  Abscheidung 
des  Titans  erforderlichen  Mengen  Wassers  bedeutend  ein- 
geengt war,  wurde  zunächst  eine  Trennung  so  vorgenommen, 
dafs  durch  Versetzen  mit  Chlorammonium  und  kohlensäure- 
freiem Ammoniak  im  Überschufs  alles  aufser  Calcium  und 
Magnesium  ausfiel.  Im  Filtrat  konnten  dann  diese  beiden 
Elemente  leicht  nebeneinander  bestimmt  werden.  Zur  Ab- 
scheidung der  seltenen  Erden  wurden  die  Hydroxyde  mit 
2  prozentiger  Salzsäure  gelöst,  und  die  siedendheifse  Lösung 

1)  0.  Hauser,  Zeitschrift  für  anorg.  Chemie  60,233  (1908).  Es 
wurde  eine  Mischung  von  250  ccm  25  prozentiger  Kalilauge  und  50  ccm 
10  prozentiger  Mannitlösung  angewandt. 

■■^)  Marignac,  Recherches  sur  les  combinaisons  du  Niobium. 
Ann.  Chim.  Phys.  4.  8,71  (1866). 


Die  Zusammensetzung  heliumführender  Mineralien.  7 

mit  soviel  kocbender  Oxalsäure  und  deren  halben  Gewiehts- 
teil  Ammonoxalat  versetzt,  dafs  die  überstehende  Lösung 
zirka  1  Mol.  Oxalsäure  im  Liter  enthielt.  Nach  24  stündigem 
Stehen  wurde  filtriert  und  im  Filtrate  nach  dem  Zerstören 
der  Oxalsäure  das  Thorium  durch  Natriumthiosulfat  vom 
Uran  und  Eisen  geschieden. 

Die  Bestimmung  der  Alkalien  geschah  in  einer  beson- 
deren Probe  durch  Zersetzung  des  Minerals  mit  Flul'ssäure. 
Die  Ermittelung  des  Wasser-  und  Kohlensäuregehaltes  ge- 
schah nach  den  Methoden  der  organischen  Chemie  im  Ver- 
brennungsrohr; ebenso  die  des  gesamten  Stickstoff-  und 
Heliumgehaltes.  Die  getrennte  Bestimmung  dieser  beiden 
Gase  wird  weiter  unten  beschrieben. 

Euxenit  (Sätersdal). 


Angewandt:  4,9822  g. 


Gefunden  in  g 

0/ 
10 

Quotientzahlen 

1,0371 

20,81 

(mit  2%  TOiOi) 

0,0777 

1,5473 

Ti(h 

31,05 

TiO., 

0,3877 

\ 
i 

0,0068 

SnO; 

0,13 

SnO-i 

0,0009 

0,3886 

Spur 

ZrOi 

Spur 

0,1654 

ThOi 

3,32 

ThO.2 

0,0125 

0,3081 

W\ 

5,95 

ü<h 

0,0220 

\ 

0,0345 

0,1255 

2,52 

iLaCeDi)i03 

0,0075 

0,0748 

1,2294 

24,68 

(YEr)203 

0,0673 

\ 

0,2652 

Fe.20, 

4,79 

FeO 

0,0666 

0,0279 

CaO 

0,56 

CaO 

0,0099 

0,0055 

0,04 

MgO 

0,0009 

0,0342 

FbO., 

0,64 

PbO 

0,0029 

' 

0,0817 

3,5489  g  Euxenit  lieferten : 
0,0085  K^SOi  0,13  K^O  0,0014 

2,4965  g  Euxenit  verloren  beim  Glühen : 

0,0996  iZaO  3,99  H^O 

0,0020  CO2  0,08  CO2 

0,0015  N-i  +  He  0,06  Ni  +  He 

Summe  98,75 

Das  Aquivalentgewicht  der  Ceriterden  wurde  —  nach 
der  synthetischen  Sulfatmethode  —  zu  143,  das  der  Ytter- 


8 


Hans  Lange, 


erden  zu  159,4,  also  ziemlich  hoch  gefunden.  Das  Abrauchen 
des  angefeuchteten  Oxyds  mit  Schwefelsäure  geschah  in 
einem  Asbestkasten,  der  auf  einem  Verbrennungsofen  stand. 
Durch  den  Kasten  ging  ein  weites  Glasrohr,  in  dem  sich 
das  Platingefiifs  befand,  und  durch  das  trockene  Luft  ge- 
leitet wurde.  Die  Temperatur  wurde  5  Stunden  lang  auf 
500"  konstant  gehalten. 

Die  Analyse  kann  in  folgender  Weise  berechnet  werden: 


B,03 

0,0521 

0,1 56i{ 

\\\ 

0,20*^4 

0,0227 

Nb,0, 

0,0681 

0,0<I08 

0,0;{4.5 

TiO., 

0,0690 

{UTh)[TiO,], 

0,1035 

{RRz)0 

0,0721 

TiO., 

0,1442 

{Rk)[TiO,] 

0,2103 

iRR2)0 

0,0096 

0,0096 

iRk)[^'bo,l 

0,0192 

Die  Berechnung  zeigt  einen  Rest  von  0,0191  entsprechend 
1,53 "/o  ungesättigter  Titansäure,  wonach  man  einen  ent- 
sprechenden Teil  Wasser  als  wesentlich  auffassen  könnte.  — 

In  diesem  Euxenit  verhalten  sich: 
(TaiV&)o05:(m'»i)02  =  0,0777:0,3886  oder  genau  wie  1  zu  5. 

Somit  wird  auch  hier  die  Ansicht  W.  C.  Broeggers 
unterstützt,  dafs  das  Verhältnis  der  ilijO-, -Verbindungen  zu 
den  1^0-2 -Oxyden  immer  ein  stöchiometrisches  ist. 

Im  vorliegenden  Euxenit  herrschen  also  die  Titanate 
beträchtlich  vor. 


*)  Broegger  1.  c. 


Die  Zusaniniciisctzmig  heliuraführender  MineralicTi.  9 

Broegger  betrachtet  Euxenit  und  Polykras  als  die  End- 
glieder einer  homoiomorphen  Reihe,  in  der  das  Verhältnis 
M-iO--, :  TiO-i  in  den  einzelnen  Gliedern  zwischen  1 :2  und  1 :6 
variieren  kann. 

Die  Stellung  des  Euxenits  von  Sätersdal  wird  ersichtlich 
aus  folgender  Znsammenstellung  einiger  Analysen: 


Euxenit.  Polykras. 


(Alve) 

(Sätersdal) 

(Hitteroe)  (Henderson  Co.) 

Ilidden, 

Blüinstrand 

^'e^f. 

Karamelsberg 

Macintosh 

27,64 
1,27  } 

20,81 

22,75 
'  1 
2,00  1 

19,48 

SiO., 

0,17 

TiO., 

2.5,68 

31,05 

27,84 

29,3 1 

SnO-, 

0,18 

0,13 

ZrO., 

Spur 

Spur 

— 

— 

ThO-i 

3,58 

3,32 

fJO, 

5,83 

5,95 

6,66 

13,77 

(CeLaDihOi 
(YEr),Os 

2,20 
27,73 

2,52 
24,68 

2,78  , 
31,65  1 

27,55 

FeO 

1,13 

4,79 

1,58 

2,87 

MnO 

0,16 

MgO 

0,06 

0,04 

CaO 

1,08 

0,56 

PbO 

0,63 

0,64 

NchO 

0,18 

KiO 

0,09 

0,13 

H^O 

2,55 

3,99 

0,08 

3,51  j 

5,18 

+  He 

0,06 

Summe 

100,16 

98,75 

98,77 

98,16 

:  TiO.2  = 

=  1:3 

1:5 

1:4 

1  :  5 

Nach  dem  Verhältnis  M.iO-,:Ti0.i  =  \:h  steht  das 
Mineral  daher  näher  dem  Polykras,  seiner  übrigen  chemischen 
Zusammensetzung  wie  seiner  äul'seren  physikalischen  Eigen- 
schaften nach  mufs  es  durchaus  als  Euxenit  bezeichnet 
werden.  So  spricht  dafür  vor  allem  die  dicke  prismatische 
Ausbildung  der  mit  der  charakteristischen  Oxydationshaut 
überzogenen  Kristalle. 


10 


Hans  Lange, 


Weiterhin  ist  dieser  Euxenit  beaebtenswert  hiusichtlich 
der  ZusammensetzuDj?  der  seltenen  Erden.  Scbon  das  bohe 
Aquivalentgewicht  159,4  der  Yttererden  zeigt  den  über- 
wiegenden Gebalt  an  Erbinerdeu.  Die  rosenrot  gefärbten 
Nitrate  Helsen  im  Spektroskop  überaus  stark  die  für  die 
Erbinerden  cbarakteristischen  Absorptionsstreifen  erkennen. 
Relativ  reicblicb  ist  neben  dem  Erbium  das  Dysprosium 
vertreten.  Das  Verhältnis  der  bunten  Erden  (Er  und  seine 
Komponenten)  zu  den  farblosen  (Y,  Sc)  ist  annähernd  2:1; 
es  bildet  somit  dieser  Euxenit  ein  selten  günstiges  Aus- 
gangsmaterial zur  Gewinnung  der  Erbinkomponenten.  In 
grofsem  Mafsstabe  werden  Arbeiten  hierüber  von  anderer 
Seite  in  diesem  Laboratorium  i)  bereits  ausgeführt. 

Der  Wassergehalt  des  Minerals  war  durchaus  nicht 
konstant,  er  schwankte  bei  mehreren  Analysen  zwischen 
3,48 o/o  und  5,30o/j,  woraus  hervorgeht,  dafs  das  Wasser 
wohl  zum  gröfsten  Teil  erst  seeundär  aufgenommen  ist. 

Zum  qualitativen  Nachweis  der  in  dem  Mineral  okklü- 
dierten  Gase  eignete  sieh  vorzüglich  die  Anordnung  der 
Apparatur  nach  Erdmann,-)  jedoch  zeigte  sieh,  dafs  der 
Euxenit  beim  Erhitzen  auf  Dunkelrotglut  für  sich  allein 
im  Vakuum  schon  seinen  ganzen  Heliumgehalt  abgab. 
Jedenfalls  lieferte  so  erhitzter  Euxenit  beim  nochmaligen 
Schmelzen  mit  Kaliumdiehromat  so  minimale  Mengen  Gas, 
dafs  beim  Durchleiten  des  Stromes  durch  das  Plückerrohr 
kaum  die  Linien  des  Heliums  im  Spektroskop  sichtbar 
wurden. 

Um  möglichst  reine  Heliumspektren  zu  bekommen,  war 
es  nötig,  das  sich  zuerst  entwickelnde  Gas,  das  neben  den 
Heliumlinien  auch  die  Stickstoff  banden  zeigte,  abzupumpen.  3) 
Erst  nach  weiterem  höheren  Erhitzen  erschien  das  Helium- 
spektrum rein,  worauf  die  Plückerröbren  abgesehmolzen 
wurden.     Eine  quantitative  sukzessive  Abscheidung  und 


1)  0.  Hauser  und  F.  Wirth. 

")  Erdmann,  Lehrbuch  der  anorganischen  Chemie.  .S.Auflage 
(1962),  S.  212—213.    4.  Auflage  (1906),  S.  224—226. 

^)  F.  Bordas,  Nachweis  von  Helium  in  uranhaltigen  Erzen.  Cr. 
(1908),  17,896. 


Die  Zusammensetzung  heliumführender  Mineralien.  11 


Trennung  des  Stickstoffs  und  Heliums  durch  Erhitzen  auf 
verschiedene  Temperaturen  war  nicht  möglich;  immer  zeigte 
der  zuerst  entweichende  Stickstoff  sich  schon  vermischt  mit 
Helium,  das  durch  das  Aufleuchten  der  hellen  gelben  Linie 
D-i  587,6  leicht  erkannt  werden  konnte.  Linien  anderer 
Edelgase,  des  Argons  oder  Neons,  waren  nicht  nachzuweisen. 
Die  Plückerröhren,  die  ein  gelbes  in  rosa  übergehendes 
Licht  ausstrahlten,  gaben  nur  das  glänzende  Linienspektrum 
des  Heliums  und  zwar  die  Linien  der  Wellenlängen  in  m 


Um  nun  quantitativ  festzustellen,  wieviel  ccm  Stickstoff 
und  wieviel  Helium  eine  bestimmte  Menge  Euxenit  ent- 
wickelt, schien  folgende  indirekte  Methode  am  geeignetsten, 
die  bei  einfacher  Ausführung  brauchbare  Resultate  lieferte. 
Bei  den  angewandten  kleinen  Gewichtsmengen  war  es  nicht 
erforderlich  im  Vakuum  zu  arbeiten,  sofern  man  nur  lange 
genug  auf  entsprechend  hohe  Temperatur  erhitzte. 

In  einem  kurzen  Verbrennungsrohr,  durch  das  trockene 
Luft  geleitet  wurde,  und  dem  ein  gewogenes  Chlorkalcium- 
rohr  und  ein  ebenso  gewogener  Kaliapparat  vorgelegt  war, 
wurde  in  einem  Platinschiffchen  eine  gewogene  Menge  Euxenit 
bis  zur  hellleuchtenden  Rotglut  erhitzt.  Die  Wasser-  und 
Gasabgabe  geschah  ruhig,  ohne  Verstäuben  des  Materials, 
und  war  nach  einer  halben  Stunde  vollendet.  Nach  dem 
Erkalten  wurde  einerseits  das  Schiffchen  mit  dem  geglühten 
Euxenit  im  Wägegläschen  zurückgewogen,  andererseits  die 
Gewichtszunahme  des  Chlorkalciumrohres  und  des  Kali- 
apparates bestimmt.  Die  Differenz  aus  dem  Gesamtglühver- 
lust und  dem  Gewichte  des  Wassers  und  des  Koblendioxydes 
ergab  das  Gewicht  des  entwichenen  Stickstoffs  und  Heliums. 

Um  das  Volumen  der  entwichenen  Gasmengen  zu  messen, 
wurde  eine  zweite  gepulverte  und  gewogene  Menge  von 


indigoblau  . 


gelb 
grün 
blau 


rot 


f  706,5 
1 667,8 
587,6 
f  501,6 
\  492,2 
471,3 
447,1. 


12 


Hans  Lange, 


demselben  Stück  Euxenit  —  was  von  Wichtigkeit,  da 
verschiedene  Stücke  nicht  immer  denselben  Glühverlust 
zeig:ten,  —  in  einem  anderen,  hinten  zugeschmolzenen 
Verbrennungsrohr  erhitzt,  aus  dem  die  Luft  wie  bei  der 
organischen  Analyse  zunächst  beim  Erhitzen  der  eingelegten 
Magnesitschicht  durch  die  entweichende  Kohlensäure  voll- 
ständig verdrängt  werden  konnte.  Sammelten  sich  in  dem 
Eudiometer  Uber  der  Kalilauge  keine  bleibenden  Gasmengen 
an,  wurde  der  Euxenit  auf  helle  Rotglut  erhitzt  und  nach 
vollendeter  Gasentwicklung  wieder  solange  der  Magnesit 
erhitzt,  bis  aller  Stickstoff  und  alles  Helium  durch  Kohlen- 
säure verdrängt  sich  in  dem  Eudiometer  befand.  Etwa 
vorhandener  Sauerstoff  und  Wasserstoff"  wurde  durch  eine 
Kupferspirale,  bezw.  glühendes  Kupferoxyd  zurückgehalten. 

Die  Berechnung  gestaltet  sich  dann  folgendermafsen: 

Bezeichnet 

a  das  Gewicht  des  entwichenen  Gases, 
V  das  Volumen  desselben, 

g  und  gf|  das  Gewicht  des  entwichenen  Stickstoffs 
bezw.  Heliums, 

so  ist  g{N.i)  +  g^{He)  =  a 

oder  vs  +  f  i^i  =a 

und  da  v  =  V —  Vi 

{V —  Vi)'S  +  ViSi  =  a 

(Vs)  —  a 

woraus  v,  =  -  

s  —  5i 

es  ist 

s  =  spezifisches  Gewicht  von  N-i  bezogen  auf  i/2  0  =  0,00125 
5,=        „  „       „  He      „       „       0  =  0,000 18 

2,4965  g  Euxenit  verloren  beim  Glühen: 

0,1031  öf  =4,130/0 
davon  0,0996  gH^O  =3,99% 

0,0020  «^C'Oj  =0,08  0/0 
also  der  Rest     0,0015  gN^  +  He  =  0,06  0/0. 


Die  Zusammensetzung  heliumfiihrender  Mineralien.  13 

2,4032  g-  Euxenit  lieferten  4,50  ccm  Gas  (0"  C.  760  mm), 
also  1  g  entwickelt  1,873  cem  N-,  +  lle. 

Daraus  folgt 

187,3-0,00125  —  0,06 
0,00125  —  0,00018 
Vi  =  162,7  ccm  He 
und  V  =  24,6  ccm  N-i. 

Es  entwickelt  also  1  g  Euxenit 
1,627  ccm  He 
und  0,246  cem  Ki. 

Vergleichende  Übersicht. 
Es  entwickelt  1  g 


13,5  ccm 

He 

(Hillebrand) 

Cleve'it  (Norwegen)  . 

6,1  „ 

11 

Broeggerit  .... 

1,8  „ 

11 

Euxenit  (Sätersdal)  . 

1,63  „ 

11 

(Verf.) 

Fergusonit  | 

1,5  „ 

(K.  I.  Stkutt) 

Samarskit  i 

11 

1,3  „ 

11 

0,81  „ 

11 

(R.  I.  Strutt) 

» 

0,73  „ 

11 

(R.  I.  Strutt) 

Zr- haltige  Pechblende  (Kolo- 

rado)   

0,270- 

-0,3  „ 

11 

Flufsspat  (Grönland)  . 

.  0,024- 

-0,027,, 

11 

(I.  Thomsen). 

Ramsay  und  Soddyi)  haben  festgestellt,  dafs  Radium- 
präparate ständig  mefsbare  Mengen  Helium  entwickeln,  und 
den  Schlufs  daraus  gezogen,  dal's  auch  das  Helium  in 
Mineralien,  wie  es  bereits  Rutherpord  und  Soüdy^)  ver- 
muteten, durch  Umwandlungen  radioaktiver  Substanzen  ent- 
standen ist. 

Es  soll  daher  auch  eine  gewifse  Proportionalität  zwischen 
Uran-  und  Heliumgehalt  bei  den  Mineralien  bestehen,  was 

1)  Natura  lü  July  190»,  p.  246  und  Proc.  Roy.  Soc.  72,  204  (1903). 
73,346  (1904). 

2)  Phil.  Mag.  Ü.  4,  5S1  (1902). 


14 


Hans  Lange, 


schon  HiLT.EBRAND  1)  bei  genauen  Analysen  mehrerer  uran- 
haltiger Erze  aufgefallen  war.  Wahrscheinlich  wird  das 
Gas  im  Innern  der  aktiven  Erze  nur  mechanisch  festgehalten; 
dafs  man  es  durch  Erhitzen  austreiben  kann,  erklärt  sich 
dadurch,  dafs  die  Mineralien  bei  hoher  Temperatur  für 
Helium  durchlässig  werden.  Da  nun  das  Helium  nur  ent- 
weicht, wenn  das  Mineral  stark  erhitzt  oder  aufgelöst  wird, 
bleibt  wohl  nahezu  alles  gebildete  Helium  im  Mineral 
stecken.'^)  Man  hat  daher  —  für  primäre,  kompakte 
Mineralien  —  auf  Grund  der  neuesten  Forschungen  die 
Möglichkeit,  einen  Minimalwert  für  die  Zeit  zu  berechnen, 
seit  der  sich  das  Mineral  gebildet  bezw.  soweit  abgekühlt 
hat,  dafs  kein  Helium  mehr  von  selbst  entweichen  konnte. 
Der  Euxenit  von  Sätersdal  enthält  5,95  «/o  UO2  oder  5,25  "/o  U 
und  gibt  pro  Gramm  1,63  ccm  Helium  ab.  Nach  Ruther- 
ford und  SoDDY^)  befinden  sich  in  radioaktiven  Mineralien 
von  hohem  Alter  5,8«  10-'  Gewichtseinheiten  Ra  pro  Gewichts- 
einheit Uran.  In  einem  Gramm  Euxenit  also  2,2  •  10~^  gRa. 
Nach  Ramsay  und  Soddy  ')  produziert  1  g  Radium  pro  Jahr 
0,24  ccm  Helium,  1  g  Euxenit  also  pro  Jahr  0,53 -lO'^  ccm  He. 
Da  aber  von  derselben  Gewichtsmenge  jetzt  1,63  ccm  He 
erzeugt  werden,  war  also  ein  Zeitraum  von 

1,63 
0,53-10-8 

oder  zirka  300  Millionen  Jahren  nötig.  Einen  Wert  der- 
selben Gröfsenordnung  liefert  ein  Fergusonit,  der  nach 
Ramsay  und  Travers^)  70/0  Uran  enthält  und  1,81  ccm  He 
pro  Gramm  abgibt. 

Zur  Gewinnung  des  Heliums  aus  Mineralien  sind  ver- 
schiedene Methoden  vorgeschlagen  worden. 


1)  Sill.  Am.  Journ.  of  Sciences  40,384  (1890).    42,390  (1892). 

^)  Ganz  neuerdings  hat  R.  I.  Strutt  (Proc.  Roy.  Soc.  21.  1.  1909) 
festgestellt,  dafs  einige  Mineralien,  so  der  Monazit,  Thorianit  und 
Fergusonit,  schon  bei  gewöhnlicher  Temperatur  merkliche  Mengen 
Helium  verlieren,  wenn  sie  zu  feinem  Pulver  gemahlen  werden. 

3)  Rutherford,  Die  Radioaktivität  (deutsch  von  Aschkinafs), 
S.  477.    Berlin  1907. 

")  Ebenda  S.  495. 

5)  Zeitschr.  f  phys.  Chem.  25,508  (1898). 


Die  Zitsainmensetzung  heliumführender  Mineralien.  15 


fliLi.KHKANi)')  koehte  das  feingepulverte  Mineral  mit 
verdünnter  Schwefelsäure.  Langlet-)  erhitzte  eine  Mischung- 
von  Cleveit  und  Kaliumpyrosulfat  im  Kohlendioxydstrom  im 
Verbrennungsrohr  und  fing  das  Gas,  nachdem  er  es  Uber 
glühendes  Kupferoxyd  geleitet  hatte,  Uber  Kalilauge  auf 
Diese  Methoden  sind  aber  nicht  geeignet  für  die  Verar- 
beitung gröfserer  Mengen  eines  Minerals.  Ramsay^)  schlug 
vor,  das  Mineral  im  Vakuum  in  einem  Rohr  von  schwer 
schmelzbarem  Glase  zu  erhitzen,  wobei  allerdings  nicht 
jedes  Mineral  seinen  ganzen  Heliumgehalt  abgibt.  Uber 
die  Anordnung  der  Apparatur  zur  Gewinnung  im  Grofsen 
finden  sich  aber  nirgends  nähere  Angaben,  auch  nicht  bei 
Ramsay. 

Für  den  vorliegenden  Fall  wurde  daher  ein  besonderer 
Apparat  konstruiert,  dessen  Anordnung  und  Arbeitsweise 
durch  die  schematische  Skizze  in  Fig.  5  veranschaulicht  wird. 

Vor  Beginn  der  Operation  wurde  der  mit  einem  dreifach 
durchbohrten  Gummistopfen  absolut  luftdicht  abgeschlossene 
Gassammelbehälter  G  durch  Heben  des  mit  ihm  in  heber- 
artiger Verbindung  stehenden  Wasserbehälters  W  ganz  mit 
destilliertem  Wasser  gefüllt,  bis  dieses  an  die  Hähne  Hi 
und  H.2  gelangte,  worauf  letztere  geschlossen  wurden.  Der 
Wasserbehälter  W  wurde  dann  wieder  in  die  Stellung  Sl 
gebracht.  Mit  dem  Behälter  G  stand  nun  die  als  Ent- 
wicklungsgefäfs  dienende  250  ccm  fassende,  innen  glasierte, 
aufsen  mit  Lehm  beschlagene  Porzellanretorte  R  in  Ver- 
bindung, die  mit  Asbestplatten  bedeckt,  auf  helle  Rotglut 
erhitzt  werden  konnte.  Mittels  eines  weiten  Trichterrohres 
war  sie  mit  200  g  feingepulvertem,  durch  Trocknen  bei  105" 
von  Wasser  zum  gröfsten  Teil  befreitem  Euxenit  beschickt 
und  mit  der  Vorlage  V  verbunden  worden.  Nunmehr  brachte 
man  den  Dreiwegehahn  Di  in  die  Stellung  I  und  evakuierte 
mittels  einer  Quecksilberluftpumpe  (System  Neesen)  den 
Apparat  vollständig  bis  zum  Hahn  jEf,,  wodurch  das  Queck- 
silber in  der  kleinen  Hilfspumpe  Hg  bis  in  die  Kugel  K 


')  Sill.  Am.  Journ.  of  Sciences  3.  40,384  (1890). 
2)  Zeitschr.  f.  anorg.  Chem.  10,289  (1895). 
=<)  Ann.  Chim.  Pbys.  7.  13,449  (1898). 


16 


Hans  Lange, 


stieg-.  Darauf  wurde  durch  Drehen  von  Z>,  in  die  Stellung  II 
die  Verbindung  mit  der  Pumpe  abgeschlossen  und  nur  die 
mit  llij  und  dem  Behälter  G  aufrecht  erhalten.  Bei  nun- 
mehrigem Erhitzen  der  Retorte  destillierten  zunächst  noch 
geringe  Mengen  Wasser  in  die  Vorlage  V  über,  daneben 
organische  Verbindungen,  deren  Anwesenheit  dadurch  zu 
erklären  ist,  dafs  das  Material  beim  Mahlen  im  Fabrikbetriebe 
stets  durch  Schmieröl,  Gewebefasern  vom  Sieben  usw.  ver- 
unreinigt wird. 

Trat  beim  höheren  Erhitzen  der  Retorte  nun  die  Helium- 
entwieklung  ein,  was  sich  durch  schnelles  Fallen  des  Queck- 
silbers in  der  Kugel  K  bemerkbar  machte,  so  wurde  mittels 
dieser  kleinen  Pumpe  Hg  das  entwickelte  Gas  ständig  in 
den  Sammelbehälter  G  hinübergepumpt  durch  abwechselndes 
Stellen  von  Z>]  in  die  Stellung  II  und  III  und  entsprechendes 
Offnen  und  Schlielsen  des  Hahnes  jffi,  wobei  jedesmal  eine 
entsprechende  Menge  Wasser  aus  G  in  die  Flasche  W 
abflofs.  In  der  Retorte  herrschte  also  stets  Unterdruck, 
was  für  die  vollständige  Gasabgabe  von  groi'ser  Wichtigkeit 
war.  Nach  einer  Stunde  seit  Eintritt  der  Rotglut  war 
alles  Gas  ausgetrieben,  und  in  der  Retorte  war  wieder  das 
ursprüngliche  Vakuum.  Im  Behälter  G  befanden  sich  zirka 
460  ccm  Gas.  Durch  Abbrechen  der  Spitze  a  einer  durch 
einen  Gummistopfen  in  die  Vorlage  V  führenden  engen 
Glasröhre  wurde  Luft  in  die  Retorte  gelassen,  nach  völligem 
Erkalten  die  Retorte  entleert  und  gleich  wieder  mit  neuem 
Material  beschickt.  Die  Spitze  bei  a  wurde  wieder  zu- 
geschmolzen, die  Retorte  mit  der  Vorlage  verbunden,  der 
Dreiwegehahn  X>, ,  der  zuletzt  die  Stellung  III  innehatte, 
in  die  Stellung  I  gebracht.  Nach  dem  Evakuieren  wieder- 
holte sich  dann  die  Operation  wie  eingangs  beschrieben. 

Auf  diese  Weise  konnte  eine  grofse  Menge  Materials 
mit  quantitativer  Ausbeute  an  Rohgas  verarbeitet  werden. 
Das  erhaltene  Gas  enthielt  natürlich  neben  Helium  noch 
viele  Verunreinigungen,  so  vor  allem  Stickstoff,  Kohlensäure, 
Wasserdampf  und  Kohlenwasserstoffe. 

Zwecks  Reinigung  dieses  Rohgases  waren  daher  eine 
Reihe  Absorptiousapparate  mit  dem  Gasbehälter  G  verbunden 
worden,  die  schliefslich  durch  den  Dreiwegehahn  B-i  mit 


18 


Hans  Lange, 


der  zur  Aufbewabrimg  des  Heliums  bestimmten  Glasröhre  E 
(Form  uach  Kamsay')  iu  Verbindung  standen.  D.>  wurde 
zunächst  in  die  Stellung  I  gebracht,  darauf  das  Quecksilber- 
gefäJ's  F  gehoben,  wodurch  die  Luft  aus  E  durch  das 
Quecksilber  bis  zum  Hahn  D-i  verdrängt  wurde,  und  dann 
D-i  in  die  Stellung  IV  gebracht.  Nun  trat  wieder  die  Pumpe 
in  Tätigkeit.  D,  befand  sich  dabei  in  Stellung  IV,  Hahn  if, 
war  geschlossen.  Die  Pumpe  saugte  dann  alle  Luft  aus 
den  Absorptionsapparaten  bis  zum  Hahn  H,  und  auf  der 
anderen  Seite  bis  ab.  worauf  durch  Hahn  die  Ver- 
bindung mit  der  Pumpe  abgesperrt  wurde.  Den  Wasser- 
behälter W  setzte  man  wenig  erhöht  in  die  Stellung  S  II 
und  liefs  nun  durch  vorsichtiges  Einstellen  der  Hähne  H-^ 
und  Hi  einen  langsamen  Gasstrom  in  die  Absorptionsapparate 
treten.  Das  Wasser,  welches  sich  noch  von  der  ersten 
Füllung  des  Gasbehälters  G  her  in  der  Glasröhre  bis  zum 
Hahn  U-i  befand.  Hofs  in  die  kleine  Kugel  ab.  In  A 
wurde  der  Gasstrom  durch  Phosphorpentoxyd  und  Natron- 
kalk von  Wasser  und  Kohlensäure  befreit,  in  B  wurden 
die  Kohlenwasserstotfe  durch  glühendes  Kupferoxyd  ver- 
brannt, das  entstandene  Wasser  und  die  Kohlensäure  in  C 
wieder  durch  Phosphorpentoxyd  und  Natronkalk  absorbiert, 
und  iu  D  schliefslich  durch  erhitztes  metallisches  Calcium 
der  Stickstoff  und  etwa  vorhandener  Sauerstoff"  zurückgehalten. 
Da  das  Gas  infolge  des  Vakuums  zu  schnell  zunächst  durch 
die  Absorptionsapparate  ging,  war  es  bei  seinem  Austritt 
nicht  rein  und  wurde  daher  wieder  mittels  der  Pumpe  Hg 
—  Dl  und  B-i  standen  in  Stellung  IV  —  iu  den  Behälter 
zurückgepumpt.  Zeigte  das  in  eine  au  die  Hauptpumpe 
angeschmolzene  Spektalröbre  alsbald  eingelassene  Gas 
(durch  Offnen  des  Hahnes  Äj)  ein  reines  Heliumspektrum, 
dann  wurde  Di  in  die  Stellung  V  gebracht,  und  das  Queck- 
silbergefäfs  F  allmählich  gesenkt,  sodafs  das  Quecksilber 
in  E  und  F  stets  in  gleicher  Höhe  stand.  Die  Köhre  E 
füllte  sich  nun  ganz  mit  Helium  und  wurde,  wenn  das 


1)  Ramsay,  L'belium.    Ann.  Chiiu.  Phys.  7.  13, -151  (1898). 
^)  F.  Soddy,  Calcium  als  Absorptionsmittel  für  Gase.  Proc.  Roy. 
Soc.  London  78  A,  429— 458  (1907). 


Die  Ziisauiinensetzung  helininführender  Mineralion. 


19 


Quecksilber  bis  in  den  verengten  Teil  gefallen  war,  an 
beiden  Enden  abgesclimolzen;  Z>.,  hatte  dabei  die  Stellung 
III  inne.  Sollte  nun  eine  neue  Röhre  gefüllt  werden,  wurde 
sie  an  die  Leitung  angeschmolzen,  und  mit  dem  Schlauch 
des  Quecksilbergefäfses  F  verbunden.  Dann  liefs  man  Do 
die  Stellung  II  einnehmen,  worauf  das  Quecksilber  infolge 
des  in  der  Leitung  befindlichen  Vakuums  in  E  stieg  und 
die  Luft  aus  der  Röhre  verdrängte.  Gelangte  das  Queck- 
silber an  B-i,  so  drehte  man  den  Hahn  in  die  Stellung  V, 
worauf  infolge  des  Überdruckes  iu  den  Absorptionsapparaten 
das  Quecksilber  sofort  wieder  fiel,  und  somit  sich  die  Röhre 
von  neuem  mit  Helium  zu  füllen  begann. 

Die  Anlage  gestattet,  auf  einfache  Weise  nach  Belieben 
das  Rohgas  zu  gewinnen  oder  reines  Helium  zu  entnehmen. 

Bei  vorsichtiger  Behandlung  ist  die  Porzellauretorte 
unbegrenzt  haltbar,  nach  fünf-  bis  sechsmaligem  Erhitzen 
mul's  sie  von  neuem  beschlagen  werden.  Gasverluste  durch 
Springen  der  Retorte  u.  a.  sind  nicht  zu  befürchten. 

Anders  bei  der  Reinigung  des  Gases.  Vor  allem  mufs 
Sorgfalt  auf  den  Abschlufs  der  atmosphärischen  Luft  gelegt 
werden.  Deshalb  wurden  die  einzelnen  Teile  möglichst 
aneinander  geschmolzen.  Wo  Sehlauchverbindungen  nötig 
waren,  wurde  der  Vakuumschlauch,  soweit  er  auf  dem  Glase 
aufsafs,  mit  Gummifäden  umwickelt. 

Aufserste  Vorsicht  erfordert  das  Durchleiten  des  Roh- 
gases durch  die  Absorptionsapparate,  besonders  die  Be- 
handlung des  mit  Calcium  gefüllten  Rohres  D.  Da  Calcium 
in  Stickstoff  äufserst  lebhaft  verbrennt,  springt  das  schwer 
schmelzbare  Rohr  leicht  beim  zu  schnellen  Überleiten  des 
Gases,  wodurch  man  natürlich  grofse  Gasverluste  erleidet. 
Man  darf  den  Wasserbehälter  W  nur  wenig  höher  als  den 
Gasbehälter  G  stellen,  damit  das  Gas  mit  einem  möglichst 
geringen  Druck  durch  die  Absorptionsapparate  gleitet, 
andererseits  auch  der  Überdruck  in  den  Apparaten  bei 
Totstellung  des  Hahnes  Di  nicht  zu  grofs  wird. 

Da  Helium  in  Wasser  löslich  ist,i)  sättigt  sich  das 


Estreicher,  Zeitschr.  f.  Phys.  Chem.  31,176.    Ein  Vohimen 
U^O  absorbiert  bei  76U  mm  und  20»  0,01386  Vol.  Helium. 

2* 


2Ö 


Hans  Langk, 


Wasser  im  Sammelbehälter  G  allmählicli  mit  dem  Gas, 
wodurch  sieh  allerdings  diese  Menge  —  die  aber  bei  der 
Darstellung  im  Grofsen  kaum  in  Betracht  kommt  —  der 
Gewinnung  entzieht.  Ein  weiteres  Entweichen  aber,  durch 
die  heberartige  Verbindung  mit  dem  Wasserbehälter  mög- 
liche Wiederabgabe  an  die  Luft,  trat  nicht  ein.  Jedenfalls 
konnte  selbst  nach  woehenlangem  Stehen  bei  offenem  Hahn 
i?4  eine  Volumenänderung  —  unter  Berücksichtigung  des 
Barometerstandes  —  im  Gassammelbehälter  nicht  konstatiert 
werden. 

Die  Ausbeute  an  reinem  Helium  richtet  sich  daher 
allein  nach  der  geschickten  Handhabung  des  Apparates. 
Nach  einiger  Erfahrung  bietet  indes  eine  quantitative  Ge- 
winnung nach  diesem  Verfahren  keine  bedeutenden  Schwierig- 
keiten. 

II.  Über  einen  roten  Flufsspat  aus  Grönland. 

Aus  den  Kryolithlagern  von  Ivigtut  am  Arksutfjord  in 
Süd-Grönland  beschrieb  I.  Thomsen  ')  einen  roten  Flufsspat, 
der  neben  Calciumfluorid  einige  Prozente  Fluoride  der  seltenen 
Erden  enthielt  —  also  eine  Art  Yttrocerit — ,  und  der  im 
gevulverten  Zustande  auf  den  schwachglühenden  Boden 
einer  Platinschale  gestreut,  plötzlich  durch  die  ganze  Masse 
mit  intensiv  goldfarbenem  Lichte  aufleuchtete  unter  gleich- 
zeitiger Entwicklung  von  Helium.  In  einer  späteren  Arbeit-) 
stellte  er  fest,  dafs  das  Mineral  neben  Wasserstoff,  Kohlen- 
oxyd, Kohlendioxyd  und  Kohlenwasserstoffen  0,024  bis 
0,027  ccm  Helium  pro  g  abgab,  gleichgültig,  ob  das  Gas 
durch  Erhitzen  des  Minerals  im  Vakuum,  durch  Schmelzen 
mit  Bisulfat  oder  durch  Behandeln  mit  Säuren  ausgetrieben 
wurde.  Andere  Flufsspate  verschiedenen  Herkommens,  die 
beim  Erhitzen  gleichfalls  Fluorescenzerscheinungen  zeigten, 
lieferten  wohl  erhebliche  Mengen  Gas,  aber  keine  Spur  von 


')  I.  Thomsen,  Über  Abtrennung  von  Helium  aus  einer  natür- 
lichen Verbindung  unter  starker  Licht-  und  Wärmeentwicklung.  Zeitschr. 
f.  phys.  Chem.  XXV.  1,112  (1898). 

")  Die  in  einigen  grönländischen  Mineralien  enthaltenen  Gase. 
Dansk.  vidensk.  Selsk.  Forhandl.  2,  53—57  (1904).    C.  B.  II,  147  (1904). 


Die  Ziisaiuinenselzung  heliuiufUhrender  Mineralien. 


21 


Helium.  TiiOMSEN  vermutet  daher,  dafs  die  Gegenwart  des 
Heliums  im  Flufsspat  von  der  der  seltenen  Erden  be- 
dingt wird. 

Sowohl  Becquekel')  als  Urbain  und  Scal")  haben  nun 
in  15  verschiedeneu  Flurss])aten  durch  die  Beobachtung  der 
Phosphorescenzspektra  die  Anwesenheit  von  seltenen  Erden, 
besonders  die  des  Gadoliniums,  nachgewiesen. 


Fig.  6.   Roter  Flufsspat  (//e-lialtig)  aus  Ivigtut  (Süd-Gröulaud). 
Exposition  G  Tage. 

Der  Flufsspat  wird  also  ziemlich  allgemein  von  Fluoriden 
der  seltenen  Erden  begleitet,  ohne  dafs  er  gleichzeitig  einen 
Gehalt  an  Helium  aufzuweisen  hat. 

Zur  Erklärung  des  merkwürdigen  Verhaltens  des  grön- 
ländischen Vorkommens  wurde  daher  das  Mineral  einer 
eingehenden  Untersuchung  unterzogen. 

Der  Flufsspat  hat  eine  rote  an  Eisenoxyd  erinnernde 

Phosphorescenzspektra  von  Flufsspat  in  Gegenwart  seltener 
Erden.    Cr.  146,440—446  (190*5). 

Ultraviolette  Phosphorescenzspektra  von  Flufsspaten.  C.  r. 
114,  .^0—32  (1H07). 


22 


Hans  Lange, 


Farbe,  ist  in  dlinnen  Splittern  durelisiclitig  und  durchsetzt 
gangartig  und  in  feinen  Adern  den  Kryolith,  der,  besonders 
in  der  Nähe  der  Fhifsspatzone,  durch  Kohlenwasserstoflf'e 
intensiv  schwarz  gefärbt  ist,  beim  Glühen  aber  vollkommen 
farblos  wird;  daneben  sind  reichlich  Kupferkies,  Pyrit, 
Eisenspat,  Quarz  und  anderes  eingesprengt.  Der  Flufsspat 
ist  kristallinisch  ausgebildet,  er  zeigt  an  den  Bruchstellen 
matten  Glasglanz.  Das  sp.  Gew.  des  reinen  Materials  wurde 
zu  3,28  gefunden. 

Ein  Versuch  auf  der  photographischen  Platte  zeigte 
eine  merkliche  Aktivität  der  Flufsspatzone,  während  der 
umgebende  schwarze  Kryolith  nicht  auf  die  Platte  wirkte 
(siehe  Fig.  6). 

Es  wurde  daher  untersucht,  ob  sich  noch  radioaktive 
Elemente,  speziell  Uran,  als  Beimengungen  in  dem  Material 
vorfänden. 

Zur  Analyse  wurde  ein  reichlich  Flufsspat  enthaltendes 
Mineralstück  kleinkörnig  zerstofsen  und  zwecks  Entfernung 
des  inaktiven  schwarzen  Kryolith s  (sp.  Gew.  2,95)  mit 
TnoTJLET'scher  Lösung  vom  sp.  Gew.  3,05  im  Ki.EiN'schen 
Apparat  mehreremals  behandelt.  Von  kleinen  Mengen  bei- 
gemengten Kupferkieses  wurde  der  Flufsspat  durch  Auslesen 
unter  der  Lupe  möglichst  befreit.  Wurde  nun  der  Rückstand 
wieder  mehreremals  mit  TouLEx'scher  Lösung,  die  auf  ihr 
höchsterreichbares  sp.  Gew.  3,19  gebracht  war,  geschüttelt, 
und  die  zuerst  untersinkenden,  schwersten  Teilchen  von  den 
sich  weniger  schnell  absetzenden  möglichst  schnell  abgetrennt, 
so  erzielte  man  schliefslich  eine  Zweiteilung  des  Materials 
in  nahezu  reinen  Flufsspat  und  einen  Flufsspat,  der  die 
spezifisch  schweren  Beimengungen  der  radioaktiven  Elemente, 
falls  solche  vorhanden  waren,  enthalten  mufste.  Beide 
Materialien  zeigten  nach  dem  Trocknen  prächtig  die  von 
Thomsen  beschriebene  Leuchterscheinung. 

Das  spezifisch  leichtere  Material  bestand,  wie  die 
quantitative  Analyse  zeigte,  neben  geringen  Beimengungen 
von  Aluminium  und  Natrium  —  von  nicht  ganz  entferntem 
Kryolith  herrührend  —  aus  Calciumfluorid  mit  einem  Gehalt 


')  Bull.  Soc.  mincral.  II.  17,  189  (1879). 


Die  Ziisammensotzung  heliumfiihrendcr  Mineralien. 


23 


von  3,99"/,,  an  seltenen  Erden.  Diese  hatten  das  nach  der 
synthetischen  Sulfatniethode  ermittelte  >\qnivalentgewi('ht  145. 
Die  Oxyde  waren  sehwach  rosa  gefärbt,  die  Sulfate  waren 
weifs  und  Helsen  nur  ein  überaus  schwaches  Absorptions- 
spektrum der  Erbiuerden  erkennen.  Sie  wirkten  infolge 
eines  Gehaltes  an  Thorium  nach  5  tägiger  Exposition  auf 
die  photogra])hische  Platte  ein  (siehe  Fig.  7).  Die  Unter- 
suchung des  spezifisch  schwereren  Materials  ergab  dagegen, 
dafs  es  nur  zu  92  "/q  aus  rotem  Flnfsspat  bestand,  während 
die  übrigen  8  Prozent  als  dem  Flufsspat  nicht  zugehörig 


Fig.  7.    i'bS-  (links)  und,  T/iOa'- baltige  seltene  Erden  (rechts)  aus 
Flufsspat  (Süd -Grönland).    Exposition  5  Tage. 

angesehen  werden  mufsten.  Neben  Kupfer  und  Eisen,  in 
Verbindung  mit  Schwefel  als  Bestandteile  des  Kupferkieses, 
fanden  sich  die  vermuteten  radioaktiven  Elemente,  nämlich 
2,03 «/o  ÜO-i  und  1,68 o/o  PbO  (siehe  Fig.  7). 

Dafs  das  Uran  nicht  als  Fluorid  vorlag,  zeigte  sich 
schon  daran,  dafs  das  Mineral  kein  Absorptionsspektrum 
lieferte.  Die  beiden  Elemente  liefsen  sich  zum  grofsen  Teil 
mit  verdünnter  Salzsäure  aus  dem  feingepulverten  Geraenge 
ausziehen,  wobei  ein  wenig  Kohlensäure  entwich. 

Aus  diesem  Befunde  geht  hervor,  dafs  kein  einheitliches 
Mineral,  sondern  ein  Gemenge  verschiedener  Verbindungen 
vorlag.  Wie  sich  der  Flufsspat  hier  auf  sekundärer  Lager- 
stätte im  Kryolith  gebildet  hat,  so  haben  sich  auch  aktive 
Verbindungen  —  als  Niederschläge  von  nicht  bestimmter 
Zusammensetzung  —  aus  den  Wässern  abgeschieden  und 


24 


Hans  Lange, 


durolisetzeu  mm  mit  dem  Flufsspat  eng  vermischt  die  Hohl- 
räume des  Kryoliths.  Der  Flufspat  scheint  besonders  ge- 
eignet zu  sein,  Helium,  das  sich  hier  aus  den  beigemengten 
Mineralsubstauzen  gebildet  hat,  zu  absorbieren,  oder,  wie 
TuAVEKS ')  das  Helium  in  Mineralien  auffalst,  mit  dem 
Helium  eine  feste  Lösung  zu  bilden,  während  der  Kryolith 
diese  Fähigkeit  nicht  besitzt. 

Der  von  Ussing-)  bescliriebeue,  ebenfalls  am  Arksut- 
fjord  in  Süd -Grönland  vorkommende  Kryolithionit,  in  dem 
die  Hälfte  des  Natriums  durch  Lithium  ersetzt  ist,  schliefst 
sich  dagegen  in  seinem  Verhalten  dem  Helium  gegenüber 
dem  roten  Flufsspat  an.  Es  wurde  beobachtet,  dafs  er  im 
Vakuum  erhitzt,  eine  beträchtliche  Menge  Helium  abgibt. 
Dabei  zerspringt  er  zu  feinem  Pulver. 

Hält  der  Kryolith  auch  kein  Helium,  so  scheint  er  doch 
anderweitig  durch  die  Nähe  der  aktiven  Verbindungen  be- 
einflufst  worden  zu  sein.  Es  ist  auffallend,  dafs  er  be- 
sonders in  der,  nächsten  Umgebung  des  Flufsspates  durch 
Kohlenwasserstoffe  intensiv  schwarz  gefärbt  ist,  während 
die  weiteren  Partien  allmählich  heller  werden.  Eine  aus- 
reichende Erklärung  hierfür  kann  bisher  nicht  gegeben 
werden. 

III.  Analytisches. 

Bei  der  Analyse  von  Niobaten  und  Titanaten  bereitet 
die  Bestimmung  der  drei  Metallsäuren,  Tantal-,  Niob-  und 
Titansäure  nebeneinander  die  meisten  Schwierigkeiten.  Eine 
quantitative  Scheidung  der  drei  Säuren  mittels  einer  einmal 
angewandten  Methode  ist  bisher  nicht  möglich.  Besonders 
hartnäckig  haftet  der  Niobsäure  stets  das  Titan  an;  ein 
gänzlich  titanfreies  Niobpräparat  dürfte  nach  der  Marignac- 
schen  Fluoridmethode  selbst  nach  vielen  Kristallisationen 
nicht   zu   erreichen   sein.     Auch   die  nach  0.  Hausers 


Travers,  Über  den  Zustand  des  Heliums  in  Mineralien.  Nature 
71,  248  (1900). 

■'')  Bull,  de  l'Acadcmie  roy.  des  scieuces  et  des  lettres  de  Danmark 
3—12  (1904).    C.  B.  I,  1100  (1904). 

3)  Ann.  Chim.  Plij  s.  4.  8,71  (19iiüj. 


Die  Ziisaimuensetzung  heliumfiibrender  Mineralien. 


25 


Methode  ')  bei  der  Mineralanalyse  abgeschiedene  Niobsäure 
ist  stets  noch  durch  etwas  Titan  verunreinigt. 

Nun  erschien  vor  kurzem  eine  Arbeit  von  Dittkich 
und  Freund  5)  über  die  Trennung  von  Zirkon  und  Titan 
mittels  Ammouiumsalicylat.  Während  neutrale  Zirkon- 
lösuBgen  mit  diesem  Reagens  einen  im  Überschuss  des 
Fällungsmittels  unlöslichen  Niederschlag  gibt,  ist  das  Titan- 
salicylat^')  ein  in  lieilsem  Wasser  leicht  löslicher  Körper 
und  liefert  eine  durchaus  kochbeständige  Lösung.  Diese 
wertvolle  Eigenschaft  des  Titans  liefe  eine  Anwendbarkeit 
bei  der  Trennung  von  Niob  und  Tantal  vermuten  und  gab 
Anlafs,  das  Verhalten  der  beiden  Elemente  gegen  Animon- 
salicylat  zu  untersuchen. 

Bei  der  Nachprüfung  der  erwähnten  Arbeit  zeigten  sich 
die  Schwierigkeiten,  die  trotz  des  verschiedenen  Verhaltens 
der  beiden  Elemente  Zirkon  und  Titan  sich  bei  der  Trennung 
mittels  Ammoniumsalicylat  ergeben,  vollkommen  bestätigt. 
Es  gelang  aber  auch  nicht,  diese  Schwierigkeiten,  bedingt 
durch  das  Mitreil'sen  des  Titans  durch  das  Zirkon,  durch 
die  von  den  Verfassern  angegebenen  Vorsichtsmafsregeln 
zu  umgehen. 

Es  wurden  aus  reinstem  Titansulfat  und  Zirkon- 
oxychlorid  nach  Vorschrift^)  die  Nitratlösungen  hergestellt 
Die  Lösungen  wurden  kurz  vor  Gebrauch  neutrahsiert,  indem 
man  tropfenweise  Xatriumcarbonat  aus  einer  Bürette  zufliefsen 
liefs.  Die  entstehende  Trübung  bei  zunehmender  Neu- 
tralisation verschwindet  nur  äufserst  langsam  und  bleibt 
schliefslich  bes^tehen,  wobei  die  Lösung  noch  5*^  „  freie  Säure 
und  darüber  enthält.  Die  lange  Zeit,  die  man  zur  Neu- 
tralisation gerade  der  Zirkonlösung  braucht,  beschleunigt 
aber  eine  Hydrolyse,  die,  wie  Kuer^)  exakt  nachgewiesen 
hat,  alle  Zirkonylsalze  in  neutraler  wässriger  Lösung  erleiden. 


')  Zeitschr.  f.  anorg.  Chem.  00,  233  (1908). 
-)  Zeitschr.  f.  anorg.  Chem.  56,344  (1908). 

')  Es  entspricht  dem  von  Levy  (Ann.  Chim.  Phys.  6.  2.5,  501 
[1892])  erhaltenen  Titansalicylat  TiO,[CuH,CO).2. 

*)  Dittrich  und  Pohl,  Zeitschr.  f.  anorg.  Chem.  4.5,236—241 
(1905). 

Zeitschr.  f.  anurg.  Chem.  43,  2S2  (1905). 


26  Hans  Lange, 

und  die  sehliefalieh  zum  kolloidalen  Zivkonhydroxyd  führt. 
Dasselbe  gilt  auch  für  die  Lösungen  des  Titans.  Es  ist 
erklärlieh,  dafs  in  solchen  unechten  Lösungen  die  Einwirkung 
von  Reagentien  eine  verschiedene  sein  mufs,  je  nach  Kon- 
zentration, Temperatur  und  Herstellungszeit. 

Beim  Eintropfen  der  gemischten,  möglichst  neutralisierten 
Lösung  in  eine  kochende  20  prozentige  Ammonsalicylatlösung 
bildete  sich  wohl  das  unlösliche  Zirkonsalicylat  und  die 
intensiv  gelb  gefärbte  Lösung  des  Titansalicylates,  stets 
aber  ging  auch  Titan  mit  in  den  Niederschlag,  aus  dem 
es  sich  durch  Auswasehen  nicht  befreien  liefs,  und  zwar, 
bei  sonst  gleichen  Versuchsbedingungen,  wechselnde  Mengen. 
Andererseits  blieben  auch  nachweisbare  Mengen  Zirkon  in 
Lösung.  Bei  nochmaligem'  Fällen  des  verglühten  und  wieder 
in  Nitrat  verwandelten  Niederschlages  trat  dieselbe  Er- 
scheinung wieder  ein,  sodafs  eine  befriedigende  (luantitative 
Scheidung  nach  zweimaliger  Wiederholung  der  Operation 
noch  nicht  erreicht  werden  konnte. 

Angewandt  je  10  ccm  einer  Titan-  und  Zirkonnitratlösung 
enthaltend: 

L    0,0712  g  TiO-,  und  0,0466  g  ZrO-, 
gaben  0,0693  g     „      „    0,0489  g  „ 

2.  0,0712  g     „      „    0,0466  g  „ 
gaben  0,0702  g     „      „    0,0478  g  „ 

3.  0,1042  g     „      „    0,1078  g  „ 
gaben          0,1030  g     „      „    0,1094  g     „  i) 

Bietet  somit  die  Trennung  der  beiden  vierwertigen 
Elemente  Zirkon  und  Titan  mittels  Ammousalicylat  keine 
Vorteile  den  bisher  üblichen  Methoden  gegenüber,  so  wird 
das  Verhalten  des  Titans  gegen  Ammonsalieylat  umso  wert- 
voller bei  der  Abscheidung  vom  fünfwertigen  Niob. 

Durch  die  Liebenswürdigkeit  des  Privatdozenten  Herrn 
Dr.  Hauser  stand  mir  ein  Niobpräparat  zur  Verfügung,  das 
nach  15  maligem  Umkristallisieren  der  Kaliumdoppelfluoride 


1)  Die  Analysenresultate  vonDittrich  und  Freund  zeigen  stets 
mehr  Titan  gefunden  als  angewandt  an. 


Die  Zusammensetzung  heliumführender  Mineralien. 


27 


den  nach  dieser  Methode  höchst  erreichbaren  Reinheitsgrad 
hesafs.  Die  Fortführung  dieser  Methode  hätte  nicht  da/Ai 
geführt,  das  Titan,  dessen  Anwesenheit  sich  durch  die 
Wasserstoffsuperoxydreaktion  leicht  nachweisen  liefs,  vom 
Niob  völlig  abzuscheiden.  In  dem  Ammoniumsalicylat  besitzt 
man  nun  ein  ausgezeichnetes  Mittel,  eine  völlige  Trennung 
der  beiden  Elemente  zu  bewerkstelligen.  Das  Ammonium- 
salicylat bildet  mit  der  Niobsäure  ]Sb20-,xH>0  eine  unlösliche 
Adsorptionsverbindung. 

Die  Trennung  geschah  in  folgender  Weise: 

2,9499  g  titanhaltiges  Niobfluorkalium  wurden  bei  mög- 
lichst niederer  Temperatur  mit  konzentrierter  Schwefelsäure 
abgeraucht  und  zur  Verjagung  der  Flufssänre  möglichst  zur 
Trockene  eingedampft.  Der  Rückstand  wurde  mit  wenig 
Wasser  in  eine  tiefe  Porzellankasserole  gespült  und  mit 
500  ccm  20  prozentiger  Ammonsalicylatlösung  versetzt,  worauf 
unter  ständigem  Rühren  mittels  einer  Turbine  eine  Stunde 
gelinde  erwärmt  wurde.  Lösung  und  Niederschlag  färbten 
sich  gelb.  Nach  dem  Absitzen  wurde  noch  heifs  filtriert 
und  der  Niederschlag  zunächst  mit  heifsem  Ammonsalicylat, 
dann  mit  kochendem  Wasser  solange  ausgewaschen,  bis 
ein  Tropfen  des  Filtrats  mit  Eisenchlorid  keine  Violettr 
färbung  mehr  gab.  Das  Filtrat  wurde  eingedampft  und  in 
einer  Platinschale  verglüht;  der  Rückstand  mit  Schwefel- 
säure aufgenommen,  mit  Wasser  verdünnt  und  zur  Ab- 
scheidung  des  Titans  vom  Kalium  mit  Ammoniak  gekocht. 
Es  hinterblieben  0,4368  g  TiO^. 

Die  Niobsäure  war  eine  unlösliche  gelbe  Verbindung 
mit  der  Salicylsäure  eingegangen.  Der  amorphe  Nieder- 
schlag liefs  sich  heifs  leicht  filtrieren. 

0,2577  g  lieferten  beim  Glühen: 

0,1772  g  NhO,  =  48,260,0  ^^b- 

0,2029  g  lieferten  beim  Verbrennen : 

0,0510  g  H-iO    =   2,81  o/o  H 
0,1382  g  CO2     =  18,570/0  C 
Rest  =  30,36  0/0  0. 


28 


Hans  Lange, 


Diese  Zahlen  ergehen  keine  Verhindung  mit  stöchio- 
raetrischen  Verhältnissen;  es  liegt  vielmehr  eine  Adsorptions- 
verbiudung  des  Hydrogels  Nb.,0-,xH.i<)  mit  der  Salicyl- 
säure  vor. 

Zur  Untersuchung,  ob  Niob  in  Lösung  gegangen  war, 
wurde  die  aus  dem  Filtrat  gewonnene  Titansäure  durch 
Behandeln  mit  Fluorkalium  und  Fhifssäure  in  das  Doppel- 
fluorid  übergeführt,  die  Schmelze  mit  Wasser  aufgenommen 
und  mit  Zink  und  konzentrierter  Salzsäure  versetzt.  Da 
eine  Braunfärbung  der  Lösung  mittels  dieses  emptindlichen 
Nachweises  für  die  Gegenwart  von  Niob  nicht  eintrat,  war 
die  Niobsäure  eine  in  Ammonsalicylat  und  heifsem  Wasser 
absolut  unlösliche  Verbindung  eingegangen. 

Jedoch  genügt  eine  einmalige  Behandlung  mit  Ammon- 
salicylat nicht,  die  Niobsäure  absolut  frei  von  Titan  zu 
erhalten. 

Der  verglühte  Niederschlag  wurde  in  einer  Platinschale 
mit  Flul'ssäure  und  konzentrierter  Schwefelsäure  gelöst, 
durch  weites  Eindampfen  die  Fhifssäure  verjagt,  und  als- 
dann mit  Wasser  verdünnt,  wobei  sich  Niobsäure  zum  Teil 
ausschied.  Auf  Zusatz  von  Wasserstoffsuperoxyd  trat  noch 
deutlich  Gelbfärbung  ein,  wodurch  sich  die  Anwesenheit  des 
Titans  verriet. 

Die  Lösung  wurde  daher  wieder  fast  zur  Trockene 
eingedampft  und,  wie  zuerst  beschrieben,  abermals  der  Ein- 
wirkung von  Ammonsalicylat  eine  Stunde  lang  ausgesetzt. 
Die  Lösung  wie  der  Niederschlag  färbten  sich  wiederum 
gelb.  Nach  dem  Filtrieren,  Eindampfen  des  Filtrates  und 
Glühen  fanden  sich  0,0407  g  TiO-j  als  in  Lösung  ge- 
gangen. 

Die  erhaltene  Niobsäure  aber  zeigte  sich  nach  dem  Ver- 
glühen so  rein,  dafs  die  Wasserstoffsuperoxyd-Reaktion  auf 
Titan  nicht  mehr  eintrat. 

Da  die  Löslichkeit  des  Titankaliumfluorides  zwischen 
der  des  Tantal-  und  Niobkaliumfluorides  liegt,  erhält 
man  nach  dieser  bisher  üblichen  Methode  erst  nach  vielen 
mühsamen  Kristallisationen  ein  annähernd  titanfreies  Niob- 
material.  Die  Reindarstellung  von  Niobpräi)araten  mittels 
Ammonsalicylat  ermöglicht  dem  gegenüber  eine  schnellere 


Die  Zusammensetzung  heliumführender  Mineralien. 


20 


und  einfachere  Ausführung  und  gewährleistet  den  höchsten 
Reinheitsgrad  der  erhaltenen  Produkte. 

Ganz  analog  der  Niobsäure  verhält  sich  nun  auch  die 
Tantalsäure  Ta-iOr^rHiO  gegen  Ammonsalicylat;  sie  bildet 
eine  unlösliche  Adsorptionsverbindung. 

0,5026  g  Titan-  und  Niobfreies  Tantalpentoxyd  wurden 
mit  Flufssäure  und  konzentrierter  Schwefelsäure  in  Lösung 
gebracht,  zur  Verjagung  der  Flufssäure  bei  möglielist  niederer 
Temperatur  vorsichtig  fast  zur  Trockeue  eingedampft,  und 
der  Rückstand  mit  wenig  Wasser  in  den  Rührapparat  ge- 
spült. Darauf  wurden  500  ccm  einer  20  prozentigen  Ammon- 
salicylatlösung  hinzugegeben.  Nach  einstündigem  Rühren 
unter  Erwärmen  liefs  man  absitzen  und  tiltrierte  noch  heifs. 
Der  fleischfarbene  Niederschlag  filtrierte  bedeutend  schwerer 
als  die  entsprechende  Niobverbindung,  liefs  sieh  aber  mit 
heifsem  Wasser  vollständig  bis  zum  Verschwinden  der 
Salicylsäurereaktion  auswaschen.  Das  eingedampfte  und 
in  einer  Platiuschale  verglühte  Filtrat  hinterliefs  nur  einen 
Rückstand  von  0,0010  g,  der  aus  Verunreinigungen  bestand, 
aber  kein  Tantal  enthielt. 

Der  Niederschlag  lieferte  beim  Verglühen  0,5028  g  TuiO:, 
und  enthielt  55,1 2 o/o  Ta.  Er  stellt  eine,  der  mit  Niobsäure 
erhaltenen  analoge  Adsorptionsverbindung  der  Tantalsäure 
la^O-^xUiO  mit  Salicylsäure  dar  und  ist  ein  in  heifsem 
Wasser  und  Ammonsalicylat  unlöslicher  amorpher  Körper. 

Aus  den  gewonnenen  Resultaten  erhellt,  dafs  das 
Ammoniumsalicylat  bei  der  Analyse  von  Titanniobaten  und 
Tantalaten  als  ausgezeichnetes  Reagens  benutzt  werden 
kann,  Niob  und  Tantal  vom  Titan  quantitativ  zu  scheiden. 

Man  nimmt  zweckmäfsig  zunächst  eine  Rohscheidung 
vor.  Hat  man  im  Gange  der  Analyse  aus  der  Kalilauge- 
Mannit- Lösung  der  drei  Metallsäuren  durch  Versetzen  mit 
Schwefelsäure  die  durch  mitgerissenes  Titan  verunreinigte 
Niob-  und  Tantalsäure  abgeschieden,  so  unterwirft  man 
den  Niederschlag  in  der  angegebenen  Weise  einer  zwei- 
maligen Behandlung  mit  Ammonsalicylat.  Dabei  ist  es 
nicht  erforderlich,  die  Filtrate  einzudampfen  und  zu  verglühen, 
was  bei  gröfseren  Mengen  eine  lästige  Operation  ist;  es 
läfst  sich   das  Titan   auch   durch   längeres  Kochen  mit 


30 


Hans  Lange, 


Ammoniak  bis  zur  Entfärbung  der  Lösung  vollständig 
ausfällen.  Dieses  Titan  fügt  man  der  Hauptmenge  hinzu, 
die  man  aus  der  Scliwefelsäure-Mannit-Ijösung  durch  Kochen 
mit  Ammoniak  erhalten  hat. 

Mit  Hilfe  dieser  kombinierten  Methode  ist  die  Scheidung 
des  vierwertigen  Titans  von  den  fünfwertigen  Metallsäuren 
eine  quantitative. 

IV.  Über  Zirkonoxjchlorid. 

Das  für  die  Untersuchung  über  die  Trennung  von  Zirkon 
und  Titan  erforderliche  Zirkonmaterial  wurde  durch  Reinigen 
des  käuflichen  Zirkonnitrats  über  das  Oxychlorid  erhalten. 
Mit  Rücksicht  auf  die  zum  Teil  sich  widersprechenden 
Angaben  in  der  Literatur  über  dieses  Salz  und  sein  Verhalten 
beim  Erhitzen  wurden  bei  dieser  Gelegenheit  dahingehende 
Untersuchungen  angestellt. 

Käufliches  Zirkonnitrat,  das  durch  etwas  Aluminium 
verunreinigt  war,  wurde  mit  überschüssiger  Kalilauge  gefällt, 
das  Hydroxyd  bis  zum  Verschwinden  der  alkalischen  Reaktion 
mit  Wasser  ausgewaschen  und  in  einem  Überschufs  von 
konzentrierter  Salzsäure  gelöst.  Die  Lösung  wurde  solange 
eingedampft,  bis  ein  Tropfen  am  Glasstabe  herausgenommen 
leicht  kristallisierte.  Unter  ständigem  Rühren  entstanden 
während  des  Erkaltens  kleine  quadratische  Kristallnadeln 
des  Oxychlorids,  die  an  der  Saugpumpe  abgesaugt,  mit 
konzentrierter  Salzsäure,  dann  mit  Äther  ausgewaschen  und 
schliefslich  zwischen  Flielspapier  getrocknet  wurden. 

Dieses  Salz  wurde  zuerst  von  Hermann')  näher  be- 
schrieben, nachdem  es  bereits  Bebzelius'^)  durch  Auflösen 
von  Zirkonsäurehydraten  in  Salzsäure  erhalten  hatte.  Uber 
den  Kristallwassergehalt  herrschte  zunächst  keine  Einigkeit. 
Hermann!)  stellte  die  Formel  ZrOCl.2  9 H2O  auf,  Paykull*) 
dagegen   ZrOCh^H-iO.     Mats   Weibull^)   und  letzthin 

1)  B.  1.25,147.  J.f.pr.Chem.  31,75.  97,  321  u.  330.  J.  l&'J.  191  (1866). 
=)  Sv.  Vetensk  Akad.  Handl.    P.  A.  4, 117  (1824). 
»)  Oefers.  Sv.  Vetensk  Akad.  Handl.  22  (1873).    J.  263  (1873). 
241  (1879). 

")  Ber.  1394  (1887). 


Die  Zusainmenselziing  heliuuifiihrender  Mineralien. 


31 


KoseNHEiM  nucl  Frank')  haben  das  Oktoliydrat  Paykulls 
bestätigt.  Das  von  mir  auf  die  angegebene  Weise  er- 
haltene Salz  hatte  ebenfalls  die  Zusammensetzung  ZrüCU 
SILO. 

Wurde  das  Salz  auf  eine  andere  Weise  dargestellt,  indem 
man  einen  ÜberschuCs  der  Säure  zu  einer  Lösung  von  Zirkon- 
hydroxyd  in  konzentrierter  Salzsäure  tropfen  liefs,  so 
kristalisierte  in  Übereinstimmung  mit  den  Angaben  von 
Venable  und  Baskerville^)  das  Salz  mit  sechs  Molekülen 
Wasser  aus,  während  Paykull^)  dabei  ZrOCli2^j2  H-iO 
fand. 

Beim  Erhitzen  des  Oktohydrates  soll  nun  nach  E.Mellis'') 
das  Salz  bei  60"  C.  31/2  Moleküle  Wasser  verlieren  und  schliefs- 
licb  nach  Hermann*)  in  die  Verbindung  Zr(7Z4 2 ifr 02  über- 
gehen. Nach  Venable  und  Baskerville^)  soll  aufserdem 
ein  Oxychlorid  mit  'S  J  1^0  beim  Erhitzen  im  Salzsäurestrom 
bei  100"  entstehen.  Diese  Angaben  konnten  nicht  bestätigt 
werden. 

Zur  Untersuchung  des  Verhaltens  des  Oxychlorids  ZrOCU 
8  H-xO  beim  Erhitzen  auf  verschiedene  Temperaturen  wurde 
das  Salz  im  Platinschififchen  in  einem  kurzen  Verbrenuungs- 
rohr  erhitzt,  durch  welches  trockene  Luft  geleitet  wurde, 
und  das  durch  ein  mit  Paraffiniini  liquidum  gefülltes  weiteres 
Glasrohr  führte.  Zwecks  Einstellung  des  Gleichgewichtes 
konnte  die  Temperatur  im  Rohr  eine  Stunde  konstant 
gehalten  werden.  Es  wurde  beobachtet,  bei  welchen  Tem- 
peraturen jeweilig  bei  höherem  Erhitzen  Wasser  entwich, 
und  danach  die  bei  den  gefundenen  Temperaturen  ent- 
standenen Produckte  analysiert.  Die  Ergebnisse  sind  in 
Tabelle  I  zusammengefafst  und  stellen  die  Mittelwerte  aus 
je  drei  ausgeführten  Analysen  dar. 


1)  Ber.  38,  812  (19Ü5).  I.  Mitteüungen  über  Salze  des  Zirkon- 
oxychlorids. 

2)  J.  Am.  Chem.  Soc.  19, 12  (1897). 

3)  Paykull  1.  c. 

*)  Zeitschr.  f.  Chem.  2.  6,296  (1870). 
^)  Hermann  1.  c. 

«)  J.  Am.  Chem.  Soc.  20,  231  (1898). 


32 


Hans  Lance, 


T 

e  1. 

T 

o/o  Zr 

°/o  a 

Zr 

zu  VI 

bis  CO» 

22,15 

28,30 

2 

ZrOCk  8 IW 

60° 

36,30 

28,38 

2 

ZrOCl,  4  H^O 

DO» 

40,79 

28,18 

1,765 

120° 

50,15 

31,76 

1,619 

150° 

54,35 

25,14 

1,161 

200° 

54,31 

27,18 

1,279 

Bei  60"  entweichen  4  Moleküle  Wasser  unter  Zurück- 
lassung des  Salzes  ZrOCl^AH^O 


berechnet: 

gefunden : 

ZrO 

42,73  "/o 

42,720/0 

Gl, 

28,40  „ 

28,38  „ 

28,87  „ 

28,92  „ 

100,OOo/« 

100,02  «/ü 

Demnach  treffen  die  älteren  Angaben  von  Mellis  (1.  c), 
dafs  nur  S'/-,  Moleküle  Wasser  entweichen,  nicht  zu. 

Bei  1000,  1200  und  150"  entweicht  jedesmal  Wasser, 
aber  unter  gleichzeitiger  Mitnahme  von  Salzsäure.  Die  ent-  , 
stehenden  Produkte  sind  nicht  als  chemische  Verbindungen 
mit  stöchiometrischen  Verhältnissen  anzusehen.  Oberhalb 
1500  entweicht  kein  Wasser  mehr,  die  Kristalle  werden 
trüb  und  undurchsichtig;  das  Verhältnis  von  Zr:0:Gl  ist 
bei  2000  gleich  1:1,93:1,279.  Die  Hermann  sehe  Verbindung 
2ZrO.ZrCli,  bei  der  das  Verhältnis  von  Z»-:  0:CZ=  1 : 1,33 
:  1,33  ist,  konnte  bei  keiner,  auch  nicht  bei  noch  höherer 
Temperatur  erhalten  werden.  Von  100"  ab  werden  die 
Kristalle  nicht  mehr  von  Wasser  gelöst,  sondern  unter  Ab- 
scheidung  basischer  Produkte  zersetzt. 

Das  Mitnehmen  von  Salzsäure  durch  das  entweichende 
Wasser  läfst  sich  auch  nicht  durch  Überleiten  von  Salzsäure- 
gas während  des  Erhitzens  vermeiden.  Es  entstehen  dabei 
nur  zwei  wohldefinierbare  Salze. 

Die  Versuche  wurden  wiederum  so  angestellt,  dafs  zu- 
nächst die  Temperaturen  festgelegt  wurden,  bei  denen 
jeweilig  beim  höheren  Erhitzen  im  Salzsäurestrom  Wasser 
entwich.    Zur  Einstellung  des  Gleichgewichts  wurde  die 


Die  Zusammensetzung  heliumflihrcndcr  Mineralien.  33 


Temperatur  eine  Stunde  lang  konstant  gehalten,  dann  liefs 
man  im  Salzsäurestrom  erkalten  und  schickte  zuletzt  trockene 
Luft  durch  das  Rohr,  worauf  die  entstandenen  Produkte 
sogleich  analysiert  wurden.  Die  Mittelwerte  aus  je  drei 
ausgeführten  Analysen  sind  in  Tabelle  II  zusammengestellt: 


Tabelle  II. 


T 

»/o  Cl 

Zr 

zu  Cl 

bis  60" 

22,15 

28,30 

1  : 

•2 

ZrOCk  8  HiO 

60° 

25,83 

40,33 

1  : 

3,99 

ZrOCk2HClö^!iH.,0 

100" 

40,11 

36,00 

1  : 

2,294 

150° 

42,43 

33,50 

1  : 

2 

ZrOCklH^O 

180" 

49,21 

36,31 

1  : 

1,885 

200" 

51,77 

33,24 

1 

1,641 

305» 

60,03 

10,19 

1 

0,689 

Beim  Erhitzen  des  Zirkonoxychlorids  im  Salzsäurestrom 
schmelzen  zunächst  die  Kristalle  in  ihrem  Kristallwasser, 
verlieren  dann  bei  60"  21/2  Moleküle  Wasser  und  nehmen 
dafür  2  Moleküle  Salzsäure  auf,  wobei  die  Lösung  zu  einer, 
an  der  Luft  etwas  rauchenden,  in  Wasser  leicht  löslichen 
kristallinischen  Verbindung  erstarrt. 


berechnet :  gefunden : 

ZrO         30,540/0  30,40  ö/o 

Cli  40,56  „  40,38  „ 

5V2i?2Ö    28.34  „  28,62  „ 


Bei  100  0  entweicht  aus  dieser  Verbindung  Kristall- 
wasser unter  Mitnahme  von  Salzsäure,  aber  nicht  der  ge- 
samten aufgenommenen.  Das  Verhältnis  von  Zr :  Cl  war 
höher  als  1:2.  In  keinem  Falle  entstand  das  von 
Venable  und  Baskerville  (1.  c.)  beschriebene  Salz  ZrOCl-i 

Erst  bei  150"  verschwindet  unter  abermaliger  Wasser- 
abgabe der  letzte  Rest  der  bei  60"  aufgenommenen  Salz- 
säure, und  es  entsteht  ein  einheitliches  Salz.  Es  enthält 
zwei  Moleküle  Kristallwasser  und  ist  in  Wasser  leicht 
löslieh. 

Zeitschr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.   Bd.  82.    1910.  3 


34      H.  Lange,  Zusammensetzung  heliumführender  Mineralien. 


berechnet : 

49,930/0 
33,20  „ 
16,87  „ 


gefunden 
49,930/0 
33,50  „ 
16,53  „ 


100,000/0 


99,96  0/0 


Diese  letzten  zwei  Moleküle  Kristallwasser  entweichen 
bei  1800,  gie  nehmen  9,ber  gleichzeitig  Salzsäure  mit,  welche 
das  darübergeleitete  Salzsäuregas  nicht  zu  ersetzen  vermag. 
Es  hinterbleibt  ein  durch  Wasser  zersetzbarer,  keinen 
stöchiometrischen  Verhältnissen  entsprechender  Körper,  der 
beim  höheren  Erhitzen  immer  mehr  Salzsäure  verliert  und 
schliefslich  bei  305o  zum  Teil  als  ZrCl^  sublimiert.  In  dem 
zurückbleibenden  Körper  verhalten  «ich  Zr  :  Cl  =  1 :  0,689. 
Auch  beim  Erhitzen  im  Salzsäurestrom  konnte  somit  bei 
keiner  Temperatur  die  Existenz  der  Verbindung  Zr-^OiCli 
festgestellt  werden. 


ZrOCliSHiO  (Paykull)         ZrOCkQKiO  (Hermann) 
ZrOChQHiO  (Venable  &      ZrOC^Q^kH^O  (Paykull) 

Baskerville) 
ZrOCli  2  HCl  b^i-i  H-i  0  (Lange) 


Übersicht. 


Es  existieren: 


Es  existieren  nicht: 


ZrOChAH'iO  (Lange) 


ZrOCl-i^^kKiO  (Mellis) 
ZrOCkSH^O  (Venable  & 
Baskerville) 


ZrOCh2H<iO  (Lange) 


Zr^OiCli  (Hermann) 


Waclistunisverliältnisse 
einiger  liolzzerstörenden  Pilze 

von 

Dr.  Karl  Hoifmann 

Mit  9  Figuren  im  Text 

Das  Studium  der  bolzzerstörenden  Pilze  hat  neuerdings 
wesentliche  Fortschritte  gemacht,  nachdem  diese  Klasse 
lange  Zeit  hindurch  nur  wenigen  Systematikern  bekannt, 
von  der  physiologischen  Forschung  aber  gänzlich  ver- 
nachlässigt gewesen  war.  Die  Isolation  der  Arten  in  Rein- 
kultur ist  öfters  nicht  ganz  leicht;  nach  den  ausgedehnten 
Untersuchungen  Brefelds,  die  sich  über  die  ganze  Pilz- 
klasse erstreckten  und  dabei  auch  eine  gröfsere  Anzahl 
von  holzzerstörenden  Polyporaceen  behandelten,  schien 
es,  als  ob  die  Beschäftigung  mit  dieser  Pilzklasse  un- 
dankbar sei. 

Erst  ganz  neuerdings  wurden  durch  Falck  i)  und  Mez  -) 
eine  Anzahl  von  Daten  zur  Biologie  der  holzzerstörenden 
Pilze  veröffentlicht,  die  allgemeines  Interesse  verdienen  und 
zeigen,  dafs  manche  physiologischen  Probleme  mindestens  in 
beachtenswerten  Spezialfällen  hier  zur  Erörterung  stehen. 

Ausgegangen  sind  diese  Untersuchungen  von  dem  Haus- 
schwamra  [Merulius  lacrymans).  Das  Bedürfnis  der  Praxis, 
das  lebhafte  Interesse,  welches  Baumeister  und  Haus- 
bewohner für  diesen  Zerstörer  des  eingebauten  Holzes  unserer 
Wobnungen  leider  besitzen   müssen,  hat  zur  Erörterung 

Richard  Falk,  Wachstuinsgesetze,  Wachstumsfalitoren  und 
Temperaturwerte  der  holzzerstörenden  Mycelien. 

Carl  Mez,  Der  Hausschwamm  und  die  übrigen  holzzerstören- 
den Pilze  der  menschlichen  Wohuungen. 

3* 


36 


Karl  Hoffmann, 


[2] 


einer  Anzahl  von  Problemen  über  das  Wachstum  desselben 
geführt. 

Die  an  das  Auftreten  des  Hausschwammes  sich  öfters 
anknüpfenden  gerichtlichen  Streitigkeiten  machten  die  De- 
finition dieses  Pilzes  und  der  mit  ihm  an  gleichem  Stand- 
ort in  unseren  Häusern  vorkommenden  Polyporaceen, 
Agaricaceen  und  Thel ephoraceen  wichtig.  Dadurch 
wurden  Fragen  der  Speziesunterscheidung,  Fragen  nach  der 
Bedeutung  der  Wachstumsdaten  für  die  Abgrenzung  der 
Arten  und  nach  der  Akkomodation  der  Formen  an  wechselnde 
Standortsbedingungen  in  den  Vordergrund  des  Interesses 
gerückt. 

Insbesondere  die  zitierte  Arbeit  Falcks  schien  durch 
ihre  Resultate  darauf  Anspruch  erheben  zu  können,  bedeut- 
sam für  die  Entscheidung  mehrerer  theoretisch  und  praktisch 
wichtiger  Fragen  zu  werden. 

Von  Herrn  Professor  Mez  wurde  mir  deshalb  die 
Aufgabe  gestellt,  die  Untersuchungen  von  Falck  über 
„Wachstumsgesetze,  Wachstnmsfaktoren  und  Temperatur- 
werte der  holzzerstörenden  Mycelien"  nachzuprüfen  und  diese 
Verhältnisse  für  andere  holzzerstörende  Pilze  zu  untersuchen. 

I.  Längenwachstum  holzzerstörender  Pilze. 
1.  Das  Material. 

Das  Material  für  meine  Beobachtungen  stellte  mir  Pro- 
fessor Mez  in  sehr  liebenswürdiger  Weise  zur  Verfügung. 
Herangezogen  zur  Prüfung  wurden  Meridius  lacrymans 
(Sehum.),  Merulius  Silvester  (aus  Eberswalde),')  Merulius 
favosus  (Mez)  =  {Merulius  hydnoides  P.  Hennigs),  Folyporus 
va2)orarms  (Fries),  Folyporus  vulgaris  (Fries),  Polyporus 
destructor  (Fries),  Polyporus  serialis  (Fries),  Polyporus 
odoratus  (Fries),  Paxillus  aclieruntius  (Schroet.),  Coniopliora 
cerehella  (A.  et  Sch.).  Von  der  Coniopliora  standen  zwei 
Formen  zu  meiner  Verfügung,  die  sich  durch  verschieden 

^)  Dieser  Pilz  ist  von  Herrn  Professor  Mez  von  seinem  Stand- 
punkt bei  Eberswalde  geholt  worden.  Vgl.  A.  MöUer,  Hausschwamm- 
untersucliungen,  S.  29. 


WachstumsverhUltnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  37 


gefärbte  Mycelien  von  einander  gut  unterschieden.  Ich  habe 
sie  als  Coniophora  cerebella  I  und  Coniophora  cerebclla  II 
bezeichnet.  Während  1  ein  dunkleres  Gelb  zeigte,  neigte  II 
mehr  zu  hellerer  Färbung;  besonders  in  jungen  Kulturen 
war  //  fast  rein  weifs.  Schon  Mrz')  hat  darauf  hin- 
gewiesen, dafs  die  Coniophora  cerebella  aller  Wahrschein- 
lichkeit nach  aus  mehreren  wohl  unterscheidbaren  Spezies 
besteht.  Während  meiner  Beobachtungen  erhielt  ich  eine 
dritte  Form  der  Coniophora  cerebella,  deren  Mycel  stets  rein 
weifs  blieb,  ohne  gelbliche  Verfärbung  anzunehmen;  sie  ist 
als  Coniophora  cerebella  III  aufgeführt. 

2.  Methodisches. 

Als  Kultursubstrat  wurde  Bierwürze  gewählt,  der  So/q 
Agar-Agar  hinzugesetzt  wurde.  Dieser  seit  langer  Zeit 
bei  mykologisehen  Untersuchungen  verwendete  Nährboden 
hat  sich  auch  bei  meinen  Versuchen  sehr  bewährt. 

Nach  dem  Vorgang  von  Fatx-k  benutzte  ich  als  Kultur- 
gefäfse  Röhren  in  der  Länge  von  29  cm  und  einer  lichten 
Weite  von  2,5  cm.  Sie  wurden  stets  mit  35  ccm  von  dem 
Nährsubstrat  beschickt,  sterilisiert  und  beim  Erkalten  so 
gelagert,  dafs  der  Nährboden  eine  ziemlich  lange  sehmale 
Leiste  von  gleichmäfsiger  Oberfläche  darstellte. 

Die  Impfung  wurde  am  vorderen  Ende  der  Röhre  vor- 
genommen, so  dafs  das  Wachstum  des  Pilzes  längere  Zeit 
beobachtet  werden  konnte.  Ubereinstimmend  mit  Faluk 
fand  ich,  dafs  es  nötig  ist,  den  Pilz  erst  gut  anwachsen  zu 
lassen,  um  in  den  Wachstumsverhältnissen  gute  und  einiger- 
mafsen  übereinstimmende  Werte  zu  erhalten.  Aus  diesem 
Grunde  wurden  die  Röhren  nach  der  Impfung  einige  Tage 
in  Zimmertemperatur  gehalten,  bis  die  Mycelien  einen  Kreis 
von  ca.  3 — 4  cm  Durchmesser  bewachsen  hatten. 

Legt  man  die  so  behandelten  Kulturen  in  Thermostaten, 
die  man  gleichmäfsig  temperiert,  so  kann  man  nach  kurzer 
Zeit  ein  gleichmäfsiges  Wachstum  konstatieren,  das  sich 
annähernd  konstaut  erhält,  bis  das  ganze  Substrat  be- 
wachsen ist. 


1)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  164. 


38 


Karl  Hoffmann, 


[4] 


Kulturen,  die  vollkommen  die  oberflächliche  Nährschicht 
anj^eg-riffen  hatten,  blieben  trotzdem  noch  monatelang  lebendig. 
Dieses  Verhalten  der  Pilze  erklärt  sieh  daraus,  dafs  das 
Mycel,  nachdem  es  die  oberflächlichen  Nährschichten  ver- 
braucht hat,  mehr  in  die  Tiefe  dringt,  wie  man  an  der 
Verfärbung  des  Nährbodens  bemerkt.  Auch  bildet  sich 
dadurch,  dafs  in  den  Kulturröhren,  die  nur  mit  einem 
Wattestopfen  versehen  sind,  das  Wasser  aus  dem  Subtrat 
verdunstet,  stets  ein  Luftraum  zwischen  Kulturboden  und 
dem  Glase.  Dieser  wird  von  den  Pilzhyphen  sofort  auf- 
gesucht und  so  nach  Möglichkeit  der  Nährboden  ausgenutzt. 
Besonders  bei  Paxillus  acheruntius  ist  dies  Umwachsen  des 
Nährbodens  auffällig;  doch  auch  Coniophora  cereheUa,  Toly- 
porus  destrudor,  Merulius  lacrymans  und  Mernlius  Silvester 
lassen  diese  Erscheinung  sehr  deutlich  erkennen. 

Die  Markierung  des  in  bestimmten  Zeitabschnitten  hin- 
zugewachsenen Mycels  geschah  dadurch,  dafs  auf  die  Glas- 
röhren etwas  über  der  Nährbodenschicht  ein  langer  schmaler 
Papierstreifen  aufgeklebt  wurde.  Bei  der  Beobachtung 
wurde  die  Röhre  auf  den  Tisch  gelegt  und  dann  in  Rich- 
tung der  vorderen  Hyphenenden  ein  Strich  auf  dem  Papier- 
streifen gemacht  und  mit  dem  zugehörigen  Datum  versehen. 
Diese  Markierung  und  Ablesung  wurde  mit  blofsem  Auge 
vorgenommen,  da  man  ohne  Lupe  am  besten  und  sichersten 
einen  genauen  und  passenden  Mittelwert  erhält.  Wenn  die 
Beobachtungen  abgebrochen  wurden,  so  wurden  die  Mar- 
kierungen, vom  ersten  Tage  der  Beobachtung  an  gerechnet, 
abgemessen.  Diese  Methode  lässt  ein  Abschätzen  auf  Zehntel 
Millimeter  sehr  gut  zu. 

3.  Beobachtungen  des  Wachstums  in  Kulturröhren. 

Bei  diesen  Untersuchungen  stellten  sich  nun  mannig- 
fache Abweichungen  von  den  Resultaten  heraus,  die  Falck 
erhalten  hat.  Infolge  der  verhältnismäfsig  niedrigen  Tempe- 
raturen im  März  und  April  war  es  mir  möglich,  im  Keller 
des  botanischen  Instituts  zu  Halle  die  Temperatur  annähernd 
konstant  zu  erhalten.  Die  Wärmezunahme  betrug  im  Laufe 
eines   Monats   während  der  Beobachtungen   0,8    C,  als 


[5]        Wachstumsverhältnissc  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  39 

mittlerer  Wert  ergab  sich  7,0 "  C.  Die  Temperatur  von  11" 
konnte  in  einem  Thermostaten  in  einem  ungeheizten  Zimmer 
vollkommen  gleicbmäfsig  erhalten  werden. 

Es  seien  an  dieser  Stelle  die  Beobachtungen  an  Merulius 
lacrymans  und  Merulius  Silvester  mitgeteilt.  Es  vpurden 
von  jeder  Spezies  mehrere  Parallelversuchc  angesetzt;  die 
Resultate  sind  nacheinander  aufgezählt,  vpobei  A  die  erste 
Röhre,  B  die  zweite,  C  die  dritte  usw.  bezeichnet. 


t  =  7,0"  C. 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

B  Gesamt- 
B  länge 

1  m 
ä  ja 
<u  O 
M)  oä 

mm 

09 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

A. 

6.1V.— 10. IV. 

0,8 

0,8 

0,20 

0,111 

3Ierulius 

10.-20. 

3,4 

0,34 

]  0,311 

—  0,029 

lacrymans 

20.-24 

5,6 

1,4 

0,.S5 

J 

—  0,039 

B. 

lO.IV.— 20.IV. 
20.-24. 

6,8 
9,6 

6,8 

0,68 

}  0,686 

-f  0,006 
 0  rti  d 

  U,Ui^ 

A. 

29.  III— 2.  IV. 

1,4 

t,4 

0,350 

-f  0,104 

Merulius 

2.— (•). 

3,1 

1,7 

0,425 

-1-  0,029 

Silvester 

6.-10. 

5,0 

1,9 

0,475 

0,454 

—  0,021 

10.— 20. 

10,1 

5,1 

0,510 

—  0,056 

20.— 24. 

12,0 

1,9 

0,475 

—  0,021 

B. 

2.5  III.— 29.  III. 

1,4 

1,4 

0,35 

-1-  0,28 

29.  III.— 2.  IV. 

3,0 

1,6 

0,40 

-1-  0,23 

2.-6. 

6,0 

3,0 

0,75 

.  0,630 

—  0,12 

6.-10. 

8,4 

2,4 

0,60 

-t-  0,03 

10.-20. 

15,9 

7,5 

0,75 

—  0,12 

20.-24. 

18,9 

3,0 

0,75 

—  0,12 

t  =  11,00  C. 

A. 

31.III.-4.IV. 

1,6 

1,6 

0,400 

-f  0,204 

Merulius 
lacrymans 

4.-8. 
8.-20. 

3,2 
11,6 

1,6 
8,4 

0,400  i 
0,700  1 

j  0,f  04 
1 

■\-  0,204 
—  0,096 

20.— 24. 

14,5 

2,9 

0,725  1 

—  0,121 

40 


Karl  Hoffmann, 


[6] 


Spezies 

Zeit  des 
WachstuiDS 

g  Sic 

O 
mm 

SlJO  03 
1 

1-3  N 

mm 

00 

s  1 
^  t 

S 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

A. 

23.III.— 27.III. 

1,5 

1,5 

0,375 

—  0,016 

Merulius 

27.— 31.  ' 

3,0 

1,5 

0,375 

—  0,016 

silvcstcv 

31.111.— 4. IV. 

4  5 

1,5 

0,375 

0,359 

—  0,016 

4.-8. 

5,5 

1,0 

0,250 

+  0,109 

8.-20. 

10,0 

4  5 

0,375 

 0,016 

20.— 24. 

11,5 

1,5 

0,375 

—  0,016 

^  =  24,00  C. 

A. 

27.  III.— 29.  III. 

2,5 

2,5 

1,25 

-f-  0,68 

Merulius 

29.-31. 

5,4 

2,9 

1,45 

+  0,48 

lacrymans 

31.III.-2.IV. 

9,8 

4,5 

2,25 

—  0,32 

2.-4. 

1 1  1 

14,1 

1  Q'i 

 n  *>9 

4.-6. 

18,2 

4,1 

2,05 

—  0,12 

6.-  8. 

22,6 

4,4 

2,20 

—  0,27 

8.— 10. 

27,0 

4,4 

2,20 

—  0,27 



A. 

25.III.-27.III. 

6,3 

6,3 

3,15 

+  0,06 

Merulius 

27.-29. 

12,9 

6,6 

3,30 

-  0,09 

Silvester 

29.-31. 

19,2 

6,3 

3,15 

3,21 

+  0,06 

31.  III.— 2.  IV. 

25,5 

6,3 

3,15 

+  0,06 

2.-4. 

31,9 

6,4 

3,20 

+  0,01 

4.-6. 

38,5 

6,6 

3,30 

-0,09 

t  =  26,00  c. 

A. 

23. III.— 25.111. 

2,9 

2,9 

1,45 

—  0,04 

Merulius 

25.-27. 

6,0 

3,1 

1,55 

—  0,14 

Silvester 

27.-29. 

8,8 

2,8 

1,40 

+  0,01 

29.— 31. 

11,9 

3,1 

1,55 

—  0,14 

31.  III.— 2.  IV. 

13,6 

hl 

0,85 

1,41 

+  0,56 

2.-4. 

16,3 

%' 

1,35 

+  0,06 

4.-6. 

18,9 

2  6 

1,30 

+  0,11 

6.-8. 

22,1 

3  2 

1,60 

—  0,19 

8.-10. 

25,4 

3,3 

1,65 

—  0,24 

B 

25.  III.— 27.111. 

5,4 

5,4 

2,70 

+  1,34 

27.-29. 

12,6 

',2 

3,60 

+  0,44 

29.-31. 

21,2 

8,6 

4,30 

4,04 

—  0,26 

31.  III.— 2.  IV. 

30,8 

9,6 

4,80 

—  0,76 

2.-4. 

1  40,4 

9,6 

4,80 

-0,76 

Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  41 


Merulius  lacrymans  ergab  in  dieser  Zeit  der  Beobach- 
tungen bei  2G,0"  C.  keine  genauen  Werte  für  das  Wachstum. 
Von  den  5  angesetzten  Kulturen  dieses  Pilzes  Uelsen  drei 
ein  geringes  Wachstum  erkennen;  dies  war  aber  so  schwach, 
dafs  genaue  Messungen  nicht  vorgenommen  werden  konnten. 
Doch  wird  das  Wachstum  des  Merulius  lacrymans  bei  26*'  C. 
noch  später  behandelt  werden. 

Leider  wurden  die  Vergleichskulturen  für  Merulius 
lacrymans  und  3Ierulius  Silvester  für  ^  =  110  und  ^  =  24" 
verunreinigt,  so  dafs  die  Resultate  nicht  brauchbar  waren 
und  aus  diesem  Grunde  nicht  zur  Beobachtung  des  Längen- 
wachstums herangezogen  werden  konnten. 

Wenn  wir  die  erhaltenen  Werte  mit  denen  vergleichen, 
die  Falck*)  bei  seinen  Untersuchungen  bekommen  hat, 
so  ergeben  sich  wesentliche  Abweichungen.  Nach  seinen 
Wachstumskurven  würde  sich  die  tägliche  Wachstums- 
zunahme für  Merulius  lacrymans  und  Merulius  Silvester 
bei  7,0"  C.  auf  ca.  1,7  mm  und  1,5  mm  stellen,  bei  II"  auf 
2,7  mm  und  2,6  mm,  bei  24"  auf  3,2  mm  und  6,2  mm,  bei 
26,0"  auf  0,0  mm  und  6,9  mm.  Von  allen  diesen  Werten 
stimmt  mit  meinen  Berechnungen  mit  Ausnahme  des  Merulius 
lacrymaus  bei  26 "  nicht  ein  einziger  Uberein. 

Zur  Erklärung  dieses  verschiedenen  Verhaltens  der  Pilz- 
kulturen kann  folgendes  angeführt  werden.  Einerseits  liegt  der 
Gedanke  nahe,  dafs  das  Kultursubstrat  dieses  verschiedene 
Wachstum  bedingt.  Falck  hatte  als  Nahrung  den  Pilzen 
ein  festes  Gelatine-  oder  Agar -Agar -Nährsubstrat  gegeben 
und  hierzu  10 o/o  Malzextrakt  hinzugesetzt,  während  mein 
Nährboden  aus  95 "/o  Bierwürze  und  5Vü  Agar-Agar  bestand. 
Hiermit  käme  ich  aber  in  Widerspruch  zu  dem  von  Falck  2) 
aufgestellten  Längenwachstumsgesetz:  „Die  Längenwachs- 
tumswerte und  die  bedingenden  Wachstumskräfte  sind  von 
dem  jeweiligen  Ernährungszustande  resp.  der  Ernährungs- 
gröfse  des  Myceliums  in  weiten  Grenzen  unabhängig."  Auch 
kann  auf  mein  Nährsubstrat  die  von  Falck  gleichzeitig 
gegebene    Anmerkung:  3)    „Der   Nährstoffmangel  erreicht 

1)  Vgl.  Falck,  S.  92  und  86. 
Ebenda  S.  119  und  120. 
Ebenda  S.  120. 


42 


Karl  Hoffmann, 


[8] 


natürlich  eine  Grenze,  bei  welcher  selbstverständlich  auch 
das  Längenwachstum  beeinträchtigt  wird"  nicht  angewandt 
werden.  Denn  der  von  mir  benutzte  Nährboden  hat  sich 
stets  bewährt  und  gestattet  ein  sehr  ergiebiges  und  kräftiges 
Wachstum.  Auch  von  grolsem  Wassermangel  kann  bei  der 
angegebenen  Zusammensetzung  nicht  die  Rede  sein. 

Die  andere  Möglichkeit,  das  so  auffallend  verschiedene 
tägliche  Längenwachstum  meiner  Pilzkulturen  zu  erklären, 
ist  die  Annahme  einer  verhältnismäfsig  grofsen  individuellen 
Abweichung  im  Längenwachstum  bei  derselben  Pilzspezies. 
Diese  individuelle  Abweichung  kann  sowohl  darin  zum  Aus- 
druck kommen,  dafs  Pilze  verschiedener  Herkunft,  denen 
die  gleichen  Bedingungen  für  ihr  Wachstum  geboten  werden, 
in  ungleichem  Mafse  wachsen,  als  auch  darin,  dafs  es 
möglich  ist,  durch  fortdauernde  Kultur  und  Gewöhnung  an 
ein  bestimmtes  Nährmaterial  ein  gesteigertes  resp.  ver- 
mindertes Wachstum  der  Mycelien  zu  erhalten.  Es  ist 
allerdings  zu  bemerken,  dafs  die  tägliche  Wachstumszunahme, 
in  kleinen  Zeitabschnitten  gemessen,  eine  verhältnismäfsig 
konstante  ist,  so  dafs  für  eine  gewisse  Zeit  ein  guter  Mittel- 
wert gewonnen  werden  kann.  Dem  gegenüber  ist  aber 
gleichzeitig  festzustellen,  dafs  diese  Konstanz  nie  durch 
monatelange  Kultur  hindurch  beobachtet  werden  kann.  Ich 
weise  aus  diesem  Grunde  auch  auf  die  Resultate  von  Falck 
hin,  aus  dessen  Ubersichtstabelle ')  klar  hervorgeht,  dafs  die 
Gleich mäfsigkeit  im  Längenwachstum  keine  absolute  ist, 
dafs  also  auch  schon  in  kleineren  Zeitintervallen  Unter- 
schiede auftreten,  die  bei  längerer  Dauer  der  Kultur  sich 
verstärken.  Auch  ein  Vergleich  der  von  Falck  2)  angeführten 
acht  Versuche  über  die  Waehstumszunahine  von  Merulius 
Silvester  zeigt  deutlich,  dafs  tatsächlich,  wenn  auch  nur 
geringe,  Unterschiede  im  Längenwachstum  von  Merulius 
Silvester  „vom  Zaum"  und  „aus  dem  Walde"  vorhanden 
sind.  Nach  der  von  Falck  angegebenen  Tabelle^)  berechnet 
sich  die  Mittelzahl  der  Röhrchen  des  Merulius  Silvester 


')  Vgl.  Falck,  S.  76. 

2)  Ebenda  S.  75. 

3)  Ebenda  S.  73. 


Wachstuinsverhältnisse  einiger  hoizzerstürenden  Pilze.  43 


„vom  Zaun"  auf  1,15,  „vom  Walde"  auf  1,09,  während 
die  gröfisten  Abweichungen  durch  1,28  resp.  1,03  dargestellt 
werden.  Beide  Pilze  waren  seit  langer  Zeit  in  Kultur;  ein 
Mycel  seit  12,  das  andere  seit  IG  Monaten.  Trotzdem  läfst 
sich  nach  dieser  Zeit  noch  ein  Unterschied  feststellen,  der 
unmöglich  ganz  übersehen  werden  kann.  Wenn  ich  auf 
Grund  meiner  Beobachtungen  und  auf  Grund  der  FAiX'Kschen 
Untersuchungen  dazu  komme,  die  zeitliche  und  individuelle 
Konstanz  in  dem  oben  angegebenen  Sinne  zu  bezweifeln,  so 
stelle  ich  mich  dadurch  in  Gegensatz  zu  Faix'K,  der  die 
zeitliche  und  individuelle  Konstanz  der  Wachstumswerte 
eines  Pilzes  unter  bestimmten  konstanten  Bedingungen  als 
eine  absolute  annimmt. 

Um  nachzuweisen,  dafs  der  Nährboden,  also  sein  Gehalt 
an  für  den  Pilz  zugänglichen  Nährstoffen,  auch  für  die  von 
mir  untersuchte  biologische  Pilzgruppe  sehr  wesentlich  und 
sehr  wichtig  ist,  habe  ich  bei  einigen  Parallelversuchen 
einen  Nährboden  aus  dunkler  Bierwürze  benutzt.  Diese 
Bierwürze  wurde  ebenfalls  mit  5'Vo  Agar-Agar  vermischt 
Es  erschien  mir  unnötig,  weitere  Versuche  mit  verschiedenen 
Variationen  des  Nährsubstrates  zu  machen,  da  die  auch 
weiterhin  sehr  grofse  Abweichung  im  Längenwachstum 
meiner  Pilzkulturen  von  denen  Falcks  die  Abhängigkeit 
des  Längenwachtums  vom  Nährboden  aufs  klarste  beweist. 
Wenn  Falck  im  Verlauf  seiner  Untersuchungen')  zu  dem 
Resultat  kommt,  dafs  seine  Wachstumsversuche  auf  einem 
Substrat  mit  verschiedenen  Nährstoffmengen  „unzweideutig 
die  völlige  Unabhängigkeit  des  Längenwachstums  von  dem 
Einflufs  der  Ernährungsgröfse"  beweisen,  so  ist  dagegen 
doch  mancherlei  einzuwenden.  Einmal  zeigten  meine  Kultur- 
versuche auf  einem  anderen  Nährboden  stets  andere  Wachs- 
tumsgröfsen  als  Falck  erhielt;  ferner  beweist  die  Tatsache, 
dafs  das  FAi.CKsehe  Substrat,  wenn  es  mit  l^/o,  IC/o  oder 
20''/o  Nährstoffen  beschickt  war,  eine  fast  gleiche  Wachs- 
tumszunahme des  hierzu  untersuchten  Pilzmycels  zuliefs, 
garnichts.  Denn  jeder  Pilz  kann  nur  die  Nährstoffe  verwerten, 
die  er  tatsächlich  aufnehmen  kann.    Alles,  was  über  das 


0  Vgl.  Falck,  S.  119. 


44 


Karl  Hoffmänn, 


[10] 


Optimum  an  Nährstoffgehalt  hinausgeht,  ist  für  ihn  von 
keiner  ernährungsphysiologischen  Bedeutung.  Die  Versuche 
von  Falck  beweisen  nur,  tlafs  ein  Nährstoffgehalt  von  20  "/o 
dem  Wachstum  des  Pilzes  in  keiner  Weise  mehr  förderlich 
wa.r,  als  einer  von  Io/q.  Demnach  variierte  tatsächlich  der 
Gehalt  an  Nährstoffen  nicht  in  „sehr  weiten",  sondern  in 
relativ  engen  Grenzen,  und  die  FALxcschen  Untersuchungen 
lehren  nur,  dafs  ein  Nährstoffgehalt  eines  Substrates  über 
das  Optimum  hinaus  das  Längenwachstum  der  Pilzmycelien 
in  merklicher  Weise  nicht  beeinflufst.  Dafs  dagegen  Unter- 
schiede im  Längenwachstum  auftreten,  wenn  Nährstoffmangel 
vorhanden  ist,  bemerkt  auch  Falck. ') 

Die  zweite  Möglichkeit,  dafs  die  individuelle  Ab- 
weichung meiner  Pilze  von  denen  Falck s  eine  so  grofse 
ist,  wie  aus  dem  Vergleich  meiner  Resultate  mit  denen  Falck  s 
hervorgeht,  wurde  in  der  Weise  geprüft,  dafs  die  Pilze,  welche 
im  März  und  April  auf  ihr  Längenwachstum  hin  bei  24" 
und  26  ö  untersucht  wurden,  nochmals  im  Mai  denselben 
Bedingungen  unterworfen  wurden.  Ich  mufs  darauf  hin- 
weisen, dafs  es  allerdings  möglieh  ist,  dafs  die  Verschieden- 
heiten, die  sich  hierbei  herausstellen  werden,  auch  auf  die 
verschiedene  Bierwürze  zurückgeführt  werden  können.  Denn 
eine  Brauerei  kann  unmöglich  zu  verschiedenen  Zeiten 
absolut  identische  Bierwürze  liefern.  Doch  kann  diese 
Rückführung  nur  zum  Teil  geschehen;  denn  gerade  die  Be- 
obachtungen des  Längenwachstums  von  Merulius  lacrymans 
bei  26"  weisen  mit  Nachdruck  daraufhin,  dafs  durch  Kultur 
das  Längenwachstum  gesteigert  werden  kann.  Auch  wurde 
eine  Kultur  von  Merulius  lacrymans,  die  im  März  und  April 
bei  24"  beobachtet  worden  war,  unter  denselben  Bedingungen 
im  Mai  kultiviert.  Die  Bierwürze  war  die  gleiche,  der  Pilz 
war  derselbe,  und  doch  war  im  Mai  ein  wesentlich  ge- 
steigertes tägliches  Längenwachstum  zu  bemerken.  Die 
Beobachtungen  mögen  der  bequemeren  Ubersicht  wegen  in 
Tabellen  folgen. 


1)  Vgl.  Falck,  S.  119  und  1'2(). 


[11]      Wachstumaverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  45 
t  =  24,0»  C. 


Spezies 

Zeit  des 

samt- 

Inge 

Längen- 
zuwachs 

1 

CO 

Mittel- 

Ab- 

Wachstums 

O 

N 

wert 

weichungen 

mm 

mm 

mm 

A. 

15.  III.— 17.  III. 

8.2 

8,2 

4,10 

+  7,95 

Coniophora 

17.— 19. 

21,9 

13,7 

6,85 

+  5,20 

cerebella  I 

19.— 21. 

30,4 

14,5 

7,25 

+  4,80 

21.— 23. 

53,9 

17,5 

8,75 

4-  3,30 

OO   OK 

Zu.  Äl), 

74,8 

20,9 

25.-27. 

100,2 

25,4 

12,70 

—  ü,65 

27.-29. 

123,7 

23,5 

11,75 

12,05 

+  0,30 

29.-31. 

151,9 

28,2 

14,10 

—  2,05 

31.1II.-2.IV. 

175,4 

23,5 

11,75 

+  0,30 

2.-4. 

198,5 

23,1 

11,55 

+  0,50 

B. 

15.III.— 17.III. 

8,9 

8,9 

4,45 

+  6,66 

17.— 19. 

18,4 

9,5 

4,75 

+  6,36 

19.— 21. 

30,2 

11,8 

5,90 

+  5,21 

21.-23. 

41,8 

11,6 

5,80 

4-  5,31 

23.-25. 

57,8 

16,0 

8,00 

+  3,11 

79,4 

21,6 

1  n  ü(\ 

1  U,oU 

_L  A  Q  1 
+  0,<il 

27.-29. 

101,0 

21,6 

10,80 

!  11,11 

+  0,31 

29.— 31. 

125,3 

24,3 

12,15 

—  1,04 

31.III.-2.IV. 

145,4 

20,1 

10,05 

—  1,06  • 

2.-4. 

168,9 

23,5 

11,75 

—  0,64 

A 

JA. 

01  TTT     9^  TTT 

L  ]  .  in.  ZO.  Iii. 

9,1 

9,1 

+  7,Ü4 

Coniophora 

23.-25. 

27,2 

18,1 

9,05 

+  2,54  ■ 

cerebella  IJ 

25.-27. 

50,1 

22,9 

11,45 

+  0,14 

27.-29. 
29.-31. 

72,9 
96,4 

22,8 
23,5 

11,40 
11,75 

1 

>  11,59 

+  0,11 
—  0,16 

31.  III.— 2.  IV. 

119,9 

23,5 

11,75 

) 

—  0,16 

B. 

1.5.  III.— 17.  III. 

12,0 

12,0 

6,00 

+  5,71 

17.-19. 

28,2 

16,1 

6,05 

+  3,66 

19.-21. 

46,2 

18,0 

9,00 

+  2,71 

21. — 23. 

67,1 

20,9 

10,45 

+  1,26 

23.-25. 

90,6 

23,5 

11,75 

1 

—  0,04 

25.-27. 
27.-29. 

114,1 
138,2 

23,5 
24,1 

11,75 
12,05 

[  11,71 

—  0,04 

—  0,34 

29.-31. 

163,1 

24,9 

12,45 

—  0,74 

31.  III.— 2.  IV. 

186,8 

23,7 

11,85 

1 

—  0,14 

46 


Karl  IIoffmann, 


[12] 


Spezies 

Zeit  des 

samt- 
,nge 

vachs 

Ol 

Mittel- 

Ab- 

Wachstums 

mm 

mm 

mm 

wert 

weichungen 

A. 

25.  III.- 27.  III. 

10,6 

10,6 

5,40 

+  0,21 

Polyporus 

27.-29. 

22,4 

11,8 

5,90 

—  0,29 

destrudor 

29.-31. 

o4,y 

1  0 

1  z,ü 

6,25 

—  0,64 

31.111.— 2.  IV. 

43,8 

8,9 

4,45 

5,61 

+  1,16 

2.-4. 

57,2 

13,4 

6,70 

—  1,09 

4.-6. 

67,1 

9,9 

4,95 

+  0,66 

6.-8. 

77  8 

10,7 

5,35 

+  Ü,26 

8.-10. 

89,8 

12,0 

6,00 

—  0,39 

A. 

19.  III.— 21.  III. 

2,6 

2,6 

1,30 

+  0,04 

Polyporus 

21.-23. 

5,2 

2,6 

1,30 

+  0,04 

vulgaris 

23.-25. 

8,1 

2,9 

1,45 

—  0,11 

25.-27. 

11,9 

3,8 

1,90 

—  0,56 

27.-29. 

14,8 

2,9 

1,45 

—  0,11 

29.-31. 

17,3  , 

2,5 

1,25 

}  1,34 

+  0,09 

3l.III.-2.IV. 

19,8 

2,5 

1,25 

+  0,09 

2.-4. 

2  4 

1,20 

+  0,14 

4.-6. 

24,4 

2,2 

1,10 

+  0,24 

6.-8. 

26,9 

2  5 

1,25 

+  0,09 

8.-10. 

29,5 

2  6 

1,30 

+  0,04 

A. 

31.II1.-2.IV. 

6,8 

6,80 

3,40 

—  0,97 

Polyporus 

2.-4. 

11,5 

4,75 

2,38 

1 

+  0,05 

■  serialis 

4.-6. 

14,4 

2,90 

1,45 

+  0,98 

6.-8. 

19,6 

5,20 

2,60 

j2,43 

—  0,17 

8. — 10. 

24,3 

4,70 

2,35 

+  0,08 

A. 

23.  III.— 25.111. 

5,1 

5,1 

2,55 

+  0,27 

Paxillus 

25.-27. 

10,3 

5,2 

2,60 

1 

+  0,22 

achermi- 

27.-29. 

16,1 

5,8 

2,90 

—  0,08 

tius 

29.-31. 

21,9 

5,8 

2,90 

1 

—  0,08 

31.1II.-2.IV. 

27,1 

5,2 

2,60 

>2,82 

+  0,22 

2.-4. 

32,3 

5,2 

2,60 

1 

+  0,22 

4.-6. 

37,8 

5,5 

2,75 

1 

+  0,07 

6.-8. 

44,2 

6,4 

3,20 

1 

—  0,38 

8.— 10. 

50,7 

6,5 

3,25 

-0,43 

Wachstiimsverhiiltnissc  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  47 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

q  45 

O 
mm 

■  tn 
0  J3 

aj  o 
bD  CS 

1 

mm 

So  g 

es  > 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

B. 

23.111.-25.111. 

2,4 

2,4 

1,20 

+  0,80 

Faxilliis 

25.-27. 

6,3 

3,9 

1,95 

+  0,05 

acherun- 

27.-29. 

9,7 

3,4 

1,70 

+  0,30 

tius 

29.— 31. 

12,9 

3,2 

1,60 

+  0,40 

3  I.III.— 2.  IV. 

16,3 

3,4 

1,70 

2,00 

+  0,30 

2.-4. 

21,2 

4,9 

2,45 

—  0,45 

4.-6. 

25,6 

4,4 

2,20 

—  0,20 

6.-8. 

30,7 

5,1 

2,55 

—  0,55 

8.— lü. 

35,9 

5,2 

2,60 

—  0,60 

Nacli  bereits  mitgeteilten  Beobachtungen  war  das  täg- 
liche Längenwachstum  für  Merulius  lacrymans  bei  24,0"  = 
1,93  mm,  für  Merulius  Silvester  =  3,21  mm. 


Es  mögen  jetzt  die  Kulturversuche  bei  t  =  26,0"  folgen. 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

i  W> 
®  .5 

o  ~ 

mm 

1  03 

Sic  03 

•S  ^ 
3 

mm 

"  1 
Sic  g 

^  g 
mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

A. 

19.III.— 21.III. 

19,4 

19,4 

9,70 

+  5,60 

Coniophora 

21.— 23. 

40,7 

21,3 

10,65 

+  4,65 

cerebella  I 

23.-25. 

73,4 

22,7 

1 1,35 

+  3,95 

(Röhre  = 

25.-27. 

104,6 

31,2 

15,60 

—  0,30 

29  cm) 

27.-29. 

134,6 

31,0 

15,50 

1 15,30 

—  0,20 

29.— 31. 

164,2 

29,6 

14,80 

+  0,50 

B. 

3  I.III.— 2.  IV. 

8,4 

8,4 

4,20 

+  2,42 

(Reagenz- 

2.-4. 

18,1 

9,7 

4,85 

+  1,57 

glas!) 

4.-6. 

31,2 

13,1 

6,55 

—  0,13 

6.-8. 

44,3 

13,1 

6,55 

|6,42 

—  0,13 

8.— 10. 

56,6 

12,3 

6,15 

+  0,27 

A. 

Coniphora 
cerebella  II 

29.  III.— 3  I.III. 
31.  III.— 2.  IV. 

2.-4. 

4.-6. 

17,4 
37,0 
58,2 
78,6 

17,4 
19,6 
21,2 
20,4 

8,70 

9,80 
10,60 
10,20  . 

1 10,20 

+  1,50 
+  0,40 
—  0,40 
+  0,00 

48 


Karl  Hofpmann, 


[14] 


Spezies 


Zeit  des 
Wachstums 


"»  .2 
mm 


bJO  =i 

1-3  N 

mm 


mm 


Mittel- 
wert 


Ab- 
weichungen 


B. 

Coniophora 
cerebellall 
(Reagenz- 
glas!) 


29.  III.- 
31.III.- 
2.- 
4.- 
6.- 


-31. III. 
-2.  IV. 
-4. 
-6. 
-8. 


12,0 
26,1 
41,2 
56,6 
72,0 


12,0 
14,1 
15,1 
15,4 
15,4 


6,00 
7,05 
7,55 
7,70 
7,70 


7,50 


+  1,50 
+  0,45 

—  0,05 

—  0,20 

—  0,20 


A. 

Polyporus 
destructor 


25.  III.- 
27.- 
29.- 
31.  III.- 
2.- 
4.- 
6.- 


-27.  III. 

-29. 

-31. 

-2.  IV. 

-4. 

-6. 


8.— 10. 


B. 

(Reagenz- 
glas !) 


25.  III.- 
27.- 
29.- 

31.III.- 


-27. III, 
-29. 
-31. 
-2.  IV. 


10,8 
21,3 
33,2 
46,3 
61,8 
76,7 
90,9 
106,1 

11,3 
22,7 
34,0 
45,6 


10,8 
10,5 
11,9 
12,9 
15,5 
14,9 
14,2 
15,2 

11,3 
11,4 
11,3 
11,6 


5,40 
5,25 
5,95 
6,45 
7,75 
7,45 
7,10 
7,60 

5,65 
5,70 
5,65 
5,80 


6,63 


5,70 


Polyporus 
serialis 


31.  III. 

2- 
4.- 
6.- 
8. 

31.  III 
2. 
4. 
6. 


-2.  IV. 

-4. 


—10. 

—2.  IV. 
—4. 


8.— 10. 


4,1 
7,9 
11,2 
19,0 
24,6 

3,7 
6,8 
10,8 
12,1 
15,3 


4,1 
3,8 
3,3 
7,8 
5,6 

3,7 
3,1 
4,0 
1,3 
3,2 


2,05 
1,90 
1,65 
3,90 
2,80 

1,85 
1,55 
2,00 
0,65 
1,60 


2,46 


^  1,53 


Polyporus 
vulgaris 


17.  III.- 
19.- 
21.- 
23.- 
25.- 
27.- 
29.- 
31.  III. 
2.- 
4.- 
6.- 


19.III 
-21. 
-23. 
-25. 
-27. 
-29. 
-31. 
-2.  IV. 
-4. 
-6. 


8.— 10. 


1,7 

3,5 
5,0 
6,7 
8,3 
10,0 
11,8 
13,5 
15,2 
16,9 
18,6 
20,3 


1,7 
1,8 
1,5 
1,7 
1,6 
1,7 
1,8 
1,7 
1,7 
1,7 
1,7 
1,7 


0,85 
0,90 
0,75 
0,85 
0,80 
0,85 
0,90 
0,85 
0,85 
0,85 
0,85 
0,85 


0,85 


fl5|       Wachstuinsverliiiltnisse  einiger  holzzerstürenden  Pilze.  49 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

i  ^ 
^  ist 
C5  " 

mm 

•  05 

»  ,ss 

a>  u 
bD  * 

mm 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

A. 

IT.III.— 19.111. 

4,1 

4,1 

2,05 

+  0,39 

Paxillm 

19.— 21. 

8,2 

4,1 

2,05 

+  0,39 

acheruv- 

21.— 23. 

12,3 

4,1 

2,05 

+  0,39 

tias 

23.-25. 

16,5 

4,2 

+  0,34 

2,10 

25.— 27. 

22,7 

6,2 

3,10 

—  0,66 

27.-29. 

29,9 

7,2 

3,60  i 

2,44 

—  l,l(i 

29.-31. 

34,2 

4,3 

2,15 

+  0,29 

31.  III.— 2.  IV. 

■  38,1 

3,9 

1,95 

+  0,49 

— 4. 

4(5, Z 

5,1 

2,55 

n  1 1 

— ■  U,J 1 

4.-6. 

48,4 

5,2 

2,60 

—  0,1(5 

6.-8. 

53,5 

5,1 

2,55 

—  0,11 

8.— 10. 

58,(i 

5,1 

2,55 

—  0,11 

Zu  meinem  Bedauern  mufste  ich  mich  bei  einigen 
Kulturen  mit  einer  einzigen  R(3hre  begnügen,  da  mein  Vorrat 
an  Kulturgläsern  ziemlich  beschränkt  war.  Die  Versuche 
zeigen  aber  sämtlich  mit  Ausnahme  des  Polyporus  serialis 
bei  26"  eine  gute  Ubereinstimmung,  wenn  man  die  Wachs- 
tumszunahme für  je  zwei  Tage  bei  jeder  Röhre  unter  sich 
vergleicht.  Falls  die  Längenzunahme  zunächst  zu  sehr  von 
dem  später  erreichten  konstanten  Wert  abwich,  so  wurden 
nur  die  letzten  Beobachtungen  dazu  benutzt,  um  einen 
mittleren  Durchschnittswert  zu  berechnen. 

Bei  (^oniophora  cerehella  1  und  //  und  Polyporus  de- 
structor  benutzte  ich  aufser  den  grofsen  Röhren  von  29  cm 
Länge  auch  gewöhnliche  Reagenzgläser,  die  mit  10  ccm 
Bierwürze-Agar  beschickt  waren.  Es  ist  auffällig,  dafs 
das  Wachstum  in  den  kleinen  Röhren  bei  weitem  geringer 
war  als  in  den  grofsen  Gläsern,  obwohl  derselbe  Nährboden 
genommen  wurde.  Diese  Erscheinung  wurde  gerade  bei 
Coniophora  cerehella  in  späterer  Zeit  nochmals  geprüft. 
Hingegen  wuchs  Polyporus  destructor  annähernd  gleich 
schnell  in  den  verschiedenen  Röhren. 

Es  mögen  jetzt  die  Beobachtungen  der  Wachstums- 
verhältnisse bei  denselben  Pilzen  bei  24"  und  26»  im  Monat 
Mai   folgen.    Zuvor  sei  bemerkt,  dafs  die  Pilze  in  der 

ZeitBOhr.  f.  Natui  wias.  Halle  a.  S.    Bd.  ti2.    1910.  4 


50 


KaiU.  llOFFMANN, 


Zwischenzeit  auf  meinem  gewöhnliehen  Nährboden  in  Petri- 
schalen bei  Zimmertemperatur  kultiviert  wurden.  Hierbei 
fiel  schon  auf,  dafs  die  Petrischalen  allmählich  immer 
schneller  bewuchseu.  Da  dies  Verhalten  aber  auch  an  der 
erhöhten  Temperatur  liegen  konnte,  war  es  unerläfslich, 
die  untersuchten  Pilze  nach  einer  gewissen  Zeit  unter  den- 
selben Bedingungen  zu  kultivieren. 


t  -  24,0". 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

w  ^ 

C5  ^ 
mm 

■  03 

<o  o 
mm 

1  °° 

"  "1 

^  fe 
«  t> 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 



A. 

30.  IV.— S.V. 

9  2 

9  2 

3,07 

—  0,96 

Merulms 

6. — 0. 

IAA 
10,0 

}  n  rv  iiwiti'Yk'k 

6.  8. 

28,9 

4  7 

2,35 

—  0,24 

8.— 10. 

25,0 

1  1 

0,55 

+  1  36 

\_J  Cl  ilJ  IJ 1  L 

10.  12. 

26,8 

1  8 

0,90 

+  1,21 

21.  IV. 

12.— 14. 

29,4 

2  6 

1,30 

2,11 

+  0,81 

14.-16. 

34,0 

4,6 

2,30 

—  0,19 

16.-18. 

38,7 

4,7 

2,35 

—  0,24 

18.-20. 

43,0 

4,3 

2.15 

—  0,04 

20.-22. 

46,4 

3,4 

1,70 

+  0,41 

B. 

30.  IV.— 3.  V. 

12,0 

12,0 

4,00 

—  1^89 

3  6_ 

23  0 

1 1,0 

3,67 

—  1,56 

21.  IV. 

tj   

25,9 

2  9 

1,45 

-|-  0,66 

8_  10. 

27,6 

1  7 

0,85 

-i-  1,26 

10.  12. 

29,9 

2  3 

1,15 

+  0,96 

12.  14. 

34,2 

4  3 

2,15 

2,11 

—  0,04 

14.— 16. 

38,8 

4,6 

2,30 

—  0,29 

16.-18. 

43,1 

4,3 

2,15 

—  0,04 

18.-20. 

44,0 

0,9 

0,45 

+  1,66 

20.-22. 

46,4 

2,4 

1,20 

+  0,91 

C. 

30.  IV.— 3.  V. 

4,6 

4,6 

1,53 

+  1,31 

Geimpft 

3.-6. 

19,2 

14,6 

4,87 

—  2,03 

22.  III. 

6.-8. 

25,1 

5,9 

2,95 

—  0,11 

8.— 10. 

28,1 

3,0 

1,50 

+  1,34 

10.— 12. 

30,4 

2,8 

1,15 

+  1,69 

12.-14. 

36,2 

5,8 

2,90 

2,84 

—  0,06 

14.-16. 

40,5 

4,3 

2,15 

+  0,69 

16.-18. 

47,8 

7,3 

3,65 

—  0,81 

IS.— 20. 

55,9 

8,1 

4,05 

—  1,21 

20.-22. 

62,4 

6,5 

3,25 

—  0,41 

Wachstumsverliiiltuisse  einiger  holzzcrstörenden  Pilze.  5l 


Spezies 

1 

Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Längen- 
zuwachs 

Tages- 
zuwachs 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

mm 

mm 

mm 

D. 

4.V.- 

-6.  V. 

1,2 

1,2 

0,60 

-f  0,38 

Merulius 

fi.— 

-8. 

3,7 

2,5 

1,25 

—  0,27 

lacrymans 

8.- 

-10. 

6,0 

2,3 

1,15 

—  0,17 

10.— 

-1 2. 

3,3 

I  ,bo 

—  0,67 

Dunkle 

12.— 

-14. 

1 1,6 

2,3 

1,15 

0,98 

—  0,07 

Bier- 

14.— 

-16. 

1  O 

1,8 

A  AA 
0,90 

+  0,08 

würze 

1  ().— 

-18. 

14,2 

0,8 

A  il  A 

0,40 

+  0,58 

(jreimpit 

1 

1  CS. — 

-zu. 

1  0 

1  7 

UjöO 

29.  IV. 

20.— 

-22. 

1,8 

0,90 

1     A  AQ 

+  U,Uo 

A. 

30.  TV.- 

-3.  V. 

12,0 

12,0 

4,00 

+  0,31 

Mertdiiis 

3.- 

-6. 

24,8 

12,8 

4,27 

+  0,04 

Silvester 

6.- 

-8. 

33,4 

8,6 

4,30 

+  0,01 

8.- 

-10. 

41,0 

7,6 

3,80 

—  0,49 

Geimpft 

1  A 

lU.— 

8,2 

/IIA 

4,10  1 

+  0,21 

21.  IV. 

1  0 

1  /I 

D7,y 

8,7 

4,00 

4,31 

—  0,04 

14.— 

-lo. 

d7,1 

9,2 

A  fiA 

4,oU 

—  0,29 

Ib.— 

-lö. 

/7,1 

•IAA 
10,1) 

C  A  A 

o,uo 

—  0,69 

1  fi 
1 8.— 

Olk 

84, ö 

7,7 

0,80 

-f-  0,4b 

20.- 

-II. 

A  1  A 

y4,u 

10,1 

o,0o 

A  T  1 



A. 

30.  IV. 

-3.  V. 

2.5,2 

25,2 

8,40 

-f  0,04 

l'olijporus 

3.- 

-6. 

49,8 

24,6 

O  O  A 

ö,2ü 

+  0,24 

destructor 

/» 

D.- 

Q 

-8. 

03,1 

10  1 

iy,o 

—  1,2) 

8.- 

-10. 

8ß,0 

16,9 

8,45 

—  0,01 

Geimpft 

10.- 

-12. 

103,1 

17,1 

8,55 

j.8,44 

—  0,11 

12.- 

-14. 

119,7 

16,6 

8,30 

1 

+  0,14 

14.- 

-16. 

136,4 

16,7 

8,35 

1 
j 

1     l\  AA 

-\-  u,uy 

16.- 

-18. 

151,9 

15,5 

7,75 

+  0,69 

B. 

4.  V  .- 

-  D.  V  . 

10,7 

1  c:  7 

(,8ö 

] 

-f  0,35 

Geimpft 

G.- 

-8. 

34,0 

18,3 

9,15 

j  8,20 

—  0,95 

9G  TV 

8.- 

-10. 

49,2 

15,2 

7,60 

} 

1  A 

-j-  u,du 

A. 

4.  V.- 

-6.  V. 

3,9 

3,9 

1,95 

-1-  0,36 

Polyporus 

6.- 

-8. 

9,8 

5,9 

2,95 

—  0,64 

vulgaris 

8.- 

-10. 

14,1 

4,3 

2,15 

1  2,31 

+  0,16 

Geimpft 

10.- 

-12. 

182 

4,1 

2,05 

+  0.26 

29.  IV. 

12.- 

-14. 

1  23,1 

4,9 

;  2,45 

—  0,14 

4* 


Karl  IIoffmann, 


[18] 


1 J  C  Z I  c  s 

Zeit  de.s 
Waclistuius 

q  0) 

CT  O 

mm 

o  ^ 

tO  ü 

P  & 

mm 

j  ^  g 
1  mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

A. 

30.  IV.— 3.  V. 

9,8 

9  8 

f 

3,27 

0  03 

P/1/ )/l  J/ll*)/  Q 

g  ß 

1 0,0 

o,oo 

  0  ft'l 

—  V,U  tj 

OCf  tut  Vö 

(5  g_ 

3,65 

  A  QS 

—  V^OO 

g   ]Q 

33,4 

6,3 

1  1  'S 

4-  rt  1  'S 
T  ",10 

]()  J2. 

39  1 

'S  7 

2,85 

3,30 

21.1V. 

12.-14. 

44,8 

5,7 

2,85 

+  0,45 

14.— 16. 

51,3 

6,5 

3,25 

+  0,05 

16.-18. 

58,7 

7,4 

3,70 

—  0,40 

18.-20. 

65,1 

6,4 

3,20 

+  0,10 

20.-22. 

72,5 

7,4 

3,70 

—  0,40 

B. 

30.  IV.-3.  V. 

18,2 

18,2 

6,07 

—  2,80 

ß  Pirnnft 

d  LLI  L/  L  Li 

3  6_ 

27,5 

9,3 

3,10 

21.  IV. 

(5  8. 

33,8 

U,  J 

3  15 

4-  0  1D 

8.— 10. 

39  9 

fi  1 

0,1 

3,05 

4-  0  99 

]0.  12. 

12—14. 

46,0 
52,8 

fi  7 
6,2 

3,35 
3,10 

3,27 

U,UÖ 

+  0,17 

14—16. 

60,2 

7,4 

3,70 

—  0,43 

16—18. 

67,1 

6,9 

3,45 

—  0,18 

18.-20. 

72,3 

5,2 

2,65 

+  0,62 

20.-22. 

80,4 

8,1 

4,05 

—  0,78 

A. 

30.  IV.- S.V. 

10,2 

10,2 

3,73 

—  0,96 

-X  ((■X'  K/Ii  ho 

3  

18,0 

7  8 

2  60 

4-017 

6  8. 

2fi  2 

8  2 

4,10  j 

_  1  33 

g  ]0 

30,9 

4  7 

2,35  ! 

4-  0  49 

Geimpft 

10  12. 

12.— 14 

36,1 
41,2 

5  2 
5,1 

2,60 
2,55 

2,77 

-4-0  17 
~r  VfL  t 

+  0,22 

22.  III. 

14.— 16. 

46,3 

5,1 

2,55 

+  0,22 

16.-18. 

52,2 

5,9 

2,95 

—  0,18 

18.— 20. 

56,8 

4,6 

2,30 

+  0,47 

20.-22. 

61,0 

4,2 

2,10 

+  0,67 

R 
x>. 

4  V  6.  V. 

6,0 

3,00  1 

 0,13 

6.-8. 

1 1,3 

5,3 

2,65 

4-  0  22 

Bier- 

O.        1  V. 

17,0 

7 

2,85 

4-  0  0'? 

würze 

IQ   12. 

11  1 

T  1 
0,1 

2,55 

4-  0  VI 

12.— 14. 

28,0 

5,9 

2,95 

2,87 

—  0,08 

Geimpft 

14.-16. 

33,9 

5,9 

2,95 

—  0,08 

29.  IV. 

16.-18. 

40,7 

6,8 

3,40 

—  0,53 

18.— 20. 

46,1 

5,4 

2,70 

+  0,17 

20.— 22.  1 

51,6 

5,5 

2,75 

+  0,12 

Wachstiinisverhältiiisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

q  0) 

"  .9 
O  " 
mm 

<  « 

■9  ^ 
mm 

.  « 

bD  g 

'■  « 
mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

C. 

4.  V.-6.  V. 

5,8 

5,8 

2,90 

—  0,14 

Paxillus 

(>.-8. 

11,7 

5,9 

2,95  ' 

—  0,19 

acherun- 

8.— 10. 

16,3 

4,6 

2,30 

+  0,46 

tius 

1(1.-12. 

21,4 

5,1 

2,55 

+  0,21 

Dunkle 

12.-14. 

27,4 

6,0 

3,00 

2,76 

—  0,24 

Bier- 

14.-16. 

32,8 

5,4 

2,70 

+  0,06 

würze 

It!  —18. 

3S,8 

6,0 

3,fi0 

—  0,24 

Geimpft 

18.-20. 

44,7 

5,9 

2,95 

—  0,19 

29.  IV. 

20.— 22. 

49,6 

4,9 

2,45 

• 

+  0,31 

t  =  26,0«. 


A. 

30.IV.-5.  V. 

18,1 

18,1 

3,62 

I    —  0,96 

Merulius 

5.-7. 

26,2 

8,1 

4,05 

—  1,39 

lacrymans 

7.-9. 

33,0 

6,8 

3,40 

—  0,76 

9.— 11. 

37,7 

ij 

2,35 

+  0,31 

Geimpft 

11.-13. 

40,4 

2,7 

1,35 

2,66 

+  1,31 

21.  IV. 

13.— 15. 

43,0 

2,6 

1,30 

+  1,36 

15.-17. 

47,1 

4,1 

2,05 

+  0,61 

17.— 19. 

50,8 

3,7 

1,85 

+  0,81 

19.-21. 

55,9 

5,1 

2,55 

+  0,11 

B. 

30.IV.-5.  V. 

18,7 

18,7 

3,74 

—  0,72 

Geimpft 

5.-7. 

24,8 

6,1 

3,05  i 

—  0,03 

21.  IV. 

7.-9. 

32,9 

8,1 

4,05 

—  1,03 

9.-11. 

42,6 

9,7 

4,85 

—  1,82 

II.— 13. 

51,8 

9,2 

4,60 

3,02 

—  1,58 

13.— 15. 

55,2 

3,2 

1,60 

+  1,42 

15  —17. 

57,0 

1,8 

0,90 

+  2,12 

17.— 19. 

59,7 

2,7 

1,35 

+  1,6" 

19.— 21. 

63,4 

2,7 

1,85  : 

+  1,67 

C. 

30.  IV.- 5.  V. 

16,2 

16,2 

3,21 

—  0,84 

Geimpft 

5. — 7. 

24,3 

8,1 

4,05 

—  1,65 

21. IV. 

7.-9. 

31,0 

6,7 

3,35 

—  0,95 

9.— 11. 

36,4 

5,4 

2,70 

—  0,30 

II. -13. 

37,9 

1,5 

0,75 

2,40 

+  1,65 

13.— 15. 

38,8 

0,9 

0,15 

+  1,95 

15.— 17. 

42,0 

3,2 

1,60 

+  0,80 

17.— 19. 

46,2 

4,2 

2,10 

+  0,30 

19.-21. 

50,5 

4,3 

2,15 

+  0,25 

54 


Kaul  Hoffmann, 


[20] 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

q  CD 

1  :° 

o  ~ 
mm 

'  Vi 

p  Ä 

OJ  ü 

^ 

-)  s 
mm 

B   Tages - 
B  Zuwachs 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

D. 

7.V.— 9.V. 

4,0 

4,0 

2,00 

—  0,35 

Meruliiis 

9.— 11. 

11,9 

7,9 

3,95 

—  2,30 

lacrymans 

11.— 13. 

16,2 

4,3 

2,15 

—  0,50 

Dunkle 

13.— 15. 

17,9 

1,7 

0,85 

1,65 

+  0,80 

rsipr  w  M  VI 

XJlCI  W  Lll  /iC 

1 0  n 

0,55 

4-  1  in 

lipim  T^f  (■ 
vjr  c  1 LU  Uli 

1  7   1  Q 

^v,0 

1  s 
1,.} 

0,65 

4-  1  on 

2<).  IV. 

1  ü   Ol 

91  1 

9  S 

1,40 

-f-  U,iJ 

A. 

30.IV.-5.V. 

16,3 

16,3 

3,26 

+  0,46 

Merulius 

5.-7. 

21,4 

5,1 

2,55 

+  1,17 

Silvester 

7.-9. 

2S,0 

6,6 

3,30 

+  0,42 

9.-11. 

36,0 

8,0 

4,00 

—  0,28 

Geimpft 

11.-13. 

44,1 

8,1 

4,05 

3,72 

—  0,33 

21.  IV. 

13—15. 

53,5 

9,4 

4,70 

—  0,98 

15.— )  7. 

60,6 

',1 

3,55 

+  0,17 

17.-19. 

69,3 

8,7 

4,35 

—  0,63 

19—21. 

78,1 

8,8 

4,40 

—  0,68 

B. 

5.  V.— 7.  V. 

4,2 

4,2 

2,10 

+  3,31 

Dunkle 

7.— 9. 

11,4 

7,2 

3,60 

+  1,81 

Bier- 

9.-11. 

20,9 

9,5 

4,75 

+  0,66 

würze 

11.— 13. 
13.-15. 

31,2 
42,6 

10,3 
11,4 

5,15 
5,70 

5,41 

+  0,26 
—  0,29 

Geimpft 

15.-17. 

53,9 

11,3 

0,DD 

—  0,24 

29.  IV. 

17.-19. 

64,0 

10,1 

5,05 

+  0,36 

19.— 21. 

76,3 

12,3 

6,15 

—  0,74 

C. 

9.  V.— 11.  V. 

3,8 

3,8 

1,90 

+  0,58 

Dunkle 

II.— 13. 

8,2 

4,4 

2,20 

+  0,28 

Würze 

13.-15. 
15  J7 

13,9 
IQ  n 

5,7 

T  1 

2,85 
2,55 

2,48 

—  0,37 
 0,07 

Gpinmft 

]  7  i9_ 

23,6 

4  ß 

2,30 

+  0  18 

29.  IV. 

]  9  2 1 

28,6 

5,0 

9  t^A 

 0^02 

A. 

5.  V.-7.V. 

12,2 

12,2 

6,10 

+  2,31 

Polyporus 

7.-9. 

27,4 

15,2 

7,60 

+  0,81 

destructor 

9.-11. 

42,3 

14,9 

7,45 

+  0,96 

Geimpft 

11.— 13. 
13.-15. 

58,9 
87,8 

16,6 
18,9 

8,30 
9,45 

>8,41 

+  0,11 
—  1,04 

21.1V. 

15.-17. 

95,0 

17,2 

8,60 

—  0,19 

17.-19. 

!  111,1 

16,1 

8,05 

+  0,36 

19.-21. 

129,9 

,  18,8 

9,40 

—  0,99 

Waclistiiiusverhältnisse  einiger  liolzzerstörenden  Pilze.  ^'^^^ 


Spezies 

Zeit  des 

AAT  ü  n  Vt  Q 1 1 1  m  Q 
VT  aUllCS l/UUio 

i  "> 

S  o 
mm 

P 

o  o 
ä  1 

1-3  N 

mm 

■ 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 

W   i  f*  h  1 1  Tl  ff"  P  Tl 

B. 

5.  V.-7.  V. 

12,0 

12,0 

6,00 

+  2,35 

Folyporus 

7.-9. 

28,1 

16,1 

8,05 

+  0,30 

(lestructor 

',).— 11. 

43,7 

15,6 

7,80 

+  0,55 

Geimpft 

11.— Ki. 
13.-15. 

60,7 
79,1 

17,0 
18,4 

8,50 
9,20 

>8,35 

—  0,15 

—  0,85 

21.  IV. 

15.-17. 

98,3 

19,2 

9,60 

—  1,25 

17.-19. 

115,4 

17,1 

8,55 

—  0,20 

19.— 21. 

128,9 

13,5 

6,75 

4-  1,60 

A. 

5.  V.— 7.V. 

1,9 

1,9 

0,95 

+  1,08 

Folyporus 

7.-9. 

5,2 

3,3 

1,65 

+  0,38 

vulgaris 

!).— II. 

9,4 

4,2 

2,10 

—  0,07 

Geimpft 

11.-13. 
13  —15. 

14,3 
18,0 

4,9 
3.7 

2,45 
1,85 

•  2,03 

1 

—  0,42 
+  0,18 

21.  IV. 

15.-17. 

22,0 

4,0 

2,00 

1 

+  0,03 

17.— 19. 

26,1 

4,1 

2,05 

) 

—  0,02 

19.— 21. 

30,3 

4,2 

2,10 

—  0,07 

B. 

5.  V.-7.  V. 

3,2 

3,2 

1,60 

+  0,53 

Geimpft 

7.-9. 

7,2 

4,0 

2,00  ' 

+  0,13 

21. IV. 

9.-11. 

12,0 

4,8 

2,40 

—  0,27 

11.— 13. 

15,6 

3,6 

1,80 

2,13 

+  0,33 

13.-15. 

20,2 

4,6 

2,30 

—  0,17 

15.-17. 

24,3 

4,1 

2,05 

+  0,08 

17.— 19. 

28,9 

4,6 

2,30 

—  0,17 

19.— 21. 

33,0 

4,1 

2,05 

+  0,08 

A. 

30.  IV.— 5.  V. 

11,4 

11,4 

2,28 

+  1,28 

Folyporus 

5.-7. 

20,4 

9,0 

4,50 

—  0,94 

serialis 

7.-9. 

29,8 

9,4 

4,70 

-1,14 

9.-11. 

38,2 

8,4 

4,20 

—  0,64 

Geimpft 

11.-13. 

42,0 

11,8 

5,90 

3,56 

—  2,34 

21.  IV. 

13.-15. 

47,0 

5,0 

2,50 

+  1,06 

15.-17. 

53,8 

6,8 

3,40 

4-  0,16 

17.— 19. 

59,2 

5,4 

2,70 

+  (),8ti 

19.-2I. 

66,3 

7,1 

3,55  ; 

+  0,01 

56 


Kaui-  Hoffmann. 


[22] 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

3  ? 
"  .5 

mm 

'  CO 

tu  o 

'S  g 

mm 

1   t*  ' 

03  J= 

O)  o 

c4  ^ 
pH  ö 
N 

mm 

i 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

B. 

30.  IV.-5.  V. 

11,4 

11,4 

2,28 

+  1,27 

Polyporns 

5.-7. 

22,8 

11,4 

5,70 

—  2,15 

serialis 

7.-9. 

26,4 

3,6 

1,80 

+  1,75 

iL— 11. 

31,5 

5,1 

2,55 

+  1,00 

Geimpft 
21.  IV. 

11.— 

13.— 15. 

40,3 
47,2 

8,8 
6,9 

4,40 
3,45 

3,55 

—  0,85 
-f  0,10 

15.— 17. 

.55,0 

7,8 

3,90 

—  0,35 

17.— 19. 

60,2 

5,2 

2,60 

+  0,95 

19. —  ZI. 

Aß  1 
00,1 

o,y 

A. 

5.  V.— 7.  V. 

5,1 

5,1 

2,55 

+  0,17 

Paxillus 

7.-9. 

9,9 

4,9 

2,45 

+  0,27 

acherun- 

9.-11. 

15,3 

5,4 

2,70 

+  0,02 

tius 

11.— 13. 

21,1 

5,8 

2,90 

>  2,72 

—  0,18 

13.— 15. 

27,0 

5,9 

2,95 

—  0,23 

Geimpft 

1 5. — 17. 

o3,ü 

D,U 

3,00 

—  0,iS 

91  TV 

17  10 

3S,U 

o,u 

*)  Pin 

1    A  00 

19. —  21. 

0,0 

2,/0 

A  AQ 

B. 

5.  V.— 7.  V. 

6,5 

6,5 

3,25 

—  0,31 

Geimpft 

7.-  9. 

12,1 

5,6 

2,80 

+  0,14 

21.1V. 

9.-11. 

18,5 

6,4 

3,20 

—  0,26 

11.-13. 
13.-15. 

24,0 
30,0 

5,5 
6,0 

2,75 
3,00 

2,94 

+  0,19 
—  ü,06 

15.-17. 

35,7 

5,7 

2,85 

+  0,09 

17.-19. 

41,4 

5,7 

2,85 

+  0,09 

19.  — 11, 

ATI 

47,1 

5,7 

1     l\  fi(\ 

-y-  u,uy 

A. 

30.  IV.— 5.  V. 

53,3 

53,3 

10,66 

+  0,54 

Coniophora 
cerebella  1 

5. — 7. 

7. — 9. 

74,6 
100,5 

Ol  'J 

21,3 
20,9 

1  A  ßC 
1Ü,00 

11,20 

+  U,5o 

1  '7K 
—  1 ,  /  D 

G.  21.  IV. 

9.-11. 

123,2 

22,7 

11,35 

) 

—  0,15 

B. 

5.  V.— 7.  V. 

17,9 

17,9 

8,95 

+  7,01 

Dunkle 

7.-9. 

47,6 

19,7 

14,85 

+  1,11 

Bierwürze 
Geimpft 

9.-11. 
11.— 13. 

80,0 
113,1 

32,4 
33,1 

16,20 
16,55 

1  15,96 

—  0,24 

—  0,59 

2!).  IV. 

13.-15. 

145,6 

32,5 

1  '6,25 

—  0,29 

Wachstumsverliältnisse  einiger  holzzerstörenden  rilze.  57 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

a  * 

o  " 
mm 

03  O 
bC  =« 

mm 

"  'S 
fae  « 

C8  ? 

r  ■  ^ 

ta 

mm 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

A. 

30.  IV.— 5.  V. 

50,8 

50,8 

10,27 

^  1,75 

Coniophora 

5—7. 

70,1 

19,3 

9,65 

+  2,37 

cevebella  II 

i .  —  \y . 

91  1 

1  1  w 

4-  (1  4.7 

Geimpft 

U       1  1 

1  1  Sä 

9^  1 

19 

^  1  9  09 

—  0,53 

■)1  TV 
ZI.  i  V  . 

119  9 

91  Q 

1  1 

4-  0  07 

B. 

5.  V.-7.  V. 

9,6 

9,6 

4,80 

+  9,98 

Dunkle 

7.-9. 

27,4 

17,8 

8,90 

+  5,82 

Bier- 

9.-11. 

50,8 

23,4 

11,70 

+  3,02 

würze 

11.  — 13. 

/7,1 

2h,d 

1  O,  lt> 

J_   t  fi7 

-T  l,ö  ' 

Geimpft 

13.-15. 

106,8 

29,7 

1 4,85 

—  0,13 

29.  IV. 

15. --17. 

136,0 

29,2 

14,60 

j  14,72 

+  0,12 

17.— 19. 

165,6 

29,4 

14,70 

+  0,02 

4.  Abweichungen  von  den  Resultaten  Faicks. 

Aus  diesen  hier  mitgeteilten  Beobachtungen  und  Be- 
rechnungen geht  ein  mehrfaches  hervor.  Auch  für  diese 
Versuche  stimmt  das  Längenwachstum  meiner  Pilzkulturen 
nicht  mit  den  Berechnungen  von  Falck')  Uberein.  Im 
allgemeinen  konstatierte  ich  allerdings  auch  eine  sehr  grofse 
Regelmäfsigheit  im  Vordringen  der  Myeelien;  aber  es  sind 
auch  einige  wesentliche  Ausnahmen  zu  berücksichtigen,  die 
später  ihre  Besprechung  finden  sollen.  Nach  den  Kurven 
von  Falck-)  hat  Merulius  lacrymans  bei  24"  resp.  26"  C. 
ein  Längenwachstum  von  3,2  resp.  0,0  mm.  Meine  Be- 
obachtungen ergaben  bei  24"  an  zwei  Kulturröhren  über- 
einstimmend 2,11  mm,  eine  andere  Kultur  zeigte  2,84  mm, 
eine  vierte  nur  0,98  mm.  Noch  auffallender  ist  die  Ab- 
weichung meiner  Resultate  bei  26,0".  Merulius  lacrymans 
zeigte  hier  ein  kräftiges  Wachstum;  das  Mycel  war  sogar 
recht  dicht  gewachsen,  dichter  als  bei  24,0".  Wenn  wir  die 
berechneten  Durchschnittswerte  betrachten,  so  erhalten  wir 


')  Vgl.  Falck,  S.  80  und  92. 
2)  Ebenda  S.  92. 


58 


Kaki.  IIoffmann, 


[24] 


immerhin  eine  recht  ansehnliche  tägliche  Wachstumszunahme. 
Der  Durchschnitt  aus  den  drei  Kulturen  auf  heller  Bier- 
würze ist  täglich  2,69  mm,  auf  duukeler  Würze  dagegen  nur 
1,65  mm. ')  Hiermit  ist  gleichzeitig  der  experimentelle  Nach- 
weis erbracht,  dals  es  möglich  ist,  durch  Kultur  den  Pilz 
an  höhere  Temperaturen  zu  gewöhnen,  als  er  beim  Beginn 
der  Untersuchungen  vertragen  konnte.  Merkwürdig  ist  ferner, 
dafs  der  Pilz  auf  dunkler  Bierwürze  bei  24"  und  26"  so 
bedeutend  schlechter  wuchs.  Da  dem  Mycel  ein  derartiges 
Nährmaterial  vorher  nicht  geboten  war,  scheint  dies  Verhalten 
darauf  hinzuweisen,  dafs  sich  jedes  Mycel  erst  an  einen 
bestimmten  Nährboden  gewöhnen  mufs. 

Vergleichen  wir  fernerhin  die  von  Falck  für  Merulius 
Silvester'')  berechneten  Wachstumsgröfsen  bei  24 <>  und  26" 
mit  meinen  Resultaten.  Er  findet  für  24  ":6,2  mm,  für 
26" :6,64  mm,  während  meine  Pilzkulturen  —  hierfür  ist 
aus  allen  Beobachtungen  der  mittlere  Wert  genommen  — 
4,31  mm  und  3,87  mm  täglich  wuchsen.  Schon  aus  diesen 
vergleichenden  Betrachtungen  geht  aufs  klarste  hervor,  dals 
die  Falck  sehe  ^)  Ansicht  von  der  Konstanz  der  Wachstums- 
gröfsen ohne  Berücksichtigung  der  Ernährungsgröfse  des 
dargebotenen  Kultursubstrates  nicht  richtig  sein  kann. 

Wir  wollen  jetzt  die  Wachstumsverhältnisse  der  an- 
geführten Pilze  bei  24"  und  26"  im  März  und  April  mit 
denen  im  Mai  vergleichen.  Hierbei  möchte  ich  bemerken, 
dafs  die  von  mir  benutzten  Thermostaten  täglich  sechs-  bis 
achtmal  kontrolliert  wurden  und  dafs  die  Temperatur- 
schwankungen im  Maximum  0,6"  betrugen.  Die  äufseren 
Bedingungen  waren  also  für  die  Pilzkulturen  zu  den  ver- 
schiedenen Zeiten  dieselben;  etwaige  Abweichungen  müssen 
auf  andere  Ursachen  zurückgeführt  werden. 

Dafs  Merulius  lacrymans  nach  wochenlanger  Kultur  bei 
26"  ein  anderes  Wachstum  zeigte  wie  vorher,  war  schon 
besprochen.  Besonders  möchte  ich  auf  eine  Kultur  hinweisen, 
die  vom  27.  III. — 10.  IV  ein  tägliches  Wachstum  von  1,93  mm 


*)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  (iO  und  61. 

Vgl.  Falck,  S.  8ti. 
3)  Ebenda  S.  119  und  120. 


[25|       VVaclisf  ums  Verhältnisse  eiiiiper  holzzcrstürenden  Pilze.  -^O 

bei  24"  zeigte.  Dieselbe  Knlturröhre,  die  in  der  Zwischen- 
zeit in  Zimmertemperatnr  gehalten  war,  zeigte  im  Mai  ein  täg- 
liches Durchschnittswachstnm  von  2,84  mnj.  Obwohl  in 
dieser  Zeit  der  Feuchtigkeitsgehalt  der  Luft  in  der  Kultur- 
röhre ein  geringerer  wurde,  wuchs  der  Pilz  nach  wochen- 
langer Gewöhnung  an  das  eine  Substrat  unter  denselben 
äufseren  Bedingungen  bedeutend  besser. 

Diese  auffallenden  Verhältnisse  —  das  bessere  Wachs- 
tum nach  wochenlanger  Kultur  auf  gleichem  Nährboden  — , 
die  auch  bei  den  anderen  untersuchten  holzzerstörenden 
Pilzen  beobachtet  werden  konnten,  mögen  der  besseren 
Ubersicht  wegen  in  einer  Tabelle  zusammengestellt  werden; 
hierbei  soll  das  Wachstum  in  den  einzelnen  Röhren  auch 
besonders  aufgeführt  werden;  Mittelwerte  aus  einzelnen 
Beobachtungen  wurden  nicht  berechnet.  In  der  letzten 
Kolonne  dieser  Tabelle  seien  die  Abweichungen  angeführt; 
wenn  es  im  Mai  besser  als  im  März  bis  April  war,  so  wurde 
die  Differenz  mit        im  anderen  Falle  mit  —  bezeichnet. 


Spezies 

Temperatur 

Tägliches  V 
März — April 
mm 

/'achstum  im 
Mai 
mm 

Abweichungen 
mm 

Merulius 
lacrymans 

24° 

26« 

1,93 
0,0 

2,11  2,11 
2,84  0,98 

2,66  3,02 
2,40  1,65 

4-0,18  +0,18 
+  0,91  —0,95 

+  2,66      +  3,02 
+  2,40      +  1,65 

Merulius 
Silvester 

240 
26" 

3,21 

1,41 
0,404 

4,31 

3,72 
5,41 
2,48 

+  1,10 

+  2,31  +3,316 
+  4,00      +  5,Ü06 
+  1,07      +  2,076 

Polyporus 
destrudor 

24» 
26« 

5,61 

6,63 
5,70 

8,44  8,15 

8,41 

8,35 

+  2,83      +  2,54 

+  1,78      +  2,71 
+  1,72  +2,65 

60 

Karl  Hoffmann, 

[26] 

ei 

Tägliches  Wachstum  im 

Spezies 

kl 
a> 
O. 

a 

März — April 

Mai 

AbweichuDgen 

H 

mm 

mm 

mm 

Fohjporus 

24» 

1,34 

2,31 

+  0,97 

vulgui'is 

26» 

+  1,18     +  1,28 

Folyporus 

24° 

2,43 

3,30  3,27 

+  0,87      +  0,84 

serialis 

20" 

2,46 

3,56 

+  1,10     +  2,03 
+  1,09     +  2,02 

Coniophora 

26" 

15,30 

11,20 

—  4,10     +  4,78 

cerebella  1 

1  K  Oft 

+  0,66      +  9,54 

Coniophora 

26» 

10,20 

12,02 

+  1  82     +  4  52 

cerebella  II 

7,50 

14,72 

+  4,52      +  7,22 

Paxillus 

2,82 

2,77 

—  0,05  +0,77 

acheruntius 

24» 

2,00 

2,87 

+  0,05      +  0,87 

2,76 

—  0,06     +  0,76 

26» 

2,44 

2,72 
2,94 

+  0,50 

Wenn  wir  diese  Gegenüberstellungen  in  der  Tabelle 
betrachten,  so  fällt  sofort  auf,  dafs  die  Verschiedenheiten 
im  Wachstum  der  Pilzmycelien  zu  verschiedenen  Zeiten 
ganz  beträchtliche  sind.  Im  allgemeinen  hat  das  Wachstum 
zugenommen  und  nur  bei  einer  verschwindend  kleinen  An- 
zahl hat  es  sich  nach  den  Tabellenwerten  vermindert.  Bei 
keiner  Spezies  ist  eine  allgemeine  Abnahme  im  Längen- 
wachstum zu  verzeichnen,  sondern  nur  bei  einzelnen  Röhren, 
die  sich  durch  ihr  kräftiges  Wachstum  von  vornherein  aus- 
zeichneten. Aber  auch  diese  Individuen  sind  nach  der 
wochenlangen  Kultur  von  derselben  Spezies  auf  nach  dem- 
selben Rezept  gebautem  Nährboden,  unter  denselben  Be- 
dingungen erwachsen,  in  der  täglichen  Längenwachstums- 
zunahme überflügelt  worden,  so  dafs  wir  zu  dem  Schlüsse 


Wiiplistiiuisverliiiltniasc  einif^er  holzzerstörenden  IMlze.  ßl 


berechtigt  sind:  Keiu  Pilzmyeel  liat  ein  konstantes  Waclis- 
tumsvermögen,  das  während  seiner  Kultur  invariabel  ist. 
Vielmehr  ist  es  bei  jedem  Filz  möglich,  ihn  durch  geeignete 
Kulturmethoden,  insbesondere  durch  fortdauernde  Gewöhnung 
an  einen  N.ährboden,  in  seinem  Wachstum  weiter  zu  fördern. 
Es  ist  allerdings  selbstverständlich,  dafs  das  Wachstum 
einmal  einen  Grenzwert  erreicht,  wo  eine  Wachtums- 
steigerung durch  Kultur  nicht  mehr  erreicht  werden  kann. 
Ferner  stehen  die  physiologischen  Punkte,  insbesondere  das 
Optimum  nicht  fest.  Es  kommt  darauf  an,  unter  welchen 
Bedingungen  der  Pilz  gelebt  hat,  wenn  wir  ihn  im 
Laboratorium  untersuchen.  Meine  Beobachtungen,  ins- 
besondere der  Versuch  mit  Kultur  von  Meriilms  lacrymans 
bei  26  f*,  zeigen  aufs  deutlichste,  dafs  der  Temperaturumfang 
eines  Pilzes  ebenfalls  variiert  werden  kaun.i) 

Auch  die  individuellen  Abweichungen  sind  bei  den 
untersuchten  Pilzmycelien  teilweise  ziemlich  bedeutend.  Ich 
weise  insbesondere  auf  die  verhältnismälsig  grolsen  Unter- 
schiede im  täglichen  Längenwachstum  bei  Merulius  lacrymans 
und  Merulius  Silvester  in  den  Beobachtungen  im  Mai  hin.  2) 
Mendius  Silvester  B  ist  nun  über  100  "/o  besser  gewachsen  als 
Merulius  Silvester  C  (bei  demselben  Nährboden  und  derselben 
Nährstolfmenge).  Im  allgemeinen  sind  diese  individuellen 
Abweichungen  nicht  so  grofs;  dies  liegt  an  den  gleichen 
Bedingungen  des  Wachstums.  Wenn  diese  aber  nur  in 
geringem  Mafse  sich  unterscheiden,  z.  B.  im  Feuchtigkeits- 
gehalt der  Luft,  so  zeigt  sich  die  Verschiedenheit  auch  im 
Längenwachstum.  Wirklich,  vollkommen  übereinstimmende 
Längenzuwachswerte  habe  ich  nur  in  seltenen  Fällen  erhalten. 

Aus  den  angeführten  Beobachtungen  geht  weiterhin 
aufs  klarste  hervor,  dafs  Falcks*)  Lehre  von  der  Kon- 
stanz der  Wachstumskraft  der  Pilzmycelien  (auch  in  der 
Kultur)  nicht  zu  Recht  besteht,  dafs  es  fernerhin  wesentlich 
auf  den  Nährboden  ankommt,  der  dem  Pilz  zur  Ver- 
fügung steht.    Ein  Ubermafs  an  Feuchtigkeit  z.  B.  schädigt 


')  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  59—61. 

Vgl.  oben  S.  53  und  54. 
3)  Vgl.  Falck,  S.  119  und  120. 


62 


Kahl  IIokfmann, 


[28] 


das  Wachstum  der  Pilze  schwer,  und  l)ei  Kulturen  in 
Petrischalen  ist  es  möglich,  dal's  reichlich  vorhandenes 
Kondenswasser  die  Ausbreitung-  des  Mycels  hemmt  und  eine 
kräftige  Entwicklung  hindert.  Derartige  Fälle  sind  mir  bei 
meinen  Kulturen  sehr  häufig  begegnet. 

Doch  wir  können  aus  den  mitgeteilten  Daten  noch 
mehr  ersehen.  Merulius  lacrymans  zeigt  in  seinem  zwei- 
tägigen Längenwachstum  sowohl  bei  24"')  als  auch  bei  26"'^) 
die  sonst  fast  allgemein  beobachtete  Konstanz  des  Längen- 
wachstums in  gleichen  Zeiträumen  nicht;  ebenso  z.  B.  Pnly- 
porus  seriaUs'^)  bei  26".  Dieses  auffällige  Verhalten  weist 
daraut  hin,  dal's  bei  den  angegebenen  Temperaturen  schon 
Schädigungen  im  Mycelwachstum  eintreten,  die  der  Pilz  erst 
überwinden  mufs,  um  dann  weiter  vordringen  zu  können. 

Wie  Pfeffer  nachgewiesen  hat,'')  haben  die  aus- 
geschiedenen Stoftwechselproduckte  nicht  nur  auf  die  repro- 
duktive, sondern  auch  auf  die  vegetative  Tätigkeit  ver- 
schiedener Pilzmyeelien  eine  hervorragende  und  entscheidende 
Bedeutung.  Während  Mucor  raceniosiis  und  einige  andere 
Mncor- Arten  im  Innern  einer  ihr  gebotenen  Zuckerlösung 
in  Form  von  hefeartigen  Sprossungen  wuchsen,  traten  sie 
au  der  Oberfläche  der  Nährlösung  ebenso  wie  auf  festen 
Nährböden  in  der  gewöhnlichen,  sporangienbildenden  Form 
auf.  Klebs  hat  gezeigt, dafs  auch  bei  Einwirkung  von 
Citronensäure  und  anderer  verschiedener  Bedingungen  diese 
Hefeformen  des  Mncor  auftraten.  Andere  Versuche,  welche 
Schultz,  Eiern acki,  Richbt^)  ausführten  und  welche  die- 
selben Verhältnisse  an  Hefe  und  Bakterien  gezeigt  hatten, 
veranlafsten  neben  eigenen  Untersuchungen  Pfeffer  zu  dem 
allgemeinen  Satz,  dafs  , verschiedene  Tätigkeiten  des  Stoff- 
und  Kraftwechsels  durch  kleine  Mengen  anorganischer  und 
organischer  Gifte  in  regulatorischer  Weise  beschleunigt 
werden."    Auch  die  Untersuchungen  von  Richards'')  an 

1)  Vgl.  oben  S.  50  und  51. 

2)  Ebenda  S.  53  und  54.  ^}  Ebenda  S.  55  und  56. 
")  Vgl.  Pfeffer,  Pflanzenphysiologie  II,  S.  135. 

^)  Vgl.  Klebs,  Bedingungen  der  Fortpflanzung,  1896,  S.  509. 
«)  Vgl.  Czapek,  Biochemie  II,  S.  892. 
')  Ebenda  S.  893. 


Waclisturasverliältnisse  einiger  liolz/.erstiircnden  Pilze.  0.^ 


Aspergillus  niger  beweisen,  dal's  die  Gesamttätigkeit  und 
einzelne  Funktionen  in  mannigfachster  Weise  durch  Qualität 
und  Quantität  der  Nährstott'e  und  Nährstoffgemische,  sowie 
durch  die  eigenen  Produkte  beeintlufst  werden.  Da  nach 
meinen  Resultaten  die  tägliche  Wachstumszunahme  gewissen 
Schwankungen  ausgesetzt  ist;  so  ist  der  Gedanke,  dal's  bei 
den  Pilzmycelien  derartige  Stotfweehselprodukte  Grund  für 
die  kleinen  Unregelmäfsigkeiten  im  Längenwachstum  sind, 
durchaus  nicht  von  der  Hand  zu  weisen. 

Wenn  auch  durch  das  kurze  Herausnehmen  der  Kulturen 
aus  dem  Thermostaten  bei  der  Kontrolle  kleine  Störungen 
im  Wachstum  bedingt  werden,  so  kann  bei  der  Beurteilung 
dieser  kleinen  Schwankungen  dieser  Fehler  nicht  in  Betracht 
kommen,  da  er  stets  in  gleichen  Intervallen  zu  denselben 
Zeiten  wiederkehrte  und  demnach  jedesmal  im  selben  Sinne 
wirken  mufste. 

Auch  ein  Vergleich  mit  den  Falck sehen  Resultaten 
zeigt  genau  dieselbe  Erscheinung. ')  Wenn  auch  die  Unter- 
schiede unter  einander  oft  sehr  gering  sind  und  ihre  genaue 
Abmessung  manchmal  ziemlich  schwierig  ist,  so  zeigt  doch 
die  stete  Wiederholung  dieser  Beobachtung  die  Tatsache 
aufs  deutlichste.  Wir  müssen  also  sagen,  dafs  die  Konstanz 
im  Längenwachstum  der  Pilzmycelien  nicht  diejenige  ist, 
welche  zu  erwarten  wäre.  Absolut  genommen  sind  die 
Unterschiede  oft  sehr  gering,  da  überhaupt  nur  kleine  Werte 
gemessen  wurden;  relativ,  prozentualiter  sind  die  Fehler 
und  Abweichungen  ziemlieh  bedeutend.  2)  Aus  diesem  Grunde 
kann  ich  mich  auch  mit  den  Schlüssen,  welche  Falck 
bezüglich  der  Speziesunterscheidung  auf  die  , konstanten" 
Wachstumsdaten  begründet  hat,  nicht  einverstanden  erklären. 
Wenn  ich  viele  Parallelversuche  mache  und  aus  allen  Be- 
rechnungen den  mittleren  Wert  nehme,  so  erhalte  ich 
Resultate,  von  denen  die  einzelnen  Beobachtungen  öfters 
allzusehr  abweichen.  Diese  Methode  schaltet  die  einzelnen 
Individuen  aus;  sie  erklärt  es,  dafs  Falck  seine  sehr 
fleifsigen  Beobachtungen  nicht  in   richtiger  Weise  inter- 


')  Vgl.  Falck,  S.  91. 

')  Vgl.  die  letzten  Kolonnen  in  den  Tabellen  auf  S.  ö9  und  GO. 


64  Kaui.  ITofpmann, 

pretierte  uutl  so  /u  seinen  Ansichten  über  die  vollkommene 
Konstanz  des  Wachstums  der  gleichartigen  Pilzraycelieu 
kam.  Die  individuellen  Abweichungen  sind,  wie  gezeigt, 
sehr  grofs  und  es  ist  daher  nicht  möglich,  sie  durch 
Mittelwertberechnungen  im  Einzelfalle  zur  Artbestimmung 
zu  benützen. 

Eine  weitere  Frage,  die  sich  bei  meinen  Untersuchungen 
ergab,  war  die  nach  der  Abhängigkeit  des  Mycelwachstums 
von  der  Form  der  Kulturgläser.  In  kleinen  Reagenzgläsern, 
die  mit  weniger  Nährmaterial  beschickt  waren,  als  die 
grofsen  Röhren,  war  das  Wachstum  geringer,  obwohl  der 
Nährboden  im  Verhältnis  zur  Gröl'se  der  Gläser  dieselben 
Höhenverhältnisse  zeigte,  i) 

Um  dieser  Beobachtung  näher  nachzugehen,  machte  ich 
Kulturversuche  mit  Coniophora  cerehellu  /  in  4  grofsen  Röhren 
(29  cm)  mit  35  ccm  Nährmaterial  und  8  kleinen  Röhren  mit 
10  ccm  Nährmaterial.  Diese  Kulturen  wurden  der  bequemeren 
täglichen  Kontrolle  wegen  auf  einem  Tisch  in  Zimmertem- 
peratur gehalten,  so  dafs  die  Temperaturverhältnisse  zwar 
verschieden,  aber  für  die  Röhren  die  gleichen  waren.  Die 
Zimmertemperatur  betrug  in  der  Beobachtungszeit  14 — 17  <>  C. 


[30] 


Coniophora  cerebella  I.    Geimpft  5.  V.  1909. 


Gesamtlänge  in  mm 


10.  11. 
V.  V. 


12. 
V. 


15.  16. 
V.  V. 


17.  I  18. 
V.  V. 


20.  21. 
V.  V. 


22. 
V. 


23. 
V. 


>-.  :o 


3 


4,7 
2,2 
3,3 
2,1 
1,8 
0,9 
3,9 
2,4 
2,9 
3,1 
3,0 
1,8 


5,3!  10,2 
4,8j  8,1 
5,1 110,0 
5,0|  8,4 
3,9  7,6 


15,4 


13,3  20,0125,0 


16,2 
13,0 
13,5 


27,9;35,5'42,1'49,5'57,2  66,1  73,2  80,4  89,6  99,2 
19,üi23,7'29,9!35,4'42,6  49,7  56,6  64,9  73,0  82,1 

92,0 
80,0 
86,1 
79,8 
85,4 


9,2  15,3  22,2 
5,4  8,7|l3,8 

7,l|12,5jl8.4  24,5|29,9|36,2|43,8|50,4|58,1|65,8|73,6:82,2 
4,2|  7,2 
5,0  9,2 
4,2;  8,0 


Il,9jl7,4j23,l 
13,8  19,5j25,7 
13,0  17,5  22,6 
14,o'l9,2'24,6 


20,226,2 


18,lj22,9 
19,4l25,l 


28,6j33,6  40,8j47,6  54,2:62,0  70,9 
31,2138,3  45,1,53,2  61,6  68,6  76,7 
29,3  35,2  41,5, 49,o'56,0  63,6  71,3 


30,8  37,8 
.32,1  38,5 
31,8138,3 


29,7 


35,8 


44,9^52,4  50,0|67,7  76,4 
45,o!53,ll60,4l69,0  77,7 
45,4154,2161,1169,0 


21,8,28,2  34,8  41,4  49,0!56,5164,0  71,8  79,6 


42,8|49,9i56,5  63,0 


69,4 


»)  Vgl.  oben  S.  47  und  48. 


Wachstiunsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 


65 


o  -c 


.2  £ 

5  g 


Tägliche  Wachstiimszunahiuo  In  mm 


9. 

10. 

11. 

12. 

13. 

1 1. 

15. 

16. 

17. 

18. 

19. 

20. 

21 . 

22. 

bis 

bis 

bis 

bis  bis 

bis 

bis 

1}]S 

1)1S 

bis 

bis 

bis 

bis 

bis 

— 

10. 

11. 

12. 

13. 

14. 

15. 

16. 

17. 

18. 

19. 

20. 

21. 

22. 

23. 

/  A 

■1)' 

4,.'> 

6,9 

5  7 

7  J. 

7  7 

O,0 

7  1 

7  9 

Q  9 

Q  fi 

y,o 

■R 

o,z 

5  1 

5.2 

1  7 

0,0 

7  9 

7  1 

fi  4 

R 

8,0 

R  1 

Q  1 
9,1 

0,8 

5,4 

5,9 

6  1 

0,4 

0,0 

7  K 

fi  fi 
0,0 

7  7 

7  7 

7  R 
(,8 

R  fi 
8,0 

O  R 

y,8 

1  u 

0  1 

4  7 

5,5 

0,7 

0,0 

0,v 

7  9 

fi  R 
0,0 

fi 

o,o 

7  R 
i,8 

R  7 
8,/ 

t 

1  fi 
1,S 

A  0 

4,6 

5,7 

R  •") 

0,D 

7  1 

0,ö 

R  9 

R  i. 
8,4 

7  ft 

R  1 

»,1 

h 
u 

A  Q 

1  R 
o,o 

5,0 

4,5 

ti  1 
0,1 

{\  7 

0,!7 

0,0 

7 

/,0 

7  ft 

7  ß 

'  ,o 

7)7 

R  ^ 
8,0 

(» 

1  3 

2  8 

6,0 

5,2 

6  4 

6  2 

7  0 

7  1 

7  5 

6,6 

8  7 
o,  1 

8  7 

9,0 

d 

2,4 

2,9 

4,9 

5,2 

4,8 

6,0 

5,9 

6,4 

7,0 

8,1 

7^3 

8,6 

8,7 

e 

2,9 

1,9 

3,3 

5,2 

6,7 

5,0 

6,8 

6,5 

7,1 

8,8 

6,9 

7,9 

f 

3,1 

2,0 

4,9 

6,2 

5,6 

6,4 

6,6 

6,6 

7,6 

7,5 

7,5 

7.8 

7,8 

g 

3,0 

2,0 

3,4 

4,6 

5,1 

4,8 

6,8 

6,1 

7,0 

",1 

6,6 

6,5 

6,4 

l  h 

1,8 

2,1 

3,7 

5,9 

5,9 

5,7 

Aus  der  letzten  Tabelle  sehen  wir  wieder  bestätigt,  dafs 
die  individuellen  Abweichungen  teilweise  sehr  beträchtliche 
sind.  Falls  keine  Unterschiede  unter  den  einzelneu  Kultur- 
röhren bestünden,  so  müfste  wenigstens  bei  A— D  oder  a — h 
die  Wachstumszunahme  an  gleichen  Tagen  dieselbe  oder  an- 
nähernd die  gleiche  sein.  Dies  ist  aber  nicht  der  Fall.  Die 
individuellen  Abweichungen  betragen  in  den  ersten  Tagen 
über  200%  und  sinken  allmählich  infolge  der  Gewöhnung 
an  das  Kultursubstrat  bis  zu  ca.  20  "/o-  Derartige  Verschieden- 
heiten lassen  es  unmöglich  zu,  die  individuellen  Abweichungen 
unberücksichtigt  zu  lassen. 

Diese  individuelle  Verschiedenheit  kommt  uns  besonders 
deutlich  zum  Bewufstsein,  wenn  wir  das  Gesamtlängen- 
wachstum in  Röhren  gleicher  Länge  betrachten.  A  wuchs 
in  14  Tagen  99,2  mm,  D  dagegen  nur  80,0  mm;  a  wuchs 
86,1  mm,  b  aber  nur  79,8  mm.  Dieselben  Unterschiede  sind 
auch  bei  Vergleichen  an  anderen  Tagen  zu  bemerken. 

Wenn  wir  nun  von  diesen  individuellen  Verschieden- 
heiten absehen  und  das  Mittel  aus  dem  Gesamtlängenwachs- 
tum der  grofsen  Röhren  A — D  mit  dem  mittleren  Wachstum 
der  kleineren  Röhren  a — h  vergleichen,  so  finden  wir  weitere 
Abweichungen.  Diese  mögen  in  einer  Tabelle  folgen,  in 
der  die  Durchschnittswerte  von  A— D  mit  denen  von  a  — h 

Zeitächr.  f.  Natuiwiaa.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  5 


60 


Kaui.  IIofkmann, 


[32] 


an  verschiedei^en  Tagen  verglichen  werden.  Das  Mehr  an 
Längenwachstum  in  den  Röhren  A — D  ist  mit  +  bezeichnet. 

Diese  Gegenüberstellung  zeigt 
uns  aufs  deutlichste  das  stärkere 
Längenwachstum  in  den  grofsen 
Röhren.  Im  Verhältnis  zur  Glas- 
gröfse  war  den  Pilzen  in  beiden 
Arten  Röhren  ungefähr  dieselbe 
Nährstoffmenge  geboten;  dagegen 
war  die  eigentliche  Nährstoff- 
menge in  den  Kulturen  A — D 
gröfser.-  Der  Pilz  bildete  hieriu 
auch  stärkeres  Mycel.  Auch  die 
Feuchtigkeitsverhältnisse  der  Luft 
sind  nicht  die  gleichen.  Doch  ist 
es  schwer,  hierüber  bestimmte 
Angaben  zu  machen. 

Jedenfalls  können  wir  aus 
den  soeben  angegebenen  Be- 
obachtungen den  klaren  Schlufs 
ziehen,  dafs  auch  die  Form  der 
Kulturgläser  und  der  dadurch 
bedingte  Feuchtigkeitsgehalt  der 
Luft  auf  das  Wachstum  der  Pilze 
einwirkt.  Auch  hieraus  ersehen 
wir  wieder,  dafs  kein  Pilz  eine 
konstante  Wachstumskraft  hat, 
unabhängig  von  den  ihm  ge- 
botenen Bedingungen. 

Ich    hatte   bereits  von  den 
Abweichungen  in  der  täglichen 
Wachstumzunahme  bei  konstan- 
ten Temperaturverhältnissen  ge- 
sprochen und  insbesondere  auf 
das    Verhalten    von  Merulius 
lacrymmis  bei  24"  und  26"  hin- 
gewiesen, wo  das  unregelmäfsige  Wachstum  besonders  klar 
hervortritt.    Auch  die  andern  untersuchten  Mycelien  zeigen 
solche  Abweichungen,  wenn  auch  nicht  in  so  deutlichem  Mafse. 


CO     y  • 

8S,30 
83,70 
+  4,60 

78,90 
75,20 
+  3,70 

70,20 
67,50 
+  2,70 

^  > 

62,50 
59,80 
+  3,70 

52,60 
+  2,80 

t> 

47,75 
44,50 
+  3,25 

> 

40,60 
37,76 
+  2,86 

2V 

34,20 
31,40 
+  2,80 

'i  > 

28,00 
25,04 
+  2,96 

t  > 

.  22,20 
16,95 
+  5,25 

16,60 
14,02 
+  2,58 

10,90 
8,69 
+  2,21 

6,50 
4,80 
+  1,70 

Mittleres 
Längen- 
wachstum 

in  A— D 
in  a— h 
Unterschied 

Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstürenden  Pilze.  67 


Wir  müssen  also  nach  der  Ursache  dieser  Schwankungen  fragen. 
Dafs  diese  nielit  in  der  kleinen  Störung  bei  der  Kontrolle  be- 
gründet sind,  darauf  war  schon  hingewiesen,  auch  waren  schon 
die  Stoffweehselprodukte  zur  Erklärung  herangezogen  worden. 
Auch  auf  die  allmähliche  Gewöhnung  des  Pilzes  an  das 
Substrat  war  bereits  aufnierksuni  gemacht.  Es  ist  hier  auch 
darauf  hinzuweisen,  dafs  die  gegebenen  Ernährungsbedin- 
gungen bei  der  angewandten  Knlturmethode  in  langen  Röhren 
keine  konstante  sind.  Nahe  am  Versehlufs  der  Röhre  sind 
der  Nährboden  und  somit  die  geboteneu  Nährstoffe  viel 
dünner  und  geringer  als  am  Ende  der  Röhren.  Die  Nähr- 
schicht nimmt  an  Stärke  allmählich  zu.  Ferner  nimmt  der 
Feuchtigkeitsgehalt  der  Luft  über  dem  Substrat  im  Laufe  der 
Zeit  ab;  dieses  kann  so  trocken  werden,  dafs  das  Wachstum 
des  Pilzes  geschädigt  wird.  Wenn  auch  nicht  ausgeschlossen 
ist,  dafs  der  Feuchtigkeitsgehalt  der  Luft  in  den  Röhren 
nach  dem  Ende  zu  im  selben  Mafse  zunimmt,  wie  er  infolge 
der  Verdunstung  allgemein  abnimmt,  so  kann  dies  doch 
nicht  die  Tatsache  der  verschiedeneu  Eruährungsgröfse  zu 
verschiedenen  Zeiten  bedeutungslos  erscheinen  lassen. 

5.  Einflufs  der  Luftzirkulation  auf  das  Mycel. 

Um  zu  untersuchen,  ob  die  Luftzirkulation  und  damit 
die  Sauerstoffzufuhr,  die  für  die  Pilze  sehr  wesentlich  ist, 
durch  den  Wattestopfen,  mit  denen  die  Kulturröhren  ver- 
schlossen waren,  irgendwie  beeinflufst  wurde,  wurde  folgender 
Versuch  angestellt:  Einige  Reagenzgläser  wurden  bis  zu 
vollkommen  gleicher  Höhe  mit  halbgesättigter  Hydroehinon- 
lösung,  die  den  Sauerstoff  begierig  an  sich  reifst,  gefüllt; 
zwei  Röhren  wurden  nicht  verschlossen  und  zwei  andere 
erhielten  einen  Wattepfropfenverschlufs.  Es  stellte  sich  nun 
heraus,  dafs  die  Rotfärbung  der  Hydrochinonlösung  in  allen 
Röhren  gleichen  Schritt  hielt.  Man  konnte  diese  Verhält- 
nisse daran  erkennen,  dafs  die  Rotfärbung  in  der  Lösung 
nicht  gleichzeitig  eintrat,  sondern  allmählich  von  oben  nach 
unten  fortschritt.  Die  Grenze  war  ziemlich  scharf,  so  dafs 
genaue  Messungen  vorgenommen  werden  konnten.  Die 
bei  dieser  Verfärbung  in  Betracht  kommende  Diffusion  war 

5* 


C8 


Karl  Hoffmann, 


[34] 


in  allen  Röhren  gleicbniäl'sig  zu  beobachten,  kann  also  un- 
berücksichtigt bleil)en.  Die  Höhenmessungen  der  rötlich 
gefärbten  Schicht  wurde  bei  allen  Röhren  gleichzeitig  vor- 
genommen und  die  erhaltenen  Werte,  die  also  den  Fort- 
schritt der  Sauerstoffzufuhr  gleichermaXsen  abbilden,  in  einer 
Kurve  zur  Darstellung  gebracht.  Die  punktierten  Linien 
geben  den  Fortschritt  der  Rotfärbung  in  den  verschlossenen, 
die  ausgezogenen  Linien  den  Fortschritt  der  Verfärbung  in 
den  offenen  Röhren. 


8  10  12  2  4  6  8  10  12  2  4  6  8  10  12  2  4  6  8  10  12  2  4  6  S  10  12  2  4  6  8  10  12 
Mittwoch  Donnerstag  Freitag  Sonnabeud 

Fig.  1. 

Wir  sehen  ans  dem  Verlauf  dieser  Kurven  deutlieh, 
dafs  die  Wattepfropfen  die  Luftzirkulation  und  somit  den 
Sauerstoffaustausch  nicht  beeinflussen,  so  dafs  also  durch 
den  Verschlufs  der  Kulturröhren  mit  Watte  sich  keine  Fehler- 
quellen ergaben,  durch  die  das  Wachstum  der  Mycelien  in 
ungünstigem  Sinne  beeinflufst  werden  kann. 

6.  Bedeutung  des  Tageslichts  und  der  Dunkelheit  für  das 
Wachstum  der  Pilzmycelien. 

Eine  weitere  von  Falck  nicht  verfolgte  Frage,  die  sieh 
mir  bei  meinen  Untersuchungen  aufdrängte,  war  die  nach 
der  Abhängigkeit  des  Myeelwachstums  von  der  Be- 
leuchtung. Um  diese  zu  untersuchen,  stellte  ich  in  meinem 
Arbeitszimmer  zwei  gröfsere  Gewächshäuser  auf.    Das  eine 


Wachsturasverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  09 


war  vollkommen  dunkel,  mit  schwarzen  Glaswänden;  das 
andere,  von  gleicher  Gröfse,  hatte  durchsichtige,  weilse 
Glaswände.  Diese  beiden  Kulturkästen  wurden  nie  vom 
Sonnenlicht  getroffen,  so  dafs  die  Temperatur  in  den  beiden 
Kästen  vollkommen  die  gleiche  war.  Diese  wurde  ebenfalls 
täglich  mehrmals  beobachtet  und  nie  wurden  Abweichungen 
konstatiert.  Der  Temperaturumfang  war  in  der  Zeit  der 
Untersuchung  15,7" — 17,5"  Celsius.  Zum  Vergleich  wurden 
gut  angewachsene  Kulturröhren  benutzt,  die  schon  eine 
Länge  von  wenigstens  10  cm  Länge  erreicht  hatten. 

In  der  dritt-  und  zweitletzten  Kolonne  der  folgenden 
Übersichtstabelle  sind  die  Mittelwerte  aus  den  verschiedenen 
Röhren  berechnet,  in  der  letzten  Kolonne  die  Differenz 
des  Wachstums  im  Dunkeln  und  bei  Beleuchtung  au- 
gegeben: Etwaiges  Mehrwachstum  im  Dunkeln  wurde  mit 
-|-  bezeichnet. 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

Wachstum 

ohne 
Beleuchtung 

Wachstum 
bei 

Beleuchtung 

iviiiTei 
a  s  p 

O  ^  -1^ 

PQ 

werte 

Ji 
.„  «  &ß 
^  S  B 

P3 

Diffe- 
renzen 

Paxillus 
acheruntiiis 

22.  V.— 28.  V. 

A 
B 

12,0 
12,9 

A 
B 

11,1 
10,9 

}  12,45 

11,00 

+  1,45 

28.  V.— 9.  VI. 

A 
B 

25,9 
26,1 

A 
B 

25,0 
25,6 

|2t;,oo 

25,30 

+  0,70 

Polyporiis 
vulgaris 

22.  V.— 28.  V. 

A 
B 

6,7 
7,6 

A 

6,4 

6,40 

+  0,75 

28.  V.-9.  VI. 

A 
B 

11,5 
12,2 

A 

10,6 

|ll,85 

10,60 

+  1,25 

Merulins 
Silvester 

22.  V.— 28.  V. 

A 
B 

12,0 
18,9 

A 
B 

17,8 
12,7 

|l6,45 

15,25 

+  1,20 

28.  V.-9.  VI. 

A 
B 

37,5 
27,3 

A 
B 

37,3 
27,1 

|32,40 

32,20 

+  0,2(1 

70 


Karl  Hoffmann, 


[36] 


i  s 

3  e 

Mittelwerte 

Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

Wachste 
ohne 
Beleuchti 

Wachsti 

bei 
Beleuchti 

ohne 
Beleuch- 
tung 

bei 
Beleuch- 
tung 

Diflfe- 
renzen 

Mendius 

22.  V.— 28.  V. 

A 

18,3 

A 

10,9 

j 

lacrvmans 

B 

C 
D 

12,9 
13,0 
11,1 

B 
C 

9,7 

5,8 

>13,82 
1 

8,8 

+  5,02 

28.  V.— 9.  VI. 

A 

0  1 .0 

A 

B 

C 

31,0 
44,0 

B 

C 

20,8 
35,2 

+  3,15 

D 

37,2 

D 

51,8 

Mendius 

22.  V.-28.  V. 

A 

2,8 

A 

4,1 

favosus 

B 

c 

6,3 
6,4 

B 

c 

4,4 
5,1 

j  5,20 

4,53 

+  0,67 

28.  V.-9.  VI. 

A 

14,3 

A 

10,2 

B 

C 

14,7 
10,3 

B 

C 

10,3 
14,4 

j  12,38 

11,45 

+  0,93 

D 

10,2 

D 

10,9 

Folyporus 
vajmrarias 

28.  V.-9.  VI. 

A 
B 

35,4 
36,3 

A 
B 

30,2 
30,1 

J35,85 

30,15 

+  5,70 

Um  die  individuellen  Fehler  anszuscbalten,  wurden  ara 
9.  IV.  die  Kulturen,  die  bisher  ohne  Beleuchtung  gewachsen 
waren,  dem  Tageslicht  ausgesetzt  und  umgekehrt  die  anderen 
Röhren  weiterhin  im  Dunkeln  kultiviert.  Die  Ergebnisse 
folgen  in  der  ansehliefsenden  Tabelle. 


[37]      Wachstmusverhältnisse  einiger  holzzerstürenden  Pilze.  71 


Wachstum  bei  gleicher  Temperatur. 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

1  Wachstum  i 
ohne  ' 
Beleuchtung 

1  Wachstum 
bei 

Beleuchtung 

Mitte 
Ji 

33  t>  (KD 

n  =  p 
o  "3 

werte 

„'s  t>c 
?  o  2 

1  Diffe- 
renzen 

Paxillus 
achei-imtius 

<).  VI.-17.VI 

A 
B 

16,1 
16,6 

A 
B 

15,0 
15,2 

|l6,35 

4-  1  "JS 

Folyporus 
vulgaris 

9.VI.-17.VI. 

A 

7,8 

A 
B 

9,6 
7,2 

1  7  80 

7,05 

Merulius 
Silvester 

9.  VI.-17.  VI. 

A 
B 

23,0 
18,1 

A 
B 

21,4 
17,0 

|20,55 

19,20 

+  1,H5 

Merulius 
lacrymans 

0.  VI.- 17.  VI. 

A 
B 
C 
D 

37,1 

38,7 
18,2 
28,0 

A 
B 
C 
D 

20,1 
31,2 
24,2 
28,3 

|30,67 

25,95 

■ 

+  4,72 

Merulius 
favosus 

9.  VI. -17.  VI. 
17.  VI.— 23.  VI. 

A 
B 
C 
D 

A 
B 
0 

6,9 
9,5 
6,5 
8,0 

7,0 
9,5 
7,5 

A 
B 
C 
D 

A 
B 

C 

8,9 
7,0 
5,5 
8,6 

6,3 
9,5 
6,3 

1  7,52 
1 

1  8,00 

7,50 
7,37 

+  0,02 
+  0,63 

Folyporus 
vaporarius 

9.  VT.— 17.  VI. 

A 
B 

19,0 
22,5 

A 
B 

19,1 
18,7 

1 20,75 

18,90 

+  1,85 

Folyporus 
destructor 

Vertauscht 
ABCD 
mit  ABC 

17.  VI. -23.  VI. 
23.  VI.— 27.  VI. 

A 
B 
C 
D 

A 
B 

C 

29,4 
31,6 
29,3 
26,4 

20,3 
26,8 
23,0 

A 
B 
C 

A 

C 

D  , 

1 

32,1 
28,6 
30,9 

19,7 
20,0 
19,3  i 
20,0 

Lojio 

1 

|23,37 

30,50 
19,75 

—  0,40 
+  3,02 

72 


Karl  Hoffmann, 


[38] 


Auch  diese  Versuche  zeigen  aufs  deutlichste  das  stärkere 
Wachstum  der  Mycelien,  wenn  sie  vollkommen  dunkel  ge- 
halten werden.  Besonders  deutlich  ist  dieses  Verhalten  bei 
Pohjporus  vaporarius  und  Merulius  lacnjmans.  Die  indivi- 
duellen Fehler  sind  durch  die  angewandte  Methode  voll- 
koninien  ausgeschaltet.  Wie  nötig  es  ist,  die  Kukuren  zu 
vertauschen,  zeigen  besonders  die  Beobachtungen  an  Folyjjorus 
destntctor;  der  individuelle  Fehler  tritt  hier  besonders  deut- 
lich in  Erscheinung. 

Wenn  wir  die  gesammelten  Beobachtungen  dazu  be- 
nutzen, um  zu  berechnen,  wieviel  besser  das  Wachstum  ohne 
Beleuchtung  ist  als  bei  Beleuchtung  —  es  werden  hierzu 
die  Mittelwerte  genommen  —  so  ergibt  sich  folgendes 
Resultat. 


Paxillus  acheruntius 
Pohjponis  vulgaris 
Polyporus  destructor 
Polyporns  vaporarius 
Merulius  favosus 
Merulius  Silvester 
Merulius  lacrymans 


wächst  im  Dunkeln  besser 
als  bei  Beleuchtung  um 


ö,6o/o 
11,4% 

6,40/0 
15,5% 

7,6% 

4,1% 
17,8% 


Mit  diesen  Betrachtungen  ist  erwiesen,  dafs  Beleuchtung 
das  Wachstum  der  Mycelien  der  holzzerstörenden  Pilze  un- 
günstig beeinflufst. ') 

Aufser  dem  aus  dieser  Tabelle  ersichtlichen  Unterschied 
im  Längenwachstum  war  auch  ein  Unterschied  in  der  Aus- 
bildung des  Mycel  zu  verzeichnen,  das  ich  mit  dem  Namen 
„Meugenwachstum"  belegen  möchte  (nach  Falck  „quantitatives 
Wachstum").  Besonders  deutlich  sichtbar  waren  diese  Unter- 
schiede bei  Merulius  lacrymaus  und  Polyporus  vaporarius. 
Sämtliche  Kulturröhren  zeigten,  wenn  sie  im  Dunkeln  er- 
wachsen waren,  ein  stärkeres  Mengenwachstum,  als  wenn 
sie  dem  Tageslicht  ausgesetzt  waren. 


Dasselbe  hat  Vines  für  Phycomyces  nitens  nachgewiesen. 
Vgl.  Pfeffer,  Pflanzenphysiologie  II,  S.  110  und  III ;  ferner  H,  S.  318 
und  die  dort  angegebene  Literatur. 


Wachstumsverhältnisse  einiger  hoizzerstörenden  Pilze. 


73 


7.  Einflufs  roten  und  blauen  Lichts  auf  das  Mycel. 

Ferner  regten  mich  diese  Versuche  dazu  an,  das 
Längenwachstum  bei  rotem  und  blauem  Licht  zu  ver- 
gleichen. Als  Vorversuch  wurde  in  zwei  schwarzen  HolzkäKsteu 
mit  roter  resp.  blauer  Glasscheibe  einige  Kulturen  in  Petri- 
schalen mit  gleicher  Nährstoffmenge  angesetzt.  Die  beiden 
Kästen  standen  neben  einander  bei  Zimmertemperatur,  also 
unter  gleichen  Bedingungen.  Die  Petrischalen  wurden  am 
selben  Tage  von  denselben  Kulturen  geimpft.  Schon  nach 
wenigen  Tagen  zeigte  sich,  dafs  durchgängig  im  roten  Licht 
das  Wachstum  ein  schnelleres  und  kräftigeres  war.  Poly- 
soms raporarius  war  in  gleicher  Zeit  (15.  V. —  5.  IV.)  im 
blauen  Licht  noch  nicht  die  Hälfte  so  schnell  gewachsen 
wie  im  roten  Licht.  Ebenso  verhielten  sich  Merulnis  lacry- 
mans  und  Paxillus  acheruntius.  Um  dieses  auffällige  Ver- 
halten näher  nachzuprüfen,  wurden  mehr  Kulturen  angesetzt. 
Als  Nährboden  wurde  wieder  Bierwürze  mit  5%  Agar-Agar 
verwendet.  Mit  Ausnahme  von  Coniopliora  cerebella  und 
Merulius  lacrymans,  die  in  langen  Röhren  mit  25  ccm  Nähr- 
material kultiviert  wurden,  benutzte  ich  Reagenzgläser,  die 
ich  mit  10  ccm  beschickte.  Die  Resultate  dieser  Beobach- 
tungen sind  wiederum  in  einer  Tabelle  zusammengestellt, 
deren  letzte  Kolonne  die  Unterschiede  des  Wachstums  in 
rotem  und  blauem  Lichte  enthält.  Falls  das  rote  Licht 
fördernd  wirkte,  sind  die  Differenzen  mit  +  bezeichnet,  im 
andern  Falle  mit  — . 


Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

Rot 

Blau 

Wachstums- 
Mittelwerte 
in 

Diife- 
renzen 

Kot 

Blau 

Coniophora 
cerebella  I 

11.VI.-15.VI. 

A 

B 

26,1 
25,6 

A 
B 

26,0 
30,2 

|25,85 

28,10 

-2,25 

15.VI.— 22.VI. 

A 
B 

84,9 
96,4 

A 
B 

85,2 
81,1 

|90,65 

83,15 

4-  7,50 

22.VI.-25.VI. 

A 
B 

35,1 
37,2 

A 

37,1 

|36,15 

37,10 

—  0,95 

74 


Kahl  IIoffmann, 


[40J 


Wachstums- 

Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

Rot 

Blau 

Mittelwerte 
in 

Diffe- 
renzen 

Rot 

Blau 

K^OillOjjnOTll 

cerebella  II 

Q  VT      1  1  VT 

A 

B 

1 ')  K 

11,2 

Ä 

B 

1 1 

11,0 

8,0 

|ll,90 

9,90 

+  2,00 

1 1  VI    - 1  =i  VI 

B 

34,4 

A 

B 

31,2 

|33,30 

31,85 

+  1,45 

15.VI— 22.VI. 

A 

X> 

79,7 

7fi  A 
i  D,4 

A 

■R 

75,3 

1 78,05 
J 

75,30 

+  2,75 

22.VI.-25.VI. 

A 
B 

32,6 
32,5 

A 
B 

33,0 
34,2 

|32,55 

33,60 

—  1,05 

vulgaris 

11. VI.—  15.VI. 

A 

4  0 

A 

B 

4,4 

3,9 

}  4,00 

4,15 

—  0,15 

15.VI.— 22.VI. 

A 
B 

9,1 
13,1 

A 

B 

.  7,8 

8,6 

|11,10 

+  2,90 

22.VI.— 31.VI. 

A 

12,0 

A 

9,5 

B 

10,2 

B 

12,0 

Ii  1,17 

10,75 

+  0,42 

C 

11,3 

Paxillus 

9.VI.-11.VI. 

A 

2,0 

A 

2,8 

1 

acheruntius 

B 
C 



2,2 
2,9 

B 
C 
D 

2,2 
1,8 
2,6 

>  2  .S7 

2,35 

+  0,02 

11.VI.-15.V1. 

A 

7,9 

A 

7,7 

B 

C 

7,1 
7,2 

B 
C 

8,6 
8,4 

>  7,3o 

7,90 

—  0,55 

D 

7,2 

D 

6,9 

ir,.VI.-2-2.VI. 

A 

15,7 

A 

16,1 

B 
C 

17,2 
16,6 

B 
C 

15,7 
14,9 

[l6,73 

15,18 

+  1,55 

D 

17,4 

D 

14,0 

22.  VI.— 31. VI. 

A 

17,5 

A 

17,9 

B 

C 

18,3 
18,3 

B 

C 

18,1 
18,1 

1 18,1 5 

18,03 

+  0,12 

D 

18,5 

Wachstumsverhältuisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 


75 


Wachstums- 

Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

Rot 

Blau 

Mittelwerte 
in 

Diffe- 
renzen 

Kot 

Blau 

Merulius 

ll.VI.— 15.VI. 

A 

3,5 

A 

2,9 

favosus 

B 
C 
D 

4,2 
4,0 
3,0 

B 

C 

1,6 
2,9 

1 

3,68 

) 

2,47 

+  1,21 

15.VI.-22.V1. 

A 

9,9 

A 

11,7 

B 
C 

1 1,3 
10,0 

B 

C 

11,4 
18,5 

|l0,30 

11,42 

-1,12 

D 

10,0 

D 

9,1 

22.VI.-31.VI. 

A 

14,4 

A 

8,1 

B 

C 

13,6 
14,2 

B 

14,2 

1 

|'14,UD 

1  1  1 
11,10 

+  2,90 

D 

14,0 

-  -  - 

Coniophora 
cerebella 

9.VI.-11.VI. 

A 

7,8 

A 
B 

11,9 
7,0 

}  7,80 

9,45 

—  1 ,00 

III 

ll.VI.- 15.VI. 

28,4 

A 
B 

25,0 
23,8 

|28,40 

24,40 

_t_  A  iM\ 

15.VI.— 22.VI. 

A 

57,8 

A 
B 

56,3 
57,4 

|57,80 

56,85 

+  0,95 

22.VI.— 25.VI. 

A 

24,6 

A 
B 

25,5 
26,1 

|24,60 

25,80 

—  1,20 

Merulius 
lacrymam 

11,VI.-15.VI. 

A 
B 

10,1 
9,9 

A 
B 

8,2 
8,1 

1 10,00 

8,15 

-4-  1  85 

(Grofse 
Köhren) 

15.V1.— 22.V1. 

A 
B 

39,9 
38,2 

A 
B 

37,8 
38,7 

|39,05 

38,25 

+  0,90 

22.VI.— 26.VI. 

A 
B 

23,6 
23,9 

A 
B 

20,5 
21,8 

|23,75 

21,15 

+  2,60 

26  VI.-31.VI. 

A 
B 

24,6 
24,8 

A 
B 

21,4 
22,8 

}24,70 

22,10 

+  2,60 

76 


Karl 


Hoffmann, 


[42J 


Wachstums- 

Zeit  des 
Wachstums 

Mittelwerte 
in 

Diffe- 
renzen 

Rot  1 

Blau 

1 
1 

Merulius 

ll.VL— 15.VI. 

1 

A 

13,1 

A 

13,1 

1 
1 

\ 

lacrymaxs 

B 
C 

13,8 
13,1 

B 
C 

11,2 
6,8 

13,33 

9,75 

-f  3,58 

(Kleine 

— 

— 

D 

7,9 

) 

Röhren) 

15.VI.— 22.VI. 

A 

32,2 

A 

32,9 

1 

B 
C 

39,2 
38,1 

B 

C 

38,9 
34,5 

[36,50 

35,90 

+  0,60 

D 

37,3 

1 

21.VI.  26.VI. 

A 

23,1 

A 

23,0 

) 

B 
C 

22,5 
21,8 

B 
C 

22,1 
28,0 

}22,47 

22,40 

-f  0,07 

D 

21,5 

J 

Merulius 

11.VI.-15.VI. 

A 

11,6 

A 

12,3 

1 

Silvester 

B 
C 
D 

12,2 
9,8 
13,1 

B 
C 
D 

10,9 
9,8 
10,5 

111,68 

1 

10,88 

+  0,80 

15.VI.— 22.VI. 

A 

35,4 

A 

34,6 

l 

B 
C 

35,8 
36,5 

B 
C 

35,4 
37,6 

^36,1 8 

35,93 

+  0,25 

D 

37,0 

D 

36,1 

J 

22.VI.— 26.VI. 

A 

21,5 

A 

19,8 

B 

23,1 

B 

19,2 

|22,53 

19,87 

-t-  2,66 

C 

23,0 

C 

20,6 

Folyporus 
vaj)orarius 

16.  VI.— 22  .VI. 

A 
B 

21,1 
18,3 

A 
B 

12,1 
12,0 

1 19,65 

12,05 

+  '',60 

•22  VI  .Hl  VI 

A 
B 

35,8 
27,2 

A 
B 

! 

21,9 
18,2 

|31,50 

20,05 

+  11,45 

Folyporus 

9.VI.— ll.VI. 

A 

9,0 

A 

7,1 

] 

destructor 

B 

6,8 

B 
C 
D 

6,5 
7,9 
6,7 

)  7,90 
) 

7,05 

1 

+  0,85 

Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  77 


Wachsturas- 

Spezies 

Zeit  des 
Wachstums 

Rot 

Blau 

Mittelwerte 
in 

Diffe- 
renzen 

Kot 

rilau 

.  

UfiU jju  t  Ivo 

ll.yi.  15.VI. 

A 

17,8 

A 

15,0 

destructor 

B 
— 

31,4 


B 
C 
D 

16,6 
15,7 
14,3 

1  • 

24,60 

) 

15,40 

J-  Q  Oft 

1 5  VI  22  VI 

A 

39,2 

A 

40,7 

B 

— 

39,9 

B 
C 

42,0 
41,5 

|39,55 

41,58 



D 

42,1 

) 

22.VI.-25.VI. 

A 

18,2 

A 

15,5 

■R 

1  7  fi 

x> 
C 

1  9 
10, ^ 

14,7 

ll7  90 

14,20 

+  3,70 

D 

13,4 

1 

Polyporus 

11.VI.— 15.VI. 

A 

7,1 

A 

7,0 

\ 

serialis 

B 
C 

11,1 
7,2 

B 
— 

7,0 

— 

8,40 

J 

7,00 

+  1,40 

15.VI.— 22.VI. 

A 

17,8 

A 

14,7 

B 

18,6 

B 

17,0 

|l7,83 

15,85 

^  1,98 

C 

17,1 

— 

— 

22.VI.-31.VI. 

A 

21,6 

A 

20,0 

B 

22,5 

B 

18,2 

|21,37 

19,90 

+  1,47 

C 

20,0 

Diese  Tabellen  weisen  mit  Nachdruck  darauf  hin,  dafs 
die  beobachteten  Pilze  durch  blaues  Licht  in  ihrem  Wachs- 
tum gehemmt  werden.  Wenn  auch  einige  Werte  in  blauem 
Licht  ein  stärkeres  Wachstum  erkennen  lassen,  so  sind  dies 
doch  nur  zufällige  individuelle  Abweichungen.  Um  auch 
diese  auszuschalten,  möge  wieder  prozentualiter  das  bessere 
Wachstum  im  roten  Licht  gegenüber  der  Schädigung,  die 
das  blaue  Licht  ausübt,  ausgedrückt  werden.  Wir  kommen 
so  zu  folgenden  Resultaten:  im  roten  Licht  wachsen  besser: 


78  Karl  Hoffmann,  [44] 

ConiopJwra  cerebella  I   3,6  »/o 

Coniophora  cerebella  II   ^,4''/o 

Conioplwra  cerebella  III   3,0  o/o 

Merulius  lacrymans  (grofse  Röhren)  .    .  8,8  "  o 

Merulius  lacrymans  (kleine  Röhren)  .    .  6,3o/(, 

Merulius  favosus   ll,6'*/o 

Meriilius  Silvester   5,6  "/o 

Polyporus  vaporarius   59,30/0 

Polyporus  destructor   15,0  "/o 

Polyporus  serialis   11,3  "/q 

Polyporus  vulgaris   13,7  "/o 

Paxillus  acheruntius   2,6  o/q 


Diese  Beobachtungen  und  Berechnungen  zeigen  sehr 
klar,  dals  die  holzzerstörenden  Pilze  durch  blaues  Licht  in 
ihrem  Wachstum  ungünstig  beeinflufst  werden.') 


II.  Begründung  einer  anderen  Methode  zur  Messung 
des  Längenwachstums. 

Wenn  wir  die  Ergebnisse  dieser  Betrachtungen  über  das 
Längenwachstum  der  untersuchten  Holzzerstörer  zusammen- 
fassen, so  kommen  wir  zu  folgenden  Schlüssen: 

1.  Die  Messung  des  Längenwachstums  in  Röhren,  wie 
sie  Falck  benutzt  hat,  ist  nicht  einwandfrei,  weil  die  dem 
Pilz  gebotene  Nährstoffmenge  keine  gleichmäfsige  ist. 

2.  Hiermit  hängen  verschiedene  Feuchtigkeitsverhält- 
nisse des  Substrates  und  der  darüber  befindlichen  Luftschicht 
zusammen. 

3.  Die  Beobachtungen  des  Längenwachstums  können 
nur  dann  in  Beziehung  zu  einander  gesetzt  werden,  wenn 
die  Impfungen  an  demselben  Tage  und  von  derselben  Rein- 
kultur vorgenommen  werden. 

4.  Da  die  Kulturen  während  ihres  Wachstums  im 
Dunkeln  gehalten  und  zur  Kontrolle  in  andere  Beleuchtungs- 
verhältnisse und  in  andere  Temperaturen  gebracht  werden. 


•)  Vgl.  Pfeffer,  Pflanzenphysiologie  II,  S.  117. 


[45]      Wachstums  Verhältnisse  einiger  holzzersttJrenden  Pilze.  79 


können  die  erhaltenen  Werte  nur  unter  ausdrücklicher  Be- 
tonung dieses  Umstandes  mit  einander  verglichen  werden. 

5.  Da  fernerhin  das  Mycel  des  Pilzes  durch  Kultur- 
einflüsse in  seinem  Längenwachstum  variiert  werden  kann 
und  da  der  dargebotene  Nährstoff  sehr  wesentlich  für  sein 
Längen-  und  Mengenwachstuui  ist,  kann  die  erhaltene 
Wachsturaskurve  nur  relativ  sein  und  nie  absolute  Gültigkeit 
besitzen. 

In  Berücksichtigung  dieser  Momente  kam  ich  zu  dem 
Resultat,  dafs  die  Kultur  der  Pilzmycelien  und  die  Messung 
ihres  Längenwachstums  am  besten  in  Petrischalen  vor- 
genommen werden.  Ich  ging  bei  meinen  folgenden  Versuchen 
so  vor,  dafs  gleich  grofse,  gut  schliefsende  Kulturschalen 
mit  einer  gleichmälsigeu,  gleichhohen  Schicht  desselben 
Nährmaterials  gefüllt  und  alsdann  im  Autoklaven  sterilisiert 
wurden.  Die  Impfung  wurde  nahe  am  Rand  der  Schale 
vorgenommen,  so  dafs  dem  Pilz  zu  seinem  Wachstum  eine 
grofse  Fläche  Nährboden  zur  Verfügung  stand.  Die  Messung 
geschah  in  der  Weise,  dafs  von  der  Impfstelle  mehrere 
schmale  Papierstreifen  über  die  Petrischale  geklebt  wurden. 
Hierdurch  wurde  gleichzeitig  der  Deckel  auf  der  Schale  gut 
befestigt,  so  dafs  Fehlerquellen,  die  bei  einem  Verschieben 
der  Deckel  bestehen  konnten,  von  vornherein  ausgeschlossen 
wurden. 

Bei  der  Prüfung,  die  bei  allen  Temperaturen  in  denselben 
zweitägigen  Zwischenräumen  und  zur  selben  Tageszeit  vor- 
genommen wurden,  verfuhr  ich  in  der  Weise,  dafs  ich  die 
Kulturscbale  auf  den  Tisch  legte  und  in  der  Richtung  der 
vorderen  Hyphenenden  auf  den  Papierstreifen  eine  Markierung 
mit  dem  zugehörigen  Datum  vornahm.  Diese  Methode  hat 
den  Vorteil,  dafs  der  Deckel  der  Petrischale  gleichzeitig 
als  Spiegel  benutzt  werden  kann  und  auf  diese  Weise  die 
Markierung  genau  senkrecht  über  den  Hyphenenden  vor- 
genommen wurde,  so  dafs  jede  Parallaxe  auf  ein  Minimum 
reduziert  werden  konnte.  Ein  weiterer  Vorteil  dieses  Vor- 
gehens ist  der,  dafs  dem  Pilz  eine  gleichmäfsig  dicke  und 
zugleich  verhältnismäfsig  gröfsere  Fläche  zur  Verfügung 
steht  und  auf  diese  Weise  Fehler,  die  durch  das  Anstofsen 
des  Mycels   an  die  Glaswände  der  Röhren  ziemlich  oft 


80 


Karl  Hoffmann, 


[46] 


entstehen,  vollkommen  vermieden  werden.  Auch  können 
auf  diese  Weise  auf  einer  einzigen  Scjhale  mehrere  Messungen 
ausgeführt  und  so  ein  guter  mittlerer  Wert  für  die  betreffende 
Kultur  erreicht  werden.  Monatelange  Kultur  ist  nicht  nötig, 
da  die  Konstanz  nach  wenigen  Tagen  genügend  ist.  Aus 
diesem  Grunde  wurden  die  Beobachtungen  nur  2 — 3  Wochen 
fortgesetzt;  bei  schnellwachsenden  Mycelien,  z.  B.  Coniophora 
cereheUa^  mufste  ich  mich  allerdings  auch  mit  kürzerer  Zeit 
begnügen.  Infolge  der  ziemlich  hohen  Temperaturen  des 
Mai  und  Juni  und  aus  Mangel  an  einer  grösseren  Anzahl 
von  Thermostaten  konnte  ich  nur  6  verschiedene  Temperaturen 
beachten.  Die  Kontrolle  der  Thermostaten  wurde  täglich 
sechs-  bis  achtmal  vorgenommen,  so  dafs  die  Maximal- 
abweichungen nur  0,5"  betrugen.  Die  beobachteten  Tem- 
peraturen waren  13,6»,  18,0»,  20,0»,  23,0'»,  26,0»  und  30,0". 

Die  Resultate  sind  aus  den  Tabellen  zu  ersehen. 

Die  Ergebnisse  der  Messungen  an  verschiedenen  Papier- 
streifen sind  hierin  mit  a  und  b  bezeichnet. 

1.  Temperaturwerte  von  Merulius  lacrymans. 
Geimpft  21.  V.  1909. 

Kultursehalen  d  =  15  cm,  beschickt  mit  38  ccm  ö^/o 
hellem  Bierwürze -Agar. 


t  =  13,6».    Die  Mafse  sind  in  mm  angegeben. 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a  b 

A. 

27.V.— 29.V. 

3,4 

4,0 

3,4 

4,0 

1,70 

2,00 

+  2,86   -1-  2,56 

29.— 31. 

8,9 

11,2 

5,5 

",2 

2,75 

3,60 

+  1,81    +  1,96 

31.V.-2.VI. 

16,2 

18,5 

7,3 

7,3 

3,65 

3,65 

-i- 0,91  +0,Qi 

2.-4. 

26,0 

27,8 

9,8 

9,3 

4,90 

4,65 

—  0,34  —0,09 

4.— ü. 

C— 8. 

36,6 
48,2 

36,5 
47,1 

10,6 
11,6 

8,7 
10,6 

5,30 
5,80 

4,35 
5,30 

4,56 

—  0,74  +0,21 

—  1,24  —0,74 

8.— 10. 

56,0 

56,0 

7,8 

9,0 

3,90 

4,50 

+  0,66   +  0,06 

10.-12. 

60,2 

64,2 

10,2 

8,2 

5,10 

4,10 

—  0,54   +  0,46 

Wachstiiuisverhilltnissc  einiger  iiolzzerstOrenden  Pilze.  81 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

B. 

27.V.— 29.V. 

4,9 

5,0 

4,9 

5,0 

2,45 

2,50 

+  0,24 

+  0,19 

29.— 31. 

9,2 

9,3 

4,3 

4,3 

2,15 

2,15 

+  0,54 

+  0,54 

31.V.— 2.VI. 

15,0 

16,0 

5,8 

6,7 

2,90 

3,35 

—  0,21 

—  0,66 

2.-4. 

21,8 

23,0 

6,8 

7,0 

3,40 

3,50 

1 

—  0,71 

—  0,81 

4.-6. 

28,5 

29,2 

6,7 

6,2 

3,35 

3,10 

1 

\  2  69 
1 

—  0,66 

—  0,41 

6.-8. 

33,9 

33,1 

5,4 

3,9 

2,70 

1,95 

—  0,01 

+  0,74 

8.— 10. 

39,0 

43,3 

5,1 

5,2 

2,55 

2,60 

1 

+  0,14 

+  0,09 

10.— 12. 

43,3 

42,6 

4,3 

4,3 

2,15 

2,15 

1 

+  0,54 

+  0,54 

C. 

27.V.— 29.V. 

5,4 

',1 

5,4 

7,t 

2,70 

3,55 

+  0,99 

+  0,14 

29.-31. 

10,2 

12,6 

4,8 

5,5 

2,40 

2,75 

+  1,29 

+  0,94 

31.V.— 2.VI. 

14,8 

17,0 

4,6 

4,4 

2,30 

2,20 

+  1,39 

+  1,49 

2.-4. 

21,0 

24,2 

6,8 

7,2 

3,40 

3,60 

+  0,29 

+  0,09 

4.-6. 

28,2 

31,0 

6,6 

6,8 

3,30 

3,40 

1 

+  0,39 

+  0,29 

6.-8. 

35,4 

38,0 

7,2 

7,0 

3,60 

3,50 

1 

[=  3,69 

+  0,09 

+  0,19 

8—10. 

44,8 

46,2 

9,4 

8,2 

4,70 

4,10 

—  1,01 

—  0,41 

10.-12. 

53,1 

54,1 

8,3 

7,9 

4,15 

3,95 

1 

—  0,46 

—  0,26 

12—14. 

60,0 

63,0 

6,9 

8,9 

3,45 

4,45 

1 

+  0,24 

—  0,76 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  3,G5  mm. 


t=  18,00. 


27.V.— 29.V. 

5,4 

4,6 

5,4 

4,6 

29.-31. 

10,9 

11,7 

5,5 

7,3 

31.V.-2.VI. 

16,8 

17,2 

5,9 

5,5 

2.-4. 

23,0 

24,6 

6,2 

7,4 

4.-6. 

25,2 

28,8 

2,2 

4,2 

6.-8. 

27,8 

32,0 

2,6 

3,2 

8.-10. 

30,1 

2,3 

2-.V.— 29.V. 

7,1 

7,1 

29.-31. 

10,0 

4,1 

2,9 

4,1 

31.V.-2.VI. 

16,9 

10,9 

6,9 

6,8 

2.-4. 

25,8 

18,4 

8,9 

7,5 

4.-6. 

35,1 

23,2 

9,3 

4,8 

6.-8. 

39,2 

29,8 

4,1 

6,6 

8.-10. 

44,8 

37,0 

5,6 

7,2 

Zeitaclir.  f.  Naturwisa. 

HaUe 

a.  S. 

Bd.  82 

2,70 

2,3o; 

+  0,29 

+  0,69 

2,75 

3,65 

j  2,99 

+  0,24 

—  0,66 

2,95 

2,75 

+  0,04 

+  0,24 

3,10 

3,70 

—  0,11 

—  0,71 

1,10 

2,10 

+  1,89 

+  0,89 

1,30 

1,60 

+  1,69 

+  1,29 

1,15 

+  1,84 

3,55 

—  0,16 

1,45 

2,05 

+  1,94 

+  1,34 

3,45 

3,40 

—  0,06 

—  0,01 

4,45 

3,75 

—  1,06 

—  0,36 

4,65 

2,40 

3,39 

—  1,26 

+  0,99 

4,05 

3,30 

+  1,34 

+  0,09 

2,80 

3,60 

+  0,59 

—  0,21 

1910. 

6 

82 


Karl  IIoffmann, 


[48] 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

c. 

27.V.— 29.V. 

7,0 

6,2 

7,0 

6,2 

3,50 

3,10 

4-  0,00 

+  0,40 

29.— 31. 

14,1 

14,4 

7,1 

8,2 

3,55 

4,10 

—  0,05 

—  0,60 

O  1  AT"        O  ATT 

31. V.— 2. VI. 

20,2 

20,0 

6,1 

5,6 

3,05 

2,80 

1  3,50 

-!-  0,45 

+  0,70 

2.-4. 

32,9 

27,0 

12,7 

7,0 

6,35 

3,50 

—  2,85 

+  0,00 

4.-6. 

39,8 

32,1 

6,9 

5,1 

3,45 

2,55 

) 

-f  0,05 

+  0,95 

6.-8. 

45,6 

5,8 

2,00 

+  0,60 

D. 

27.V.— 29.V. 

9,5 

7,8 

9,5 

7,8 

4,75 

3,90 

—  1,05 

—  0,20 

29.-31. 

17,1 

15,0 

7,6 

7,2 

3,80 

3,60 

>  3  70 

—  0,10 

+  0,10 

31.V.— 2.VI. 

25,0 

20,1 

7,9 

5,1 

3,85 

2,55 

—  0,15 

+  0,15 

2.-4. 

33,7 

27,6 

8,7 

7,5 

4,35 

2,75 

—  0,65 

-1-  0,95 

4.-6. 

35,4 

80,0 

1,7 

2,4 

0,85 

l,-20 

+  2,85 

+  2,50 

6.-8. 

38,4 

3,0 

1,50 

4-  2,20 

Mittelwert  aus  A,  B,  C,  D  =  3,4ö  mm. 


Für  t  =  20,0  0  wurden  von  den  angesetzten  Kultursclialen 
leider  mehrere  verunreinigt,  so  dafs  ich  mich  hierbei  mit 
einem  Versuch  begnügen  mufste.  Hierbei  kann  die  individuelle 
Abweichung  ziemlich  grols  sein. 


t  =  20,00. 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

a  b 

a  b 

a  b 

A. 

27.V.— 29.V. 

9,6  8,5 

9,6  8,5 

4,80  4,25 

-fl,62  +2,17 

29.-31. 

19,5  19,2 

9,9  11,7 

4,95  5,85 

+  1,47   +  0,57 

31.V.— 2.VI. 

31,9  32,1 

12,4  12,9 

6,20  6,45 

4-0,22  —0,03 

2.-4. 

45,8  43,9 

13,9  11,8 

6,95  5,90 

—  0,53   4-  0,52 

4.-6. 

60,2  58,6 

14,4  14,7 

7,20  7,35 

1  6,42 

—  0,78  —  0,93 

6.-8. 

72,5  70,3 

12,3  11,7 

6,15  5,85 

4-  0,27   4-  0,57 

8.-10. 

«4,1  83,0 

11,6  12,7 

.5,80  6,35 

4-  0,62   4-  0,07 

[49 1      Waclistiiinsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 
t  =  23,00. 


83 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

a  b 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a  b 

'J'ägliehe 
Zunahme 

a  b 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

— 
A. 

27.V.— 29.V. 

8,1 

7,8 

8,1 

7,8 

4,05 

3,90 

+  3,58 

4-  3,73 

zy. — Ol. 

22,0 

20,1 

13,9 

12,3 

6,95 

6,15 

+  0,68 

+  1,48 

31.V.— 2.VI. 

3G,6 

35,1 

14,6 

15,0 

7,30 

7,50 

+  0,33 

+  0,13 

2.-4. 

51 ,5 

50,2 

14,9 

15,1 

7,45 

7,55 

+  0,18 

+  0,08 

4.-6. 

66,8 

65,2 

15,3 

15,0 

7,65 

7,50 

7,63 

—  0,02 

+  ",13 

6.-8. 

82,7 

81,0 

15,9 

15,8 

7,95 

7,90 

—  0,32 

—  0,27 

8.— 10. 

98,0 

96,7 

15,3 

15,7 

7,65 

7,85 

—  0,02 

—  0,22 

B. 

27.V.— 29  V. 

7,1 

7,6 

7,1 

7,8 

3,55 

3,90 

+  4,10 

+  3,75 

zy. — öl. 

23,2 

24,7 

16,1 

17,1 

8,05 

8,55 

—  0,40 

—  0,90 

3  I.V.— 2.  VI 

39,7 

40,2 

16,5 

15,5 

8,25 

7,75 

1 

—  0,60 

—  0,10 

2.-4. 

55,6 

55,1 

15,9 

14,9 

7,95 

7,45 

>  7,65 

—  0,30 

+  0,20 

4.-6. 

70,8 

15,2 

7,60 

+  0,05 

6.-8. 

85,2 

14,4 

7,20 

+  0,45 

8.— 10. 

98,1 

12,9 

6,45 

+  1,20 

Mittelwert  aus  A,  B  =  7,64  mm. 


t  =  26,00. 


27.V.— 29.V. 

1,4 

0,9 

1,4 

0,9 

29.-31. 

2,7 

1,5 

1,3 

0,7 

31.V.— 2.VI. 

4,0 

2,0 

1,3 

0,4 

2.-4. 

4,4 

2,3 

0,4 

0,3 

4.-6. 

5,1 

3,1 

0,7 

0,8 

6.-8. 

5,8 

3,8 

0,7 

0,7 

8.— 10. 

6,2 

4,2 

0,4 

0,4 

10.— 12. 

7,1 

5,1 

0,9 

0,9 

27.V.— 29.V. 

2,0 

1,9 

2,0 

1,9 

29.-31. 

3,9 

2,9 

1,9 

1,0 

31.V.-2.VI. 

5,1 

4,0 

1,2 

1,1 

2.-4. 

6,2 

4,8 

1,1 

0,8 

4.-6. 

6,9 

5,4 

0,7 

0,6 

6.-8. 

7,4 

6,3 

0,5 

0,9 

0,70 

0,45 

—  0,31 

—  0,06 

0,65 

0,35 

—  0,26 

+  0,04 

0,65 

0,20 

—  0,26 

+  0,19 

0,20 

0,15 

0,39 

+  0,19 

+  0,24 

0,35 

0,40 

+  0,04 

—  0,01 

0,35 

0,35  1 

+  0,04 

+  0,04 

0,20 

0,20 

+  0,19 

+  0,19 

0,45 

0,45  ^ 

—  0,06 

—  0,06 

1,00 

0,95 

—  0,43 

—  0,38 

0,95 

0,50 

1 

—  0,38 

+  0,07 

0,60 

0,55 

1  0,57 

—  0,03 

+  0,02 

0,55 

0,40 

+  0,02 

+  0,17 

0,35 

0,30 

1 

+  0,22 

+  0,27 

0,25 

0,45 

+  0,32 

+  0,12 

6* 

84  Karl  Hoffmann,  [50] 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

a  b 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a  b 

Tägliche 
Zunahme 

a  b 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

c. 

27.V.— 29.V. 

2,2 

0,9 

2,2 

0,9 

1,10 

0,45 

—  0,58 

+  0,07 

29.— 31. 

4,2 

1,8 

2,0 

0,9 

1,00 

0,45 

-  0,48 

+  0,07 

31.V.-2.VI. 

5,8 

2,9 

1,6 

1,0 

0,80 

0,50 

—  0,28 

+  0,02 

2.-4. 

',2 

4,0 

1,4 

1,1 

0,70 

0,55 

—  0,18 

—  0,03 

4.-6. 

8,4 

4,7 

1,2 

0,7 

0,fiO 

0,35 

0,52 

—  0,08 

+  0,17 

O.  8. 

9,1 

5,5 

0,7 

0,8 

0,S5 

0,40 

+  0,17 

+  0,12 

8.— 10. 

9,9 

6,2 

0,8 

0,7 

0,40 

0,35 

+  0,12 

+  0,17 

10.— 12. 

10,6 

7,0 

0,7 

0,8 

0,35 

0,40 

+  0,17 

+  0,12 

12.— 14. 

11,0 

7,6 

0,4 

0,6 

0,20 

0,30 

+  0,32 

+  0,22 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  0,49  mm. 


Aus  diesen  Beobachtungen  siebt  man  besonders  deutlich, 
dafs  der  Wassermangel  und  die  geringe  Luftfeuchtigkeit  bei 
dieser  Temperatur  vor  allem  das  minimale  Wachstum 
bedingen.  Bei  derselben  Temperatur  wuchs  in  Kultunöhren 
der  Merulius  lacrymans  ziemlich  bedeutend.  ^)  Der  Vorteil 
der  Röhren  war  in  diesem  Falle  eine  stärkere  Nährschicht 
und  gröfsere  Feuchtigkeit. 

Bei  300  wurde  in  sämtlichen  Kulturschalen  das  Wachs- 
tum nach  kurzer  Zeit  eingestellt.  Nach  14  Tagen  Aufenthalt 
im  Thermostaten  waren  diese  Kulturen  nicht  weiter  gewachsen, 
vielmehr  hatte  sich  das  Mycel  ganz  dem  Nährboden  angelegt 
und  war  nur  noch  als  schwacher  Schleier  zu  sehen. 

Die  erhaltenen  Mittelwerte  der  täglichen  Wachstums- 
zunahme benutzen  wir  nun  zur  graphischen  Darstellung  der 
Wachstumslinie.  Als  Abcissen  tragen  wir  die  Temperaturen 
ein,  auf  den  Ordinaten  die  zugehörigen  Wachstumswerte 
und  verbinden  diese  Punkte  mit  einander.  Zur  besseren 
Übersicht  wurden  die  erhaltenen  täglichen  Mittelwerte  statt 
in  mm  in  cm  aufgetragen. 

Sehr  abweichende  Mittelwerte  erhielten  wir  bei  13,6". 
Die  individuellen  Fehler  sind  gerade  hier  sehr  grols.  Aus 


•)  Vgl.  oben  S.  53  und  54. 


[51]      Wachstums  Verhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  85 


diesem  Grunde  wurde  auch  Versuch  B  besonders  eingetragen. 
Die  Linien  vom  0- Punkt  und  nach  13,6" :  B  wurden  punktiert, 
da  sie  nur  angenommene  Werte  darstellen  und  keine  Mittel- 
werte sind. 


13,60  180       200         230  26»  300 


Fig.  2. 

Einen  geradlinien  Verlauf  dieser  Wachstumskurve  kann 
ich  hieraus  nicht  ersehen  (im  Gegensatz  zu  Falck).  Je 
mehr  sich  die  Kurve  ihrem  Maximum  nähert,  um  so  steiler 
steigt  sie  auf. 

Merulius  lacrymans  wurde  aufserdem  in  kleineren 
Petrischalen  kultiviert,  die  einen  Durchmesser  von  9  cm 
hatten  und  mit  20  ccm  dunkler  Bierwürze,  die  mit  5"/o  Agar- 
Agar  versetzt  war,  beschickt  wurden.  Die  folgenden  Tabellen 
geben  eine  Zusammenstellung  der  Wachstumsverhältnisse 
bei  denselben  Temperaturen  wie  im  vorigen  Versuch.  Wegen 
der  geringen  Plattengröfse  wurde  nur  je  eine  Ablesung  auf 
den  einzelnen  Schalen  gemacht. 


86  Karl  Hoffmann, 


t  =  13,6«. 


Zeit  des 

Gesamt- 

Liingen- 

Tages- 

Mittel- 

Ab- 

Wachstums 

länge 

zuwachs 

zuwachs 

wert 

weichungen 

A. 

31.  V.— 2.  VI. 

4  1 

4  1 

2,05 

-4-  1  43 

2.-4. 

9,2 

5,1 

2,55 

-f  0,93 

4.-6. 

15,0 

5,8 

2,90 

1 

-f  0,58 

6.-8. 

22,2 

7,2 

3,60 

—  0,12 

8.— 10. 

28,2 

6,0 

3,00 

>  3,48 

+  0,48 

10.-12. 

35,6 

7,4 

3,70 

1 

—  0,22 

12.-14. 

44,0 

8,4 

4,20 

1 

+  0,28 

B. 

31.  V.— 2.  VI. 

4,2 

4  2 

2,10 

+  1,84 

2.-4. 

9,5 

5,3 

2,65 

+  1,29 

4.-6. 

16,1 

6,6 

3,30 

1 

4-  ü>t>4 

6.-8. 

24,0 

7,9 

3,95 

Ln 

—  0,01 

8.— 10. 

30,7 

6,7 

3,35 

(  3,94 

+  0,59 

10.— 12. 

89,4 

8,7 

4,35 

1 

—  0,39 

1?.— 14. 

48,9 

9,5 

4,75 

) 

—  0,81 

C. 

31.  V.— 2.  VI. 

3  2 

3,2 

1,()0 

+  0,84 

2.-4. 

7,9 

4,7 

2,35 

+  0,09 

4.-6. 

12,0 

4,1 

2,05 

+  0,39 

6.-8. 

15,4 

3,4 

1,70 

■  2,44 

+  0,74 

8.-10. 

20,0 

4,6 

2,30 

+  0,06 

10—12. 

24,9 

4,9 

2,45 

1 

 0  Ol 

12.— 14. 

32,4 

7,5 

3,75 

—  1^31 

Mittelwert  aus  A,  B, 

C  =  3,29  mm. 

t  =  18,00. 

A. 

3].  V.— 2.VI. 

7.1 

7,7 

3,55 

+  1,19 

2.-4. 

14,2 

7,1 

3,55 

+  1,19 

4.-6. 

22,9 

8,7 

4,35 

+  0,39 

6.-8. 

32,4 

9,5 

4,75 

1  4,74 

—  0,01 

8.-10. 

42,3 

9,9 

4,95 

•  -0,21 

10.  — 12. 

52,1 

9,8 

4,90 

—  0,16 

B. 

31.  V.-2.  VI. 

5,9 

5,9 

2,95 

+  2,98 

2.-4. 

14,9 

9,0 

4,50 

+  1,43 

4.-6. 

25,8 

10,9 

5,45 

+  0,38 

6.-8. 

38,8 

13,0 

6,50 

-0,57 

8.-10. 

50,2 

11,4 

5,70 

j  5,93 

-f  0,23 

10.— 12. 

62,3 

12,1 

6,05 

—  0,08 

[53j      Wachstumsverbältnisae  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  87 


Zeit  des 

Gesamt- 

Längen- 

Tages- 

Mittel- 

Ab- 

Waclistums 

länge 

Zuwachs 

zuwachs 

wert 

weichungen 

äll  V      ">  VT 

Ol.    V.  Ln  VI. 

y,u 

4, DU 

-T 

2.-4. 

18,2 

9,2 

4,60 

+  1,20 

4.-6. 

28,9 

10,7 

5,35 

+  0,45 

6.-8. 

42,9 

14,0 

7,00 

1  5,80 

—  1,20 

8.— 10. 

53,0 

10,1 

5,05 

+  0,75 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  5,49  mm. 


t  =  200. 

A. 

31.  V.-2.  VI. 

5,1 

5,1 

2,55 

2.-4. 

14,6 

9,5 

4,75 

4.-6. 

26,0 

11,4 

5,70 

6.-8. 

40,0 

14,0 

7,00 

8.— 10. 

55,1 

15,1 

7,55 

B. 

31.  V.-2.  VI. 

3,4 

3,4 

1,70 

2.-4. 

14,7 

10,7 

5,35 

4.-6. 

25,6 

10,9 

5,45 

C. 

31.  V.— 2.  VI. 

8,2 

8,2 

4,10 

2.-4. 

20,4 

12,2 

6,10 

4.-6. 

32,2 

11,8 

5,90 

6.-8. 

45,5 

13,3 

6,65 

8.— 10. 

60,3 

14,8 

7,40 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  = 

6,75 


5,40 


6,54 


t  --  23,0». 


A. 

31.  V.-2.  VI. 

8,2 

8,2 

4,10 

+  0,93 

2.-4. 

18,0 

9,8 

4,90 

+  0,17 

4.-6. 

29,1 

11,1 

5,55 

1  5,07 

—  0,48 

6.-8. 

38,6 

9,5 

4,75 

+  0,32 

B. 

31.V.— 2.  VI. 

5,6 

5,6 

2,8(1 

+  3,50 

2.-4. 

18,8 

13,2 

6,10 

-  0,30 

4.-6. 

27,4 

8,6 

4,30 

1  6,30 

+  2,00 

6.-8. 

40,3 

12,9 

6,45 

—  0,15 

8.— 10. 

55,0 

14,7 

7,35 

—  1,05 

10—12. 

70,4 

14,6 

7,30 

) 

—  1,00 

88 


Karl  Hoffmann, 


[54] 


Zeit  des 

Gesamt- 

Längen- 

Tages- 

Mittel- 

Ab- 

Wachstums 

länge 

zuwachs 

zuwachs 

wert 

weichungen 

c. 

31.  V.— 2.  VI. 

7,1 

7,1 

3,55 

+  2,10 

L. — 4. 
4. — D. 

lo,D 
«  1 

9,1 

O,  /£» 
4,00 

1 

}  5,65 

1  1  A 

+  1,10 

u. 

Q 1    "XT"       O  ATT 

Ol.  V  . — L.  V  1. 

8,1 

G  1 

8,1 

4,U0 

+  l,9o 

2.-4. 

19,2 

11,1 

5,55 

+  0,45 

4.-6. 

33,4 

14,2 

7,10 

i  6,00 

—  1,10 

6.-8. 

46,8 

13,4 

6,70 

—  0,70 

8.-10. 

56,1 

9,3 

4,65 

+  1,35 

Mittelwert  aus 

A,  B,  C,  D  =  5,76  mm. 

t  =  26,0». 

A. 

31.  V.— 2.  VI. 

0,7 

0,7 

0,35 

—  0,05 

2.-4. 

1,2 

0,5 

0,25 

+  0,05 

4.-6. 

1,8 

0,6 

0,30 

+  0,00 

6.-8. 

2,5 

0,7 

0,35 

.  0,30 

—  0,05 

8.— 10. 

3,2 

0,7 

0,35 

—  0,05 

10.— 12. 

3,6 

0,4 

0,20 

+  0,10 

12.-14. 

4,2 

0,6 

0,30 

-f  0,00 

TJ 

r>. 

31.  V.-2.  VI. 

1,1 

1,1 

0,55 

—  0,18 

2.-4. 

2,1 

1,0 

0,50 

—  0,13 

4.-6. 

2,7 

0,6 

0,30 

+  0,07 

6.-8. 

3,2 

0,5 

0,25 

0,37 

+  0,12 

8.-10. 

3,9 

•  0,7 

0,35 

+  0,02 

10.— 12. 

4,3 

0,4 

0,20 

+  0,17 

12.— 14. 

5,2 

0| 

0,45 

—  0,08 

C. 

31.  V.— 2.  VI. 

0,9 

0,9 

0,45 

—  0,06 

2.-4. 
4.-6. 

1,3 
2,4 

0,4 
1,1 

0,20 
0,55 

1  0,39 

+  0,19 
—  0,16 

6.-8. 

3,1 

0,7 

0,35 

+  0,04 

D. 

31.  V.— 2.  VI. 

1,5 

1,5 

0,75 

—  0,38 

2.-4. 

1,9 

0,4 

0,20 

1  0,37 

+  0,17 

4.-6. 

2,2 

0,3 

0,15 

+  0,22 

6.-8. 

3,0 

0,8 

0,40 

—  0,03 

Mittelwert  aus  A,  B,  C,  D  =  0,36  mm. 


[55]      Wachstnmsverhältnisse  einiger  holzzerstörentlen  Pilze.  89 


Zu  bemerken  ist,  dafs  bei  diesen  Kulturen  in  den  kleinen 
Petrischalen  ebenso  wie  in  den  grofsen  bei  derartig  hohen 
Temperaturen  das  Mycel  nicht  wie  sonst  locker  war,  sondern 
recht  dicht  und  kräftig.  Man  könnte  es  polsterförmig  nennen.») 
Auch  wenn  diese  Kulturen  in  niedrige  Tem])eraturen  gebracht 
wurden,  wuchs  das  Mycel  in  derselben  Weise  fort. 

Entsprechend  den  anderen  Merulius  lacrymans-K.nMnxQn 
trat  bei  30"  sofortiger  Stillstand  des  Wachstums  ein;  die 
Mycelien  legten  sieh  dem  Nährboden  dicht  an  und  starben  ab. 

Die  Wachstumsverhältnisse  mögen  durch  die  nach- 
folgende Kurve  deutlich  illustriert  werden. 


13,60 

Fig.  3. 


180 


20O  230 


260 


300 


Der  Verlauf  dieser  Kurve  ist  bedeutend  regelmäfsiger 
als  der  der  anderen  Wachstumskurve  von  Merulius  larcijmans 
in  grofsen  Petrischalen.  Linear  ist  auch  hierbei  der  Anstieg 
nicht.  Bosonders  bemerkenswert  ist,  dafs  das  Maximum  in 
dieser  Kurve  bei  20«  liegt,  während  die  erste  Kurve  das 
Maximum  bei  23  o  zeigt.  Hieraus  können  wir  wiederum 
bedeutende  Schlüsse  auf  die  Veränderlichkeit  des  Wachstums 
bei  denselben  Temperaturen  in  verschiedenen  Kulturen  ziehen. 
Eine  Konstanz  in  der  Wachstumszunahme  ist  nicht  vorhanden; 
auch  das  tägliche  Längenwachstum  ist  bei  verschiedenen 


Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  60. 


90 


Karl  Hoffmann, 


[56] 


Kulturgläsern  und  verschiedenem  Nährboden  nicht  das 
gleiche. 

Weitere  Versuche,  eine  Wachstumskurve  darzustellen, 
wurden  mit  Meruliiis  Silvester  vorgenommen.  Die  Be- 
obachtungen und  Ergebnisse  sind  in  den  nächsten  Tabellen 
zusammengestellt. 

2.  Temperaturwerte  von  Merulius  Silvester. 

Geimpft  21.  V.  1909. 

Kulturschalen  d  =  15  ccm,  beschickt  mit  38  ccm  heller 
Bierwürze,  mit  5''/o  Agar-Agar  vermischt. 


t  =  13,6".    Die  Mafse  sind  in  mm  angegeben. 


Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 

IUI  tLt^i 

wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

A. 

27.V.— 29.V. 

5,0 

4,2 

5,0 

4,2 

2,50 

2,10 

+  0,13 

+  0,53 

29.— 31. 

9,1 

8,9 

4,1 

4,7 

2,05 

2,35 

+  0,58 

+  0,28 

31.V.— 2.VI. 

12,8 

13,7 

3,7 

4,8 

1,85 

2,40 

+  0,78 

+  0,23 

2.-4. 

18,Ü 

20,1 

5,2 

6,4 

2,60 

3,20 

+  0,03 

—  0,57 

4.-6. 

22,9 

26,3 

4,9 

6,2 

2,45 

3,10 

2,63 

+  0,18 

—  0,47 

6.-8. 

28,1 

32,0 

5,2 

5,7 

2,60 

2,85 

+  0,03 

—  0,22 

8.-10.  . 

32,4 

39,1 

4,3 

7,1 

2,15 

3,55 

4-0,48 

—  ü,92 

10.— 12. 

38,1 

45,2 

5,7 

6,1 

2,85 

3,01 

-0,22 

—  0,38 

12.-14. 

44,2 

51,0 

4,1 

5,8 

2,05 

2,90 

+  0,58 

—  0,27 

B. 

27.V.— 29.V. 

4,1 

4,1 

2,05 

+  0,21 

29.-31. 

9,2 

5,1 

2,55 

—  0,29 

31.V.— 2.VI. 

4,9 

12,5 

4,9 

3,3 

2,45 

1,65 

—  0,19 

+  0,61 

2.-4. 

9,1 

17,1 

4,2 

4,6 

2,10 

2,30 

+  0,16 

—  0,04 

4.-6. 

14,3 

22,0 

5,2 

4,9 

2,60 

2,45 

2,26 

—  0,34 

—  0,19 

6.-8. 

18,8 

26,1 

4,5 

4,1 

2,25 

2,05 

+  0,01 

+  0,21 

8.— 10. 

23,8 

30,7 

5,0 

4,6 

2,50 

2,30  ! 

—  0,24 

—  0,04 

10.-12. 

27,0 

35,4 

3,2 

4,7 

1,60 

2,35 

+  0,66 

—  0,09 

12.— 14. 

32,1 

40,2 

5,1 

4,8 

2,55 

2,40 

—  0,29 

—  0,14 

Mittelwert  aus  A  und  B  =  2,45  mm. 


[57]      Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  91 


t  =  18,0«. 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei-  • 
tägige 
Zunahme 

Tägliche  j 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

a 

b 

a 

b 

A. 

27.V.— 29.V. 

6,2 

6,2 

3,10 

+  0,90 

29.— 31. 

13,4 

7,1 

7,2 

7,1 

3,60 

0,00 

+  0,40 

+  0,45 

31.V.— 2.VI. 

21,2 

14,1 

7,8 

7,0 

3,90 

o,oO 

+  0,10 

+  0,50 

2—4. 

29,2 

22,4 

8,6 

8,3 

4,30 

4,15 

—  0,30 

—  0,15 

4.-6. 

37,5 

32,3 

8,3 

9,9 

4,15 

ins 
4,9o 

A  f\fi 

—  0,15 

—  0,95 

6.-8. 

4fi,8 

39,6 

9,3 

7,3 

4,65 

o,oo 

—  0,65 

+  0,35 

8.— 10. 

55,1 

48,9 

8,3 

9,3 

4,15 

4,00 

—  0,15 

—  0,65 

10.-12. 

63,5 

57,0 

8,4 

8,1 

4,20 

4,1)0 

—  0,20 

—  0,05 

12.-14. 

70,0 

65,6 

6,5 

8,6 

3,25 

4,30 

-1-  0,75 

—  0,30 

B. 

27.V.— 29.V. 

4,2 

4,2 

+  1,24 

29.-31. 

6,4 

11,1 

6,4 

6,9 

3,20 

o,4o 

+  0,14 

—  0,11 

31.V.— 2  VI. 

12,7 

17,0 

6,8 

5,9 

3,15 

x,yo 

+  0,19 

+  0,39 

2.-4. 

17,6 

24,4 

4,9 

7,4 

2,45 

*5  TA 

o,7U 

—  0,11 

—  0,36 

4.-6. 

26,4 

31,1 

8,8 

6,7 

4,40 

O  0  c 
0,0  0 

3,d4 

-1,06 

—  0,01 

6.-8. 

33,0 

39,0 

6,6 

7,9 

3,30 

3,95 

+  0,04 

—  0,61 

8.-10. 

39,2 

46,8 

6,2 

7,8 

3,10 

3,90 

+  0,24 

—  0,56 

10.— 12. 

44,5 

54,7 

5,3 

7,9 

2,65 

3,95 

+  0,69 

—  0,61 

12.-14. 

61,8 

7,1 

3,55 

—  0,21 

C. 

27.V.— 29.V. 

7,4 

5,0 

7,4 

5,0 

3,70 

2,50 

+  0,46 

+  1,66 

29.-31. 

16,2 

13,9 

8,8 

8,9 

4,40 

4,45 

1 

—  0,24 

—  0,29 

31.V.— 2.VI. 

20,9 

17,0 

4,7 

3,1 

2,35 

1,55 

l  4,16 

1 

+  1,81 

+  2,61 

2.-4. 

32,1 

27,7 

11,2 

10,7 

5,60 

5,35 

—  1,44 

—  0,81 

4.-6. 

42,0 

39,4 

9,9 

11,7 

4,95 

5,85 

) 

—  0,79 

-1,31 

6.-8. 

49,5 

10,1 

5,05 

—  0,89 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  3,83  mm. 


t  =  20,00. 


27.V.- 

-29.V. 

7,0 

7,5 

3,75 

+  1,29 

29.- 

-31. 

12,0 

15,2 

12,0 

8,2 

6,00 

4,111 

—  0,96 

+  0,94 

31.V.- 

-2.VI. 

20,7 

26,3 

8,7 

11,1 

4,35 

5,55 

1 

+  0,69 

—  0,5 1 

2.- 

-4. 

33,0 

37,1 

12,3 

11,8 

6,15 

5,90 

1  —1,11 

—  0,86 

4.- 

-6.. 

44,1 

49,5 

11,1 

12,4 

5,55 

6,20 

1  5,04 

—  0,51 

—  1,16 

6.- 

-8. 

52,3 

60,0 

11,2 

10.5 

5,60 

5,25 

—  0,56 

—  0,21 

8.- 

-10. 

60,7 

67,5 

8,4 

7,5 

4,20 

3,75  i 

1 

+  0,84 

+  1,29 

10.- 

-12. 

68,2 

75,4 

7,5 

7,9 

3,75 

3,95  j 

+  1,29 

+  1,09 

92 


Karl  Hoffmann, 


[58] 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

0 

a 

■u 
0 

a 

D 

a 

D 

B. 

Zi.y  .— 

-iU.  V. 

5,4 

7,3 

5,4 

7,3 

2,70 

3,65 

+  2,38 

+  1,43 

29.- 

-31. 

18,9 

14,9 

8,5 

7,6 

4,25 

3,80 

+  0,83 

+  1,28 

31.V.- 

-2.VI. 

23,2 

26,2 

9,3 

11,3 

4,65 

5,65 

+  0,43 

—  0,57 

2.- 

-4. 

33,2 

36,3 

10,0 

10,1 

5,00 

5,05 

+  0,08 

+  0,08 

4.- 

-6. 

42,4 

46,2 

9,2 

9,9 

4,60 

4,95 

•  5,08 

+  0,48 

+  0,13 

6.- 

-8. 

52,0 

57,5 

9,6 

11,3 

4,80 

5,65 

+  0,28 

—  0,57 

8.- 

-10. 

63,5 

67,2 

11,5 

9,7 

5,75 

4,85 

—  0,07 

+  0,23 

10.- 

-12. 

76,6 

78,1 

13,1 

10,9 

6,55 

5,45 

-  1,47 

—  0,37 

Mittelwert  aus  A  und  B 

=  5,06  mm. 

t  = 

=  23,00. 

A. 

27.V.- 

-29.V. 

9,1 

10,9 

Q  1 

9,1 

4,00 

!k  Atz 
0,40 

1     1  "C 

+  0,86 

29.— 

-31. 

21,0 

23,1 

1  1  Q 

1  i,y 

10*) 

o,yo 

ß  1  A 
0,10 

1  A 

-f-  V,00 

+  0,21 

31.V.- 

-2.VI. 

32,9 

34,5 

11,9 

11,4 

5,95 

5,70 

+  0,36 

+  0,61 

2.— 

-4. 

45,8 

47,2 

10  0 

12,9 

0,40 

0,a0 

6,31 

A  1  4 

—  0,14 

—  0,04 

4.- 

-6. 

58,7 

60,4 

1  *)  Q 

1  Q  0 

0,40 

o,öU 

All 

—  U,14 

—  0,29 

6.- 

-8. 

71,2 

73,1 

1  x,0 

1  *>  7 

0,Zd 

D,öO 

1 
J 

1     A  Aß 

-f-  u,ud 

—  0,04 

8.- 

-10. 

84,3 

87,0 

13,1 

13,9 

6,55 

6,95 

 Q^24 

—  0,64 

B. 

27.V.- 

-29.V. 

8,6 

13,0 

8,6 

13,0 

4,30 

6,50 

+  1,60 

—  0,60 

29.- 

-31. 

19,2 

25,1 

10,6 

12,1 

5,30 

6,05 

+  0,60 

 0^15 

31.V.- 

-2.VI. 

30,8 

35,8 

11,6 

10,7 

5,80 

5,35 

+  0,10 

+  0,55 

2.- 

-4. 

42,4 

46,5 

11,6 

10,7 

5,80 

5,35 

+  0,10 

+  0,55 

4.- 

6.- 

-6. 

-8. 

54,9 
66,7 

58,0 
68,2 

12,5 
11,8 

11,5 
10,2 

6,25 
5,90 

5,75 
5,10 

5,90 

—  0,35 
+  0,00 

+  0,15 
+  0,80 

8.- 

-10. 

79,8 

80,5 

13,1 

12,3 

6,55 

6,15 

—  0,65 

—  0,25 

10.- 

-12. 

93,1 

94,6 

13,3 

14,1 

6,65 

7,05 

—  0,75 

-  1,15 

12.- 

-14. 

105,0  108,3 

12,9 

13,7 

6,45 

6,85 

—  0,55 

—  0,95 

C. 

27.V.- 

-29.V. 

9,2 

8,7 

9,2 

8,7 

4,60 

4,35 

+  1,43 

+  1,68 

29.- 

-31. 

19,7 

21,8 

10,5 

13,1 

5,25 

6,55 

+  0,78 

—  0,52 

31.V.- 

-2.VI. 

31,8 

33,2 

12,1 

11,4 

6,05 

5,70 

—  0,02 

+  0,33 

2.- 

-4. 

43,9 

45,0 

12,1 

11,8 

6,05 

5,90 

—  0,02 

+  0,13 

4.- 
6.- 

6. 

-8. 

55,7 
68,1 

57,3 
69,2 

11,8 
12,4 

12,3 
11,9 

5,90 
6,20 

6,15 
5,95 

6,03 

+  0,13 
—  0,17 

—  0,12 
+  0,08 

8.- 

-10. 

81,0 

83,0 

12,9 

13,8 

6,05 

6,90 

—  0,02 

—  0,87 

10.- 

-12. 

94,0 

94,6 

13,0 

11,6 

6,50 

5,80 

—  0,47 

+  0,23 

12.- 

-14. 

105,0 

11,0 

5,50 

+  0,53 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  6,08  mm. 


[59]      Wachstums  Verhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  93 


t  -  26,00. 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

A. 

27. V.-  29.V. 

10,9 

12,2 

10,9 

12,2 

5,45 

6,10 

+  1,20 

+  0,45 

29.— 31. 

23,6 

23,8 

12,7 

11,6 

6,35 

5,80 

+  0,3ü 

+  0,85 

31.V.— 2.VI. 

36,0 

36,4 

12,4 

12,6 

6,20 

6,30 

+  0,15 

+  0,35 

2.-4. 
4.-6. 

49,2 
62,5 

49,2 
64,6 

13,2 
13,3 

12,8 
15,4 

6,60 
6,65 

6,40 
7,70 

6,65 

+  0,05 
4-  0,00 

+  0,25 
—  1 ,05 

0. — 6. 

76,3 

78,1 

13,8 

13,5 

6,90 

6,75 

—  0,25 

—  0,10 

8.  — 10. 

t\f\  n 

90, y 

y  1,9 

14, D 

lo,s 

•T  OA 
(,0Ü 

6,90 

—  0,65 

—  0,25 

10.— 12. 

1  AK  C 

106,1 

14,9 

14,2 

7,45 

7,10 

—  0,80 

—  0,45 

B. 

27.V.-29.V. 

9,2 

9,9 

9,2 

9,9 

4,60 

4,95 

+  1,60 

+  1,25 

29.— 31. 

22,5 

23,6 

13,3 

13,7 

6,65 

6,85 

1 

6,20 

-0,45 

—  0,65 

31.V.— 2.VI. 

32,2 

35,0 

9,7 

12,4 

4,85 

6,20 

+  1,35 

+  0,00 

2.-4. 

50,7 

— 

18,5 

— 

9,25 

— 

1 

—  3,05 

— 

C. 

27.V.— 29.V. 

7,5 

7,5 

3,75 

+  3,05 

29.-81. 

19,4 

10,7 

11,9 

10,7 

5,95 

5,35 

-1-  0,85 

+  1,45 

31.V.— 2.VI. 

31,1 

23,1 

11,7 

12,4 

5,85 

6,20 

+  0,95 

+  0,60 

2.-4. 

4.-6. 

49,6 
64,0 

35,7 
50,9 

18,5 
14,4 

12,6 
15,2 

9,25 
7,20 

6,30 
7,60  j 

6,80 

—  2,45 

—  0,40 

+  0,50 
—  0,80 

G.— 8. 

80,0 

66,0 

16,0 

15,1 

8,00 

7,55 

—  1,20 

—  0,75 

8.-10. 

92,2 

79,8 

12,2 

13,8 

6,10 

6,90  i 

+  0,70 

—  0,10 

10.— 12. 

104,6 

93,4 

12,4 

13,6 

6,20 

6,80 

+  0,60 

+  0,00 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  6,55  mm. 


t  =  30,00. 


27.V.- 

-29.V. 

2,9 

3,2 

2,9 

3,2 

1,45 

1,60 

-1-  0,09 

—  0,06 

29.- 

-31. 

7,2 

8,2 

4,3 

5,0 

2,15 

2,50 

—  0,61 

—  0,96 

31.V.- 

-2.VI. 

10,8 

11,9 

3,6 

3,7 

1,80 

1,85 

—  0,26 

—  0,31 

2.- 

4. 

12,7 

14,1 

1,9 

2,2 

0,95 

1,10 

+  0,59 

+  0,44 

4.- 

6. 

15,4 

16,8 

2,7 

2,7 

1,35 

1,35 

1,54 

+  0,19 

+  0,19 

6.- 

-8. 

18,8 

19,5 

3,4 

2,7 

1,70 

1,35 

—  0,16 

+  0,19 

8.- 

-10. 

21,7 

21,9 

2,9 

2,4 

1,45 

1,20 

+  0,09 

+  0,34 

10.- 

■12. 

24,2 

25,0 

2,5 

3,1 

1,25 

1,55 

+  0,29 

—  0,01 

12.- 

14. 

27,9 

27,6 

3,7 

2,6 

1,85 

1,30 

—  0,31 

+  0,24 

94 


Kahl  Hoffmann, 


[60] 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

a  b 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a  b 

Tägliche 
Zunahme  i 

a  b 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

B. 

27.V.— 29.V. 

3,4  3,0 

3,4  3,0 

1,70  1,50 

] 

—  0,35  —0,15 

29.— 31. 

6,9  5,1 

3,5  2,1 

1,75  1,05 

1,35 

—  0,40   +  0,30 

31.V.-2.VI. 

9,0  7,2 

2,1  2,1 

1,05  1,05 

J 

+  0,30  +  0,:iO 

C. 

27.V.— 29.V. 

2,8 

2,8 

1,40 

—  0, 1 2 

29.-31. 

6,2 

3,4 

1,70 

—  0,42 

3  I.V.— 2.  VI. 

9,1 

2,9 

1,45 

—  0,17 

2.-4. 

11,3 

2,2 

1,10 

+  0,18 

4.-6. 

14,2 

2,9 

1,45 

1,28 

—  0,17 

6. — 8. 

16,5 

2,3 

1,15 

+  0,13 

8.-10. 

19,2 

2,7 

1,35 

—  0,07 

10.-12. 

21,0 

1,8 

0,90 

+  0,38 

12.-14. 

23,0 

2,0 

1,00 

+  0,28 

Mittelwert  aus  A,  ß,  C  =  1,39  mm. 


Wie  vorher  mögen  diese  Wachstumsverliältnisse  in  einer 
Kurve  gezeigt  werden. 


 I  I  ;  1  1  I  L 

13,60  18»     20»  23°  260  300 

Fig.  4. 

Auch  hier  findet  der  Wachsturasanstieg  nicht  in  einer 
geraden  Linie  statt;  vielmehr  ist  auch  hieraus  zu  entnehmen, 
dafs  sich  vor  dem  Oi)timum  die  Kurve  steiler  erhebt  als  zu 
Beginn  des  Anstiegs. 


Wachstiimsverhilltnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 


95 


3.  Wachstumsverhältnisse  von  Coniophora  cerebella  II. 

Die  zu  den  Versuchen  benutzten  Petrischalen  hatten 
einen  Durchmesser  von  11  cm  und  wurden  32  ccm  dunkler 
Bierwürze  beschickt.  Dem  Nährboden  war  wiederum  ö^/o 
Agar-Agar  hinzugefügt.  Geimpft  wurden  die  Schalen  am 
25.  Mai  1909. 


t  =  13,60.    Die  Mafse  sind  in  mm  angegeben. 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

A. 

29.V  - 

-3I.V. 

3,6 

— 

3,6 

— 

1,80 

— 

-f  4,13 

— 

31.V.- 

-2.VI. 

12,1 

8,4 

8,5 

8,4 

4,25 

4,20 

+  1,68 

+  1,73 

2.- 

-4. 

22,7 

18,6 

10,6 

10,2 

5,.30 

5,10 

1 

+  0,63 

-f  0,83 

4.- 

-6. 

34,0 

29,2 

11,3 

10,6 

5,65 

5,30 

1 

]'  5,93 

+  0,28 

-f  0,63 

(!.- 

8. 

45,8 

43,1 

11,8 

18,9 

5,90 

6,95 

+  0,03 

—  1,02 

8.- 

-10. 

56,0 

55,6 

10,2 

12,5 

5,10 

6,25 

( 

-!-  0,83 

—  0,32 

10.- 

-12. 

69,7 

69,3 

13,7 

13,7 

6,85 

6,85 

) 

—  0,92 

—  0,92 

B. 

29.V.- 

-3  I.V. 

2,3 

2,3 

1,15 

4-  4,84 

31.V.- 

-2.VI. 

12,5 

10,2 

5,10 

-t-  0,89 

2.- 

-4. 

25,4 

10,8 

11,9 

10,8 

5,95 

5,40 

+  0,04 

+  0,59 

4.- 

-6. 

35,3 

22,0 

9,9 

11,2 

4,95 

5,60 

+  1,04 

+  0,39 

6.- 

-8. 

47,4 

34,1 

12,1 

12,1 

6,05 

6,05 

>  5,99 

—  0,06 

—  0,06 

8.- 

-10. 

59,2 

46,4 

11,8 

12,3 

5,90 

6,15 

4-  0,09 

—  0,16 

10.- 

-12. 

73,2 

60,0 

14,0 

13,6 

7,00 

6,80 

—  1,01 

—  0,81 

C. 

29.V.- 

-31.V. 

6,2 

6,2 

6,2 

6,2 

3,10 

3,10 

+  3,00 

+  3,00 

31.V.- 

-2.  VI. 

17,4 

16,9 

11.2 

10,7 

5,60 

5,35 

+  6,50 

+  0,75 

2.- 

-4. 

20,7 

26,4 

9,3 

9,5 

4,65 

4,75 

+  1,45 

+  1,35 

4.- 

6.- 

-6. 

8.  ■ 

40,2 
53,7 

40,3 
52,5 

13,5 
13,5 

13,9 
12,2 

6,75 
6,75 

6,95 
6,10 

■  6,10 

—  0,65 

—  0,65 

—  0,85 
+  0,00 

8.- 

-10. 

65,4 

65,0 

11,7 

12,5 

5,S5 

6,25 

+  0,25 

—  0,15 

10.- 

-12. 

80,0 

78,8 

14,6 

13,8 

7,30 

6,90 

—  1,20 

—  0,80 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  6,01  mm. 


t  =  18,00. 


A. 

29.V.- 

-31.Y. 

15,2 

15,4 

15,2 

15,4 

7,60  7,70 

-1-  2,77 

+  2,67 

31.V.- 

-2.VI. 

34,3 

36,1 

19,1 

20,7 

9,55  10,35 

+  0,82 

+  0,02 

2.- 

4. 

55,1 

57,3 

20,8 

21,2 

10,40  10,60 

1 10,37 

—  0,03 

—  0,23 

4.- 

0. 

70,8 

78,2 

21,7 

20,9 

10,85  10,45 

—  0,48 

—  0,08 

96 


Karl  Hoffmann, 


[62] 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

a 

b 

B. 

29.V.— 31.V. 

16,1 

17,2 

16,1 

17,2 

8,05 

8,60 

+  1,66 

+  1,21 

31.V.— 2.VI. 

35,4 

34,6 

19,3 

17,4 

9,65 

8,70 

1 

+  0,06 

—  1,01 

2.-4. 

55,3 

54,1 

19,9 

19,5 

9,90 

9,75 

i  9,71 

—  0,19 

—  0,04 

4.-6. 

75,6 

74,0 

20,3 

19,9 

lü,15 

9,90 

} 

—  0,44 

—  0,19 

C. 

29.V.-31.V. 

17,3 

18,4 

17,3 

18,4 

8,65 

9,20 

+  1,13 

+  0,68 

31.V.-2.VI. 

37,2 

38,0 

19,9 

19,6 

9,95 

9,80 

—  0,07 

+  0,08 

2.-4. 

57,1 

57,9 

19,9 

19,5 

9,95 

9,75 

j  9,88 

—  0,07 

+  0,13 

4.-6. 

77,2 

77,0 

20,1 

19,5 

10,05 

9,75 

—  0,17 

+  0,13 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  9,99  mm. 


t  =  20,0«. 


A. 

29.V. 

-31.V. 

17,6 

17,6 

17,6 

17,6 

8,80  8,80 

+  2,03 

+  2,03 

31.V.- 

-2.VI. 

41,2 

38,6 

23,6 

21,0 

11,S0  10,50 

—  0,97 

+  0,33 

2.- 

-4. 

64,3 

60,7 

23,1 

21,9 

1 1 ,55  1 0,95 

jio.ss 

—  0,72 

—  0,12 

4.- 

-6. 

84,2 

81,0 

19,9 

20,3 

9,95  10,15 

+  0,88 

+  0,68 

B. 

29.V.- 

-3  I.V. 

12,4 

13,1 

12,4 

13,1 

6,20  6,55 

+  5,17 

+  4,82 

;ii.v.- 

-2.VI. 

33,2 

34,5 

20,8 

21,4 

10,40  10,70 

+  0,97 

—  0,33 

2.- 

-4. 

57,8 

59,2 

24,6 

24,7 

12,30  12,35 

jll,37 

—  0,93 

—  0,98 

4.- 

-6. 

80,2 

81,7 

22,4 

22,5 

11,20  11,25 

+  0,17 

+  0,12 

C. 

29.V. 

-2  I.V. 

15,6 

15,2 

15,6 

15,2 

7,80  7,60 

+  2,69 

+  2,89 

31.V.- 

-2.VI. 

36,8 

37,3 

21,2 

22,1 

10,60  1 1,05 

—  0,11 

—  0,56 

2.- 

-4. 

56,2 

58,4 

19,4 

21,1 

9,70  10,55 

1 10,49 

+  0,79 

—  0,06 

4.- 

-6. 

77,4 

79,1 

21,4 

20,7 

10,70  10,35 

—  0,21 

+  0,12 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  10,90  mm. 


t  =  23,00. 


29.V.-31.V. 
31.V.-2.VI. 
2.-4. 

29.  V.- 3  I.V. 
3  I.V.— 2.  VI. 
2.-4. 


19,4  19,8 

43,8  44,0 

68,2  68,5 

23.1  21,4 

48.2  43,5 


19,4  19,8  :  9,70  9,90 
24,4  24,2  [12.20  12,10 


24,4  24,5 


12,20  12,25 


23,1   21,4  ;  11,55  10,70 
25,1   22,1  12,55  11,05 
72,5  64,2,24,3  21,7  12,15  10,85 


12,19 


11,50 


+  2,49  +  2,29 

—  0,01  +  0,09 

—  0,01  —0,06 

—  0,05  +  0,80 

—  1,05  +  0,45 

—  0,65  +  0,65 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 


97 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

a  b 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a  b 

Tägliche 
Zunahme 

a  b 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

c. 

2f).V.-31.V. 

;ii.v.— 2.VI. 

2.-4. 

17,8  17,4 
39,7  37,4 
59,4  57,4 

17.8  17,4 

21.9  19,7 
20,0  20,0 

8,90  8,70 
10,95  9,85 
10,00  10,00 

1 10,20 

+  1,30   +  1,50 
—  0,75   +  0,35 
4-  0,20   +  0,20 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  11,30  mm. 


^  =  26,00. 


29.V.— 31.V. 
3  I.V.— 2.  VI. 
2.-4. 

29.  V.— 8  I.V. 
31.V.— 2.VI. 
2.-4. 


21,2  22,0  121,2  22,0  10,60  11,001 
46,5  47,5  125,3  25,5  112,65  12,75l\ 
72,0  72,6  I  25,5  25,1  1 12,75  12,55!/ 


12,68 


20,0  19,6  I  20,0  19,6 
42,5  43,3  {  22,5  23,5 
66,0  67,8  i  23,7  24,5 


10,00  9,80 
11,25  11,75  ^ 
11,85  12,25  1^^''^^ 


+  2,08  +  1,68 

+  0,03  —  0,07 

—  0,07  +0,13 

+  1,75  +  1,95 

+  0,50  +  0,00 

—  0,10  —0,50 


Mittelwert  aus  A  und  B  =  12,22  mm. 


t  =  30,00. 


29.V.- 

-31.V. 

2,2 

3,0 

2,2 

3,0 

1,10 

1,50 

+  1,13 

+  0,73 

81.V.- 

-2.  VI. 

5,2 

8,2 

3,0 

5,2 

1,50 

2,60 

-t-0,73 

—  0,37 

2.- 

-4. 

9,0 

12,6 

3,8 

4,4 

1,90 

2,20 

+  0,33 

+  0,03 

4.- 

-6. 

14,1 

15,9 

5,1 

3,3 

2,55 

1,65 

2,23 

—  0,22 

+  0,58 

6.- 

-8. 

17,9 

20,6 

3,8 

4,7 

1,90 

2,35 

-f  0,33 

—  0,12 

8.- 

-10. 

24,0 

27,1 

6,1 

6,5 

3,05 

3,25 

—  0,82 

—  1,02 

10.- 

-12. 

29,6 

33,0 

5,6 

5,9 

2,80 

2,95 

—  0,57 

—  0,72 

12.- 

14. 

33,8 

37,8 

4,2 

4,8 

2,10 

2,40 

+  0,13 

—  0,17 

29.  V.- 

-3  I.V. 

4,0 

4,2 

4,0 

4,2 

2,00 

2,10 

—  0,06 

—  0,16 

31.V.- 

-2.VI. 

7,0 

7,3 

3,0 

3,1 

1,50 

1,55 

+  0,44 

+  0,39 

2.- 

-4. 

10,6 

10,9 

3,6 

3,6 

1,80 

1,80 

+  0,14 

+  0,14 

4.- 

-6. 

14,7 

14,8 

4,1 

3,9 

2,05 

1,95 

■  1,94 

—  0,11 

—  0,01 

6.- 

-8. 

17,2 

16,5 

2,5 

1,7 

1,25 

0,85 

+  0,69 

+  1,09 

8.- 

-10. 

19,4 

19,4 

2,2 

2,9 

1,10 

1,45 

+  0,84 

+  0,49 

10.- 

-12. 

21,2 

21,0 

1,8 

1,6 

0,90 

0,80 

4-  1,04 

+  1,14 

Mittelwert  aus  A  und  B  =  2,08  mm. 


Zeitsohr.  f.  Naturwisa.  Halle  a.  S.   Bd.  82,  1910. 


7 


98 


Kakl  Hoffmann, 


[64] 


In  der  Kurve  sind  die  Wachstumsverhültnisse  graphisch 
dargestellt. 

Auch  bei  dieser  Waclistumskurve  kann  von  einem  gerad- 
linigen Aufstieg  nicht  die  llede  sein.  Je  mehr  sich  die  Kurve 
ihrem  Optimum  nähert,  um  so  steiler  wird  sie,  um  vor  dem 
Maximum  sich  vpeniger  steil  zu  erheben. 


^  1  1  1  1  1  V 

13,6"  18»      '20«  23»  26»  30 

Fig.  5. 

4.  Temperaturwerte  von  Polyporus  vaporarius. 

Auch  Folyporus  vaporarius  wurde  in  Petrischalen  von 
11  cm  Durchmesser,  die  mit  32  ccm  dunkler  Bierwürze,  der 
5o/„  Agar-Agar  zugesetzt  war,  beschickt  waren,  in  seinem 
Wachstum  bei  verschiedenen  Temperaturen  beobachtet.  Da 
mir  nur  eine  kleinere  Anzahl  von  Kulturgläsern  zur  Verfügung 
standen  und  immer  einige  Versuche  mifsglücken,  da  die 
Petrischalen  besonders  leicht  verunreinigt  werden,  konnten 


[65]      Wachstuinsverhiiltnisse  einiger  holzzerstürenden  Pilze.  99 

bei  13,6"  und  30,0"  nur  je  eine  Schale  mit  je  zwei  Ab- 
lesungen verwendet  werden. 


^  =  13,6".    Die  Mafse  sind  in  mm  angegeben. 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

a 

b 

a  b 

a  b 

A. 

8.VI.— lO.VI. 

4,7  4,6 

4,7 

4,6 

2,35  2,30 

—  0,30  —0,25 

10.— 12. 

7,3  8,4 

2,6 

3,8 

1,30  1,90 

+  0,75   +  0,15 

12.-14. 

11,2  12,5 

3,9 

4,1 

1,95  2,05 

>  2,05 

-i-  0,10   +  0,00 

14.— 16. 

15,9  17,4 

4,7 

4,9 

2,35  2,45 

—  0,30  —  0,40 

16.— 18. 

19,3  21,7 

3,4 

4,3 

1,70  2,15 

1 

+  0,35  —0,10 

t  =  18,00. 


8.VI.- 

lO.VI. 

6,2 

6,2 

3,10 

—  0,62 

10.- 

-12. 

9,9 

4,5 

3,7 

4,5 

1,85 

2,25 

4-0,73 

4-  0,33 

12.- 

-14. 

16,9 

9,1 

7,0 

4,6 

3,50 

2,30 

•  2,58 

—  0,92 

4-0,28 

14.- 

-16. 

21,8 

14,0 

4,9 

4,9 

2,45 

2,45 

4-0,13 

4-  0,13 

16.- 

-18. 

27,0 

19,6 

5,2 

5,6 

2,60 

2,80 

—  0,02 

—  0,22 

8.VI.— 

10.  VI. 

7,4 

6,1 

',4 

6,1 

3,70 

3,85 

—  0,66 

—  0,31 

10.- 

-12. 

15,0 

12,5 

7,6 

6,4 

3,80 

3,20 

1 

—  0,76 

—  0,16 

12.- 

-14. 

20,0 

18,1 

5,0 

5,6 

2,50 

2,80 

'  3,04 

4-  0,54 

4-  0,24 

14.- 

-16. 

24,8 

23,0 

4,8 

4,9 

2,40 

2,45 

4-0,64 

4-  0,59 

16.- 

-18. 

31,2 

29,6 

6,4 

6,6 

3,20 

3,30 

—  0,16 

—  0,26 

Mittelwert  aus  A  und  B  =  2,81  mm. 


t  =  20,00. 


lO.VI.- 

12.VI. 

5,2 

5,4 

5,2 

5,4 

2,60 

2,70 

12.- 

-14. 

11,3 

10,2 

6,1 

4,8 

3,05 

2,40 

14.- 

-16. 

17,4 

15,9 

6,1 

5,7 

3,05 

2,85 

16.- 

-18. 

22,1 

21,0 

4,7 

5,1 

2,35 

2,55 

8.VI.— 

lO.Vl. 

5,2 

5,2 

2,60 

10.- 

-12. 

11,6 

7,5 

6,4 

7,5 

3,20 

3,75 

12.- 

-14. 

18,7 

15,0 

6,1 

7,5 

3,05 

3,75 

14.- 

-16. 

27,1 

21,1 

8,4 

6,1 

4,20 

3,05 

16.- 

-18. 

35,4 

29,0 

8,3 

7,9 

4,15 

3,95 

2,70 


3.58 


4-  0,10 

—  0,35 

—  0,35 
4-  0,35 

-1-  0,98 
4-  0,38 
-0,53 
-0,62 
-0,57 
7* 


ioo 


Karl  Hopfmann, 


[66] 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

a  b 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 
a  b 

Tägliche 
Zunahme 

a  b 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weichungen 

a  b 

c. 

8.VI.— lO.VI. 

5,0  4,5 

5,0  4,5 

2,50  2,25 

+  0,45   +  0,70 

10.— 12. 

10,1  10,0 

5,1  5,5 

2,55  2,75 

+  0,40   +  0,20 

12.-14. 

15,9  16,3 

5,8  6,3 

2,90  3,15 

>  2,95 

+  0,05  —  0,20 

14.-16. 

22,9  22,2 

7,0  5,9 

3,50  2,95 

—  0,55   +  0,00 

10.— 18. 

28,7  30,2 

5,8  8,0 

2,90  4,00 

J 

+  0,05  —  1,05 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  3,08  mm. 


t  =  23,00. 


8.VI.- 

lO.VI. 

5,1 

6,0 

5,1 

6,0 

2,55 

3,00 

+  1,70 

+  1,25 

10.- 

-12. 

13,4 

15,0 

8,3 

9,0 

4,15 

4,50 

-l-  0,10 

-  0,25 

12.- 

-14. 

23,2 

24,1 

9,8 

9,1 

4,90 

4,55 

1  4,25 

—  0,65 

—  0,30 

14.- 

-16. 

30,0 

32,2 

6,8 

8,1 

3,40 

4,05 

+  0,85 

+  0,20 

16.- 

-18. 

38,1 

41,0 

8,1 

8,8 

4,05 

4,40 

+  0,20 

—  0,15 

8.VI.— 

lO.VI. 

7,0 

6,2 

7,0 

6,2 

3,50 

3,10 

+  0,75 

+  1,15 

10.- 

-12. 

15,4 

14,7 

8,4 

8,5 

4,20 

4,25 

+  0,05 

+  0,00 

12.- 

-14. 

24,0 

23,4 

8,6 

8,7 

4,30 

4,35 

1  4,25 

—  0,05 

—  0,10 

14.- 

-16. 

31,2 

31,0 

7,2 

7,6 

3,60 

3,80 

+  0,65 

+  0,45 

16.- 

-18. 

40,6 

40,6 

9,4 

9,6 

4,70 

4,80 

—  0,45 

—  0,55 

lO.VI.- 

12.VI. 

4,2 

5,3 

4,2 

5,3 

2,10 

2,65 

+  1,15 

+  0,00 

12.- 

-14. 

11,1 

11,2 

6,9 

5,9 

3,45 

2,95 

—  0,20 

+  0,30 

14.- 

-16. 

17,5 

17,1 

6,4 

5,9 

3,20 

2,95 

j  3,25 

+  0,05 

+  0,30 

16.- 

-18. 

24,5 

24,0 

7,0 

6,9 

3,50 

3,45 

—  0,25 

—  0,20 

Mittelwert  aus  A,  B,  C  =  3,92  mm. 


t  = 

=  26,0 

o_ 

8.V1.- 

lO.VI. 

10,0 

10,2 

10,0 

10,2 

f- 

-12. 

18,4 

20,2 

8,4 

10,0 

12.- 

-14. 

27,2 

27,5 

8,8 

7,3 

14.- 

-16. 

36,0 

36,1 

8,8 

8,6 

IG.- 

-18. 

43,9 

44,0 

7,9 

7,9 

8.VI.— 

lO.VI. 

9,2 

8,7 

9,2 

8,7 

10.- 

-12. 

17,1 

18,2 

7,9 

9,5 

12.- 

-14. 

26,2 

26,5 

9,1 

8,3 

14.- 

-16. 

34,0 

34,8 

7,8 

8,3 

5,00 

5,10 

—  0,60 

—  0,70 

4,20 

5,00 

+  0,20 

—  0,60 

4,40 

3,65 

.  4,40 

+  0,00 

+  0,75 

4,40 

4,30 

+  0,00 

+  0,10 

3,95 

3,95 

) 

+  0,45 

+  0,45 

4,00 

4,35 

1 

—  0,30 

—  0,05 

3,95 
4,55 

4,75 
4,15 

j  4,30 

+  0,35 
—  0,25 

—  0,45 
+  0,15 

3,90 

4,15 

+  0,40 

+  0,15 

Wachstumsverhiiltnisse  einiger  holzzerstürenden  Pilze. 


101 


Zeit  des 
Wachstums 

Gesamt- 
länge 

Zwei- 
tägige 
Zunahme 

Tägliche 
Zunahme 

Mittel- 
wert 

Ab- 
weicliungeu 

a  b 

a 

b 

a  b 

a  b 

c. 

8.VI.— lO.VI. 

6,7  8,4 

6,7 

8,4 

3,35  4,20 

] 

-1-  0,94  +  0,09 

10.-12. 

15,1  17,3 

8,4 

8,9 

4,20  4,45 

+  0,09  —0,16 

12.— 14. 

24,1  27,1 

9,0 

9,8 

4,50  4,90 

l  4,29 

—  0,21  —0,61 

14.— 16. 

33,6  36,0 

9,5 

8,9 

4,75  4,45 

—  0,46  —0,16 

16.-18. 

41,7  44,0 

8,1 

8,0 

4,05  4,00 

) 

+  0,24   +  0,29 

Mittelwert  aus  A,  ß,  C  =  4,33  mm. 


t 


30,0». 


A. 


8.VI.— lO.VI. 
10.-12. 
12.— 14. 


4,2 
6,9 
10,3 


2,5 
4,8 
7,0 


4,2 
2,7 
3,4 


2,5 
2,3 
2,2 


2,10 
1,35 
1,70 


1,25  I 

1,15 

1,10 


1,44 


—  0,66  +0,19 
+  0,09   +  0,29 

—  0,26   +  0,34 


Es  ergibt  sich  aus  den  angeführten  Beobachtungen 
folgende  Wachstuniskurve  (die  Werte  sind  für  je  zweimal 
10  Tage  berechnet). 


 1  1  1  1  1  1_ 

13,6»  18»     200  230  26»  30o 


Fig.  6. 


102  Kahl  IIoffmann,  [68] 

Auch  aus  dieser  Kurve  können  wir  nicht  auf  einen 
linearen  Verlauf  der  Wachstumskurven  Hchlicl'sen.  Es  ist 
nur  die  Tatsache  zu  vermerken,  dal's  vor  dem  0})tiuium  ein 
steilerer  Anstieg  erfolgt,  um  nachher  wieder  allmählich  ab- 
zufallen. 

III.  Verlauf  der  Wachstumskurveii. 

Wenn  wir  irgend  eine  der  Wachstumskurven  nach  Falck 
betrachten  —  ich  wähle  Merulius  lacrymans  domesticus'^)  — 
so  ergibt  sich  dasselbe  Bild. 


Fig.  7. 

Die  Kurve,  welche  durch  die  Wachstumswerte  bei  den 
verschiedenen  Temperaturen  bedingt  ist,  wird  sich  ganz  nach 
meinem  Belieben  mehr  oder  weniger  einer  Geraden  nähern 
je  nach  den  Verhältnissen,  welche  ich  zur  Darstellung  benutze. 
Wähle  ich  die  Temperatureinheiten  recht  grofs,  so  wird 
die  Kurve  wenig  von  einer  Geraden  abweichen,  wähle  ich 
aber  zur  Darstellung  der  Wachstumswerte  gröfsere  Ein- 
heiten, so  ist  die  Kurve  verhältnismäfsig  kürzer  und  die  Ab- 
weichungen vom  geradlinigen  Verlauf  treten  deutlicher  hervor. 

Aus  den  von  mir  erhaltenen  Wachstumskurven  kann 
ich  nicht  folgern  —  ebensowenig  aus  den  von  Falck  ge- 
wonnen — ,  dafs  der  Wachstumsanstieg  eine  lineare  Funktion  2) 


1)  Vgl.  Falck,  S.  112. 

2)  Im  Gegensatz  zu  Falck,  S.  108  und  109. 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  1^3 


der  Temperatur  ist.  Icli  kauu  nach  den  gegebenen  Ver- 
hältnissen nur  den  Schhil's  ziehen,  dnfs  vor  dem  Optiniuni 
sich  die  Wachstuniskurvc  steiler  erhebt  und  dals  sie  nach 
dem  Maximum  ziemlich  steil  abfällt. 

Zu  bemerken  ist  aul'serdem  noch,  dal's  durch  das  Ex- 
periment noch  nicht  erwiesen  ist,  ob  wirklich  bei  0"  kein 
Wachstum  stattfindet.  Die  Annahme  Falcks,  erst  von  3,0" 
die  Wachstumskurve  ihren  Aufstieg  vornehmen  zu  lassen, 
ist  willkürlich  und  keine  zwingende  Folge  seiner  Be- 
obachtungen. Ich  möchte  nur  darauf  hinweisen,  dafs  in 
Eiskellern  mehrfach  lebender,  also  wachsender  Hausschwamm 
gefunden  wurde,')  so  dafs  es  nicht  xinmöglich  erscheint, 
dafs  auch  bei  bei  genügend  langer  Gewöhnung  an 
diese  niedrige  Temperatur  ein,  wenn  auch  langsames, 
Wachstum  stattfindet. 


IV.  Die  Bedeutung  des  Sauerstoffs  für  das  Wachstum 
der  Mycelien. 

1.  Anaerobe  Kulturen. 

In  seinen  Untersuchungen  über  „Wachstumsintensitäten 
usw."  führt  Falck'^)  auch  Versuche  an,  die  er  unter  der 
Bedingung  der  anacroben  Kultur  vornahm.  Nach  seinen 
bisherigen  Feststellungen  entwickelt  sich  das  Mycel  des 
Merulius  lacrymans  ohne  Sauerstoff  längere  Zeit  hindurch 
ebenso  günstig  wie  in  aeroben  Kulturen.  Um  dies  nachzu- 
prüfen, verschlofs  ich  einige  Kulturröhren  der  Como2)}iora  cere- 
bella  I  und  //,  des  Faxilliis  acheruntius,  Merulius  lacrymans 
und  Merulius  Silvester  mit  festen  Wattepfropfen  und  legte 
darüber  eine  dicke  Schicht  von  Paraffin,  so  dafs  Luftzutritt 
nicht  mehr  stattfinden  konnte.  Einige  Tage  hindurch  war 
noch  Wachstum  vorhanden,  das  allerdings  nicht  mehr  so 
intensiv  war;  aber  bald  kam  dies  völlig  zum  Stillstand. 
Dies  Verhalten  konnte  am  Sauerstoflimangel  oder  an  der 
Kohlensäureanreicherung  der  Luft  liegen.    Um  dies  näher 


>)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  59. 
")  Vgl.  Falck,  S.  123. 


104 


Karl  Hoffmann, 


[70] 


zu  uutersuclieii,  unterwarf  ich  die  Mycelien  der  von  mir 
bebandelten  Pilze  der  AVasserstoflfkultur.  leb  ging  so  vor, 
dafs  icb  in  Erlennieyer- Kolben  zunächst  eine  ausreichende 
Näbrscbicbt  sterilisierte.  Diese  Gefäfse  vparen  mit  einem 
doppelt  durchbohrten  Kautschukpfropfen  versehen,  durch  den 
zwei  Glasröhren  hindurchführten,  die  der  leichteren  Be- 
handlung wegen  rechtwinklig  umgebogen  waren.  Wenn  die 
Kulturen  in  den  Kolben  einen  Durchmesser  von  ca.  5 — 7  cm 
erreicht  hatten,  wurden  sie  mit  chemisch  reinem  Wasserstoff 
beschickt  und  hierauf  die  Zu-  und  Ableitungsröhren  zu- 
geschmolzen. Um  jeden  Luftaustausch  unmöglich  zu  machen, 
war  die  obere  Öffnung  der  EuLENMEYER-Kolben  und  die 
Kautschukpfropfen  mit  einer  absolut  sicher  schliefsenden 
Paraffin-  resp.  Wachsschicht  überzogen.  So  wurden  die 
Bedingungen  der  anaeroben  Kultur  auf  eine  verhältnismäfsig 
leichte  und  sichere  Weise  gewonnen.  Zu  erwähnen  ist  noch, 
dafs  von  jeder  untersuchten  Pilzspezies  wenigstens  zwei 
Versuche  vorgenommen  wurden;  war  etwa  eine  Kultur  ver- 
unreinigt, so  wurde  der  Versuch  wiederholt,  so  dafs  für  jede 
Bestimmung  zwei  oder  mehrere  absolut  sichere  und  Uber- 
zeugende Beobachtungen  vorliegen. 

Merulius  lacrymans  (vom  21.  April  1909)  wurde  am 
7.  Mai  mit  Wasserstoff"  beschickt.  Schou  nach  4  Stunden 
zeigte  sich  ein  Einflufs  des  mangelnden  Sauerstoffs.  Das 
Mycel  senkte  die  nach  oben  strebenden  Hyphen  nach  unten. 
Dieser  Vorgang  der  Einkrümmung  verstärkte  sich  von  Stunde 
zu  Stunde,  so  dafs  am  8.  Mai  das  Substrat  wie  von  einem 
Schleier  überzogen  erschien.  Am  17.  Mai  war  das  Mycel 
dem  Nährboden  vollkommen  angedrückt,  so  dafs  es  kaum 
noch  sichtbar  war.  Es  war  nun  möglich,  dafs  der  Pilz  sich 
von  der  sauerstoffarmen  Atmosphäre  zu  dem  Substrat  ge- 
wendet hatte,  um  sich  den  darin  befindlichen  gebundenen 
Sauerstoff  nutzbar  zu  machen ,  dafs  der  Pilz  also  im  Nähr- 
boden weiter  wuchs.  Um  dies  zu  untersuchen,  wurde  am 
17.  Mai  die  Spitze  der  zuführenden  Röhre  abgebrochen, 
so  dafs  ein  geregelter  Gasaustausch  stattfinden  konnte. 
Das  Resultat  war,  dafs  auch  jetzt  der  Pilz  kein  Luftmycel 
mehr  bildete;  auch  eine  Impfung,  von  dieser  Kultur  vor- 
genommen wurde,  liefs  kein  Wachstum  erkennen.  Nach 


Wachstums  Verhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze. 


105 


weiteren  3  Woclien  war  Merulius  lacrymcms  nicht  weiter 
gewachsen:  er  war  tot.  Zwei  andere  Kulturen,  die  in  der- 
selben Weise  behandelt  wurden,  gingen  bei  der  SauerstotTent- 
ziehung  ebenfalls  sofort  zu  Grunde  und  wuchsen  nicht  weiter. 

Es  fragte,  sich  nun,  ob  der  Sauerstoffmangel  den  Pilz 
sofort  zu  töten  vermochte  oder  ob  der  im  Nährboden 
vorhandene  gebundene  Sauerstoff  ausreichte,  um  ihn  eine 
Zeitlang  am  Leben  zu  erhalten.  Der  vorhin  besprochene 
Versuch  war  so  eingerichtet,  dafs  nach  zehntägiger  Wasser- 
stoffkultur der  Pilz  wieder  normale  Wachstumsbedinguugen 
erhielt:  nach  zehn  Tagen  Sauerstoffentziehung  war  das  Mycel 
abgestorben. 

Ein  anderer  Versuch  zeigte,  dafs  auch  siebentägiger 
Mangel  an  Sauerstoff  genügte,  um  den  Pilz  zu  töten,  auch 
vier  Tage  anaerobe  Kultur  zeitigten  dasselbe  Resultat.  Nach 
dreitägiger  Sauerstoffentziehung  wuchs  jedoch  ein  stark 
entwickeltes  Mycel  weiter.  Einige  andere  Versuche,  die  mit 
gering  gewachsenen  Mycelien  vorgenommen  wurden,  liefsen 
erkennen,  dals  der  Pilz,  wenn  er  nur  schwaches  Luftmycel 
gebildet  hat,  auch  schon  nach  dreitägigem  Sauerstoffmangel 
zu  Grunde  geht. 

Wir  können  aus  diesen  Versuchen  den  Schlufs  ziehen, 
dals  ein  kürzerer  Aufenthalt  in  sauerstoffreier  Luft  den 
Merulius  lacrymans  schwer  schädigt  —  er  stellt  sofort  sein 
Wachstum  ein  — ,  dafs  aber  der  vom  Mycel  festgehaltene 
Sauerstoff  genügt,  ihn  einige,  aber  nur  kurze  Zeit  am  Leben 
zu  erhalten,  so  dafs  sich  das  Mycel  bei  Sauerstoffzufuhr 
wieder  erholen  konnte.  Kräftig  ausgebildetes  Mycel  kann 
infolgedessen  mehrere  Tage  in  sauerstoffreier  Atmosphäre 
lebensfähig  bleiben.  Er  wird  aber  unter  allen  Umständen 
bei  längerem  Sauerstoffmangel  getötet. 

Mit  Merulius  Silvester  wurden  drei  Parallelversuche 
angestellt;  diese  zeigten  übereinstimmend,  dafs  auch  er  zu 
seiner  Lebenstätigkeit  den  Sauerstoff  der  Luft  nötig  hat. 
Nach  fünf  und  nach  zehntägigem  Aufenthalt  in  dem  Wasser- 
stoff war  er  vollkommen  getötet. 

Merulius  favosus  kann  ebensowenig  ohne  Sauerstoff 
existieren.  Auch  bei  diesem  Pilz  beobachtete  ich  überein- 
stimmend mit  dem  Verhalten  von  Merulius  lacrymans  und 


106 


Karl  Hoffmann, 


[72J 


Merulms  Silvester,  sowie  mit  den  Mycelien  der  anderen  Pilze, 
daCs  sieb  der  Sauerstofl'niangel  so  bemerkbar  maebtc,  dafs 
sieb  die  obersten  llyi)benenden  nacb  unten  krümmten  und 
so  allmäblicb  sieh  tiefer  und  tiefer  zu  dem  Substrat  neigten, 
bis  das  ganze  Myeel  den  Nährboden  wie  ein  Schleier  überzog. 
Nach  vierzehn  Tagen  und  auch  nach  vier  Tagen  war  der 
Pilz  abgestorben  und  zeigte  unter  den  Bedingungen  der 
aeroben  Kultur,  in  die  er  dann  gebracht  wurde,  kein  Wachs- 
tum mehr. 

Auch  Fohjporus  vulgaris,  Polyporus  vaporarius  und 
Fohjporus  serialis,  die  in  anacrob  gehaltenen  Kulturen  einige 
Wochen  hindurch  beobachtet  wurden,  zeigten  die  gleichen 
Verhältnisse.  Ihr  Mycel  stellte  ebenfalls  sofort  das  Wachs- 
tum ein.  Fohjportis  vaporarius  liels  erkennen,  dals  eine 
gut  gewachsene  Kultur  die  Sauerstoftentziehung  einen  Tag 
aushielt,  zwei  Tage  Sauerstotfmangel  töteten  auch  ihn  voll- 
kommen. Auch  hier  war  wieder  die  Erscheinung,  dafs  das 
Mycel  selbst  soviel  Sauerstoft"  festhält,  um  kurze  Zeit  das 
Leben  zu  ermöglichen,  sicher  zu  erkennen. 

Coniophora  cerehella  und  Paxillus  acheruntius  können 
nach  meinen  Kesultaten  nicht  auacrob  wachsen;  ebenso  auch 
FoJijporus  destructor  nicht.  Die  Schädigungen  des  Sauerstoff- 
mangels sind  schon  nach  kurzer  Zeit  deutlich  sichtbar;  ein 
Längenwachstum  kam  nicht  in  Frage.  Die  Messung  wurde 
tägHch  vorgenommen,  indem  an  auf  der  Unterseite  der  Kolben 
aufgeklebten  Papierstreifen  bei  der  Durchsicht  gegen  das 
Licht  Markierungen  vorgenommen  wurden.  Die  Einstellung 
des  Wachstums  geschah  sofort  nach  der  SauerstoflFentziehung 
und  seit  diesem  Augenblick  war  keine  Zunahme  im  Längen- 
wachstum zu  vermerken.  Vielmehr  nahm  die  Ausbreitung 
der  Mycelien  etwas  ab,  da  auch  die  vorderen  Luftliyphen 
eingekrümmt  wurden  und  so  eine  Verminderung  der  Längen- 
ausdehnung herbeiführten.  Diese  Erscheinung  ist  nur  die 
Folge  des  Sauerstoffmangels. 

Bei  Coniophora  cerehella,  Folyporus  destructor,  Fohjporus 
serialis  und  Faxillus  acheruntius  konstatierte  ich  nun  ein 
merkwürdiges  Verhalten.  Die  beobachteten  Kulturen  zeigten 
kein  weiteres  Längenwachstum,  und  auch  das  Mycel  legte 
sich  in  der  beschriebenen  charakteristischen  Weise  dem 


Wachstums  Verhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  107 


Substrat  an,  nur  dafs  dieses  Anlegen  nicht  so  intensiv  gescliali; 
etwas  Mycel  und  einige  Luftliyphen  blieben  noch  deutlieh 
sichtbar.  Als  ich  nun  nach  20  Tagen  Sanerstotfentziehuug 
die  Coniophora  cerehella  wieder  den  Bedingungen  der  aeroben 
Kultur  unterwarf,  erholte  sich  das  Mycel  zusehends.  Nach 
einem  Tage  war  es  soweit  gekräftigt,  dafs  es  ganz  das 
Aussehen  der  Kultur  vor  dem  Beschicken  mit  Wasserstoff 
hatte,  und  am  zweiten  Tage  danach  zeigte  sich  recht  intensives 
Wachstum,  das  auch  weiterhin  anhielt.  Auch  nach  vier 
Tagen  Sauerstoffentziehung  wuchs  das  Mycel  üppig  weiter, 
als  ihm  wieder  Sauerstoff  zugeführt  wurde.  Jedenfalls  ist 
hierdurch  erwiesen,  dafs  Coniophora  cerehella  gegen  Sauerstoff- 
mangel sehr  widerstandsfähig  ist.  Das  intensive  und  sehr 
kräftige  Wachstum  dieses  holzzerstörenden  Pilzes  versetzt 
ihn  in  die  Möglichkeit,  dem  Nährboden  soviel  Sauerstoff  zu 
entziehen,  als  ihm  zur  Erhaltung  seiner  Lebensfähigkeit  nötig 
ist.  Da  Coniophora  cerehella  in  dem  Erlenmeyer -Kolben 
ohne  Sauerstoff"  zwanzig  Tage  hindurch  lebend  blieb,  kann  die 
Erscheinung  unmöglich  darauf  zurückzuführen  sein,  dafs  in 
dem  Mycel  selbst  genügende  Mengen  von  Sauerstoff  gespeichert 
waren.  Das  Verhalten  dieses  Pilzes  stimmt  auch  mit  meinen 
sonstigen  Beobachtungen  Uberein,  denen  zufolge  Coniophora 
den  von  mir  benutzten  Nährstoff  in  ausgiebigem  Mafse 
zerstört.  Man  sieht  an  der  Verfärbung  des  Nährbodens,  der 
bei  mir  stets  heller  gefärbt  wurde,  dafs  der  Pilz  irgendwelche 
Stoffe  ausscheidet,  die  den  Nährboden  zersetzen.  Auf  diese 
Weise  dringt  Coniophora  cerehella  oft  tief  in  das  Kultur- 
substrat ein.  Jedenfalls  zerstörte  er  in  derselben  Zeit  inten- 
siver den  künstlichen  Nährboden  als  Merulius  lacrymans 
oder  Merulius  Silvester. 

Ein  ähnliches  Verhalten  wie  Coniophora  zeigt  Foxillus 
acheruntius.  Auch  das  Mycel  dieses  holzzerstörendeu  Pilzes 
wurde  durch  Sauerstoft'entziehung  schwer  geschädigt.  Es 
wurde  mehr  und  mehr  dem  Nährboden  angedrückt,  so  dafs 
es  schliefslich  den  Anschein  hatte,  als  ob  das  Substrat 
mit  einer  öligen  Haut  überzogen  wäre.  In  zehn  und  in 
fünfzehn  Tagen  Aufenthalt  in  einer  Atmosphäre  ohne  Sauer- 
stoff zeigte  auch  Paxillus  acheruntius  kein  Längenwachstum. 
Als  ihm  aber  nach  dieser  Zeit  wieder  Sauerstoff  geboten 


108 


Kakl  Hoffmann, 


[74] 


wurde,  erholte  auch  er  sich  und  hatte  bald  das  ganze  Sub- 
strat bewachsen.  Hiermit  ist  auch  die  Widerstandskraft  gegen 
Sauerstoffentziehung  für  Vaxillus  achenmtius  erwiesen. 

Volijporus  destructor  und  Polyporus  serialis  blieben 
ebenfalls  in  sauerstoffreier  Luft  lebend.  Beide  Pilze  wurden 
in  gleicher  Weise  nach  5  und  nach  15  Tagen  Wasserstoff- 
kultur nicht  getötet,  sondern  wuchsen,  wenn  sie  dann  die 
Möglichkeit  hatten,  Sauerstoff  zu  atmen,  weiter.  Also  auch 
Vohjporus  destructor  und  Fohjporus  serialis  vermögen  intra- 
molekular zu  atmen. 

Wenn  Coniophora  cerehella,  Paxillus  acheruntius,  Poly- 
2)orns  destructor  und  Polyporus  serialis  tatsächlich  bei 
Sauerstoffentziehung  normale  intramolekulare  Atmung  ein- 
leiten können,  so  mufste  sich  in  den  Kulturen  ohne 
Sauerstoffzuführuug  Alkohol  nachweisen  lassen.  Zur  Prüfung 
wurde  die  Jodoformreaktion  benutzt.') 

Bei  diesen  Versuchen  ergab  sich  nun,  dafs  tatsächlich 
unter  den  Bedingungen  der  anaeroben  Kultur  Polyporus 
destructor,  Polyporus  serialis,  Coniopliora  cerehella  und 
Paxillus  acheruntius  Alkohol  bilden.  Besonders  deutlich 
trat  diese  Erscheinung  bei  Polyporxis  destructor  hervor. 
Dieser  Pilz  bildet  auch  in  aeroben  Kulturen  reichlich  Alkohol, 
während  Coniophora  cerehella,  Paxillus  acheruntius  und 
Polyporus  serialis  bei  Gegenwart  von  Sauerstoff  zwar  auch 
Alkohol  bilden,  doch  bei  weitem  nicht  so  reichlich  wie 
bei  Sauerstoff'eutziehung.  Polyporus  destructor  bildete  in 
aeroben  und  in  anaeroben  Kulturen  am  intensivsten  Alkohol. 

Es  ist  hier  gleichzeitig  darauf  hinzuweisen,  dafs  Paxillus 
acheruntius  und  Polyporus  destrtictor  den  von  mir  benutzten 
Nährboden  sehr  kräftig  ausnutzen.  Wenn  sie  den  anderen 
Pilzen  auch  an  täglichem  Längenwachstum  nachstehen,  so 
zerstören  sie  doch  in  gleicher  Zeit  das  Substrat  in  bedeutend 
höherem  Mafse. 

Fernerhin  wurde  versucht,  ob  die  Merulius- Arten  und 
Polyporus  vaporarius  ebenfalls  Alkohol  bilden  können.  Es 
ergab  sich,   dafs  weder  in   aeroben   noch  in  anaeroben 


^)  Vgl.  Detmer,  Kleines  pflanzenphysiologisches  Praktikum, 
S.  157. 


Wachstiimsverhiiltnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  100 


Kulturen  Alkohol  nachgewiesen  werden  konnte.  Da  also 
McruUus  lacrijrnans,  Mcrulius  Silvester,  Mernlius  favosus 
und  Pohjponis  vaporarms  sich  den  im  Nährboden  vor- 
handenen gebundenen  Sauerstoff  nicht  frei  machen  konnten, 
gingen  sie  anacroben  Kulturen  in  kurzer  Zeit  zugrunde. 

Im  Anschluls  hieran  möchte  ich  darauf  hinweisen,  dafs 
nach  den  bisherigen  Erfahrungen Polyporus  destmctor, 
Fohjporus  serialis  und  Faxillus  acheruntms  als  echte 
Parasiten  bekannt  sind.  Diese  Pilze  besitzen  nach  meinen 
Untersuchungen  tatsächlich  die  Möglichkeit  intramolekularer 
Atmung.  Aufserdem  vermag  auch  Coniophora  cerebella  den 
im  Substrat  gebundenen  Sauerstoff  frei  zu  machen;  dieser 
Pilz  war  bisher  als  echter  Saprophyt  angesehen  worden,  i) 
Insbesondere  mache  ich  gleichzeitig  darauf  aufmerksam, 
dafs  Coniophora  cerebella,  wie  auch  bereits  von  Mez^) 
bemerkt  wurde,  auf  sehr  feuchtem  Substrat  besonders  gut 
wächst.  Die  Kulturen  auf  flüssigem  Nährmedium  3)  zeigen 
aufs  deutlichste,  dafs  Coniophora  cerebella  bei  Gegenwart 
grolser  Feuchtigkeitsmengen  üppig  Mycel  bildet,  dafs  dieser 
Pilz  aber  auch  imstande  ist,  anaerob  zu  wachsen.  Wir 
können  aus  diesem  Verhalten  folgern,  dafs  auch  Coniophora 
cerebella  die  Möglichkeit  parasitischer  Lebensweise  besitzt 
und  auch  kubisch  zu  wachsen  vermag. 

Für  Paxillus  acheruntius  folgen  dieselben  Schlüsse  wie 
für  Coniophora  cerebella.  Sein  Verhalten  in  anaeroben 
Kulturen  zeigt  klar,  dafs  er  ebenfalls  als  echter  Parasit 
gelten  mufs.*) 

Dagegen  zeigen  die  Versuche,  dafs  Merulius  lacrymans, 
Merulius  Silvester,  Merulius  favosus  und  Polyporus  vapora- 
rius  als  echte  Saprophyten  anzusehen  sind;  hierauf  weist 
auch  das  von  ihnen  bekannte  oberflächliche  Wachstum  hin.^) 


^)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  198. 

Ebenda  S.  173. 
3)  Ebenda  S.  102  und  109. 
")  Ebenda  S.  148. 
5)  Ebenda  S.  200. 


110 


Karl  IIoffmann, 


[76] 


2.  Oxygenotropismus  des  Pilzmycels. 

Das  Verhalten  der  Myeelien  von  Merulius  lacrymans, 
Merulius  favosus,  Memlius  silrester,  Voyponis  vulgaris, 
Polyporus  vaporarius,  Pohjporus  destrudor,  Pohjporus 
serialis,  Coniophora  cerehella,  Paxillus  acherunthis  unter 
den  Bedingungen  der  anaeroben  Kultur  wies  schon  darauf 
hin,  dafs  die  Pilze  ein  gewisses  Bedürfnis  haben,  den 
Sauerstoff  an  sich  zu  ziehen,  um  atmen  zu  können.  Dieses 
Bestreben  ging  auch  daraus  hervor,  dafs  sich  in  Petrischalen 
das  Myeel  des  Merulius  lacrymans  und  Merulius  Silvester 
zwischen  Schale  und  Deckel  zwängte.  Nahrungsmangel 
konnte  nicht  die  Ursache  sein;  es  blieb  nur  der  Schlufs 
übrig,  dafs  der  Pilz,  der  auf  dem  Nährboden  in  der  Kultur- 
schale sehr  üppig  gewachsen  war,  nicht  genügend  Sauerstoff 
zur  Atmung  zur  Verfügung  hatte.  Da  das  Mycel  aber  nie 
in  die  Umgebung  der  Schale  hinaus  wuchs,  mufste  sich 
mir  der  Gedanke  aufdrängen,  dafs  zwar  Sauerstoff  bedürfnis 
vorhanden  war,  dafs  es  sich  aber  in  gewissen  Grenzen  hielt. 

Um  nachzuweisen,  dafs  die  Pilzmycelien  tatsächlich 
oxygenotrop  sind,  wurde  folgender  Versuch  angestellt:  ein 
mit  Nährboden  beschickter  Erlenmeyer- Kolben  wurde  mit 
einem  Kautschukpfropfen  verschlossen,  durch  den  drei  ver- 
schiedene Glasröhren  führten:  eine  zur  Zuleitung  von  Wasser- 
stoff, eine  zur  Ableitung,  durch  die  dritte  (jffnung  war  eine 
Kapillare  in  das  Innere  eingeführt,  die  ziemlich  dicht  über 
dem  Nährboden  endigte.  Diese  Kapillare  stand  nur  unter 
dem  Einflufs  der  äufseren  Luftverhältnisse,  so  dafs  durch 
sie  Sauerstoff'  eintreten  konnte.  Die  Nährböden  wurden  mit 
Merulius  lacrymans  geimpft  und,  wenn  dieser  gut  ange- 
wachsen war,  mit  Wasserstoff  beschickt.  Durch  die  Kapillare 
konnte  Sauerstoff  eindringen.  Es  ergaben  sich  bei  diesen 
Versuchen  leider  keine  sehr  deutlich  sichtbaren  chemotak- 
tischen Reizwirkungen,  da  es  sehr  schwierig  war,  die 
Kapillaren  vollkommen  frei  von  Wasser  zu  halten,  das  sich 
bei  der  Sterilisation  der  Kulturgefäfse  darin  niederschlug. 
Infolgedessen  konnte  bei  drei  Versuchen  nur  konstatiert 
werden,  dafs  in  der  nächsten  Umgebung  der  Kapillaren  die 
Pilzhyphen  länger  aufgerichtet  waren,  während  die  weiter 


Wachstum sverhilltnisse  einiger  liolzzürstiiroridcn  IMlze.  III 


entfernten  Ilyplien  sieb  einige  Stunden  eher  einkrümmten 
und  dem  Substrat  anscbniiegten.  Ein  direktes  Hinwenden 
zu  den  Kapillarenöffnungen  wurde  nicht  bemerkt,  da  offenbar 
diese  unwegsam  waren  und  der  Sauerstoff  nur  langsam 
hinein  diffundierte.  Das  Resultat  dieser  Versuche  war  nur, 
dafs  die  Ilypheu  in  der  nnmitttelbaren  Nähe  der  Kapillare 
einige  Stunden  länger  in  ihrer  normalen  Stellung  verharrten. 

Eine  andere  Versuchsanordnung  zum  Nachweis  des 
Oxygenotropismus  war  folgende:  U-Röhren  wurden  bis  zu 
geringer  Höhe  mit  Nährstoffnienge  beschickt,  dann  beide 
Öffnungen  mit  Wattepfropfen  verschlossen  und  sterilisiert; 
einer  der  beiden  Arme  wurde  mit  Merulius  lacrymans  ge- 
impft. Nachdem  dies  Mycel  sich  genügend  gekräftigt  hatte 
und  gut  angewachsen  war,  wurde  der  geimpfte  Arm  der 
U- Röhre  mit  Wasserstoff  beschickt  und  die  Zu-  und  Ab- 
leitungsrohre zugeschmolzen.  Nach  kurzer  Zeit  krümmte 
sich  das  Luftmycel  ein.  Es  suchte  nun  aus  dem  Sauerstoff- 
mangel in  Verhältnisse  zu  kommen,  die  ihm  eine  gute 
Atmung  gestatteten  und  wuchs  an  der  Wand  des  Gefäfses 
entlang  bis  zur  anderen  Hälfte  des  U- Rohres,  wo  gewöhn- 
liche Luftzirkulation  stattfand.  Während  also  in  dem  einen 
Arm  der  U-Röhre  das  Mycel  durch  Sauerstoffentziehung 
schwer  geschädigt  wurde,  suchte  es  sich  selbst  eine  Um- 
gebung auf,  die  ihm  normale  Atmung  ermöglichte.  Parallel- 
versuche, die  nach  kurzem  Sauerstoffmangel  wieder  den 
Bedingungen  der  aeroben  Kultur  zugeführt  wurden,  erholten 
sich  wieder:  die  Lufthyphen  richteten  sieh  auf  und  wuchsen 
weiter.  Auch  in  diesem  Falle  suchte  der  Pilz  die  andere 
Hälfte  der  U-Röhre  auf;  doch  ging  dies  nur  langsam  vor 
sich,  während  im  erst  angegebenen  Falle  das  Mycel  sehr 
schnell  den  sauerstoffreichen  Arm  der  Röhre  aufsuchte. 

Dieser  Versuch  ist  vollkommen  beweisend  für  den 
Oxygenotropismus  des  Merulius  lacrymans.  Während  das 
Mycel  bei  Sauerstoffentziehung  zugrunde  ging,  konzentrierte 
es  seine  Lebenstätigkeit  auf  die  Ausbildung  neuen  Mycels, 
das  die  Möglichkeit  hatte,  wieder  in  sauerstoffreiche  Atmo- 
sphäre zu  kommen. 

Nach  dem  gleichmäfsigen  Verhalten  von  Merulius  Sil- 
vester, Merulius  favosus  usw.  unter  anaeroben  Verhältnissen 


112 


Karl  HofpmanN, 


[78] 


können  wir  nach  diesen  Versuchen  auch  auf  den  Oxy- 
genotropismus  der  anderen  holzzerstörenden  Pilze  schliefsen. 


V.  Über  Yerfiirbuiigeu  des  Mycels  der  holzzerstörenden 

Pilze. 

Im  Verlauf  der  Kultur  der  von  mir  untersuchten  Pilz- 
mycelien  konnte  ich  mancherlei  Verfärbungen  feststellen, 
die  auch  schon  von  anderen  Forschern  beobachtet  wurden.') 
Auf  dem  von  mir  benutzten  Nährboden  verfärbt  sich  Meru- 
lius  lacrymans  sehr  intensiv  gelb;  wenn  Schädigungen  des 
Wachstums  eintreten,  z.  B.  durch  zu  hohe  Temperaturen, 
tritt  oft,  aber  nicht  immer,  eine  Gelbfärbung  ein.  Auch  bei 
Gegenwart  von  Schimmelpilzen  oder  von  Bakterienverun- 
reinigungen tritt  oft  eine  lebhafte  Gelbfärbung  des  Mycels 
ein.  Das  Wachstum  wird  in  solchen  Fällen  auffallend  ge- 
hemmt; bei  sehr  starker  Überhandnähme  der  Verunreini- 
gungen wird  es  sogar  vollkommen  aufgehalten,  ohne  dals 
der  Pilz  hierdurch  seine  Lebensfähigkeit  einbüfst.  Doch  habe 
ich  auch  bemerkt,  dafs  in  manchen  Fällen,  bei  Gegenwart 
von  Penicillium  z.  B.,  das  Wachstum  gefördert  wird,  ohne 
dafs  eine  Gelbfärbung  des  Merulius -Mycels  eintritt.  Das 
Auftreten  dieses  gelben  Farbstoffes  ist  also  lediglich  an 
wachstumshemmende  Einwirkungen  gebunden.  Dieselbe 
Erscheinung  beobachtete  ich  bei  3Ierulius  Silvester,  doch 
mit  dem  Unterschiede,  dafs  bei  Gegenwart  von  Verun- 
reinigungen das  Pilzmycel  sich  seltener  gelb  verfärbte,  dafs 
dagegen  bei  hohen  Temperaturen,  30,0 o  z.  B.,  allgemein 
und  ausnahmslos  eine  intensive  Färbung  eintrat.  Der  auf- 
tretende Farbstoff  war  auch  in  diesem  Falle  gelb. 

Dafs  auch  Coniophora  cerehella  solchen  Verfärbungen 
ausgesetzt  ist,  erwähnte  ich  schon.  2)  Die  drei  Rassen,  die  in 
ihrem  Längenwachstum  nahezu  vollkommen  übereinstimmend 
waren,  unterschieden  sich  nur  durch  die  verschiedene  Farbe 


1)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  49  und  50.  —  Czapek, 
Biochemie  II,  S.  496  ff.  —  Wehm  er,  Centralblatt  für  Bakteriologie, 
Parasiteniiunde  und  Infektionskrankheiten  II,  Abt.  XXII,  Bd.  1909. 

=')  Vgl.  oben  S.  37  [3J. 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstürenden  Pilze.  113 


des  Mycels  bei  Beginn  der  Kultur.  Coniophora  cerehella  I 
war  manchmal  tiefbraun  gefärbt,  während  Coniophora  cere- 
hella II  ein  helleres  Gelb  zeigte  und  Coniophora  cerehella 
III  blendend  weifses  Mycel  hervorbrachte.  Doch  trat  bei 
letzterer  Spezies  bei  Gegenwart  von  Verunreinigungen  auch 
eine  Gelbfärbung  ein,  die  ähnlich  war  der  des  Merulius 
hicrymans.  Im  Laufe  der  Kultur  variierte  jedoch  auch  der 
Unterschied  in  der  Verfärbung  von  Coniophora  cerehella  1 
und  //,  so  dafs  sie  auf  gleichem  Nährboden  nicht  mehr  zu 
unterscheiden  waren.  Coniophora  cerehella  III  befand  sieh 
noch  nicht  so  lange  in  Kultur,  um  eine  genaue  Beobachtung 
hier  mitteilen  zu  können.  Die  Farbe  ihres  Mycels  spielte 
nach  wochenlanger  Kultur  etwas  ins  Gelbliche  hinüber,  die 
von  der  zunächst  schneeweifsen  Farbe  sich  deutlich  unter- 
schied. Aus  dem  Verhalten  von  Coniophora  cerehella  I  und 
Coniophora  cerehella  II  kann  ich  jedenfalls  den  Schlufs 
ziehen,  dafs  diese  erst  unterschiedenen  Arten  zwei  Rassen 
sind,  die  sich  durch  Kultur  vollkommen  ineinander  über- 
führen lassen ;  wir  können  sie  nicht  als  verschiedene  Spezies 
behandeln. 

Es  war  ferner  darauf  hingewiesen,  dafs  Unterschiede 
im  Längenwachstum  bei  gleichen  Temperaturen  nicht  ge- 
nügen, um  dieses  Merkmal  zur  Unterscheidung  von  Arten 
heranzuziehen.  Auch  variierte  dies  bei  Coniophora  cerehella 
I  und  //  derart  verschieden,  dafs  sich  keinesfalls  eine 
Konstanz  im  Verhältnis  der  Wachstumsgeschwindigkeiten 
dieser  Mycelien  feststellen  liefs. 

Intensivere  Gelbfärbung  des  Mycels  trat  bei  Coniophora 
cerehella  ein,  wenn  die  Kulturschale  verunreinigt  war,  an 
den  Stellen,  wo  Coniophora  mit  der  Verunreinigung  zu- 
sammentraf. Auch  wenn  die  Kulturschale  an  mehreren 
Stellen  gleichzeitig  geimpft  war,  trat  eine  Verfärbung  des 
Mycels  ein,  wenn  die  von  verschiedenen  Punkten  aus 
wachsenden  Mycelien  sich  gegenseitig  in  ihrem  Wachstum 
hemmten.  Bei  Merulius  lacrymans  beobachtete  ich  den- 
selben Vorgang,  auch  dann,  wenn  Merulius  lacrymans  und 
Polyporus  vaporarius  auf  einer  Kulturschale  zusammen- 
trafen. Die  Grenze  ihrer  Mycelien  war  durch  eine  lebhaft 
gelbgefärbte  Zone  markiert. 

Zeitschr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  & 


114 


Karl  Hoffmann, 


[801 


Paxilliis  achertmtius  scheidet  zuweilen  einen  rosa- 
farbenen Stoff  ans,  ohne  dafs  Verunreinifjungen  dies  ver- 
anlafst  haben  könnten.  Auf  älteren,  trocknerem  Nährboden 
bemerkte  ich  bei  Pazillus  acheruntius  und  Pohjporus  de- 
structor  eine  lebhafte  dunkelbraune  bis  dunkelgraue  Ver- 
färbung. 

Aus  diesen  Beobachtungen  sehen  wir,  dafs  die  ange- 
führten Pilzmycelien  besonders  dann  Farbstoffe  ausscheiden, 
wenn  sie  in  ihrem  Wachstum  durch  Nahrungsmangel  oder 
durch  Verunreinigungen  gehindert  werden.  Auch  bei  zu 
hohen  Temperaturen  tritt  bei  Merulius  lacrymans  und 
Merulms  Silvester  eine  Verfärbung  ein. 

Die  chemische  Analyse  der  ausgeschiedenen  Farbstoffe 
wurde  nicht  vorgenommen. 


VI.  Welleiibildung  der  Pilzmycelien. 

Die  Mycelien  einiger  holzzerstörenden  Pilze  zeigten  bei 
ihrem  Wachstum  auf  künstlichem  Nährboden  ein  wellen- 
förmiges Wachstum.  Besonders  deutlich  ausgebildet  sind 
diese  Wellen  bei  Coniophora  cerebelJa,  Merulius  lacrymans, 
Merulius  Silvester,  Polyporiis  vaporarius,  Polyporus  destructor 
und  Paxillus  acheruntius.  Eine  Gesetzmäfsigkeit  in  der  Aus- 
bildung dieser  Wellen  habe  ich  nicht  überall  finden  können. 
Bei  gleichmäfsiger  Temperatur  im  Dunkeln  gehaltene 
Mycelien  liefsen  diese  Verhältnisse  ebenso  in  Erscheinung 
treten,  wie  Kulturen,  die  in  bestimmten  Zeitabständen  be- 
lichtet wurden.  Auch  Temperaturwechsel  mit  Ausschaltung 
der  Belichtung  wirkte  auf  die  Wellenbildung  nicht  in  be- 
stimmter Weise  ein.  Auch  waren  die  Wellen  nie  gleich 
grofs  in  verschieden  groisen  Kulturröhren.  Coniopliora 
cerehella  bildete  bei  gleicher  Temperatur  in  Reagenzgläsern 
Wellen  von  vielleicht  ein  Viertel  Länge  der  in  grofsen 
Röhren.  Fernerhin  trat  z.  B.  bei  Merulius  Silvester  die 
Wellenbildung  auf  Petrischalen  nicht  immer  in  gleichem 
Mafse  ein.  Auf  manchen  Kulturen  war  diese  Ausbildung 
in  regelmäfsigem  Abstand  vorhanden,  auf  anderen  dagegen 
war  sie  nicht  deutlich   zu  erkennen.    Die  beigegebenen 


Waclistiiiiisverhältn'issc  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  115 


pliotographischen  Aufnahmen  lausen  diesen  Unistand  er- 
kennen (s.  S.  llß  und  11 7). 

Nur  bei  Volypoms  dcstructor  und  Poh/porus  vaporarms 
bin  ich  in  der  Lage,  die  Wellenbilduug  unter  bestimmten 
Verhältnissen  zu  erklären.  Folyporus  destrutor  bildete  in 
langen  Kulturröhren,  die  alle  zwei  Tage  belichtet  wurden, 
in  dieser  Zeit  vier  kleine  und  eine  grofse  Welle.  Auch 
wenn  diese  Kulturen  je  alle  drei  Tage  belichtet  wurden, 
so  zeigten  sich  entsprechend  in  dieser  Zeit  sechs  kleine 
und  eine  grofse  Welle.  Kulturen,  die  sechs  resp.  acht  Tage 
im  Dunkeln  gehalten  waren,  zeigten  eine  grofse  und  zwölf 
resp.  sechzehn  kleine  Wellen.  Hieraus  können  wir  den 
Schlufs  ziehen,  dafs  die  Bildung  der  grofsen  Wellen  von 
der  Beleuchtung  abhängt.  Der  Reiz,  der  hierbei  auf  den 
Pilz  ausgeübt  wird,  veranlafst  ihn,  einen  grofsen  Wellenberg 
zu  bilden.  Am  Tage  der  Beleuchtung  erreichte  er  ein 
neues  Wellental.  Worauf  die  Ausbildung  der  kleineren 
Wellen,  von  denen  an  jedem  Tage  zwei  —  in  vollkommen 
regelmäfsigen  Abständen  —  wuchsen,  zurückzuführen  ist, 
habe  ich  nicht  in  bestimmter  eindeutiger  Weise  erklären 
können.  Ich  bin  geneigt, '  diese  regelmäfsige  Erscheinung 
auf  ein  periodisches  Wachstum  des  Mycels  zurückzufuhren. 
Polyporus  vaporarius  unterliegt  in  seiner  Wellenbildung 
gleicher  Weise  dem  Reize  der  Belichtung.  Kulturen,  die 
alle  zwei  oder  drei  Tage  belichtet  wurden,  bildeten  in 
dieser  Zeit  eine  Welle;  wurden  die  Kulturgefäfse  jeden 
Tag  belichtet,  so  wurden  kleinere  Wellen  gebildet,  die 
genau  mit  den  Zwischenräumen  in  der  Belichtungszeit 
zusammenfielen.  Bei  einigen  Kulturen  wuchs  Polyporus 
vaporarius  auch  so,  dafs  irgend  eine  Bildung  von  Wellen 
nicht  zu  erkennen  war. 

Durch  Hydrotropismus  ist  nach  meinen  Erfahrungen 
die  Erscheinung  der  Wellenbildung  bei  Meridius  lacrymans 
und  Merulius  Silvester  nicht  zu  erklären,  da  auch  auf 
flüssigem  Nährboden  diese  Wellen  zu  bemerken  waren. 
Das  Mycel  konnte  also  nicht  durch  Feuchtigkeitsmangel 
veranlafst  sein,  Luftmycel  in  dieser  Form  zu  bilden.  Infolge- 
dessen scheint  mir  diese  Erscheinung  durch  mechanische 
Verhältnisse  des  Mycels  bedingt  zu  sein. 

8* 


116 


Karl  Hoffmann, 


[82] 


Bei  Meridius  favosus,  Polyporus  vulgaris,  Polyporus 
serialis  und  Polyporus  odoratus  habe  ich  keine  Wellen- 
bildung feststellen  können.  Das  Mycel  dieser  Pilze  dringt 
in  gut  gewachsenen  Kulturen  gleiebmäfsig  vor,  ohne  dafs 
eine  periodische  Zuwachsbewegung  zu  erkennen  wäre ;  viel- 
mehr ist  das  Mycel  gleichmäfsig  dicht.  Merulius  favosus 
bildet  an  der  Impfstelle  dichtes  und  sehr  hohes  Mycel; 
nach  der  Wachstumszone  nimmt  die  Höhe  des  Mycels  ab. 


Fig.  8.    ilerulius  Silvester  in  14  Tagen.    Mafsstab  1UÜ:43.    f  =  23,0°. 

Auch  Merulius  lacrymans  und  Merulius  Silvester  bilden 
Uber  der  Stelle,  auf  die  die  Impfflocke  übertragen  wurde, 
besonders  hohes  und  dichtes  Luftmycel,  das  sich  halbkugel- 
förmig über  die  übrigen  Hyphen  erhebt. 

YII.  Beobachtungen  über  das  Wachstum  der  Mycelien 
der  holzzerstörenden  Pilze  auf  Lösungen  verschiedener 

Säuren. 

In  einem  weiteren  Teil  meiner  Arbeit  untersuchte  ich 
den  Einflufs  verschiedener  Säuren  auf  das  Wachstum  der 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.       I  1 7 


Mycelien  der  von  mir  behaudclten  Pilze.  Icli  ging  in  der 
Weise  vor,  dal's  ich  in  kleinen  Eklknmeykr- Kolben  resp. 
Keagenzgliisern  Lösungen  von  bestimmtem  Prozentgelialt 
verscluedener  Säuren  sterilisierte  und  auf  diese  Flüssigkeit 
eine  kleine  Flocke  der  zu  untersuchenden  Mycelien  impfte. 
Im  Abstand   einiger  Tage   wurden   die   so  bebandelten 


Fig.  9.  Merulius  lacrymans  in  20  Tagen.  Mafsstab  10ü:55.  f=13,6°. 

Kulturen  beobachtet  und  nachgesehen,  ob  ein  Wachstum 
stattfand.  Vergleichende  Beobachtungen  des  Längenwachs- 
tums konnten  nicht  stattfinden,  da  die  flüssigen  Kulturen 
dies  nicht  zulassen.  Die  Ergebnisse  meiner  Versuche  seien 
in  der  folgenden  Tabelle  (S.  119)  zusammengestellt;  es  be- 
deutet hierin  +  Wachstum,  —  kein  Wachstum. 

Es  war  bei  diesen  Versuchen  nicht  zu  vermeiden,  dafs 
kleine  Teile  des  Nährbodens  mit  auf  die  bestimmte  Flüssig- 
keit gebracht  wurden;  aufserdem  enthalten  die  Hyphen 


118 


Karl  Hoffmann, 


[84] 


genügend  Nährstoffe,  um  sich  einige  Zeit  lebend  zu  erhalten 
und  sogar  reichlich  neues  Myeel  zu  produzieren.  Aus  an- 
fänglichem Wachstum  kann  nicht  geschlossen  werden,  dafs 
sich  der  Pilz  Nährstoffe  aus  den  ihm  dargebotenen  Lösungen 
herauszieht.  Falls  im  Impffloeken  keine  Nährstoffe  mehr 
geboten  werden,  gehen  mehrere  Arten  zugrunde.  Die 
Mycelien  zerfallen  dann  in  kleine,  oidienartige  Teile. 
Dafs  der  Nährstoff  aus  dem  Impfflöckehen  resp.  aus  dem 
ihm  anhaftenden  Nährboden  stammt,  geht  insbesondere  aus 
den  Kulturen  auf  destilliertem  Wasser  hervor.  Demnach 
können  wir  aus  den  in  der  Tabelle  angeführten  Versuchen 
nur  den  Schlufs  ziehen,  dafs  die  Gegenwart  von  Essigsäure, 
Ameisensäure,  Buttersäure,  kohlensaurem  Ammonium  und 
kohlensaurem  Kalium  dem  Wachstum  der  holzzerstörenden 
Pilze  schädlich  ist,  so  dafs  diese  sofort  ihr  Wachstum  ein- 
stellten. Bei  Anwesenheit  von  Milchsäure  in  ^j^  prozentiger 
Verdünnung  wuchsen  alle  Mycelien  weiter,  bei  Gegenwart 
von  Milchsäure  in  ^/^  prozentiger  Verdünnung  nur  einige 
iConiopliora  cerebella,  Polyporus  vulgaris,  Faxillus  acherun- 
tius).  Dasselbe  Verhalten  zeigten  die  Pilze,  wenn  ihnen 
1  /2  prozentige  Ölsäure  geboten  wurde. 

Dagegen  war  die  Gegenwart  von  Bernsteinsäure,  Wein- 
säure, Oxalsäure,  Ellag- Gerbsäure,  Fumarsäure,  Apfelsäure, 
Zitronensäure,  oxalsaurem  Ammonium,  chlorsaurem  Kalium 
ebenso  wenig  schädlich  wie  die  von  destilliertem  Wasser. 
Auf  den  sauren  Medien  wurde  sogar  in  derselben  Zeit  ein 
bedeutend  stärkeres  Wachstum  beobachtet. 

Besonders  auffällig  ist  das  Verhalten  der  Mycelien  bei 
Anwesenheit  von  Milchsäure  in  und  in  ^/.j  prozentiger 
Verdünnung.  Milchsäure  in  ^2  prozentiger  Verdünnung 
hindert  bei  einigen  Mycelien  weiteres  Wachstum,  während 
eine  Lösung  von  prozentiger  Milchsäure  nichts  schadete. 
Auch  Gerbsäure  ('/2  prozentige)  hatte  keinen  ungünstigen 
Einfiufs.  Hieraus  können  wir  den  Schlufs  ziehen,  dafs  es 
für  den  Pilz  nicht  darauf  ankommt,  ob  ihm  eine  ein-  oder 
mehrbasische  Säure  geboten  wird.-)    Milch-  und  Gerbsäure 

Vgl  Möller,  Hausschwammforschungen:  Hausschwammunter- 
siichungen,  S.  -11. 

^)  Ebenda  S.  42. 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  119 


1     1     1     1     1     1     1     1     1     1     1  1 

rauluorain  V  saJiiBsnaino'Vi 

1     1     1     1     1     1     1     1     1     1     1  1 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

°/oT 

tnninotnmv  sajnBSjisxo 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

+  +            1     I+  +  +  +I  + 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

o/o^/t  aanjispjclv 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

o/o^/i  ajnTJSiBninj 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

o/o  Vi  8JnBsqj3y-ST!iia 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

"/o^/i  ajnBSj'Bxo 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

o/oT  ajnBsuiajji^ 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

+  +  +  +  +  +  +  +  +  +  +  + 

+  +  +I     1     l    +    l     1     1     1  + 

1     1     1     1     1     1     1     1     1     1     1  1 

1     1     1     1     1     1     1     1     1     1     1  1 

oooooiy^g  9Jni!sS;ssa 

1     1     1     1     1     1     1    1     1     1     1  1 

"«"""/oe  9jiit;sS!SS3 

1     1     1     1     1     1     1     1     1     1     1  1 

120 


Karl  Hoffmann, 


[86] 


sind  einbasisch  und  doch  hindert  ihre  Gegenwart  bei 
genügender  Verdünnung  ein  Wachstum  nicht.  IMüller  hat 
bei  seinen  Arbeiten  die  Keimung  der  Sporen  von  MeruUus 
lacrymans  auf  einprozentiger  Milchsäurelösung  untersucht 
und  keine  Keimung  finden  können.  Hiernach  beeinflufste 
Milchsäure  in  der  angegebenen  Verdünnung  die  Sporen- 
keimung ungünstig.  Nun  habe  ich  allerdings  den  Pilz  iu 
einem  anderen  Eutwicklungsstadiura  beobachtet,  und  es  ist 
darauf  hinzuweisen,  dafs  derselbe  Pilz  in  den  einzelnen 
Stadien  seines  Wachstums  sich  verschieden  verhalten  kann 
gegenüber  den  verschiedenen  Kohlenstoffquellen,  i) 


VIII.  Vergleichung  des  gebildeten  Mj  cels  bei  MeriiUus 
lacrymans,  31eruliiis  Silvester,  Polyporus  vapora- 
riiis,  Coniophora  cerebella  auf  flüssigen  Nährmedien. 

Es  ist  eine  praktisch  wichtige  Frage, 2)  ob  Ilerulius 
lacrymans  domesticiis  und  Merulius  Silvester,  wie  sie  von 
Falck  unterschieden  werden,  zwei  verschiedene  Spezies 
sind,  oder  ob  Silvester  eine  wilde  Rasse  des  echten  Haus- 
schwammes  sei.  Die  Unterscheidung,  die  mikroskopisch 
nicht  erreicht  werden  kann,  hat  Falck  nach  den  ver- 
schiedenen biologischen  Verhältnissen  dieser  Pilze  versucht 
und  dabei  insbesondere  auf  das  Längenwachstum  als  unter- 
scheidende Merkmale  hingewiesen.  Doch  auch  die  ver- 
schiedenen Temperaturumfänge  sind  nach  seiner  Ansicht  3) 
sehr  wesentlich  für  eine  bequeme  Unterscheidung.  Durch 
meine  Untersuchungen  ist  nachgewiesen  worden,"*)  dafs  der 
Temperaturumfang  durch  genügende  Kultur  gesteigert  werden 
kann.  Mez  betont,  dafs  bei  genügender  Feuchtigkeit  Meru- 
lius lacrymans  auch  bei  höheren  Temperaturen  als  21^ 
wächst.^)    Dies  habe  ich  vollkommen  bestätigt  gefunden 


Vgl.  Lafar,  Technische  Mykologie  I,  417. —  Duclaux,  Ann. 
Pasteur,  1889,  III,  189.  —  Pfeffer,  Pflanzenphysiologie  II. 
"■)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  70  und  71. 
3)  Vgl.  Falck,  S.  109  und  110. 

Vgl.  oben  S.  60  und  61  [26  und  27]. 

Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  60  und  61. 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  121 


und  kann  diese  Beobachtung  noch  erweitern.  Auf  flüssigem 
Nährboden  (0,5 o/«  KNOn.  +  0,2 'Vo  MgSO^  +  0,2%  KH.J'O^) 
erreichte  ich  bei  sechs  angesetzten  Kulturen  durch  Gewöh- 
nung in  14  Tagen,  dafs  Merulnis  lacrymans  sogar  noch  bei 
30**  wuchs.  Das  Wachstum  wurde  14  Tage  lang  beobachtet; 
es  war  allerdings  sehr  minimal,  aber  deutlich  sichtbar.  Im 
Gegensatz  hierzu  wuchs  Mcrulius  lacrymans  bei  gleicher 
Temperatur  auf  festem  Nährboden  in  derselben  Zeit  nicht 
nur  nicht  weiter,  sondern  starb  sogar  ab.')  Durch  die 
Kultur  ist  also  erwiesen  worden,  dafs  3Ierulius  lacrymans 
in  seinem  Temperaturumfang  bedeutend  gesteigert  werden 
kann,  sobald  ihm  nur  seinem  Bedürfnis  gemäfs  dann  ge- 
nügend reichliche  Feuchtigkeit  zu  Gebote  steht.  Hiernach 
kann  auch  dieser  biologische  Gesichtspunkt  nicht  zwingend 
zur  Unterscheidung  von  Merulius  lacrymans  domesticiis  und 
Silvester  sein.  Da  durch  diese  Ausführungen  erwiesen  ist, 
dafs  Merulius  lacrymans  sehr  anpassungsfähig  ist,  so  wird 
auch  das  Verhalten  seines  Mycels  gegenüber  der  Beleuch- 
tung 2)  nicht  genügen,  um  hierauf  eine  Unterscheidung  zu 
begründen.  Zur  definitiven  Entscheidung  über  diese  Frage 
wird  man  erst  gelangen  können,  wenn  es  durch  Kultur  auf 
Holz  —  ihrem  natürlichen  Standort  —  gelungen  sein  wird, 
die  beiden  Rassen  vollkommen  ineinander  überzuführen. 

Fai.ck  hält  die  Unterscheidung  des  Merulius  lacrymans 
und  3Ierulms  Silvester  für  besonders  wichtig  in  praktischer 
Beziehung,  weil  nach  ihm  3)  3Ierulius  domesiicus  „in  der 
Zeiteinheit  auf  der  Flächeneinheit  dem  Substrat  unter  sonst 
gleichen  Wachstumsbedingungen  eine  etwa  dreimal  so  starke 
Nährstotfmenge  zu  entziehen,  dasselbe  also  dreimal  so  stark 
zu  zerstören  vermag,  wie  die  sifoes^er-Form." 

Hierzu  möchte  ich  bemerken,  dafs  eine  derartige  Unter- 
scheidungsmethode nach  der  Ausbildung  des  Mycels  auf 
festem  Nährboden  durchaus  keine  objektive  ist.  Sonst  hätte 
unbedingt  Coniophora  cerebella  für  den  gröfsten  Schädling 
erklärt  werden  müssen.    Ich  habe  nie  eine  Konstanz  darin 


Vgl.  oben  S.  89  [55]. 
2)  Vgl.  oben  S.  72  [38j. 
5)  Vgl.  Falck,  S.  87  und  89. 


122 


Karl  IIoffmann, 


[88] 


finden  können,  dafs  MeruUus  lacrymans  dreimal  soviel 
Mycel  bildet  wie  Merulius  Silvester,  ja  in  Eulenmeyer- 
Kolben  habe  ich  unter  sonst  gleichen  Bedingungen  mehrfach 
bei  Merulius  Silvester  eine  stärkere,  resp.  ebenso  starke 
Ausbildung  des  Myeels  wie  bei  lacrymans  beobachtet.  Es 
kommt  bei  der  Bewertung  der  Mycelien  nicht  auf  die  Aus- 
bildung des  Luftmycels  an,  sondern  nur  darauf,  ob  der 
Nährboden  von  der  einen  oder  der  anderen  Spezies  mehr 
angegriffen  wird.  Und  diese  Erscheinungen  gehen  keines- 
falls Hand  in  Hand,  da  z.  B.  Polyporiis  vaporariiis  den  ihm 
gebotenen  Nährboden  sehr  stark  angriff  und  dabei  wenig, 
schwaches  Luftmycel  ausbildete. 

Schon  mehr  objektiv  können  wir  feststellen,  welche 
Spezies  der  holzzerstörenden  Pilze  den  Nährboden  am 
meisten  ausnutzt,  wenn  wir  die  Mycelien  auf  flüssigem 
Nährsubstrat  kultivieren  und  dann  das  gebildete  Mycel  mit- 
einander vergleichen.    Ich  stellte  als  Nährlösung  zusammen: 

0,50/0  KNO, 
0,20/0  IlgSO, 
0,20/0  KH^POi. 

Dieser  Nährlösung  setzte  ich  abwechselnd  hinzu:  lo/o 
und  20/0  Glukose,  lo/o  und  2o/o  Mannit,  l"/o  und  20/0 
Glycerin,  V4*/o  i^nd  '/2%  Dextrin.  Gröfsere  Eklenmeyer- 
Kolben  wurden  mit  je  100  gr  dieses  flüssigen  Mediums 
gefüllt,  so  dafs  in  allen  Fällen  den  Pilzmycelien  gleichgrofse 
Flächen  zu  seinem  Wachstum  zur  Verfügung  standen.  Zum 
Vergleich  wurden  benutzt  Merulius  lacrymans,  Merulius 
Silvester,  Coniophora  cerehella  und  Polyporus  vaporariiis. 
Zu  jeder  Kultur  konnte  wegen  Materialmangels  nur  je  eine 
Vergleichskultur  angesetzt  werden,  so  dafs  bei  den  häufig 
vorkommenden  Verunreinigungen  nur  ein  Teil  der  ange- 
setzten Kulturen  zum  Vergleich  benutzt  werden  konnte. 
Nachdem  die  Mycelien  18  Tage  bei  23  0  ungestört  gewachsen 
waren,  wurden  sie  nach  dem  Augenschein  in  der  Menge 
des  gebildeten  ^lycels  miteinander  verglichen.  Abwägungen 
konnten  wegen  des  sehr  geringen  Gewichtes  nicht  durch- 
geführt werden.  Es  ergaben  sich  folgende  Resultate:  von 
der  oberflächlichen  Nährschicht  hatten  bewachsen 


[89]      Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  123 


Merulius  lacrymans 

Nährlösung  +    l"/o  Mannit  . 

+  20/0  Glukose. 
+  Vi"/o  Dextrin  . 
+  1/2  "/ü  Dextrin  . 


+ 
+ 


10/0  Glycerin 
20/0  Glycerin 


20 


17 


/20 
"/20 
'^/20 


20 


;20 


Nährlösung  + 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 
+ 


Merulius  Silvester 

l«/o  Mannit  , 

20/0  Manuit  . 

10/0  Glukose. 

2%  Glukose. 
1/4  »/o  Dextrin  . 
1/2  0/0  Dextrin  . 

10/0  Glycerin 

20/0  Glycerin 


1V20 

*/20 
/20 
/20 

/20 
'/20 
/2O 
/20 


V, 

'Ii 


V2 
V2 


Coniophora  cerehella 
Nährlösung  +    l"/o  Mannit  . 

+  20/0  Mannit  . 
+  1%  Glukose. 
+  2%  Glukose. 
+  1/4%  Dextrin  . 
+  '/'2V0  Dextrin  , 
+  10/0  Glycerin 
+   20/0  Glycerin 


19/, 


20/„ 

1% 


,0/ 

H 


20 
20 
/20 
20 
20 
20 
20 


2/, 


20 


Polyporus  vaporarius 
Nährlösung  +    lo/o  Glukose 
+   2%  Glukose 
+  1/4%  Dextrin  . 
+  i;2Vo  Dextrin  . 
+    1%  Glycerin 


720 
'/20 
/20 
20 

50 


Coniophora  cerehella  durchwucherte  die  ganze  Nährlösung. 
Die  angegebenen  Zahlen  bedeuten  nur  das  oberflächliche 
Wachstum. 


124 


Karl  Hoffmann, 


[90J 


Aus  den  angegebenen  Resultaten  kann  man  keine  be- 
stimmten Schlüsse  auf  die  Schädigungen  von  diesen  holz- 
zerstörenden Pilzen  machen.  Das  Mycel  des  Merulius 
lacrymans  war  im  allgemeinen  etwas  stärker  ausgebildet 
als  das  von  Merulius  Silvester.  Im  einzelnen  sind  die  Ver- 
hältnisse im  Mengenwachstum  dieser  beiden  Pilze  sehr  un- 
bestimmt; auf  manchen  Kulturen  war  Merulius  Silvester 
stärker  gewachsen,  auf  anderen  Merulius  lacrymans. 

Polyporus  raporarius  wuchs  allgemein  schwächer  als 
Merulius,  so  dafs  ihm  hiernach  geringere  Schädigungen 
nachgesagt  werden  könnten. 

Coniophora  cerehella  bildete  stets  schwaches  oberfläch- 
liches Mycel;  aber  seine  Ilyphen  durchwucherten  die  ganze 
Nährlösung,  so  dafs  er  mehr  Mycel  aufgebaut  hatte  als 
Merulius. 

Jedenfalls  konnte  ich  nicht  —  im  Gegensatz  zu  Falck  ')  — 
konstatieren,  das  Merulius  lacrymans  dreimal  so  stark  den 
Nährboden  zerstört  als  Merulius  Silvester.  Die  Ausbildung 
des  Myeels  war  nur  in  geringem  Mafse  schwächer  bei 
Merulius  Silvester. 

Ein  Punkt  ist  noch  zu  beachten.  Die  Kulturen  wurden 
bei  23,0 gehalten;  das  Längenwachstum  und  somit  auch 
das  Mengenwachstum  ist  bei  dieser  Temperatur  etwas  ver- 
schieden bei  Merulius  larcymans  und  Merulius  Silvester. 
Demnach  können  bei  solchen  Vergleichen  nie  ganz  bestimmte 
Resultate  erhalten  werden,  zumal  die  Kultur  für  solche 
Bestimmungen  nur  auf  künstlichem  Substrat  vorgenommen 
werden  können.  Dafs  hierbei  die  gezogenen  Schlüsse  ver- 
schieden sind,  zeigen  insbesondere  die  Abweichungen  meiner 
Beobachtungen  von  denen  Falcks.  Es  ist  unbedingt  nötig, 
die  Methode  der  Kultur  dieser  Pilze  auf  ihrem  natür- 
lichen Standort,  dem  Holz,  weiter  auszubauen,  um  auf 
diesem  Wege  zu  guten  und  einwandfreien  Resultaten  zu 
gelangen. 


1)  Vgl.  Falck,  S.  87  und  89. 


Wachstumsverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  125 


IX.  Versuche  über  Wasserbiltluiig  einiger 
liolzzerstörenden  Pilze. 

Es  wird  allgemein  angenommen, dafs  der  Haus- 
schwamm  sehr  wohl  imstande  ist,  sich  aus  trockenem 
Material  selbst  Wasser  zu  bilden,  dafs  er  also  imstande  ist, 
auch  unter  sehr  ungünstigen  Verhältnissen,  sieh  genügend 
mit  Wasser  zu  versorgen.  Mez^)  hat  dies  für  Merulkis 
lacrymans  mit  einem  besonders  schlagenden  und  beweis- 
kräftigen Experiment  nachgewiesen.  Die  Versuchsanorduung, 
die  Mez  an  dieser  Stelle  angibt,  habe  auch  ich  benutzt,  um 
zu  untersuchen,  wieweit  holzzerstörende  Pilze  sich  Wasser 
zu  bilden  vermögen.  Um  die  Luft  absolut  trocken  durch 
die  Kulturen  mit  der  Wasserstrahlpumpe  zu  ziehen,  schaltete 
ich  vor  den  grofsen  Chlorkalciumröhren  Schwefelsäuregefäfse 
ein.  Die  kleinen  Chlorkalciumröhren  hinter  den  Kulturen 
wurden  ersetzt,  sobald  die  von  ihnen  angezogene  Wasser- 
menge den  Luftdurchtritt  behinderte,  und  stets  vor  dem 
Einschalten  und  nach  dem  Ausschalten  abgewogen.  Der 
Versuch  lief  vom  27.  Mai  bis  28.  Juni.  Da  ich  den  einzelnen 
Kulturgefäfsen  gröfsere  Wassermengen  hinzugesetzt  hatte, 
so  sind  die  von  mir  erhaltenen  Resultate  nicht  so  auffällig: 
der  Pilz  war  noch  nicht  in  die  Notwendigkeit  versetzt,  die 
Holzstofte  energisch  in  Wasser  umzusetzen.  Die  Versuche 
waren  in  ihrer  Anordnung  und  Ausführung  vollkommen  iden- 
tisch mit  der  von  Mez,  3)  so  dafs  ich  mir  ersparen  kann,  alle 
Wägungen  hier  anzugeben.  Das  Trockengewicht  nach  dem 
Versuch  wurde  in  der  bei  Mez  angegebenen  Weise  ermittelt, 
nur  dafs  meine  feuchter  gehaltenen  Kulturen  auch  dem- 
entsprechend länger  bei  105"  getrocknet  werden  mufsten. 
Ein  Kontrollversuch  —  die  Sägespäne  wurden  in  diesem 
Falle  nicht  mit  einem  Mycelflöckchen  geimpft  —  ergab, 
dafs  nach  dem  vierwöchigen  Versuch  0,16  gr  Holz  und 
0,25  gr  Wasser  weniger  nachgewiesen  werden  konnten. 
Diese  geringe  Menge  an  Materialverlust  besagt,  dafs  die 


1)  Vgl.  Czapek,  Biochemie  der  Pflanzen  1.293.  —  Mez.  Der 
Hausschwamm,  S.  190  und  191. 

''')  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  192  und  193. 
3)  Ebenda  S.  191. 


126 


Karl  IIoffmann, 


[92] 


Versuehsanordnung  und  die  AusfübruDg  in  vollkommen 
genügender  Genauigkeit  durchgeführt  wurde. 

Es  ist  ferner  zu  bemerken,  dafs  zwei  Kulturen  von 
MeruUus  lacrymans  verhältnismäfsig  sehr  schlecht  wuchsen, 
so  dafs  auch  hieraus  hervorgebt,  dafs  die  individuellen 
Abweichungen  sehr  grofse  sein  können. 

Die  erhaltenen  Resultate  sind  nun  folgende: 


MeruUus  lacrymans. 

A.  Holz  veratmet     ....  5,17  gr 
Wasser  gebildet  ....  5,G4  gr 

B.  Holz  veratmet    ....  1,40  gr 
Wasser  gebildet  ....  1,95  gr 

MeruUus  Silvester. 

A.  Holz  veratmet     ....  4,26  gr 
Wasser  gebildet  ....  5,32  gr 

B.  Holz  veratmet     ....  2,41  gr 
Wasser  gebildet  ....  3,18  gr 

MeruUus  favosus. 

A.  Holz  veratmet     .    .    .    .  1,13  gr 
Wasser  gebildet  ....  1,21  gr 

B.  Holz  veratmet     ,    .    .    .  1,63  gr 
Wasser  gebildet  .    .   .    .  1,94  gr 

Coniopliora  cerebella. 

A.  Holz  veratmet     ....  7,64  gr 

Wasser  gebildet  ....  9,21  gr 


Diese  nach  der  angegebenen  Versuchsanordnung  ge- 
fundenen Resultate  stimmen  nicht  überein  mit  den  nach 
der  bisher  angenommenen  Veratmungsforrael  für  die  Cellu- 
lose  berechneten  Werten.  Falls  wir  annehmen,  dafs  nur 
die  Cellulose  von  dem  Pilz  zu  Wasser  veratmet  wird, 2) 
nach  der  Formel: 


»)  Vgl.  oben  S.  42  [8]. 

2)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  191,  uud  die  dort  angegebene 
Literatur. 

« 


Wachsttinisverhältnisse  einiger  holzzerstörenden  Pilze.  127 


C^HnO.,  +  13  0  =  6  //2O  +  6  CO^ 

so  würde  sich  im  VerliiUtnia  zu  dem  durch  Wilgung  er- 
mittelten Holzverlust  eine  bedeutend  g-ering;ere  Wassermenge 
gebildet  haben.  Diese  würde  sieh  entsprechend  dem  statt- 
gehabten Holzverbrauch  stellen  auf:') 

für  Merulius  lacrynians  .    .    .   .   A  =  3,41  gr 

B  =  0,92  gr 

Merulius  Silvester  A  =  2,81  gr 

B  =  1,59  gr 

Merulius  favosus  A  =  0,74  gr 

B  =  1,07  gr 

Coniophora  cerehella     .    .    .   A  =  3,48  gr 


Die  empirisch  gefundenen  Wassermengen  sind  bedeutend 
gröfser,  sogar  gröfser  als  die  verbrauchten  llolzquantitäten. 
Es  bleibt  demnach  nur  der  Schlufs  übrig,  dafs  der  Pilz 
nicht  nur  die  Cellulose  veratmet,  sondern  wir  müssen  auch 
annehmen, 2)  dafs  auch  fette  (  )le  und  andere  sehr  sauerstoff- 
arme plastische  Substanzen  lebhaft  an  der  Wasserbildung 
beteiligt  waren.  Hierauf  weist  auch  der  Umstand,  dafs 
Hausschwammkulturen  auf  reiner  Cellulose  sehr  schlecht 
gedeihen.  3) 

Aus  diesen  hier  mitgeteilten  Ergebnissen  meiner  Ver- 
suche geht  hervor,  dafs  auch  andere  holzzerstörende  Pilze 
vermögen,  aus  den  Substanzen  des  Holzes  Wasser  zu 
bilden.  Fernerhin  weise  ich  darauf  hin,  dafs  Merulius 
Silvester  in  der  gleichen  Weise  Wasser  gebildet  hat  wie 
Merulius  lacrymans,  dafs  also  er  zum  mindesten  nur  in 
sehr  geringem  Mafse  dem  Merulius  lacrimans  an  Zer- 
störungskraft nachsteht.  Auch  Coniophora  cerehella  hatte 
die  Holzsägespäne  stark  angegriffen. 


1)  Vgl.  Moormann,  Zentralblatt  der  Bauverwaltung  XXIX  (1909), 
Nr.  7,  S.  55. 

Vgl.  Mez,  Neue  Reichsgerichts -Entscheidungen  in  der  Haus- 
schwamm-Frage,  S.  21. 

^)  Vgl.  Mez,  Der  Hausschwamm,  S.  193. 


128     K.  Hoffmann,  Wachstumsverhältnisse  holzzerstör.  Pilze.  [94] 


X.  ZusammenfassuDg  der  Ergebnisse. 

1.  Das  Läugenwacbstum  der  bolzzerstörenden  Pilze  ist 
kein  konstantes;  durch  Gewöhnung  au  einen  bestimmten 
Nährboden  kann  es  bedeutend  gesteigert  werden. 

2.  Der  Temperaturumfang  der  bolzzerstörenden  Pilze  ist 
kein  konstanter;  durch  Kultur  kann  er  variiert  werden. 

3.  Auf  flüssigem  Medium  verträgt  Merulius  lacrymans 
höhere  Temperaturen  als  auf  festem,  weniger  feuchtem 
Nährboden. 

4.  In  der  Dunkelheit  wachsen  die  Mycelien  besser  und 
stärker  als  wenn  sie  der  Tagesbelichtuug  ausgesetzt  werden. 

5.  Blaues  Lieht  hindert  im  Verhältnis  zu  rotem  Licht 
das  Wachstum  der  holzzerstörenden  Pilze. 

6.  Kein  ausgesprochen  Flächenmycel  bildender  Pilz  kann, 
soweit  solche  untersucht  wurden,  den  Sauerstoff  entbehren; 
die  Pilze  sind  vielmehr  oxygenotrop. 

7.  Die  kubisch  wachsenden  Pilze  vermögen  den  Sauer- 
stoff der  Luft  zu  entbehren,  da  sie  intramolekular  atmen 
können. 

8.  Die  Wellenbildung  des  Mycels  bei  Polyporus  de- 
structor  und  Polyporus  vaporarius  erfolgt  infolge  des  Be- 
lichtungsreizes. 

9.  Merulius  lacrymans  und  Merulius  Silvester  sind  bio- 
logisch verschieden  (Temperaturumfang,  Wachstumsverhält- 
nisse im  Dunkeln  und  bei  Beleuchtung).  Doch  ist  Merulius 
lacrymans  sehr  anpassungsfähig,  so  dafs  es  sehr  wahr- 
scheinlich ist,  dafs  Merulius  Silvester  nur  eine  „wilde  Form" 
des  Merulius  lacrymans  ist. 

10.  Die  Ausbildung  des  Mycels  auf  künstlichem  Nähr- 
boden kann  nicht  mafsgebeud  sein  für  die  Beurteilung  der 
Schädigungen  des  Holzes  durch  die  Pilze. 

11.  3Ierulttts  Silvester  veratmet  in  derselben  Zeit  eben- 
soviel Holz  zu  Wasser  wie  Merulius  lacrymans. 


Th.  Beling, 

Beiträge  zur  Flora  des  nordwestlichen  Harzes 

Heraiisgegeben  von 
K.  Wein,  Helbra 


Die  gröfsten  Verdienste  um  die  Durchforschung  der 
Flora  des  nordwestlichen  Harzes  hat  sich  zweifellos  der  am 
17.  Dezember  1898  verstorbene  Forstmeister  Th.  Beling  in 
Seesen  erworben.  In  einer  Reihe  von  Aufsätzen  in  der 
„Deutschen  Botanischen  Monatsschrift"  (Jahrgang  1884  big 
1891)  hat  er  die  Resultate  seiner  Forschungen  niedergelegt. 
Was  er  bis  zum  Jahre  1894  noch  an  bemerkenswerteren 
Funden  machte,  ist  von  W.  Bertram  in  die  4.  Auflage 
seiner  „Flora  von  Braunschweig"  aufgenommen.  Die  von 
Beling  nach  1894  erzielten  Ergebnisse  seiner  floristischen 
Studien  sind  bisher  unpubliziert  geblieben.  Sie  sind  in 
seinem,  dem  Herzoglichen  naturhistorischen  Museum  in 
Braunsehweig  gehörigen  Manuskripte  „Fundorte  der  sel- 
teneren Pflanzen  der  Flora  von  Braunschweig"  genau  ver- 
zeichnet. Sie  enthalten  eine  Reihe  interessanter  Beiträge 
zur  Flora  des  Harzes  und  verdienen  darum  mit  Recht,  noch 
heute  veröffentlicht  zu  werden. 

Für  die  freundliche  Uberlasssung  des  Beling  sehen 
Manuskriptes  spreche  ich  Herrn  Geheimen  Hofrat  Professor 
Dr.  W.  Blasius  auch  an  dieser  Stelle  meinen  herzlichsten 
Dank  aus. 


Zoitschr.  f.  NaturwisB.   Halle  a.  S.    Bd.  82.  1910. 


130 


K.  Wkin, 


[2] 


Viola  Biviniana  Rebb.    Inneistetbal  bäufig. 

Ononis  spinosa  L.  Mit  weifser  Blüte,  zwei  Btiscbe  am  Sol- 
bope  bei  Seesen. 

Bosa  mollis  Sm. ')  Seesen,  Herrbausen,  unterhalb  Lautentbai 
im  alten  Grauwackenbrucbe. 

Rosa  rubiginosa  L.  Auf  Kalkboden  bei  Seesen  und  Herr- 
hausen. 

Bosa  sepium  Thuill.  Seesen  am  Steinbrinke  auf  Zecbstein, 
früher  schon  bei  Gandersheim  auf  Muschelkalk. 

Bosa  graveolens  Gren.  Seesen  besonders  auf  Kalkboden, 
häufiger  als  die  beiden  vorhergehenden. 

Heracleum  Sphondylium  L.  var.  sihiricum  L.  Bornhausen, 
Bilderlahe. 

Bidens  tripartitus  L.  var.  puniilus  Rth.  Am  Fufse  des 
Hodagswinkels  bei  Seesen. 

Bidens  cernuus  L.  var.  Corcopsis  Bidens  L.  Osterode  süd- 
östlich am  Waldsaurae. 

Filago  germanica  L.  forma  lutescens  Jordan.  Seesen  am 
Solhope,  Bilderlahe. 

Centaurea  Jacea  L.  forma  hicolor.  Wiese  neben  der  Chaussee 
Seesen ^ — Neuekrug  bei  der  sogenannten  schiefen  Brücke 
der  Staatseisenbahn,  1  Busch. 

Thrinica  hirta  Roth.  Auf  einer  Weidewiese  am  Forstorte 
Büchenberg  zwischen  Bornhausen  und  Neuekrug. 

Ilieracium  collinum  Gochnat.  Heber  am  Fufswege  von 
Mechtshausen  nach  dem  Ileberkruge. 

Hieraciim  magyaricum  Näg.  &  Peter.  Am  Wiesenrande 
neben  dem  Fahrwege  von  Mechtshausen  nach  Rolfs- 
hagen. 


1)  Zweifellos  handelt  es  sich  bei  dieser  Rose  nicht  um  die  echte 
Rosa  mollis  Sm.,  sondern  um  eine  Form  von  R.  omissa  Desegl.  —  Der 
Herausgeber. 


Th.  Beling,  Beiträge  zur  Flora  des  nordwestlichen  Harzes.  131 


Hieracium  murorum  L.  var.  ovale  G.  F.  W.  Meyer.  Osterode 
an  den  Gypsbergen,  Innerstetbai  unterhalb  Lautenthal 
im  alten  Grauwackenbruehe. 

Pulmonaria  ohscura  Dumort.  Seesen,  Bornhausen,  Heber  usw. 

Mentha  sativa  L.  Seesen,  Bilderlahe  und  Mechtshausen  au 
der  Nette. 

Mentha  gentilis  L.  var.  origanifolia  Host.i)  Wiesenbach 
zwischen  dem  Forstorte  Schweinsrücken  und  der  Eisen- 
bahn Seesen — Neuekrug. 

Mentha  gentilis  L.  var.  acutifolia  Koch  (71/.  acutifolia  Rabenh.) 
mit  der  vorstehend  aufgeführten. 

Mentha  acutifolia  Sm.  (Reichenb.  Fl.  germ.  exe,  1830 — 1832, 
S.  307,  No.  2078).  Grenzgraben  zwischen  Bornhäuser 
und  Mechtshäuser  Feldmark  innerhalb  der  Wiesen. 

Mentha  aquatica  L.  var.  glabrata  Koch.  Wie  vorstehend, 
auch  Pferdeteich  bei  Osterode. 

Antirrhinnm  Orontium  L.  Bornhausen  nach  der  Seesener 
Ölmühle  hin,  mir  daselbst  schon  lange  bekannt,  im 
Jahre  1894  reichlich  in  schönen  Exemplaren. 

Alectorolophus  minor  Wimm.  Sc  Grab.  var.  angustifolius  Koch 
und  var.  fallax  Wimm.  &  Grab.  Seesen  auf  feuchten 
Wiesenstellen  am  Nordabhange  des  Bnlks,  auch  zwischen 
Forstort  Mittlere  Steinbühl  und  Steinbrink  und  am  Forst- 
orte Hintere  Grafecke. 

Alectorolophus  major  var.  angustifolius  Fr.  Feuchte  Wiesen- 
stellen vor  dem  Forstorte  Hintere  Grafecke  bei  Seesen. 

Alectorolophus  atigustifolius  Heynh.  suchte  ich  bei  Seesen 
hinterm  Bulke,  wo  die  Pflanze  nach  Dr.  Schäfer  in 
Seesen  vorkommen  sollte,  vergeblich.  Der  Ebengenannte 


Die  Zuteilung  von  Mentha  onganifolia  Host,  Fl.  Austriaca  H, 
S.  142,  zu  M.  gentilis  ist  irrtümlich;  M.  origanifolia  gehört  zum  Formen- 
kreise der  M.  verticillata  L.  —  Der  Herausgeber. 

9* 


ß.  WeIn, 


[4] 


hat  auf  mein  Befragen  erklärt,  dafs  er  seinen  Fund  für 
AlectorolopJms  major  var.  angustifolius  angesehen  und 
im  Augenblicke  vergessen  gehabt  habe,  dafs  A.  angusti- 
folius Gmel.  an  den  Gypsbergen  des  Südharzes  vor- 
komme. Bei  der  erheblich  späteren  Blütezeit  der  letzt- 
beregten  Spezies  erscheint  deren  Vorkommen  auch  sehr 
zweifelhaft,  i) 

Euphrasia  Odontites  L.  var.  serotina  Lam.  Auf  berasten 
Wegen  bei  Seesen. 

Lysimachia  vulgaris  L.  form,  verticillata.  Seesen,  Born- 
hausen usw. 

Epipadis  latifolia  All.  var.  violacea  Dur.  Forstort  Lauseberg 
bei  Seesen. 

Juncus  Leersii  Marsson.  Verbreitet  in  der  Umgegend  von 
Seesen  und  Bornhausen,  auch  am  Heber  oberhalb  der 
Sehlackenmühle. 

Carex  HornschucJiiana  x  flava  (C.  fulva  Hoppe).  Sumpfstelle 
im  Hebersaame  oberhalb  Mechtshausen. 

Setaria  ambigua  Guss.    Bornhausen,  unter  Linsen. 

Agrostis  alba  L.  var.  stolonifera  E.  Meyer.  Schlackenstelle 
am  Nordfufse  des  Sehildberges  unweit  Bornhausen. 

Festuca  bromoides  Sm.  Auch  bei  Bilderlahe  nach  Born- 
hausen hin. 

Festuca  ovina  L.  var.  glauca  Schrad.  An  den  Gypsbergen 
des  Westharzes  von  Oberhütte  bis  Osterode  häufig. 

Festuca  ovina  L.  var.  valesiaca  Schleich.  Bei  Seesen,  Born- 
hausen usw.  häufig. 


*)  Die  Pflanze  von  Seesen,  auch  noch  in  der  floristisch  wertlosen 
5.  Auf  läge  von  W.  Bertram,  Flora  von  Braunschweig  S.  301  ange- 
geben, gehört  auf  keinen  Fall  zu  A.  angustifolius,  aber  ebensowenig 
die  seit  Wallroth  dafür  gehaltene  Pflanze  des  Siidharzes,  dieA.mon- 
tanus  Fritsch  darstellt  (vgl.  J.  v.  Sterneck,  Monogr.  Alectorolophus 
in  Abh.  Zool-Bot.  Gesellschaft  1,2  [1901]  75). 


[5]     Tu.  Bkling,  Beiträge  zur  Flora  des  nordwestlichen  Harzes.  133 

Lolium  perenne  L.  var.  purptiratum  mihi.  Bei  Seesen  und 
Börnhausen  an  Ackerraineu,  auf  trockenen  Wiesen  usw.; 
in  dem  sehr  sonnigen  Jahre  1894  häufig. 

Equisetum  arvense  L.  var.  decumhens  G.  Meyer.  Seesen, 
Herrhausen  usw. 

Equisetum  limosum  L.  var.  poli/stachyum  Willd.  Nordfuls 
des  Bulks  bei  Seesen  in  Wiesengräben. 

Equisetum  palustre  L.  var.  polystachyum  Willd.  Zwischen 
Bilderlahe  und  dem  Bornhausen — Mechtshausener  Kom- 
munikationswege neben  der  Nette. 

Aspidium  filix  mas  L.  var.  remotum  A.  Br.  Seesen. 

Pteris  aquilina  L.  var.  lanuginosa  Hook.  Forstort  Vordere 
Eiehenrodt  bei  Seesen. 


Ihnen  reihen  sich  noch  einige  andere  Fundortsangaben 
an,  für  die  Belings  Herbar  die  Belege  enthält: 

Cerastium  glomeratum  Thuill.    Lutter  a.  Bg.,  Bilderlahe. 

XJlex  europaeus  L.    Innerste  zwischen  Ringelheim  und  Oth- 
fresen. 

Änthriscus  cerefolium  Hoffra.  Seesen, 
Solanum  miniatum  Beruh.  Staufenburg. 
Euphrasia  Odontites  L.  var.  fl.  albo.  Bilderlabe. 
Rumex  aquaticus  L.  Klausthal. 
Polygonum  minus  Huds.  Gittelde. 
Ulmus  montana  With.  Gittelde. 
Epipactis  micropJiylla  Sw.  Herrhausen. 
Juncus  effusus  X  glaucus.  Mechtshausen. 


134   K.  Wkin,  Tu.  Beling,  Beitr.  z  Flora  d.  nordwestl.  Harzes.  [6j 

Heleocharis  uniglumis  Schult.  Seesen. 
Heleocharis  acicularis  R.  Br.  Seesen. 

Poa  trivialis  L.  var.  purpurata  Beling  in  sched.^)  Seesen. 

')  var.  purpurata  Beling  =  ß  striata  DüU  Fl.  Bad.  [1857]  180  = 
ß  rubescens  Reuter  Cat.  pl.  Geneve  ed.  2  [1861]  239.  —  Der  Heraus- 
geber. 


Litteratur  über  die  triadische  Pflanzengattiing 
Pleuromeia 

Zusammengestellt  von 
Erwin  Schulze 


1839.  G.  Graf  zu  Münster,  Beiträge  zur  Petrefacten- 
Kunde.  1.  Heft.  Bayreuth.  4".  [Sigillaria  Sternhergü, 
p.  47,  t.  3  f.  10.] 

1842.  G.  Graf  zu  Münster,  Beiträge  zur  Petrefacten- 
Kunde.  1.  Heft.  2.  Auflage.  Bayreuth.  40.  [Sigillaria 
Sternhergü,  p.  67,  t.  3  f  lO.J 

1850.  Unger,  F.,  Genera  et  species  plantarum  fossi- 
lium.    Vindohonae.    8".    [Sigillaria  Sternbergi,  p.  250.] 

1850.  Beyriclt,  Sigillaria  Sternbergii.  (Z.  D.  G.  G.  v.  2 
p.  174—175.) 

1852.  Giebel,  Trematosaurus ,  Mastodonsaurus  und 
Sigillaria  von  Bernburg  in  der  Halleschen  Sammlung.  (N. 
Jahrb.  f  Min.  1852,  p.  601.) 

1852.  Germar,  E.  F.,  Sigillaria  Sternbergi,  Münster,  aus 
dem  bunten  Sandstein.    (Z.  D.  G.  G.  v.  4  p.  183— 189,  t.  8.) 

1852.  Göppert,  H.  R.,  Flora  fossilis  formationis  trans- 
itionis.  (Nova  Acta  Ae.  Leop.  v.  22,  suppl.)  Breslau.  4".  [Sage- 
naria  Bischoffii  Göpp.,  p.  187;  Sigillaria  Sternbergi,  p.  250.] 

1852.  Roemer,  F.  A.,  Beiträge  zur  geologischen  Kennt- 
niss  des  nordwestlichen  Harzgebirges.  [2.  Abt.]  (Palaeonto- 
graphica.  Cassel.  4».  3.  Bd.,  2.  Lief.,  p.  69— III,  1. 11— 15.) 
[Sagenaria  Bischofii  Goeppert  'im  Plattenbruche  bei  Mägde- 
sprung gefunden',  p.  96,  t.  14  f.  7.]  Cf.  1885  E.  Weiss,  Zur 
Flora  der  ältesten  Schichten  des  Harzes  (Jahrb.  der  Preufs. 
Geol.  Landesanstalt  für  1884,  v.  5,  p.  148—180,  t.  5.  6.  7) 
p.  152.  I  1901  Potonie,  ]  1904  Potonie  n.  38,  p.  12—13. 


136 


Erwin  Schulze, 


[2] 


1853  Bischof,  Zeichnungen  einiger  Sigülarien  aus 
dem  bunten  Sandsteine  Bernburgs.  (Zs.  f.  Naturw.,  v.  1, 
p.  257,  t.  8.) 

1853.  Giebel,  Über  Sigillaria  Sternbergi  Mnst.  (Pleuro- 
meya  Corda).    (Zs.  f.  Naturw.,  v.  2  p.  34.) 

1853.  Spieker,  Tb.,  Zur  Sigillaria  Sternbergi  Mimst, 
des  bunten  Saudsteins  bei  ßernburg.  (Zs.  f.  Naturw.,  v.  2, 
p.  1—6,  t.  1.  2.) 

1854.  Spieker,  Th.,  Pleuromoia,  eine  neue  fossile 
Pflanzengattung  und  ihre  Arten,  gebildet  aus  der  Sigillaria 
Sternbergi  Münst.  des  bunten  Sandsteins  zu  Bernburg.  (Zs. 
f.  Naturw.,  v.  3,  p.  177—191,  t.  5.6.7.)  [1.  P.  Germari, 
p.  189,  t.  5  f.  1;  2.  P.  Sternbergi,  p.  189,  t.  5  f.  2 ;  3.  P.  costata, 
p.  190,  t.  6  f.  3.  4,  t.  7  f.  5;  4.  P.  plana,  p.  190,  t.  7  f.  6.] 

1855.  Bischof  II.,  Beitrag  zur  Kenntniss  der  Pleuro- 
moia, Corda,  aus  den  oberen  Schichten  des  bunten  Sand- 
steins zu  Bernburg.  Mägdesprung  1855.  [Quedlinburg,  ge- 
druckt bei  G.  Basse.]  4».  (4  p.:  Titel  u.  2  p.  Text;  1  t.) 
Ref.:  1855  Zs.  f.  Naturw.,  v.  5  p.  406. 

1856.  Zinkeu  sen..  Blick  auf  die  geognostischen  Ver- 
hältnisse der  Umgegend  von  Bernburg,  besonders  die  Ver- 
steinerungen im  bunten  Sandstein  betreifend.  (Zs.  f  Naturw., 
V.  8  p.  344-346.) 

1859.  Jasche,  Uber  Pflanzen-  und  Saurier-Reste  im 
Bunten  Sandsteine  von  Nienburg  a.  S.  (Berichte  des  Naturw. 
Vereins  des  Harzes  für  die  Jahre  1857  u.  1858.  Wernige- 
rode 1859.    40.    p.  16—17.) 

1859.  Stiehler,  W.,  Zu  Pleuromeia  Corda.  (Zs.  f. 
Naturw.,  v.  14  p.  190—195.) 

1860.  Göppert,  H.  R.,  Über  die  fossile  Flora  der 
Silurischen,  Devonischen  und  Unteren  Kohlenformation  oder 
des  sogenannten  Übergangsgebirges.  Mit  12  Tafeln.  (Nova 
Acta  Ac.  Leop.,  v.  19,  p.  427—606.)  Jena  1860.  4».  [Sage- 
naria  Bischoffii,  'Jüngste  Grauwacke  in  Lonau  bei  Herz- 
berg', p.  526.] 

1861.  Quenstedt,  Epochen  der  Natur.  Tübingen.  S". 
[Sigillaria  Sternbergii,  p.  472 — 473.]. 

1861.  Stiehler,  W.,  Über  Pflanzenreste  in  den  Braun- 
kohlensandsteinen von  Nachterstedt.    (Berichte  des  Naturw. 


[3]     Litteratur  über  die  t^adische  Pflanzengattung  Piewromcia.  137 


Vereins  des  Harzes  zu  Blankenburg  für  die  Jahre  1859 — 
1860.  Wernigerode  1861.  4».  p.  49—51.)  [Handelt  von 
p.  49  col.  2  ab  von  Plearomoia  aus  dem  bunten  Sandstein 
zu  Bernburg  und  Umgegend.] 

1866.  Geinitz,  Über  die  Schreibweise  von  Pleuromega. 
(SB.  Isis  Dresden.    Jg.  1866,  p.  22.) 

1869.  Geinitz,  Vorlage  von  Fleuromeja  Sternhergi  aus 
dem  Buntsandstein  von  Bernburg.  (SB.  Isis  Dresden.  Jg. 
1869,  p.  187.) 

1878.  Jannasch,  Stamm  einer  Fleuromoia  aus  dem 
bunten  Sandstein,  bei  Ausschachtung  eines  Fundamentes  in 
Bernburg  gefunden.    (Zs.  i.  Naturw.,  v.  51  p.  384.) 

1879.  Eeistmaiitel,  0.,  Palaeozoische  und  mesozoische 
Flora  des  östlichen  Australien.  (Palaeontographica,  Supple- 
ment III.  Cassel.  40.)  [Äwom'a- Stadium  (?)  von  Lejy'ulo- 
dendron  Veltheimianum  (?),  p.  1 52,  t.  5  (23)  f.  2.  3.] 

1886.  Blanckenhorn,  M.,  Die  fossile  Flora  des  Bunt- 
sandsteins und  des  Muschelkalks  der  Umgegen'd  von 
Gommern.  (Palaeontographica.  Stuttgart.  4**.  32.  Bd., 
4.  Lief.,  p.  117 — 154,  1. 15 — 22.)  [Sigillaria  oculina,  p.  132 — 
133,  t.  20  f.  9;  ?  Thamnopteris  vogesiaca,  p.  132,  t.  20  f.  8.] 

1886.  Weiss,  E.,  Über  eine  Buntsandstein -*Si^iZ?ana 
\S.  oculina]  und  deren  nächste  Verwandte  [S.  biangida  aus 
den  unteren  Ottweiler  Schichten].  (Jahrbuch  der  Preufs. 
Geol.  Landesanstalt  für  1885,  v.  6,  p.  356—361.    Mit  2  Vig.) 

1888.  Schenk,  A.,  Die  fossilen  Pflanzenreste.  Breslau. 
8».  (Schenk's  Handbuch  der  Botanik.  4.  Bd.,  p.  1—284.) 
[Sigillaria  oculina,  p.  79 ;  Pleuromoya,  p.  80.] 

1896.  Potonie,  H.,  Die  fioristische  Gliederung  des 
deutschen  Carbon  und  Perm.  Berlin.  8".  (Abh.  d.  Pr.  G. 
L.-A.,  N.  F.,  H.  21.)    [Sigillaria  ocidina,  p.  41  f.  41.] 

1898.  Potonie,  H.,  Lehrbuch  der  Pflanzenpalaeonto- 
logie.  Berlin.  80.  3.  Lieferung.  [Stigmarien:  3.  Fleuromeia, 
p.  216—218  (p.  217  f.  208  AB);  Sigillaria  oculina,  p.  256 
f.  246,  p.  257.] 

1898.  Potonie,  H.,  Die  Pflanzenpalaeontologie  im 
Dienste  des  Bergbaues.  (Zeitschrift  für  praktische  Geologie. 
Jg.  1898,  p.  238—248,  f.  59—93.)  [Sigillaria  oculina, 
p.  248  f  92.] 


138    E.  Schulze,  Litterat.  üb.  d.  triad.  Pflanzengatt.  Pleuromeia.  [4] 


1899.  H.  Graf  zu  Solms -Laubach,  Über  das  Genus 
Pleuromeia.  (Botanische  Zeitung.  Leipzig.  4».  Jg.  57. 
[1899.  Heft  12.)  p.  227—243,  t.  8.  Mit  2  Holzschnitten 
p.  234.)  Ref.:  1904  Neues  Jahrbuch  für  Mineralogie,  v.  1, 
Ref.,  p.  319  (Sterzel). 

1901.  Potoni^,  H.,  Pleuromoiaceae.  (Engler's  Natür- 
liche Pflanzenfamilien.  Leipzig.  8".  1.  Teil,  4.  Abt., 
p.  754— 75Ö,  f.  453.  454.)  [F.  Sternbergn,  p.  755;  P.  oculina, 
p.  756.] 

1901.  Potoiiie,  H.,  Die  Silur-  und  die  Culm-Flora  des 
Harzes  und  des  Magdeburgischen.  (Abhandlungen  der 
Preufs.  Geol.  Landesanstalt,  N.  F.,  Heft  36.)    Berlin.  8». 

\Sagenaria  Bischofli,  p.  61 — 62.153;  Sigillaria  Sternbergn, 
p.  75.] 

1903.  Fliehe,  Lycopodinees  du  Trias  en  Lorraine. 
(C  R.  de  TAc.  des  Sc.  Paris.    1903,  apr.  6.   p.  907.) 

1904.  Potonie,  H.,  Abbildungen  und  Beschreibungen 
fossiler  Pflanzen-Reste  der  palaeozoischen  und  mesozoischen 
Formationen.  Lieferung  H.  (n.  21 — 40.)  Herausgegeben 
von  der  Königl.  Preufs.  Geol.  Landesanstalt.  Berlin.  8". 
[38.  P.  Sternbergi  (15  p.,  8  f.);  39.  P.  oculina  (2  p.).] 

1907.  Wüst,  E.,  Die  Fossilienführung  des  Mittleren 
Bantsandsteins  der  Mansfelder  Mulde.  (Zs.  f.  Naturw.,  v.  79, 
p.  109 — 126.)  [Fleuromeia  Sternbergii  (mit  Sporen),  p.  118. 
120.  121.  124.  125.  126.] 

1907..  Fitting,  J.,  Sporen  im  Buutsandstein  —  die 
Makrosporen  von  Pleuromeia  ?  (Berichte  der  Deutsch.  Bot. 
Ges.  Jg.  1907.  Bd.  25,  H.  8,  p.  434  —  442.)  Ref.:  1908  Zs. 
f.  Naturw.,  v.  80,  p.  299  — 300  (E.  Wüst).  1909  N.Jahrbuch 
für  Mineralogie,  v.  1,  Ref.,  p.  461—462  (H.  Salfeld). 

1909.  0.  V.  Liustow,  Die  geologische  Literatur  des 
Herzogtums  Anhalt  mit  Ausnahme  des  Harzanteils,  (Geo- 
logische Literatur  Deutschlands.  B.  Literatur  über  einzelne 
Gebiete.  Herausgegeben  von  den  Deutschen  Geologischen 
Landesanstalten.)  Berlin.  8".  33  p.  [V.  Buntsandstein, 
c.  Pflanzen,  p.  16  —  18,  n.  26—48.] 


Kleinere  Mitteilungen. 


Gesteine  und  Minerale  des  Radautales. 

Im  Nordwesten  des  Harzes  liegt  das  durch  seine  petro- 
graphische  und  mineralogisclie  Mannigfaltigkeit  weit  und  breit 
berühmte  Harzburger  Gabbrogebiet.  Durch  die  fleifsigen  und 
erfolgreichen  Arbeiten  von  Streng,  Lossen,  Koch  und  Erd- 
MANNSDÖRFFER  ist  die  tcktouische  und  petrographische  Kennt- 
nis unseres  Gebietes  am  meisten  gefördert  worden,  während 
besonders  Ulrich,  Streng,  G.  vom  Rath  und  Luedecke 
vortreffliche  lithologische  Arbeiten  darüber  geliefert  haben. 
Im  Auftrage  der  preufsisehen  geologischen  Landesanstalt 
haben  Koch  und  Erdmannsdürffer  das  Gebiet  neuer- 
dings in  mustergültiger  Weise  geologisch  bearbeitet,  und 
als  Frucht  dieser  Tätigkeit  ist  vor  kurzem  das  Kartenblatt 
Harzburg  erschienen.  Ein  Blick  darauf  zeigt,  welche  mühe- 
volle Arbeit  dies  Blatt  verursacht  hat,  und  mit  welchem 
Wechsel  in  Bezug  auf  die  Gesteinsbildungen  hier  gerechnet 
werden  mufs.  Durch  die  Untersuchungen  Jasches  und  später 
Lossens  wurde  es  evident,  dafs  der  Gabbrokomplex  zum 
Eruptionszentrum  des  Brockenmassivs  gehöre,  zu  welchem 
bekanntlich  auch  der  Ilsensteingranit  und  der  Okergranit 
gerechnet  wird,  so  dafs  also  alle  diese  Massive  als  eine  geo- 
logische Einheit  aufzufassen  sind,  aus  einem  Herde  stammen, 
und  der  Gabbro,  als  scheinbarer  Fremdkörper  im  einstigen 
sauren  Granitmagma,  nur  eine  basische  Schliere  darin  dar- 
stellt. Diese  Auffassung  wird  allgemein  als  richtig  anerkannt. 
Der  Harzburger  Gabbro  umfafst  in  erster  Linie  zahlreiche 
Gesteine  aus  der  Gabbro -Noritfamilie,  denen  sich  solche  aus 
der  Pyroxenit-Peridotitfamilie  anreihen.    Durch  Übergänge 


140 


Kleinere  Mitteilungen. 


zum  Diorit  sind  alle  jene  Gesteine  mit  den  dioritisclien  Teilen 
des  Biockenmassivs  verbunden. 

Neben  den  Gabbrogesteinen  im  weiteren  Sinne  kommen 
für  unser  Gebiet  uocb  andere  eruptive  und  auch  sedimentäre 
Gesteine  in  Betracht,  die  an  den  Granit  und  an  den  Gabbro 
angrenzen,  zum  Teil  aber  auch  im  Gabbro  eingeschlossen 
sind.  Als  das  glutflüssige  Granit-  und  Gabbromagma  auf- 
gepresst  wurde,  erlitten  die  bereits  vorhandenen  Eruptiv- 
gesteine, Diabas  usw.  ebenso  wie  die  Sedimente  an  ihren 
Kontaktzonen  eine  hochgradige  Umwandlung;  sie  wurden 
fester  und  stärker,  krystallisierten  um,  bzw.  wurden  erst 
krystallinisch,  und  nahmen  durch  dem  Magma  entströmende 
heifse  Dämpfe  und  Lösungen  neue  Minerale  in  sich  auf. 
Man  bezeichnet  dies  Phänomen  als  Kontaktmetamorphose 
und  die  dabei  entstehenden  Minerale  als  Kontaktminerale. 
So  sind  die  in  unserem  Gebiet  vorkommenden  Orthophyre 
und  Diabase  stark  verändert,  und  kulmische,  vielleicht  auch 
silurische  Sedimente  in  sogenannten  Eckergneifs  umgewandelt 
worden.  Die  vom  Gabbromagma  eingeschlossenen  Gesteins- 
brocken, z.  B.  Orthophyr,  Diabas,  Kahlebergsandstein,  Kulm- 
schiefer, Kulmgrauwacke  und  Kalke  sind  naturgemäfs  am 
stärksten  raetamorphosiert,  und  deshalb  ist  ihre  ursprüng- 
liche Natur  oft  garnicht  mehr  wiederzuerkennen. 

Von  solchen  Einschlüssen  kommen  für  die  mineralogische 
Forschung  ganz  besonders  die  umgewandelten  devonischen 
Kalke  in  Betracht.  Während  der  Eckergneifs  an  Kontakt- 
mineralen besonders  Granat,  Cordierit,  Turmalin  und  Andalusit 
enthält,  finden  wir  in  den  zu  Marmor  umgewandelten  Kalken 
besonders  Wollastonit,  Granat,  Augit,  Titanit,  gelegentlich 
auch  Axinit. 

Das  Gabbromassiv  wird  nun  vielfach  durchsetzt  von 
Granitgängen,  die  sich  bisweilen  durch  einen  Augit-  oder 
Granatgehalt  auszeichnen,  oft  auch  schriftgranitartig  ausge- 
bildet sind.  Durch  den  Umstand,  dafs  der  Schriftgranit 
ganz  aufserordentlich  grobkörnig  wird,  treten  seine  einzelnen 
Gemengteile  klar  zu  Tage,  und  so  sehen  wir  in  ihm  schon 
mit  unbewaffnetem  Auge  die  seltensten  Silikate,  z.  B.  Orthit 
und  Gadolinit,  die  sich  im  feinkörnigen  Gestein  den  Blicken 
des  Mikroskopikers  meist  entziehen. 


Kleinere  MitteiluDgen. 


141 


Die  Reihe  der  in  unserem  Gebiet  vorkommenden  Minerale 
wird  nun  dadurch  noch  ganz  erheblich  vergröfsert,  dafs 
besonders  die  Gabbrogesteiue  bei  ihren  Zersetzungsvorgängen 
sogenannte  sekundäre  Minerale  liefern.  Die  Zersetzung  dieser 
Gesteine  ist  infolge  des  namhaften  Eisenoxydulgehaltes 
zweierlei  Art.  Die  eine  erfolgt  unter  dem  Einflufs  des 
Luftsauerstoffs,  die  andere  unter  Abschlufs  desselben.  Erstere 
sei  hier  als  oxydierende,  die  zweite  als  nichtoxydierende 
Zersetzung  bezeichnet.  Die  oxydierende  Zersetzung  bewirkt 
eine  Oxydation  des  im  Gestein  enthaltenen  Eisenoxyduls, 
bräunt  den  Gabbro  bzw.  Norit  und  führt  unter  schliefslichem 
Zerfall  der  Gesteine  zur  Bildung  von  Metalloxyden,  z.  B. 
Eisenhydroxyd,  Manganperhydroxyd,  sowie  zur  Bildung  von 
Karbonaten  und  Hydrosilikaten,  sogenannten  Zeolithen.  Diese 
Art  der  Zersetzung  kommt  wesentlich  auf  der  Oberfläche 
und  auf  Klüften  der  Gesteine  vor. 

Wenn  nun  in  den  Aulsenschichten  der  Gesteine  der 
Luftsauerstoff  vom  Eisenoxydul  gebunden  ist,  kann  das  tiefer 
ins  Innere  eindringende  atmosphärische  Wasser  nicht  mehr 
oxydierend,  sondern  nur  noch  lösend  wirken,  und  es  ent- 
stehen bei  dieser  Zersetzung  neben  Bergkrystall,  Karbonaten 
und  Zeolithen  namentlich  Ton-Eisenoxydulmagnesiahydro- 
silikate,  das  sind  Chlorite,  die  das  Gestein  grünlich  färben. 

Werden  Gabbro  und  Norit  von  einer  Humusdecke  über- 
lagert, so  nimmt  diese  den  Sauerstoff  auf,  Gummisäuren 
bildend,  und  unter  der  Humusdecke,  welche  also  dieselbe 
Sauerstoff  absorbierende  Wirkung  entfaltet,  wie  die  Aufsen- 
schicht  des  Gesteins,  wird  man  gewöhnlich  Gestein  finden, 
welches  nur  der  nichtoxydierenden  Zersetzung  unterlegen  war. 

Dem  Vorkommen  und  der  Bildungsweise  nach  können 
wir  in  unserem  Gebiet  also  unterscheiden : 

1.  Primäre  Minerale  der  Gabbrogesteine  im  weiteren  Sinne, 
der  Granite,  Orthophyre,  Diabase  und  Sedimente. 

2.  Kontaktminerale. 

3.  Sekundäre  Minerale, 

a)  durch  oxydierende, 

b)  durch  nichtoxydierende  Zersetzung  entstanden. 
Dr.  Fromme,  Egeln,  Vereinssitzung  am  18.  Nov.  1909, 


142 


Kleinere  Mitteilungen. 


Neue  Funde  von  (iletscherschliffeu  bei  Halle  a.  S. 

Schon  vor  mehreren  Jahrzehnten  hatte  man  in  der 
Umgegend  von  Halle  a.  S.  nämlich  auf  dem  sogenannten 
Galgenberg  Gletscherschlilfe  gefunden,  die  s.  Z.  von  Herrn 


Geheimrat  v.  Fritsch  unzweifelhaft  als  solche  erkannt  wurden. 
Die  geologisch  denkwürdige  Stelle  hat  sich  leider  nicht 
erhalten  lassen,  sondern  ist  dem  Steinbruchbetriebe  zum 
Opfer  gefallen.  Im  April  dieses  Jahres  erhielt  ich  zu- 
fällig Kenntnis  von  der  Auffindung  von  Gletschersehliflfen, 
die  in  einem  Porphyrsteinbruch  (älterer  Porphyr)  bei  Trebitz 
in  der  Nähe  des  Petersberges  bei  Halle  zu  sehen  sein  sollten. 
Der  Augenschein  bestätigte  die  Richtigkeit  vollständig.  Die 


Kleinere  Mitteilungen. 


143 


Schlifte  waren  tadellos  zu  erkennen  und  bedeckten  ein 
Gebiet  von  mindestens  80  qm  Bodenfiäche.  Eine  sofort 
vorgenommene  Bestimmung  der  Richtung  der  Schrammen 
mit  Hilfe  der  Magnetnadel  ergab  genaue  Nordsüdlage.  Da 
auch  dieser  geologisch  interessante  Fund  nicht  lange  mehr 
bestehen  bleiben  wird,  so  habe  ich  eine  besonders  schöne 
Stelle  photographisch  aufgenommen. 

Prof.  Dr,  Wagner,  Vereinssitzung  1909. 


Über  den  Köderfang  im  Hochgebirge. 

Wer  durch  seine  Erfolge  bei  dem  Ködern  in  der  Ebene 
verwöhnt  ist  in  Bezug  auf  die  grofse  Zahl  der  erbeuteten 
Arten  und  Individuen,  der  wird  in  dieser  Hinsicht  meist 
recht  enttäuscht  sein,  wenn  er  zum  ersten  Mal  das  Ködern 
im  Hochgebirge  ausübt  und  auch  dort  eine  so  reiche  Aus- 
beute erwartet.  Die  Arten-  und  Stückzahl  der  oben  im 
Gebirge  durch  den  Köderfang  erbeuteten  Tiere  steht  der  in 
der  Ebene  erbeuteten  Zahl  ganz  auffallend  nach.  Es  dürfte 
nun  von  Interesse  sein,  diejenigen  Momente  ausfindig  zu 
machen,  die  für  den  geringen  Erfolg  bestimmend  sind.  Ich 
habe  bei  nachfolgendem  speziell  den  Graubündner  Weifsen- 
stein  (2030  m)  und  die  Albulapafshöhe  (2313  m)  im  Auge,  zwei 
in  entomologischer  Hinsicht  hervorragende  Plätze,  an  denen 
ich  in  den  Jahren  1905,  1906  und  1909  gesammelt  habe. 
Trotz  des  unter  den  alpinen  Entomologen  bekannten  Re- 
nommees dieses  Teiles  der  Hochalpen  kann  jedoch  der  von 
mir  dort  erreichte  Erfolg  kein  bedeutender  genannt  werden. 

Es  ist  eine  bekannte  Erscheinung,  dafs  die  Tiere  der 
Ebene,  je  weiter  wir  im  Gebirge  aufsteigen,  uns  allmählich 
verlassen.  Das  Verschwinden  der  Tieflandstiere  tritt  meistens 
nicht  etwa  in  der  Weise  ein,  dafs  man  die  Maximalhöhe 
eines  Vorkommens  genau  festlegen  und  ein  höheres  Vor- 
kommen als  absolut  ausgeschlossen  hinstellen  könnte.  Daher 
wird  diese  Grenze  von  den  verschiedenen  Beobachtern  auch 
unter  gleichen  klimatischen  Verhältnissen  meist  um  einige 
hundert  Fufs  diiferierend  angegeben.  Es  steht  diese  Be- 
obachtxang  für  die  Entomologie  nicht  etwa  einzig  in  der 


144 


Kleinere  Mitteilungen. 


Natur  da,  lehrt  uns  doch  die  Pflanzengeographie  ganz  gleiche 
Verhältnisse  kennen.  Unter  den  wenigen  Tieren,  die  eine 
Ausnahme  von  der  angeführten  Regel  machen,  möchte  ich 
hier  besonders  Plusia  gamma  und  Mamestra  dentina  hervor- 
heben. Man  könnte  sie  treflPend  als  „Kosmopoliten  der 
vertikalen  Verbreitung"  bezeichnen,  da  sie  sich  bei  uns  in 
der  Ebene  und  in  gleicher  Weise  hoch  oben  im  Gebirge 
vorfinden;  beide  Spezies  traf  ich  am  Albuiapass  noch  bei 
2500  ra  und  darüber. 

Natürlich  kommen  in  den  höheren  Lagen  andere,  dem 
Tiefland  fehlende  Tiere  hinzu,  jedoch  steht  die  Zahl  der 
neu  auftretenden  zu  der  der  verschwindenden  in  keinem 
Verhältnis.  Am  besten  läfst  sich  dies  durch  ein  Zahlen- 
beispiel veranschaulichen:  auf  der  Pafshöhe  des  Albula 
sind  während  der  3  Jahre,  wo  ich  dort  weilte,  nur  14 
Noetuiden  aufgefunden.  Davon  sind  12  typische  Bewohner 
der  montanen  Region,  und  von  den  12  wieder  2  heliophile 
Plusien,  die  für  den  Köderfang  nicht  in  Betracht  kommen. 
(Frey  gibt  in  seinem  vortrefflichen  Buche:  „Die  Lepidopteren 
der  Schweiz"  (1880)  für  den  Albuiapass  nur  6  Noetuiden 
an,  wobei  er  allerdings  bemerkt,  dafs  diese  Zahl  zu  niedrig 
gegriffen  sei.)  Ich  will  zugeben,  dafs  sich  die  Zahl  noch 
erhöhen  liefse  {PI.  bractea?  Uad.  rubrirena?  und  einige 
andere);  es  würde  die  dortige  Noctuidenfauna  immerhin  im 
günstigsten  Falle  nur  etwa  den  zwölften  Teil  derjenigen 
Tiere  ausmachen,  die  wir  durchschnittlich  in  der  Ebene 
vorzufinden  pflegen. 

Einmal  ist  es  also  die  geringe  Zahl  der  in  gröfseren 
Höhen  noch  vorkommenden  Arten,  die  einen  ergiebigen 
Köderfang  ausschliefst.  Es  kommen  aber  noch  andere  Dinge 
hinzu,  vor  allem  ein  Umstand,  der  schon  beim  Ködern  in 
der  Ebene  von  grofser  Wichtigkeit  ist:  das  Wetter.  Man 
betrachtet  in  der  Regel  einen  Abend  als  günstig,  wenn 
Windstille  herrscht,  die  Temperatur  eine  ziemlich  hohe  ist 
und  der  Mond  nicht  sichtbar  ist;  als  besonders  günstig  gilt 
die  Zeit  vor  einem  Gewitter.  Dafs  allem  Erwarten  zum 
Trotz  manchmal  dennoch  der  Erfolg  ein  völlig  negativer 
ist,  sei  nur  nebenbei  erwähnt;  es  ist  dies  eine  Tatsache, 
für  die  man  bis  jetzt  vergeblich  eine  Erklärung  gesucht 


Kleinere  Mitteilungen. 


145 


und  nur  Vermutungen  aufgestellt  hat.  Im  allgemeinen  kommt 
es  aber  sehr  wohl  auf  das  Wetter  an.  Nun  sind  jedoch 
die  Witterungsverhältnisse  im  Hochgebirge  meist  für  das 
Ködern  im  höchsten  Mafse  ungünstig.  Nebel  und  Stürme 
sind  abends  die  Regel,  selbst  im  Juli  und  August  sind 
Schneefälle,  die  tagelang  liegenbleibenden  Schnee  zur  Folge 
haben,  keine  Seltenheit,  wobei  die  Temperatur  öfter  unter 
den  Gefrierpunkt  herabsinkt. 

Als  drittes  und  letztes  Moment  möchte  ich  noch  Folgen- 
des ansehen.  Bekanntlich  bedient  man  sich,  um  die  An- 
ziehungskraft des  Ködersaftes  zu  erhöhen,  einer  stark- 
riechenden Substanz  (Apfeläther  usw.),  die  dem  Ködersaft 
beigesetzt  wird.  Die  Wirkung  dieser  Substanz  ist  in  der 
Ebene  eine  so  grofse,  weil  hier  das  Verdunsten  nur  allmählich 
vor  sich  geht  und  deswegen  der  Äther  lange  Zeit  wirken 
kann.  Im  Gebirge  dagegen  wird  durch  die  dünne  Höhen- 
luft ein  äufserst  schnelles  Verdunsten  des  Äthers  herbei- 
geführt, und  so  wird  hier  gerade  das  Mittel,  das  in  der 
Ebene  die  Tiere  am  meisten  lockt,  durch  die  klimatischen 
Verhältnisse  illusorisch  gemacht. 

Wenn  sonach  beim  Ködern  im  Hochgebirge  auch  keine 
grofse  Stückzahl  gefangen  zu  werden  pflegt,  so  wird  man 
doch  vom  Ködern  dort  nicht  völlig  absehen ;  denn,  mag  auch 
die  erbeutete  Zahl  gering  sein,  was  man  erhält,  sind  meist 
gute  Gebirgstiere.  Es  wäre  daher  fehlgegangen,  aus  obigem 
etwa  den  Rat  zu  entnehmen,  man  solle  im  Gebirge  nicht 
ködern.  Im  Gegenteil!  Das  Herz  jedes  passionierten  Lepi- 
dopterologen  mufs  höher  schlagen,  wenn  es  ihm  vergönnt 
ist,  in  wenigen  Tagen  so  geschätzte  Tiere  wie  Hadena  zeta, 
pernix,  maillardi,  Agrotis  Jielvetina,  fatidica,  besonders  aber 
Agr.  culminicola  zu  erbeuten!  Ist  durch  solchen  Fang 
—  und  erhielt  er  auch  jedes  Tier  nur  in  einem  Exemplar  — 
nicht  schon  seine  Mühe  reichlich  belohnt? 

E.  Bauer,  Referendar. 

Zur  SclimetterHngsfauna  der  Goitzsche. 

Bei  einer  Exkursion  in  die  Bitterfelder  Goitzsehe  am 
IG.  Juli  1908  wollte  ich  einmal  feststellen,  was  dort  au 

Zeitsclir.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  »■>.       lU.  IQ 


146 


Kleinere  Mitteilungen. 


Faltern  flog  und  nahm  daher  alles  mit,  was  mir  ins  Netz 
kam.  In  der  kurzen  Zeit  von  2  Stunden,  von  9—11  Uhr 
früh,  erl)eutete  ich  die  ansehnliche  Zahl  von  43  Arten,  ge- 
wifs  ein  Beweis  für  den  Schmetterlingsreichtum  dieses 
schönen  Laubwaldes.    Und  zwar  waren  dies: 


1.  Pieris  brassicae  L. 

2.  „      rapae  L. 

3.  Colins  hyale  L. 

4.  Gonopteryx  rhanini  L. 

5.  Apatura  iris  L. 

6.  „       ilia  Schiff. 

7.  „       V.  clytie  Schiff. 

8.  Vanessa  io.  L. 

9.  „       urticae  L. 

10.  Polygonia  c.  album  L. 

11.  Pyrameis  atalanta  L. 

12.  Arachnia  levana  L. 

13.  Melitaea  maturna  L. 

14.  Brenthis  sehne  Schiff. 

15.  Argynnis  latonia  L. 

16.  „        aglaja  L. 

17.  „       paphia  L. 

18.  Melanargia  galatea  L. 

19.  Manioln  medusa  F. 

20.  Satyrus  semele  L. 

21.  Aphantopiis  hyperantus  L. 

22.  Epinephele  jurtina  L. 


23.  Epinephele  lycaon  Rott. 

24.  Coenonym2)ha  iphis  Schiff. 

25.  „  arcania  L. 

26.  „  pamphiliis  L. 

27.  Pararge  egeria  L. 

28.  „       megaera  L. 

29.  Thccla  ilicis  Esp. 

30.  Zephyrus  betulae  L. 

31.  Chrysophanus  virgaureae  L. 

32.  „  phlaeas  L. 

33.  „  dorilis  Hufn. 

34.  Lycaena  argus  L. 

35.  „        icarus  Rott. 

36.  „       semiargus  Rott. 

37.  Pamphila  palaemon  Fall. 

38.  „      silvius  Knoch. 

39.  Adopaea  lineola  0. 

40.  „       tha^imas  Hufn. 

41.  Augiades  comma  L. 

42.  Scelothrix  alveus  Hb. 

43.  „        malvae  L. 

Franz  Bandermann. 


Ein  Zwitter  (?)  von  Saturnia  pavonia  L. 

Bei  derselben  Exkursion  fand  ich  an  einem  Rhamnus- 
strauche  84  Raupen  von  Sat.  pavonia.  Bis  zum  14.  August 
erzielte  ich  davon  26  Puppen,  die  ich  im  Keller  unterbrachte 
und  im  nächsten  Frühjahr  wieder  ins  Zimmer  nahm.  Vom 
2.  April  bis  zum  18.  Mai  schlüpften  19  Falter;  die  übrigen 
waren  vertrocknet.  Unter  den  19  war  nur  ein  Tier  ab- 
weichend. Es  hat  eine  Flügelspannung  von  41  mm ;  die 
Farbe  der  VorderflUgel  ist  rein  weiblich,  dagegen  zeigen 
die  Hinterflügel  eine  hellgelbe  Färbung  ähnlich  der  des 
Weibchens  von  Cosmotriche  potatoria  L.  Die  Zeichnungen 
aller  Flügel  sind  normal,  nur  ist  das  braune  Band  am 


Kleinero  Mitteilutigen. 


147 


Anfsenrand  der  Hinterflügel  schmaler  und  kürzer.  Der 
Körper  ist  oberball)  am  Thorax  weiblich,  während  die 
untere  Hälfte,  ebenso  wie  die  Fühler,  wieder  den  männ- 
lichen Ty})us  aufweisen. 

Franz  Bandermann. 


Variationen  im  Geäder  des  Dipterenfliigels. 

Der  Dipterenflügel  scheint  nach  dieser  Seite  hin  nur 
wenijr  Gegenstand  des  Studiums  gewesen  zu  sein.  Bei 
Tahanus  luridus  Meig.  und  Leptis  vitripennis  Meig.  habe 
ich  die  Verhältnisse  näher  untersucht  und  an  anderer 
Stelle!)  publiziert  Zu  den  genannten  Fällen  möchte  ich 
noch  einige  kurz  hinzufügen. 

1.  Hilara  spec. 
Hilara  hat  gegabelten  Radialsektor.  Die  Gabelung 
hat  grofse  Ähnlichkeit  mit  der  iep^w- Gabelung,  die  Grund- 
verhältnisse sind  so  ziemlich  die  gleichen.  Der  untere  Teil 
des  Sektors  ist  konvex,  der  obere  Teil  konkav,  und  die 
konkave  Linie,  die  als  verloschene  Ader  aufzufassen  ist, 
läuft  parallel  der  unteren  Ader,  also  die  Basis  der  Gabelung 
ist  als  Querader  aufzufassen  und  daher  auch  konvexer  Natur. 
Im  eigentlichen  Sinne  des  Wortes  hat  also  der  obere  Gabelast 
mit  dem  Sektor  nichts  gemein.  Vom  Sektor  geht  eine  noch- 
malige Gabelung  spitz  zum  Vorderrande,  diese  weitere  Ader 
ist  der  Gabel  homolog,  es  ist  also  eine  echte  Gabelung, 
während  die  Gabelung  der  dritten  Längsader  eine  falsche 
Bifurkation  darstellt.  Die  Anomalie  zeigt  sich  nur  auf 
dem  rechten  Flügel.  Mir  scheint  das  Auftreten  an  dieser 
Stelle  darum  so  merkwürdig,  weil  der  Flügel  hier  keinerlei 
Merkzeichen  darbietet,  die  darauf  schliefsen  lassen,  dafs  es  • 
hier  zur  Ausbildung  einer  Ader  kommen  könnte;  es  ist 
keine  Tingierung  nachweisbar,  keine  Erhöhung  der  Membran. 
Diese  Merkmale  sollen  aber  vorhanden  sein.  Andererseits 
ist  aber,  nach  der  hypothetischen  Aufstellung  des  Flügel- 


^)  Mitteilungen  ans  der  Entomologischen  Gesellschaft  zu  Halle  a.  S., 
1909,  Heft  1,  S.  9  £F. 

lü* 


148 


Kleinere  Mitteilungen. 


Schemas  nach  Adolph,  eine  Gabelung  im  Vorderdrittel  des 
Flügels  zu  erwarten.  Seine  Vermutung  bestätigt  sich  also. 
Immerhin  dürfte  sich  Atavismus  gerade  an  dieser  Stelle  nur 
sehr  vereinzelt  zeigen;  unter  einem  grolsen  Material  fand 
ich  nur  diesen  einen  Fall. 

2.  Leptis  aequalis  Fabr. 
Im  Gegensatz  zu  allen  meinen  bisherigen  Beobachtungen, 
die  stets  atavistische  Erscheinungen  zeigten,  ist  bei  dieser 
Art  eine  weitere  Reduktion  des  Geäders  eingetreten.  Sie 
betrifft  den  oberen  Gabelast  des  Sektors,  der  zu  zwei  Drittel 
verschwunden  ist  und  ganz  plötzlich,  ohne  weitere  Anzeichen, 
abbricht.  Die  Abbruchsteile  liegt  an  dem  Punkte,  wo  die 
Basis  der  Gabel  umbiegt,  d.  h.  wo  sich  der  Charakter  ändert. 
Bis  zu  dieser  Umbiegestelle  ist  die  Ader  konvex  und  stellt 
eine  ursprüngliche  Querader  dar.  Dieser  Charakter  ist 
scharf  ausgeprägt.  Deutlich  ist  die  noch  mit  dem  unteren 
Sektor  parallellaufende  obliterierte  Ader  zu  sehen,  die  den 
stehengebliebenen  Teil  des  Gabelastes  an  der  Stelle  triff't, 
wo  er  als  reguläre  Querader  die  beiden  Aderzüge  einst  ver- 
bunden haben  mufs.  Die  verloschene  Gabel  läfst,  ihrer 
konkaven  Natur  gemäfs,  eine  Vertiefung  in  der  Membran 
zurück.  Die  Art  zählt  zu  denen  mit  untingierten  Flügeln; 
es  bleibt  weiteren  Untersuchungen  vorbehalten  zu  kon- 
statieren, ob  auch  bei  Arten  mit  Adertingierung  sich 
Reduktionen  bemerkbar  machen,  oder  ob  hier  nur  ata- 
vistische Rückschläge  vorkommen. 

Richard  Kleine. 


Ans  den  Sitzungen  der  Entomologischen  Gesellschaft 
zu  Halle  a.  S.  (E.  V.). 

Sitzung  vom  3.  Januar  1910.  Herr  Haupt  hielt  einen 
Demonstrationsvortrag  über  exotische  Cicaden  (Membracidae). 
Während  die  altweltlichen  Membraciden  mit  Ausnahme 
weniger  Stücke  des  indomalayischen  Archipels  alle  einen 
einfachen  Bau  aufweisen,  zeichnen  sich  die  amerikanischen 
Arten  durch  geradezu  abenteuerliche  Auswüchse  des  Vorder- 
rückens aus,  die  oft  gröfser  sind  als  das  ganze  Tier.  So 


Kleinere  Mitteilungen. 


149 


war  bei  einem  Exemplar  der  Auswuclis  etwa  zehnmal  so 
grofs  als  der  eigentliche  Körper.  Uber  den  Zweck  der 
absonderlichen  Gebilde  ist  man  noch  völlig  im  Unklaren; 
da  sie  mitunter  ungefähr  die  Gestalt  grofser  Dornen  annehmen, 
hat  man  sie  —  sicher  fälschlich  —  als  mimetische  Er- 
scheinung (Dornnachäffuug)  zu  erklären  versucht.  —  Nach 
einer  Zeitungsmeldung  soll  die  von  Herrn  Bauer  als  neu 
für  Deutschland  festgestellte  mediterrane  Eule  Dianthoecia 
magnoli  neuerdings  in  Schlesien  beobachtet  sein.  Im  Interesse 
der  Priorität  stellte  daher  Herr  Bauer  fest,  dafs  er  dieses 
Südtier  bereits  1904  im  Breisgau  erbeutet  habe.  —  Herr 
Kleine  teilte  mit,  dafs  er  die  bisher  nur  aus  Borkenkäfern 
bekannte  Schmarotzerwespe  Dendrosoter  protuberans  mehr- 
fach aus  Bockkäfern  gezogen  habe.  Dieser  Zuchterfolg  ist 
insofern  von  allgemeiner  Bedeutung,  als  die  beiden  Wirte 
eine  total  abweichende  Lebensweise  haben.  Die  6  mm  grofse 
Wespe  bringt  es  fertig,  durch  mehr  als  doppelt  so  dickes 
Holz  hindurch  ihre  Eier  an  die  Bocklarven  heranzubringen ; 
ferner  unterscheidet  sie  ihre  Opfer  nach  dem  Alter,  da  sie 
die  einjährigen  Larven  mit  höchstens  4,  die  zweijährigen 
mit  7  bis  8  Eiern  beglückt.  —  Herr  Daehne  referierte  über 
HouARDs  Standardwerk:  „Les  Zoocecidies  des  plantes 
d'Europe  et  du  bassin  de  la  Mediterranee",  im  dem  6239 
Tiergallen  von  2329  Pflanzenarten  angeführt  werden ;  dabei 
machte  er  besonders  darauf  aufmerksam,  ein  wie  weites 
Arbeitsfeld  in  dieser  Beziehung  noch  in  den  Pilzen  brach 
läge,  da  selbst  Houard  nur  7,  anscheinend  von  Dipteren 
erzeugte,  Pilzgallen  verzeichnet.  —  Herr  Kleine  demonstrierte 
die  interessantesten,  beiläufig  von  den  unsrigen  kaum  ab- 
weichenden Stücke  der  von  Herrn  Füge  auf  Sizilien  ge- 
sammelten Fhegen;  Herr  Spöttel  die  4  (von  insgesamt 
10  deutschen)  von  ihm  im  Hallischen  Faunengebiet  auf- 
gefundeneu Sandläufer- Arten  [Cicindela  campestris,  hyhrida, 
germanica  und,  nur  bei  Weifsenfels,  silvatica.] 

Sitzung  vom  17.  Januar  1910.  Herr  Haupt  machte 
einige  interessante  Verbreitungsangaben  aus  der  von  ihm  be- 
arbeiteten Homoptereufauna  von  Thüringen,  die  45  Gattungen 
mit  130  Arten  enthalten  wird.  —  Herr  Kleine  teilte  mit, 


150 


Kleinere  Mitteilungen. 


dal's  er  den  Dendrosoter  protuberans  einmal  bei  Hylesiniis 
fraxini  und  öfter  bei  Myelopliilus  piniperda  gefunden  habe. 

Sitzung  vom  7.  Februar  1910.  Herr  Bandermann 
legte  10  benannte  Abarten,  darunter  die  neue  seltene  fene- 
strella,  des  Schwalbenschwanzes  {Fapilio  machaon)  vor,  die 
er  sämtlich  aus  Raupen,  die  von  ein  und  derselben  Fund- 
stelle stammten,  ohne  jede  künstliche  Beeinflussung  gezogen 
hat.  —  Herr  Spöttel  sprach  unter  Vorlegung  des  Käfer- 
materials über  die  Ergebnisse  seiner  letzten  Siebversuche 
(Ende  Januar),  die  wieder  bestätigten,  dafs  für  diese  Fang- 
methode Waldränder  am  geeignetsten  sind.  So  erhielt  er 
an  der  Lisiere  über  600,  im  lichten  Bestand  nahe  am  Rande 
314,  mitten  im  Bestand  218  Kleintiere.  In  dem  grofsen 
Fange  überwogen  die  Käfer  mit  über  500  Stück,  in  weitem 
Abstände  folgten  die  Wanzen  mit  56,  die  Wespen  mit  20, 
die  Fliegen  mit  5,  die  Heuschrecken  mit  2  Vertretern 
usw.  — •  Herr  Daehne  sprach  über  wenig  beachtete,  von 
ihm  regelmäfsig  beim  Sieben  erbeutete  Spinnentiere,  die  zu 
den  Afterskorpionen  gehörigen  Cheliferiden,  von  denen  nur 
der  durch  Vertilgen  von  Staubläusen  nützliche  Bücherskorpion 
(CVi.  cancroides)  in  weiteren  Kreisen  bekannt  zu  sein  pflegt.  — 
Herr  Kleine  zeigte  Ulmenzweige  mit  den  Frafsbildern  von 
Magdalis  armigera  und  referierte  über  einige  neue  exotische 
Borkenkäfer,  die  im  Gegensatz  zu  unseren  einheimischen,  nie 
Samen  oder  Früchte  angreifenden  Arten,  Datteln,  Kaffee- 
bohnen, Betelnüsse  und  sogar  das  gerade  wegen  seiner 
aufserordentlichen  Härte  handelswichtige  „vegetabilische 
Elfenbein",  die  Steinnüsse  von  Fhytelephas  macrocarpa, 
zerstören. 

Karnevalistische  Sitzung  vom  21.  Februar  1910. 
Herr  Dr.  Hauserschmied  sprach  über  die  Kleinlebewelt  des 
Südviertels.  Er  hatte  als  Polikliniker  Gelegenheit,  in  die 
dunkelsten  "Winkel  der  Stadt  hineinzuleuchten  und  dort  eine 
überraschend  reiche  Fauna  von  Spelaeo-  und  Lutobionten,  etwa 
80,  meist  zu  den  Aphanipteren  und  Hemipteren  gehörige  Arten, 
zu  entdecken.  Als  einfaches  und  zuverlässiges,  daher  all- 
seitiger Nachachtung  empfohlenes  Verfahren  zum  Eintragen 


Kleiuere  Mitteilungen. 


151 


zarter  Objekte,  wie  Fediculus  capitis  u.  ä.,  erprobte  er  den 
Transport  am  eigenen  Körper.  —  Herr  Nähde  demonstrierte 
einen  neuen  entoparasitären  Geradflügler,  den  Gewissenswurm 
{Forficula  terebrans  N.),  der  im  Pericard  einer  gleichfalls 
vom  Vortragenden  entdeckten  Abart  unserer  gemeinen  Unke, 
der  Hallunke  {Maleficus  nefastus  N.)  nagt.  Ferner  sprach 
er  über  Bau  und  Lebensweise  der  früher  hier  seltenen  ge- 
meinen Strafsenschrecke  {Locusta  automohilis  Br.)  oder 
Stinkschreeke  {Schnaufo  foetida  Fft.),  die  sich  neuerdings 
im  Vereinsgebiet  bedeutend  ausgebreitet  hat.  —  Herr 
SoEENBAUM  legte  Urinsekten  aus  der  Steinkohlenzeit  vor, 
darunter  Übergangsformen  von  den  Libellen  zu  den  Wanzen 
{Agriosoma  liemipteroides)  und  zu  den  Schmetterliugen  (A. 
pieroides  und  melitaeensis),  von  denen  besonders  die  letztere 
einen  ausgesprochen  vorsintflutlichen  Eindruck  machte.  — 
Herr  Bauer  zeigte  als  Resultat  mehrerer  Tausend  Experimente 
vier  kostbare  Schmetterlingsbastarde,  und  zwar  nicht  nur 
Kreuzungen  nahe  verwandter  Arten  (z.  B.  Kleefalter  kyale  x 
europomene),  sondern  sogar  einander  ganz  fremder  Gattungen 
(z.  B.  Lycaena  x  Flusia).  —  Einen  neuen  Käfer  legte  Herr 
Manderbakn  in  Gestalt  eines  Apfelsinenstechers  vor;  auch 
dürfte  seine  Auswahl  selbstgezüchteter  Schmetterlingskreu- 
zungen den  Spezialisten  arges  Kopfzerbrechen  bereiten.  — 
Herr  Haut  sprach  über  ein  von  ihm  erfundenes  Ködermittel 
für  Schillerfalter,  das  als  Parfüm  eine  grofse  Zukunft  haben 
dürfte.  —  Herr  Stöppel  zeigte  eine  unschätzbare  Abnormität, 
einen  Laufkäfer  ohne  Unterleib,  dafür  aber  mit  zwei  Rücken. 
Ferner  eine  beredte  Illustration  zu  dem  vielzitierten:  „Viel 
Dinge  gibt  es  zwischen  Himmel  und  Erde,  von  denen  Eure 
Schulweisheit  nichts  träumt!"  Das  von  ihm  beim  Nachtfang 
auf  der  Passendorfer  Wiese  erbeutete  und  einstweilen  Agrio- 
morpha  lepidoptero-caraboidea  getaufte  Insekt  vereinigt 
nämlich  unverkennbar  die  Charaktere  einer  Wasserjungfer, 
eines  Schmetterlings  und  eines  Käfers!  An  den  wissen- 
schaftlichen schlofs  sich  diesmal  noch  ein  ausgedehnter 
gemütlicher  Teil,  in  dem  nach  dem  Verlesen  einer  stimmungs- 
vollen „Kalauopterologischen  Zeitung'  allgemeine  Kommers- 
lieder mit  bunten  musikalischen  und  oratorischen  Darbietungen 
wechselten.  Jedenfalls  bewies  der  Verlauf  des  Abends,  dafs 


9 


152 


Kleinere  Mitteilungen. 


sich  die  E.  G.  trotz  ilirer  ernsten  wissenschaftlischen  Arbeit 
den  Sinn  fUr  fröhliche  Heiterkeit  zu  erhalten  weifs. 

Sitzung  vom  7.  März  1910.  Herr  Haupt  hielt  einen 
Demonstrationsvortrag  über  die  farbenprächtigste  Hyraen- 
opterengruppe,  die  Chrysiden,  die  mit  Ausnahme  des  bei 
Blattwespen  schmarotzenden  Cleptes  sämtlich  bei  Bienen  und 
Grabwespen  parasitieren.  Sie  sind  vorwiegend  Südtiere: 
bei  uns  treten  sie  erst  im  Hochsommer  auf.  Einige  sind 
behende  Läufer;  alle  zeigen  die  Eigentümlichkeit,  dafs  sie 
sich  bei  Gefahr  zu  einer  Kugel  zusammenrollen,  wobei  sie 
durch  ihren  harten  Panzer  sehr  gut  geschützt  sind.  Bei 
Halle  hat  der  Vortragende  erst  wenig  Arten  gefunden.  Be- 
sondere Erwähnung  verdienen  aber  Clir.  tarsata  aus  der 
Goitzsche  bei  Bitterfeld  und  Chr.  vallisiana  aus  der  Nieder- 
lausitz. —  Herr  Dr.  von  Schlechtendal  stellte  dazu  den 
weit  verbreiteten  Irrtum  richtig,  dafs  die  Chrysiden  gefähr- 
lich stechen  könnten;  dies  sei  ausgeschlossen,  da  ihr  Stachel 
häutig  wäre. 

Herr  Kleine  zeigte  Frafsstücke  von  Borkenkäfern, 
darunter  eins,  das  beide  sonst  in  ganz  verschiedenen  Sorti- 
menten brütenden  Myelophilusarten  untereinander  brütend 
enthält.  —  Herr  Dr.  von  Schlechtendal  demonstrierte  2  wert- 
volle Fossilien  nebst  einigen  von  Herrn  Haupt  trotz  grofser 
technischer  Schwierigkeiten  mustergültig  aufgenommenen 
Photographien.  Ein  Stück  Dölauer  Steinkohle  mit  dem  Ab- 
druck des  Kopfbruststückes  einer  Spinne,  vom  Vortragenden 
OgTcomaspis  getauft,  stellt  das  erste  von  Dölau  bekannt  ge- 
wordene Gliedertier  dar.  Das  andere  Stück,  der  Abdruck 
einer  Schabe  im  Rotliegenden,  ist  von  Goldenberg  Blattina 
rüclcerti,  von  Handlirsch  Anomohlatta  benannt.  Die  Haupt- 
sehe  Photographie  zeigt  jedoch  deutlich,  dafs  die  gleichzeitig 
vorgelegte  Goldenberg  sehe  Originalzeichnung  unrichtig  ist, 
und  dafs  das  Tier  überhaupt  keine  Blatta  sein  kann,  da  es 
4,  von  Grund  aus  getrennte  Adern  besitzt. 

Sitzung  vom  21.  März  1910.  Herr  Kleine  demon- 
strierte eigentümliche  Schilfgallen,  das  Werk  einer  für  die 
Hallische  Fauna  neuen  Fliege  {Lipara  lucens).  Dieselbe 


Kleinere  Mitteilungen. 


153 


erzeugt  an  Vliragmites  communis  cliariikteristiseli  scliopfartigc 
Mil'sbildungen:  die  luternodien  verkürzeu  sich  uud  scliiebeu 
sich  übereinander  und  entsenden  nach  allen  Seiten  Nottriebe, 
wobei  sie  selbst  keine  Scheidewände,  die  Blätter  keine 
Spreiten  mehr  ausbilden.  Die  ersten  Stände  sind  noch  un- 
bekannt, doch  dürfte  die  Eiablage  Anfang  Juli  erfolgen. 
Die  Larven  von  L.  lucens  kommen  oft  vergesellschaftet  mit 
denen  der  verwandten  L.  similis  vor;  letztere  erzeugen 
jedoch  keine  Gallen  und  leben  in  den  Zwischenräumen  der 
zehn-  bis  fünfzehnfachen  Blattlagen,  während  die  ersteren 
im  Innersten  des  Blattbündels  hausen.  Schmarotzer  sind 
eine  ganze  Reihe,  meist  Schilfmücken  und  Raubwespen, 
bekannt  geworden. 

Daehne. 


Literatiir-Besprechimgen. 


Haase,  E.,  Die  Erdrinde.  Einführung  in  die  Geologie. 
254  S.  Mit  3  farbigen  Tafeln  und  zahlreichen  Abbildungen 
im  Text.  Leipzig-,  Verlag  von  Quelle  &  Meyer,  1909. 
Gebunden  2,80  M. 

Das  Reich  der  „toten"  Steine  lebendig  zu  machen,  ist 
dem  Verfasser  aufs  beste  gelungen.  Das  vorliegende  Buch 
gliedert  sich  in  einen  einführenden  Teil  und  einen  so- 
genannten „Anhang".  Dieser  stattliche  Abschnitt  mit  seinen 
84  Seiten  verdiente  eigentlich  einen  würdigeren  Namen.  In 
ihm  hat  der  Verfasser  mit  vieler  Sorgfalt  ausgewählte 
Schilderungen  geologisch  interessanter  Vorgänge  der  Gegen- 
wart als  wirksam  -  lebensvolles  UnterstUtzungsmaterial  zu- 
sammengestellt, sodafs  dieser  Teil  ein  kleines  geologisches 
Lesebuch  darstellt,  das  sehr  gut  auch  für  sich  zu  gebrauchen 
wäre.  Ich  halte  die  hier  verfolgte  Sonderung  der  Abschnitte 
für  äufserst  günstig.  Wenn  auch  dem  ersten  Teile,  dem 
eigensten  Werke  des  Verfassers,  dieselbe  Anschaulichkeit 
und  lebensvolle  Frische  anzumerken  ist,  so  werden  anderer- 
seits durch  die  reinliehe  Scheidung  die  Kreise  des  Autors 
nicht  gestört.  Durch  Fufsnoten  ist  stets  auf  die  passenden 
Stücke  im  „Anhang*'  hingewiesen. 

Auch  der  andere  Hauptgedanke,  der  den  Verfasser  im 
ersten  Teile  des  Buches  leitete,  ist  mir  von  unterrichtlicher 
Seite  sehr  sympathisch.  Die  allgemeine  Geologie  wird 
nicht,  wie  bisher  oft  üblich  war,  in  einem  besonderen  Ab- 
schnitt gebracht,  sondern  es  erhält,  da  es  sich  ja  in  erster 
Linie  um  das  Verstehen  einer  zeitlichen  Aufeinanderfolge 
handelt,  die  historische  Geologie  die  Führung  in  der 


Literatur-Besprechungen. 


155 


Anordnung  des  Stoffes,  und  die  einzelnen  Kapitel  der  all- 
gemeinen Geologie  sind  passend  hineingewebt. 

Das  Buch  liest  sich  flüssig  und  genufsreich,  und  dürfte 
daher  für  den  Anfänger,  der  leicht  abgestofsen  wird,  recht 
geeignet  sein.  Bei  klarer  und  knapper  Darstellung  wird 
doch  das  Wichtigste  erwähnt;  enzyklopädische  Vollständig- 
keit ist  nirgends  erstrebt. 

Auch  nach  der  illustrativen  Seite  hin  ist  das  Werk 
reich  an  Originalem.  Es  ist  möglichst  auf  das  landläufige 
Schema  verzichtet.  Soweit  es  irgend  angeht,  bringt  der 
Verfasser  die  01)jekte  aus  seinem  eigenen  Studienkreise. 
So  bleiben  Wort  und  Bild  in  innigem  Konnex  miteinander. 
Der  heimische  Künstler  H.  WESSNER-Collenbey  ist  mit  vieler 
Hingebung  den  Absichten  des  Autors  gefolgt.  Unbesorgt 
kann  dieses  knapp  und  doch  nicht  leitfadenmäfsig  ge- 
schriebene Buch  für  Selbst-  und  insbesondere  auch  Schul- 
unterricht aufs  wärmste  empfohlen  werden. 

K.  Pritzsche, 


Haase,  E.,  Lötrohrpraktikum.  Anleitung  zur  Unter- 
suchung der  Minerale  mit  dem  Lötrohre.  89  S.  Leipzig, 
Erwin  Nägele,  1908.    1,25  M. 

Ein  Praktikum  zu  schreiben  ist  nicht  leicht,  wenigstens 
es  so  zu  schreiben,  dafs  sich  der  Schüler  in  seinem  Buche 
so  zurechtfindet,  dafs  er  den  beratenden  Lehrer  nicht  ver- 
mifst.  Der  Verfasser  hat  dies  auf  dem  eng  umschriebenen, 
für  den  ausübenden  Mineralogen  höchst  wichtigen  Gebiete 
der  Untersuchung  mit  dem  Lötrohre  getan.  Dafs  der 
Erfolg  der  Absicht  entspricht,  beweist  u.  a.  die  Zitierung 
des  Büchleins  bei  namhaften  Verfassern;  es  ist  eben  ein 
Buch,  bei  dem  das  bekannte  „dringende  Bedürfnis"  nicht 
zur  Phrase  würde. 

Zum  Gange  selbst  ist  folgendes  zu  bemerken:  Ohne 
langatmige  theoretische  Vorerörterungeu  führt  der  Verfasser 
recht  bald  in  die  Untersuchung  verschiedener  sorgfältig 
ausgewählter  und  deshalb  an  Zahl  beschränkter  Stoffe  ein, 
zuerst  einfacherer  chemischer  Verbindungen,  sodann  aber 
auch  der  Gesteine,  um  den  Schüler  am  Schlafs  schon  etwas 


156 


Literatur-Besprechungen. 


auf  eigene  Füfse  stellen  zu  können.  Dabei  werden  —  wie 
von  selbst  —  die  Handhabung-  des  Rohres,  ferner  die  ver- 
schiedenen Flammenarten,  Flammenfärbungen  und  Perlen- 
l)roben  vorgenommen.  Wichtig  ist  zum  Schlufs  auch  die 
Übersicht  ül)er  das  Verhalten  der  Körper  vor  dem  Lötrohre 
sowie  auch  das  alphabetische  Verzeichnis  der  wichtigsten 
chemischen  Bestandteile  der  Mineralien,  wobei  selbstver- 
ständlich auch  die  nassen  Reaktionen  Berücksichtigung 
finden. 

Die  Verwendung  des  Buches  ist  nicht  nur  für  den 
Selbstunterricht  von  Vorteil;  mancher  Schüler  wird  es  dem 
Lehrer  Dank  wissen,  wenn  er  ihn  zum  Zwecke  eigener 
Betätigung  des  in  der  Schule  Gelernten  auf  dieses  Prakti- 
kum hinweist. 

K.  Pritzsche. 


Zimmermauu,  W.,  Die  Photographie.  164  S.  Mit 
zahlreichen  Abbildungen  im  Text  und  auf  Tafeln.  Aus 
der  Naturwissenschaftlichen  Bibliothek  für  Jugend  und 
Volk,  herausgegeben  von  Kourad  Höller  und  Georg 
Ulmer.  Leipzig,  Verlag  von  Quelle  &  Meyer.  Gebunden 
1,80  M. 

Zu  der  nicht  geringen  Zahl  anerkannt  guter  und  der 
Menge  mittelmäfsiger  Anleitungen  zur  Ausübung  der  Licht- 
bildkunst ist  noch  eine  weitere  getreten.  Ob  mit  Recht? 
So  viel  ich  entscheiden  kann,  ja!  Mag  sich  kein  Er- 
wachsener von  dem  Buche  deswegen  abschrecken  lassen, 
weil  es  in  eine  Bibliothek  für  die  „Jugend"  eingereiht  ist. 
Die  frühe  Jugend  geht  die  ausübende  Photographie  über- 
haupt nichts  an,  und  die  Lösung :  „Der  Kodak  in  der  Hand 
des  Kindes !"  ist  einzig  vom  geschäftlichen  Standpunkte  des 
Händlers  geprägt  worden.  Mag  die  Jugend  erst  so  weit 
heranwachsen,  dafs  sie  wenigstens  die  Hauptprozesse  des 
Geschehens  im  Glashause  versteht,  und  vor  gedankenlosem 
Knipsen  möge  der  Geldbeutel  der  Eltern  verschont  werden. 
Nun,  das  Werkchen  hält,  was  es  in  der  Vorrede  sein  zu 
wollen  verspricht:  es  ist  tatsächlich  ein  freundlicher  Berater, 
bei  dessen  Belehrungen  das  Schematische  stets  hinter  dem 


Literatur-Besprech  un  gen . 


157 


Persönlichen  zurücktritt.  Das  fesselt,  und  so  habe  auch  ich 
(las  Buch  mit  Freude  durchgelesen.  Den  besonderen  Vorteil 
hat  es,  dal's  es  nicht  eine  Unzahl  von  Rezepten  bringt, 
sondern  wenige  bestimmte,  die  dann  aber  auch  wirklich 
tauglich  sind.  Bei  aller  Volkstümlichkeit  —  und  es  fällt 
nie  aus  der  Rolle  —  ist  doch  überall  das  tiefere  Erkennen 
augebahnt;  das  ist  mir  sowohl  bei  den  Betrachtungen  über 
Linsenwirkungen  und  Objektivkonstruktionen  als  auch  be- 
sonders bei  den  photochemischen  Erörterungen  angenehm 
aufgefallen.  Einige  Schlufskapitel  leiten  auf  die  höhere 
photographische  Kunst,  Kohledruck  und  Autochromverfahren 
hin,  ohne  dafs  aber  diesen  Abschnitten  ein  ungebührlich 
breiter  Platz  eingeräumt  würde. 

Die  Abbildungen,  zum  grofsen  Teil  Originale,  sind  in- 
struktiv; an  beabsichtigten  F'ehlaufnahmen  lernt  der  Anfänger 
vieles  vermeiden,  was  ihm  sonst  nachher  Verdrufs  und 
Geldverlust  gebracht  hätte. 

K.  Pritzsche. 


Glafey,  Hugo,  Dipl.-Ing.,  Geh.  Regierungsrat,  Rohstoffe 
der  Textilindustrie.  144  S.  Aus  der  Sammlung: 
Wissenschaft  und  Bildung.  Einzeldarstellungen  aus  allen 
Gebieten  des  Wissens.  Herausgegeben  von  Dr.  Paul 
Herre.  Leipzig,  Verlag  von  Quelle  &  Meyer,  1909.  Ge- 
heftet 1,—  M.,  gebunden  1,25  M. 

Im  Auftrage  der  , Vereinigung  für  Wirtschafts-  und 
Gewerbekunde '  hat  der  Verfasser  eine  Reihe  von  Vorträgen 
über  das  Gebiet  der  Textilindustrie  gehalten,  deren  Inhalt 
er  in  zwei  Bändchen  einem  gröfseren  Kreise  zugänglich 
macht.  Das  erste  Büchlein  liegt  vor  uns;  es  behandelt  die 
Rohstoffe;  das  zweite  geht  auf  deren  Verarbeitung,  also 
die  Textilindustrie  selbst,  ein. 

Die  Gliederung  des  Stoffes  ist  recht  klar.  Den  ersten, 
umfangreicheren  Teil  nehmen  die  natürlichen  Rohstoffe  ein, 
den  zweiten  die  künstlichen,  die  jene  allerdings  an  Zahl 
und  Bedeutung  längst  nicht  erreichen.  In  jeder  von  beiden 
Hauptgruppen  wird  nach  den  drei  Naturreichen  gruppiert, 
wobei  das  Mineralreich  den  geringsten  Anteil  hat  (Asbest, 


9 


158 


Literatur-Besprechungen. 


Glas-  lind  Metallfäden').  Bei  der  langen  Reihe  aus- 
ländischer Rohstoffe  wird  einem  so  recht  die  Bedeutung 
der  Kolonien,  wenigstens  unter  diesem  Gesichtswinkel,  klar, 
sowie  die  Bedeutung  unseres  üherseeischen  Güterverkehrs 
überhaupt. 

Soweit  die  Technik  in  die  Aufbereitung  der  Rohstoffe 
hineinspielt,  wird  ihr  ebenfalls  die  verdiente  Würdigung  zu 
teil;  so  lernen  wir  bei  der  Baumwolle  die  Hauptarten  der 
Entkernungsmaschinen  und  Ballenpressen,  beim  Flachs  die 
Brech-  und  Hechelmaschinen,  bei  anderen  Stoffen  wieder 
besondere  Entholzungs-  und  Entfaserungsvorrichtungen 
kennen.  So  werden  auch  z.  B.  bei  der  Wolle  eine  Reihe 
von  Spezialmaschinen  vorgeführt,  deren  Wirkungsweise  auch 
dem  Nichtfachmann  interessant  ist.  Die  Struktur  der  Fasern 
wird,  wo  besonders  auffallende  Charakteristica  vorhanden 
sind,  durch  Mikropbotogramme  verdeutlicht.  Statistische 
Darstellungen  machen  die  Menge  der  Erzeugung  und  den 
Verbrauch  der  verschiedenen  Rohstoffe  auf  dem  Welt- 
markte klar 

So  wird  das  Büchlein  seinem  Zwecke  durchaus  gerecht 
und  verdient  einen  weiten  Leserkreis. 

K.  Pritzsche. 


Voigt,  Max,  Dr.  phil.,  Oberlehrer  in  Oschatz  (Sachsen),  Die 
Praxis  des  naturkundlichen  Unterrichts.  Ein  Hand- 
buch für  Lehrer  aller  Schulgattungen  und  für  Sammler. 
XIV  und  282  S.  Mit  92  in  den  Text  gedruckten  Figuren. 
Leipzig,  Dieteriehsche  Verlagsbuchhandlung  (Theodor 
Weicher),  1909.    Gebunden  3,80  M. 

Ein  Kompendium  für  den  Schulmann,  wie  es  sein  mufs. 
Schon  der  kräftige  Stoffeinband  sagt:  „Stelle  mich  nicht  in 
den  Bücherschrank;  mitten  in  den  Unterrichtsbetrieb  hinein 
gehöre  ich!"  Nicht  nur  der  Lehrer,  sondern  auch  der 
reifere  Schüler  wird  sich  ein  solches  Buch  gern  zulegen, 
das  ihm  reiches  Lebenswissen  bietet,  ihn  auf  allen  ein- 
schlägigen Gebieten  so  wohl  berät.  Das  Werk  hat  denn 
auch  bereits  in  der  deutschen  Lehrer-  und  Sammlerwelt 
sein  verdientes  Lob  gefunden     Es  macht  uns  zuerst  mit 


Literatur-Besprechungen. 


159 


einer  Menge  einfacher  und  praktisolier  Geräte  bekannt,  die 
zum  Sammeln  nnd  Untersuchen  von  Pflanzen  und  Tieren 
dienen.  Eine  Menge  davon  kann  sich  der,  dem  ein  gewisses 
Handgeschick  nicht  gänzlich  versagt  ist,  selbst  herstellen. 
Selber  machen !  das  ist  ja  überall  das  Leitmotiv  in  diesem 
Buche.  Weiter  ist  die  Rede  vom  Einsammeln  der  Pflanzen, 
Pflanzenzucht  durch  Schüler  und  der  Anlage  des  Schul 
gartens.  Überall  merkt  man,  dafs  der  Praktiker  redet. 
Ein  weiterer  Abschnitt  spricht  vom  Sarameln  gröfserer  und 
mikroskopischer  Tiere  (Plankton),  von  Aquarien,  Terrarien 
und  den  Wasmann  sehen  künstlichen  Ameisennestern,  ferner 
von  der  Zucht  der  Futtertiere.  Das  Kapitel  der  Pflanzen- 
physiologie  ist  auf  20  Seiten  mit  recht  guter  Auswahl  der 
Versuche  abgehandelt.  Ein  vollständiges  Praktikum  will 
das  Buch  hierbei  wie  der  folgenden  Zoologie  und  Anthropo- 
logie natürlich  nicht  ersetzen.  Der  Mineralogie  und  Geologie 
sind  18  Seiten  gewidmet.  Exkursionsausrüstung,  Arbeit 
draufsen  und  drinnen,  Lötrohr,  Dünnschliffe,  Bodenproben 
mögen  als  Stichworte  genügen. 

Ein  weiterer  grofser  Abschnitt  folgt  über  das  Mikroskop, 
dieses  erst  jetzt  so  recht  allgemein  gewürdigte  Hilfsmittel 
der  Erkenntnis.  In  klarer  Weise  lehrt  der  Verfasser  das 
Instrument  selbst  kennen,  bietet  sodann  unter  sorgfältiger 
Beschränkung  auf  das  Notwendige  eine  Anweisung  zur  An- 
fertigung pflanzlicher  und  tierischer  Präparate,  behandelt  das 
Messen  und  Zeichnen  und  den  Gebrauch  der  Polarisations- 
einrichtung. —  Als  wichtiges  Veranschaulichungsgerät  wird 
weiter  der  Projektionsapparat  in  seinen  mannigfachen  An- 
wendungsarten gewürdigt.  Auch  die  photographische 
Camera  wird  als  vielfach  nützliches  Schulgerät  (Natur- 
aufnahmen, Mikrophotographie,  Reproduktion  von  Bildern 
und  Zeichnungen,  Diapositive)  warm  zur  Anschaffung  em- 
pfohlen. 

Den  Schlufs  bildet  eine  Belehrung  über  die  praktische 
Ausgestaltung  naturkundlicher  Sammlungen,  über  Auf- 
bewahrung und  Bezeichnung,  Reparieren  und  Konservieren 
der  Gegenstände. 

Der  praktische  Schulmann  kommt  ganz  zuletzt  noch 
einmal  beim  Kapitel  „Exkursionen"  zu  Worte. 


160 


Literatur-Besprechungen. 


Verzeichnisse  von  Chemikalien,  Bezugsquellen  aller  Art 
sowie  ein  Literaturnachweis  vervollständigen  den  Inhalt  des 
Buches,  das  sich  bei  seiner  Reichhaltigkeit  von  selbst  em- 
pfiehlt. Das  Werk  ist  eine  hocherfreuliche  Erscheinung  auf 
dem  pädagogischen  Büchermarkt. 

K.  Pritzsche. 


Druck  von  Ehrhardt  Karraa,  Halle  a.  S. 


Die  plistozänen  Ablagerungen  des  Travertin- 
gebietes  der  Gegend  von  Weimar  und  ihre 
Fossilienbestände  in  ihrer  Bedeutung  für  die 
Beurteilung  der  Klimaschwankungen  des  Eis- 
zeitalters 

von 

Ewald  Wüst  in  Kiel 
Mit  einer  Profiltafel  und  einer  Tabelle 


Seit  Jahren  bemühe  ich  mich,  durch  sorgfältige  schicht- 
weise Aufsammh;ng  plistozäner  Fossilien  ein  Beobachtungs- 
material zu  erhalten,  welches  Schlüsse  auf  die  Art  des 
Ablaufes  der  Klimaschwankungen  des  Eiszeitalters  gestattet. 
Allein  die  Ergebnisse  dieser  Bemühungen  sind  bis  vor 
kurzem  so  dürftig  ausgefallen,  dals  ich  sie  zum  gröfsten 
Teile  garnicht  veröffentlicht  habe. 

Es  war  mir  schon  im  Beginne  meiner  einschlägigen 
Untersuchungen  klar  gewesen,  dafs  Ergebnisse  der  ge- 
wünschten Art  am  ehesten  von  einer  Untersuchung  der 
bekannten  mitteldeutschen  Travertine,  welche  grofsenteils 
eine  Aufeinanderfolge  sieh  gut  voneinander  abhebender 
fossilienreicher  Schichten  darbieten,  zu  erwarten  sind.  An 
den  verschiedensten  Stellen  vorgenommene  Vorversuche 
und  eine  mit  grofsem  Zeitaufwande  durchgeführte  genaue 
Durcharbeitung  einiger  Travertine  am  Grofsen  Fallsteine 
im  Nördlichen  Harzvorlande  fielen  indessen  wenig  er- 
mutigend aus.  Am  geeignetsten  für  meine  Zwecke  erschienen 

Die  Untersuchungen  über  diese  Travertine  am  Grofsen  Fall- 
steine habe  ich  bisher  nicht  veröffentlicht. 

Zeitschr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  U 


162 


F.WALÜ  WÜST, 


[2] 


mir  noch  die  Travertine  der  Gegend  von  Weimar,  in 
deren  Liegendem  ich  einen  Konchylienbestand  gefunden 
hatte,  der  auf  ein  kaltes,  eiszeitliches  Klima  hinweist, 
während  die  Travertine  selbst  nach  Ausweis  ihres  Fossilien- 
bestandes unter  einem  warmen,  interglazialen  Klima  ent- 
standen sind.i)  Indessen  hielt  mich  die  Annahme,  dafs 
Akthur  Weiss,  der  jahrelang  sehr  eifrig  im  Travertin- 
gebiete  von  Weimar  gesammelt  hat,-)  doch  noch  einmal 
Erfahrungen  über  die  vertikale  Verbreitung  der  Fossilien  in 
demselben  veröffentlichen  würde,  von  einer  genauen  Durch- 
arbeitung der  Travertine  der  Gegend  von  Weimar  ab.  Erst 
als  ich  im  Frühjahre  1907  auf  Wunsch  meines  Freundes 
Hans  Hahne  die  Bearbeitung  des  geologischen  Teiles  für 
eine  von  Hahne  geplante  Neubearbeitung  der  paläolithischen 
Fundstätten  der  Gegend  von  Weimar  3)  übernahm,  machte 
ich  mich  an  eine  genaue,  planmälsige  schichtweise  Unter- 
suchung der  Fossilienbestände  dieser  Travertine  und  der 
mit  ihnen  verknüpften  anderweitigen  plistozänen  Ab- 
lagerungen. Diese  Untersuchung  führte  endlich  zu  Ergeb- 
nissen der  lange  gesuchten  Art.  Vor  allem  führte  sie  zu 
dem  Nachweise  des  Aufbaues  einer  —  der  letzten  oder 
Rifs-Würm-  —  Interglazialzeit  aus  zwei  Waldphasen  und 
einer  zwischen  diese  fallenden  Steppenphase  und  lieferte 
damit  einen,  wie  ich  glaube,  wichtigen  Beitrag  zur  Lösung 

•)  Ew.  Wüst,  Untersuchungen  über  das  Pliozän  und  das  älteste 
Pleistozän  Thüringens  usw.,  Stuttgart  1901  (auch  Abhandlungen  der 
Naturforschenden  Gesellschaft  zu  Halle  a.  S.,  Bd.  23),  S.  79  und  Der 
Konchylienbestand  der  Kiese  im  Liegenden  der  Travertine  von  Weimar, 
Nachrichts- Blatt  der  deutschen  Malacozoologischen  Gesellschaft,  1907, 
S.  94—96. 

")  A.  Weifs,  Die  Conchylienfauna  der  altplistocaeneu  Travertine 
des  Weimarisch -Taubacher  Kalktuflfbeckens,  Nachrichts -Blatt  der 
deutschen  Malacozoologischen  Gesellschaft,  1894,  S.  14.5 — 163  und 
185  —  190,  I.Nachtrag  dazu  ebenda,  1896,  S.  99-102  und  Über  die 
Conchylien-Fauna  der  interglacialen  Travertine  des  Weimar-Taubacher 
Kalktuff beckens,  Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft, 
Jahrgang  1896,  S.  171—182. 

^)  Hahne  erfreut  sich  dabei  einer  sehr  namhaften  Geldunter- 
stützung seitens  der  Dr.  Fedor  Ja  gor -Stiftung  in  Berlin,  welche 
auch  meinen  Untersuchungen  in  der  Gegend  von  Weimar  zugute 
kommt. 


[3 


Travcrtingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


163 


der  noch  so  verschieden  beantworteten  Frage  nach  der 
Stellung  der  Wald-  und  Steppenphasen  im  Turnus  der 
Kliniaschwankungen  des  Eiszeitalters. 

Dieses  Ergebnis  habe  ich  in  verschiedenen  von  Hahne 
und  mir  über  unsere  Untersuchungen  in  der  Gegend  von 
Weimar  veröffentlichten  Vorläufigen  Mitteilungen  bereits 
kurz  mitgeteilt.  Eine  vollständige  Darstellung  der  Ergeb- 
nisse der  von  mir  in  den  letzten  Jahren  im  Travertingebiete 
von  Weimar  ausgeführten  Untersuchungen  der  von  Hahne 
und  mir  vorbereiteten  gröfseren  Arbeit  über  die  paläo- 
lithischen  Fundstätten  der  Gegend  von  Weimar  vorbehaltend, 
will  ich  in  der  vorliegenden  Arbeit  meine  wichtigsten  Ergeb- 
nisse bezüglich  der  Aufeinanderfolge  der  Fossilienbestände 
in  den  plistozänen  Ablagerungen  unseres  Travertingebietes 
und  ihrer  Bedeutung  für  die  Beurteilung  der  Klimaschwan- 
kungen des  Eiszeitalters  ausführlicher  darlegen. 

An  den  verschiedensten  Stellen  dieser  Arbeit  hätte  es 
für  mich  nahe  gelegen,  näher  auf  Beobachtungen  an  anderen 
Stellen  und  in  anderen  Gebieten  einzugehen;  ich  habe  das 
jedoch  unterlassen,  um  die  Übersichtlichkeit  dieser  Arbeit 


1)  Hahne  und  Wüst,  Die  paläolithischen  Fundschichten  und 
Funde  der  Gegend  von  Weimar,  Centralblatt  für  Mineralogie  usw., 
1908,  S.  197—210. 

Wüst,  Neues  über  die  paläolithischen  Fundstätten  der  Gegend 
von  Weimar,  Zeitschrift  für  Naturwissenschaften,  Bd.  80,  1908,  S.  125 
—  134. 

Wüst,  Das  Vorkommen  von  Rhinoceros  Merckii  Jäg.  in  den 
oberen  Travertinen  von  Ehringsdorf  bei  Weimar  und  seine  Bedeutung 
für  die  Beurteilung  der  Klimaschwankungen  des  Eiszeitalters,  Central- 
blatt für  Mineralogie  usw.,  1909,  S.  23—25. 

Wüst  und  Hahne,  Die  Fundstellen  von  Weimar,  Ehringsdorf 
und  Taubach  auf  Grund  eigener  Grabungen,  Bericht  über  die  Prä- 
historiker-Versammlung, den  23.  bis  31.  Juli  1907  zur  Eröffnung  des 
Anthropologischen  Museums  in  Köln  (Köln  o.  J.,  erschienen  1909), 
S.  75—86,  Tafel  II.  —  In  dieser  Arbeit  hat  Hahne  die  gesamte  uns 
bekannt  gewordene  Literatur  über  die  paläolithischen  Fundschichten 
und  Funde  der  Gegend  von  Weimar  zusammengestellt. 

Wüst,  Die  Bedeutung  der  Profile  des  Travertingebietes  von 
Weimar  für  die  Beurteilung  der  Klimaschwankungen  des  Eiszeitalters, 
Berichte  über  die  Versammlungen  des  Niederrheinischen  geologischen 
Vereins,  1909,  Bonn  1910,  S.  41  -44. 

11* 


164 


Ewald  Wüst, 


[4] 


nicht  zu  beeintriiehtigeu  und  verschiebe  daher  die  bezüg- 
liclien  Darlegungen  und  Erörterungen  auf  spätere  Veröffent- 
lichungen. 

In  der  vorliegenden  Arbeit  gebe  ich  zunächst  einen 
kurzen  Überblick  über  die  plistozänen  Ablagerungen  des 
Travertingebietes  der  Gegend  von  Weimar.  Dann  behandle 
ich  die  Fossilienbestände  dieser  Ablagerungen  und  ihren 
biogeographischen  und  klimatischen  Charakter.  Darauf  gebe 
ich  eine  Einordnung  der  Ablagerungen  in  die  Chronologie 
des  Eiszeitalters.  Schliefslich  erörtere  ich  die  Bedeutung 
der  Ablagerungen  und  ihrer  Fossilienbestände  für  die  Be- 
urteilung der  Klimaschv^^ankungen  des  Eiszeitalters. 


Die  AWagerungen  des  Travertingebietes  der  Gegend 
von  Weimar. 

Eine  kurze  Ubersicht  über  die  Ablagerungen  des 
Travertingebietes  der  Gegend  von  Weimar  habe  ich  bereits 
mehrfach  in  den  erwähnten  Vorläufigen  Mitteilungen  ge- 
geben. Wenn  ich  auch  an  den  wesentlichsten  —  namentlich 
an  den  für  die  Beurteilung  der  Klimaschwankungen  des 
Eiszeitalters  in  Betracht  kommenden  —  Punkten  meiner 
bisherigen  Darstellungen  nichts  zu  ändern  habe,  so  machen 
sich  doch  in  mehreren  anderen,  minder  wichtigen  Punkten 
einige  Änderungen  erforderlich.  Diese  sind  in  erster  Linie 
bedingt  durch  einige  neu  geschaffene  Aufschlüsse  und 
durch  die  genaue  Durcharbeitung  der  Ergebnisse  eines  von 
Herrn  Grofsherzoglichen  Bauinspektor  Rebling  in  Weimar 
ausgeführten  Nivellements  des  Travertingebietes,  welches 
den  Bedürfnissen  der  wissenschaftlichen  Erforschung  des 
Travertingebietes  in  verständnisvoller  Weise  Rechnung 
trägt.  1) 


1)  Herrn  Rebling  sage  ich  auch  an  dieser  Stelle  meinen 
wärmsten  Dank  für  die  liebenswürdige  Übersendung  einer  Darstellung 
der  Ergebnisse  seines  für  meine  Untersuchungen  so  wertvollen 
Nivellements  sowie  überhaupt  für  die  freundliche  Unterstützung,  die 
ich  bei  meinen  Untersuchungen  in  der  Gegend  von  Weimar  jederzeit 
bei  ihm  gefunden  habe. 


Travertiugebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


1Ö5 


Die  Travertine  der  Gegend  von  Weimar  liegen  im  llm- 
tale  zwischen  Weimar  und  dem  4  km  weiter  Ilm  aufwärts 
gelegenen  Dorfe  Taubaeh  in  drei  getrennten  Gebieten: 

1.  dem  Taubacher  Gebiete:  auf  der  rechten  Seite  der 
Ilm  im  Dorfe  Taubaeh  und  an  dessen  Nordwest- 
und  Westseite, 

2.  dem  Ehringsdorfer  Gebiete:  auf  der  linken  Seite 
der  Ilm  im  Dorfe  Ehringsdorf  und  in  einem  bis 
etwa  0,25  km  breiten  am  Südwestrande  der  Ilmaue 
bis  etwa  0,8  km  Ilm  aufwärts  von  Ehringsdorf  hin- 
ziehenden Landstreifen, 

3.  dem  Weimarer  Gebiete:  auf  der  linken  Seite  der 
Ilm  in  der  Stadt  Weimar  (nach  Süden  bis  zur 
Falkenburg). 

Die  Kartierung  dieser  Travertingebiete  auf  den 
Blättern  Magdala  und  Weimar  der  Geologischen  Spezialkarte 
von  Preufsen  und  den  Thüringischen  Staaten  (Berlin  1872, 
aufgenommen  von  E.  E.  Schmid)  ist  in  verschiedener  Hinsicht 
unzutreffend.  Hier  sei  vor  allem  darauf  hingewiesen,  dafs 
die  von  Schmid  zwischen  der  Falkenburg  und  Ehringsdorf 
angegebenen  Travertine  nicht  vorhanden  sind. 

In  der  vorliegenden  Arbeit  beziehe  ich  mich  soweit  als 
möglich  auf  die  Ortsbezeichnungen  der  1905  herausgegebenen 
neuen  Ausgaben  der  Mefstischblätter  Magdala  und  Weimar. 
Zur  Auffindung  der  Lage  der  im  folgenden  häufiger 
erwähnten  Aufschlüsse  auf  diesen  Mefstischblättern 
dienen  die  folgenden  Angaben.  Die  beiden  grofsen  auf 
Blatt  Magdala  auf  der  Nordseite  der  westlichsten.  Häuser 
des  Dorfes  Taubach  eingetragenen  Aufschlüsse  sind  die 
beiden  Travertinbrüche  von  Sonnrein.  Dicht  westlich 
davon  verzeichnet  das  Blatt  mit  einer  bogenförmigen 
Böschungssignatur  an  der  Chaussee  die  Kiesgrube  von 
GoTTSCHALG.  An  der  Südostseite  des  Dorfes  Ehringsdorf 
verzeichnet  dasselbe  Kartenblatt  drei  grofse  Steinbruchs- 
komplexe. Der  dem  Dorfe  am  nächsten  gelegene  gehört 
im  wesentlichen  Saalborn,  nur  der  nördlichste  Zipfel  da- 
von der  Heydenreich  sehen  Bierbrauerei.  Der  nächst- 
folgende gehört  zum  gröfsten  Teile  Haubold,  nur  ein  kleiner 


1G6 


Ewald  Wüst, 


[6] 


im  Nordosten  gelegener  Teil  Schwarz.  Der  dritte  Komplex, 
von  Ehringsdorf  an  gerechnet,  gehört  Kaempfe.  Der  etwa 
0,4  km  in  südöstlicher  Richtung  vom  Kaempfe  sehen  Bruche 
gelegene  Steinbruch  gehört  Boettnek.  Nicht  eingetragen 
sind  folgende  neuere  Travertinbrüche :  der  Fischer  sehe, 
südlich  vom  Haubold  sehen,  von  diesem  nur  durch  den  auf 
dem  Kartenblatte  angegebenen  Feldweg  getrennt;  der 
Hackemesser  sehe,  etwa  da,  wo  der  südöstlich  vom 
Kaempfe  sehen  Bruche  senkrecht  zum  Gehänge  verlaufende 
Feldweg  die  247,5  m-Kurve  schneidet ;  ein  weiterer  Boettner 
gehörender  Bruch  an  der  Mündung  desselben  Feldweges  in 
den  Fahrweg  von  Ehringsdorf  nach  Köttendorf  und  schliefs- 
lich  der  Bruch  von  Gruber  und  Häsener  in  nächster  Nähe 
des  zuerst  erwähnten  (östlichsten)  Boettner  sehen  Bruches. 
Der  Eingang  der  Parkhöhle  im  Parke  von  Weimar  liegt 
am  linken  Ilmufer  da,  wo  Blatt  Magdala  gegenüber  von 
Goethes  Gartenhäuschen  die  Holzbrücke  verzeichnet.  Der 
in  Weimar  gelegene  ÜLLEsche  (früher  Hirsch  sehe)  Bruch 
ist  auf  Blatt  Weimar  —  allerdings  nicht  ganz  den  heutigen 
Aufschlufsverhältnissen  entsprechend  —  verzeichnet:  er  ist 
der  nördlichere  der  beiden  am  Ostrande  des  Kartenblattes 
südöstlich  vom  Weimarer  Friedhofe  angegebene  Aufschlufs. 

Die  Travertine  der  drei  unterschiedenen  Travertingebiete 
werden  von  den  liegenden  vorplistozänen  (triädischen)  Ge- 
steinen mindestens  grofsenteils  —  jedenfalls  überall,  wo 
eine  direkte  Beobachtung  möglich  war  —  durch  kiesige, 
sandige  oder  mergelige  Ilmablagerungen  getrennt.  In  die 
Travertine  selbst  ist  —  von  untergeordneten  kiesigen  oder 
mergeligen  Einlagerungen  abgesehen  —  in  einem  grolsen 
Teile  des  Ehringsdorfer  und  des  Weimarer  Gebietes  eine 
weithin  aushaltende  Bank  von  Löfsmaterial,  vulgo  Pariser 
(verderbt  aus  Poröser),  eingeschaltet.  Im  Hangenden  der 
Travertine  sind  nur  Gehängebildungen,  welche  grofsenteils 
aus  Löfs-  oder  Laimenmaterial  bestehen  und  lokal  an- 
scheinend auch  echte,  aber  nur  sehr  geringmächtige  Löfs- 
bilduugen  vorhanden. 

Wenn  wir  zunächst  die  im  Liegenden  der  Traver- 
tine vorhandenen  Ilmablageruugen  betrachten  wollen, 
so  ziehen  wir  zweckmäfsig  alle  im  Ilmtale  zwischen  Tau- 


[7 


Travcrtingcbiet  der  Gegend  von  Weimar. 


1G7 


bach  iiud  Weimar  bekannt  gewordenen  llmablageruugeu  in 
den  Kreis  unserer  Betrachtungen.  Diese  Ilmablageriingen 
lassen  sieb  auf  die  folgenden  Terrassen  oder  Talböden') 
verteilen : 

1.  Die  Oberterrasse,  etwa  20  m  über  der  heutigen 
Aue.  Ihre  Ilmablagerungen  habe  ich  nur  in  einem  kürzlich 
neben  der  Belvedere-AUee  am  Westende  von  Ehringsdorf 
angelegten  Kiesloche  aufgeschlossen  gesehen.  Das  Loch 
schliefst  einen  stark  rostfarbenen  Ilmkies  auf,  der  reicher 
an  nordischem  Gesteiusmateriale  ist  als  alle  anderen  Ilm- 
kiese des  Gebietes. 

2.  Die  Mittelterrasse.  Ihre  Ilmablagerungen  liegen 
7 — 1 1  m  über  der  heutigen  Aue.  Ich  habe  sie  aufgeschlossen 
gesehen  in  der  Gottschalg sehen  Kiesgrube  und  in  dem 
östlicheren  der  beiden  Sonnrein  sehen  Travertiubrüche  bei 
Taubach  und  in  den  Travertinbrüchen  von  Kaempfe, 
Haubold  und  Saalbokn  bei  Ehringsdorf.  Die  Ilmkiese 
sehen  wesentlich  frischer  aus  als  die  der  Oberterrasse  und 
führen  bei  Ehringsdorf  relativ  reichlich  —  wenn  auch  bei 
weitem  nicht  so  reichlich  wie  die  Kiese  der  Oberterrasse  — , 
bei  Taubach  aber  nur  sehr  spärlich  nordisches  Gesteins- 
material. Die  Kiese  der  Mittelterrasse  sind  überall,  wo  ich 
sie  gesehen  habe  von  0,3 — 1  m  mächtigen,  bräunlichen, 
gräulichen  oder  grünlichen,  noch  vereinzelte  Ilmgerölle 
führenden  mergeligen  Ilmabsätzen  (vulgo  Letten)  überlagert. 

3.  Die  Unterterrasse.  Ihre  Ilmablagerungen  liegen 
2  —  5  m  über  der  heutigen  Aue.  Man  sieht  sie  als  durch 
Kalkkarbonat  mehr  oder  weniger  zu  Konglomeraten  ver- 
festigte Kiese  am  linken  Ilmufer  im  Parke  von  Weimar 

.  dauernd  aufgeschlossen.  Der  schon  lange  bestehende  kleine 
Aufschlufs  am  Eingange  der  Parkhöhle  zeigt,  wie  sie  auf 
bunten  Letten  des  mittleren  Keupers  auflagern  und  von 


Die  im  Folgenden  eingeführten  kurzen  Bezeichnungen  für  die 
einzelnen  Terrassen  sollen  selbstverständlich  nur  lokale  Geltung  haben 
und  keineswegs  etwa  die  Annahme  einer  Altersgleichheit  unserer 
Terrassen  mit  ebenso  bezeichneten  anderer  Gebiete  zum  Ausdrucke 
bringen.  Vergleiche  den  Abschnitt  über  die  „Einordnung  der  Ab- 
lagerungen des  Travertingebietes  der  Gegend  von  Weimar  in  die 
Chronologie  des  Eiszeitalters"  gegen  Ende  der  vorliegenden  Arbeit! 


168 


Eavalu  WtlST, 


[8] 


festen  Travertinbänken  überlagert  werden.  Die  Kiese  bezw. 
Konglomerate  der  Unterterrasse  habe  ich  auch  auf  der 
Sohle  des  Uli.e  sehen  Travertinbruehes  in  Weimar  gelegent- 
lich angeschürft  gesehen.  Hier  sind  sie  gewöhnlich  von 
höchstens  wenige  Dezimeter  mächtigen  mergeligen  Ilni- 
absätzen  überlagert,  welche  ebenso  aussehen  wie  die  ana- 
logen Gebilde  der  Mittelterrasse  und  wie  diese  vulgo  Letten 
heifseu.  Die  Kiese  der  Unterterrasse  sehen  frisch  aus  und 
führen  nur  sehr  spärlich  nordisches  Gesteinsraaterial. 

4.  Tiefgelegene  Terrassen,  weniger  als  2  m  über 
der  heutigen  Aue.  Aufgeschlossen  gesehen  habe  ich  nur 
eine  dünne  Lage  von  Kies,  Sand  und  Mergel,  welche  zeit- 
weise zwischen  Oberem  Museheikalke  und  Gehängeschutte 
in  einem  Anschnitte  unter  der  Chaussee  von  Oberweimar 
nach  Taubach  an  der  Einmünduugsstelle  des  von  Ehrings- 
dorf kommenden  Fahrweges  sichtbar  war. 

5.  Die  heutige  Ilmaue. 

Der  Uberblick  über  die  verschiedenen  Terrassen  ist 
durch  die  Bedeckung  des  gröfsten  Teiles  derselben  durch 
die  Travertine  und  durch  die  Mangelhaftigkeit  der  Auf- 
schlüsse sehr  erschwert.  Daraus  erklärt  es  sich,  dafs  ich 
bisher  —  irrtümlich  —  die  Mittel-  und  die  Unterterrasse 
für  eine  Terrasse  gehalten  habe,  der  ich  ein  stärkeres 
Gefälle  als  der  heutigen  Ilmaue  zuschrieb.  Von  dem  Vor- 
handensein der  drei  als  Ober-,  Mittel-  und  Unterterrasse 
bezeichneten  Reste  alter  Talböden  kann  man  sich  noch  am 
besten  zu  Taubach  überzeugen.  Hier  kommen,  wie  erwähnt, 
im  Liegenden  der  Travertine  die  Ilmablagerungen  der 
Mittelterrasse  zum  Vorscheine.  Unter  der  Kiesgrube  von 
GoTTSCHALG  sieht  man  zwischen  der  Chaussee  von  Ober- 
weimar nach  Taubach  und  der  Ilm  im  Felde  Schotter, 
welche  ihrem  Niveau  nach  der  Unterterrasse  (zum  Teile 
vielleicht  noch  tieferen  Terrassen)  angehören  und  am  Hange 
über  dem  Travertingebiete  von  Taubach  findet  man  im 
Niveau  der  Oberterrasse  wenigstens  einzelne  llmgerölle  in 
den  Feldern. 

Wo  ich  das  Liegende  der  Travertine  aufgeschlossen 
sah,  fand  ich  es  von  den  Ilmablagerungen  der  Mittel-  oder 
der  Unterterrasse  gebildet.    Der  Oberterrasse  sah  ich  die 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


169 


Travertine  nirgends  aufgelagert,  doch  steigen  diese  bis  über 
das  Niveau  der  Oberterrasse  empor.  Die  der  Mittelterrasse 
aufgelagerten  Travertine  sind  nicht  im  Anschlüsse  an  die 
Bildung  dieser  Terrasse  entstanden,  sondern  vielmehr  erst 
nachdem  im  Anschlüsse  an  die  Bildung  der  Unterterrasse 
das  Tal  bis  etwa  zum  Niveau  der  Mittelterrasse  durch 
Travertinablagerungen  zugefüllt  worden  war.  Das  geht 
namentlich  aus  zwei  Umständen  deutlich  hervor.  Zunächst 
kann  man  bei  Ehringsdorf  (namentlich  in  den  Profilen  durch 
den  Haubold  sehen  und  den  Fischer  sehen  Bruch)  der 
Mittelterrasse  aufgelagerte  Travertinschichten  unverändert 
bis  zu  Stellen  verfolgen,  an  denen  die  Travertine  bis  unter 
das  Niveau  der  Mittelterrasse  hinabreichen  und  jedenfalls 
der  Unterterrasse  aufgelagert  sind.  Es  gilt  dies  namentlich 
von  einer  humosen  Einlagerung,  welche  zu  dem  auf  der 
beigegebenen  Profiltafel  mit  dem  Buchstaben  g  bezeichneten 
Schichtenkomplexe  gehört.  Sodann  lehrt  eine  Vergleichung 
der  Profile  des  Ulle  sehen  Bruches  in  Weimar  und  der 
Sonnrein  sehen  Brüche  in  Taubach,  dafs  die  bei  Sonnrein 
nahe  der  Basis  der  Travertine,  wenig  über  den  Ilmablage- 
rungen der  Mittelterrasse  gefundenen  Fossilien  und  paläo- 
lithischen  Artefakte  bei  Ulle,  wo  die  Travertine  der  Unter- 
terrasse auflagern,  mehrere  Meter  höher  über  der  Basis  der 
Travertine,  ungefähr  im  Niveau  der  Mittelterrasse,  also  un- 
gefähr in  derselben  Höhe  über  der  heutigen  Aue  wie  bei 
Sonnrein  vorkommen.  Es  handelt  sich  hier  besonders  um 
das  erste  Auftreten  der  Äntiquus -Fauna  und  um  das  Auf- 
treten der  von  Hahne  als  übereinstimmend  gekennzeichneten 
jeweils  einzigen  paläolithischen  Industrien  von  Weimar  und 
von  Taubach. 

Lagerung  und  Ausbildung  der  Travertine  weisen 
in  den  verschiedenen  Teilen  des  ganzen  Travertingebietes 
nicht  unerhebliche  Verschiedenheiten  auf. 

Am  einfachsten  und  klarsten  liegen  die  Verhältnisse 
im  Taubacher  Travertingebiete.  Hier  lagern  bis  etwa 
5  m  mächtige,  im  ganzen  horizontal  geschichtete  Travertine 
den  Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse  auf.  Die  Travertine 
sind  in  raschem  Wechsel  in  vertikaler  und  oft  auch  in 
horizontaler  Richtung  petrographisch  recht  verschiedenartig 


170 


EWALU  WÜST, 


[10] 


iiusgebildct,  bald  als  feste,  relativ  dichte  „Werkbänke", 
bald  als  brockige  oder  poröse  Travertine,  die  oft  schöne 
Inkrnstate  von  Schilf,  Moosen  und  Algen  (besonders  Cha- 
razeeu)  darstellen,  bald  als  zerriebene  Chareninkriistate  von 
sandiger  Konsistenz  (sogenannte  Charen-,  vulgo  Scheuer- 
sande). Oft  macht  sich  eine  mehr  oder  vpeniger  starke 
Beimengung  saudigen  oder  besonders  tonigen  klastischen 
Materials  geltend,  welche  lockere  Travertinarten  in  mergel- 
artige Gesteine  übergehen  läfst.  Wesentlich  auf  ein  nahe 
der  Basis  der  Travertine  gelegenes  Niveau,  das  der  paläo- 
lithiscben  Fundschicht,  sind  Beimengungen  von  Kies  und 
zwar  nicht  Ilm-  sondern  Nebenbachkies  beschränkt.  Häufig 
sind  Travertinlagen,  die  offensichtlich  einige  Zeit  die  Erd- 
oberfläche gebildet  haben  und  mit  Vegetation  bestanden 
gewesen  sind,  humos  gefärbt. 

Das  Weimarer  Travertingebiet  ist  gröfstenteils  mit 
Häusern  oder  Park-  und  Gartenanlagen  besetzt  und  daher 
der  Untersuchung  nicht  zugänglich.  Das  wenige,  was  ich 
von  den  im  Stadtgebiete  gelegentlich  geschaffenen  vorüber- 
gehenden Aufschlüssen  habe  untersuchen  können,  hat  für 
die  Zwecke  der  vorliegenden  Arbeit  keine  Bedeutung.  Ich 
halte  mich  hier  ganz  an  das,  was  ich  in  dem  einzigen  zur 
Zeit  noch  im  Betriebe  befindlichen  Travertinbruche,  dem 
Ulle  sehen,  früher  Hirsch  sehen,  beobachten  konnte.  Hier 
sind  die  der  Unterterrasse  aufgelagerten  Travertine  im 
Ganzen  horizontal  geschichtet  und  petrographisch  ebenso 
ausgebildet  wie  im  Taubacher  Gebiete.  Nur  die  tiefsten 
Lagen  der  Travertine,  unterhalb  des  Mittelterrassenniveaus, 
deren  Äquivalente  nach  dem  gesagten  im  Taubacher  Gebiete 
fehlen,  sind  gröfstenteils  abweichend,  als  Baumtravertine, 
wie  ich  sie  kurz  nennen  möchte,  ausgebildet.  Diese  Baum- 
travertine sind  teils  kompaktere,  teils  porösere  Travertine, 
mit  zahlreichen,  oft  mehrere  Meter  weit  zu  verfolgenden 
Löchern,  welche  von  übersinterten  und  dann  verfaulten, 
teils  stehenden,  teils  liegenden  Baumstämmen  herrühren. 
Ich  bezeichne  die  2,5  m  mächtigen  untersten  Travertinlagen 
des  Ulle  sehen  Bruches,  die  gröfstenteils  als  Baumtravertine 
ausgebildet  sind,  im  folgenden  kurz  als  die  Zone  der 
Baumtravertine.    Im  Ulle  sehen  Bruche  wird  der  hier 


[11 


Travertingebiet  der  ttegeiid  vou  Woiiiiar. 


171 


etwa  13  m  niüchtige  Travertiukoniplex  durcb  die  Eiu- 
sclialtung  des  hier  0,5 — 0,6  m  mächtigen  Parisers  in  die 
etwa  10,5  ni  mächtigen  Unteren  und  die  bis  2  m  mächtigen 
Oberen  Travertine  gegliedert.  Der  Pariser  ist  hier  zur 
Zeit  kaum  zugänglich.  Ich  behandle  dieses  eminent  wichtige 
Gebilde  näher  bei  der  Besprechung  der  Eliriugsdorfer  Profile, 
in  denen  es  bequem  zugänglich  und  studierbar  ist. 

Am  verwickeltsten  liegen  die  Verhältnisse  im  Ehrings- 
dorfer Travertingebiete.  Im  Westen  dieses  Gebietes, 
nahe  dem  Dorfe,  wo  die  zum  Teile  sehr  ansehnlichen  Stein- 
brüche von  Ewald  (jetzt  aufgelassen),  Heydenkeich  (jetzt 
aufgelassen),  Saalborn,  Haubold,  Schwauz,  Kaemi'KE  und 
Fischer  vorzügliche  Aufschlüsse  darbieten,  sind  die  vor- 
handenen Schichten  unschwer  mit  den  in  Weimar  und  in 
Taubach  aufgeschlossenen  zu  vergleichen.  Die  Travertine 
liegen  hier  zum  Teile  ebenso  wie  im  Taubacher  Gebiete 
auf  der  Mittelterrasse,  wie  das  au  einer  Reihe  von  Stellen 
in  den  Brüchen  von  Saalborn,  Haubold  und  Kaempfe 
festzustellen  war.  Sie  reichen  indessen  an  anderen  Stellen, 
wie  namentlich  in  den  Brüchen  von  Fischer  und  Ewald, 
wesentlich  unter  das  Niveau  der  Mittelterrasse  hinab  und 
sind  hier  jedenfalls  der  Unterterrasse  aufgelagert,  i)  Die 
Gesteinsentwicklung  ist  ähnlich  wie  im  Taubacher  Gebiete, 
doch  wiegen  weit  mehr  als  in  diesem  „Werkbänke"  vor, 
was  zwar  zu  einem  regen  Steinbruchsbetriebe  und  damit 
zur  Schaffung  zahlreicher  schöner  Aufschlüsse  geführt  hat, 
dem  Sammeln  von  Fossilien  aber  überaus  hinderlich  ist. 
Wie  im  Ulle sehen  Bruche  zu  Weimar,  so  werden  auch 
hier  die  Travertine  durch  die  ganz  konstante  Ein- 
schaltung des  Parisers  in  Untere  und  Obere  Travertine 
gegliedert. 


')  leh  habe  bisher  keinen  bis  in  das  Niveau  der  Unterterrasse 
liinabreichcnden  Aufschlufs  gesehen.  Ob  früiicr  solche  —  etwa  im 
Ew aidschen  Bruche  —  vorhanden  waren,  konnte  ich  nicht  sicher 
ermitteln.  Nach  der  Lage  des  Fischerschen  Bruches  zwischen  dem 
Gehänge  und  dem  Verbreitungsgebiete  der  Ablagcruugen  der  Mittel- 
terrasse können  hier  die  Unteren  Travertine  kaum  auf  der  Unterterrasse 
der  Ilm,  sondern  wohl  nur  auf  einem  der  Unterterrasse  äquivalenten 
Talboden  eines  Seitentälchens  liegen. 


172 


Ewald  Wüst, 


[12J 


Der  Pariser  ist  eine  meist  etwa  meterstarke  ßanlc  von 
bellgelbem,  meist  recbt  reinem,  seltener  durch  Gerölle  ver- 
unreinigtem Löfsmuteriale.  Die  obersten  20 — 40  cm  sind 
gewöhnlich  verlaimt  und  oft  zu  oberst  mehr  oder  weniger 
humos  gefärbt.  In  allen  Zonen  des  Parisers  —  am  wenigsten 
häufig  in  der  Laimenrinde  und  in  der  untersten  Zone  — 
ist  oft  eine  Anreicherung  von  Löfskindeln  zu  beobachten, 
welche  nicht  selten  so  beträchtlich  ist,  dafs  die  Kindel  ein- 
ander berühren  und  miteinander  teilweise  verschmelzen,  so 
dafs  ein  hartes,  im  Steinbruchsbetriebe  zu  sprengendes 
Kalkgestein  entsteht,  in  dem  nur  noch  die  wenigen  zwischen 
den  Kindein  noch  vorhandenen  und  oft  garnicht  mehr  mit- 
einander zusammenhängenden  Zwischenräume  das  ursprüng- 
liche Löfsmaterial  zeigen.  Das  ist  so  recht  ein  „poröses" 
Gestein,  wie  es  zu  dem  Namen  Poröser  Anlafs  gegeben 
haben  wird.  Mitunter  ist  sogar  der  Pariser  stellenweise  so 
mit  Kalkkarbouat  getränkt,  dafs  ein  au  Werktravertine  er- 
innerndes aber  natürlich  weicheres,  als  Baustein  unverwend- 
bares und  in  HCl  viel  Rückstand  hinterlassendes  Gestein 
daraus  entstanden  ist.  Das  in  der  beschriebenen  Weise 
ausgeschiedene  Kalkkarbonat  kann  natürlich  nur  zum 
kleinsten  Teile  aus  der  jetzigen  Laimenrinde  stammen  und 
mufs  in  seiner  Hauptmasse  auf  die  teilweise  in  den  Pariser 
eingedrungenen  Kalkkarbonatlösungen  zurückgeführt  werden, 
aus  denen  die  Oberen  Travertine  ausgeschieden  worden  sind. 

Der  Pariser  lagert,  wie  die  beigegebene  Profiltafel  zeigt, 
in  sehr  verschiedenem  Niveau  den  Unteren  Travertinen  auf. 
Im  ganzen  hebt  er  sich  vom  Rande  der  heutigen  Ilmaue 
nach  dem  Gehänge  zu,  wie  ebenfalls  die  beigegebene  Profil- 
tafel erkennen  läfst,  und  Profile  senkrecht  zur  heutigen 
Ilmaue,  die  ich  später  geben  werde,  noch  deutlicher  zeigen 
werden.  Mehrfach  sieht  man  in  den  einzelnen  Aufschlüssen 
schon,  wie  der  Pariser  verschiedenen  Schichten  der  Unteren 
Travertine  aufgelagert  ist.  Nach  alledem  ist  also  eine  so- 
genannte Erosionsdiskordanz  zwischen  den  Unteren  Traver- 
tinen und  dem  Pariser  unverkennbar:  es  hat  nach  Ablage- 
rung der  Unteren  Travertine  nicht  nur  eine  Unterbrechung 
der  Travertinbildung,  sondern  auch  eine  Abtragung  eines 
Teiles  der  Unteren  Travertine  stattgefunden. 


[13] 


Travertingobiet  der  Gegend  von  Weimar. 


173 


Über  dem  Pariser  folgen  die  Oberen  Travertine, 
ähnlich  ausgebildet  wie  die  Unteren.  Erscheinen  sie  auch 
im  einzelnen  Aufschlüsse  annähernd  ebenso  horizontal  ge- 
lagert wie  die  Unteren  Travertine,  so  lehrt  doch  die  Be- 
trachtung der  Niveaus  einiger  leicht  und  sicher  über  ver- 
schiedene Aufschlüsse  hin  verfolgbarer  Schichten,  wie 
namentlich  einer  oben  schon  einmal  erwähnten  erdigen, 
humosen  Einlagerung,  Niveaudifterenzen  von  einem  Ausmafse 
kenneu,  wie  sie  in  den  Unteren  Travertinen  nicht  nach- 
weisbar sind.  Die  erwähnte  humose  Einlagerung  z.  B.,  die 
über  einen  grofsen  Teil  der  Brüche  von  Haubot^d,  Schwakz, 
Kaempfe  und  Fischer  zu  verfolgen  ist,  weist  in  diesem 
nur  beiläufig  zwei  Hektar  grofsen  Gebiete  Niveaudiflferenzen 
im  Betrage  von  etwa  3  m  auf.  Die  grüfste  an  einer  Stelle 
konstatierte  Mächtigkeit  der  Oberen  Travertine  beträgt  7,5  m. 
Die  Gesteinsentwicklung  der  Oberen  Travertine  ist  von  der- 
jenigen der  Unteren  insofern  etwas  verschieden,  als  mergelige 
Einlagerungen  häufiger  sind  und  auch  die  eigentlichen 
Travertingesteine  im  allgemeinen  unreiner  sind,  besonders 
einen  stärkeren  Tongehalt  aufweisen.  Das  ist  sogar  für  die 
technische  Verwertung  der  Travertine  von  Bedeutung.  Herr 
Kaempfe  in  Ehringsdorf,  welcher  die  Travertine  am  ratio- 
nellsten technisch  verwertet,  brennt  die  Unteren  Travertine 
seines  Bruches  mit  im  Mittel  95  »/o  CaCO-i  wenigstens  zum 
Teile  zu  „gebranntem  Marmor",  während  er  die  Oberen 
Travertine  seines  Bruches  mit  im  Mittel  870/0  CaCO^  nur 
als  Bausteine  verwenden  kann.i) 

Im  Osten  des  Ehringsdorfer  Travertingebietes 
ändern  sich  die  Verhältnisse,  indem  teils  die  Travertine 
eine  ausgesprochene  Gehängeschichtung  annehmen,  teils  der 
Pariser  nicht  mehr  nachweisbar  ist,  teils  beide  Abweichungen 
von  den  Verhältnissen  im  Westen  des  Travertingebietes 
eintreten.  In  dem  westlicheren  der  beiden  Boettner sehen 
Brüche,  der  nicht  weit  vom  Kaempfe  sehen  Bruche  entfernt 
ist,  liegen  die  Schichten  noch  annähernd  horizontal,  doch 
ist  der  Pariser  nicht  nachweisbar.  Die  Travertine  dieses 
Bruches,  in   denen  mächtige  Baumtravertine  mit  ganzen 


Nach  gefälliger  mündlicher  Mitteilung  des  Herrn  Kaempfe. 


174 


Ewald  Wüst, 


fl4] 


Schichten  versinterten  Laubes  auftreten,  scheinen,  obgleich 
sie  l)is  zu  einem  Niveau  von  weniger  als  10  ni  über  der 
heutigen  Aue  hinabreichen,  nach  Gesteinsentwicklung  und 
FossilienfUhrung  zu  urteilen,  insgesamt  den  Oberen  Traver- 
tinen  anzugehören.  Ich  werde  aber  das  übrigens  nur  gering- 
fügige Fossilienmaterial,  das  ich  aus  diesem  Bruche  ge- 
winnen konnte,  in  dieser  Arbeit  unberücksichtigt  lassen, 
weil  ich  angesichts  des  Fehlens  des  Parisers  doch  nicht 
ganz  sicher  bin,  wie  die  Travertine  dieses  Bruches  mit 
denen  der  übrigen  zu  parallelisieren  sind. 

In  dem  höchstgelegenen,  HACKEMESSERschen  Bruche 
zeigen  die  Travertine  schon  deutliche  Gehüngeschichtung, 
doch  ist  der  Pariser  hier  noch  deutlich,  ja  typisch  ent- 
wickelt. Der  Pariser  liegt  hier  27 — 28,5  m  über  der  heutigen 
Aue,  noch  gegen  11  m  höher  als  an  der  höchsten  Stelle 
seines  Vorkommens  im  westlichen  Teile  des  Ehringsdorfer 
Travertingebietes.  Der  Pariser  war  im  Hackemesser  sehen 
Bruche  noch  nicht  aufgeschlossen,  als  ich  das  in  zweien 
meiner  Vorläufigen  Mitteilungen  i)  veröffentlichte  Querprofil 
durch  das  Ehringsdorfer  Travertingebiet  entwarf  Dieses 
Profil  ist  jetzt  dahin  zu  berichtigen,  dafs  der  Pariser  stark 
am  Gehänge  emporsteigt  und  wohl  —  wie  ich  jetzt  ver- 
muten möchte  —  direkt  in  die  Löfsmassen  über  den  Rändern 
des  alten  Ilmtales  übergeht.  Vergleiche  das  Profil,  welches 
ich  in  den  Berichten  über  die  Versammlungen  des  Nieder- 
rheinischen geologischen  Vereins,  1909,  Bonn  1910,  S.  42, 
gegeben  habe. 

In  den  noch  weiter  östlich  gelegenen  Brüchen  von 
Boettner  und  von  Gruber  und  Haesener  fehlt  der  Pariser 
und  die  Travertinschichten  schiefsen  mit  Fallwinkeln  bis  zu 
etwa  350  in  der  Richtung  nach  dem  heutigen  Ilmtale  zu 
ein.  Ich  lasse  diese  Brüche  im  Folgenden  umsomehr  aufser 
Acht,  als  ich  bis  jetzt  fast  gar  keine  Fossilien  aus  ihnen 
erhalten  habe. 

Die  Travertine  der  Gegend  von  Weimar  sind  un- 


')  Centraiblatt  für  Mineralogie  usw.,  1908,  S.  198,  Fig.  2  (die  Figur 
trägt  irrtümlich  die  Uberschrift  „Fig.  1")  und  Bericht  über  die  Prii- 
historiker -Versammlung  usw.,  1909,  S.  75,  Fig.  1. 


[15]  Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar.  175 


veikennbar  Absätze  kalkreieher  Quellwässer.')  Solche 
Quelltravertine  können  am  Talgeliänge  wie  in  der  Flufs- 
aue  entstehen  und  danach  in  Gehänge-  und  Auetraver- 
tine  gegliedert  werden.  Unter  den  Travertinen  der  Gegend 
von  Weimar  sind  unverkennbar  die  beiden  eben  erwähnten 
Typen  vertreten,  doch  ist  mir  zur  Zeit  eine  sichere  und 
vollständige  Aufteilung  unserer  Travertine  auf  die  beiden 
Typen  noch  nicht  möglich.  Die  stark  geneigten  Travertine 
im  östlichen  Teile  des  Travertingebietes  von  Ehringsdorf 
sind  ohne  allen  Zweifel  Gehängetravertine.  Die  übrigen 
habe  ich  ursprünglich  wegen  ihrer  im  wesentlichen  horizon- 
talen Lagerung  insgesamt  für  Auetravertine  gehalten.-)  Es 
ist  jedoch  zu  berücksichtigen,  dafs  auch  an  Gehängen  ge- 
bildete Travertine  annähernd  horizontale  Lagerung  annehmen 
können,  wenn  sie  auf  der  annähernd  horizontalen  Unterlage 
alter  Flufsterrassen  abgelagert  werden.  Die  Hauptmasse 
der  Unteren  Travertine  enthält,  wie  aus  der  dieser  Arbeit 
beigegebenen  grofsen  Konchylien-Tabelle  ersichtlich  ist,  eine 
sehr  reiche  Wassermolluskenfauna,  welche  auf  mannigfache 
Existenzbedingungen  hinweist,  wie  sie  nur  die  Aue  eines 
Flusses,  nicht  Quellwässer  am  Gehänge  darbieten  konnten. 
Danach  sind  diese  Travertine  als  Auetravertine  anzusprechen. 
Dafür  spricht  auch  der  Umstand,  dafs,  wie  weiterhin  gezeigt 
werden  wird,  im  Grofsen  und  Ganzen  die  gleich  hoch  über 
der  heutigen  Aue  gelegenen  Teile  dieser  Travertine  nach 


Die  in  der  älteren  Literatur  verbreitete  Annahme,  dafs  unsere 
Travertine  Absätze  eines  Seees  seien,  der  das  ganze  Ilmtal  zwischen 
Taubach  und  Weimar  eingenommen  habe,  ist  heute  nicht  mehr  dis- 
kutabel. Die  neuerdings  von  Johannes  Walther  (besonders  in  seinem 
Buche  Geschichte  der  Erde  und  des  Lebens,  Leipzig  1908,  S.  529) 
vertretene  Ansicht,  dafs  unsere  Travertine  von  Thermen  abgesetzt 
seien,  ist  schon  deshalb  hinfällig,  weil  wir  wissen,  dafs  die  in  unseren 
Travertinen  nachgewiesene  Wassermolluskenfauna  nicht  in  Thermal- 
wasser  lebt.  Ich  werde  auf  die  hier  nur  kurz  erwähnten  Ansichten  in 
einer  ausführlichen  Erörterung  der  Bildungsweise  unserer  Travertine 
in  der  eingangs  in  Aussicht  gestellten  Arbeit  näher  eingehen. 

')  In  dieser  Auffassung  bestärkte  mich  das  Vorkommen  von  Ilm- 
gerüllen  selbst  noch  in  den  Oberen  Travertinen.  Ich  nehme  jetzt  an, 
dafs  diese  Gerolle  aus  höher  am  Gehänge  vorhanden  gewesenen  älteren 
Ilmkiesen  stammen. 


176 


Eavald  Wüst, 


Ausweis  ihrer  Fossilienbesttinde  als  gleich  alt  zu  betrachten 
sind.  In  den  obersten  Lagen  der  Unteren  Travertine,  deren 
Fossilienbestände  leider  noch  recht  unzureichend  bekannt 
sind,  tritt  unverkennbar  eine  Verarmung  der  Wassermollusken- 
fauna ein,  was  jedenfalls  darauf  zurückzuführen  ist,  dafs 
jetzt  die  Stellen,  an  denen  sieh  diese  Travertinlagen  bildeten, 
infolge  zunehmender  Ausfüllung  des  Tales  mit  Travertinen 
dem  Inundationsgebiete  der  Ilm  und  ihrer  Nebenbäche  ent- 
rückt waren.  Dann  trat,  wie  schon  erwähnt,  vor  der 
Bildung  des  Parisers  eine  Abtragung  eines  Teiles  der  Unteren 
Travertine  —  wohl  infolge  einer  Tieferlegung  des  Ilm- 
bettes —  ein.  Nach  der  Bildung  des  Parisers  entstanden 
die  Oberen  Travertine,  die  nach  der  etwas  gröfseren  Neigung 
ihrer  Schichten  und  vor  allem  nach  ihrer  überaus  ärmlichen 
Wassermolluskenfauna,  welche  nur  aus  Arten  besteht,  die 
heute  auch  in  Quellen,  kleinen  Quellbächen  und  kleinen 
Tümpeln  leben,  zu  urteilen,  als  Gehängetravertine  anzu- 
sprechen sein  dürften.  Dafür  spricht  auch  der  Umstand, 
dafs,  wie  weiterhin  gezeigt  werden  soll,  innerhalb  der 
Oberen  Travertine  gleich  hoch  über  der  heutigen  Aue  ge- 
legene Schichten  nach  Ausweis  ihrer  Fossilienbestände 
keineswegs  immer  für  gleich  alt  gehalten  werden  können.') 
Der  Pariser,  welcher  die  Oberen  Travertine  von  den 
Unteren  trennt,  ist  seiner  Gesteinsentwickelung  nach  zum 
Teile  als  ein  Gehängelöfs  anzusprechen,  der  örtlich  nach 
Ausweis  der  in  ihm  enthaltenen  —  spärlichen  —  Wasser- 
mollusken sogar  unter  Beteiligung  von  Wasser  entstanden 
ist.  Ein  anderer  Teil  des  Parisers  kann  jedoch  seiner 
Gesteiusbeschatfenheit  nach  ebensogut  wie  als  Gehängelöfs 
als  echter,  äolischer  Löfs  betrachtet  werden.  Ob  nun  auch 
der  Pariser  zum  Teil  als  äolischer  Löfs  anzusprechen  ist 
oder  nicht,  so  ist  doch  unter  allen  Umständen  nicht  zu 
verkennen,  dafs  zwischen  die  Bildung  der  Unteren  und  die 
der  Oberen  Travertine  eine  Periode  der  Löfsbildung  fällt, 
denn  sonst  wäre  es  nicht  zu  verstehen,  dafs  den  Unteren 

')  Wenn  die  Oberen  Travertine  Gehängetravertine  sind,  entfällt 
die  Notwendigkeit  meiner  früheren  Annahme,  dafs  die  Oberen  Traver- 
tine bei  Taubach  einst  vorhanden  gewesen,  aber  später  der  Abtragung 
anheimgefallen  sind. 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


177 


Travertinen  mergeliges  und  lehmiges  Material  fast  ganz 
fehlt,  im  Pariser  Ijörsinaterial  auftritt  und  die  Oheren 
Travertine  viel  Mergel  und  Lehm,  teils  als  Beimengung  in 
den  Travertinen  selbst,  teils  in  den  Travertinen  einge- 
schalteten Schichten  enthalten.  Später  xu  besprechende 
Verhältnisse  der  Fossilienführung  sprechen  im  gleichen 
Sinne. 

Das  Hangende  der  Travertine  bilden  im  allgemeinen 
nur  Eluvial-  und  Gehängebilduugen,  von  denen  die 
letzteren  grofstenteils  aus  Löfs-  und  Laimenmaterial  bestehen 
und  im  Fischer  sehen  Bruche  bei  Ehringsdorf  in  einer 
kleinen,  das  Travertingebiet  durchfurchenden  Erosionsrinne 
ihre  gröfste  bisher  bekannt  gewordene  Mächtigkeit  von  etwa 
3,5  m  erreichen.  An  manchen  Stellen,  wie  z.  B.  gerade  in 
dem  eben  erwähnten  Fischer  sehen  Bruche,  treten  auch 
aus  Löfsmaterial  bestehende  Bildungen  auf,  welche  als 
echter  äolischer  Löfs  anzusehen  sein  dürften.  Solche 
Bildungen  sah  ich  indessen  stets  nur  wenige  Dezimeter 
mächtig  werden,  so  dafs  ich  sie  nicht  mit  dem  Jüngeren 
oder  gar  dem  Alteren,  sondern  nur  mit  dem  Jüngsten  Lösse 
Thüringens  vergleichen  kann,  i) 

Die  Fossilienbestände  der  Ablagerungen 
des  Travertingebietes  der  Gegend  von  Weimar  und  ihr 
biogeographischer  und  klimatischer  Charakter. 

Durch  schichtweises  Sammeln  von  Fossilien  in  dem 
ganzen  geschilderten  Komplexe  von  Ablagerungen  und  eine 
biogeographische  Analyse  der  dabei  festgestellten  Fossilien- 
bestände mufs  ein  Urteil  über  die  Klimaschwankungen, 
welche  sich  während  der  Bildungszeit  dieser  Ablagerungen 
abgespielt  haben,  zu  gewinnen  sein.  Wie  einfach  das  im 
Prinzipe  ist,  so  schwierig  ist  es  trotz  des  bekannten 
Fossilienreichtumes  und  der  ungewöhnlich  günstigen  Er- 
haltungsbedingungen der  Travertine  praktisch. 


Vgl.  Wüst,  Die  Gliederung  und  die  Altersbestimmung  der 
Löfsablagerungen  Thüringens  und  des  östlichen  Harzvorlandes,  Central- 
blatt  für  Mineralogie  usw.,  1909,  S.  385  ff. 

Zeitschr.  f.  Naturwias.  HaUe  n.  S.    Bd.  82.    1910.  J2 


178 


KWAI-D  WlIST, 


[18] 


Für  eine  Untersnchuug  wie  die  hier  beabsichtigte  können 
nnr  Organismengruppeu  brauchbares  Material  abgeben,  welche 
erstens  im  gröfsten  Teile  der  Ablagernngeu  schichtweise  in 
gröfserer  Menge  und  in  sicher  Ijestimnibaren  Resten  ge- 
sammelt werden  können  und  zweitens  in  ihrer  heutigen 
Verbreitung  so  gut  bekannt  und  zugleich  so  stark  von 
klimatischen  Verhältnissen  abhängig  sind,  dafs  ihr  fossiles 
Vorkommen  Rückschlüsse  auf  das  zur  Bildungszeit  der 
Fundschicht  herrschende  Klima  gestattet.  Diesen  Anforde- 
rungen entsprechen  im  Ganzen  nur  die  Mollusken  und  auch 
diese  nur  unvollkommen  genug.  Bei  allen  anderen  Orga- 
nismengruppen stöfst  man  auf  so  viele  Schwierigkeiten,  dafs 
sie  höchstens  in  zweiter  Linie  mit  in  Betracht  kommen 
können.  Reste  von  Säugetieren  sind  in  der  überwiegen- 
den Mehrzahl  der  Schichten  so  spärlich  vorhanden,  dafs 
man  sich  in  der  Regel  nicht  auf  eigenes  Sammeln  einlassen 
kann,  sondern  auf  die  von  den  Arbeitern  abgelieferten 
Fundstücke  mit  ihren  oft  nur  zu  fragwürdigen  Fundschichten- 
angaben angewiesen  bleibt.  Bessere  Reste  von  Pflanzen 
sind  nur  so  lokal  vorhanden,  dafs  sie  für  eine  vergleichende 
Untersuchung  der  verschiedenen  Ablagerungen  ausscheiden, 
und  die  Verwendbarkeit  des  an  vereinzelten  Stellen  ge- 
sammelten wird  durch  die  hinlänglich  bekannten  Schwierig- 
keiten der  richtigen  Bestimmung  fossiler  Pflanzenreste  stark 
beeinträchtigt.  Ostrakoden  sind  zwar  häufig  und  verbreitet 
und  können  bequem  selbst  gesammelt  werden,  aber  für 
Schlüsse  auf  das  Klima  sind  sie  wenigstens  beim  derzeitigen 
Stande  unserer  Kenntnis  der  Verbreitung  der  lebenden 
Ostrakoden  nicht  verwendbar.  Alle  übrigen  Organismen- 
gruppen haben  nur  so  wenige  und  ungleich  in  den  Ab- 
lagerungen verbreitete  Reste  hinterlassen,  dafs  sie  hier  über- 
haupt keiner  Erörterung  bedürfen.  Konchylien  kann  man 
bequem  in  ausreichender  Menge  und  —  von  den  Kalkplatten 
der  Nacktschnecken  abgesehen  —  sicher  bestimmbaren 
Stücken  selbst  sammeln  i)  und,  da  die  Mollusken  in  ihrer 


Weitaus  den  gröfsten  Teil  des  von  mir  gesammelten  Kon- 
chylienmateriales  habe  ich  durch  Ausschlämmen  lockeren  Schicht- 
materiales  gewonnen.    Namentlich  von  wichtigen  Schichten  wurden 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


179 


heutigen  Verbreitung  ausreichend  bekannt  und  von  klima- 
tischen Verhältnissen  abhängig  sind,  zu  klimatischen 
Schlüssen  verwenden.  Allein  auch  die  Konchylien  lassen 
für  diesen  Zweck  viel  zu  wünschen  übrig.  Einerseits  sind 
manche  Schichten  überaus  konehylienarm,  und  andere,  wie 
die  „Werktravertine"',  von  einer  Gesteinsbeschaflfeuheit, 
welche  dem  Herauspräparieren  der  darin  vorkommenden 
Konchylien  oft  unüberwindliche  Schwierigkeiten  bereitet. 
Andererseits  sind  klimatische  Schlüsse  aus  den  zusammen- 
gebrachten Kochylienbeständen  nur  in  recht  bescheidenem 
Mafse  und  mit  gröfster  Vorsieht  zu  ziehen  und  das  aus  vier 
verschiedenen  Gründen.  Erstens  stellen  die  Konehylien- 
bestände  der  verschiedenen  Ablagerungen  je  nach  der  Bil- 
dungsweise dieser  letzteren  sehr  verschieden  grofse  und  meist 
wenig  genau  zu  bestimmende  Bruchteile  der  Mollusken- 
fauna dar,  welche  zur  Bildungszeit  der  Ablagerung  in  der 
Umgebung  des  Fundortes  gelebt  hat.  i)  Zweitens  erkennen 
wir  wohl  bei  vielen  Arten  eine  mehr  oder  weniger  grofse 
Abhängigkeit  des  Verbreitungsgebietes  von  klimatischen  Ver- 
hältnissen, sind  aber  doch  —  mangels  einschlägiger  Unter- 
suchungen —  zur  Zeit  noch  aufser  Stande,  mit  Bestimmt- 
heit anzugeben,  welche  klimatischen  Faktoren  es  sind, 
die  die  Ausdehnung  des  Verbreitungsgebietes  mitbestimmen. 
Drittens  zerfallen  viele  Arten,  nach  ihrer  heutigen  Ver- 
breitung zu  urteilen,  in  morphologisch  oft  ununterscheidbare 
Kassen  von  ganz  verschiedenen  physiologisch -biologischen 
Eigenschaften,  vor  allem  von  ganz  verschiedener  klima- 
tischer Anpassung,  wozu  dann  ferner  noch  kommt,  dafs  viele 
Arten  im  Laufe  der  Erdgeschichte  ihre  klimatische  Anpassung 
verändert  haben.      Viertens  schliefslich  darf  aus  dem  Vor- 


nach Möglichkeit  so  lange  neue  Proben  geschlämmt,  bis  sich  nichts 
neues  mehr  ergab. 

^)  In  Ansehung  dieser  von  den  Geologen  nur  zu  häufig  nicht 
genügend  beachteten  Tatsache  lege  ich  —  schon  seit  Jahren  —  den 
gröfsten  Wert  auf  die  Unterscheidung  der  Begriffe  „Konchylien- 
bestand"  und  „Molluskenfauna". 

^)  Vergleiche  hierzu  die  zahlreichen  Arbeiten  von  August 
Schulz  über  die  Entwicklungsgeschichte  der  Flora  und  Pflanzendecke 
verschiedener  Teile  Europas,   deren  wichtigste  neuerdings  Schulz 

12* 


180 


Ewald  Wüst, 


[20] 


kommen  von  Arten  einer  bestimmten  klimatischen  Anpassung 
zweifellos  nicht  geschlossen  werden,  dafs  zur  Bildungszeit 
der  Fuudschicht  ein  dieser  Anpassung  entsprechendes  Klima 
herrschte,  sondern  nur,  dafs  das  Klima  damals  so  beschaffen 
war,  dafs  die  Art  an  die  betreffende  Fundstelle  zu  wandern 
bezw.  sich  an  derselben  zu  erhalten  vermochte.') 

Nach  den  gegebenen  Darlegungen  stelle  ich  im  folgenden 
die  Konchylien  durchaus  in  den  Vordergrund  der  Betrach- 
tung. Im  Interesse  der  Übersichtlichkeit  habe  ich  die  vor- 
liegenden Beobachtungen  Uber  die  Verbreitung  der  Konchylien 
Uber  die  Hauptglieder  des  zu  behandelnden  Schichtenkom- 
plexes nebst  den  erforderlichen  Bemerkungen  Uber  zweifel- 
hafte Bestimmungen  und  kritische  Formen  in  der  grofsen 
beigefügten  Tabelle  nebst  den  dazugehörenden  An- 
merkungen zusammengestellt.  Nur  weniger  wichtige 
Einzelheiten  der  Verbreitung  habe  ich,  um  die  Tabelle  im 
Interesse  ihrer  Übersichtlichkeit  zu  entlasten,  in  den  folgenden 
Text  aufgenommen.  Die  Nacktschnecken,  von  denen 
Kalkplättchen  fast  in  allen  untersuchten  Schichten  gefunden 
wurden,  habe  ich  in  der  Tabelle  wie  im  Texte  unberück- 
sichtigt gelassen,  weil  ihre  Bestimmung  meist  unsicher  ist 
und  ihnen  keinerlei  nennenswerte  Bedeutung  für  die  Zwecke 
der  vorliegenden  Arbeit  zukommt.  Von  den  übrigen  Orga- 
nismengruppen ist  das  wenige  für  die  Zwecke  dieser 
Arbeit  wesentliche  im  folgenden  Texte  mitgeteilt  und  erörtert. 

Die  im  folgenden  unterschiedenen  Typen  von 
Konchylienbeständen    sind    im  Texte   und  in  der 


selbst  in  einer  kurz  zusammenfassenden  Arbeit  zusammengestellt  hat: 
Das  Klima  Deutschlands  während  der  seit  dem  Beginn  der  Entwicklung 
der  gegenwärtigen  phanerogamen  Flora  und  Pflanzendecke  Deutsch- 
lands verflossenen  Zeit,  Zeitschrift  der  Deutschen  Geologischen  Gesell- 
schaft, Bd.  62,  1910,  S.  99  fi".  Die  Lehre  von  den  verschiedenen  klima- 
tischen Anpassungen  und  den  Veränderungen  der  klimatischen 
Anpassung  ein  und  derselben  Art  ist  von  Schulz  zuerst  entwickelt 
worden  in  seinem  Buche:  Entwicklungsgeschichte  der  phanerogamen 
Pflanzendecke  Mitteleuropas  nördlich  der  Alpen,  Stuttgart  1899  (auch 
Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde,  herausgegeben 
von  Alfred  Kirchhoff,  Bd.  11,  Heft  5). 

Vgl.  die  in  der  vorigen  Anmerkung  erwähnten  Arbeiten  von 
August  Schulz. 


TravurtiDgebiet  der  Gcgcud  vou  Weimar. 


181 


Tabelle  mit  deutschen  Buchstaben  (a  bis  f  und  g 
und  t))  bezeichnet,  welche  auch  in  der  Piofil- 
tafel  zur  kurzen  Bezeichnung  der  Fundschichten 
der  betreffenden  Konchylienbestände  verwandt 
worden  sind. 

Der  Fossilienbestand  des  Ilmkieses  der  Unterterrasse  am  Eingange 
der  Parkhöhle  im  Parke  von  Weimar. 

(Konchylienbestand  a.) 

Im  Parke  von  Weimar  fand  ich  in  den  Ilmkiesen  der 
Unterterrasse  nur  an  einer  Stelle,  in  dem  mehrfach  er- 
wähnten Aufschlüsse  am  Eingange  der  Parkhöhle,  Fossilien. 
Diese  Fossilien  entstammen  dem  Ilmkiese  eingelagerten 
Mergellinsen,  welche  etwa  2,5 — 3  m  über  der  heutigen 
Ilmaue  liegen.  Die  Sehlämmung  einer  Reihe  von  Proben 
ergab  nur  Konehylien,  von  diesen  aber  ein  reiches  Material, 
in  dem  indessen  nur  11  Arten,  8  Laudschnecken,  2  Wasser- 
schnecken und  1  Muschel  nachweisbar  waren.  Mehr  noch 
als  in  der  Artenzahl  wiegen  in  der  Individuenzahl  die 
Landschneeken  vor  den  Wassermollusken  vor,  denn  letztere 
sind  insgesamt  nur  in  wenigen  Stücken  gefunden  worden. 
Wie  sich  insbesondere  aus  dem  sehr  bedeutenden  Vorwiegen 
der  Land  Schnecken  ergibt,  haben  die  untersuchten  Mergel- 
linsen alte  Ilmgeniste  umschlossen.  Unter  diesen  Umständen 
ist  die  Zahl  der  nachgewiesenen  Arten  als  äufserst  gering 
zu  bezeichnen:  die  Ablagerung  mufs  unbedingt  unter  dem 
Molluskenleben  sehr  ungünstigen  klimatischen  Verhältnissen 
entstanden  sein,  ähnlich  wie  sie  heute  die  arktischen  Gebiete, 
die  Hoehgebirgsregionen  der  paläarktischen  Gebirge  oder 
die  paläarktischen  Steppengebiete  darbieten. 

Die  Zusammensetzung  des  Bestandes,  den  ich  kurz  als 
den  Bestand  a  bezeichne,  gleicht  am  meisten  der  Zusammen- 
setzung der  Molluskenfaunen,  welche  man  heute  innerhalb 
des  Polarkreises  oder  in  der  Nähe  derselben  antrifft.  Von 
den  8  ganz  sicher  bestimmten  der  11  nachgewiesenen  Arten 
kommen  6  heute  innerhalb  des  Polarkreises  vor: 

Helix  tenuilabris 
Helix  hispida 


182 


Ewald  Wüst, 


[22] 


Pupa  muscorum 
Pupa  coluniella 
Pupa  parcedentata 
Succinea  oblonga 

und  die  nicht  ganz  sicher  bestimmten  Kouchylien  können 
durchweg  zu  Arten  gehören,  welche  ebenfalls  heute  auch 
innerhalb  des  Polarkreises  leben.  Von  den  aufgezählten 
6  Arten  sind  3,  nämlich 

Helix  tenuilabris 

Pupa  columella 

Pupa  parcedentata 

heute  ausschliefslich  in  recht  kalten  Gebieten  verbreitet. 
Helix  tenuilabris  hat  ihre  Hauptverbreitung  in  der  arktischen 
Region  und  ist  in  ihrem  sonstigen  rezenten  Vorkommen  auf 
hochnordische  Länder  beschränkt.  Pupa  columella  und 
Fupa  parcedentata  kommen  aufser  in  arktischen  und  anderen 
hochnordischen  Gebieten  auch  in  höheren  Lagen  der  Ost- 
alpen und  Pupa  columella  auch  der  Tatra  vor.  Die  übrigen 
erwähnten  Arten  sind  unter  den  verschiedensten  klimatischen 
Verhältnissen  weit  verbreitet. 

Die  2  ganz  sicher  bestimmten,  nicht  innerhalb  des  Polar- 
kreises vorkommenden  Arten  sind 

Pupa  eupa 

Planorbis  crista. 

Die  typische  Pupa  cupa  kommt  heute  in  den  Alpen  und 
zwar  bis  in  die  Hochgebirgsregion  hinauf,  im  Deutschen 
Juragebirge  und  in  der  Tatra  vor.  Die  var.  turcnienia  der 
Pupa  cupa  ist  „in  Asien  (speziell  Nord-Persieu,  Trans- 
kaspien  und  Turkestan)  weit  verbreitet",  Leider  steht 
nicht  sicher  fest,  ob  die  hier  zur  Erörterung  stehenden 
fossilen  Stücke  der  typischen  Ptt,pa  cupa  oder  der  var. 
turcmenia  zuzurechnen  sind,  i)  Planorhis  crista  ist  eine 
unter  den  verschiedensten  Klimaten  weit  verbreitete  Art, 
welche  hoch  in  den  Norden  hinaufgeht  —  in  Skandinavien 
bis  GG"  n.  Br.  —  aber  meines  Wissens  den  Polarkreis 
nirgends  erreicht. 


1)  Vgl.  die  Anmerkung  20  zu  der  Tabelle. 


Travertiu^cbict  der  Gegend  von  Weimar. 


183 


Die  3  nicht  ganz  sicher  bestiiniuteu  Aiteu  aiod 
Pupa  äff.  alpestris 
Limnaea  ovata  oder  peregra 
Pisidium  sp. 

Pupa  alpestris,  der  die  gefundene  Pupa  jedenfalls  ganz 
nahe  steht,  hat  heute  ihre  Hauptverbreitung  in  der  arlt- 
tischen  Region  und  in  den  höheren  Lagen  der  Alpen,  besitzt 
aber  aufserdera  im  borealen-)  Teile  der  paläarktischen 
Region  eine  Reihe  von  —  meist  durch  weite  Gebiete  von- 
einander getrennten  —  Verbreitungsarealen.  Limnaea  ovata 
und  Limnaea  peregra  sind  unter  den  verschiedensten  Klimaten 
weit  verbreitet  und  kommen  beide  auch  in  der  arktischen 
Region  vor.  Das  nicht  näher  bestimmbare  Pisidium  gehört 
wahrscheinlich  zu  einer  Art,  von  der  dasselbe  gilt. 

Nach  dem  gesagten  weisen  die  gefundenen  Konchylien 
mit  Bestimmtheit  auf  eine  Molluskenfauna,  welche  den  heute 
an  der  Grenze  zwischen  der  paläarktischen  und  der  ark- 
tischen Region  lebenden  überaus  nahe  steht.  Die  einzige 
Art,  welche  dem  widerspricht,  ist  Pupa  cupa.  Diese  gehört 
aber  möglicherweise  zu  den  alpinen  Elementen,  welche 
neben  den  hochnordischen  in  den  plistozänen  Eiszeiten 
unser  Gebiet  besiedelt  haben. 

Ein  Vergleich  des  Konchylienbestandes  a  mit  den 
Molluskenfaunen  der  hier  am  ehesten  in  Betracht  kommenden 
Steppengebiete  Sudosteuropas  und  Südwestsibiriens  läfst 
viel  weniger  übereinstimmendes  und  viel  mehr  unterschei- 
dendes erkennen.  Die  weiterverbreiteten  Arten  unseres 
Bestandes  kommen  zwar  in  diesen  Steppengebieten  auch 
vor,  und  unsere  Pupa  cupa  könnte  immerhin  zu  der  in 
diesen  Gebieten  vorkommenden  var.  turcmenia  gehören,  aber 
Helix  temiilahris,  Pupa  columella,  Pupa  alpestris  und  Papa 
parcedentata  sind  den  genannten  Steppengebieten  fremd. 

Nach  den  gegebenen  Darlegungen  hat  also  die  Annahme 
die  gröfste  Wahrscheinlichkeit  für  sich,  dafs  der  Konchylien- 


1)  Vgl.  die  Anmerkung  24  zu  der  Tabelle. 

Ich  gliedere  mit  Kobelt  (Studien  zur  Zoogeographie,  Wies- 
baden 1897  und  1808)  das  paläarktische  Europa  in  einen  mediterranen 
oder  meridionalen  und  in  einen  borealen  Teil. 


184 


KWALD  WÜST, 


[24] 


bestand  a  die  Reste  einer  aus  arktischen  und  alpinen  Ele- 
menten zusammengesetzten  Fauna  darstellt,  welche  unter 
der  erheblichen  Temjjeraturdepression  eiszeitlicher  Klima- 
verhiiltoisse  unser  Gebiet  besiedelt  hat. 

Die  Fossilienbestände  der  obersten  Ilm-Ablagerungen 
der  Unterterrasse  und  der  Zone  der  Baumtravertine  im  Ulleschen 
Steinbruche  in  Weimar. 

(Konchylienbestand  b). 

Was  ich  im  ULLESchen  Steinbruche  in  Weimar  an  Ilm- 
ablagerungen der  Unterterrasse  gesehen  habe,  gehört  den 
obersten  Lagen  dieser  Ablagerungen  an  und  liegt  unver- 
kennbar etwas  (1 — 2  m)  höher  als  die  fossilienführenden 
Mergellinsen  am  Eingange  der  Parkhöhle.  Diese  Ilmabsätze 
lieferten  im  wesentlichen  dieselben  Konchylien  wie  die  un- 
mittelbar darüber  folgenden  Lagen  der  Zone  der  Baum- 
travertine bis  zu  einem  Niveau  von  etwa  1,5  m  über  der 
Oberfläche  der  Ilmabsätze.')  Ich  fasse  deshalb  die  Kon- 
chylienbestände  der  genannten  Ablagerungen  als  den  Kon- 
chylienbestand 6  zusammen. 

Die  Schlämmung  einer  Reihe  von  Proben  aus  Kies, 
Letten  und  Untersten  Travertinen  ergab  —  abgesehen  von 
Ostrakoden  und  nicht  genau  bestimmbaren  Nagerresten  — 
zahlreiche  Konchylien,  welche  zu  24  Arten,  14  Landschnecken, 
8  Wasserschnecken  und  2  Muscheln  gehören.  Der  Bestand 
ist  also  nicht  unerheblich  artenreicher  als  der  Bestand  a 
von  der  Parkhöhle.  Auch  seine  Zusammensetzung  ist  eine 
wesentlich  abweichende.  Unter  den  24  Arten  fehlen  von 
den  an  der  Parkhöhle  gefundenen,  wenn  ich  von  dem 
IHsidkmi  sp.  von  der  Parkhöhle  absehe,  nicht  weniger  als 
folgende  4: 

Helix  tenuilabris 
Pupa  columella 
Pupa  alpestris 
Papa  parcedentata, 

1)  Die  Zone  der  Baumtravertine  ist,  wie  oben,  S.  170,  gesagt 
wurde,  2,5  in  mächtig.  Aus  den  obersten,  1  m  mächtigen  Lagen  sind 
mir  sichere  Fossilfunde  bisher  nicht  beliannt  geworden. 


[2-,] 


'J'ravertiiigebict  der  Gegend  von  Weimar. 


185 


also  fast  alle  Arten,  welche  ihre  Hauptverbreituiig  in  lioeh- 
uordischen  Gebieten  und  in  den  höheren  Regionen  der 
Alpen  haben.  Von  derartigen  Elementeu  ist  beiden  Be- 
ständen lediglich 

Pupa  cupa 

genieinsam,  welche  im  Bestände  b  in  der  typischen,  alpinen 
Form  auftritt.  Sonst  sind  beiden  Beständen  folgende  4  weit 
verbreitete  und  auch  innerhalb  des  Polarkreises  oder  in  der 
Hochgebirgsregion  der  Alpen  vorkommende  Arten  gemeinsam 

Helix  hispida 

Pupa  muscorum 

Suecinea  oblonga 

Limnaea  ovata  oder  peregra 

und  ferner  Planorhis  crista,  eine  weit  verbreitete,  weit  nach 
Norden  reichende  Art.  Nicht  weniger  als  18  Arten  sind 
dem  Bestände  a  gegenüber  neu.  Von  diesen  18  Arten 
kommen  15  heute  auch  innerhalb  des  Polarkreises  oder  in 
der  Hochgebirgsregion  der  Alpen  vor: 

Conulus  fulvus 

Hyalinia  Hammonis 

Punctum  pygmaeum 

Patula  ruderata 

Helix  pulehella 

Helix  costata 

Pupa  pygmaea 

Cionella  lubrica 

Suecinea  Pfeifferii 

Limnaea  ovata  oder  peregra 

Limnaea  truucatula 

Planorbis  leueostoma 

Planorbis  sp.  äff.  borealis 

Valvata  cristata 

Pisidium  milium. 

Es  sind  dieses  bis  auf 

Patula  ruderata 
Planorbis  sp.  äff.  borealis 


186 


Ewald  Wüst, 


[26] 


durchweg  sehr  weit  verbreitete  Formen,  welcbe  unter  sehr 
verschiedenen  Kliniaten  leben.  Patida  ruderata  hat  ihre 
Hauptverbreitung  entschieden  in  nordischen  Ländern  und 
höheren  Lagen  der  Gebirge,  wenn  sie  auch  einige  —  weit 
voneinander  getrennte  —  andersartige  Areale,  z.  B.  im 
mittleren  Neckartale  und  im  mittleren  Saaletale,  besitzt,  in 
denen  sie  sich  offensichtlich  eine  Neuanpassung  an  wärmeres 
Klima  erworben  hat.  Die  Gruppe  des  Flanorhis  horealis 
hat  ebenfalls  ihre  Hauptverbreitung  in  nordischen  Ländern 
und  höheren  Lagen  der  Gebirge.  3  weitere  Arten,  welche 
ebenfalls  der  Parkhöhle  gegenüber  neu  sind,  fehlen  der 
arktischen  wie  der  Hochgebirgsregion : 

Zonitoides  nitidus 

Planorbis  complanatus 

Pisidium  fontinale. 

Diese  sind  weit  verbreitete  Arten,  welche  unter  sehr  ver- 
schiedenen Klimaten  leben  und  auch  hoch  in  den  Norden 
hinaufgehen. 

Der  Vergleich  des  Konchylienbestandes  der  untersten 
Schichten  des  Ulle  sehen  Bruches  (b)  mit  demjenigen  von 
der  Parkhöhle  (a)  lehrt,  dafs  der  erstere  einen  wesentlich 
weniger  nordischen  Charakter  trägt  als  der  letztere.  Haben 
wir  —  immer  von  dem  vereinzelten  alpinen  Elemente  der 
Pupa  cupa  abgesehen  —  die  ähnlichsten  rezenten  Faunen 
für  den  Bestand  a  an  der  Grenze  zwischen  der  arktischen 
und  der  paläarktischen  Kegion  gefunden,  so  finden  wir  das 
analoge  für  den  Bestand  b  in  den  nördlichsten  Teilen  der 
paläarktischen  Region  und  zwar  anscheinend  am  überein- 
stimmendsten in  Nordost- ßulsland.  Leider  ist  die  rezente 
Molluskenfauna  dieses  Gebietes  noch  sehr  ungenügend  be- 
kannt, doch  läfst  der  durch  die  folgende  Tabelle  erleichterte 
Vergleich  zwischen  der  Liste,  die  ich  für  die  untersten 
Schichten  des  Ulle  sehen  Bruches  geben  konnte  mit  der 
von  BoETTGEU  1)  gegebenen  Liste  von  Genistekonchylien  aus 
der  Gegend  von  Kungur  im  Gouvernement  Perm  —  ich 
habe  beide  Listen  auf  die  Landschnecken  beschränkt,  weil 


')  Nachrichtsblatt  der  deutschen  Malakozoologischen  Gesellschaft, 
21.  Jahrg.,  18S<J,  S.  122—120  und  22.  Jahrg.,  1890,  S.  161— 1Ü9. 


|27]  Travertingebiet  der  Gegeud  von  Weimar.  187 


Weimar 
Bestand  b 



Eungur 

* 

* 

* 

Hyalinia  Ilammonis  

* 

* 

„  petronella  

* 

Zonitoides  nitidus  

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

„  riibiginosa  

* 

* 

* 

* 

* 

„  pygmaea  

* 

- 

* 

* 

* 

* 

* 

der  Vergleicli  der  Wassermollusken  durch  Verschiedenheiten 
fazieller  Natur  beeinträchtigt  wird  —  ein  ziemlich  weit- 
gehendes Mafs  von  Übereinstimmung  erkennen.  Der  wich- 
tigste Unterschied  besteht  in  dem  Vorkommen  des  alpinen 
Elementes  der  Pupa  cupa  typ.  zu  Weimar.  Wesentlich 
geringer  sind  die  Beziehungen  unseres  Bestandes  zu  den 
rezenten  Faunen  westlicher  gelegener  Teile  des  Nordens 
der  paläarktischen  Region.  Den  dargelegten  Verhältnissen 
entsprechend  ist  anzunehmen,  dal's  von  der  Zeit  des  Be- 
standes a  bis  zu  der  des  Bestandes  b  eine  Zunahme  der 
Wärme  eingetreten  ist. 

Anhangsweise  erwähne  ich,  dafs  Weiss  bei  3  von  ihm 
von  Weimar  angegebenen  Molluskenarten  ausdrücklich  be- 
merkt, dafs  sie  nur  in  den  „untersten  Schichten"  vorkommen, 
ohne  indessen  anzugeben,  ob  damit  Kies,  Letten  oder 
unterste  Travertine  gemeint  sind.    Es  sind  dieses: 


188 


EwAi.i)  Wüst, 


[28J 


Papa  Cüluniella 
Ampbipeplea  glutiuosa 
Aücylus  fiuviatilis. 

Ptipa  columella,  welche  ich  im  Kiese  an  der  Parkhöhle 
gcfuuden  habe,  ist  oben  bereits  besprochen.  Äniphipeplea 
(jlutinosa  ist  eine  wesentlich  uordeiiropäische,  bis  in  die 
arktische  Kegion  hineinreichende,  übrigens  von  Boettger 
auch  aus  der  Gegend  von  Kungur  angeführte  Art.  Ancylus 
Ihwiatilis  ist  unter  sehr  verschiedenen  Klimaten  weit  ver- 
breitet und  reicht  nach  Norden  bis  nahe  an  den  Polarkreis. 
Nach  diesen  Angaben  ist  es  klar,  dafs  das  Vorkommen 
dieser  3  Arten,  gleichviel  ob  sie  im  Kiese,  im  Letten  oder 
in  den  untersten  Travertinen  gefunden  sind,  das  Bild, 
welches  sich  nach  meinen  Funden  vom  tiergeographischen 
Charakter  der  Konchylienbestände  der  untersten  Schichten 
von  Weimar  ergibt,  nicht  beeinträchtigt. 

Aus  den  untersten  Travertinen  oder  ßaumtravertinen 
des  Ulle  sehen  Bruches  erhielt  ich  von  anderen  Fossilien 
nichts  für  die  Zwecke  der  vorliegenden  Arbeit  wesentliches. 
Doch  verdient  wenigstens  das  hervorgehoben  zu  werden, 
dafs  in  diesen  Baumtravertinen  Reste,  namentlich  Zapfen- 
abdrücke einer  Pinns,  anscheinend  aus  der  Gruppe  der 
Pinus  silvestris  L.,  häufig  sind,  und  dafs  ich  einmal  auch 
den  Abdruck  eines  Zapfens  einer  Tanne  oder  Fichte  erhielt. 

Die  Fossilienbestände  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertlne 
im  Ulieschen  Steinbruche  In  Weimar. 

(Konchylienbestand  b.) 
Uber  der  Zone  der  Baumtravertine  folgen  im  Ulle  sehen 
Bruche  noch  bis  10,5  m  Untere  Travertine.  Diese  habe  ich 
infolge  teils  der  schwierigen  Zugänglichkeit  eines  Teiles 
der  Schichten  unter  den  derzeitigen  Aufschlufsverhältnissen, 
teils  der  Ausbildung  vieler  Schichten  als  fester  Werkbänke 
nur  sehr  ungleichmäfsig  untersuchen  können.  Aus  den 
untersten,  50  cm  mächtigen,  wie  aus  den  obersten,  etwa  3  m 
mächtigen  Lagen  der  Unteren  Travertine  oberhalb  der  Zone 
der  Baumtravertine  kenne  ich  überhaupt  keine  sicher  ver- 
bürgten Fossilien. 


[29] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weiniiir. 


189 


Ich  betrachte  zunächst  den  Konchylienbestand  des  eben 
umschriebenen  Sehichtenkomplexes,  ans  dem  allein  ich 
Uberhaupt  sicher  verbürgte  Fossilien  kenne,  im  Zusammen- 
hange. Dieser  Konchylienbestand,  den  ich  als  b  bezeichne, 
umfafst  nach  meinen  eigenen  Aufsammlungen  die  Uberaus 
stattliche  Anzahl  von  75  Arten,  5G  Landschnecken,  14  Wasser- 
schnecken und  5  Muscheln.  Dazu  kommt  jedenfalls  noch 
ein  grofser  Teil  der  in  der  Literatur  aus  den  Travertinen 
von  Weimar  angegebenen  30  Arten,  v^^elche  ich  —  offenbar 
infolge  der  jetzt  gegen  früher  sehr  viel  ungünstiger  ge- 
wordenen Sammelbedingungen  —  bisher  nicht  gefunden 
habe.  Nach  den  dürftigen,  übrigens  nur  einem  Teile  der 
Arten  zugefügten  Fundschichtenangaben  der  Literatur  kann 
nur  1  Art,  P^q^a  pagodula,  mit  Sicherheit  den  hier  zu  be- 
sprechenden Schichten  zugeschrieben  vperden.  In  den  im 
folgenden  gemachten  zahlenmäfsigen  statistischen  Angaben 
sind  alle  diese  nicht  von  mir  selbst  gefundenen  Arten  un- 
berücksichtigt geblieben,  doch  habe  ich  diese  Arten,  soweit 
sie  sicher  (nur  Pttj?«  pagodula)  oder  m.  E.  höchst  wahr- 
scheinlich den  hier  zu  besprechenden  Schichten  angehören, 
in  den  im  folgenden  gegebeneu  Aufzählungen  irgendwie 
bemerkenswerter  Arten  in  eckigen  Klammern  mit  an- 
geführt. 

Die  grofse  Artenzahl  der  hier  zu  besprechenden  Schichten 
ist  den  geringen  Artenzahlen  der  tieferen  Schichten  gegen- 
über um  so  höher  anzuschlagen,  als  bei  der  Bildung  der 
Travertine  fliefsendes  Wasser  bei  weitem  nicht  die  Rolle 
gespielt  haben  kann  wie  bei  der  Bildung  der  Kiese  und 
Letten,  und  damit  die  Möglichkeit  der  Zusammenschwemmung 
von  Gehäusen  uud  Schalen  aus  gröfseren  Gebieten  erheblich 
verringert  ist. 

Der  Bestand  b  hat  mit  den  Beständen  a  und  h  nur 
20  Arten  gemeinsam,  welche  durchweg  unter  den  verschie- 
densten Klimaten  weit  verbreitet  sind.  Alle  diejenigen 
Elemente  der  Bestände  a  und  b,  welche  heute  ihre  Haupt- 
verbreitung in  der  arktischen  Region  oder  im  hohen  Norden 
oder  der  Hochgel)irgsregion  der  paläarktischen  Region  be- 
sitzen, fehlen  durchaus.  Schon  dieser  Umstand  zeigt,  dafs 
sich  jetzt  der  biogeographische  Charakter  der  Fauna  und, 


190 


Ewald  Wüst, 


[30] 


wie  daraus  zn  erscbliefsen  ist,  das  Klima  sehr  bedeutend 
geändert  hat. 

Schon  ein  flüchtiger  Blick  auf  die  Liste  unseres  Be- 
standes, .  wie  sie  in  der  grofsen  Tabelle  gegeben  ist,  zeigt, 
dals  es  sich  hier  um  Reste  einer  Fauna  handelt,  welche 
sich  den  heutigen  Faunen  des  südlichen  Teiles  der  borealen 
Zone  des  palilavktischen  Europas  sehr  nahe  anschliefst. 

Vergleichen  wir  den  Bestand  b  zunächst  mit  der  heutigen 
Fauna  des  Deutschen  Älittelgebirgslandes,  so  finden  wir, 
dafs  er  mit  dieser  fast  alle  Arten,  nämlich  71,  gemeinsam 
hat.  Der  heutigen  Fauna  des  Deutschen  Mittelgebirgslandes 
fehlen  nur  folgende  4  Arten  unseres  Bestandes  vollständig: 

Zonites  acieformis 
Helix  banatica 
Helix  Tonnensis 
[Pupa  pagodula] 
[Clausilia  densestriataj 
Belgrandia  sp. 

Zonites  acieformis  ist  eine  ausgestorbene  Form,  welche  aber 
dem  lebenden  Z.  verticillus  Fer.  sp.  sehr  nahe  steht.  Dieser 
verbreitet  sieh  von  der  Bergregion  und  den  Vorbergen  der 
Ostalpen  über  das  .Osterreichische  Küstenland  und  das 
bosnisch -serbische  Gebirgsland  bis  in  die  Balkanhalbinsel 
hinein.  Innerhalb  der  letzteren  ist  seine  Verbreitung  erst 
wenig  geklärt.  Aufserdem  kommt  er  in  Mähren,  bei  Braudels 
an  der  Alder  in  Böhmen  und  angeblich  auch  in  Kalabrien 
vor.  Helix  banatica  lebt  heute  in  Siebenbürgen,  Ostungarn 
und  dem  Banate  und  ist  ganz  neuerdings  auch  bei  Vocarica 
im  Komitate  Pozsega  in  Slavonien  gefunden  worden.  Helix 
Tonnensis  ist  eine  ausgestorbene  Form,  von  der  noch  nicht 
genügend  feststeht,  welcher  lebenden  Form  sie  am  nächsten 
steht.  Fupa  pagodula  lebt  heute  in  der  montanen  Region 
und  den  Vorbergen  der  Alpen,  verbreitet  sich  durch  das 
Osterreichische  Littorale  bis  nach  Montenegro  und  über  einen 
Teil  von  Oberitalien  nach  Südfrankreich  und  hat  aufserdem 
ein  sporadisches  Vorkommen  in  Morea.  Clausilia  äensestriata 
lebt  heute  in  der  montanen  Region  und  den  Vorbergen  der 
Ostalpen  und  von  da  bis  in  das  bosnisch -serbische  Gebirgs- 


Tnivertiiigebiet  der  Gegend  von  WtMni;ir. 


101 


land  hinein;  anfserdem  ist  sie  aus  der  Gegend  von  Peters- 
burg und  ans  Kurland  angegeben  worden.  Die  Jiclyrandia 
sp.  gehört  zur  Gru])i)e  der  B.  yihha  Drap.,  deren  Verl)rcitnng8- 
gcbiet  Italien,  die  Balkanhalbinsel  und  einen  Teil  von 
Frankreich  unifafst,  und  dürfte  der  rezent  nur  von  Viarcggio 
l)ekannten  B.  Delpretiana  Pauliicci  apnd  Cless.  zugehören 
oder  doch  vpenigstens  ganz  nahe  stehen. 

Bei  oberflächlicher  Betrachtung  könnte  es  scheinen,  als 
weiche  unser  Bestand  nicht  sonderlich  erheblich  von  der 
heutigen  Fauna  des  Deutschen  Mittelgebirgslandes  ab.  Eine 
genauere  Betrachtung  läfst  indessen  diese  Abweichungen 
als  sehr  bedeutend  erkennen.  Bei  einer  solchen  genaueren 
Betrachtung  mufs  man  sich  vor  Augen  halten,  dafs  die 
lieutige  Fauna  des  Deutschen  Mittelgebirgslandes  infolge 
der  wechselvollen  Geschichte,  die  sie  unter  den  Klima- 
schwankungen des  Eiszeitalters  durchgemacht  hat,  eine  sehr 
heterogene  ist:  sie  setzt  sich  zusammen  aus  Elementen, 
welche  unter  sehr  verschiedenen  klimatischen  Verhältnissen 
eingewandert  sind  und  sich  bei  einem  Wechsel  des  Klimas 
an  besonders  geeigneten  Stellen  ■ —  als  Relikte  —  gehalten 
und  z.  T.  später  —  teils  bei  Wiedereintritt  des  Klimas, 
unter  dem  die  Elemente  eingewandert  waren,  teils  aber 
unter  ganz  anderem  Klima,  au  das  die  Relikten  sich  neu 
angepafst  hatten  —  wieder  ausgebreitet  haben.  So  sind 
denn  auch  die  Faunen  der  verschiedenen  Teile  des  Deutschen 
Mittelgebirgslandes  sehr  verschieden. 

Trennen  wir  für  unsere  Zwecke  zunächst  einmal  das 
Deutsche  Mittelgebirgsland  in  zwei  Hauptteile,  einen  öst- 
lichen, der  das  Gebiet  der  Böhmischen  Masse  umfafst,  und 
einen  westlichen,  dem  der  ganze  Rest  zufällt,  so  finden  wir, 
dafs  unser  fossiler  Bestand  in  seiner  Zusammensetzung  der 
Fauna  des  östlichen  Hauptteils  sehr  viel  näher  steht  als 
derjenigen  des  westlichen.  Er  weist  nämlich  nicht  eine  Art 
auf,  welche  der  westliche  Teil  vor  dem  östlichen  voraus 
hat,  dagegen  aber  folgende  3  Arten,  welche  der  östliche 
vor  dem  westlichen  voraus  hat: 

Patula  solaria 

Helix  vindobonensis 

Pupa  claustralis. 


192 


Ewald  Wüst, 


[32] 


Von  den  Arten,  welche  unser  Bestand  mit  der  rezenten 
Fauna  des  Deutseben  Mittelgebirgslaudcs  gemein  hat,  ist 
eine  grol'se  Anzahl  in  diesem  Gebiete  nur  wenig  verbreitet 
und  besitzt  seine  Hauptverbreitung  in  den  Ostalpen-  und 
Karpathenländern  und  zum  Teile  auch  in  noch  weiter  nach 
Südosten  zu  gelegenen  Gebieten  Europas.  In  ausgesprochener 
Weise  ist  das  z.  B.  der  Fall  bei  den  eben  angeführten 
3  Arten,  bei  der  weiter  oben  besprochenen  Helix  hanatica 
(ebenso  bei  Zonites  verticillus,  dem  unser  Zonites  acieformis 
sehr  nahe  steht)  und  bei  folgenden  Arten: 

Daudebardia  rufa 

Daudebardia  brevipes 

[Vitrina  elongata] 

[Vitrea  subrimata] 

Pupa  doliolum 

Clausilia  filograna 

Clausilia  cana 

[Clausilia  vetustaj 

Clausilia  pumila. 

Dazu  kommt  noch,  dafs  manche  an  sich  weit  verbreitete 
Arten  in  unserem  Bestände  vorwiegend  oder  ausschliefslich 
durch  „Varietäten"  vertreten  sind,  welche  nur  oder  vor- 
wiegend in  den  genannten  südöstlichen  Gebieten  leben. 
Diese  auch  in  der  Literatur  schon  mehrfach  erwähnte  Er- 
scheinung will  ich  indessen  erst  später  genauer  behandeln. 

Von  sämtlichen  Arten  unseres  Bestandes  fehlen  den 
Karpathenländern  nur  5: 

Zonites  acieformis 

Helix  Tonnensis 

Helix  nemoralis 

[Pupa  pagodula] 

Pupa  costulata 

[Clausilia  densestriataj 

Belgrandia  sp., 

den  Ostalpen  nur  6: 

Zonites  acieformis  (dessen  nächster  leben- 
der Verwandter,  Z.  verticillus,  indessen 
hier  vorkommt) 


Travertingcbiet  der  Gegend  von  Weimar. 


193 


Helix  banatiea  (die  in  der  Niihe,  in  Sla- 

vonien,  vorkoiiinit) 
Helix  ToiiDensis 
Pnpa  costulata 
Planorbis  vorticiilus 
Belgrandia  sp. 

Diesen  ausgesprochenen  Beziehungen  zu  den  Ostalpen- 
und  Karpathenliindern  stehen  keine  auch  nur  einigermafsen 
vergleichbaren  Beziehungen  zu  anderen  Gebieten  gegenüber. 

Ebenso  wichtig  wie  die  eben  besprochenen  positiven 
sind  die  negativen  Beziehungen  zu  rezenten  Faunen.  Allein 
diese  negativen  Beziehungen  sind  deshalb  schwer  zu  be- 
urteilen, weil  die  negativen  Momente  eines  fossilen  Konchylien- 
bestandes  nicht  ohne  weiteres  auch  die  negativen  Momente 
der  damals  lebenden  Molluskenfauna  sind  —  ein  nur  zu 
oft  übersehener  Umstand,  der  mich  schon  seit  Jahren  ver- 
anlafst  hat,  die  Gesamtheit  der  in  einer  Ablagerung  ge- 
fundenen Konchylien  nicht  als  die  Fauna  der  betreffenden 
Zeit  und  Örtlichkeit,  sondern  nur  als  den  Bestand  der 
betreffenden  Ablagerung,  welche  in  der  Regel  nur  einen 
mehr  oder  weniger  grofsen  Bruchteil  der  Fauna  ausmachen 
wh'd,  zu  bezeichnen.  Bei  der  Bewertung  der  negativen 
Momente  unseres  Bestandes  ist  also  gröfste  Vorsicht  geboten. 
Immerhin  ist  unter  allen  Umständen  die  Erscheinung  merk- 
würdig, dafs  unserem  Bestände  eine  grofse  Anzahl  im 
Deutschen  Mittelgebirgslande  verbreiteter  Arten  fehlt,  und 
das  umsomehr  als  diese  Arten  in  ihrer  überwiegenden 
Mehrzahl  solche  sind,  die  heute  ihre  Hauptverbreitung  in 
den  westlichen  Teilen  Europas,  im  atlantischen  und  west- 
mediterranen Gebiete  besitzen.  Als  besonders  typische 
Beispiele  führe  ich  folgende  Landschnecken  an: 

Patula  rupestris 
Helix  ericetorum 
Helix  candidula 
Buliminus  detritus 
Cionella  tridens 
Pupa  secale 
Balea  fragilis 

Zeitschr.  f.  N.itarwis8.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  J3 


194 


E\vALr)  Wüst, 


[34] 


Cyclostoma  elegans 
Acme  lineata. 

Auf  äbnlich  verbreitete  Wasserraollnsken,  wie  z.  B. 
Neritina  fhiviatilis,  will  ich  deshalb  nicht  eingehen,  weil 
ihr  Fehlen  in  unserem  Bestände  auf  faziellen  Verbältnissen 
beruhen  kann  und  zum  Teile  sogar  sicher  beruht. 

Auch  die  Ostalpen-  und  Karpathenländer,  zu  denen  so 
viele  positive  Beziehungen  bestehen,  haben  zahlreiche  —  meist 
eigentümliche  oder  wesentlich  est-  oder  südosteuropäische  — 
Arten,  welche  unserem  Bestände  fehlen.  Die  Zahl  solcher 
Arten  ist  so  grofs,  dafs  nicht  wohl  angenommen  werden 
kann,  dafs  unser  Bestand  die  fossilen  Reste  einer  Fauna, 
wie  sie  heute  in  einem  Teile  der  genannten  Gebiete  lebt, 
darstellt.  Es  läfst  sich  überhaupt  keine  rezente  Fauna 
ermitteln,  mit  der  unsere  plistozäne  im  wesentlichen  überein- 
gestimmt haben  dürfte.  Es  läfst  sich  lediglich  sagen,  dafs 
unsere  })listozäne  Fauna  ihrem  tiergeographischen  Charakter 
nach  den  Faunen  der  Böhmischen  Masse,  der  Karpathen- 
länder und  der  tieferen  Regionen  der  Ostalpenländer  im 
ganzen  am  nächsten  steht.  Bemerkenswert  ist  dabei  der 
durch  Belgrandia  sp.  repräsentierte  höchst  wahrscheinlich 
mediterrane  Einschlag. 

Die  Hauptmasse  des  Materiales  von  dem  geschilderten 
Bestände  habe  ich  in  einer  tonigen  Schicht  gesammelt, 
welche  etwa  5  m  über  der  Oberfläche  der  Ilmablagerungen 
der  Unterterrasse  und  etwa  5  m  unter  der  Unterfläche  des 
Parisers  liegt.  In  dieser  Schicht  fand  ich  alle  in  der  Tabelle 
aufgezählten  Arten  mit  alleiniger  Ausnahme  von 

Planorbis  vorticulus 
Unio  sp. 

Aus  allen  anderen  Schichten,  in  denen  ich  überhaupt 
sammeln  konnte,  habe  ich  weit  weniger  Material  erhalten. 
Der  gröfste  Teil  dieser  Schichten  stellt  reine  Charensande 
dar,  welche  gewöhnlich  überaus  arm  an  Landsch necken 
sind.  Ich  möchte  aber  hervorheben,  dafs  ich  in  den  untersten 
wie  den  obersten  Schichten  des  eingangs  umschriebenen 
Schichtenkomplexes  massenhaftes  Vorkommen  von  Belgrandia 
konstatiert  habe  und  dafs  in  der  untersten  Schicht,  in  der 


135J 


TravertiDgetiiet  der  Gegend  von  Weimar. 


105 


ich  gesammelt  habe,  der  paläolithischen  Fundschicht,  in 
der  allein  ich  Planorhis  vorticulus  und  Unio  sp.  gefunden 
habe,  wenigstens  eines  der  für  den  Gesamtbestand  so  be- 
zeichnenden östlichen  Elemente,  Ilelix  vindohonensis,  nach- 
gewiesen ist. 

Aufser  Konchylien  kenne  ich  aus  den  besprochenen 
Schichten,  von  belanglosen  Resten  von  Pflanzen,  Ostra- 
koden  u.  a.  abgesehen,  nur  Säugetierreste.  Was  davon  nach 
Provenienz  und  Bestimmung  ganz  sicher  ist,  entstammt  der 
paläolithischen  Fundschicht,  welche  nahe  der  Basis  des  hier 
betrachteten  Schichtenkomplexes  liegt,  oder  deren  unmittel- 
barer Nachbarschaft.  Für  diese  Schicht  kann  ich  mit 
Sicherheit  das  Vorkommen  der  sogenannten  Äntiquus-Fanna,, 
vor  allem  der  Leitformen  derselben,  des  Elephas  antiquus 
Falc.  und  des  Rhinoceros  Merckii  Jäg.  angeben.  Die  in 
den  Sammlungen  vorhandenen  Säugetierreste  von  Weimar, 
deren  Provenienz  heute  nicht  mehr  exakt  zu  ermitteln  ist, 
dürften  wohl  in  der  Hauptsache  aus  der  gleichen  Schicht 
stammen. 

Der  Konchylienbestand  b  setzt  zweifellos  ein  bereits 
ziemlich  warmes  gemäfsigtes  Waldklima  voraus,  das  ein 
merklich  kontinentaleres  Gepräge  besafs  als  das  heute  im 
Deutschen  Mittelgebirgslande  herrschende.  Ein  Element  des 
Konchylienbestandes,  Belgrandia  sp.,  und  ebenso  der  der 
Antiquus -Y2Lvm2L  angehörende  Säugetierbestand  könnten 
vielleicht  eher  im  Sinne  eines  mediterranen  Klimas  gedeutet 
werden.  Allein  Belgrandia  steht  als  höchstwahrscheinlich 
mediterranes  Element  vereinzelt  unter  den  Konchylien  des 
Bestandes  b  und  die  klimatische  Anpassung  der  Antiquus- 
Fauna  kann  beim  derzeitigen  Stande  unserer  Kenntnisse 
noch  recht  verschieden  beurteilt  werden.  Sollte  die  Antiquus- 
Fauna  als  mediterrane  Fauna  anzusehen  sein,  so  würde  ihr 
Zusammenvorkommen  mit  einer  Molluskenfauna  von  süd- 
borealem  Gepräge  durch  die  nicht  unwahrscheinliche  An- 
nahme erklärbar  sein,  dafs  relativ  schnell  ablaufenden 
Klimaveränderungen  die  Säugetiere  —  zumal  die  gröfseren 
Arten  —  in  ihren  Wanderungen  rascher  folgten  als  die 
Mollusken. 


13* 


196 


EwAi.u  Wüst, 


[36] 


Die  Fossilienbestände  der  Unteren  Travertine  von  Taubach. 

(Konchylienbestände  b  und  b.) 

'Wie  im  geologischen  Teile  der  vorliegenden  Arbeit 
gezeigt  wurde,  sind  in  Taubach,  wo  die  Travertine  der 
Mittelterrasse  auflagern,  die  untersten,  im  Ulle  sehen  Bruche 
zu  Weimar  unmittelbar  der  Unterterrasse  auflagernden 
Travertine,  die  Baumtravertine,  wenigstens  in  ihrer  Haupt- 
masse nicht  vertreten.  Paläontologische  Verhältnisse  sprechen 
aber  dafür,  dafs  diese  Schichten  bezw.  deren  oberster  Teil 
zu  Taubaeh  wenigstens  durch  eine  ganz  dünne  Travertinlage 
vertreten  sind.  Ich  gewann  im  östlichen  Sonnrein  sehen 
Bruche  aus  einem  bis  0,45  m  mächtigen  Moosti-avertine 
(vulgo  „Ratten")  einige  wenige  Konchylien,  welche  zu 
6  Arten  gehören.  Diese  Arten  kommen  insgesamt  in  den 
Baumtravertinen  von  Weimar  (Konchylienbestand  b)  vor. 
Es  handelt  sich  allerdings  in  5  von  den  6  Arten  um  unter 
den  verschiedensten  Klimaten  weit  verbreitete  und  auch  in 
unseren  Travertinen  in  den  verschiedensten  Schichten  vor- 
kommende Arten,  doch  kommt  eine  Art 

Patula  ruderata, 

über  deren  tiergeographischen  Charakter  oben  das  erforder- 
liche gesagt  wurde,  von  einem  Vorkommen  in  den  Oberen 
Travertinen  abgesehen,  nur  in  den  Ratten  des  Sonnrein  sehen 
und  in  den  Baumtravertinen  des  Ulle  sehen  Bruches  vor. 
Man  geht  danach  kaum  fehl,  wenn  man  in  unserem  Bestände 
einen  Bestand  vom  Typus  b  erblickt. 

Die  übrigen  Schichten  enthalten,  wie  die  Tabelle  zeigt, 
fast  genau  dieselben  Konchylien  wie  die  Hauptmasse  der 
Unteren  Travertine  im  Ulle  sehen  Bruche  zu  Weimar  (Kon- 
chylienbestand b).  Ich  konnte  75  Arten,  56  Landschnecken, 
16  Wasserschnecken  und  3  Muscheln  nachweisen.  In  der 
Literatur  werden  von  Taubach  11  von  mir  nicht  gefundene 
Arten  angegeben,  die  wohl  alle  oder  fast  alle  aus  den  hier 
zu  behandelnden  Schichten  stammen.  Ich  habe  in  der 
Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  sowohl  zu  Weimar  wie 
zu  Taubach  75  Arten  Mollusken  gefunden.  Davon  sind 
nicht  weniger  als  67  Arten  identisch.    Zu  Taubach  fand  ich 


[87] 


TravcrtiDgcbict  der  Gegend  von  Weimar. 


197 


8  von  mir  zu  Weimar  nicht  gefundene  Arten,  die  indessen 
bis  auf  1  {Äncylus  lacustris)  in  der  Literatur  aus  den 
Travertinen  von  Weimar  angegeben  werden.  Zu  Weimar 
fand  ich  8  von  mir  zu  Taubach  nicht  gefundene  Arten,  von 
denen  3  in  der  Literatur  von  Taubach  angegeben  werden, 
während  5  auch  nach  der  Literatur  zu  Taubach  fehlen: 

Helix  personata 

Ciausilia  plicatula 

Pianorbis  vorticulus 

Unio  sp. 

Pisidium  milium. 

Von  den  11  in  der  Literatur  von  Taubach  angegebenen 
Arten  kenne  ich  3  aus  der  Hauptmasse  der  Unteren  Traver- 
tine  von  Weimar.    Die  übrigen  8  sind: 

Vitrina  diaphana 

Hyalinia  nitens 

Pupa  alpestris 

Ciausilia  dubia 

Ciausilia  ventricosa 

Planorbis  albus 

Bithynia  Leachii 

Anodonta  sp. 

Von  diesen  8  Arten  werden  alle  bis  auf  Anodonta  sp.  in 
der  Literatur  auch  aus  den  Travertinen  von  Weimar  an- 
gegeben. 

Die  Unterschiede,  welche  nach  meinen  und  der  früheren 
Autoren  Aufsammlungen  zwischen  den  Konchylienbeständen 
der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  von  Weimar  und 
Taubach  bestehen,  bedingen  keine  irgendwie  nennenswerten 
Unterscbiede  im  tiergeographischen  Charakter  der  beiden 
Bestände.  Die  der  heutigen  Fauna  des  Deutschen  Mittel- 
gebirgslandes  fehlenden  Arten  sind  —  von  den  von  mir  nicht 
gefundenen  aber  in  der  Literatur  von  Weimar  angegebenen 
beiden  Arten  Pupa  pagodula  und  Ciausilia  densesiriata  ab- 
gesehen —  dieselben.  Die  im  Deutsehen  Mittelgebirgslande 
nur  im  Bereiche  der  Böhmischen  Masse  vorkommenden 
Arten  sind  zu  Weimar  und  zu  Taubach  genau  dieselben. 
Die  im  Deutschen  Mittelgebirgslande   wenig  verbreiteten, 


198 


PhVALl)  WÜST, 


[38] 


wesentlich  südostlielien  Arten  sind  zu  Weimar  und  zu 
Taubaeli  fast  genau  dieselben.  Und  schliefslich  umfassen 
die  heute  in  den  Karpathenländern  und  den  Ostalpen 
fehlenden  Arten  Taubachs  und  Weimars  bis  auf  Pupa 
pagodula  und  Clausilia  densestriata  die  gleichen  Arten. 

Unter  den  vorgetragenen  Umständen  ist  nicht  daran  zu 
zweifeln,  dafs  die  nach  den  bisherigen  Listen  bestehenden 
Unterschiede  zwischen  den  Koncbylienbeständen  der  Haupt- 
masse der  Unteren  Travertine  von  Weimar  und  Taubach 
wesentlich  auf  Zufälligkeiten  der  Aufsanimlungen  beruhen 
und  dafs  beide  Bestände  die  Reste  einer  gleichen  Fauna 
darstellen. 

Auf  die  Unterschiede  zwischen  den  Koncbylienbeständen 
der  einzelnen  Schichten  der  Hauptmasse  der  Unteren  Tra- 
vertine von  Taubach  will  ich  erst  später  näher  eingehen. 
Hier  will  ich  nur  erwähnen,  dafs  die  untersten  Lagen, 
welche  unmittelbar  über  den  oben  erwähnten  „Ratten"  mit 
Patula  ruderata  folgen,  und  die  TravertingeröUe  enthaltende, 
bis  etwa  0,4  m  mächtig  werdende  paläolithische  Fundschicht 
von  Taubach  darstellen,  bereits  folgende  für  die  Hauptmasse 
der  Unteren  Travertine  von  Taubach  und  Weimar  besonders 
bezeichnende  Arten  enthalten : 

Patula  solaria 
Pupa  claustralis 
Clausilia*  filograna 
Clausilia  pumila 
Belgrandia  sp. 

Dieselbe  Schicht  ist  es  auch,  welche  die  überwiegende 
Mehrzahl  aller  Säugetierreste  von  Taubach  geliefert  hat, 
darunter  die  bekannten  prachtvollen  Reste  der  Äntiquus- 
Fauna.  Von  sonstigen  Fossilien  ist  aus  den  Unteren  Tra- 
vertinen  von  Taubach  nichts  bemerkenswertes  zu  berichten. 

Die  Fossilienbestände  der  Unteren  Travertine  von  Ehringsdorf. 

(Konchylienbestände  c,  e,  f.) 

Im  Ehringsdorfer  Travertingebiete  sind,  wie  schon  er- 
wähnt wurde,  die  Unteren  Travertine  meist  als  feste  Werk- 


[301 


Travcrtiii}?obiet  der  Gegend  von  Weimar. 


199 


bänke  iiusgebildet  uud  daher  der  Aufsanimlnng  von  Fossilien 
wenig  günstig. 

Das  Koncbylienmaterial,  das  ich  gewonnen  habe,  ist 
als  recht  dürftig  zu  bezeichnen,  ich  konnte  nur  36  Arten, 
24  Landschnecken,  10  Wasserschnecken  und  2  Muscheln 
nachweisen. 

Nach  dem  Konchylienniateriale  könnte  man  erhebliche 
Zweifel  daran  haben,  ob  die  Unteren  Travertine  von  P^hrings- 
dorf  vom  gleichen  Alter  sind  wie  die  Unteren  Travertine 
von  Weimar  und  Taubaeh,  denn  einerseits  fehlen  zu  Ehrings- 
dorf die  für  Weimar  und  Taubach  besonders  bezeichnenden 
Elemente  wie  insbesondere  Belgrandia  und  die  heute  vor- 
züglich in  südöstlicheren  Gebieten  lebenden  Schnecken, 
während  andererseits  zu  Ehringsdorf  einige  in  den  viel 
besser  erforschten  Unteren  Travertinen  von  Weimar  und 
Taubach  durchaus  fehlende  Schnecken  wie  insbesondere 
Helix  costellata  (eine  ausgestorbene  Form)  und  Pupa  tripli- 
cata  gefunden  worden  sind.  Allein  in  den  Unteren  Tra- 
vertinen von  Ehringsdorf  kommen,  wenigstens  in  den 
mittleren  Lagen,  die  Reste  derselben  ^«itg'mts- Fauna  wie  in 
Weimar  und  Taubach,  wo  diese  Fauna  ebenfalls  wenigstens 
vorzugsweise  —  vielleicht  ausschliefslich  —  den  mittleren 
Lagen  angehört,  vor.  So  sind  vor  allem  die  „Leitformen", 
Elephas  antiqmis  Falc.  und  Ehinoceros  Merchii  Jäg.,  aber 
auch  andere,  in  zahlreichen  Stücken  an  vielen  Stellen  der 
Unteren  Travertine  von  Ehringsdorf  nachgewiesen.  Danach 
haben  wir  also  auch  wichtige  paläontologische  Momente, 
welche  für  die  Gleichalterigkeit  wenigstens  der  Hauptmasse 
der  Unteren  Travertine  von  Ehringsdorf  mit  denen  von 
Weimar  uud  Taubach  sprechen.  Die  Unterschiede  in  den 
Konchylienbeständen  sind  jedenfalls  darauf  zurückzuführen, 
dafs  mein  Koncbylienmaterial  von  Ehringsdorf  durchweg 
aus  Schichten  stammt,  in  denen  keine  Reste  der  Antiquus- 
Fauna  nachgewiesen  sind,  die  also  anderen  Alters  sein 
dürften  als  wenigstens  die  Mehrzahl  derjenigen  Schichten, 
aus  denen  mein  Koncbylienmaterial  von  Weimar  und  Tau- 
bach stammt.  Aus  den  Ehringsdorfer  Schichten,  in  denen 
ich  mein  Koncbylienmaterial  gesammelt  habe,  kenne  ich 
aufser  Konchylien  nur  für  die  Zwecke  dieser  Arbeit  belanglose 


200 


Ewald  Wüst, 


[40] 


FussilicD,  vor  allem  keinerlei  sicher  bestimnibare  Säugetier- 
reste von  Bedeutung. 

In  der  nun  folgenden  Besprechung  meiner  Konchylien- 
materialien  teile  ich  diese  in  zwei  Gruppen,  je  nach  dem, 
ob  sie  aus  Schichten  unter  oder  über  Schichten  mit  Resten 
der  Antiquus -Fiinna,  stammen. 

In  Schichten  unter  solchen  mit  Resten  der  Antiqmcs- 
Fauna  habe  ich  nur  an  einer  Stelle,  im  Saalbokn sehen 
Bruche,  ein  nennenswertes  Konchylienmaterial  zu  sammeln 
vermocht.  Hier  beginnen  die  Unteren  Travertinen  über  den 
Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse  mit  Chareusanden,  in 
denen  ich  den  als  c  bezeichneten  aus  22  Arten,  10  Land- 
schnecken, 10  Wasserschneeken  und  2  Muscheln  bestehenden 
Konchylienbestand  sammeln  konnte.  Der  —  wie  die  Bestände 
reiner  Charensande  gewöhnlich  —  an  Landschnecken  sehr 
arme  Bestand  zeigt  ein  überaus  indiflferentes  Gepräge,  d.  h. 
er  besteht  so  gut  wie  nur  aus  sehr  weit  verbreiteten  Arten. 
Nur  3  Arten  scheinen  mir  der  Erwähnung  wert  zu  sein : 

Pupa  Moulinsiana 
Planorbis  vorticulus 
Planorbis  glaber. 

Planorbis  glaber,  eine  weit  verbreitete  Art,  ist  insofern 
erwähnenswert,  als  sie  sonst  nirgends  im  ganzen  Travertin- 
gebiete  gefunden  worden  ist.  Planorbis  vorticulus,  eine 
zwar  wenig,  doch  in  recht  verschiedenartigen  Gebieten  ver- 
breitete Art,  erwähne  ich  deshalb,  weil  sie  im  ganzen 
Travertingebiete  sonst  nur  noch  in  der  paläolithischen  Fund- 
schicht von  Weimar  vorkommt,  einer  Schicht  also,  die  nach 
den  Niveauverhältnissen  zu  urteilen,  dem  Charensande  von 
Saalborn  im  Alter  ziemlich  nahe  stehen  würde.  Pupa 
Moulinsiana  ist  ähnlich  wie  Planorbis  vorticulus  eine  Form, 
welche  heute  offenbar  recht  verschiedenartige  klimatische 
Anpassungen  besitzt.  Es  ist  aber  bemerkenswert,  dafs  sie 
in  den  Travertinen  der  Gegend  von  Weimar,  und  zwar  in 
den  Unteren  wie  in  den  Oberen,  überall  da,  wo  sie  in 
artenreicheren  Beständen  konstatiert  wurde,  mit  den  für  die 
Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  so  bezeichnenden  süd- 
östlichen Elementen  vergesellschaftet  ist.  So  sehen  wir  also 


Travcrtingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


201 


iiuinerbiu  eiuige  Beziehimg-eu  unseres  Hestaudes  zu  den 
Beständen  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine,  während 
Beziehungen  zu  tieferen  Schichten  fehlen.  Sonach  dürfte 
der  Charensand  des  Saalborn  sehen  Bruches  seiner  Bildungs- 
zeit nach  am  ehesten  mit  den  Schichten  um  die  Basis  der 
Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  von  Weimar  und  Tau- 
bach herum  zu  parallelisieren  sein,  wie  das  auch  ungefähr 
seinem  Niveau  über  der  heutigen  Ilmenau  entspricht.  Im 
gleichen  Sinne  spricht  der  Umstand,  dal's  ich  in  den  festen 
Werkbänken  in  seinem  unmittelbaren  Hangenden  das  Vor- 
kommen von  Elephas  antiquus  konstatiert  habe.  Seinem 
tiergeographischen  Charakter  nach  dürfte  unser  Bestand 
zeitlich  zwischen  die  als  b  und  b  bezeichneten  Bestände 
einzuschieben  sein.  Diese  Anseht  habe  ich  auch  darin 
zum  Ausdrucke  gebracht,  dafs  ich  den  Bestand  mit  dem 
Buchstaben  c  bezeichnet  habe.  Die  Fundschicht  des  Be- 
standes c  dürfte  einem  Teile  der  Schichten  zwischen  den 
Schichten  mit  den  Beständen  b  bezw.  b  im  Ulle  sehen 
Bruche,  die  bisher  keine  Fossilien  geliefert  haben,  und  der 
in  Taubach  zerstörten  und  jetzt  zum  Teile  in  Gestalt  von 
GeröUen  in  der  paläolithischen  Fundschicht  liegenden  Tra- 
vertinschichten  im  Alter  entsprechen. 

Ich  wende  mich  nunmehr  zu  den  Kouehylienbeständen, 
welche  ich  in  Schichten  gesammelt  habe,  die  Schichten  mit 
Kesten  der  Antiquus -Fauna  überlagern. 

Das  reichste  hierher  gehörende  Material  sammelte  ich 
in  dem  kleineu  Bruche  von  Schwarz.  Hier  sind  die  der 
Mittelterrasse  auflagernden  Unteren  Travertine  4,5  —  5  m 
mächtig.  2,3  m  unter  der  Unterfläche  des  Parisers  konnte 
ich  noch  Elephas  antiquiis  konstatieren.  0,9 — 1,9  m  unter 
der  Unterfläche  des  Parisers  finden  sich  mürbe  Einlage- 
rungen, in  denen  ich  den  als  e  bezeichneten,  aus  29  Arten, 
23  Laudschnecken  und  6  Wasserschnecken  bestehenden 
Konchylienbestand  sammelte.  Eine  Liste  dieses  Bestandes 
gibt  die  grofse  Tabelle. 

Der  Bestand  setzt  sich  —  von  der  rezent  nicht  be- 
kannten Hdix  costellata  abgesehen  —  nur  aus  Arten  zu- 
sammen, welche  —  namentlich  in  den  Waldgebieten  der 
borealen  Zone  des  paläarktischeu  Europa  —  eine  sehr 


202 


Ewald  Wüst, 


[42] 


weite  Verbreitung-  besitzen.  Alle  Arten  komnieu  z.  B.  im 
Deiitsehen  Mittelgebirgslande,  ebenso  aber  z.  B.  auch  in  den 
Ostalpen  und  in  den  Karpatbenländern  vor.  Ähnlich  wie 
in  dem  Bestände  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine 
von  Weimar  und  Taubach  fehlen  vorwiegend  westeuropäische 
Elemente  vollkommen,  während  vorwiegend  östliche  bezw. 
südöstliche  Elemente,  wie  sie  für  die  genannten  Schichten 
von  Weimar  und  Taubach  so  bezeichnend  sind,  wenigstens 
durch  Clausilia  pumila  vertreten  sind.  Dem  Niveau  der 
Fundschichten  nach  wären  Äquivalente  der  obersten  Teile 
der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  von  Weimar  und 
Taubach  zu  erwarten;  nach  den  recht  beträchtlichen  Unter- 
schieden in  den  Konchylienbeständen  zu  urteilen  dürften 
indessen  bereits  etwas  jünge're  Schichten  vorliegen.  Deshalb 
habe  ich  den  Bestand  mit  einem  besonderen  Buchstaben 
als  e  bezeichnet. 

Alles  sonst  noch  gesammelte  Material  stammt  aus 
Schichten,  welche  höher  über  der  heutigen  Ilmaue  liegen 
als  die  obersten  Schichten  der  Unteren  Travertine  von 
Weimar  und  Taubach.  Dieses  Material  repräsentiert  durch- 
weg sehr  ärmliche  Bestände. 

Im  Kaempfe sehen  Bruche,  in  dem  die  Unteren  Tra- 
vertine auf  der  Mittelterrasse  liegen,  lieferte  eine  Charen- 
sandlinse  3,5—5  m  über  der  Basis  der  Unteren  Travertine 
und  0  — 1,5  m  unter  der  Unterlläche  des  Parisers  13  Arten, 
8  Landschnecken  und  5  Wasserschneckeu. 

Couulus  fulvus 

Hyalinia  Hammonis 

Helix  pulchella 

Helix  costata 

Pupa  antivertigo 

Pupa  Mouliusiana 

Pupa  angustior 

Succinea  Pfeifferii 

Limuaea  peregra 

Physa  fontinalis 

Plauorbis  leucostoma 

Planorbis  contortus 

Bitbyuia  teutaculata. 


[.131 


Travertingebict  der  Gegend  von  Weimar. 


203 


Es  ist  das  eiu  bei  seiner  Armut  au  Lantlscbneckeu  ticr- 
geographiscb  kaum  näber  benrteilbarer  Bestand,  docb  ist 
immerhin  das  Vorkommen  von  Fupa  Moidinsiana ,  einer 
in  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  von  Weimar  und 
Taubacb  verbreiteten  Art,  bemerkenswert.  Der  Bestand  ist 
vielleicht  am  besten  noch  dem  Bestände  e  anzuschliefsen, 
leitet  aber  möglicherweise  bereits  zu  den  überaus  armen 
unter  f  zusammengefalsten  Beständen  über. 

An  einer  anderen  Stelle  des  Kaempfe sehen  Bruches 
fand  ich  in  tonigem  Charensande  15 — 35  cm  unter  der  Unter- 
fläche des  Parisers  8  Arten,  6  Landschnecken  und  2  Wasser- 
schnecken : 

Helix  pulchella 
Helix  costata 
Cionella  lubriea 
Pupa  muscorura 
Pupa  angustior 

Succiuea  sp.  (nicht  genau  bestimmbare  Reste) 

Limnaea  truncatula 

Planorbis  leucostoma. 
Dieser  Bestand,  den  ich  als  f  bezeichne,  ist  von  be- 
merkenswerter Ärmlichkeit,  zumal  wenn  man  in  Betracht 
zieht,  dafs  tonige  Charensande  sonst  die  konchylienreichsten 
Gesteine  des  Travertingebietes  darstellen.  Man  darf  aus 
der  Ärmlichkeit  dieses  Bestandes  zweifellos  schliefsen,  dafs 
gegen  Ende  der  Bildungszeit  der  Unteren  Travertine  für 
das  Molluskenleben  sehr  ungünstige  Verhältnisse  eintraten, 
von  denen  kontinentales  Steppenklima  und  kaltes  Klima 
am  ehesten  in  Betracht  kommen.  Das  Fehlen  jedweder 
auf  kaltes  Klima  hindeutender  Art  und  die  nachher  zu 
besprechenden  Verhältnisse  der  Fossilienbestände  der 
hangenden  Schichten  sprechen  dafür,  dafs  das  Herannahen 
eines  kontinentalen  Steppenklimas  für  die  Verarmung  der 
Molluskenfauna  verantwortlich  zu  machen  ist. 

Im  Saalborn  sehen  Bruche  habe  ich  in  mürben  Ein- 
lagerungen etwa  5 — 6  m  über  der  Oberfläche  der  Hm- 
ablagerungen  der  Mittelterrasse,  0,5 — 1,2  m  unter  der  Unter- 
fläche des  Parisers,  einige  wenige  Konchylien  gesammelt, 
die  nur  zu  2  Arten  gehören : 


204 


Ewald  Wüst, 


[44J 


Piipa  muscorum 

Pupa  triplicata. 
Ich  erwähne  diese  wenigen  Kouchylien  nur  deshalb,  weil 
darunter  7'»j;a  triplicata  nachgewiesen  ist,  eine  Art,  welche 
uns  bisher  nicht  begegnet  war,  aber  noch  in  den  untersten 
Schichten  der  Oberen  Travertine  entgegentreten  wird.  Fupa 
triiüicata  besitzt  heute  eine  weite  Verbreitung  in  klimatisch 
sehr  verschiedenartigen  Gebieten.  Sie  verbreitet  sich  von 
der  Pyrenäenhalbinsel  über  einen  Teil  von  Frankreich,  den 
Schweizer  Jura  (von  hier  bis  in  das  südliche  Elsafs  reichend), 
die  montane  Region  der  Alpen,  Oberitalien,  das  Öster- 
reichische Küstenland  und  die  Karpathenländer  nach  der 
Krim,  Kaukasien  und  Armenien.  Sie  besitzt  offenbar  ganz 
verschiedene  klimatische  Anpassungen.  Ihre  heutige  Ver- 
breitung läfst  die  Annahme  zu,  dafs  sie  in  die  Gegend  von 
Weimar  als  ein  Tier  kontinentalen  Klimas  eingewandert  ist, 
eine  Annahme,  welche  am  besten  zu  dem  passen  würde, 
was  wir  sonst  über  die  klimatischen  Verhältnisse  zur 
Bildungszeit  der  obersten  Lagen  der  Unteren  Travertine 
und  der  nächsthöheren  Schichten  erschliefsen  können.  Ich 
ziehe  den  kleinen  Bestand  mit  zu  dem  oben  besprochenen 
Bestände  f. 

Nach  den  vorgetragenen  Tatsachen  und  Erörterungen 
dürften  also  die  einzelnen  Glieder  der  Unteren  Travertine 
des  Ehringsdorfer  Gebietes  folgendermafsen  zu  beurteilen 
sein.  Die  untersten  Schichten,  deren  Fossilienführung  noch 
nicht  ermittelt  werden  konnte,  sind  den  Baumtravertinen 
von  Weimar  äquivalent.  Die  unmittelbar  auf  den  Ilm- 
ablagerungen der  Mittelterrasse  liegenden  Charensande  des 
Saalüokn sehen  Bruches  mit  dem  Konchylienbestande  c  ge- 
hören in  die  Nähe  der  Grenze  zwischen  den  Baumtravertinen 
und  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  zu  Weimar. 
Die  höheren  Lagen  mit  Kesten  der  Antiquus-¥ ».\xndi,  aber 
vorläutig  ohne  Konchylien,  entsprechen  der  Hauptmasse  der 
Unteren  Travertine  mit  Resten  der  J^w%t«<s- Fauna  und 
dem  Konchylienbestande  b  zu  Weimar  und  Taubach.  In 
die  Nähe  der  Obergrenze  dieser  Schichten  gehören  die 
Schichten  des  Schwarz  sehen  Bruches  mit  dem  Konchylien- 
bestande e  und  vielleicht  auch  noch  die  Charensaudlinse 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


205 


unter  dem  Pariser  im  KAEMPFEsclien  Bruche,  welche  einen 
Konchylienbestand  geliefert  hat,  von  dem  nicht  sicher  ist, 
ob  er  sich  näher  an  e  oder  an  f  anschliefst.  Die  Schichten 
mit  dem  sehr  verarmten  Konchylienbestande  f  im  Kaempfe- 
sehen  und  SAALHORNschen  Bruche  sind  die  jüngsten  zur  Zeit 
paläontologisch  charakterisierbaren  Schichten  der  Unteren 
Travertine  des  gesamten  Travertingebietes  der  Gegend  von 
Weimar. 

Die  Fossilienbestände  des  Parisers  von  Ehringsdorf. 

(Konchylienbestand  g.) 
Der  Pariser  des  Ehringsdorfer  Travertingebietes  ist  im 
allgemeinen  fossilienfrei,  wie  es  Löfs  zu  sein  pflegt. 

Ich  selbst  habe  nur  an  einer  Stelle,  im  Heydenreich- 
schen  Brache,  Fossilien  und  zwar  Konchylien  im  Pariser 
gefunden.  In  diesem  schon  seit  Jahren  aufgelassenen  Bruche 
ist  der  Pariser  im  allgemeinen  1,5  ra  mächtig,  seinem  reichen 
Gehalte  an  Gerollen  und  eckigen  Triasbrocken  nach  un- 
bedingt als  umgelagerter  Löfs  anzusprechen  und  in  seiner 
oberen  Hälfte  —  wohl  infolge  einer  Reduktion  seines  Eisen- 
hydroxydgehaltes zur  Bildungszeit  der  im  unmittelbaren 
Hangenden  sichtbaren  stark  humosen  Travertinlage  —  grau- 
grün gefärbt.  Ein  Teil  der  Lagen  des  Parisers  sind  hier 
geradezu  reich  an  Konchylien,  welche  indessen  zu  nur 
9  Arten,  8  Landschnecken  und  1  Wasserschnecke  gehören: 

Conulus  fulvus 

Helix  pulchella 

Helix  costata 

Helix  hispida 

Helix  striata 

Pupa  muscorura 

Cionella  lubrica 

Succinea  oblonga 

Limnaea  truncatula. 

Zumal  das  Vorkommen  von  Limnaea  truncatula  eine  Be- 
teiligung von  Wasser  bei  der  Bildung  der  Schicht  verrät, 
ist  der  Konchylienbestand,  den  ich  als  g  bezeichne,  als 
überaus    ärmlich    anzusehen.     Er   mufs   aus   einer  dem 


206 


Ewald  Wüst, 


[46] 


Molluskenleben  überaus  ungünstigen  Zeit  stammen.  An 
eine  Zeit  kalten  Klimas  ist  nicht  zu  denken,  da  alle  hierfür 
bezeichnenden  Arten  fehlen.  Dagegen  kann  der  Bestand 
sehr  wohl  aus  einer  Zeit  kontinentalen  Steppenklimas 
stammen,  denn  alle  gefundenen  Arten  kommen  heute  unter 
solchem  Klima  vor  und  sind  auch  —  zum  Teil  als  die 
häufigsten  und  bezeichnendsten  Schnecken  —  in  konchylien- 
fUhrenden  Löfsablagerungen  nachgewiesen.  Besondere  Be- 
achtung verdient  HcJix  striata,  eine  Schnecke,  welche  heute 
zwar  unter  recht  verschiedenartigen  Klimaten  eine  ziemlich 
weite  Verbreitung  besitzt,  aber  doch  ganz  entschieden  den 
Schwerpunkt  ihres  Verbreitungsgebietes  in  den  kontinen- 
taleren Gebieten  des  südöstlichen  Europa,  in  den  zentralen 
Teilen  Ungarns,  im  südlichen  Rui'sland  usw.  besitzt.  So 
weist  also  der  besprochene  Konchylienbestand  g,  obgleich 
umgelagertem  Löfse  angehörend,  auf  ein  recht  kontinentales 
Klima  hin. 

Aus  dem  Kaempfe  sehen  Bruche  erhielt  ich  Proben  von 
zu  festem,  travertinähnlich  aussehendem  Gesteine  ver- 
festigtem Pariser,  aus  denen  ich  folgende  —  in  der  Tabelle 
dem  Bestand  g  zugerechnete  —  3  Landschnecken  heraus- 
präparieren konnte : 

Helix  fruticum 

Helix  (Tachea)  sp.  (nicht  genau  bestimm- 
bare Scherben) 
Helix  Pomatia. 

Die  zwei  genau  bestimmten  Arten  sind  weit  verbreitet 
und  auch  in  den  kontinentalen  Gebieten  Ungarns  und  Süd- 
rufslands nachgewiesen. 

Aus  dem  Pariser  des  Fischer  sehen  Bruches  erhielt  ich 
als  einzigen  sicheren  Säugetieirest  aus  dem  Pariser  ein 
Bruchstück,  das  anscheinend  von  einem  ^jMr«/cero5- Geweih 
herrührt. 

Der  ärmliche  Fossilienbestand,  der  sich  an  einigen 
wenigen  Stellen  im  Pariser  nachweisen  liefs,  unterstützt  den 
im  geologischen  Teile  der  Arbeit  gezogenen  Schlufs,  dafs 
der  Pariser  in  einer  Periode  der  Löfsbildung  oder  im  un- 
mittelbaren Anschlüsse  daran  entstanden  ist. 


[47] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


207 


Wollte  man  in.  dem  Pariser  Umlagerungsprodukte  eines 
schon  vor  der  Bildung  des  Kieses  der  Unterterrasse  vor- 
handen gewesenen  Lesses  sehen,  die  auf  den  Unteren  Tra- 
vertinen  abgelagert  und  erhalten  werden  konnten,  nachdem 
das  Gebiet  der  Unteren  Travertiue  dem  Inundationsbereiche 
der  Ilm  entrückt  war,  so  würde  doch  die  Ärmlichkeit  und 
die  Zusammensetzung  des  Fossilienbestandes  des  Parisers, 
dem  zahlreiche  der  Arten  fehlen,  die  zur  Bildungszeit  der 
Unteren  Travertine  an  den  Gehängen  des  Ilmtales  gelebt 
haben  müssen,  zeigen,  dafs  zur  Bildungszeit  des  Parisers 
das  Klima  ein  anderes,  dem  Molluskenleben  ungünstiges, 
kontinentales  geworden  war. 

Die  Fossilienbestände  der  Oberen  Travertine  von  Ehringsdorf. 

(Konchylienbestände  i,  f.) 
Wie  bereits  im  geologischen  Teile  dieser  Arbeit  dar- 
gelegt wurde,  ist  die  Parallelisierung  der  in  den  verschie- 
denen Aufschlüssen  sichtbaren  Schichten  der  Oberen  Tra- 
vertine von  Ehringsdorf  auf  Grund  einer  Untersuchung  der 
Lagerungsverhältnisse  nicht  genau  und  sicher  durchführbar, 
weil  die  Oberen  Travertine  als  Gehängetravertine  anzusehen 
sind.  Unter  diesen  Umständen  ist  die  Aufeinanderfolge 
der  bisher  gesammelten  Fossilienbestände  nicht  mit  der 
wünschenswerten  Genauigkeit  und  Vollständigkeit  zu  er- 
mitteln. Gleichwohl  lassen  sieh  durch  Kombination  der 
in  den  verschiedenen  Aufschlüssen  gemachten  Beobach- 
tungen wenigstens  einige  nicht  unwesentliche  Ergebnisse 
gewinnen. 

Die  von  mir  in  den  Oberen  Travertinen  von  Ehringsdorf 
gesammelten  Konchylienbestände  lassen  sich  auf  drei  Typen 
verteilen,  welche  ich  als  t),  i  und  f  bezeichne. 

Die  Bestände  vom  Typus  ^  entstammen  humosen, 
erdigen  Einlagerungen  etwas  über  der  Basis  der  Oberen 
Travertine,  welche  sich  über  einen  grofsen  Teil  der  Brüche 
von  Haubold,  Schwakz,  Kaempfe  und  Fischer  verfolgen 
lassen.  Sie  enthalten  18  Konchylien,  17  Landschnecken  und 
1  Wasserschnecke,  welche  in  der  grofsen  Tabelle  auf- 
gezählt sind. 


208 


Ewald  Wüst, 


[48J 


Der  Konchylienbestand  ist  recht  ärmlich  und  indifferent. 
Von  den  nicht  ganz  weit  verbreiteten  Arten  ist  keine  mit 
denen  der  Schichten  bis  zu  der  Hauptmasse  der  Unteren 
Travertine  aufwärts  gemeinsam.  Am  bemerkenswertesten, 
weil  gegenwärtig  am  wenigsten  weit  verbreitet,  sind 

Helix  striata, 

welche  uns  zuerst  im  Pariser  entgegentrat, 

Pupa  triplicata, 

welche  in  den  obersten  Lagen  der  Unteren  Travertine  von 
Ehringsdorf  vorkommt,  und 

Buliminus  tridens, 

welcher  zum  ersten  Male  in  den  hier  zu  besprechenden 
Schichten  auftritt.  Hdix  striata  ist,  wie  schon  bei  der 
Besprechung  des  Parisers  gesagt  wurde,  eine  Schnecke,  die 
ihre  Hauptverbreitung  in  den  kontinentaleren  Gebieten  des 
südöstlichen  Europa  besitzt.  Vupa  triplicata  kann,  nach 
dem  bei  der  Besprechung  der  obersten  Unteren  Travertine 
von  Ehringsdorf  gesagten,  ebenfalls  als  ein  kontinentales 
Element  angesprochen  werden.  Von  Buliminus  tridens, 
ebenfalls  einer  ziemlich  weit  verbreiteten  Schnecke,  gilt 
dasselbe,  zumal  da  diese  Art  in  Südrufsland  aufserordentlich 
verbreitet  ist.  Einen  eigentlichen  Steppencharakter  scheint 
aber  unsere  Gegend  zur  Bildungszeit  der  hier  besprochenen 
Schicht  nicht  mehr  besessen  zu  haben,  wie  aus  dem  Vor- 
kommen einiger  weit  verbreiteter,  jedoch  die  südosteuropäi- 
seben  Steppengebiete  meidender  Arten,  wie  insbesondere 

Clausilia  dubia 

hervorgeht.  Elemente,  welche  für  kaltes  Klima  sprechen, 
fehlen  durchaus. 

Im  Fischer  sehen  Bruche  erhielt  ich  aus  der  Fundschicht 
des  Konehylienbestandes  ^  eine  Keihe  von  Säugetierresten. 
Ich  selbst  sammelte 

Myoxus  glis  L.  sp. 

Microtus  (=  Arvicola)   arvalis  Pall.  sp. 
oder  agrestis  L.  sp. 


[49]  Travcrtingebiet  der  Gegend  von  Weimar.  209 

Vou  Herrn  K.  Fischer  erhielt  ich 
Myoxus  glis  L.  sp. 

Rhinoceros  antiquitsitis  Blumenb.  (=  ticbo- 
rhinus  Cuv.). 

Von  der  zuletzt  geDauiiten,  wichtigen  Art  erhielt  ich  einen 
Unterkiefermolaren,  dessen  Bestimmung  vollkommen  sicher 
ist  und  dessen  Herkunft  aus  unserer  Schicht  nach  seinem 
Erhaltungszustande  und  dem  ihm  anhaftenden  Gesteins- 
materiale  nicht  zweifelhaft  sein  kann.') 

Herr  Grofsh.  Bauinspektor  Rebling  in  Weimar  besitzt 
ein  reiches  Material  von  Resten  kleiner  Säugetiere  aus  dem 
Fischer  sehen  Bruche,  welches  seinem  Erhaltungszustande 
nach  offenbar  ebenfalls  aus  unserer  Schicht  stammt.  Das 
Material  enthält,  von  noch  nicht  bestimmten  Fledermaus- 
arten abgesehen,  folgende  Arten 

Putorius  putorius  L.  sp. 
Lutra  lutra  L.  sp. 
Myoxus  glis  L.  sp. 
Cricetus  cricetus  L.  sp. 
Mus  sp. 

Microtus  (=  Arvicola)  arvalis  Fall.  sp. 
oder  agrestis  L.  sp. 

Der  aufgezählte  Säugetierbestand  trägt  einen  ähnlichen 
tiergeographischen  Charakter  wie  der  schon  besprochene 
Konchylienbestand.  Einige  Arten  sind  so  weit  verbreitet, 
dafs  sie  für  die  genauere  Charakterisierung  des  Säugetier- 
bestandes nicht  in  Betracht  kommen.  Myoxus  glis  und 
Cricetus  cricetus  sind  zwar  auch  recht  weit  verbreitete 
Arten,  doch  haben  sie  • —  Cricetus  noch  ausgesprochener 
als  Myoxus  —  den  Schwerpunkt  ihrer  Verbreitung  in  den 
kontinentaleren  Gebieten  Südosteuropas  und  Cricetus  auch 
Westsibiriens.  Ehinoceros  antiquitatis  ist  eine  ausgestorbene, 
im  Plistozän  sehr  häufige  Art,  welche  uns  hauptsächlich  in 
arktischen  und  Steppen -Faunen  entgegentritt,  aber  auch  in 


Vgl.  Wüst,  Das  Vorkommen  von  Rhinoceros  Merckii  Jag.  in 
den  Oberen  Travertinen  von  Ehringsdorf  usw.,  Centralblatt  für  Minera- 
logie usw.,  1909,  S.  23—25. 

Zeitachr.  f.  Naturwisa.  HaUe  a.  S.   Bd.  82.    1910.  14 


210 


Ewald  Wüst, 


[50] 


Waldfaimen  von  allerdings  stark  kontinentalem  Gepräge 
vorkommt. ') 

Die  von  mir  zum  Typus  t  vereinigten  und  in  der  grofsen 
Tabelle  zusamraengefafsten  Koncbylienbestände  weisen  trotz 
einer  weitgehenden  Ubereinstimmung  doch  auch  einzelne 
nicht  ganz  unwesentliche  Verschiedenheiten  auf.  Daher  sind 
die  3  hierher  gezogenen  Bestände  in  der  folgenden  Spezial- 
Tabelle einzeln  aufgezählt.  Die  3  Bestände  entstammen 
Schichten  von  sehr  verschiedener  Gesteinsbeschatfenheit  und 
Lagerung. 

Die  Fundschicht  des  Heydenreich  sehen  Bruches  ist 
eine  bis  0,45  m  mächtige  humose,  mürbe  Travertinlage, 
welche  nur  etwa  Ilm  über  der  heutigen  Ilraaue  unmittelbar 
dem  Pariser  aufliegt. 

Der  kleine  Bestand  aus  dem  Kaempfe  sehen  Bruche 
entstammt  festen,  dünnplattigen  Travertinen,  in  denen  das 
Sammeln  sehr  erschwert  ist.  Diese  Schichten  liegen 
3 — 6  m  über  der  Oberfläche  des  Parisers  und  damit  erheb- 
lich höher  als  die  nur  etwa  2  m  über  der  Oberfläche  des 
Parisers  gelegenen  Schichten  mit  einem  Koncbylienbestände 
vom  Typus  t)  des  gleichen  Bruches.  Es  ist  wichtig,  dafs 
das  Profil  des  Kaempfe  sehen  Bruches  deutlich  zeigt,  dafs 
der  Konchylienbestand  i  jünger  als  der  Kouchylien- 
bestand  |  ist. 

Die  Fundschicht  des  Hackemesser  sehen  Bruches  ist 
eine  graugrüne,  mergelige  Einlagerung  in  den  Gehänge- 
travertinen,  welche  etwa  2  m  über  der  Oberfläche  des 
Parisers  und  etwa  30  m  über  der  heutigen  Ilmaue  liegt. 
Einige  der  in  dieser  Schicht  gefundenen  Arten  konnte  ich 
auch  in  ihr  benachbarten  festen  Werktravertinen  nachweisen. 

In  der  Fundschicht  des  Heydenreich  sehen  Bruches 
fand  ich  22  Konchylieu,  die  alle  Landschnecken  sind.  Der 
Gesamtcharakter  des  Bestandes  ist  der  einer  Molluskenfauna 


1)  Z.  B.  in  den  mitteldeutschen  plistoziinen  Flufsablagerungen  mit 
Corbicula  fluminalis  Müll.  sp.  Aus  dem  Unstrutkiese  mit  Corbicula 
fluminalis  Müll.  sp.  von  Carsdorf,  den  ich  in  dieser  Zeitscliritt,  Bd.  77, 
1904,  S.  75— 77,  behandelt  habe,  erhielt  ich  später  durch  die  Freund- 
lichkeit des  Herrn  Rentmeister  Kuntze  in  Burgseheidungen  einen 
Oberkief'erprämolaren  von  Rhinoceros  antiquitatis. 


[51]  Travertingobiet  der  Gegend  von  Weimar.  211 


Heyden- 
reich 

Kaempfe 

Hacke- 
messer 

Hyaliuia  nitens  oder  nitidula     .   .  . 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

* 

Tacheasp. 

* 

* 

* 

* 

* . 

* 

* 

* 

*? 

*? 

* 

* 

* 

Planorbis  spirorbis  

* 

* 

* 

* 

* 

* 

der  Waldgebiete  des  südlichen  Teiles  der  borealen  Zone 
des  paläarktischen  Europa.  Elemente,  welche  mit  Bestimmt- 
heit auf  den  nördlichen  Teil  dieser  Zone  oder  gar  die 
arktische  Kegion  hinweisen,  fehlen  durchaus.    Von  wesent- 

14* 


212 


Ewald  Wüst, 


[52] 


lieh  südöetlicben  Elementen,  wie  sie  für  die  Hauptmasse 
der  Unteren  Travertine  so  bezeichnend  sind,  kommt  nur 

Clausilia  pumila 

und  auch  diese  nur  in  nicht  ganz  sicher  bestimmten  Bruch- 
stücken vor.  Die  beiden  für  den  Bestand  t)  so  charakte- 
ristischen Elemente 

Helix  striata 
Buliminus  tridens 

sind  noch  vorhanden,  wozu  jedoch  bemerkt  werden  mufs, 
dafs  Helix  striata,  welche  im  liegenden  Pariser  häufig  ist, 
durch  wühlende  Tiere  sekundär  in  unsere  Schicht  gelangt 
sein  könnte  —  ähnlich  wie  wir  heute  in  Maulwurfshaufen 
n.  dgl.  der  Wiesenböden  auf  Löfs  Löfsschneeken  finden. 
Dafs  zur  Bildungszeit  unserer  Schicht  bei  weitem  kein  so 
kontinentales  Klima  mehr  herrschen  konnte  wie  zu  derjenigen 
der  Schichten  mit  den  Konchylieubeständen  vom  Typus  ^, 
beweist  besonders  das  Vorkommen  der  Arten 

Helix  obvoluta 
Helix  strigella 
Clausilia  V  bidentata 
Cionella  V  Schulziana 
Acme  polita. 

Besonders  bemerkenswert  ist  das  Vorkommen  von 

Hyalinia  nitens  oder  nitidula 
Clausilia  ?  bidentata 
Cionella  V  Schulziana, 

weil  ich  diese  3  Arten  in  keiner  der  älteren  Ablagerungen 
des  Travertingebietes  der  Gegend  von  Weimar  nachweisen 
konnte.  Es  ist  sehr  bedauerlich,  dafs  gerade  diese  3  inter- 
essanten Formen  bisher  nur  in  nicht  ganz  sicher  bestimm- 
baren Stücken  gesammelt  werden  konnten,  was  seine  Ursache 
in  dem  fast  durchgängig  überaus  sehlechten  Erhaltungs- 
zustande der  Konchylien  unserer  Schicht  hat.  Am  bemerkens- 
wertesten ist  von  den  3  besonders  hervorgehobenen  Schnecken 
die  —  iü  dieser  Arbeit  als  neu  beschriebene  —  Cionella 
Schulziana.    Diese  gehört  zu  der  Untergattung  —  oder 


[53] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


213 


vielleicht  richtiger  Gattung  —  Äzeca,  deren  Arten  heute 
über  Frankreich,  England,  Belgien  und  den  westlichen  Teil 
von  Deutschland  verbreitet  sind.  Da  die  nur  fossil  bekannte 
Cionella  Schulsiana  indessen  nur  in  Beständen  von  ähnlichem 
Charakter  wie  derjenigen  der  Hauptmasse  der  Unteren  Tra- 
vertine  vorkommt,  wird  anzunehmen  sein,  dafs  diese  Art 
eine  andere  klimatische  Anpassung  besessen  hat  als  ihre 
nächsten  lebenden  Verwandten.  Gehört  die  Ehringsdorfer 
Äzeca  zu  Schuhiana,  was  sehr  wahrscheinlich  aber  bei  dem 
sehr  fragmentären  Zustande  der  wenigen  gefundenen  Stücke 
nicht  ganz  sicher  ist,  so  beeinträchtigt  ihr  Vorkommen  in 
keiner  Weise  das  oben  über  den  tiergeographischen  Cha- 
rakter unseres  Bestandes  gesagte. 

Die  Fundsehicht  des  Kaempfe  sehen  Bruches  hat  infolge 
von  sehr  ungünstigen  Sammelbedingungen  nur  6  Konchylien 
und  zwar  durchweg  Landschnecken  geliefert.  Der  kleine 
Bestand  umfafst  aufser  einigen  sehr  weit  verbreiteten,  nichts- 
sagenden Arten 

Helix  bidens 
Helix  striata 
Buliminus  tridens. 

Helix  striata  und  Buliminus  tridens  sind  mit  der  Fund- 
schicht des  Heydenreich  sehen  Bruches  gemeinsam.  Helix 
bidens  ist  uns  bisher  noch  nicht  begegnet.  Sie  ist  eine 
vorwiegend  osteuropäische  Art,  welche,  ihrer  heutigen  Ver- 
breitung nach  zu  urteilen,  recht  gut  in  den  Konchylien- 
bestand  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  (b)  passen 
würde,  wie  sie  denn  auch  in  der  Tat  anderwärts  in  ähn- 
lichen Beständen  gefunden  worden  ist.  i) 

Die  Fundsehicht  des  Hackemesser  sehen  Bruches  hat 
27  Konchylien,  22  Landschnecken,  3  Wasserschnecken  und 
2  Muscheln  geliefert.  Der  Konchylienbestand  dieser  Schicht 
trägt  im  ganzen  denselben  tiergeographischen  Charakter 
wie  derjenige  der  Fundschicht  des  Heydenreich  sehen 
Bruches.  An  wichtigeren  Arten  sind  mit  der  Fundschicht 
des  Heydenreich  sehen  Bruches 


1)  Z.B.  in  Travertinen  am  Grofsen  Falisteine  im  nördlichen  Harz- 
vorlande. 


214 


Ewald  Wüst, 


[54] 


Clausilia  ?  bidentata 
Clausilia  pumila 
Cionella  ?  Schulziana 

und  mit  der  Fundscliicht  des  Kaempfe  sehen  Bruches 
Helix  bidens 

gemeinsam.  Von  den  bemerkenswerteren  Arten  der  beiden 
anderen  Fundschichten  fehlen 

Helix  striata 
Buliminus  tridens, 

was  vielleicht  in  dem  Sinne  zu  deuten  ist,  dafs  von  unseren 
drei  Schichten  die  Hackemesser  sehe  die  jüngste  ist,  daher 
in  ihr  diese  beiden  kontinentalen  Elemente  bereits  ver- 
schwunden sind.  Im  ganzen  Travertingebiete  ausschliefslich 
in  der  Hackemesser  sehen  Schicht  gefunden  ist 

Buliminus  ?  montanus, 
dessen  Vorkommen  zusammen  mit  dem  von  besonders 

Helix  obvoluta 
Helix  lapicida 
Clausilia  ?  bidentata 
Cionella  V  Schulziana 
Acme  polita 

zeigt,  dafs  unsere  Schicht  unter  wesentlich  weniger  kon- 
tinentalem Klima  als  die  Fundschichten  der  Konchylien- 
bestände  vom  Typus  f)  entstanden  ist. 

Unter  dem  Typus  f  vereinige  ich  die  Konchylienbestände, 
welche  ich  in  Charensanden  und  mergeligen  Einlagerungen 
in  den  Oberen  Travertinen  des  Fischer  sehen  Bruches  ge- 
sammelt habe.  Diese  Schichten  liegen  1 — 3,5  m  über  der 
Oberfläche  des  Parisers  und  damit  höher  als  die  nur  0,7 — 1  m 
über  der  Oberfläche  des  Parisers  gelegene  schwarze,  erdige 
Schicht,  welche  einen  Konchylienbestand  vom  Typus  ij  ge- 
liefert hat.  Die  hierher  gehörenden  Bestände  umfassen  zu- 
sammen 28  Konchylien,  23  Landschnecken,  3  Wasser- 
schnecken und  2  Muscheln,  welche  in  der  grofsen  Tabelle 
aufgezählt  sind. 


155] 


Travortingehiet  der  Gegend  von  Weimar. 


215 


Der  Koncliylienbestand  f  zeigt  eine  bemerkenswerte 
Annäherung-  an  den  Konchylieubestand  b  der  Hauptmasse 
der  Unteren  Travertine.  Von  seinen  28  Arten  sind  24  sicher 
mit  b  gemeinsam,  darunter  3  Arten,  welche  im  ganzen 
Bereiche  des  Travertingebietes  nur  in  b  und  f  vorkommen 

Helix  vindobonensis 
Pupa  minutissima 
Pupa  pusilla. 

Von  diesen  3  Arten  ist  Helix  vindobonensis  eines  der 
für  die  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  so  bezeichnenden 
südöstlichen  Elemente.  Von  den  4  in  b  fehlenden  Arten 
sind  2  nicht  sicher  bestimmt 

Vitrina  diaphana 
Pupa  triplicata. 

Die  beiden  anderen  sind 

Patula  ruderata 
Planorbis  spirorbis. 

Fatula  ruderata  kenne  ich  sonst  nur  aus  den  untersten 
Lagen  der  Unteren  Travertine  (Konchylieubestand  b)  von 
Weimar  und  Taubach,  Planorhis  spirorbis  nur  aus  der  Fund- 
schicht des  Konchylienbestandes  i  im  Hackemesser  sehen 
Bruche. 

Von  Säugetieren  sind  mir  aus  den  Fundschichten  des 
Konchylienbestandes  f  nur 

Myoxus  glis  L.  sp. 
Rhinoceros  Merckii  Jag. 

bekannt  geworden.  Von  letzterem  i)  kenne  ich  nur  einen 
schönen  Unterkiefer  mit  allen  6  Backzähnen  in  der  Samm- 
lung Rebling  in  Weimar.  An  seine  Herkunft  aus  unseren 
Schichten  kann  nach  den  mir  von  Rebling  und  Fischer 
gemachten  Angaben  sowie  dem  Erhaltungszustande  des 
Stückes  kein  Zweifel  bestehen.    Da  Rhinoceros  Merckii  im 


Vgl.  Wüst,  Das  Vorkommen  von  Rhinoceros  Merckii  Jäg.  in 
den  Oberen  Travertinen  von  Ehringsdorf  usw.,  Centralblatt  für  Minera- 
logie usw.,  1909,  S.  23—25. 


216 


Ewald  Wüst, 


[56] 


Travertingebiote  tlev  Gegend  von  Weimar  sonst  aussclilierslich 
iu  den  Sebichteu  mit  dem  Konebylieubestande  b  vorkommt, 
bekräftigt  das  Vorkommen  dieses  lihinoceros  in  unserer 
Scbiebt,  die  scbon  aus  der  Bescbaflenbeit  des  Koucbylien- 
bestandes  f  zu  gewinnende  Meinung,  dals  zur  Bilduugszeit 
unserer  Scbiebten  äbnlicbe  klimatiscbe  Verbältnisse  und 
damit  eine  äbnlicbe  Fauna  wiederkehrte,  wie  sie  zur 
Bildungszeit  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  in  der 
Gegend  vorbanden  waren.  Das  Vorkommen  von  Patula 
ruderafa  ist  wobl  sebon  als  der  erste  Vorbote  eines  Wieder- 
hereinbreebens  kälteren  Klimas  anzuseben. 

Nacb  dem  eben  gesagten  und  nacb  den  Beziebuugen 
der  Koucbylienbestände  f),  t  und  f  zu  einander,  ist  es  wahr- 
scheinlicb,  dafs  die  Altersfolge  dieser  Koucbylienbestände 
^ — i — f  ist.  Es  sei  aber  nocbmals  betont,  dafs  aus  den 
Lagerungsverbältnissen  der  Fundschiebten  dieser  Bestände 
bisher  nur  soviel  mit  aller  Sicherheit  ermittelt  werden  konnte, 
dafs  i  und  f  jünger  als  t)  sind,  während  sich  die  Alters- 
beziehungen zwischen  i  und  f  bisher  noch  nicht  durch  Be- 
obachtung der  Lagerungsbeziebungen  ihrer  Fundschichten 
zueinander  exakt  feststellen  liefsen. 


Die  Fossilienbestände  der  Oberen  Travertine  von  Weimar. 

Bei  den  derzeitigen  Aufschlulsverbältnissen  war  es  mir 
unmöglich,  in  den  Oberen  Travertinen  von  Weimar  Fossilien 
zu  sammeln.  Weiss  und  Schmidt  geben  bei  einigen  Kon- 
cbylien  an,  dafs  sie  nur  in  den  oberen  Lagen  der  Travertine 
von  Weimar  vorkommen,  worunter  allerdings  unter  Umständen 
auch  der  Pariser  und  die  obersten  Lagen  der  Unteren  Tra- 
vertine mit  verstanden  sein  können.  Diese  Koncbylien  sind 
die  folgenden: 

Helix  bidens  (nach  Schmidt) 
Helix  striata  (nach  Schmidt) 
Buliminus  tridens  (nach  Wkiss) 
Buliminus  obscurus  (nach  Schmidt) 
Limnaea  stagnalis  (nach  Weiss  und  Schmidt) 
Planorbis  vortex  (nach  Weiss). 


[57] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


217 


Vou  diesen  Arten  habe  ich  Flanorbis  vortex  Uberhaupt 
nicht  und  Linmaea  stagmilis  nur  einmal  auf  einer  Halde 
des  Ullk  sehen  Bruches  gefunden  und  habe  daher  kein 
Urteil  darüber,  welches  die  Fuudschichten  dieser  Arten  sein 
mögen,  ßuliminus  obscurtis  kenne  ich  nur  aus  den  Unteren 
Travertinen  von  Weimar,  Zaubach  und  Ehringsdorf.  Helix 
hidens  und  Buliminus  tridens  kenne  ich  nur  aus  den  Oberen 
Travertinen  von  Ehringsdorf,  Ilelix  striata  aus  dem  Pariser 
und  den  Oberen  Travertinen  vou  Ehringsdorf.  Danach  ist 
es  mir  wahrscheinlich,  dals  Helix  hidens,  Helix  striata  und 
Buliminus  tridens  in  Weimar  in  den  Oberen  Travertinen 
—  Helix  striata  vielleicht  auch  im  Pariser  —  gesammelt 
worden  sind.  Die  übrigen  oben  angeführten  Arten  würden, 
gleichviel  ob  sie  zu  Weimar  in  den  obersten  Lagen  der 
Unteren  Travertine  oder  in  den  Oberen  Travertinen  ge- 
sammelt worden  sein  sollten,  das  Bild,  das  sich  nach  meinen 
Aufsammlungen  bei  Ehringsdorf  vom  tiergeographischen 
Charakter  der  Konchylienbestände  dieser  Schichten  ergibt, 
nicht  beeinträchtigen.  Nach  meinen  Erfahrungen  im  Travertin- 
gebiete  der  Gegend  von  Weimar  halte  ich  es  für  sehr  wahr- 
scheinlich, dafs  auch  eine  Reihe  von  mir  zu  Weimar  nicht 
gefundener  aber  in  der  Literatur  ohne  Angabe  des  Niveaus 
von  diesem  Fundorte  angeführter  Arten  den  Oberen  Tra- 
vertinen von  Weimar  entstammt,  so  besonders 

Clausilia  bidentata, 
Planorbis  spirorbis. 

Die  Fossilien  der  Ablagerungen  im  Hangenden  der  Travertine. 

Aus  diesen  Ablagerungen  kenne  ich  an  sicher  verbürgten 
Fossilien  nur  einige  Reste  von  Eleplias  primigenius  Blumenb. 
Im  Städtischen  Museum  in  Weimar  liegen  2  Molaren  aus 
einer  Spalte  in  den  Travertinen  des  Kaempfe  sehen  Bruches ; 
da  den  Stücken  Laimenmaterial  anhaftet,  entstammen  sie 
umgelagertem  Laimen  aus  dem  Hangenden  der  Travertine. 
Bei  einigen  weiteren  Stücken  sind  die  Fundverhältnisse 
nicht  ganz  sicher  verbürgt.  Das  Vorkommen  von  Eleplias 
primigenius  in  umgelagertem  Laimen  im  Hangenden  der 
Travertine  dürfte  im  Sinne  einer  Wiederkehr  kalten,  eis- 


218  Ewald  Wüst,  [58] 

zeitlichen  Klimas  nach  der  Bildungszeit  der  Oberen  Travertine 
zu  deuten  sein. 

Oer  Fossilienbesiand  der  Ilmablagerungen  von  Ober-Weimar. 

(Konehylienbestand  5.) 
Aufser  Verbindung  mit  den  Travertinen  oder  dem  Pariser 
steht  das  geringfügige,  im  geologischen  Teile  der  Arbeit 
erwähnte  Vorkommen  von  Ilmablagerungen  bei  Ober- Weimar, 
zwischen  dem  Niveau  der  Unterterrasse  und  der  heutigen 
Ilmaue.  Seine  Altersbeziehungen  zu  den  bisher  besprochenen 
Ablagerungen  sind  nicht  klar.  Dafs  es  jünger  ist  als  die 
Ilmablagerungen  der  Unterterrasse  und  die  Hauptmasse  der 
im  unmittelbaren  Anschlüsse  daran  gebildeten  Unteren 
Travertine,  erleidet  keinen  Zweifel.  Da  gegen  Ende  der 
Bildungszeit  der  Unteren  Travertine,  wie  erwähnt  wurde, 
offenbar  eine  Tieferlegung  des  Ilmbettes  begann,  wird  der 
erwähnte  Zeitpunkt  als  die  untere  Grenze  des  Alters  der 
Ilmablagerungen  von  Ober-Weimar  anzusehen  sein.  Mehr 
läfst  sich  leider  auf  Grund  der  Lagerungsverhältnisse  nicht 
sagen. 

Die  hier  zu  besprechenden  Ablagerungen  lieferten  den 
in  der  grofsen  Tabelle  aufgezählten  Konehylienbestand,  den 
ich  als  den  Bestand  j:  bezeichne.  Der  Bestand  umfafst 
16  Konchylien,  8  Landschnecken,  6  Wasserschnecken  und 
2  Muscheln.  Er  ist  für  eine  Flufsablagerung,  welche  Geniste 
umschlossen  hat,  sehr  arm,  wobei  allerdings  zu  berück- 
sichtigen ist,  dafs  die  Sammelgelegenheit  in  dem  kleinen 
vorübergehenden  Aufschlüsse  nicht  sonderlich  günstig  war. 

Der  Bestand  stimmt  in  seiner  Zusammensetzung  mit 
keinem  der  bisher  besprochenen  auch  nur  annähernd  Uber- 
ein und  mufs  daher  zeitlich  einer  der  Lücken  in  der  Schichten- 
folge der  bisher  besprochenen  Ablagerungen  entsprechen 
oder  der  Zeit  nach  Abschlufs  der  Bildung  dieser  Ablagerungen 
angehören.  Von  den  minder  verbreiteten  Arten  unseres 
Bestandes  kommt  Pupa  parcedentata  auch  im  Parkhöhlen- 
kiese (Bestand  a),  Helir  striata  im  Pariser  (Bestand  g)  und 
in  einigen  Schichten  der  Oberen  Travertine  (Bestände  ^  und  i) 
und  Clausilia  pumila  schliefslich  in  verschiedenen  Schichten 


[59] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


219 


der  Unteren  wie  der  Oberen  Travertine  (Bestände  b,  e,  i) 
vor.  Allen  bisher  besprochenen  Ablagerungen  gegenüber 
neu  sind 

Suceinea '?  Schumacheri 
Planorbis  Rossmaessleri. 

Der  Bestand  gehört  zu  dem  Typus  der  im  mitteleuropäischen 
Plistozän  weit  verbreiteten  Bestände,  welche  durch  eine 
Mischung  arkto- alpiner  (in  unserem  Bestände  Tupa  parce- 
dentata)  und  kontinentaler  (in  unserem  Bestände  Helix 
striata  und  wohl  auch  Clausilia  pumila)  Elemente  gekenn- 
zeichnet sind  und  dazu  sehr  häufig  Suceinea  Schumacheri, 
eine  ausgestorbene,  an  lebende  Arten  kontinentaler  Gebiete 
Asiens  sich  nahe  anschliefsende  Art,  und  Platiorbis  Ross- 
maessleri,  eine  rezente  Art  von  ungenügend  bekannter  Ver- 
breitung, enthalten.  Ein  Teil  der  Elemente  dieser  Bestände 
mufs  seither  seine  klimatische  Anpassung  geändert  haben; 
es  fragt  sich  nur,  ob  das  bei  den  kontinentalen  oder  den 
arkto-alpinen  Arten  der  Fall  gewesen  ist.  Da  Bestände  des 
besprochenen  Typus  die  unmittelbar  vor  oder  während  der 
Bildungszeit  echter  Lösse  entstandenen  fluviatilen  oder 
Sandlösse  charakterisieren,  dürften  sie  als  Reste  von  Steppen- 
faunen aufzufassen  sein.  Danach  könnten  die  Ilmablagerungen 
von  Ober -Weimar  dem  Pariser  im  Alter  nahe  stehen  und 
etwa  in  der  Erosionsperiode  unmittelbar  vor  der  Bildung 
des  Parisers  entstanden  sein. 

Die  Fossilienbestände  der  Ilmablagerungen  der  Mittelierrasse 
von  Taubach  und  Ehringsdorf. 

(Konchylienbestand  t).) 

Wie  ich  bereits  im  geologischen  Teile  dieser  Arbeit 
dargelegt  habe,  sind  die  Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse 
von  den  bisher  besprochenen  Ablagerungen  durch  eine 
grofse  zeitliche  Kluft  getrennt,  in  der  eine  Tieferlegung  des 
Ilmtales  um  mehrere  Meter  vom  Niveau  der  Mittelterrasse 
bis  zu  dem  der  Unterterrasse  erfolgte. 

Konchylien  habe  ich  in  den  Ilmablagerungen  und  zwar 
den  Mergeln  der  Mittelterrasse  an  mehreren  Stellen  des 


220 


Ewald  Wüst, 


[60] 


Taiibacher  und  des  Ehringsdorfer  Travertiugebietes,  in  der 
GoTTSCHALG  sehen  KiesgTube ')  und  dem  östlicheren  der 
beiden  Sonnkein  sehen  Brüche  bei  Taubach  und  im  Kaempfe- 
schen  und  im  Haubold  sehen  Bruche  bei  Ehringsdorf  ge- 
sammelt. Die  gesammelten  Konchylien  sind  in  der  grofsen 
Tabelle  für  das  Taubacher  und  das  Ehringsdorfer  Travertin- 
gebiet  gesondert  aufgezählt.  Die  Bestände  der  beiden 
Travertingebiete  sind  einander  recht  ähnlich  und  werden 
daher  —  als  Bestand  t)  —  zusammengefafst.  Sie  umfassen 
zusammen,  obgleich  ich  sehr  reichliche  Schlämmproben 
untersucht  habe,  nur  17  Arten,  13  Landschnecken,  3  Wasser- 
schnecken und  1  Muschel. 

Der  tiergeographisehe  Charakter  des  Bestandes  l)  ist 
demjenigen  des  Bestandes  j  der  sehr  viel  jüngeren  Ilm- 
ablagerungen von  Ober -Weimar  recht  ähnlich.  Wesentlich 
oder  vorwiegend  arktisch -alpine  Arten  sind 

Helix  tenuilabris 
Pupa  columella 
Pupa  parcedentata 

sowie  Pu2)a  alpestris,  der  eine  in  unserem  Bestände  ge- 
fundene Pupa  recht  nahe  steht.  Auf  kontinentales  Klima 
weisen 

Helix  striata 

Pupa  cupa  var.  turcmenia. 


1)  Die  kleine  Gottschalgsche  Kiesgrube,  in  der  in  den  letzten 
Jahren  nur  gelegentlich  Kies  gegraben  wurde,  bot  in  dieser  Zeit  meist 
recht  schlechte  Aufschlüsse  dar  und  ist  jetzt  fast  ganz  verstürzt.  Über 
(lern  Ilmkiese  waren  öfters  etwa  30  cm  mächtige  konchylienführende, 
braune,  mergelige  Ilmabsätze  aufgeschlossen.  Über  diesen  folgten  bis 
etwa  2  m  mächtige  sandige  und  grüne,  mergelige  Ilmablagerungen,  die 
indessen  zum  grofsen  Teile  Travertinbrocken  und  Linsen  von  Travertin- 
schutt  enthielten  und  daher  offenbar  als  nicht  in  situ  befindlich,  sondern 
am  Gehänge  umgelagert  zu  betrachten  waren.  Dieser  Auffassung  ent- 
sprach auch  der  Konchyliengehalt  dieser  Ablagerungen.  Wo  die  grünen 
Mergel  sich  in  situ  befanden,  lieferten  sie  den  Konchylienbestand  t) 
der  Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse,  wo  sie  aber  mit  Travertin- 
brocken versetzt  waren,  ein  buntes  Gemisch  der  Konchylien  des  Be- 
standes l)  und  des  Bestandes  b  der  Hauptmasse  der  Unteren  Travertine. 
Über  den  besprochenen  Ablagerungen  folgte  lokal  noch  bis  gegen  1  m 
Travertinschutt  und  etwas  Löl'smaterial. 


[61] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


221 


Von  anderweitigen  nicht  ganz  weit  verbreiteten  Arten  kommt 
zu  den  schon  genannten  die  in  Beständen  ähnlichen  Cha- 
rakters weit  verbreitete 

Succinea  Schumacheri. 

Gemäls  dem  bei  der  Besprechung  des  Bestandes  ]c 
gesagten  dürfte  es  sich  auch  im  Bestände  Q  um  die  Reste 
einer  Molluskenfauna  aus  einer  Zeit  kontinentalen  Steppen- 
klimas handeln.  Im  gleichen  Sinne  kann  das  Vorkommen 
der  einzigen  bisher  nachgewieseneu  Säugetierart,  des  Elephas 
primigenius  BInmenb.  gedeutet  werden.  Dieser  ist  durch 
einen  prächtig  erhaltenen  Milchmolaren  aus  dem  Ilmkiese  des 
HAUBOLDschen  Bruches  (Sammlung  Rebi>ing  in  Weimar) ') 
und  zwei  zusammengehörige  Unterkieferraolaren  aus  dem 
„Letten"  des  Kaempfe  sehen  Bruches  (Städtisches  Museum 
in  Weimar)  vertreten.  Die  Stücke  gehören  zweifellos  einer 
altertümlichen  Form  des  Elephas  primigenius  Blumenb.  an 
und  könnten  vielleicht  sogar  einer  bereits  recht  primigenius- 
ähnlichen  Form  des  Elephas  Trogontherü  Pohl,  zugerechnet 
werden. 2)  Bei  der  Bedeutung  der  Stücke,  deren  Fund- 
schichten erfreulicher  Weise  vollkommen  sicher  verbürgt 
sind,  gebe  ich  in  der  folgenden  Tabelle  eine  Charakteristik 
derselben  —  unter  Weglassung  des  schlechter  erhaltenen 
der  beiden  Unterkiefermolaren  des  Gebisses  aus  dem 
Kaempfe  sehen  Bruche  —  nach  dem  von  mir  stets  für 
die  Beschreibung  von  Elefantenbackzähnen  angewandten 
Schema.'')    In  die  Tabelle  nehme  ich  auch  das  Hinterende 


1)  Bei  der  hinlänglich  bekannten  Schwierigkeit  der  Bestimmung 
von  Elefanten -Milchmolaren,  war  es  mir  sehr  wertvoll,  in  der  gerade 
auf  dem  Gebiete  der  Elefanten -Backzähne  ungewöhnlich  reichhaltigen 
Rebling sehen  Sammlung  zwei  analoge  Milchmolaren  von  Elephas 
antiquus  aus  den  Unteren  Travertinen  von  Taubach  vergleichen  zu 
können.  Diese  weichen  von  dem  Ehringsdorfer  Zahne  u.  a.  durch 
deutlich  rautenförmige  Kaufiguren,  längere  Zementintervalle  und  auch 
breitere  Schmelzbänder  recht  erheblich  ab. 

^)  Bekanntlich  sind  Elephas  Trogontherü  Pohl,  und  E.  primi- 
genius Blumenb.  durch  vollständige  Ubergänge  miteinander  verbunden, 
so  dafs  die  Abgrenzung  dieser  beiden  Elefantenformen  voneinander 
etwas  willkürlich  ist. 

^)  Vgl.  Wüst,  Untersuchungen  über  das  Pliozän  und  das  älteste 


222 


Ewald  Wüst, 


[62] 


Fundort  

Ehringsdorf, 
Ilaubold 

Ehringsdorf, 
Kaempfe 

Lämmerhirt 

Sainmlung  .   .  '  . 

Kebling, 
Weimar 

Städt.  Museum 
Weimar 

Städt.  Museum 
Weimar 

Stellung  im  Gebisse   .  . 

MMn.?mand. 
sin. 

Min.  mand. 
sin. 

M 

Erhaltungszustand  .   .  . 

gut 

gut 

gut 

Lamellenformel  .... 

X  8  X 

—  22x 

—  9 

Abkaiiungsgrad  .... 

X— VII  Kaufl. 
X — II  kompl. 
(x-I) 

I  — IX  Kaufl. 
V  kompl. 

I_VI  Kaufl. 
I  (II)  kompl. 

65  mm 

245  mm 

142  mm 

Breite  

33  mm 

ca.  65  mm 

75  mm 

Höhe  

VII  38  mm 

VIII  ca.  130  mm 

VI  148  mm 

Länge:  Lamellenzahl  .  . 

65  :  8  =  8,1 

(185:19  =  9,7)») 

130:9  =  14,4 

Lamellenumrifs  .... 

nach  unten 
verbreitert 

nach  unten 
verschmälert 

nach  unten 
verschmälert 

Form  der  Kaufiguren  .  . 

bandförmig 

bandförmig 

bandförmig 

Verschmelzungstypus  der 
Kaufiguren  

unklar 

unklar 

med.  lam.  lat. 
ann. 

eines  ähnlichen  Molaren  des  Städtischen  Museums  in  Weimar 
(Nr.  613)  auf,  welches  beim  Lämmerhirt  sehen  Neubau  auf 
dem  Goetheplatze  in  Weimar  in  einem  Ilmkiese  gefunden 
wurde,  dessen  Niveau  nicht  exakt  ermittelt  worden  ist,  aber 
schätzungsweise  dem  der  Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse 
entsprechen  dürfte. 

Bemerkenswertere  Fossilien  unsicherer  Herkunft. 

Für  die  Ermittelung  der  Aufeinanderfolge  der  Fossilien- 
bestände im  Travertingebiete  der  Gegend  von  Weimar  konnte 

Pleistozän  Thüringens  usw.,  Stuttgart  1901  (auch  Abhandl.  der  natur- 
forschenden  Gesellschaft  zu  Halle  a.  S.,  Bd.  23),  S.  240  fif. 

■)  Im  oberen  Teile  der  Zahnkrone  gemessen  und  berechnet;  nach 
unten  divergieren  die  Lamellen  beträchtlich. 


[63] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


223 


icli  leider  die  überwiegende  Mehrzahl  der  in  den  Sanim- 
liingeu  vorhandenen  oder  in  der  Literatur  erwähnten  Fossilien 
nicht  verwerten,  weil  ihre  Fundstellen  und  Fundschichten 
nicht  oder  nicht  genügend  sicher  verbürgt  sind.  Es  ist  das 
um  so  bedauerlicher,  als  die  Bedingungen  für  das  Sammeln 
von  Fossilien,  besonders  von  Säugetierresten,  heutzutage 
unvergleichlich  viel  ungünstiger  geworden  sind,  als  sie  früher 
waren.  Allein  eine  gewissenhafte  Prüfung  alles  dessen,  was 
wir  über  den  Fossilieugehalt  der  Ablagerungen  unseres 
Travertingebietes  insgesamt  wissen,  lehrt,  dal's  sich  daraus 
keine  Bedenkep  gegen  die  in  den  vorausgehenden  Ab- 
schnitten entwickelten  Ergebnisse  hinsichtlich  der  Aufein- 
anderfolge der  Fossilienbestände  in  unserem  Travertingebiete 
herleiten  lassen. 

In  diesem  Zusammenhange  möchte  ich  nur  noch  be- 
sonders hervorheben,  dafs  in  den  verschiedenen  Sammlungen 
eine  nicht  ganz  unbeträchtliche  Zahl  von  Säugetierresten 
mit  den  Fundortsbezeichnungen  „Weimar",  „Taubach"  oder 
„Ehringsdorf"  liegt,  welche  nicht  von  Vertretern  der  Antiquus- 
sondern  von  solchen  der  Primigenius-FsinnsL  herrührt.  Hier- 
her gehören  insbesondere  Reste  von  Eleplias  primigenius 
Blumenb.,  Rhinoceros  autiquitatis  Blumenb.  und  Rangifer. 
Ein  Vorkommen  von  Vertretern  der  sogenannten  Primigenius- 
Fauna  konnte  ich  für  folgende  Schichten  mit  Sicherheit 
feststellen : 

1.  Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse  [Eleplias  xtrimi- 
genius  oder  allenfalls  Trogontherü); 

2.  Alteste  Schichten  der  Oberen  Travertine  mit  Kon- 
chylienbestand  t)  (Rhinoceros  antiquüatis); 

3.  Ablagerungen  im  Hangenden  der  Oberen  Travertine 
{Elephas  primigenius). 

Nach  meinen  Ermittelungen  über  den  tiergeographischen 
Charakter  der  Konchylienbestände  der  verschiedenen  Ab- 
lagerungen dürften  indessen  noch  in  anderen  Schichten,  ins- 
besondere in  den  Ilmablagerungen  der  Unterterrasse,  in  den 
untersten  Unteren  Travertinen  mit  Konchylienbestand  b,  in 
den  obersten  Unteren  Travertinen  mit  Konchylienbestand  f 
und  im  Pariser  Vertreter  der  Prim«^ewms- Fauna  zu  erwarten 


224 


Ewald  Wüst, 


[64] 


sein,  so  dafs  also  genügeud  Schichten  vorhanden  wären, 
aus  denen  die  in  den  Sammlungen  liegenden,  z.  T.  dem 
Erhaltungszustande  nach  sicher  aus  Travertin  stammenden 
Reste  von  Tieren  der  Prünigenius -Fauna,  stammen  könnten. 

Für  die  mit  der  Fundortsbezeichnung  „Taubach"  im 
Geologisch-Mineralogischen  Institute  in  Halle  a.  S.  liegenden, 
ihrem  Erhaltungszustande  nach  sicher  aus  Travertin  stam- 
menden Reste  von  Elephas  prmiigenius  i)  und  Bhinoceros 
antiquitatis'^)  könnte  nach  dem  gesagten  angenommen 
werden,  dals  sie  aus  den  untersten  Travertinlagen  mit 
Konchylienbestand  b  stammen.  Ich  bin  aber  keineswegs 
sicher,  dafs  die  Stücke  nicht  etwa  von  Weimar  stammen, 
weil  offensichtlich  in  den  älteren  Sammlungen  auf  die 
Unterscheidung  der  Fundplätze  Weimar  und  Taubach  wenig 
Wert  gelegt  worden  ist. 

Von  Resten  von  Bangifer  kenne  ich  aus  dem  ganzen 
Travertingebiete  nur  die  im  Geologisch  -  Mineralogischen 
Institute  in  Halle  a.  S.  vorhandenen.  Diese  stammen  ihrem 
Erhaltungszustande  nach  ziemlich  sicher  aus  Travertin. 
Nach  Pohlig  ^)  scheinen  sie  aus  den  oberen  Travertinlagen 
von  Weimar  zu  stammen  und  dürften  danach  am  ehesten 
Travertinlagen  in  der  Nachbarschaft  des  Parisers,  wie  sie 
ja  in  Ehringsdorf  EJdnoceros  antiquitatis  geliefert  haben, 
zuzuschreiben  sein. 

Die  in  mehreren  meiner  Vorläufigen  Mitteilungen*)  ent- 
haltene Angabe,  dafs  in  den  untersten  Lagen  der  Unteren 
Travertine  Eleplias  primigenius  und  Bhinoceros  antiquitatis 
nachgewiesen  seien,  mufs  ich  zurücknehmen.  Die  Angabe 
über  Bhinoceros  antiquitatis  beruhte  auf  einem  in  einem 
Travertinblocke  steckenden  Schädelreste  des  Städtischen 
Museums  in  Weimar,  der  nach  Angabe  des  Herrn  Kustos 

^)  Vgl.  Wüst,  Untersuchungen  über  das  Pliozän  und  das  älteste 
Pleistozän  Thüringens  usw.,  Stuttgart  l'JOl  (auch  Abhandl.  der  natur- 
forschenden Gesellschaft  zu  Halle  a.  S.,  Bd.  23),  S.  260—261. 

2)  Vgl.  Wüst,  a.  a.  0.,  S.  77. 

^)  Die  Cerviden  des  thüringischen  Diluvialtravertines  (Palaeonto- 
graphica,  Bd.  39,  1892),  S.  243. 

*)  Centralblatt  für  Mineralogie  usw.,  1908,  S.  199.  210;  Zeitschrift 
für  Naturwissenschaften,  Bd.  80,  1908,  S.  126;  Bericht  über  die  Prä- 
historiker-Versammlung usw.,  1909,  S.  77.  84. 


[65]  Travertingebiet  der  Gegend  vou  Weimar.  225 


Möller  im  Kaempfe  sehen  Bruche  in  P^hringsdorf  in  den 
Unteren  Travertinen  etwa  l'/i  über  deren  Basis  gefunden 
wurde.  Diese  Angabe  scheint  indessen  trotz  ihrer  Genauig- 
keit unzutreüend  zu  sein,  worauf  mich  Herr  ßauinspektor 
Kebling  aufmerksam  gemacht  hat.  Der  Travertinbloek 
zeigt  nämlich  einen  so  unreinen  Travertin,  wie  er  im 
Kaempfe  sehen  Bruche  in  den  Unteren  Travertinen  —  ab- 
gesehen von  den  unmittelbar  an  den  Pariser  grenzenden 
Lagen  —  nicht  vorkommt,  dagegen  aber  in  den  Oberen 
Travertinen  häufig  angetroffen  wird.  Die  Angabe  über 
Elephas  primigenms  beruhte  auf  zwei  Backzähnen  der 
Rebling sehen  Sammlung,  welche  nach  Rebling  aus  den 
Unteren  Travertinen  des  Kaempfe  sehen  Bruches  stammen. 
Beiden  Stücken  haftet  Travertin  an.  Der  Travertin  an  dem 
einen  der  Stücke  schliefst  Gerölle  ein.  Daraus  glaubte  ich 
wenigstens  für  dieses  Stück  eine  Herkunft  von  der  Basis 
der  Unteren  Travertine  annehmen  zu  müssen,  an  der  ja  im 
Travertingebiete  der  Gegend  von  Weimar  manchmal,  nämlich 
wenn  der  Travertin  direkt  dem  liegenden  Kiese  auflagert, 
durch  Travertinmaterial  verkitteter  Kies  vorkommt.  Allein 
neuere  Aufschlüsse  im  Kaempfe  sehen  Bruche  lehrten  mich, 
dafs  hier  die  Travertine  durch  mergelige  Hmabsätze  von 
den  Kiesen  getrennt  sind  und  daher  auch  keine  Konglo- 
merate an  der  Basis  der  Travertine  vorhanden  sind.  Da- 
gegen kommen  im  Kaempfe  sehen  Bruche  durch  Travertine 
verkittete  Kiese  an  der  Basis  des  Parisers  vor.  Eine 
Herkunft  der  Stücke  von  der  Grenze  zwischen  den  Unteren 
Travertinen  und  dem  Pariser  würde  in  gutem  Einklänge 
mit  dem  tiergeographischen  Charakter  des  wenig  unter  der 
Basis  des  Parisers  gesammelten  Konchylienbestandes  f  stehen. 
Umgekehrt  aber  würde  jetzt  meine  alte  Annahme,  dafs  die 
Zähne  von  Elephas  primigenius  von  der  Basis  der  Unteren 
Travertine  des  Kaempfe  sehen  Bruches  stammen,  insofern 
Schwierigkeiten  bereiten,  als  jetzt  nach  der  Scheidung  von 
Mittel-  und  Unterterrasse  und  den  daran  sich  anschliefsenden 
Umdeutungen  an  der  Basis  der  auf  der  Mittelterrasse  auf- 
lagernden Unteren  Travertine  des  Kaempfe  sehen  Bruches 
nicht  Reste  der  Primigenius-  sondern  solche  der  Antiqiius- 
Fauna  zu  erwarten  sind. 

Zeitschr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  15 


226 


Ewald  Wüst, 


[66] 


Zusammenfassung. 

Alis  den  Beobacbtungen  und  Erörterungen,  welche  in 
den  vorauHgeliendeu  Abschnitten  mitgeteilt  worden  sind, 
ergibt  sich  das  folgende  Bild  von  den  Kliniaschwankungen, 
welche  sich  während  der  Bildungszeit  der  verschiedenen 
plistozänea  Ablagerungen  des  Travertingebietes  der  Gegend 
von  Weimar  abgespielt  haben. 

Die  Ilmablagerungen  der  Mittelterrasse  mit  dem  aus 
arkto-alpinen  und  kontinental-südosteuropäischen  Elementen 
gemischten  Konchylienl)estande  1)  und  einer  altertümlichen 
Form  des  Elej)has  primigenius  dürften  unter  einem  konti- 
nentalen Steppenklima  entstanden  sein.  Ihre  Bildungszeit 
ist  von  derjenigen  der  Ilmablagerungen  der  Unterterrasse 
durch  eine  längere  Zeit  getrennt,  in  welcher  eine  Tiefer- 
legung des  llmbettes  um  9  m  erfolgte. 

Die  Ilmablagerungen  der  Unterterrasse  sind  in  ihrer 
Hauptmasse  mit  dem  arkto-alpinen  Konchylienbestande  a 
unter  einem  kalten  Klima,  wie  es  heute  in  der  Nähe  der 
Baumgrenze  im  hohen  Norden  und  in  den  Hochgebirgen 
Europas  herrscht  entstanden.  Die  obersten  Lagen  derselben 
Ilmablageruugen  und  die  unmittelbar  darüber  folgenden 
untersten  Unteren  Travertineu  mit  dem  Konchylienbestande  b, 
welcher  sich,  von  einem  alpinen  Elemente  abgesehen,  am 
nächsten  an  die  MoUuskenfauneu  des  nordöstlichen  palä- 
arktischen  Rufsland  anschliefst,  sind  unter  einem  merklich 
wärmer  gewordenen  Klima  entstanden.  Zeitlich  folgen  jetzt 
wahrscheinlich  diejenigen  Lagen  der  Unteren  Travertine, 
welche  den  ziemlich  indifferenten  Konchylienbestand  c  ge- 
liefert haben,  und  zweifellos  unter  einem  noch  wärmer 
gewordenen  Klima  abgelagert  worden  sind.  Die  nun  folgende 
Hauptmasse  der  Unteren  Travertine  mit  Resten  der  Antiquus- 
Fauna  und  dem  überaus  reichen  Konchylienbestande  b, 
welcher  sich  am  nächsten  an  die  Molluskenfaunen  der 
Böhmischen  Masse,  der  Karpathenländer  und  der  tieferen 
Regionen  der  Ostalpenländer  anschliefst,  ist  unter  einem 
bereits  recht  warmen  gemäfsigten  Waldklima  entstanden, 
welches  einen  merklich  kontinentaleren  Charakter  besafs 
als  das  heute  im  gröfsten  Teile  des  Deutschen  Mittelgebirgs- 
landes  herrschende.  Die  etwas  jüngeren  Lagen  der  Unteren 


[67J 


Travertingcbiet  der  Gegend  von  Weimar. 


227 


Travertine  mit  dem  ziemlich  indififerenten  Koncliylien- 
bestande  e  .sind  unter  einem  ähnlichen,  aber  wohl  etwas 
kontinentaleren  Klima  entstanden.  Die  jüngsten  Lagen  der 
Unteren  Travertine  mit  dem  stark  verarmten  Konchylien- 
bestaude  f  sind  unter  wesentlich  kontinentalerem  Klima 
entstanden.  Dieses  leitet  über  zu  der  Zeit  der  Löfsbildung, 
welche  aus  geologischen  Gründen  die  der  Lücke  zwischen 
den  Unteren  Travertineu  und  dem  Pariser  iiud  unter  Um- 
ständen auch  noch  einem  Teile  des  Parisers  entsprechende 
Zeit  darstellt.  Der  Pariser,  welcher  meistens  fossilienfrei 
ist,  und  nur  lokal  den  ärmlichen  Konchylienbestand  g  ge- 
liefert hat,  ist  noch  unter  einem  kontinentalen  Steppenklima 
entstanden.  Die  ältesten  Lagen  der  Oberen  Travertine  mit 
dem  etwas  reicheren  Konchylienbestande  t)  und  einer  Reihe 
von  Säugetieren,  unter  denen  Füiinoceros  untiquitatis  als 
typischer  Vertreter  der  Primigenius -VannaL  besonders  be- 
merkenswert ist,  gehören  ähnlieh  wie  die  obersten  Schichten 
der  Unteren  Travertine  mit  dem  Konchylienbestande  f  dem 
Übergänge  zwischen  kontinentalem  Steppen-  und  getnäfsigtem 
Waldklima  an.  Die  jüngeren  Lagen  der  Oberen  Travertine 
mit  den  reicheren  Konchylienl)eständen  i  und  f  sind  unter 
einem  warmen  gemäl'sigten  Waldklima  entstanden,  welches 
einen  merklich  kontinentaleren  Charakter  als  das  heute  im 
gröfsten  Teile  des  Deutschen  Mittelgebirgslandes  herrschende 
besafs.  Der  Konchylienbestand  i  besitzt  einen  merklich 
kontinentaleren  Charakter  als  der  Konchylienbestand  f. 
Letzterer  ist,  soweit  sich  das  bereits  sieher  beurteilen  läfst, 
dem  Konchylienbestande  b  der  Hauptmasse  der  Unteren 
Travertine  recht  ähnlich.  Seine  Fundschicht  hat  auch 
Ehinoceros  Merckii,  einen  typischen  Vertreter  der  für  die 
Schichten  mit  dem  Konchylienbestande  b  so  charakteristischen 
Antiquiis-Ydinna.  geliefert.  Das  Vorkommen  von  Patula 
ruderata,  welche  sonst  im  Travertingebiete  nur  noch  in  dem 
Konchylienbestande  b  angetroffen  wurde,  in  dem  Konchylien- 
bestande f,  deutet  bereits  auf  den  Beginn  einer  erneuten 
Temperaturdepression  hin.  Die  Gehängeschuttmassen  im 
Hangenden  der  Oberen  Travertine,  in  denen  Elephas  primi- 
genius  nachgewiesen  ist,  dürften  zum  Teile  einer  Zeit  kalten 
Klimas  ihre  Entstehung  verdanken. 

15* 


228 


Ewald  Wüst, 


[68] 


Die  iinter  dem  Niveau  der  Unterterrasse  gelegenen 
llraablagerungen  von  Ober-Weimar  mit  dem  Konchylieu- 
bestande  welcher  dem  KoncLylienbestande  15  sehr  ähnlich 
ist,  dürften  unter  einem  kontinentalen  Steppenklima  ent- 
standen sein.  Zeitlich  sind  diese  Ablagerungen  vielleicht 
zwischen  den  Unteren  Travertinen  und  dem  Pariser  ein- 
zuschieben. 

Ich  mache  nun  zum  Schlüsse  den  Versuch,  die  Aufein- 
anderfolge der  behandelten  Fossilienbestilude  (21  =  Antiquus- 
Fauna,  ^  =  Pnm/f/enms- Fauna)  im  Rahmen  einer  schema- 
tisehen  Kliniakurve  darzustellen.  —  Siehe  S.  252  [92].  —  Ich 
unterscheide  dabei  eis-  und  interglazialzeitliches  Klima  bezw. 
Eis-  und  Interglazialzeiten  im  Sinne  von  Zeiten  einer  das 
gegenwärtige  Mafs  über-  oder  unterschreitenden  Gletscher- . 
entfaltung  auf  der  Erde  und  —  in  Anlehnung  an  die  Be- 
zeichnungsweise von  Penck  und  Brückner  —  Zeiten,  in 
denen  unsere  Gegend  ihren  klimatischen  Verhältnissen  ent- 
sprechend im  wesentlichen  von  Gletschereis,  Tundra,  Wald 
oder  Steppe  bedeckt  war.  Es  ist  klar,  dafs  die  Grenzen 
zwischen  Eis-  und  Interglazialzeiten  im  oben  angegebenen 
Sinne  durch  die  Waldzeiten  hindurchlaufen  müssen,  doch  ist 
ihre  Lage  innerhalb  der  Waldzeiten  vorläufig  noch  nicht 
genau  und  sicher  zu  bestimmen. 


Einordnung 

der  Ablagerungen  des  Travertingelbietes  der  Gegend 
von  Weimar  in  die  Clironologie  des  Eiszeitalters. 

Im  Folgenden  will  ich  versuchen,  die  Ablagerungen 
des  Travertiugebietes  der  Gegend  von  Weimar  in  die 
Chronologie  des  Eiszeitalters  einzuordnen.  Bei  diesem  Ver- 
suche gehe  ich  zweckmäfsig  von  der  Stellung  der  Löfs- 
und nordischen  Glazialablagerungen  Thüringens  und  des 
östlichen  Harzvorlandes  in  der  Chronologie  des  Eiszeitalters 
aus.  Die  Stellung  der  erwähnten  Ablagerungen  in  dieser 
Chronologie  habe  ich  bereits  früher  näher  begründet')  und 


')  Diese  Zeitschrift,  Bd.  80,  1908,  S.  129  ff.  und  in  meinem  Auf- 
satze über  „Die  Gliederung  und  die  Altersbestimmung  der  Lüfsablage- 


[69]  Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar.  229 

in  der  im  Folgenden  wiedergeg-ebenen  Tabelle  kurz  und 
Ubersichtlich  dargestellt,  i) 


Thüringen  und  Östliches  Harzvorland 

Abschnitte 

I. 

II. 

III. 

IV. 

des 

nie 

einmal 

zweimal 

dreimal 

Eiszeitalters 

vereist 

vereist 

vereist 

vereist 

gewesene 

gewesene 

gewesene 

gewesene 

Zone 

Zone 

Zone 

Zone 

I.  (Günz-)  Eiszeit 

— 

— 

— 

— 

l.(Giinz-Mindel-) 

Interglazialzeit 

II.  (Mindel-) 

Nordisches 

Nordisches 

Nordisches 

Eiszeit 

Glazial  der 

Glazial  der 

Glazial  der 

I.  Vereisung 

I.  Vereisung 

I.  Vereisung 

2.  (Mindel -Rifs-) 

Alterer 

Älterer 

Interglazialzeit 

Löfs 

Löfs 

III.  (Rifs-) 

Nordisches 

Nordisches 

Eiszeit 

Glazial  der 

Glazial  der 

II.  Vereisung 

II.  Vereisung 

3.  (Rifs -Würm-) 

Jüngerer 

Jüngerer 

Jüngerer 

Interglazialzeit 

Löfs 

Löfs 

Löfs 

IV.  (Würm-) 

Nordisches 

Eiszeit 

Glazial  der 

Ill.Vereisung 

Postglazialzeit 

Jüngster 

Jüngster 

Jüngster 

Jüngster 

Löfs 

Löfs 

Löfs 

Löfs 

rungen  Thüringens  und  des  Östlichen  Harzvorlandes"  im  Centraiblatt 
für  Mineralogie  usw.,  1909,  S.  385  —  392.  Diese  meine  Ausführungen 
haben  seitens  L.  Siegert,  E.  Naumann  und  E.  Picard  in  deren 
Aufsatze  „über  das  Alter  des  Thüringischen  Lüsses.  (Eine  Antwort 
an  Herrn  Wüst)"  im  Centralblatt  für  Mineralogie  usw.,  1910,  S.  98  —  112 
eine  Kritik  erfahren,  welche  indessen  nicht  im  geringsten  dazu  angetan 
ist,  meine  Einordnungs versuche  zu  limitieren,  wie  ich  demnächst  im 
Centralblatt  für  Mineralogie  usw.  näher  darlegen  werde. 

1)  Centralblatt  für  Mineralogie  usw.,  1909,  S.  392.  In  der  hier 
gegebenen  Tabelle  habe  ich  für  die  2.  oder  Mindel-Rifs-Interglazialzeit 
und  für  die  III.  oder  zweimal  vereist  gewesene  Zone  angegeben  „An 


230 


Ewald  Wüst, 


[70] 


Die  Gegend  von  Weimar  gehört  in  die  II.  (einmal 
vereist  gewesene)  der  vier  in  der  Tabelle  unterschiedenen 
Zonen.  1)  Von  den  in  der  Tabelle  aufgezälilten  Ablagerungen 
läfst  sich  keine  mit  vollständiger  Sicherheit  in  den  Profilen 
unseres  Travertingebietes  erkennen.  Nordische  Glazial- 
ablagerungen fehlen  in  unseren  Profilen  vollständig,  doch 
beweisen  alle  in  dieser  Arbeit  behandelten  Ablagerungen 
unseres  Travertingebietes  durch  ihren  Gehalt  an  nordischem 
Gesteinsmateriale,  dals  sie  nach  der  —  einzigen  —  Ver- 
eisung unserer  Gegend  in  der  11.  oder  Mindel- Eiszeit  ent- 
standen sind.  Löfs  tritt  uns  in  unseren  Profilen  einerseits 
in  Gestalt  des  Parisers,  andererseits  im  Hangenden  der 
Travertine  entgegen,  doch  ist  es  in  keinem  Falle  ganz 
sicher,  dafs  es  sich  um  echten,  äolisehen  Löfs  handelt. 
Wie  oben  gezeigt  wurde,  folgt  auf  die  Bildungszeit  der 
Unteren  Travertine  eine  Periode  der  Löfsbilduug,  in  der 
oder  in  derem  Gefolge  der  Pariser  gebildet  wurde.  Die 
Gesteinsentwickelung  des  Parisers  spricht  dafür,  dafs  dieser 
nicht  in  der  —  oder  im  Anschlüsse  an  die  —  Bildungszeit 
des  Alteren,  sondern  in  derjenigen  des  Jüngeren  Lösses 
entstanden  ist,  doch  sind  seine  Beziehungen  zu  unseren 
beiden  Hauptlöfsformationen  nicht  ganz  sicher  aus  seiner 
Gesteinsbeschaffenheit  zu  ermitteln,  zumal  die  für  die  Unter- 
scheidung von  Älterem  und  Jüngerem  Lösse  so  wichtige 
Ausbildung  der  Löfskindel  im  Pariser  eine  abnorme,  offenbar 
auf  Zuführung  von  Kalkkarbonat  aus  den  kalkhaltigen 
Gewässern,  aus  denen  sieh  die  Oberen  Travertine  absetzten, 
zurückzuführende  ist.  Im  Hangenden  der  Travertine  findet 
sich  nirgends  ein  Löfs,  der  mit  echtem  Jüngerem  Lösse  zu 
verwechseln  wäre.  Die  hier  vorhandenen  Löfsbildungen 
sind  zum  gröfsten  Teile  ganz  zweifellos  umgelagerter  Löfs 
oder  Laimen.  Die  vielleicht  als  echte  Lösse  anzusprechenden 


der  Siidgrenze  lokal  älterer  Löfs".  Diese  Angabe  habe  ich  in  der 
oben  gegebenen  Tabelle  nicht  wiederholt,  weil  sie  auf  von  Siegert 
und  Genossen  a.  a.  0.  für  unzutreffend  erklärten  Beobachtungen  von 
Dammer  und  Wahnschaffe  beruht. 

^)  Vgl.  auch  P.  Michaels  Arbeit  „Beiträge  zur  Kenntnis  der 
eiszeitlichen  Ablagerungen  in  der  Umgebung  von  Weimar"  im  Jahres- 
berichte des  grofsherzoglichen  Realgymnasiums  zu  Weimar  von  11)08. 


[71] 


Travertiuf;cbiet  der  Ge{?end  von  Weimar. 


231 


Bildungen  im  Hangenden  der  Travertine  zeigen  die  gering- 
niiiehtige  Kiitvvickelung  und  etwas  unreine  Rescliatleuheit, 
wie  sie  für  den  Jüngsten  Löfs  cliarakteristiscli  ist.  Das 
Fehlen  von  Jüngerem  Lösse  auf  den  grol'sen,  recht  ebenen 
Flächen  auf  den  Travertinen  spricht  dafür,  dafs  die  Obersten 
Travertine  jünger  als  der  Jüngere  Löfs  sind,  der  aulser- 
halb  des  Travel tingebietes  aber  ganz  in  der  Nähe  desselben, 
etwas  höher  am  Gehäuge  oft  genug  vorhanden  ist. 

Die  erörterten  Verhältnisse  sprechen  dafür,  dafs  der 
Pariser  in  oder  unmittelbar  nach  und  die  Oberen  Travertine 
nebst  ihrem  Hangenden  erheblich  nach  der  Bildungszeit  des 
Jüngeren  Lösses  entstanden  sind. 

Die  Terrassen,  auf  welche  die  im  Travertingebiete  vor- 
handenen Ilmablagerungen  verteilt  wurden,  gehören  Flufs- 
terrassen  an,  welche  sich  durch  ganz  Thüringen ')  verfolgen 
lassen  und  bisher  am  genauesten  im  Saaletale  untersucht 
und  in  einem  ansehnlichen  Teile  dieses  Tales  bereits  genau 
kartiert  worden  sind. 2)  In  dem  grofsen  Verbreitungsgebiete 
dieser  Terrassen  ist  es  an  verschiedenen  Stellen  möglich 
gewesen,  ihre  Altersbeziehungen  zu  den  verschiedenen  Löfs- 
und nordischen  Glazialablageruiigen  Thüringens  zu  ermitteln. 
Die  Flufsterrassen  Thüringens,  speziell  des  Saaletales,  werden 
jetzt  von  den  Geologen  der  Königl.  Preufsischen  Geologischen 
Landesanstalt  in  folgende  Terrassen  gegliedert: 

In  den  folgenden  Erörterungen  werden  unter  dem  Ausdrucke 
„Thüringen"  das  Östliche  Harzvorland  und  die  angrenzenden  Teile  der 
Leipziger  FlachlandsbucLt  bis  zur  Gegend  zwischen  Halle  und  Leipzig 
mit  einbegriffen. 

^)  Vgl.  besonders  K.  Wolff,  Die  Terrassen  des  Saaletals  usw. 
(Forschungen  zur  deutschen  Landes-  und  Volkskunde,  Bd.  18,  Heft  2, 
1909.  —  Mit  sorgfültigem  Literaturverzeichnisse,  aut  das  um  so  mehr 
hingewiesen  sei,  als  die  im  Folgenden  zitierten  Publikationen  der  Kgl. 
Preufsischen  Geologischen  Landesanstalt  die  nicht  von  Angehörigen 
dieser  Anstalt  herrührenden  Arbeiten  ganz  ungenügend  zitieren); 
L.  Siegert,  Bericht  über  die  Begehungen  der  diluvialen  Ablagerungen 
an  der  Saale  usw.  (.Jahrbuch  der  Kgl.  Preufsischen  Geologischen  Landes- 
anstalt für  1909,  Bd.  30,  Teil  II,  Heft  1,  „1909",  S.  1-46,  Tafel  1); 
Geologische  Karte  von  Preufsen  usw.,  Blätter  Jena  (3.  Auflage), 
Naumburg  (2.  Auflage),  VVeifsenfels,  Lützen,  Merseburg  (West),  Merse- 
burg (Ost),  Halle  (Süd)  und  Dieskau,  bearbeitet  in  der  Hauptsache  von 
E.Naumann,  E.Picard,  L.  Siegert  und  W.  Weifseruiel,  ,190'J'. 


232 


Ewald  Wüst, 


[72] 


1.  Die  erste  präglaziale  Terrasse. 

2.  Die  zweite  präglaziale  Terrasse. 

3.  Die  dritte  präglaziale  Terrasse. 

4.  Die  vierte  präglaziale  Terrasse. 

5.  Die  höhere  Terrasse  der  I.  Interglazialzeit. 

6.  Die  tiefere  oder  Hauptterrasse  der  1.  Interglazialzeit. 

7.  Die  Terrasse  der  II.  Interglazialzeit. 

8.  Die  postglaziale  Terrasse. 

9.  Der  alluviale  Talboden. 

In  diesem  Gliederungsschema  bedeutet  Präglazialzeit 
die  Zeit  vor  der  ersten  Vereisung  Thüringens,  1.  Inter- 
glazialzeit die  Zeit  zwischen  der  ersten  und  der  zweiten 
Vereisung  Thüringens,  2.  Interglazialzeit  die  Zeit  zwischen 
der  zweiten  und  der  dritten  Vereisung  Thüringens  und  Post- 
glazialzeit die  Zeit  nach  der  dritten  Vereisung  Thüringens. 
Mit  der  eben  mitgeteilten  Gliederung  und  der  in  ihr  aus- 
gesprochenen Altersbestimmung  der  einzelnen  Terrassen  bin. 
ich  in  einigen  Punkten  nicht  einverstanden,  will  aber  darauf 
hier  nur  insoweit  eingehen,  als  es  für  die  Altersbestimmung 
der  Terrassen  unseres  Travertingebietes  erforderlich  ist. 

Von  den  Terrassen  des  Travertingebietes  läfst  sich  die 
Oberterrasse  am  sichersten  in  das  Gliederungsschema  der 
Landesanstalt  einordnen.  Sie  läl'st  sich  durch  das  untere 
Ilmtal,  in  dem  sie  von  Compteri)  als  Oberterrasse  bezeichnet 
worden  ist,  bis  in  die  „Hauptterrasse  der  ersten  Interglazial- 
zeit" im  Saaletale  verfolgen.  Dafs  die  „Hauptterrasse  der 
ersten  Interglazialzeit"  zwischen  der  ersten  und  der  zweiten 
Vereisung  Thüringens  entstanden  ist,  erleidet  keinen  Zweifel; 
ihre  bezw.  ihrer  einzelnen  Teile  speziellere  Stellung  inner- 
halb dieses  grofsen  Zeitraumes  soll  hier  unerortert  bleiben. 

Die  Unterterrasse  des  Travertingebietes,  deren  Ilm- 
ablagerungen 2 — 5  ni  über  der  heutigen  Aue  liegen,  findet 
ilmabwärts  ihre  Fortsetzung  in  der  von  Comptek  i)  als 
Unterterrasse  bezeichneten  Terrasse,  deren  Ilmablagerungen 
etwa  5 — 10  m  über  der  heutigen  Aue  liegen   und  am 


')  Das  Dihivium  in  der  Umgegend  von  Apolda,  diese  Zeitschrift 
Bd.  80,  1908,  S.  161  — 217,  Tafel  3. 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


233 


Mädchensee  zwischen  Ober-  und  Nieder- Rofsla  einen  dem- 
jenigen unserer  Travertine  —  speziell  dem  als  b  bezeich- 
neten —  recht  ähnliehen  Foasilicnbestand  geliefert  haben,  i) 
Im  Saaletale  unterhalb  der  Ilmniünduug-  ist  mir  auf  eine 
lange  Strecke  hin  keinerlei  Terrasse  bekannt,  welche  als 
Fortsetzung  unserer  Unterterrasse  mit  einiger  Wahrschein- 
lichkeit anzusehen  wäre.  Erst  die  von  Siegert  in  der 
Gegend  von  Öglitzsch  bis  Kriegsdorf'-)  als  „Saaleterrasse 
der  II.  Interglazialzeit"  kartierte  Terrasse,  deren  Kiese  und 
Sande  2 — 5  m  über  der  heutigen  Aue  liegen,  scheint  mir 
die  Fortsetzung  unserer  Unterterrasse  zu  bilden.  Die  Geo- 
logen der  Landesanstalt  suchen  allerdings  die  Fortsetzung 
dieser  Terrasse  tlufsanfwärts  in  wesentlich  höher  gelegenen 
Terrassen,  deren  Schottersohlen  bei  Uichteritz  bei  Weilsen- 
fels  7,  am  Koppelberge  bei  Schulpforta  15  und  im  Bereiche 
des  Blattes  Jena  9 — 11  m  über  der  heutigen  Aue  liegen.  3) 
Diese  Verbindung  halte  ich  indessen  für  verfehlt,  weil  nach 
ihr  die  besprochene  Terrasse  ein  stärkeres  Gefälle  besitzen 
würde  als  die  „Hauptterrasse  der  ersten  Interglazialzeit", 
während  nach  allem,  was  wir  über  die  Gefällsentwickelung 


1)  Cumpter,  a.a.O.,  S.  172-  173  und  201—203.  Hier  werden 
n.  a.  Elephas  antiquus  und  20  Konchylienarten  angeführt.  Ich  habe 
durch  weiteres  Sammeln  an  dem  interessanten,  von  Compter  ent- 
deckten Fundpunkte  die  Zahl  der  Konchylienarten  auf  ungefähr  60 
gebracht.  Von  diesen  zahlreichen  Arten  fehlt  lediglich  Sphaerium 
corneum  Lin.  sp.  den  Travertinen  der  Gegend  von  Weimar.  Dem  Be- 
stände b  fehlen  nur  4 — 8  der  am  Mädchensee  gefundenen  Arten.  Von 
Arten,  welche  für  den  Bestand  b  besonders  charakteristisch  sind, 
konnten  am  Mädchensee  u.  a.  nachgewiesen  werden:  Daudebardia 
rufa,  D.  brevipes,  Vitrea  siibrimata,  Patula  solaria,  Fupa  doliolum, 
P.  edentula,  P.  Moulinsiana,  Clausilia  cana,  Cl.  puniila,  Cl.  plicntula, 
Gl.  filograna  und  Belgrandia  sp.  Von  Arten,  welche  für  andere  Be- 
stände des  Weimarer  Travertingebietes  besonders  charakteristisch  sind, 
fand  ich  am  Mädchensee:  Helix  striata,  Clausilia  ?  bidentata  und 
Planorbis  glaber.  Ich  berichte  später  an  anderer  Stelle  ausführlicher 
über  die  am  Mädchensee  gesammelten  Konchylien. 

^)  Blätter  Lützen  und  Merseburg  (Ost). 

^)  Im  Zusammenhange  mit  dieser  Auffassung  steht  die  von 
Naumann,  Picard  und  Siegert  (Centraiblatt  für  Mineralogie  usw., 
1910,  S.  III)  vertretene,  dafs  die  Unterterrasse  des  Travertingebietes 
von  Weimar  der  postglazialen  Saaleterrasse  entspreche. 


234 


Ewald  Wüst, 


[74] 


der  Terrasse  des  Saaletales  wissen,  die  Gefällskurven  der 
Terrassen  sich  nach  der  Gegenwart  zu  immer  mehr  der 
Gefallskur\e  des  heutigen  Flufstales  nähern,  eine  Erschei- 
nung, der  sich  nach  der  von  mir  angenümmenen  Verbindung 
die  Gefällsverhältnisse  der  aus  der  Unterterrasse  des  Ilm- 
tales und  der  „Terrasse  der  II  Interglazialzeit"  zwischen 
Oglitzsch  und  Kriegsdorf  zusammengesetzten  Flufsterrasse 
unterordnen.  Für  seine  Zurechnung  der  Terrasse  zwischen 
Öglitzsch  und  Kriegsdorf  zu  der  Zeit  zwischen  der  zweiten 
und  der  dritten  Vereisung  Thüringens  kann  Siegert  keine 
scharfe  Begründung  geben.  Er  geht  von  der  unbestreitbar 
richtigen  Voraussetzung  aus,  dafs  in  dem  von  ihm  kartierten 
Gebiete  irgendwelche  Flufsablagerungen  aus  der  Zeit 
zwischen  den  beiden  letzten  Vereisungen  Thüringens  vor- 
handen sein  müssen  und  erl)lickt  solche,  ohne  das  näher 
begründen  zu  können,  in  der  erwähnten  Terrasse,  die  sich 
dem  Niveau  nach  zwischen  der  „Hauptterrasse  der  ersten 
Interglazialzeit"  und  der  niedersten  über  die  heutige  Aue 
emporragenden  von  Siegert  als  postglazial  oder  altalluvial 
bezeichneten  Terrasse,  deren  Flulsablagerungen  bis  unter 
den  heutigen  Talboden  hinabreichen,  einschiebt.  Dafs  diese 
Terrasse  tatsächlich  vor  der  dritten  Vereisung  Thüringens 
entstanden  ist,  ergibt  sich  daraus,  dafs  unterhalb  Halle  im 
Saaletale  nordische  Glazialablagerungen  bis  unter  das  Niveau 
der  heutigen  Aue,  also  tiefer  als  die  Ablagerungen  der  be- 
sprochenen Terrasse  hinabreichen. i)  Der  gleichen  Inter- 
glazialzeit sind  indessen  auch  noch  tiefer  gelegene,  bis 
etwa  in  das  Niveau  der  heutigen  Aue  hinabreichende  Flufs- 
ablagerungen  zuzurechnen,  weil  solche,  soweit  man  urteilen 
kann,  noch  von  dem  der  letzten  Interglazialzeit  angehörenden 

1)  Die  kleine  Kiesgrube  östlich  von  der  Wasserjilasfabrik  an  der 
Saale  unterhalb  von  Halle -Trotha  schliefst  typische  Schmelzwasserkiese 
auf,  welche  zum  Teile  von  Gebängesclmtt  oder  von  einem  dünnen 
—  bis  fiO  cm  mächtigen  —  anscheinend  in  situ  befindlichen  Geschiebe- 
mergelreste überlagert  werden.  Die  Schmelzwasserkiese  reichen,  nach 
den  Höhenkurven  des  Mefstischblattes  Halle -Nord  und  der  Messung 
der  Grubenwaud  beurteilt,  bis  zu  einem  Niveau  von  73,5  m  ü.  NN. 
hinab.  Die  beutige  Saaleaue  liegt  hier  —  von  den  Rinnen  verlandeter 
Saalearme  abgesehen  ^  zwischen  73,75  und  75  m  ü.  NN. 


[75] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


235 


Jüngeren  Löase  bedeckt  werden. ')  Danach  ist  es  sehr  wohl 
möglich,  dafs  die  unter  dem  Niveau  der  Untcrtcrrasse  ge- 
legenen Ilmablagerungen  von  Ober -Weimar  der  liilduiigszeit 
des  Jüngeren  Lösses  angehören  oder  zeitlieh  nahe  stehen, 
was  mit  der  S.  218  —  219  gemachten  Annahme,  dafs  diese 
Ablagerungen  der  Bildungszeit  des  Parisers  angehören  oder 
zeitlich  nahe  stehen,  im  Einklänge  steht. 

Da  die  Schotter  der  Weimarer  Unterterrasse  einerseits 
unter  eiszeitlichen  Klimaverhültnissen  entstanden  sind, 
andererseits  aber  vor  der  Würm -Eiszeit  abgelagert  worden 
sein  müssen,  können  sie  nur  dem  Ausgange  der  Rifs-Eiszeit 
zugeschrieben  werden.  Danach  müssen  die  Ablagerungen 
der  Mittelterrasse  der  Rifs-Eiszeit  oder  wahrscheinliclier 
—  da  sie  anscheinend  kaum  unter  eiszeitlichem  Klima  ent- 
standen sind  —  der  Mindel-Rifs-Interglazialzeit  zugerechnet 
werden.  Im  Ilmtale  unterhalb  von  AVeiniar  kenne  ich  zur 
Zeit  keine  Fortsetzung  unserer  Mittelterrassenschotter.  Im 
Saaletale  dürften  ihnen  die  bereits  oben  erwähnten  mit 
ihrer  Basis  9 — 11  bezw.  7  m  über  der  Aue  liegenden 
Schotter  des  Blattes  Jena  und  von  Uichteritz  bei  Weifsen- 
fels,  welche  die  Geologen  der  Landesanstalt  in  die  „II.  Inter- 
glazialzeit"  (—  Rifs-Würni-Interglazialzeit)  stellen,  äquivalent 
sein.  Es  scheint  mir  nicht  ganz  ausgeschlossen  zu  sein, 
dafs  diese  Schotter  weiter  saaleabwärts  eine  Fortsetzung  in 
manchen  mit  ihrer  Basis  auffallend  tief  (bis  7  m  über  die 
Aue)  reichenden,  von  den  Geologen  der  Landesanstalt  zu 
ihrer  „Hauptterrasse  der  ersten  Interglazialzeit"  gestellten, 
von  Rifs-Glazial  und  Jüngerem  Lösse  überlagerten  Schottern  2) 
finden. 

Gemäfs  den  gegebenen  Erörterungen  gelange  ich  also 
zu  der  in  der  folgenden  Tabelle  übersichtlich  dargestellten 


•)  Die  so  tief  ins  Tal  hinabreichenden  Lösse  könnten  allerdings 
auch  als  erheblich  nach  der  Bildimgszeit  des  Jüngeren  Lösses  am 
Gehänge  umgelagerte  Lölsmassen  gedeutet  werden,  doch  ist  eine 
solche  Deutung  wenigstens  für  so  mächtige  und  grofsenteils  so  reine 
Lüfsmassen  wie  die  zwischen  Kösen  und  Lengefeld  aufgeschlossenen 
und  in  der  S.  231  angeführten  Literatur  mehrfach  beschriebenenen 
gewiss  mindestens  äufserst  unwahrscheinlich. 

-)  Vgl.  die  Blätter  Lützen  und  Merseburg  (West). 


236 


Ewald  Wüst, 


[76J 


Einordnung  der  Ablagerungen  des  Travertingebietes  der 
Gegend  von  Weimar  in  die  Chronologie  des  Eiszeitalters. 
Dals  auch  palilontologiscbe  und  archäologische  Umstände 
zu  Gunsten  wenigstens  der  Einordnung  der  Hauptmasse 
der  Unteren  Travertine  in  die  Rifs -Würm  -  Interglazialzeit 
sprechen,!)  ^oM  hier  nicht  näher  erörtert  werden. 

Die  Bedeutung  der  Ablagerungen  des  Travertingebietes 
der  Gegend  von  Weimar  und  ihrer  Fossilienbestände 
für  die  Beurteilung  der  Klimasehwankungen  des 
Eiszeitalters. 

In  der  vorliegenden  Arbeit  habe  ich  aus  meinen  Unter- 
suchungen über  die  plistozänen  Ablagerungen  des  Travertin- 
gebietes der  Gegend  von  Weimar  und  ihrer  Fossilienbestände 
abgeleitet,  dais  sich  die  dritte  oder  Rifs -Würm -Inter- 
glazialzeit in  unserer  Gegend  aus  zwei  Waldphasen  und 
einer  zwischen  diese  fallenden  Steppenphase  zusammensetzt. 
Dieses  Ergebnis  ist  selbstverständlich  für  ganz  Mitteleuropa 
unter  alleinigem  Ausschlüsse  der  höchsten  Teile  seiner  Ge- 
birge und  unter  der  zweifellos  zutreffenden  Voraussetzung, 
dafs  der  Ablauf  der  Klimaschwankungen  in  allen  Inter- 
glazialzeiten  —  von  gewissen  graduellen  Unterschieden  ab- 
gesehen —  der  gleiche  gewesen  ist,  für  alle  Interglazialzeiten 
zu  verallgemeinern. 

Über  das  Klima  Mitteleuropas  einschliefslich  klimatisch 
gleicher  oder  ähnlicher  Gebiete  während  der  Interglazialzeiten 
gehen  zur  Zeit  die  Ansichten  noch  weit  auseinander.  Penck 
und  Brückner'-)  haben  aus  ihren  Untersuchungen  über  die 
Alpen  ein  Eiszeitalter  gefolgert,  dafs  die  Interglazialzeiten 
jeweils  mit  einer  Waldphase  begannen,  der  eine  Steppen- 
phase folgte,  welche  den  Ubergang  zur  nächsten  Eiszeit, 
deren  Vergletscherung  sich  unter  einem  Steppenklima  ent- 
wickelte, bildete  und  damit  einen  unsymmetrischen  Verlauf 
der    Klimakurven    der    einzelneu    Interglazialzeiten  an- 


1)  Vgl.  darüber  meine  und  Hahnes  oben  S.  163  zitierte  Vorläufige 
Mitteilungen. 

')  Die  Alpen  im  Eiszeitalter,  Leipzig  1901—1909. 


[77] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


237 


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238 


Ewald  Wüst, 


[78j 


genommen.  Demgegenüber  sind  andere  Autoren  zu  An- 
schauungen gelangt,  welche,  wie  sehr  sie  auch  sonst  von 
einander  abweichen,  doch  darin  übereinstimmen,  dafs  sie 
die  Annahme  eines,  wenigstens  im  wesentlichen  sym- 
metrischen Verlaufes  dieser  Kliniakurven  erfordern.  Hierher 
gehören  einerseits  Sauer,  i)  welcher  die  Interglazialzeiten 
als  Waldzeiten  betrachtet  und,  von  Erwägungen  über  den 
Einflnfs  der  grofsen  Vereisungen  auf  das  Klima  Mitteleuropas 
ausgehend,  annimmt,  dafs  jede  Eiszeit  durch  eine  Steppenzeit 
eingeleitet  und  beendigt  wurde,  und  andererseits  August 
Schulz^)  und  Bogoljubow,^)  von  denen  der  erstere  durch 
florengeschichtliche  Untersuchungen,  der  letztere  durch  all- 
gemeine geologische  Erwägungen  zu  der  Anschauung  ge- 
langt ist,  dafs  jede  luterglazialzeit  aus  zwei  Waldphasen 
und  einer  zwischen  diese  fallenden  Steppenphase  besteht. 
Während  die  bisher  bekannt  gewordenen  Profile  mit  aller- 
dings mehr  oder  weniger  grol'ser  Wahrscheinlichkeit  im 
Sinne  jeder  der  drei  besprochenen  Ansichten  gedeutet 
werden  können,  sind,  wie  ich  dargetan  zu  haben  glaube, 
die  Profile  des  Travertingebietes  der  Gegend  von  Weimar 
nur  im  Sinne  der  von  Schulz  und  Bogoljubow  vertretenen 
Ansicht  deutbar  und  in  dieser  ihrer  Eindeutigkeit  von  grofser 
Bedeutung  für  die  Beurteilung  der  Klimaschwankungen  des 
Eiszeitalters. 

Aber  noch  nach  einer  anderen  Richtung  hin  sind  meine 
Untersuchungen,  wie  ich  glaube,  von  Bedeutung  für  die 
Beurteilung  der  Klimaschwankungen  des  Eiszeitalters.  Die 
aus  den  untersuchten  Fossilienbeständen  erschlossene  Klima- 
folge weist  nur  Klimate  auf,  welche  einen  kontinentaleren 


1)  Die  klimatischen  Verhältnisse  während  der  Eiszeit  mit  Rück- 
sicht auf  die  Lüfsbildung,  Jahreshefte  des  Vereins  für  Vaterländische 
Naturkunde  in  Württemberg,  Bd.  57,  1901,  S.  CVl — CX. 

2)  Besonders:  Entwickhiiigsgeschichte  der  gegenwärtigen  phane- 
rogamen  Flora  und  Pflanzendecke  der  oberrheinischen  Tiefebene  usw. 
(A.  Kirchhoff,  Forschungen  zur  deutschen  Landes- und  Volkskunde, 
Bd.  16,  H.  3,  Stuttgart  1906),  S.  171—173  und  242  ff. 

^)  Über  die  Phasen  der  interglazialen  Epoche  im  Gouvernement 
Moskau,  L'Annuaire  geologique  et  mineralogique  de  la  Eussie,  Vol.  IX, 
liv.  1—2,  S.  34—44,  1907. 


[79] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


239 


Charakter  besitzen  als  das  lieutige  Klima  der  Gegend. 
Diese  Eracheiniuig  ist  zweifellos  darauf  zurückzufüliren,  dafs 
sich  bekanntlich  erst  naeh  der  Würmeiszeit  die  heutige  Ge- 
staltung der  atlantischen  Küsten  Europas  herausgebildet 
hat,  während  vor  dieser  Zeit  der  Europäische  Kontinent, 
der  mit  den  heutigen  Britischen  Inseln  landfest  verbunden 
war,  soviel  weiter  in  den  heutigen  Atlantischen  Ozean  hin- 
ausgeragt hat,  dafs  unsere  Gegend  mindestens  um  20 — 25 
Längengrade  mehr  von  den  atlantisclien  Küsten  Europas 
entfernt  war  als  heutzutage  und  ein  dementsprechend 
kontinentaleres  Klima  besafs.  Der  kontinentalere  Charakter 
der  Klimate  der  Rifs-Würm-Interg]azialzeit  kommt  zu  einem 
höchst  sinnfälligen  Ausdrucke  in  dem  vollkommenen  Fehlen 
heute  vorwiegend  westeuropäischer  Molluskenarten in  den 
untersuchten  Ablagerungen  aus  dieser  Zeit.  Das  Fehlen 
derartiger  Arten  ist  eine  im  wesentlichen  allen  vor  der 
Würm -Eiszeit  gebildeten  Plistozänablagerungen  Mittel- 
Europas  gemeinsame  Erscheinung,  wie  das  auch  unter  der 
Voraussetzung  der  Richtigkeit  der  von  mir  gegebenen  Er- 
klärung erwartet  werden  mufs.'^)  Erst  in  postglazialer  Zeit, 
offensichtlich  erst  während  und  nach  den  tiefgreifenden 
postglazialen  Veränderungen  der  atlantischen  Küsten  Europas 
und  im  Gefolge  der  dadurch  hervorgebrachten  Klima- 
änderungen gelangten  derartige  Mollusken  nach  Mittel- 
europa. 3)  Für  Mitteleuropa,  das  uns  hier  in  erster  Linie 
interessiert,  ebenso  aber  natürlich  auch  noch  für  andere 
Gebiete,  können  die  Klimaschwankungen  des  postglazialen 
Abschnittes  des  Eiszeitalters  nicht  nur  quantitativ  von  den 
gröfsereu  älter  plistozänen  Klimaschwankungen  verschieden 
sein;  es  müssen  auch  qualitative  Unterschiede  vorhanden 
sein,  welche  dadurch  bedingt  sind,  dafs  Lage  und  Klima 
Mitteleuropas  in  der  Postglazialzeit  minder  kontinental, 
ozeanischer  geworden  waren.    Und  in  der  Tat  haben  die 

')  Z.  B.  der  S.  193—194  aufgezählten. 

^)  Ich  behandele  diese  Verhältnisse  demnächst  ausführlicher  an 
anderer  Stelle. 

^)  Damit  eröffnet  sich  ein  Weg  zur  Ermittelung  der  Alters- 
beziehungen zwischen  binnenländischen  postglazialen  Ablagerungen 
und  Veränderungen  an  den  atlantischen  Küsten  Europas. 


240 


Ewald  Wüst, 


[80] 


UntersuclniDgen  über  die  postglazialen  Klimaschwaukungen  i") 
ergeben,  dafs  Mitteleuropa  in  manchen  postglazialen  Zeit- 
abschnitten-) ein  wesentlich  ozeanischeres  Klima  besessen  hat, 
als  es  sich  in  irgend  einem  Teile  der  aus  der  Untersuchung 
der  plistozänen  Ablagerungen  des  Travertingebietes  der 
Gegend  von  Weimar  abgeleiteten  Klimafolge  vom  Ausgange 
der  dritten  oder  Rils- Eiszeit  bis  zum  Beginne  der  vierten 
oder  Würm-Eiszeit  erkennen  läfst. 

Tabelle  der  Verbreitung  der  Konchylien  in  den  ver- 
schiedenen Ablagerungen  des  Travertingebietes  der 
Gegend  von  Weimar. 

Vorbemerkungen. 

In  der  systematischen  Anordnung  und  Nomenklatur  der 
in  der  Tabelle  aufgezählten  Arten  schliefse  ich  mich  an  die 
verbreitetsten  der  zunächst  in  Betracht  kommenden  Faunen 
(von  Clessin,  Geyer,  Goldfüss,  Westeklund  usw.)  an. 
Ich  folge  der  Mehrzahl  dieser  Faunen  auch  in  der  weiten 
Fassung  des  Gattungsbegriffes,  welche  zwar  vom  Standpunkte 
des  Systematikers  aus  betrachtet  nicht  mehr  haltbar,  jedoch 
in  Arbeiten,  welche  sich  nicht  nur  an  Spezialisten  wenden, 
meines  Erachtens  im  Interesse  der  leichteren  Verständigung 
vorzuziehen  ist. 

Die  Spalten  I  bis  III  geben  die  Verteilung  der  *Kon- 
chylien-Arten  auf  die  3  Travertingebiete  von  Weimar  (W), 
Taubach  (T)  und  Ehringsdorf  (E)  nach  den  Veröffentlichungen 
von  A.  Weiss  (Die  Konchylienfauna  der  altpleistozänen 
Travertine  des  Weimarisch -Taubacher  Kalktuffbeckens, 
Nachrichtsblatt  der  deutschen  Malakozoologischen  Gesell- 
schaft, 26.  Jahrg.,  1894,  S.  145—163  und  185—190,  I.  Nach- 
trag ebenda,  28.  Jahrg.,  1896,  S.  99—102  und  Über  die 
Konchylien-Fauna  der  interglazialen  Travertine  des  Weimar- 
Taubacher  Kalktuffbeckens,  Zeitschrift  der  Deutschen  geo- 
logischen Gesellschaft,  Jahrg.  1896,  S.  171—182).    Die  von 

Vgl.  in  erster  Linie  die  schon  oben,  S.  179 — 180  zitierten 
Arbeiten  von  August  Schulz. 

In  den  „kühlen"  und  manchen  Abschnitten  der  „warmen 
Perioden"  von  August  Schulz. 


Zeitschrift  fiir  Natnrwissenscbaften    Bd.  82  1910 


150 
Taubach 

SONNKEIN 


Senkrechter  Abstand  von  dem  Rande  der  Ilm -Aue  in  Metern 


100 
Taubach 

OOTTSCHALG 


300 
Ehringsdorf 

IIackemesskr 


120 
Ehringsdorf 

Kaemppe 


120 
Ehringsdorf 
Haubold 
und  Schwarz 


280 
Ehringsdorf 

Fischer 


160 
Ehringsdorf 

Saaliiorn 


100 
Ehringsdorf 

Heydenreicii 


Ober -Weimar 


325 
Ehringsdorf 

Kiesloch 


250 
Weimar 

ÜLIiE 


235,1.1 


230,13 


nn 


221 


220,5 


247,13 

244,  !t3 

245,  K7 


216,5 


240,8 


232,65 
231,52 


225.82 
225.22 

223,72 


II 


235,54 


2.30,74 
229.7  4 


225,1 
224,46 


239,59 


•233,27 
231,90 


IT 


EL 


ri 


XI 


215,5 


215,5 


215,5 


2:18,10 


232,60 
231,95 


215 


i 


T3 


5 


215 


215 


214,5 


230,50 


228,31 
227,74 


217,2.^) 


X3 


212,5 


Die  neben  den  l'rolilon  stehenden  Ilölicn/.ahlcn  sind  dem  Rebling  sehen 
Wvelltinient,  die  Höhenzahlen  filr  die  verschiedenen  Punkte  der  Ilm-Aue  den 
Mefstischblättern  Magdala  und  Weimar  entnommen. 


Itics 


„Letten" 


.Pariser" 


Travertine 


Zcitscbrift  ftlr  Niitunviseeüschaften    Bil.  82  li'ld 


Tal.ello  I 


Angaben 

vou 
A.  Weiss 


Beobaehtnngen  von  Ew.  Wüst 


Uateta  Travorline 


Damlubardiii  (Uufina)  nifu  Dnip,  bjj.  .   .  , 
briivipcs  Drap,  sp, 
:)  poUucidsi  MIHI,  ap. 


Cuniilus  (Tr< 
Uyaliniu  (Lu 


Vitrea  (Crystalliis) 


k  Akl. 


Drap. 
;i  Drap.  . 
I>rap.  ap. . 
MlilLsp. 

Ii.  »p.  .  . 
■:ip.  ap.  . 

aiumoDis  StrUm.  sp. 
cuntorta  Held.  ap. 
siibriiuaia  Kuinb.  . 
crysUllina  MUH.  sp. 
contracta  West.  . 

Zoniliiides  nitidus  MUll.  sp  

Züoiti'S  aciofüriiiia  Klein  sp  

PiiDCtiiu  pygiiiaeum  Drap  sp.  .  ,  . 
Fatulit  (Disuus)  lotundnta  MUH.  sp.  . 

„       rudcrula  Stud.  sp.  .  . 
,,     (Goniodiscus)  sobrla  Mke.  sp. 
□ulix  (Acantbiuiila)  aculcata  MUll. .  . 
(Vallonia)  pulcbella  Müll. .   .  . 

uostata  Milll.    .    .  . 
costcllata  AI.  Br.  .  . 
leoiiilabris  AI.  Br. .  . 
(Trigonostoma)  übvoliila  MUll. 
(Uogoooaloma)  porsonata  Lam. 
(Petftsia)  bidcus  Cliemn.  sp.  .  . 

(Tricbi:i)  bispida  L  

(Euoiupbalia)  sttlgt-lla  Drap.  . 
{Mon;u-li 


(Ell! 


1  Mlil 


(Cai  . 

(Cliihiireui.n  liiiiid,!..  I.     .    .  . 

(Ariant^L)  iirbiiMurmij  I  

(Xeropbila)  strinia  Müll.   .    .  . 
(Tachea)  viodoboneiiais  F&v.  . 
„       Tonuensis  Sandti.  .  . 
neinoralis  MIHI,  .    .  . 
LortcDsia  MIHI.  .    .  . 
(lleliooKtm.!)  pomatia  L,   .    .  . 
Biiliiuiniis  (Cliondrula)  triJens  MUll.  sp. 
(Naji;tL'Us)  moutanus  Drap, 
obscurus  MUH.  3p. 
l'upa  lUrciiliii  d(.liüliim  BriiE.  sp.  .  . 


.  Jai 


(l'aKn.lin 
ll'upill.) 


triplicata  Stud  

(Spliyradium)  edoolula  Drap.    .  . 

„  culumella  v.  Mts,  ap,  B 

(Istbiuia)  claustralts  Gredl.    .   .  . 

costulata  Nilta.  .... 
mlniilissinia  Hartiu.    .  . 
(Verligü)  parccduntaia  AI  Br.   .  . 
„      allf.  alpcstris  Aid.  ap.  ,  . 

„      pygiuaea  Dnip  

^loulin^iaIla  Diip,  .  .  , 
,,  antiverligo  Drap.  .  .  . 
,,      subslriata  Juffr.  sp.     .  . 

„      pusilla  MUll.  sp  

„  angiistior  JefTr.  sp.  .  .  . 
isilia  (Claiisiliastra)  lauiinata  Mont.  sp, 

„      (Alioda)  plicata  Drap  

.,      (Slrigillarial  cana  Held     .   .  . 


Ciouella  (Zm-u  l„t.ri>  i  M.ill  >i,  

(A/A'iM)  ScIiMl/i.ni;!  Wilst  .... 
.Siiccinea  (Ncriiii^liiiini)  piitris  L.  sp.  .    .  , 
„       (Aiupbibina)  olegans  Rissn  .    .  . 

Pfeifferi  Um.    ,    ,  . 
(Luceiia)  Scbumaclieti  Andr,    .  . 
„  .,       ubionga  Drap.  .... 

Catychiuui  miniumm  MUll.  

Lininnoa  (Uiddus)  slagnalls  L.  an.  ... 

(Giilnarla)  ovata  Drap  

„  „       püregra  Milll.  sp.  .    .  . 

„      (Liiunopbysa)  palustris  Müll.  sp.  . 

glabra  MIHI  sp.  .  . 
truucatida  MUll.  sp. 

Ampbipeplua  gltilliiosa  MUll.  sp  

Pliysa  fontinnlis  L.  sp  

Aplexa  bypnorimi  L.  sp  

PlaDorbia  (Tropidisciia)  niubilicatus  MIHI.  . 

„  carloatus  MUH.  .  . 

(Gyrorbis)  vortex  L.  »p.  ... 

vorticuliis  l^roscb.  .  . 
„  „        apirorbis  L  sp.  .    .  . 

„  „        iDucostoma  MiH.     .  . 

„       (BatbyoiuplmliiB)  contortiis  L.  sp. 

(Gyrauliis)  albus  MUll.  sp.  .    .  , 
„  „       sp.  afr,  bureabs  hovisn 

„  „        Rossiuacssleri  Anorsw. 

„  „       glaber  .leffr.  .... 

,,       (Aruiigcr)  cnsta  L,  sp  

„       (Hippmilis)  complanaltis  L.  gp,  . 
(Scginentina)  nitidus  MUll.     .  . 
Ancyliis  (Aiicylastnun)  fluvlalilis  MUH.  .  . 

*     '  ms)  Incustris  I..  ap.  .  .  . 


Aciue  pwlitn  Hai 
lliib 

Belgrandia  np 
Valvau  (CiiKinn 
(Valvali 
Unio  batavus 
AnodoDU  ap. 
Pitldiiim  (Pli 


sp 


(Fo, 


Lam  

DiDioea)  AmDiciiui  MfilL  sp!  '. 
sarioa)  Ueualowiauum  Sbcpp.  sp. 
„  fontinale  C.  Pf.  .  .  .  . 
„  piiaiHuiu  Graul,  sp.  .  . 
oblusalo  C.  Pf.  .  .  .  . 
uiHimii  Held  


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar.  241 


Weiss  selbst  gefundenen  Arten  sind,  gleichviel  ob  sie  vor 
ihm  schon  von  anderen  —  bei  Weiss  zitierten  —  Autoren 
gefunden  worden  sind  oder  nicht,  in  den  Spalten  der  Tabelle 
durch  einen  Stern  (*)  bezeichnet.  Die  von  Weiss  nur  auf 
Grund  der  Angaben  früherer  Autoren  angeführten  Arten 
sind  in  den  Spalten  der  Tabelle  statt  des  Sternes,  durch 
Abkürzungen  der  Namen  der  betreifenden  Autoren  (S  = 
Sandberger,  Sc  =  Schmidt)  bezeichnet.  Von  den  wenigen 
in  der  Literatur  vorhandenen  Angaben  über  die  Verbreitung 
dej  Konchylien  in  den  verschiedenen  Ablagerungen  des 
Travertingebietes  sind  diejenigen,  welche  bei  einer  Gliederung 
dieser  Ablagerungen  in  der  in  der  Tabelle  vorgenommenen 
Weise  von  Interesse  sind,  soweit  sie  nicht  von  mir  selber 
herrühren,  in  den  Anmerkungen  zu  der  Tabelle  vollständig 
angeführt.  Solche  Angaben  finden  sich  bei  Weiss  a.  a.  0. 
und  in  einer  posthumen,  vom  Städtischen  Museum  in  Weimar 
herausgegebenen  Druckschrift  von  0.  Schmidt,  betitelt  „Die 
Sammlung  von  Typen  fossiler  und  rezenter  Land-  und 
Süfswasser-Konchylien  aus  der  Gegend  von  Weimar",  welche 
1908  gedruckt  zu  sein  scheint  und  keine  nicht  schon  aus 
der  Literatur  bekannten  Funde  namhaft  machte) 

Die  Spalten  1 — 15  geben  auf  Grund  meiner  eigenen 
Beobachtungen  eine  Ubersicht  über  die  Konchylien-Bestände 
der  Hauptglieder  der  Ablagerungen  der  einzelnen  Travertin- 
gebiete : 

1.  Konchylien -Bestand  a  aus  dem  Ilmkiese  der  Unter- 
terrasse am  Eing^ange  der  Parkhöhle  im  Parke  von 
Weimar. 

2.  Konchylien -Bestand  h  aus  den  obersten  Ilmkieslagen 
und  den  mergeligen  Ilmabsätzen  (vulgo  „Letten")  der 
Unterterrasse  sowie  aus  den  unteren  Lagen  der  Baum- 
travertine  im  Ulle  sehen  Steinbruche  in  Weimar. 

3.  Konchylien -Bestand  h  aus  der  untersten  Travertinlage 
(vulgo  „Ratten")  im  östlicheren  der  beiden  Sonnrein- 
schen  Brüche  bei  Taubach. 


Diese  Publikation  des  Städtischen  Museums  in  Weimar  ist  durcti 
die  Liebenswürdigkeit  des  Herrn  Grofsh.  Bauinspektors  Rebling  in 
Weimar  zu  meiner  Kenntnis  gekommen. 

ZeitBchr.  f.  Naturwiss.  HaUe  a.  S.   Bd.  82.   1910.  16 


242 


Ewald  Wüst, 


[82] 


4.  Konchylien- Bestand  c  aus  dem  Charensande  an  der 
Basis  der  Unteren  Travertine  im  Saalborn  sehen  Bruche 
bei  Ehringsdorf. 

5.  Kouchylien-Bestane  b  aus  der  Hauptraasse  der  Unteren 
Travertine  im  Ulle  sehen  Steinbruche  in  Weimar. 

6.  Konehylien-Bestand  b  aus  der  Hauptmasse  der  Unteren 
Travertine  im  Taubacher  Travertingebiete. 

7.  Konehylien-Bestand  e  aus  Unteren  Travertinen  im 
Schwarz  sehen  Bruche  bei  Ehringsdorf. 

8.  Konehylien-Bestand  f  aus  den  obersten  Lagen  der 
Unteren  Travertine  im  Saalborn  sehen  und  im 
Kaempfe  sehen  Bruche  bei  Ehringsdorf 

9.  Konehylien-Bestand  g  aus  dem  Pariser  im  Heyden- 
reich sehen  und  im  Kaempfe  sehen  Bruche  bei  Ehrings- 
dorf. 

10.  Konehylien-Bestand  1)  aus  humosen  Lagen  nahe  der 
Basis  der  Oberen  Travertine  im  Fischer  sehen,  Hau- 
bold sehen  und  Kaempfe  sehen  Bruche  bei  Ehrings- 
dorf. 

IL  Konehylien-Bestand  i  aus  Oberen  Travertinen  im  Heyden- 
reich sehen,  Kaempfe  sehen  und  Hackemesser  sehen 
Bruche  bei  Ehringsdorf. 

12.  Konehylien-Bestand  f  aus  höheren  Lagen  der  Oberen 
Travertine  im  Fischer  sehen  Bruche  bei  Ehringsdorf. 

13.  Konehylien-Bestand  aus  den  Hmabsätzen  einer  tief 
(unter  dem  Niveau  der  Unterterrasse)  gelegenen  Terrasse 
bei  Ober-Weimar. 

14.  Konehylien-Bestand  1)  aus  den  mergeligen  Hmabsätzen 
(vulgo  „Letten")  der  Mittelterrasse  im  Taubacher 
Travertingebiete. 

15.  Konehylien-Bestand  t)  aus  den  mergeligen  Hmabsätzen 
(vulgo  „Letten")  der  Mittelterrasse  im  Ehringsdorfer 
Travertingebiete. 

Es  bedeutet: 
*  das  Vorkommen  sicher  bestimmter  Reste, 
*?  das  Vorkommen  nicht  sicher  bestimmter  Reste, 
(*)  das  Vorkommen  sicher  bestimmter  Reste,  die  wahr- 
scheinlich nachträglich  in  die  Ablagerung  gelangt  sind, 


[83] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


243 


{*  das  Vorkommen  nicht  genau  bestimmbarer  Keste,  die 
sieher  oder  doch  sehr  wahrscheinlich  zu  einer  der  Arten, 
deren  Namen  von  der  Klammer  umfafst  wird,  gehören. 


Anmerkungen  zu  der  Tabelle. 

1.  Baudebardia  brevipes  ist  von  den  bisherigen  Autoren 
nicht  angegeben  worden.  Ich  vermute,  dafs  man  die  hier- 
her gehörenden  Stücke  zu  D.  rufa  gestellt  hat.  Die 
Unterscheidung  der  beiden  Arten  ist  jetzt  durch  die 
Darlegungen  von  A.  J.  Wagner,  besonders  über  die 
Unterschiede  in  der  Beschaffenheit  der  Embryonalschale, 
sehr  erleichtert.  Vgl.  A.  J.  Wagner,  Die  Arten  des 
Genus  Daudebardia  Hartmann  in  Europa  und  Westasien, 
Denkschriften  der  k.  Akademie  der  Wissenschaften,  Math.- 
nat.  Kl.,  62.  Bd.,  Wien  1895,  S.  609  ff",  und  Bemerkungen 
zum  Genus  Daudebardia  Hartmann,  Nachrichtsblatt  der 
deutschen  Malakozoologisehen  Gesellschaft,  Jahrg.  1906, 
S.  177  ff-. 

2.  Ich  habe  bisher  nur  1  Fragment  gesammelt,  von  dem 
ich  nicht  entscheiden  kann,  ob  es  zu  Hijalinia  nitens 
oder  zu  H.  nitidula  gehört.  Weiss  bezeichnet  H.  nitens 
als  sehr  selten. 

3.  Diese  Form  wurde  von  Weiss  als  Zonites  verticillus  Fer. 
var.  praecursor  A.  Weifs  bezeichnet.  Die  Synonymie 
dieser  Form  ist  am  ausführlichsten  von  mir  in  den  Ver- 
handlungen der  k.  k.  geologischen  Reichsanstalt,  Wien 
1907,  S.  84  dargelegt.  —  Nach  Schmidt  charakterisiert 
die  von  ihm  als  Zonites  verticillus  Fer.  var.  angeführte 
Form  „die  unteren  Lagen  der  Travertine". 

4.  Charakterisiert  nach  Schmidt  „die  unteren  Lagen  der 
Travertine". 

5.  Die  provisorisch  auf  diese  Arten  verteilten  Stücke  be- 
dürfen noch  einer  genaueren  Prüfung. 

6.  Uber  diese  ausgestorbene,  trotz  ihrer  so  ungemein 
charakteristischen  Berippung  anscheinend  immer  noch 
sehr  wenig  bekannte  Art  vgl.  bes.  Al.  Braun,  Amtlicher 
Bericht  über  die   20.  Versammlung  der  Gesellschaft 

16* 


244  Ewald  Wüst,  [84] 

Deutscher  Naturforscher  und  Ärzte  zu  Mainz  1842, 
Mainz  1843,  S.  145;  Sandberger,  Die  Land-  und  Süfs- 
wasser-Konchylien  der  Vorwelt,  Wiesbaden  1870 — 75, 
S.  856—857,  Taf.  34,  Fig.  10  und  Wüst,  Abhandlungen 
der  Naturforschenden  Gesellschaft  zu  Halle,  Bd.  23, 
1901,  S.  207,  Taf.  1,  Fig.  94—99. 

7.  Nach  Schmidt  „bis  zu  den  mittleren  Lagen". 

8.  Nach  Schmidt  „nur  selten  in  den  oberen  Lagen". 

9.  Die  von  Sandberger  von  Weimar  angegebene  H.  (T.) 
umbrosa  Partsch  ap.  C.  Pf,  welche  von  niemandem 
wieder  gefunden  wurde,  habe  ich  weggelassen,  weil 
Schmidt  angibt,  dafs  die  Provenienz  der  Sand- 
berger sehen  Originalexemplare  im  Mineralogischen 
Institute  in  Halle  nach  K.  von  Fritschs  mündlicher 
Mitteilung  an  Schmidt  „zweifelhaft"  ist. 

10.  Die  nur  von  Pohlig  von  Weimar  angegebene  und  sonst 
von  niemandem  gefundene  //.  (ilf.)  carpathica  Friw.  ap. 
Rm.  (=  vicina  Rm.)  habe  ich  weggelassen,  weil  Pohlig  s 
Angaben  über  die  Konchylien  der  Ablagerungen  des 
Travertingebietes  von  Weimar  offensichtlich  unzuverlässig 
sind. 

11.  Von  Weiss  zu  Unrecht  als  (C.)  Canthensis  Beyr.  be- 
zeichnet. Die  Literatur  über  H.  Canthensis  und  die 
irrtümlichen  Zurechnungen  plistozäner  Stücke  von  H. 
hanatica  zu  H.  Canthensis  habe  ich  in  den  Verhand- 
lungen der  k.  k.  Reichsanstalt,  Wien  1907,  S.  85 — 86 
zusammengestellt  und  besprochen  Danach  hat  sich 
noch  Th.  Kormos  im  Földtani  Közlöny,  Bd.  39,  1909, 
S.  207  zu  der  Angelegenheit  geäufsert.  —  Nach  Schmidt 
„bis  zu  den  mittleren  Lagen". 

12.  Nach  Schmidt  „nur  in  den  oberen  Schichten  bei  Weimar". 

13.  Nach  Schmidt  den  „oberen  Lagen"  schon  fehlend,  was 
nach  meinem  Nachweise  der  Art  in  dem  als  „f"  be- 
zeichneten Konchylienbestande  aus  den  Oberen  Traver- 
tinen  im  FiscHERschen  Bruche  nicht  zutrifft. 

14.  Die  systematische  Stellung  dieser  Art  scheint  mir  noch 
nicht  genügend  geklärt  zu  sein.  Aus  dem  Travertin- 
gebiete  der  Gegend  von  Weimar  besitze  ich  nur  spär- 
liches Material.  —  In  der  von  Clessin  (Die  Tuff- 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


245 


ablagerung  im  Tale  der  schwarzen  Laaber,  S.-A.  aus 
Bericht  des  Naturwissenschaftlichen  Vereins  zu  Regens- 
burg, Jg.  1905/6,  4.  11,  Regensburg  1908,  S.  13)  zu  H. 
Tonnensis  gestellten  rezenten  Schnecke  von  Galway  in 
Irland,  die  mir  durch  die  Güte  des  Herrn  Kennard 
vorliegt,  kann  ich,  ebenso  wie  Herr  Kennaud,  nur 
H.  nemoralis  sehen.  —  Nach  Schmidt  fehlt  H.  Tonnensis 
„in  den  oberen  Lagen  der  Travertine". 

15.  Die  von  Weiss  auf  Grund  eines  nicht  sicher  bestimmten 
Exemplares  von  Taubach  angegebene  H.  (T.)  sylvatica 
Drap,  habe  ich  weggelassen. 

16.  Nach  Weiss  nur  in  den  „Oberen  Schichten". 

17.  Das  einzige  mir  vorliegende  Fragment  gehört  sicher 
weder  zu  H.  (Ch.)  tridens  noch  zu  B.  (N.)  obscurus  und 
gleicht  B.  (N.)  montanus,  doch  kann  ich  seine  Zu- 
gehörigkeit zu  dieser  Art  nicht  sicher  behaupten. 

18.  Nach  Sqhmidt  „anscheinend  nur  in  den  oberen  Lagen". 
Diese  Angabe  ist  nach  Weiss  s  und  meinen  Funden  nicht 
haltbar. 

19.  Charakterisiert  nach  Schmidt  „die  unteren  Lagen". 

20.  Von  dieser  bisher  aus  den  Ablagerungen  des  Travertin- 
gebietes  der  Gegend  von  Weimar  nicht  bekannten  Art 
fand  ich  nur  wenige  Stücke.  Für  tiergeographische 
Zwecke  ist  es  sehr  wichtig,  von  der  typischen  P.  cupa 
Jan.  (=  F.  Sterri  Voith  nach  Boettger),  welche  in  den 
Alpen  und  zwar  bis  in  die  alpine  Region  hinauf,  im 
deutschen  Juragebirge  und  in  der  Tatra  vorkommt,  die 
var.  turcmenia  Bttgr.  ap.  Andreae,  welche  „in  Asien 
(speziell  Nord-Fersien,  Trauskaspien  und  Turkestan) 
weit  verbreitet"  ist,  zu  trennen.  Nach  Boettger  (bei 
Andreae  in  Futterer,  Durch  Asien,  Bd.  III,  Berlin  1902, 
S.  71 — 72)  zeichnet  sich  die  var.  turcmenia  „namentlich 
durch  das  Zurücktreten  oder  Fehlen  der  Zähne  vor  dem 
Typus  aus",  doch  kommen  bekanntlich  auch  bei  der 
typischen  F.  cupa  zahnlose  Stücke  vor.  Obgleich  mir 
nicht  nur  die  typische  F.  cupa  sondern  auch  —  durch 
die  Güte  des  seligen  Andreae  —  die  var.  turcmenia 
vorliegt,  kann  ich  mein  Material  aus  dem  Travertin- 


246 


Ewald  Wüst, 


[86] 


gebiete  der  Gegend  von  Weimar  nicht  reinlich  auf  die 
beiden  so  verschieden  verbreiteten  Formen  verteilen. 
Die  4  Stücke,  welche  ich  in  den  unteren  Schichten  des 
Ulle  sehen  Steinbruches  (b)  gesammelt  habe,  trage  ich 
kein  Bedenken  für  die  typische  P.  cupa  zu  halten: 
3  zeigen  Parietal-  und  Basalzahu  kräftig  entwickelt 
und  das  vierte,  wenn  auch  keinen  Basalzahn  so  doch 
wenigstens  einen  kräftig  entwickelten  Parietalzahn. 
Umgekehrt  trage  ich  kein  Bedenken  die  6  durchweg 
zahnlosen  Exemplare,  die  ich  im  „Letten"  von  Taubach 
und  Ehringsdorf  (l))  gesammelt  habe,  zur  var.  turcmenia 
Bttgr.  zu  rechnen.  Bei  den  2  Exemplaren  aus  dem 
Kiese  vom  Parkhöhleneingauge  (a),  von  denen  das  eine 
anscheinend  nicht  ganz  vollendete  zahnlos  ist,  während 
das  andere  einen  allerdings  schwachen  Parietalzahn 
zeigt,  bin  ich  zweifelhaft  und  das  um  so  mehr,  als  nach 
dem  tiergeographischen  Charakter  des  Konchylien- 
bestandes,  in  welchem  Pupa  cupa  hier  auftritt  eher  an 
die  ty  pische  Form  als  an  die  var.  turcmenia  zu  denken 
ist.  Leider  ist  die  Aussicht,  reichlicheres  Material,  das 
zu  einer  sicheren  Entscheidung  führen  könnte,  zu  er- 
langen, gering. 

21.  Von  dieser  bisher  aus  den  Ablagerungen  des  Travertin- 
gebietes  der  Gegend  von  Weimar  nicht  bekannten  Art 
sammelte  ich  nur  sehr  spärliches  Material.  —  P.  higra- 
nata  Rm.,  auf  deren  Abtrennung  von  P.  miiscorum 
BoETTGER  so  vicl  Wert  legt,  scheint  mir  übrigens  nach 
Material,  das  ich  der  Güte  des  Herrn  Professor  Dr. 
BoETTGBR  selbst  verdanke,  P.  triplicata  mindestens 
sehr  nahe  zu  stehen,  während  sie  von  P.  muscorum 
recht  verschieden  ist. 

22.  Ich  betrachte  diese  Art  als  identisch  mit  der  rezenten 
P.  Gredlern  Cless.,  mangels  genügender  eigener  Er- 
fahrung der  Ansicht  des  kompetentesten  Beurteilers, 
BoETTGERs,  folgend.  Nach  Weiss  „in  den  tiefsten 
Schichten  Weimars". 

23.  Die  von  mir  gesammelten  Exemplare  gehören  fast  alle 
zu  der  völlig  zahnlosen  var.  Genesii  Gredl.,  schlielsen 
sich  also  der  einzigen  rezent  bekannten  Form  an,  was 


[87] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


247 


für  die  tiergeograpliische  Beurteilung  der  fossilen  Vor- 
kommnisse wesentlich  ist. 

24.  Die  ganz  wenigen  als  P.  äff.  alpestris  bezeichneten  Stücke 
unterscheiden  sich  von  der  rezenten  F.  alpestris  konstant 
durch  den  Besitz  eines  kleinen,  angularwärts  vom 
Parietalzahne  gelegenen  Zähnehens.  Auch  auf  diese 
merkwürdige  Fupa  möchte  ich  erst  nach  Erlangung 
reichlicheren  Materials  näher  eingehen. 

25.  Weiss  führt  nach  Schmidt  noch  C.  {A)  hiplicata  Moni 
von  Weimar  an.  Schmidt  gibt  später  —  in  seiner  hier 
mehrfach  zitierten  posthumen  Verotfentlichung  —  aus- 
drückHch  an,  dafs  diese  Art  nicht  im  Plistozän  von 
Weimar  vorkommt. 

26.  Die  wenigen  mir  vorliegenden  Bruchstücke  gestatten 
mir  kein  sicheres  Urteil  darüber,  ob  sie  direkt  zu 
Clausilia  iKuzmicia)  hidentata  Ström,  sp.  oder  etwa  zu 
einer  ganz  nahe  verwandten  Form  gehören. 

27.  Eine  Azeca  ist  von  den  bisherigen  Autoren  in  den  Ab- 
lagerungen des  Travertingebietes  von  Weimar  nicht 
nachgewiesen  worden,  doch  war  eine  allgemein  zu 
A.  tridens  Pult,  gestellte  Azeca  aus  verschiedenen  Tra- 
vertinen  mit  ähnlicher  Fauna  bekannt.  Nachdem  mir 
schon  mehrfach  die  Kleinheit  dieser  fossilen  Vorkomm- 
nisse unserer  rezenten  A.  tridens  gegenüber  aufgefallen 
war,  veranlafste  mich  die  tiergeographisch  merkwürdige 
Tatsache,  dafs  die  Azeca  dieser  Travertine  gewöhnlich 
mit  südosteuropäischeu  Arten  vergesellschaftet  ist, 
während  doch  Azeca  tridens  heute  eine  westeuropäische 
Form  ist,  zu  einer  genaueren  Untersuchung.  Diese 
Untersuchung,  die  ich  an  zahlreichen  Stücken  aus  den 
Travertinen  von  Brüheim  bei  Gotha  (meist  von  Herrn 
Hocker  gesammelt),  Bilzingsleben  bei  Kindelbrück  und 
Osterrode  bei  Hornburg  vornehmen  konnte,  zeigte,  dafs 
diese  fossile  Azeca  von  A.  tridens  abweicht  und  sich 
in  mehreren  Punkten  der  A.  Mahilliana  Fag.,  von  der 
ich  rezente,  irrtümlich  als  A.  tridens  var.  alzenensis 
St.  Sim.  bestimmte  Stücke  von  Lourdes  in  einer  von 
Goldfuss  gekauften  Sammlung  vorfand,  nähert,  doch 
auch  von  dieser  verschieden  ist.    Ich   benenne  die 


248 


Ewald  Wüst, 


[88] 


interessante  plistozäne  Form  nach  dem  Pflanzen- 
geographen August  Sciiur.z,  auf  dessen  auch  für 
Studien  wie  die  in  dieser  Arbeit  verfolgten  grund- 
legend wichtige  Arbeiten  in  der  vorliegenden  Verotfent- 
lichung  mehrfach  hingewiesen  ist. 

Azeca  Schulziana  gehört  in  die  Gruppe  der  A. 
tridens  Pult.,  weicht  aber  von  allen  Vertretern  derselben 
durch  ihre  sehr  geringe  Gröfse  (Höhe  4,3 — 5,5  mm., 
Breite  2,1 — 2,35  mm  bei  6i/i — 71/2  Umgängen)  ab. 
Ahnlich  wie  bei  Ä.  Mabüliana  Fag.  nehmen  die  Um- 
gänge langsamer  und  gleichmälsiger  zu  als  bei  A.  tridens, 
sodafs  das  Gewinde  relativ  länger  und  der  letzte 
Umgang  relativ  kürzer  wird.  Ahnlich  wie  bei  A.  Ma- 
hilliana  sind  die  Lamellen  und  Zähne  schärfer  aus- 
geprägt, als  es  wenigstens  bei  der  überwiegenden 
Mehrzahl  der  Stücke  von  A.  tridens  der  Fall  ist.  Die 
Parietallamelle  ist  mit  der  oberen  Spindellamelle  durch 
eine  wohlmarkierte,  scharf  ausgeprägte  Lamelle  ver- 
bunden, wie  das  bei  A.  Mahilliana  die  Regel  ist, 
bei  A.  tridens  aber  nur  ganz  vereinzelt  vorkommt. 
Ähnlich  wie  bei  A.  Mahilliana  ist  der  x\.ufaenrand 
sehr  stark  gelippt  und  oben  etwas  tiefer  ausgebuchtet 
als  bei  A.  tridens.  A.  Sclmlsiana  ist  eine  der  A. 
Mahilliana  am  nächsten  stehende  Zwergform  der 
^r?cZew5- Gruppe. 

In  den  Travertinen  von  Ehringsdorf  konnte  ich 
nur  wenige,  durchweg  in  einem  höchst  üblen  Erhaltungs- 
zustande befindliche  Exemplare  sammeln.  Soweit  ihre 
Eigenschaften  beurteilbar  sind,  gehören  sie  —  namentlich 
nach  ihrer  geringen  Gröfse  zu  urteilen  —  zu  A.  Schul- 
ziana. 

28.  Die  von  Sandberger  von  Weimar  angegebene  Caecilia- 
nella  acicula  Müll.  sp.  ist,  wie  Weiss  wahrscheinlich 
gemacht  hat,  rezent. 

29.  Ich  betrachte  nach  wie  vor  Succinea  (Lucena)  Schu- 
macheri  Andr.  als  eine  ausgestorbene,  heutigen  zentral- 
asiatischen Formen  wie  namentlich  S.  (L.)  Altaica  v. 
Mts.  am  nächsten  stehende  Art.  Die  angebliche  rezente 

(i.)  Scliumacheri  aus  Westmoreland,  die  mir  durch 


|80]  Travertingebiet  dor  Gegend  von  Weimar.  249 

die  Güte  des  Herrn  Kennard  zugekommen  ist,  kann 
ich  nicht  als  zu  S.  SchumacJieri  gehörend  aner- 
kennen. 

30.  Nach  Weiss  „nur  in  den  höheren  Niveaus",  oder  „oberen 
Schichten",  nach  Scfimidt  „nur  in  den  oberen  Lagen 
bei  Weimar".  Leider  geht  aus  diesen  Angaben  nicht 
hervor,  ob  Weiss  und  Schmidt  die'  Art  unter  oder 
über  dem  Pariser  gefunden  haben.  Ich  selbst  habe 
sie  nur  einmal  auf  einer  Halde  im  Ulle  sehen  Bruche 
gefunden  und  konnte  bisher  ihre  Fundschicht  nicht 
ermitteln. 

31.  Nach  Weiss  „in  den  tiefsten  Schichten". 

32.  Nach  Weiss  nur  in  den  „oberen  Schichten". 

33.  Ich  konnte  nur  einige  wenige  junge  Stücke  in  den 
obersten  Lagen  des  Kieses  im  Ulle  sehen  Bruche 
sammeln.  Die  Stücke  sind  sehr  dickscheibig.  Eine 
genaue  Bestimmung  ist  mir  bei  der  Dürftigkeit  des 
Materiales  unmöglich;  es  kann  sieh  um  PI.  horealis 
Loven  selbst  oder  eine  der  beiden  ganz  nahe  ver- 
wandten Formen  Fl.  Gredlerü  Blz.  und  PI.  Stroemii 
West,  handeln.  Als  ich  zu  Anfang  des  Jahres  1907  mit 
Herrn  Professor  Dr.  Boettger  über  einige  kritische 
Gyraulen  korrespondierte,  schrieb  mir  dieser,  dafs  er 
einen  von  Herrn  Dr.  A.  Weiss  1898  zu  Weimar  ge- 
sammelten Gyraulus  nach  erneuter  Prüfung  für  horealis 
Loven  halte.  Leider  steht  nicht  fest,  ob  das  Stück  aus 
der  gleichen  Schicht  wie  die  meinigen  stammt. 

34.  Es  handelt  sich  um  den  typischen  PI.  Bossmaessleri 
Auersw.  Diese  Form  habe  ich  in  früheren  Veröffent- 
lichungen aus  verschiedenen  plistozänen  Ablagerungen 
zunächst  als  Bossmaessleri  Auersw.,  dann  aber,  dem 
Vorgange  Andreaes  folgend  als  Sibiriens  Dunker  an- 
gegeben. Eine  eingehendere  Beschäftigung  mit  der 
schwierigen  Gruppe  der  Gyraulen  hat  mich  gelehrt, 
dafs  diese  Form  nichts  mit  PI.  Sibiriens  Dunker  zu  tun 
hat.  Verschiedene  Bestimmungen  von  Gyraulus  in 
meinen  Arbeiten  bedürfen  einer  Berichtigung,  die  ich 
an  anderer  Stelle  im  Zusammenhange  geben  will. 


250 


Ewald  Wüst, 


[901 


35.  Nach  Weiss  „als  grofse  Seltenheit  in  den  nntevsten 
Schichten". 

36.  Die  Belgrandia  der  Travertine  von  Weimar  wurde  von 
Sandberger  (Die  Land-  und  Süfswasserkonehylien  der 
Vorwelt,  Wiesbaden  1870—1875,  S.  915—916,  T.  35, 
Fig.  2  —  2  b)  als  B.  marginata  Mich.  sp.  bestimmt. 
Clessin  (Monographie  des  Genus  Belgrandia,  Malako- 
zoologische  Blätter,  N.  F.,  Bd.  5,  1882,  S.  132—151, 
S.  149)  beanstandete  diese  Bestimmung  mit  den  Worten 
„Die  Art  ist  keinesfalls  mit  Belgrandia  marginata 
identisch,  da  sie  der  Form  nach  mehr  in  die  Gruppe 
der  Belgrandia  gihherula  (kurzes,  mehr  konisches  Ge- 
winde), als  jene  der  Belgrandia  gihha,  in  welche  auch 
Belgrandia  marginata  gehört,  zu  stellen  ist"  und  gab 
der  besprochenen,  von  ihm  aber  weder  beschriebenen 
noch  abgebildeten  Form  den  neuen  Namen  Belgrandia 
germanica.  Seither  wird  die  Weimarer  Belgrandia  in 
der  Literatur  bald  als  B.  marginata  Mich,  sp.,  bald  als 
B.  cf.  marginata  Mich,  sp.,  bald  als  B.  germanica  Cless. 
bezeichnet.  Clessin  s  Urteil  über  die  Weimarer  Bel- 
grandia steht  in  einem  so  sinnfälligen  Gegensatze  zu 
dem  Aussehen  dieser  Form,  dafs  man  es  nur  allenfalls 
verstehen  könnte,  wenn  man  annähme,  dafs  Clessin 
nur  junge  Stücke  von  Weimar  gekannt  hätte,  die  in 
der  Tat  an  Belgrandia  gihherula  erinnern  können. 
Allein  Clessin  zitiert  Sandberger  s  Abbildungen, 
welche  ausgewachsene  Stücke  darstellen  und  auf  den 
ersten  Blick  auf  das  deutlichste  eine  Form  aus  der 
durch  verlängertes  Gewinde  ausgezeichneten  Gruppe 
der  Belgrandia  gihha  Drap,  erkennen  lassen.  Wie  nun 
auch  Clessin  zu  seinem  Urteile  gekommen  sein  mag, 
soviel  steht  fest,  dafs  es  sich  um  eine  Form  der  gihha- 
Gruppe  handelt.  Mit  welcher  Form  dieser  Gruppe 
unsere  Belgrandia  etwa  zu  identifizieren  ist,  vermag 
ich  aus  Mangel  an  auch  nur  einigermafsen  genügendem 
Vergleichsmateriale  nicht  zu  entscheiden.  Nach  der 
Literatur  zu  urteilen,  scheint  mir  unsere  Belgrandia 
nicht  der  französischen  B.  marginata  Mich,  sp.,  sondern 
der  italienischen  B.  JDel^n-etiana  Paulucci  apud  Clessin 


[91] 


Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar. 


251 


(a.  a.  0.,  S.  138—139,  Taf.  3,  Fig.  19)  am  nächsten  zu 
stehen  oder  geradezu  anzugehören.  Auch  zu  der  eben- 
falls italienischen  JS.  thermalis  L.  sp.  scheint  sie  mir 
noch  eher  nähere  Beziehungen  zu  haben  als  zur  B. 
marginata  Mich.  sp.  Allein  ohne  Studium  von  Original- 
materialien wird  die  Frage  nicht  sicher  zu  entscheiden 
sein.  Was  die  zahlreichen  von  Boukguignat  in  seinem 
Catalogue  des  MoUusque  terrestres  et  fluviatiles  des 
envirous  de  Paris  ä  l'epoque  quaternaire  (Paris  1870) 
beschriebenen  Belgrandien  betrifft,  so  finde  ich  —  nqeh 
BouRGUiGNATS  Abbildungen  und  Beschreibungen  zu 
urteilen  —  keine  davon  mit  unserer  übereinstimmend. 
Unter  den  vorgetragenen  Umständen  bezeichne  ich 
unsere  Bclgrandia  vorläufig  als  Belgrandia  sp.  Wo 
diese  kleine  Quellschnecke  in  unseren  Travertinen  vor- 
kommt, pflegt  sie  in  grofser  Menge  aufzutreten.  Eigen- 
artig ist  die  Art  ihres  Vorkommens  in  den  untersten 
oder  Baum -Travertinen  des  Ulle sehen  Bruches. 
Während  sie  hier  oft  ganz  fehlt,  liegt  sie  manchmal  in 
ungeheurer  Menge  zusammen  mit  Ostrakodenschälchen 
und  Gehäusen  von  Yalvata  cristata  Müll,  in  losen  An- 
häufungen und  ganz  zweifellos  sekundär  eingeschwemmt 
in  Baumlöchern.  Ich  nehme  an,  dafs  sie  zur  Bildungs- 
zeit der  Baumtravertine  überhaupt  bei  Weimar  noch 
nicht  lebte,  weil  ich  sie  in  einer  tonigen  Einlagerung 
in  den  Baumtravertinen  nicht  zu  finden  vermochte  und 
überhaupt  ihr  Vorkommen  in  diesen  sehr  porösen  und 
von  vielen  Baumlöchern  durchzogenen  Travertinen  ganz 
an  Stellen  gebunden  ist,  an  denen  eine  sekundäre 
Einschwemmung  teils  sicher,  teils  wenigstens  sehr 
leicht  möglich  ist.  Auch  der  tiergeographische  Cha- 
rakter des  Kouchylieubestandes,  der  zweifellos  der 
Bildungszeit  der  Baumtravertine  angehört,  ist  schwer 
mit  einem  primären  Vorkommen  der  Belgrandia  ver- 
einbar. 

37.  Die  von  mir  zu  Weimar  gefundenen  Unionen -Scherben 
gestatten  keine  nähere  Bestimmung. 

38.  Die  Bestimmung  der  Pisidien   bedarf  noch  weiterer 
Prüfung. 


252     Ewald  Wüst,  Travertingebiet  der  Gegend  von  Weimar.  [92] 


39.  In  der  Tabelle  übergehe  ich  die  für  die  in  dieser 
Arbeit  verfolgten  Zwecke  belanglose  aber  au  sich  sehr 
merkwürdige  Angabe  von  Weiss,  dafs  er  in  Weimar 
zwei  Schalen  einer  sehr  kleinen  CorUdomya  nov.  sp. 
gefunden  habe.  Sollte  es  sich  nicht  vielleicht  um  ganz 
junge  Schillchen  von  Corhicula  fluminalis  Müll,  sp.,  wie 
sie  den  Konchyliologen  meist  ganz  unbekannt  sind, 
handeln  ? 


Klimakurve  zu  S.  228. 


Der  Kreislauf  des  Kohlenstoffs  in  der  Natur 

von 

Dr.  Otto  Streicher 

staatlich  geprüfter  Nahrungsmittelchemiker 


Wenn  man  bei  Stoffen,  die  sämtlich  notwendig  sind 
zur  Ernährung-  eines  Organismus,  überhaupt  noch  zwischen 
wichtigeren  und  unwichtigeren  unterscheiden  könnte,  so 
müfste  man  den  Kohlenstoff  unstreitig  für  den  wichtigsten 
unter  den  Nährstotfen  einer  Pflanze  erklären.  Da  alle 
und  jede  organische  Substanz  Kohlenstoff  enthält,  so  gibt 
es  kein  anderes  Element,  welches  hier  denselben  zu  ersetzen 
imd  Substanzen  in  so  unübersehbarer  Mannigfaltigkeit  und 
Fülle  zu  bilden  vermöchte,  wie  sie  der  Kohlenstoff  in  den 
Organismen  sowohl,  als  auch  im  chemischen  Laboratorium 
schafft.  Die  ganze  organische  Chemie  ist  ja  bekanntlich 
die  Chemie  des  Kohlenstoffs.  Die  Möglichkeit  ihrer  Existenz 
verdanken  die  aus  organischen  Stoffen  aufgebauten  Orga- 
nismen in  letzter  Linie  also  den  Eigenschaften  des  Kohlen- 
stoffs. Letzterer  spielt  daher  auf  unserem  Planeten  im 
Haushalte  der  Natur  eine  der  wichtigsten  Rollen. 

Das  in  Rede  stehende  Element  kommt  teils  im  freien 
Zustande,  teils  in  Verbindungen  anorganischer  und  orga- 
nischer Art  vor.  Man  kann  auch  beobachten,  dafs  der 
Kohlenstoff  durch  die  organische  Welt  eine  Wanderung 
unternimmt  und  zu  seinem  Ausgangspunkt  wieder  zurück- 
kehrt, dafs  er  also  auf  seinen  Wegen  einen  Kreis  be- 
schreibt, einen  geschlossenen  Ring  bildet,  dessen  Glieder 
das  Menschen-  bezw.  Tierreich  einerseits  und  das  Pflanzen- 
reich andererseits  sind.    Diesen  Kreislauf  des  Kohlenstoffs 


254 


Otto  Streicher, 


[2] 


in  der  Natur  niilier  zu  betrachten,  dürfte  wohl  für  die 
Gebildeten  speziell  für  die  für  die  Natur  sich  Interessieren- 
den ein  Gegenstand  sein,  der  des  Nachdenkens  gewifs 
nicht  unwert  ist. 

Bevor  jedoch  auf  den  Kreislauf  selbst  des  Kohlenstoffs 
näher  eingegangen  wird,  sollen  letzterer  zunächst  als  solcher, 
d.  h.  wie  er  in  der  Natur  in  freiem  Zustande  auftritt,  und 
dann  die  Verbindungen  desselben  einmal  kurz  ins  Auge 
gefafst  werden. 

Der  Kohlenstoff  findet  sich  rein  als  Diamant  und 
Graphit,  unrein  in  Formen  von  Anthracit,  Stein-  und  Braun- 
kohle und  Torf.  Der  Diamaut  kommt  vor  im  Ural,  Ost- 
indien, Australien,  Südafrika  (Deutschsüdwest-)  und  Bra- 
silien, erscheint  in  farblosen,  durchsichtigen,  regelmäfsigen 
Oktaedern,  ist  der  härteste  Körper,  stark  lichtbrechend 
(funkelt),  unlöslich  in  allen  Lösungsmitteln  und  unschmelzbar 
und  verbrennt  in  sehr  starken  Hitzegraden  zu  Kohlendioxyd 
(7O2,  Kohlensäureanhydrid.  Wegen  seiner  Härte  und  seines 
Lichtbrecbungsvermögens  ist  er  sehr  geschätzt.  Der  Graphit 
wird  in  Böhmen,  Bayern,  Spanien,  Sibirien  und  anderwärts 
angetroffen  und  kristallisiert  in  bleigraueu,  metallglänzenden, 
sechsseitigen  Tafeln,  welche  stark  abfärben.  Mit  Ton  ge- 
mischt dient  er  zur  Fabrikation  von  Bleistiften.  Da  er  die 
Elektrizität  sehr  gut  leitet,  wird  er  in  der  Galvanoplastik 
angewendet.  Er  ist  noch  feuerbeständiger  als  der  Diamant 
und  verbrennt  selbst  in  reinem  Sauerstoff'  aufserordentlich 
schwierig.  Neben  Diamant  und  Graphit  tritt  der  Kohlen- 
stoff als  dritte  allotropische  Modifikation  in  reinem  Zustande 
als  amorphe  Kohle  auf,  welche  durch  Verkohlung  organischer 
Stoffe  entstanden  ist.  Nach  denselben  bezeichnet  man  sie 
als  Kienrufs,  Holzkohle,  Tierkohle  (Knochen-  und  Fleisch- 
kohle) usw.  Der  Kienrufs  ist,  wenn  nochmals  geglüht  der 
reinste  amorphe  Kohlenstoff,  leicht  brennbar,  porös  und 
spezifisch  leicht.  Frisch  gebrannte  Tierkohle  vermag  leicht 
Gase  in  ihren  Poren  zu  verdichten  und  Farbstoff  aus  ge- 
färbten Flüssigkeiten  auf  sich  niederzuschlagen.  Im  Anschlufs 
an  die  eben  erwähnte  amorphe  Kohle  möge  nochmals  auf 
die  sogenannten  fossilen  Kohlen,  deren  Haupt-  und  wichtigster 
Bestandteil  gleichfalls  amorpher  Kohlenstoff  ist,  hingewiesen 


Der  Kreislauf  des  Kohlenstoffes  in  der  Natur. 


255 


werden.  Die  schon  oben  aufgezählten  mit  dem  ältesten 
Gliede  angefangeneu  unreinen  Kohlenstoffformationen  sind 
ans  untergegangener,  begrabener  Pflanzenwelt  hervor- 
gegangen. Der  Anthrazit  ist  die  älteste  fossile  Kolilenart 
und  beinahe  reiner  Kohlenstoff".  Ihrem  Alter  nach  etwas 
jünger  als  der  Anthrazit  sind  die  Steinkohlen,  jedoch  noch 
älter  als  die  Braunkohlen  und  sind  daher  in  ihrer  Zersetzung 
weiter  vorgeschritten  als  die  Braunkohleu.  Der  jüngsten 
Periode  gehört  der  Torf  an.  Besonders  letzterer  zeigt  noch 
sehr  deutlich  seine  pflanzliche  Abkunft  durch  die  Holz- 
strukturen an. 

Der  Kohlenstoff  verbrennt  bei  Luftmangel  zu  einer  un- 
gesättigten Verbindung,  dem  giftigen  und  breunbaren  Kohlen- 
oxydgas  CO,  bei  genügendem  Luftzutritt  zu  dem  nicht 
brennbaren  Kohlendioxyd,  Kohlensäureanhydrid  COi.  Das- 
selbe ist  zum  Atmen  untauglich  und  höchstens  bis  zu  0,30 O/o 
ein  normaler  Bestandteil  der  Luft.  Mit  dem  Wasserstoff'  ver- 
mag sich  der  Kohlenst(iff"  nicht  unmittelbar  zu  verbinden. 
Die  riesig  zahlreichen  Kohlenwasserstoffverbindungen  der 
Fettsäurereihe  und  der  aromatischen  Reihe  gehören  der 
organischen  Chemie  an  und  können  wegen  ihres  allzu- 
grofsen  Umfanges  hier  nicht  besprochen  werden,  da  sie  zu 
weit  führen  und  deshalb  nicht  in  den  Rahmen  dieser  Auf- 
gabe passen  würden.  Der  Kohlenstoff  verbindet  sich  mit 
dem  Schwefel  zu  Schwefelkohlenstoff  CS-i,  einer  als  das 
Wasser  spezifisch  schwereren,  farblosen,  stark  lichtbrechenden 
und  äufserst  brennbaren,  flüchtigen  und  giftigen  Flüssigkeit, 
mit  dem  Geruch  nach  faulem  Kohl. 

Auf  unserer  Erde  kommt  der  Kohlenstoff  in  an- 
organischen Verbindungen  am  häufigsten  als  kohlensaures 
Calcium  mit  den  Namen  Kalkstein,  Marmor,  Kreide,  Kalk- 
und  Doppelspath  und  als  kohlensaures  Magnesium  mit  der 
Bezeichnung  Magnesit  und  als  Dolomit  vor,  welch'  letzterer 
aus  Calcium-  und  Magnesiumkarbonat  besteht.  Die  mächtigen 
Lager  von  kohlensaurem  Calcium  und  Magnesium  bilden 
sogar  riesige  Gebirgsmassen.  Es  möge  nur  an  die  Dolomiten 
der  Alpen  erinnert  werden. 

Nachdem  man  mit  dem  in  der  Natur  in  freiem  Zustande 
und  dem  in  Verbindungen  vorkommenden  Kohlenstoff  etwas 


256 


Otto  Streicher, 


[4] 


bekannt  geworden  ist,  kann  man  nun  zu  dem  Kern  der 
Aufgabe,  dem  Kreislauf  des  Kohlenstoffs  in  der  Natur  über- 
gehen und  mit  der  grünenden  Pflanze  anfangen,  welche, 
wie  man  sehen  wird,  die  Kohlensäure  der  Luft  in  ihre 
Komponenten,  in  Kohlenstoff  und  Sauerstoff,  zerlegt  und 
jenen  in  sieh  aufnimmt  und  verarbeitet  und  diesen,  den 
Sauerstoff,  abgibt. 

Nicht  erst  die  ehemische  Analyse  braucht  zu  beweisen, 
dafs  die  Pflanze,  wie  oben  schon  darauf  hingewiesen, 
wirklich  Kohlenstoff,  wenn  auch  in  versteckter  Form  ent- 
hält. Jedes  glimmende  Streichholz  z.  B.  zeigt  durch  seine 
Verkohlung  den  Gehalt  an  diesem  Stoffe  an.  Der  Kohlen- 
stoff ist  in  der  pflanzlichen  Substanz  nicht  nur  gleichmäfsig 
verteilt,  sondern  er  macht  sogar,  wie  genaue  Wägungen 
ergeben  haben,  etwa  die  Hälfte  des  Trockengewichts  einer 
Pflanze  aus. 

Die  früher  angenommene  sog.  Humustheorie,  dafs  der 
kohlenstoffreiehe  Humus  des  Bodens  die  Kohlenstoflfquelle 
für  die  Pflanze  sei,  dafs  der  Kohlenstoff  also  ganz  wie  die 
übrigen  Nährstoffe,  das  Wasser  mit  den  darin  gelösten 
Salzen,  durch  die  Wurzeln  aufgenommen  werde,  beherrschte 
lange  Zeit  bis  in  das  Ende  des  vergangenen  Jahrhunderts 
die  Botanik  und  die  Landwirtschaft.  Pflanzen,  welche  in 
humusfreiem  Sande  oder  gar  in  der  Wasserkultur  kräftig 
wachsen  und  dabei  ihre  Trockensubstanz  und  demgemäfs 
ihren  Kohlenstoff  mehren,  beweisen  jedoch  klar,  dafs  diese 
Humustheorie  falsch  war,  dafs  der  Kohlenstoff  der  Pflanze 
anders  woher  kommen  mufs.  Der  Kohlenstoff  des  Humus 
stammt  nämlich  aus  Pflanzenresten,  deren  Verwesung  bei 
unvollständiger  Oxydation  vor  sich  gegangen  ist.  Die  Ent- 
deckung, dafs  der  Kohlenstoff  der  Pflanze  der  Kohlensäure 
der  Luft  entnommen  und  durch  die  grünen  Blätter  gewonnen 
und  in  Kohlehydrate  übergeführt  wird,  knüpft  sich  vor- 
nehmlich an  die  Namen  Ingenhouss,  Jul.  Sachs  und  andere; 
sie  fällt  in  ihren  Anfängen,  wie  oben  schon  gesagt,  in  das 
Ende  des  verflossenen  Jahrhunderts.  Diese  Entdeckung  ist 
eine  der  bedeutsamsten  naturwissenschaftlichen  Leistungen, 
denn  es  war  gewifs  nicht  leicht,  den  unsichtbaren  Gas- 
austausch in  der  Luft  als  den  wichtigsten  Ernährungsvorgang 


[5] 


Der  Kreislauf  des  Koblonstoflfs  in  der  Natur. 


257 


der  Pflanze  aufzufinden,  und  es  gehörte  der  Mut  einer  festen 
Überzeugung  dazu,  die  Tausende  von  Zentnern  Kohlenstoff, 
welche  ein  Walddistrikt  in  sich  aufhäuft,  aus  dem  prozeutisch 
äufserst  geringen  Kohlensäuregehalt  der  Atmosphäre  (0,0H3 
bis  0,30  «/o)  herzuleiten. 

Nicht  alle  Pflanzen  und  nicht  alle  Teile  einer  Pflanze 
sind  aber  im  Stande,  der  Kohlensäure  der  Luft  den  Kohlen- 
stoff zu  entreifsen.  Nur  die  durch  Chlorophyll  grün  ge- 
färbten Organe  einer  Pflanze  sind  zu  dieser  Tätigkeit 
befähigt,  denn  die  Chloropbyllkörper  der  Blätter  und  der 
grünen  Stengelteile  selbst  sind  die  Laboratorien,  in  denen 
sich  dieser  für  die  gesamte  Lebewelt  wichtigste  chemische 
Prozefs  ausschliefslich  abspielt.  Aus  diesen  Laboratorien 
stammt  der  gesamte  Kohlenstoff,  welcher  die  organische 
Substanz  aller  Lebewesen,  aller  Pflanzen  wie  aller  Tiere, 
zusammensetzt.  Kein  Tier  ist  im  Stande,  das  wichtigste 
Element  seiner  Körpersubstanz  aus  anorganischer  Quelle  zu 
gewinnen,  es  kann  dasselbe  nur  in  organischer  Substanz 
aufnehmen,  die  in  Pflanzen  erzeugt  worden  ist.  Aber  auch 
alle  chlorophyllfreien  Pflanzen,  wie  Pilze  und  vereinzelte 
höhere  Schmarotzergewächse,  sind  bei  ihrer  Ernährung  auf 
die  fertige  organische  Substanz  angewiesen,  die  von  Chloro- 
phyllkörpern ihren  Ausgang  nahm.  Die  chlorophyllfreien 
Teile  grüner  Pflanzen  wie  z.  B.  die  Wurzeln,  sind  in  ihrer 
Ernährung  von  den  grünen  Pflanzenteilen  abhängig,  wie  in 
den  grünen  Zellen  selbst  das  farblose  Protoplasma  von  der 
Tätigkeit  der  Chlorophyllkörner.  Die  Wurzeln  nehmen  also 
nicht  die  zur  Ernährung  einer  Pflanze  notwendige  organische 
Substanz  auf,  sondern  nur  Wasser  und  die  darin  gelösten 
Salze. 

Die  Gewinnung  des  Kohlenstoffes  aus  der  Kohlensäure 
und  seine  Überführung  in  organische  Substanz  hat  man 
schlechthin  als  die  Assimilation  der  Pflanzen  bezeichnet. 
Im  weiteren  Sinne,  und  besonders  für  das  Tierreich,  wird 
zwar  das  Wort  Assimilation  von  allen  Ernährungsprozessen 
gebraucht,  bei  denen  eine  Umbildung  der  gebotenen  Nähr- 
stoffe in  die  Körpersubstanz  der  Organismen  stattfindet. 
Es  hat  sich  aber  in  der  Botanik  die  Gewohnheit  heraus- 
gebildet, dals  unter  „Assimilation"  speziell  die  Kohleustoff- 

Zeitschr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  17 


258 


Otto  Streicher, 


[6] 


assimiUition  der  Chlorophyllkörper  gemeint  ist.  Durch  diese 
vollzieht  sich  jedenfalls  der  wichtigste  Schritt  aller  weiteren 
sog.  „Assimilationsvorglinge",  die  sich  auf  dieser  ersten 
Grundlage  nur  nachträglich  fortzusetzen  vermögen. 

Sehr  bemerkenswert  ist  es  aber,  dafs  die  Chlorophyll- 
körper nur  mit  Hülfe  von  Lichtschwingungen  aus  Kohlen- 
säure und  Wasser  organische  Substanz  bereiten  können. 
Im  Dunkeln  assimiliert  der  Chlorophyllapparat  nicht,  auch 
wenn  sonst  alle  Bedingungen  für  eine  rege  Assimilation 
vorhanden  sind.  Mit  eintretender  Beleuchtung,  die  aus 
künstlichen  Lichtquellen  ebenso  wie  aus  kosmischen  Quellen 
stammen  kann,  beginnt  dann  erst  die  Assimilation  und  steigt 
in  gewissen  Grenzen  proportional  mit  der  Intensität  der 
wirksamen  Strahlen.  Zum  Betrieb  der  Assimilationstätigkeit 
sind  aber  durchaus  nicht  alle  Atherschwingungen,  die  sich 
unserem  Auge  als  Licht  bemerkbar  machen,  gleich  befähigt. 
Wie  die  Strahlen  von  verschiedener  Wellenlänge,  welche  das 
uns  weifs  erscheinende  Mischlicht  zusammensetzen,  sowohl 
auf  unser  Auge  als  auch  auf  die  photographischen  Zer- 
setzungen verschieden  einwirken,  so  beeinflussen  sie  auch 
die  Assimilation  in  ganz  verschiedenem  Mafse.  Man  könnte 
vermuten,  dafs  die  sog.  chemisch -wirksamen  Strahlen,  also 
die  blauen  und  violetten,  welche  vornehmlich  die  Zersetzung 
der  Silbersalze  und  anderer  chemischer  Verbindungen  be- 
wirken, auch  bei  den  Umsetzungen  im  Chlorophyllkorn  die 
wirksamen  seien.  Es  hat  sich  aber  gerade  das  Gegenteil 
herausgestellt.  Die  stark  brechbaren  „chemischen"  Strahlen 
sind  bei  der  Assimilation  viel  schwächer  beteiligt  als  die 
roten,  orangen  und  gelben  Strahlen.  Der  sog.  leuchtende 
Teil  des  Spektrums,  also  die  roten,  orangen  und  gelben 
Lichtstrahlen,  sind  für  die  Assimilation  am  wirksamsten. 
Bei  derselben  wird  die  Kohlensäure  der  Luft  zerlegt,  indem 
der  Kohlenstoff  derselben  unter  Abgabe  von  Sauerstoff  mit 
Hülfe  des  durch  die  Wurzeln  aufgenommenen  Wassers  in 
Kohlehydrate,  welche  nur  aus  Kohlenstoff,  Sauerstoff  und 
Wasserstoff'  bestehen  und  zwar  die  beiden  zuletzt  genannten 
Elemente  im  Verhältnis  der  Zusammensetzung  von  Wasser, 
übergeführt  wird.  Dieser  Vorgang  wird  so  erklärt,  dafs  als 
erstes  Produkt  der  Assimilation  aus  Kohlensäureanhydrid 


Der  Kreislauf  des  Kohlenstoffs  in  der  Natur.  259 


CO-i  und  Wasser,  also  unter  Abgabe  von  Sauerstoff  Formal- 
dehyd HCHO  gebildet  wird.  Dasselbe  polemisiert  sich 
dann  zu  Traubenzucker  (76^^,2  0«.  Durch  Einwirkung  von 
Kaliumnitrat  auf  letzteren  entsteht  Amidobernsteinsäureamid 


Asparagin  genannt,  Wasser  und  Sauerstoff  und  als  häufigstes 
Nebenprodukt  Oxalsäure  in  Verbindung  von  Kali  als  Kalium- 
oxalat.  Diese  Prozesse  können  in  folgenden  Formeln  zum 
Ausdruck  gebracht  werden: 


Kohlensäureanhydrid  +  Wasser  =  Formaldehyd  +  Sauerstoff 


C,H,,0,  +  2KN0.,  =  C^H^m  0,  +  C,  0,K,  +  6E,0+0 


Traubenzucker  +  Kaliumnitrat  =  Asparagin  +  Kaliumoxalat  +  Wasser 


Da  die  Oxalsäure  als  freie  Säure  wie  auch  als  lösliches 
Kaliumsalz  auf  sehr  viele  Pflanzen  giftig  wirkt,  setzt  letzteres 
sich  mit  vorhandenen  Kalksalzen  um  und  scheidet  sich  als 
sehr  schwer  lösliches  und  deshalb  unschädliches  Calcium- 
oxalat in  sog.  Idioblasten  aus.  Der  bedeutende  Pflanzen- 
physiologe Pfeffer  in  Leipzig  nimmt  nämlich  das  Asparagin 
als  einen  Vorläufer  der  Eiweifsbildung  an.  Ihrer  elementarer 
Zusammensetzung  nach  bestehen  die  Eiweifskörper  aus 
Kohlenstoff,  Wasserstoff,  Sauerstoff,  Stickstoff,  Schwefel  und 
häufig  Phosphor.  Das  Eiweifs  entsteht  nur  in  dem  pflanz- 
lichen Organismus  und  wird  den  Menschen  und  Tieren  fertig 
gebildet  durch  die  Nahrung  zugeführt. 

Bei  der  Assimilation  des  Kohlenstoffes  wird  eine  an- 
sehnliche chemische  Arbeit  geleistet  und  von  den  dadurch 
geschaffenen  Spannkräften  werden  vornehmlich  die  Lebens- 
vorgänge der  Organismen  unterhalten.  Auch  die  durch 
unsere  Dampfmaschine  erzeugten  und  zu  den  mannig- 
faltigsten Arbeitsleistungen  verwandten  Kräfte  sind  auf  die 


CO  OH 


CO^  -hH^O==  HCHO  +  0. 


6HCH0  =  QMiiO, 
Formaldehyd  Traubenzucker 


+  Sauerstoff 


17* 


2G0 


Otto  Streicher, 


Assimilationsarbeit  jener  Pflanzen  zurückzuführen,  deren 
verkohlte  Reste  unter  dem  Maschineukessel  verbrennen.  Denn 
beim  Verbrennen  der  reduzierten  Kohlenstotfverbindungen 
zu  Kohlensäure  wird  jene  Arbeitsleistung  wieder  frei,  welche 
umgekehrt  nötig  war,  die  Kohlensäure  der  Luft  in  jene 
Brennstoffe  überzuführen.  Der  Kohlenstoff  unternimmt  also 
in  der  Natur  eine  Wanderung,  die  zu  einem  Kreislauf  wird, 
indem  die  grünen  Teile  einer  Pflanze,  wie  eingehend  be- 
sprochen worden  ist,  den  Kohlenstotf  der  in  der  Luft  ent- 
haltenden Kohlensäure  assimiliert  und  dann  die  Pflanze 
beim  Verbrennen  oder  bei  der  Verwesung,  was  ja  nur  eine 
langsame  Verbrennung  ist,  den  Kohlenstoff  in  Verbindung 
von  Sauerstoff  der  Luft  als  Kohlensäureanhydrid  wieder 
abgibt. 

Nur  nebenbei  sei  bemerkt,  dafs  ein  ganz  verschwindend 
kleiner  Teil  des  durch  die  Assimilation  freigewordenen 
Sauerstoffs  von  den  Pflanzen  zur  Atmung  wieder  aufgebraucht 
wird,  wenn  auch  alle  Teile  einer  Pflanze  Tag  und  Nacht 
atmen. 

Durch  die  überaus  starke  Assimilation  des  Kohlenstoffes 
aber  bei  den  zahllosen  hier  in  Betracht  kommenden  Pflanzen 
würde  die  Luft  sehr  bald  frei  von  Kohlensäure  und  reich 
an  Sauerstoff  werden,  wenn  nicht  die  Menschen  und  das 
Tierreich  hierin  einen  Ausgleich  schafften.  Alle  lebenden 
Wesen  auf  unserer  Erdkugel  atmen  nämlich,  indem  sie 
Sauerstoff"  zur  Oxydation  zurückbehalten  und,  was  besonders 
hervorgehoben  werden  soll  und  mufs,  Kohlensäureanhydrid 
CO2,  dessen  Kohlenstoff'  von  der  grünen  Pflanze  unter  ge- 
wissen Bedingungen  wieder  assimiliert  wird,  ausatmen. 
Dieses  ausgeatmete  Kohlensäureanhydrid  CO2  ist  sowohl 
ein  Teil  der  eingeatmeten  Luft  als  auch  insbesondere  der 
zu  Kohlensäureanhydrid  oxydierte  Teil  des  Kohlenstoffes 
der  aufgenommenen  Nahrung.  Nachdem  letztere  verarbeitet, 
ausgesogen  und  die  guten  Bestandteile  der  Nahrung  vom 
menschlichen  bezw.  tierischen  Körper  zum  Aufbau  oder 
Erhaltung  desselben  verwendet  worden  sind,  werden  die 
schlechten  und  unbrauchbaren  als  Faeces  abgegeben  und 
verwesen  und  verfaulen,  wobei  infolge  der  langsamen 
Oxydation  Kohlensäureanhydrid  entsteht.    Jeder  organische 


Der  Kreislauf  des  Kohlenstoffs  in  der  Natnr. 


261 


Körper  ist  nach  einer  gewissen  Zeit  der  Notwendigkeit 
unterworfen,  dafs  er  sich  zersetzt,  indem  er  entweder 
verbrennt  oder  verwest  oder  verfault,  wobei  als  Endprodukt 
stets  immer  wieder  Kohlensäureanhydrid  CO2  gebildet  wird. 

So  wird  also  das  von  den  Pflanzen  zerlegte  und  ver- 
arbeitete Kohlensäureanhydrid  in  der  Luft  wieder  ergänzt 
und  auf  das  richtige  Mafs  gebracht.  Demnach  ist  ein  Kreis- 
lauf des  Kohlenstoffes  unverkennbar.  Die  lebenden  Wesen 
sind  nicht  im  Stande  den  Kohlenstoff  so  herzurichten,  dafs 
letzterer  ihnen  selbst  gleich  zur  Nahrung  dienen  kann. 
Vielmehr  mufs  er  erst  von  den  grünen  Pflanzen  verarbeitet 
und  gewonnen  werden.  Danach  erst  wird  er  von  den 
lebenden  Wesen  als  Nahrung  teils  als  Kohlehydrate  teils 
als  Eiweifs  aufgenommen.  Der  von  den  lebenden  Wesen 
in  sich  angehäufte  Kohlenstoff  wird  nach  dem  Absterben 
derselben  durch  Verwesung,  wie  oben  schon  darauf  hin- 
gewiesen, als  Kohlensäureanhydrid  CO-,  wieder  frei,  das 
dann  von  den  grünen  Pflanzen  wieder  zerlegt  wird,  und 
aus  dem  der  Kohlenstoff  von  denselben  schliefslich  wieder 
assimiliert  wird. 

Aus  obigen  Ausführungen  geht  nun  hervor,  dafs  der 
Kohlenstoff  auf  unserem  Planeten  im  Haushalte  der  Natur 
eine  Wanderung  unternimmt  und  einen  Kreis  beschreibt, 
wobei  er  verschiedene  Stadien  zu  durchlaufen  hat  und 
hierbei  die  Menschen  und  das  Tierreich  einerseits  und  das 
Pflanzenreich  andererseits  Glieder  des  geschlossenen  Kinges 
bilden.  Die  dem  Kohlenstoff  zugefallene  äufserst  wichtige 
Rolle  auf  unserer  Erdkugel  ist  also  nicht  zu  verkennen. 
Weiter  geht  aus  Obigem  hervor,  dafs  die  Menschen  und  das 
Tierreich  ohne  das  Pflanzenreich  nicht  existieren  können, 
und  umgekehrt  das  Pflanzenreich  zu  seinem  Dasein  die 
Menschen  und  das  Tierreich  wiederum  bedürfen.  So  stehen 
also  die  lebenden  Wesen  zu  dem  Pflanzenreich  in  einer 
merkwürdigen  Beziehung  und  treten  miteinander  in  eine 
vorteilhafte  Lebensgemeinschaft,  welche  man  als  Symbiose 
bezeichnen  kann. 


Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Flora 
von  Burg 

von 

Dr.  Waltlier  Wangerin 


Da  ich  infolge  meiner  am  1.  April  1910  erfolgten 
Übersiedelung  nach  Königsbesg  i.  Pr.  keine  Gelegenheit 
mehr  finden  werde,  die  von  mir  begonnene  systematische 
Durchforschung  der  Flora  von  Burg  zu  Ende  zu  führen,  so 
will  ich  im  Folgenden  wenigstens  noch  diejenigen  meiner 
bisherigen  Ergebnisse,  die  ich  in  meiner  vorigen  Arbeit  i) 
nicht  berücksichtigt  habe,  zusammenstellen  als  weiteres 
Material  für  eine  etwaige  künftige  F'lora  des  nordöstlichen 
Teiles  der  Provinz  Sachsen.  In  der  Anordnung  der  Arten 
halte  ich  mich  wieder  an  die  letzte  Auflage  der  Garcke- 
schen  Flora,  allen  Ortsangaben  sind  in  zweifelhaften  Fällen 
wieder  die  Mefstischblätter  zugrunde  gelegt. 

Stratiotes  aloides  L.  In  einem  Sumpf  unterhalb  der  Sand- 
berge bei  Ihleburg,  bestandbildend. 

Scirpus  maritimus  L.  Im  Rohrsumpf  (ßcirpus  lacuster  als 
Hauptleitpflanze)  an  der  Potstrine  bei  Gerwisch  in 
kleinen  Beständen. 

Eriophorutn  vaginatum  L.  Torfmoor  am  Rande  der  Kähnert- 
schen  Forst  (bei  Grabow). 

Cladium  Mariscus  R.  Br.  In  den  nassen  Teilen  des  Lause- 
bruches, zwischen  Fhragmites  communis,  ziemlich  zahl- 
reich. 


')  Zeitschrift  für  Naturwissenschaften,  Bd.  LXXXI,  Heft  4  (1909), 
S.  272—276. 


[2] 


Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Flora  von  Burg. 


263 


Rhynchospora  alba  Vahl.  In  nassen  Torflöehern  des  Torf- 
moores am  Rande  der  Kähnertschen  Forst,  ziemlieh 
zahlreich. 

Carex  Oederi  Ehrh.  Moorige  Fläche  am  Waldrand  rechts 
vom  Wege  von  Theessen  nach  Tuchheim,  sparsam. 

Carex  supina  Wahlenberg.  Am  Weinberg  zwischen  Hohen- 
warthe und  Lostau  (gesammelt  von  P.  Leeke). 

Juncus  obtusiflorus  Ehrh.  Im  Lausebruch,  in  grofser  Menge 
und  teils  allein,  teils  mit  Phragmites  cummunis  im 
Torfsumpf  wie  auch  im  Sphagnetum  bestandbildend. 

Juncus  supinus  Moench.  Sumpfige  Niederung  rechts  von 
der  Berliner  Chaussee  hinter  Hohenseeden,  sparsam. 

Anthericus  ramosus  L.  Im  Kiefernwald  der  Grabower  Forst, 
rechts  vom  Wege  von  Forsthaus  Grabow  nach  Pietzpuhl, 
ganz  vereinzelt. 

Ornitliogalum  umbeUahm  L.  Wiesen  diesseits  des  Ihle- 
Kanals  rechts  von  der  Blumenthaler  Chaussee,  an  einer 
Stelle  in  grofser  Menge;  am  Deichwall  vereinzelt. 

Alliuni  acntanguluni  Schräder.  An  der  Potstrine  bei  Ger- 
wisch und  von  da  auf  feuchten  Wiesen  bis  nach  Lostau 
hin  in  grofser  Menge. 

Älliim  Scorodoprasuni  L.  Gebüschränder  am  Deichwall, 
zahlreich. 

Alliim  oleraceum  L.  Sandige  Heide  zwischen  Gerwisch 
und  der  Potstrine,  ziemlich  zahlreich. 

Liparis  Loeselü  Rieh.  Blühte  im  Juni  1909  im  Hungrigen 
Wolf  bei  Bahnhof  Moser,  dem  einzigen  bisher  aus  der 
Gegend  bekannten  Standort,  zahlreich;  aufserdem 
sparsam  im  Torfsumpf  des  Lausebruches. 

Listera  ovata  R.  Br.    Erlenbrüche  im  Bürgerholz,  zerstreut. 

Orchis  incarnata  L.  Im  Hungrigen  Wolf,  sparsam ;  sumpfige 
Wiese  beim  Brehm,  ganz  vereinzelt. 

Orchis  Traunsteineri  Saut.  Torfmoor  am  Rande  der  Kähnert- 
schen Forst;  einer  der  bemerkenswertesten  und  inter- 
essantesten Funde! 


264 


Walther  Wangerin, 


[3] 


Polygomim  Bistorta  L.  Auf  Wiesen  bei  Brandenstein, 
zahlreich. 

Illecebrnni  vertidllatiim  L.  Auf  einem  sandigen  Acker 
zwischen  der  Grabower  und  der  Kähnertschen  Forst, 
wie  gesät. 

Bammmlus  divaricatus  Wimmer.  In  einem  Teich  der  so- 
genannten , Sieben  Seen"  im  Külzauer  Forst  bei  der 
Rothen  Mühle. 

Bammculus  Lingua  L.  Rohrsumpf  unterhalb  der  Sandhügel 
bei  Ihleburg;  bruchiger  Wald  beim  Bahnhof  Güsen;  im 
Torfkanal  bei  Karow  im  Fiener  Bruch. 

Thalictrum  flavum  L.  Feuchte  Wiesen  an  der  Hedwigs- 
brücke. 

Turritis  glahra  L.  Grasiger  Damm  des  Karower  Haupt- 
kanals im  Fiener  Bruch,  sparsam. 

Arabis  hirstita  Scop.    Wie  vorige,  sparsam. 

Drosera  rotundifolia  L.  Im  Sphagnetum  des  Lausebruches, 
in  üppiger  Entwicklung;  Torfmoor  am  Rande  der 
Kähnertschen  Forst  sowie  besonders  auf  torfigen  Wiesen 
in  der  Nachbarschaft  desselben  in  *Sp/<a(/m(Wi- Polstern. 

Drosera  intermedia  Hayne.  Torfmoor  am  Rande  der  Kähnert- 
schen Forst,  in  nassen  Torf  löchern  ziemlich  zahlreich. 

Chrysosplenium  alternifolium  L.  Erlenbrüche  des  Bürger- 
holzes hinter  dem  Forsthaus ;  sumpfige  Gräben  am  Rand 
der  Wiesen  von  der  Hedwigsbrücke  bis  zum  Brehm, 
sehr  zahlreich. 

Bihes  nigrum  L.  Als  Unterholz  in  den  Erlenbrüchen  des 
Bürgerholzes,  ziemlich  zerstreut. 

Ulmaria  Filipendtila  J.  Hill.  Wiesen  am  Deichwall;  Wiesen 
bei  der  Hedwigsbrücke. 

Genista  tinctoria  L.    Am  Deichwall,  zahlreich. 

Medicago  falcata  L.  Kirchhofsmauer  in  Grabow;  sonniger 
Abhang  bei  Hohenseeden. 


Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Flora  von  Burg.  265 


Trifolium  fragiferum  L.  Trockene  Stellen  der  Wiesen 
zwischen  der  Stadt  und  der  liedwigsbrücke  (Nacbt- 
weide),  auf  salzfreiem  Boden. 

Coronilla  varia  L.  Am  Deichwall;  Waldränder  und  Weg- 
böschungen an  der  Berliner  Chaussee  hinter  Hohen- 
seeden. 

Lathyrus  platyphjllos  Retz.  Im  Gebüsch  an  einem  Ausstich 
am  Deichwall. 

Lathyrus  paluster  L.  Feuchte  Wiesen  im  Lausebruch, 
sparsam. 

Polygala  comosa  Schkuhr.  Sumpfige  Wiesen  zwischen  Ilohen- 
seeden  und  Güsen. 

Eupliorhia  palustris  L.    In  Ausstichen  am  Deichwall. 

Acer  campestre  L.  In  Erlenbrüchen  des  Bürgerholzes  als 
Unterholz  zerstreut  und  sparsam ;  am  Deichwall  in 
Menge,  sowohl  strauchförmig  in  Hecken  und  Gebüschen 
wie  auch  in  stattlichen  baumförraigen  Exemplaren. 

Hypericum  quadrangulum  L.  Wiesengräben  der  Nachtweide, 
sparsam. 

Helianthemum  Cliamaecistus  Mill.  Sonnige  Kiefernschonung 
zwischen  Brandenstein  und  Krüssau. 

Hippuris  vulgaris  L.  In  einem  wassererfüllten  alten  Torf- 
stich des  Fiener  Bruches  zwischen  Ziesar  und  Karow. 

Peucedanutn  palustre  Much.  Wiesen  an  der  Hedwigsbrücke; 
Wiesen  und  Gräben  beim  Torfmoor  am  Rande  der 
Kähnertschen  Forst. 

Vaccinium  Oxycoccos  L.  Torfmoor  am  Rande  der  Kähnert- 
schen Forst,  in  S2)hagnum -Vohtern  sparsam. 

Erica  Tetralix  L.  Torfmoor  am  Rande  der  Kähnertschen 
Forst,  wie  gesät;  im  Sphagnetum  des  Lausebruches, 
zahlreich. 

Menyanthes  trifoliata  L.  Sumpfige,  torfige  Wiesen  beim 
Brehm;  alte  Torfstiche  bei  Reesen;  sumpfige  Wiesen 
bei  Brandenstein;  überall  gesellig,  aber  meist  nur 
sparsam  blühend. 


266 


Walther  Wangerin, 


[5] 


Gentiana  Pnetimonanthe  L.  Sumpfige  Niederung  zwischen 
Burg  und  Pietzpuhl;  Lausebruch. 

Stachys  recia  L.  SandhUgel  bei  Ihleburg;  sandiger  Abhang 
beim  Vorwerk  Hollandshof  unweit  Karow. 

Gratiola  ofßcinalis  L.  Lehmige  ausgetrocknete  Gräben  und 
Niederungen  am  Deichwall,  gesellig. 

Linaria  arvensis  Desf.  Sandige  Acker  an  der  Blumenthaler 
Chaussee,  kurz  vor  dem  Deichwall,  vereinzelt. 

Veronica  spicata  L.  Sonniger  Abhang  am  Lausebruch,  nicht 
zahlreich. 

Pedicularis  palustris  L.  Sumpfige  Wiesen  beim  Brehm,  wie 
gesät,  und  von  dort,  jedoch  sparsamer,  bis  zu  den 
alten  Torfstichen  bei  Reeseu;  moorige  Niederung  am 
Waldrand  rechts  vom  Wege  von  Theessen  nach 
Tuchheim. 

MeJampyrum  nemorosim  L.  Im  Bürgerholz  an  lichten, 
sonnigen  Rändern  hinter  dem  Forsthaus,  zahlreich. 

Plantago  arenaria  W.  u.  K.  Wegränder  im  Gebiet  der 
Sandhügel  bei  Ihleburg,  zahlreich. 

Galium  boreale  L.  Wiesen  und  Gebüsche  bei  der  Hedwigs- 
brücke. 

Ädoxa  MoschatelUna  L.  Im  Bürgerholz  im  Laubwald  am 
Rand  der  Erlenbrüche,  besonders  in  der  Umgebung 
älterer  Baumstämme,  gesellig;  unter  alten  Bäumen  beim 
Forsthaus  Grabow,  desgl. 

Scahiosa  canescens  W.  u.  K.  Sonniger,  von  Calluna  vulgaris 
bedeckter  Abhang  beim  Bahnhof  Moser. 

Bryonia  alba  L.  In  Hecken  dicht  bei  der  Stadt  am  Wege 
nach  der  Holländer-Windmühle. 

Senecio  paludosns  L.  Bruchige  Waldlichtung  beim  Bahnhof 
Güsen. 

Inula  salicina  L.    Am  Deichwall. 

Chondrilla  juncea  L.  Sandhügel  und  sandige  Triften  bei 
Ihleburg. 


Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Flora  von  Burg.  267 


Den  vorstehenden  Standortsangaben  für  weniger  ver- 
breitete resp.  seltene  Pflanzenarten  der  Flora  von  Burg  mögen 
noch  einige  auf  diese  Gegend  sich  beziehende  Hinweise  zur 
Frage  des  Naturdenkmälerschutzes  beigefügt  werden. 

In  forstbotanischer  Hinsicht  bietet  die  Gegend,  so  weit 
ich  es  wenigstens  nach  meiner  Kenntnis  derselben  zu  be- 
urteilen vermag,  nur  wenig;  weder  nehmen  an  der  Zu- 
sammensetzung der  Wälder  besonders  bemerkenswerte  Arten 
von  Holzgewächsen  teil,  auf  die  das  Augenmerk  zu  richten 
wäre,  noch  sind  mir  besonders  ausgezeichnete  Waldbestände, 
die  ungestört  in  ihrem  heutigen  Zustande  zu  erhalten 
wünschenswert  wäre,  bekannt  geworden.  Auch  von  hervor- 
ragenden ßaumgestalten  könnte  ich  nur  die  sogenannte 
„Grofse  Buche"  im  Bürgerholz  hinter  dem  Forsthaus  nennen, 
die  sich  allerdings  durch  einen  recht  beträchtlichen  Stamm- 
durchmesser und  schöne  Krone  auszeichnet;  sonst  wären 
etwa  noch  die  beiden  Linden  {Tilia  parvifolia)  zu  nennen, 
die  unmittelbar  vor  der  Försterei  Pabsdorf  stehen  und  unter 
den  mir  bekannten  nach  Stärke  des  Stammes,  Höhe  und 
Bildung  der  Krone  die  schönsten  und  stattlichsten  sind; 
ebenda  stehen  auch  mehrere  schöne  alte  Eichen. 

Anders  dagegen  liegen  die  Verhältnisse,  wenn  man  für 
den  Schutz  der  Naturdenkmäler  nicht  blofs  das  Material  ins 
Auge  fafst,  das  im  allgemeinen  in  den  forstbotanischen 
Merkbüchern  zusammengestellt  wird,  sondern  wenn  man, 
worauf  das  Bestreben  sich  in  neuerer  Zeit  vielerorts  richtet, 
weiter  geht  und  den  Begriff  „Naturdenkmal"  in  seinem 
eigentlichen  umfassenden  Sinne  erfafst.  Dann  kommen  in 
botanischer  Hinsicht  in  erster  Linie  bemerkenswerte  Pflanzen- 
bestände sowie  Standorte  von  besonders  seltenen  oder  aus- 
gezeichneten Pflanzenarten  in  Betracht.  Von  ersteren  sind 
für  unsere  hiesige  Gegend  hauptsächlich  die  Moore  von 
Bedeutung,  zumal  diese  auch  infolge  der  immer  intensiver 
betriebenen  Melioration  als  mit  am  meisten  gefährdet  an- 
gesehen werden  müssen.  Zweifellos  mufs  es  aber,  so  er- 
freulich an  sich  es  auch  ist,  wenn  früher  öde  und  unfrucht- 
bare, unzugängliche  Gelände  der  Landwirtschaft  erschlossen 
wird,  doch  als  dringend  wünschenswert  bezeichnet  werden, 
dafs  diese  Ausdehnung  der  Kultur  nicht  zu  einem  völligen 


268 


Walther  Wangerin, 


Verschwinden  der  Moore  führen  möchte,  eine  Gefahr,  die 
leider  in  vielen  Gegenden  Deutschlands  besteht.  Denn  man 
mufs  daran  denken,  dafs  die  Sümpfe  und  Moore  in  älterer, 
auch  noch  in  historischer  Zeit  gerade  im  norddeutschen 
Flachlande  eine  sehr  bedeutende  Rolle  im  Landschaftsbild 
spielten,  und  dafs  gerade  die  Moore  eine  sehr  bezeichnende 
Pflanzenwelt  beherbergen,  so  manche  seltene  und  pflanzen- 
geographisch bemerkenswerte  Art,  die  nur  auf  dem  kalten, 
nassen  Moorboden  sich  bis  auf  unsere  Zeit  lebend  erhalten 
hat  und  noch  Zeugnis  ablegt  von  Vorgängen,  die  sich  bei 
der  postglazialen  Entwicklung  unserer  heimischen  Flora  und 
Pflanzendecke  abgespielt  haben.  Von  gröfseren  Moor- 
bildungen aus  der  hiesigen  Gegend  ist  vor  allem  das 
Fiener  Bruch  zu  nennen.  Dieses  ausgedehnte  Gebiet,  das 
sich  bei  einer  durchschnittlichen  Breite  von  3  —  5  km  auf 
eine  Länge  von  annähernd  18  km  erstreckt,  war  in  früherer 
Zeit  seiner  ganzen  Ansdehnung  nach  von  Moorbildungen 
erfüllt;  doch  ist  jetzt  bereits  der  weitaus  gröfsere  Teil 
durch  ein  weit  verzweigtes  Netz  von  Gräben  entwässert 
und  in  Wiesen-,  teilweise  auch  in  Ackerland  umgewandelt; 
nur  im  östlichen  Teil  des  Fiener  Bruches,  etwa  zwischen 
den  Ortschaften  Ziesar  und  Karow,  hat  die  Moorlandsehaft 
noch  ihren  ursprünglichen  Charakter  bewahrt,  so  weit  nicht 
durch  die  stellenweise  lebhaft  betriebene  Torfstecherei  auch 
hier  die  natürlichen  Verhältnisse  modiflziert  bezw.  gar  zer- 
stört worden  sind.  Eine  Wanderung  durch  diesen  Teil  des 
Fiener  Bruches,  wie  ich  sie  im  Juni  vorigen  Jahres  aus- 
geführt habe,  bietet  einen  ganz  eigenartigen  Reiz;  2  km 
nördlich  von  Ziesar  betritt  man  beim  Fienerhof  zuerst  das 
Gelände  des  „Fiener",  wie  in  der  Gegend  das  Gebiet 
kurzweg  genannt  wird ;  zuerst  sind  es  nur  mehr  oder 
weniger  sumpfige  Wiesen,  die  zu  beiden  Seiten  den  Weg 
begleiten,  dann  trifft  man  bald  auf  die  ersten  Torfstiche, 
die  teils  schon  wieder  zugewachsen,  teils  noch  von  dunklem 
Moorwassei;  erfüllt  sind,  und  allmählich  wandelt  sich  der 
Charakter  der  Landschaft  immer  mehr:  an  Stelle  der 
sumpfigen  Wiesen,  auf  denen  zuletzt  Arten  wie  Equisetum 
palustre  u.  dgl.  neben  Carex-kxiQn  tonangebend  wurden, 
treten  vielfach  Schilfdickichte,  die  den  schmalen  Weg  zu 


Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Flora  von  Burg.  269 


beiden  Seiten  umsäumen  und  die  schon  um  diese  Jahreszeit 
den  Wanderer  überragen;  dann  wieder  wechselt  mit  dem 
Phragmitetum  ein  Bestand  von  Equisetuni  limosum,  ab,  der 
einen  freieren  Blick  über  das  ausgedehnte  Moorgelände  ge- 
stattet, oder  es  sind  grofse  Flächen  bedeckende  Weiden- 
gebüsche oder  Bestände  von  Carex  paniculata,  die  den 
Blick  gefangen  nehmen.  Da  diese  erste  Exkursion  in  das 
Fiener  Bruch,  die  leider  auch  meine  letzte  bleiben  sollte, 
nur  einer  vorläufigen  Information  dienen  sollte,  so  kam  ich 
nicht  dazu,  genauere  Bestandesaufnahmen  der  verschiedenen 
Formationstypen  zu  machen,  unter  denen  ich  übrigens 
eigentliche  Hochmoorbildungen  (Sphagneten)  vermifst  habe, 
ohne  aber  deshalb  behaupten  zu  wollen,  dafs  solche  in  dem 
weit  ausgedehnten  Gelände,  von  dem  ich  immerhin  nur 
einen  relativ  geringen  Teil  aus  eigener  Anschauung  kennen 
gelernt  habe,  überhaupt  nicht  vorkämen.  Auch  kann  ich 
zur  Zeit  keine  detaillierten  Angaben  darüber  machen,  ob 
dieser  Teil  des  Fiener  Bruches  Pflanzenarten  von  besonderer 
Bedeutung  oder  Seltenheit  beherbergt;  sind  mir  selbst  auch 
solche  trotz  manches  interessanten  Fundes  nicht  aufgestofsen, 
so  glaube  ich  doch  mit  Recht  annehmen  zu  dürfen,  dafs 
auch  in  floristischer  Hinsicht  das  Gelände  manches  Wert- 
volle bieten  dürfte.  Aber  wie  sich  das  auch  verhalten  mag, 
jedenfalls  mufs  ich  es  wegen  des  eigenartigen  Landschafts- 
charakters und  der  interessanten  Formationsbildung  als 
dringend  wünschenswert  bezeichnen,  dafs  von  berufener 
Seite  dafür  gesorgt  werden  möchte,  dafs  dieser  Teil  des 
Fiener  Bruches  oder  doch  wenigstens  eine  gröfsere  Fläche 
desselben  in  seiner  jetzigen  Gestalt  erhalten  bleiben  möchte. 
Moorflächen,  die  sich  an  Ausdehnung  auch  nur  annähernd 
mit  dem  Fiener  Bruch  messen  könnten,  bietet  die  hiesige 
Gegend  sonst  nicht  mehr;  wohl  aber  finden  sich  in  nicht 
geringer  Zahl  kleinere  Moorbildungen,  die  wohl  geeignet 
sind  das  Interesse  des  Botanikers-  auf  sich  zu  ziehen.  Zu 
diesen  rechne  ich  in  erster  Linie  den  ,  Hungrigen  Wolf 
beim  Bahnhof  Möser.  Auch  dieser  besafs  in  früherer  Zeit 
eine  gröfsere  Ausdehnung  als  gegenwärtig;  durch  die  An- 
lage der  gegenwärtigen  Eisenbahnstrecke  Magdeburg — Burg 
wurde  er  in  zwei  Teile  zerschnitten,  von  denen  nur  der 


270 


Walther  Wangerin, 


[9] 


gröfsere  westliebe  den  ursprünglichen  Forraationscbarakter 
wenigstens  der  Hauptsache  noch  bewahrt  hat;  doch  ist  auch 
dieser  möglicherweise  durch  die  in  Ausführung  begriffene 
Erweiterung  des  Bahnhofs  Moser  gefährdet,  wenigstens 
machte  ich  die  Wahrnehmung,  dafs  an  einer  Stelle  vom 
Rande  her  gröfsere  Erdmassen  im  Sumpfe  zur  Aufschüttung 
gelangten.  Der  Hungrige  Wolf  ist  in  erster  Linie  als 
Standort  seltener  Pflanzenarten  von  Bedeutung;  unter  diesen 
wieder  verdient  das  Glanzkraut  {Liparis  Loeselii),  das  in 
vielen  Gegenden  Deutschlands  schon  völlig  vernichtet  worden 
ist  durch  Trockenlegung  der  Sümpfe  und  Moore,  an  erster 
Stelle  Erwähnung;  genannt  seien  ferner  noch  Carex pulicaris, 
C.  diandra,  Erica  Tetralix,  Cladium  Mariscus,  Drosera 
rotundifolia,  ütrkularia  vulgaris,  Efipadis  palustris,  Juncus 
ohtusiflorus  und  Gentiana  Pneumonanthe.  Aber  auch  als 
Pflanzenformation  bietet  der  Hungrige  Wolf  mancherlei 
Interessantes.  Zum  gröfsten  Teil  ist  es  ein  Torfsumpf,  der 
von  Fhragmites  communis  und  Care^c-Arten  ausgefüllt  wird; 
zwischen  dem  Schilf  findet  sich  in  grofser  Menge  als 
Charakterpflanze  das  schon  genannte  Cladium  Mariscus,  im 
Hochsommer  tritt  ferner  Juncus  ohtusiflorus  in  ungeheurer 
Menge  teils  allein  bestandbildend,  teils  zwischen  dem  Schilf 
auf.  Im  torfigen  Wasser  schwimmt  am  Rande  Utricularia 
vulgaris  mit  weithin  leuchtenden  gelben  Blüten.  In  den 
trockneren,  mehr  heideartigen  Teilen  ist  Carex  pulicaris  als 
Leitpflanze  zu  nennen ;  daneben  treten  auf  Molinia  caerulea, 
Eriopliorum  angustifolium,  Potentilla  Tormentilla,  Salix 
repens,  Carex  stellulata  u.  a.  m.;  hier  ist,  nach  dem  Rande 
des  Sumpfes  zu,  auf  moosigen,  feuchten  Carea;-Bulten  auch 
der  eigentliche  Standort  von  Liparis  Loeselii,  die  ich  im 
vorigen  Juni  reichlich  blühend  fand.  Am  Rande  endlich 
finden  sich,  allerdings  nur  in  ziemlich  geringer  Ausdehnung, 
Sphagnum-Fohter  mit  reichlicher  Drosera  rotundifolia.  Da 
der  Hungrige  Wolf  zur  königl.  Forst  Detershagen  gehört, 
so  dürften  Mafsregeln  zu  seiner  Erhaltung  keine  grofsen 
Schwierigkeiten  verursachen. 

Eine  dem  Hungrigen  Wolf  überaus  ähnliche  Formation 
fand  ich  im  sogenannten  Lausebruch  (rechts  vom  Waldrande 
am  Fahrweg  von  Burg  nach  Hohenwarthe),  das,  obwohl 


Weitere  Beiträge  zur  Kenntnis  der  Flora  von  Burg. 


271 


nahe  bei  der  Stadt  gelegen,  dennoch  merkwürdigerweise 
bisher  noch  nie  floristisch  untersucht  worden  zu  sein  scheint. 
Auch  hier  nimmt  die  nassesten  Teile  ein  Torfsumpf  ein,  in 
welchem  zwischen  dem  Schilf  Cladium  Mariscus  (für  welches 
bisher  der  Hungrige  Wolf  als  einziger  Standort  galt)  reich- 
lich gedeiht  und  am  Rande  in  nassen  Bülten  auch  Liparis 
Loeselü  vorhanden  ist.  Auch  Juncus  obtusiflorus  findet  sich 
in  grofser  Menge  und  im  Hochsommer  bestandbildend.  An 
den  eigentlichen  Torfsumpf  schliefst  sich  ein  Sphagnetum, 
dessen  Ausdehnung  eine  erheblich  gröfsere  ist  als  im 
Hungrigen  Wolf;  auch  auf  diesen  Sphagnum -Flächen  spielen 
Phragmites  und  Juncus  obtusiflorus  noch  eine  ziemliche 
Rolle  im  Vegetationsbild,  doch  herrschen  daneben  Erica 
tetralix  (hier  viel  zahlreicher  als  im  Hungrigen  Wolf)  und 
Drosera  rotundifolia  vor.  Es  sind  sonach  die  für  den 
Hungrigen  Wolf  bezeichnenden  Arten  gröfstenteils  auch  hier 
vorhanden ;  ob  auch  andere  wie  Carex  pulicaris,  C.  teretius- 
cula  usw.  sich  finden,  muls  ich  dahingestellt  sein  lassen,  da 
ich  selbst  im  Vorjahre  erst  in  zu  weit  vorgerückter  Jahres- 
zeit an  jene  Stellen  kam,  um  das  etwaige  Vorhandensein 
dieser  Arten  noch  konstatieren  zu  können. 

Endlich  möchte  ich  noch  das  am  Rande  der  Kähnert- 
schen  Forst  (bei  Grabow)  gelegene  Torfmoor  namhaft 
machen,  dessen  Erhaltung  ebenfalls  recht  wünschenswert 
wäre.  Hier  hat  allem  Anschein  nach  eine  Entwässerung 
schon  einmal  stattgefunden;  ihr  ist  es  wohl  zuzuschreiben, 
dafs  dieses  Torfmoor  zum  grofsen  Teil  von  einem  Bestand 
von  Calluna  vulgaris  und  vor  allem  von  Erica  tetralix  ein- 
genommen wird,  der  zur  Blütezeit  der  letzteren,  weitaus 
dominierenden  Art  einen  unbeschreiblich  reizvollen  Anblick 
gewährt.  Immerhin  sind  noch  nasse  Torflöcher  vorhanden, 
in  denen  Rhynchospora  alba  und  vor  allem  Drosera  inter- 
media (welche  im  Gegensatz  zu  der  auch  vorhandenen  D. 
rotundifolia  das  Sphagnum-Vohter  stets  zu  meiden  scheint) 
reichlich  gedeihen.  Gerade  der  letzteren  Art  wegen  wäre 
eine  Erhaltung  des  fraglichen  Geländes  dringend  zu  wünschen, 
denn  es  dürfte  dies  ihr  einziger  Standort  in  der  ganzen 
Gegend  sein;  bei  Hohenseeden,  von  wo  Schneider  die  Art 
angibt,  habe  ich  sie  trotz  genauen  Suchens  nicht  mehr 


272 


Walther  Wangerin, 


[11] 


finden  können,  das  Gelände  war  aueb  sichtlich  viel  zu 
trocken;  und  auch  hei  Rietzel,  von  wo  sie  in  dem  von 
AscHEKSON  herausgegebenen  Nachtrag  zu  Schneiders  Flora 
angegeben  wird,  dürfte  sie  kaum  mehr  vorhanden  sein,  da 
das  am  Mittelgraben  gelegene  moorige  Gelände  daselbst  in 
sehr  weitgehendem  Mafse  trocken  gelegt  worden  ist.  Von 
sonstigen  bemerkenswerten  Hochmoorarten  bietet  das  Torf- 
moor am  Rande  (Jer  Kähnertschen  Forst  noch  Vaccinium 
oxycoccos  und  Eriophorum  vaginatum,  sowie  vor  allem 
Orchis  Traunsteineri ,  die  ich  hier  in  ca.  8 — 10  Exemplaren 
fand  und  die,  so  viel  mir  bekannt,  für  die  ganze  Gegend 
neu  ist. 

Was  die  Frage  angeht,  ob  einzelne  seltene  Pflanzen- 
arten besonders  des  Schutzes  bedürftig  sind,  so  ist  diese 
für  die  hiesige  Gegend  minder  aktuell;  denn  einerseits  ist 
die  Zahl  botanisierender  Floristen,  deren  Sammeleifer  diese 
oder  jene  Seltenheit  gefährden  könnte,  eine  sehr  geringe 
und  sind  die  Standorte  zu  zerstreut  und  die  etwa  in  Betracht 
kommenden  Arten  zu  wenig  bekannt,  als  dafs  seitens  des 
gröfseren  Publikums  eine  Gefährdung  zu  befürchten  wäre, 
andererseits  wäre  bei  diesen  Verhältnissen  eine  wirksame 
Durchführung  von  Schutzmafsregeln  auch  kaum  möglich. 

Ich  will  deshalb  mich  darauf  beschränken,  hier  nur 
eine  Pflanzenart  namhaft  zu  machen,  das  ist  der  Sumpfporst 
(Leäum  palustre).  Der  einzige  mir  aus  eigener  Anschauung 
bekannte  Standort  dieser  schönen  Pflanze  liegt  nordöstlich 
von  Crüssau,  zwischen  dem  Fliederbusch  und  dem  so- 
genannten Fenn,  etwa  am  Rande  der  Kiehnlaake.  Dort 
ist  Leduni  palustre  auf  einem  trocken  gelegten  Hochmoor, 
sowie  insbesondere  in  lichten,  bruchigen  Wäldern,  die  sich 
an  dieses  anschliefsen ,  zahlreich  vorhanden  und  stand 
Anfang  Juni  vorigen  Jahres,  als  ich  jene  Gegend  durch- 
streifte, gerade  in  voller  Blüte.  Nach  Schneider  ist  die 
Art  übrigens  auch  noch  weiter  östlich  in  den  Forsten  um 
Magdeburger  Förth  an  mehreren  Standorten  vorhanden. 

Neben  den  oben  ausführlich  behandelten  Mooren  sei 
von  bemerkenswerten  Pflanzenbeständen  noch  das  sogenannte 
Fenn  bei  Crüssau  namhaft  gemacht;  es  ist  dies  eine  leicht 
hügelige,  reichlich  1  qkm  grofse  Fläche,  welche  —  rings 


[12] 


Weitere  Beitrüge  zur  Kenntnis  der  Flora  von  Burg. 


273 


von  Kiefernwald  umgeben  —  vollständig  von  einem  fast 
reinen  Bestand  der  Calluna  vulgaris  (neben  wenigen  dürftigen 
Gräsern  sah  ich  nur  hier  und  da  noch  Genista  pilosa  ein- 
gestreut) bedeckt  wird.  Da  ein  Callunetum  von  ähnlicher 
Schönheit  und  Gröfse  sich  in  der  ganzen  Gegend  nicht 
wieder  findet,  so  wäre  es  wohl  wünschenswert,  wenn  der 
Bestand  erhalten  bliebe  und  von  einer  Aufforstung,  mit  der 
am  Rande  schon  begonnen  worden  ist,  abgesehen  würde. 
Als  bemerkenswert  und  eventuell  schutzbedürftig  wurden 
mir  auch  die  Blauen  Berge  bei  Pietzpuhl  namhaft  gemacht, 
die  ich  aus  eigener  Anschauung  nicht  kenne;  hier  dürfte 
Scorzonera  purpurea  die  bemerkenswerteste  Art  aus  dem 
Kreise  der  dortigen  „pontischen  Hügelfiora"  sein.  Jurinea 
cyanoides  ist  ebenfalls  eine  der  bemerkenswerteren  Pflanzen- 
arten unserer  Gegend,  doch  ist  dieselbe  an  ihren  Standorten 
(Sandhöhen  bei  Ihleburg  und  Rand  der  Detershagener  Forst) 
wohl  kaum  gefährdet.  Eher  könnte  letzteres  für  Clematis 
recta  zutreffen,  welche  nur  am  Deichwall  in  einigen  wenigen 
Gebüschen  sich  findet.  Überhaupt  ist  der  Deichwall  Standort 
für  eine  ganze  Reihe  von  bemerkenswerten  Pflanzenarten 
und  sei  deshalb  dem  Schutze  ebenfalls  empfohlen. 


2ettBcbr.  t.  Naturwisa.  HaUe  a.  S.    Bd.  82.  idlO. 


18 


Die 

Etymologie  der  Pteridophytennomenklatiir') 

Eine  Erklärung  der  wissenschaftlichen, 
der  deutschen,  französischen,  englischen  und  holländischen 
Namen  der  Farnkrautgewächse 

von 

Dr.  med.  et  pliil.  Friederich  Eanngiesser 


Es  sollen  die  Namen  der  Pteridophyten,  soweit  sie  über 
Nordwesteuropa  verbreitet,  insbesondere  in  den  Gattungs- 
bezeichnungen erläutert  werden.  Einleitend  sei  eine  Er- 
klärung des  Kollektivbegriffs  „Farnkraut"  [der  sich  im 
engeren  Sinne  nur  auf  die  erste  Klasse  der  Pteridophyten 
bezieht]  sowohl  der  klassischen  wie  volkstümlichen  zu- 
ständigen Benennungen  vorausgeschickt. 

gr.  nxtQic  (wie  aus  dem  Akkusativ  jixtgiv  hervorgeht 
ist  die  Akzentuation  jizsqIq  falsch)  war  die  allgemeine  Be- 
zeichnung der  Farne  bei  den  Griechen  des  Altertums.  Der 
Name  ist  abzuleiten  von  jiregv^,  jiTegov:  Flügel,  wegen 
der  Form  der  Blattspreite. 

lat.  FiJix  (bei  Virgil  und  Columella)  und  filex  (bei 
ViTRüv).  Vielleicht  verwandt  mit  filum  Faden,  wegen  des 
faserigen  Stengels.  Ital.  feJce;  sard.  fdiglw.  sie.  f\Uci\  span. 
falagner  nnd  heh'cho  (das  span.//  entspricht  oft  dem  ital./"); 
portug.  filifolha;  rum.  ferece  (die  Liquida  /  und  r  wechseln 
häufig,  vgl.  lat.  uiOYus,  d.  Maulbeere). 

d.  Farnkraut,  Farn,  Fahrenkraut,  Faren,  Farren;  ahd. 
faram  und  —  mit  Abschwächung  des  m  zu  n  —  faran, 


1)  Vgl.  Kanngiesser,  Die  Etymologie  der  Phanerogamen- 
nomenklatiir.  Eine  Erklärung  der  wissenschaftlichen,  der  deutschen, 
französischen,  englischen  und  hollündischeu  Pflanzennamen.  Gera  1909. 


Die  Etymologie  der  Pter'ulopliytennonicnklatur.  275 


farn\  diese  Formen  werden  mhd.  mit  v  geschrieben.  Farn- 
kraut soll  soviel  als  Faserkraut  bedeuten  (s.  u.  FiUx):  der 
Semivokal  s  wäre  demnach  in  einen  anderen  Semivokal, 
nämlich  /•,  übergegangen.  Nach  anderer  Erklärung  ist  Farn 
verwandt  mit  skr.  })arna:  Flügel  (s.  w.  Jirtgio).  Der  Stamm 
far  entspricht  nach  den  Gesetzen  der  Lautverschiebung  dem 
russ.  Stamm  por,  aus  dem  unter  Reduplikation  die  russ.  Be- 
zeichnung für  Farnkraut :  j^o-poroti,  lit.  paxiartis,  kroat.,  serb., 
bulg.  und  böhm.  paprat,  wendisch  p)op^'oschy,  slow,  hqwadina, 
Ungar,  haraszt  und  poln.  paproc  hervorgegangen  ist.  Ver- 
gleicht man  mit  letzterem  das  dän.  Wort  hregne  für  Farn, 
so  ergibt  sich  hieraus  m.  E.  die  Etymologie  der  engl.  Be- 
zeichnung hracJcen  und  hraJce  für  Grofsfarne  als  im  Ursprung 
mit  der  von  e.  fern,  d.  Farn  identisch.  Ebenso  dürfte  m.  E. 
auch  das  russ.  2)aporoti  sich  zum  gr.  jireQiq  verhalten.  Im 
altgallisehen  heifst  Farn  ratis  (aus  pratis)\  wir  finden  diese 
Form  wieder  in  breton.  raden  und  ir.  raith.  —  Im  d.  wird 
das  Farnkraut  auch  noch  Greinkraut  genannt,  weil  es  ins 
Haus  gebracht  Zank  und  Streit  verursache.  —  Der  Name 
Irrwurz  für  Farnkraut  nimmt  auf  den  Aberglauben  Bezug, 
dafs  jemand,  der  unversehens  über  Farnkraut  ginge,  sich 
im  Wald  verirre.  —  Johanniskraut:  nach  dem  Aberglauben 
blüht  der  Farn  in  der  Johannisnacht.  Über  den  Geisterspuk 
der  mit  dem  Farnkraut  getrieben  wurde  vgl.  auch  unter 
Botrychimn. 

f.  Foughre  aus  dem  spätlat.  filicaria:  das  l  hat  sich 
noch  erhalten  in  dem  Dialekt  der  belgischen  Provinz  Hainault, 
wo  das  Farnkraut  fleticre  genannt  wird.  Walion.  fhchire, 
namur.  fccJicre,  champ.  feuchilre. 

e.  Fern,  ags.  fearn  und  fern.  Im  schwed.  Dialekt  fünne. 
Im  isl.  sowohl  hirkni  als  ferne;  vgl.  hierzu  die  e.  Bezeich- 
nung hracl-en  für  Grofsfarne  und  die  allgemeine  Bezeichnung 
fern,  ebenso  das  in  dem  Absatz  über  Farnkraut  gesagte. 

h.  Varen,  varenkruid;  im  h.  hat  sich  das  v  des  mhd. 
erhalten. 

* 


18* 


276 


Friederich  Kanngiesser, 


[3] 


Adiantum  capillns  Venerls  von  Theophrast 
VII,  14. 1  und  von  Dioscorides  IV,  134  als  aöiavxov  be- 
schrieben. Ableitung  von  a  priv.  und  öiaivm:  benetzen,  da 
wie  Theophrast  1.  e.  bemerkt,  das  Kraut  (benetzt  oder 
selbst  im  Wasser  untergetaucht)  trocken  bleibt.  Man  nannte 
das  Kraut  auch  xalUxQixoi'  und  noXrxQiyov  [von  xäXloq: 
Schönheit  resp.  nolvq:  viel  und  ihgis,  Genitiv  xQiyöq:  Haar], 
da  es  als  Haarfärbemittel  und  gegen  das  Ausfallen  der 
Haare  benutzt  wurde.  Nach  Plinius  22,  30  nehmen  diese 
Synonyme  auf  die  zarten,  feinen  Wtirzelchen  Bezug,  die 
ihrerseits  nach  der  schon  im  Altertum  angewandten  Signatur- 
lehre die  Veranlassung  zum  Gebrauch  der  Pflanze  als  Haar- 
mittel gegeben  haben  mögen.  Nach  anderer  Erklärung  hat 
es  diese  Namen,  wie  die  Artbezeichnung  capükis  Veneris: 
Venushaar,  dem  haarähnliehen  Aussehen  der  Stiele  zuzu- 
schreiben. Der  Neugrieche  nennt  die  Pflanze  jioXvxqIxi,  der 
Italiener  nennt  sie  capelvenere. 

d.  Frauenfarn.    Haarfarn.    Frauenzopf.  Jungfernhaar, 
f.  Ädiante.    CapiUairc.    Cheveu  de  Venus.  Capillaire 

de  MonipeJUer:  wächst  in  Südfrankreich  wild. 

e.  3Iaidenhair. 
h.  Haarlcniid. 

Allosorus  von  aXXoq:  der  andere  und  öcogoq:  Haufen, 
Die  Sporangien  sind  je  nach  dem  Alter  verschieden  gestaltet. 

d.  Rollfarn.  Die  Fiederblättchen  der  Fruchtwedel  sind 
auf  der  Unterseite  eingerollt. 

f  Allosore. 

e.  Eocl'hracJien:  Felsenfarn.  Farsley  fem:  Petersilien- 
farn, wegen  der  Ähnlichkeit  der  krausblättrigen  Pflanze  mit 
der  Petersilie. 

h.  Allosorus. 

Aspidium  als  Pflanzennamen  weder  im  altgr.  noch 
im  lat.  bekannt.  Ableitung  von  aojilöiov:  Schildchen,  wegen 
der  Form  der  Sporangienschleier.  Nach  anderer  Meinung 
von  dojciq:  Schlange;  ein  Extrakt  der  Pflanze  galt  als  Mittel 
gegen  den  Schlangenbifs. 


[4] 


Die  Etymologie  der  rtcridophytennouieiiklatur. 


277 


d.  Schildfarn.  Pimktfara:  Die  Blätter  von  Asindium 
montammi  sind  unterseits  mit  goldgelben  Drüsen  besetzt. 

f.  Aspidie.  —  FoJystir.  von  Folystichiim:  einem  Gattungs- 
namen mit  dem  ein  grofser  Teil  der  Arten  des  Geschlechts 
AsjudiKDi  synonym  genannt  wird.  Ableitung  von  jroAi'g: 
viel  und  ötIxo^:  Reihe;  vpegen  der  in  Keihen  angeordneten 
Sporenhäufchen. 

e.  Shieldfern. 

h.  Nierraren:  der  Holländer  vergleicht  die  Form  des 
Indusium  mit  einer  Niere. 

Asindium  filix  mas  ist  die  jizigic  des  Dioscorides 
IV,  183.  Füix  mas:  männlicher  Farn ;  wegen  der  gröfseren, 
derberen  Wedel,  im  Gegensatz  zu  Asplemmi  füix  feminina 
und  Aspidiwn  Tlielypteris. 

d.  Männlicher  Schildfarn.  Farnkrautmännlein.  Waldfarn. 
Wildfarn.  Hirschzehen.  Johannishand:  der  Wurzelstock  wird 
mit  einer  Hand  verglichen  und  um  die  Johanniszeit  ge- 
sammelt. Hexenkraut.  Hurenkvaut:  ein  Extrakt  wird  als 
Abortivum  benutzt.  Schnakenkraut,  Wanzenkraut:  die  Wedel 
sollen  Ungeziefer  fern  halten.  Wurmfarn;  der  von  den  Blatt- 
stielresten befreite  Wurzelstock  liefert  ein  wichtiges  Mittel 
gegen  die  Bandwürmer.  Die  Veranlassung  zu  dieser  schon 
den  alten  Griechen  bekannt  gewesenen  Therapie  mag  die 
Signaturlehre  gegeben  haben:  in  jugendlichem  Zustand  sind 
die  Wedel  wurmförmig  zusammengekrümmt.  —  „Bei  Cham 
heilst  die  Pflanze  auch  Odarnkraut  (Natternkraut),  weil  sich 
darunter  die  Nattern  besonders  gerne  aufhalten  sollen.  Da 
seine  Blätter  in  ihrer  Entwicklung  gekrümmt  sind  wie  ein 
Abtstab,  heilst  sie  das  Volk  auch  Walburgisstaberl."  Vgl. 
J.  Brunner,  Deutsche  Gaue,  1910,  S.  112. 

f.  Fotigire  mäh:  männlicher  Farn. 

e.  3Iale  fern. 

h.  Mamietjesvaren,  Wormvaren. 

Aspidiiim  Thelypteris.  Unter  SrjXvjiTSQiq  ver- 
stand Theophrast  9,  18.  8  Acrostichum  thelypteris  und 
Dioscorides  IV,  184  die  Pteris  aquilina.    Thelypteris  [von 


278 


Friederich  Kanngiesser, 


[5] 


&r/2.0Q  weiblich  und  jtTeQig  Farn]  bedeutet  weibliches  Farn- 
kraut: die  PHanze  wird  so  wegen  der  zarteren  Wedel  im 
Gegensatz  zu  Aspidium  fiJix  man  genannt. 

d.  Sumpfschildfarn,  wäcfist  in  Waldsümpfen. 

f.  Theliptcris. 

e.  Marsli  shieldfern:  Sumpfschildfarn, 
h.  Moerasvaren:  Morastfarn,  Sumpffarn. 

Asplemim  \ÄS2)lenii(n}]  hat  nach  Plinius  XXVII  und 
Isidor,  Orig.  9, 87  seinen  Namen  daher,  dafs  es  die  Milz, 
ojtX^v,  zerstöre.  Andere  Erklärer  hingegen  halten  das  a 
nicht  für  negierend,  sondern  als  Intensivum  und  glauben 
die  Pflanze  habe  ihren  Namen  daher,  dafs  sie  gegen  Er- 
krankungen der  Milz  verwandt  wurde.  Dioscorides  ver- 
stand III,  141  unter  aajiX?jvov  Ceterach  offlcinale. 

d.  Streifenfarn,  Striehfarn;  wegen  der  streifenförmig 
angeordneten  Fruchthäufchen.  —  Milzfarn. 

f.  Capillaire  s.  u.  Adiantum.  Doradille  vom  span.  dora- 
dilla,  wegen  der  goldgelben  Farbe  der  Sporenhäufchen. 

e.  Spleemvort  :  Milzkraut. 

h.  Streepvaren;.  Streifenfarn. 

Aspleiiuni  Adiantmn  nif/rum. 

d.  Schwarzer  Streifenfarn,  wegen  des  (purpurnen  oder) 
schwarzen  Stengels;  vielleicht  auch  wegen  der  dunklen 
Wedel. 

f.  Doradille  noire  s.  vorher.  —  Capillaire  noire  desgl. 

e.  Blaclc  spleemvort:  schwarzes  Milzkraut. 

h.  Zwart  miltJcrnid,  sivartsteel,  zwart  Venushaar. 

Asplenum  filix  fetnina:  Frauenfarn;  wegen  der 
zarten  und  fein  zerteilten  Fiederblättchen,  im  Gegensatz  zu 
den  zähen  Blättern  von  Aspidium  filix  mas.  Die  Pflanze 
wird  auch  Aihijrium  filix  mas  genannt,  von  a  priv.  und 
d-vQEoq  (türförmiger)  Schild.  Doch  fehlt  bei  Asplenum  sive 
Aihijrium  filix  femina  der  Sehleier  den  Sporenhäufchen 
nicht,  wohl  aber  ist  er  bei  dem  nächsten  Verwandten 
Athyrium  alpestre  sehr  verkümmert. 


Die  Etymologie  der  Pteridophytennomenklatur.  279 


d.  Frauenfarn.  Farnkrautweiblein.  Hurenwurz :  als 
Abortivum;  vgl.  die  portug.  Kollektivbezeichnung  für  Farn- 
kraut: Herva  movedi^a:  Abortierkraut. 

f.  Foughre  femelle;  ital.  felce  femina. 

e.  Lady  fern. 

h.  Varemvijfke. 

Asplenum  ruta  murarum:  Mauerrantenfarn :  die 
Blättchen  der  mit  Vorliebe  auf  Gemäuer  und  an  Felsen 
vpachsenden  Pflanze  sind  rautenförmig. 

d.  Mauerraute.  —  Steinneidkraut:  man  gibt  das  Kraut 
den  Tieren  gegen  das  Verneiden,  d.  h.  Krankheitsgefahr.  — 
Eselsfarn :  auch  bei  Theophrast  und  Dioscorides  wird  ein 
Farnkraut  7j[ii6viov:  Mauleselkraut  genannt,  vielleicht  dafs 
diese  Tiere  das  Kraut  fressen.  Weinkräutel  s.  u.  Lycopodium. 
Meuchelkraut,  d.  h.  wahrscheinlich  soviel  als  heimliches,  un- 
heimliches Kraut,  s.  Einleitung  und  unter  Botrychinm.  Das 
Kraut  wächst  oft  ganz  in  Felsnischen  verborgen. 

i.  Bue-de-mitraille.  Dorad'dJe  muraUJe.  Sauve-vie: 
Lebensretter,  wegen  angeblicher  Heilwirkungen. 

e.  Wallrue:  Mauerraute.  Maidenhair.  Stone-fern: 
Steinfarn. 

h.  Steenruit.    Mimrruit.  MiUJcruid. 

Asplenum  Trichomanes  ist  die  TQiyofiavsii  des 
Theophrast  VII,  14. 1,  des  Dioscorides  IV,  135  und  des 
Galen.  Wird  erklärt  aus  rgi^ofiavia:  Leidenschaft  lange 
Haare  zu  tragen,  resp.  als  „Wildhaar"  aus  d^gi^:  Haar  und 
j^aivofica:  rasen,  verrückt  sein.  Besser  ist  die  Erklärung 
aus  ^()i5,  Genitiv  xQixög:  Haar  und  /xavog:  dünn,  wegen 
der  zarten  Stiele. 

d.  Frauenfarn.  Braunstieliger  Streifenfarn.  Steinfarn: 
wächst  auf  Felsen  und  Gemäuer.  Widerton,  Abeithun,  Ab- 
thun:  angeblich  abzuleiten  von  wiedertun,  wiederherstellen, 
die  Mannheit  wiederbringen.  Polytrichum  commune  und 
Drosera  rotundifolia:  Sonnentau,  werden  ebenfalls  Widerton 
genannt.  Sollte  der  Name  nicht  ursprünglich  nur  für  Dro- 
sera gegolten  haben  und  von  dieser  auf  die  anderen  Pflanzen 


280 


Friederich  Kanngiesser, 


[7] 


lihcrtragcii  woideu  sein?  M.  E.  wäre  dann  der  Name 
Widertou,  auch  Abeithun  genannt,  als  Abertau,  d.  h.  falscher 
Tau,  zu  deuten  (vgl.  Aberglaube  =  falscher  Glaube ;  Eber- 
esche statt  Aberesche  =  falsche  Esche),  womit  der  Drüsen- 
saft der  fleischfressenden  Drosera  gemeint  wäre.  Aus  Un- 
verständnis mag  Abertau  in  Aberthun  und  zu  Abthun 
verderbt  sein,  speziell  als  der  Name  von  der  eventuell 
originären  Bezeichnung  auch  auf  die  anderen  Pflanzen  aus- 
gedehnt ohne  Sinn  blieb.  Das  „aber"  wurde  dann  später 
als  Synonym  für  „abermals,  wieder"  gehalten  und  kann  so 
die  ebenfalls  gebräuchliche  Schreibweise  Wiederthon  ent- 
standen sein.  Doch  dies  nur  eine  hypothetische  Erklärung 
für  das  merkwürdige  Wort,  das  gerade  weil  es  unverstanden 
blieb  zahlreiche  Variationen  erlebte,  deren  interessanteste 
die  Bezeichnung  „Widertod '  ist  ;^  gegen  den  Tod  ist  nun 
aber  doch  noch  kein  Kräutlein  gewachsen!  Übrigens  wird 
Widertod  usw.  auch  —  und  wahrscheinlich  ist  dies  am 
zutreffendsten  —  als  Assimilation  aus  Mithridat  erklärt, 
worunter  man  ein  Kräuterheilmittel  und  Gegengift  verstand; 
vgl.  Deutsche  Gaue,  Bd.  XI,  S.  175. 

f.  CapiUaire.    Polytric  s.  a.  Aspiämm. 

e.  Common  spleemvort  s.  u.  Asplenum.  Maidenhair. 
Bristie  fern:  Borstenfarn,  die  Stielchen  gleichen  Borsten. 

h.  Steenhreelcvaren :  wächst  wie  der  Steinbrech  in  Fels- 
spalten und  trägt  zu  deren  Verwitterung  bei. 

AzoUa.  Seit  1872  in  die  botanischen  Gärten  Europas 
aus  dem  wärmereu  Amerika  eingeführt,  hat  sie  sich  speziell 
aus  dem  botanischen  Garten  zu  Leiden  rasch  verwildert. 
Der  Name  (der  vielleicht  uramerikanisch  ist?)  wird  mit 
ägto:  dörren  und  olXv^ii:  vernichten  in  Beziehung  gebracht, 
da  die  Wasserpflanze  durch  Trockenheit  zerstört  wird. 

d.  Azolle. 

f.  Äzolla. 
e-  Azolla. 

h.  Drijvende  varen:  treibende,  schwimmende  Farren. 
Rood  Jcroos,  vielleicht  wiederzugeben  durch  „rotes  Kraut" 
oder  „rotes  Gekröse",  jedenfalls  im  Gegensatz  zu  Eenden- 
Tiroos  [Enten „Jcroos" :  Lemna]  genannt.  —  Azolla  überzieht 


[8]  Die  Etymologie  der  Pteridophytennomeuklatur.  281 

stehende  und  langsam  fliefsende  Wasser  mit  einer  dicken, 
rotbraunen  Schicht. 

JSlechnum.  Mit  diesem  Namen  bezeichnet  Plinius 
ein  Farnkraut;  der  lat.  Name  wird  mit  dem  gr.  ßXrjxQog  und 
ßXrjXfi)  resp.  Yh'f/o)  in  Beziehung  gebracht,  worunter  aller- 
dings Blütenprianzen  verstanden  sind.  M.  E.  ist  Blechnum 
ursprünglich  ein  Synonym  für  filix.  Gerade  das  französische 
Wort  für  Blechnum:  blegne  zeigt  eine  auffallende  Uberein- 
stimmung mit  dem  dänischen  Wort  bregne  für  Farn.  Dafs 
die  Semivokale  l  und  r  häutig  miteinander  tauschen,  habe 
ich  bereits  eingangs  erwähnt. 

d.  Rippenfarn,  wegen  der  entfernt  stehenden,  schmal- 
linealen,  fertilen  Fiederblättehen.  Kammfarn  desgl.  Leiter- 
farn desgl.  Spicant  ist  der  schwedische  und  offizielle  Art- 
namen der  Pflanze.  Brüschfarn,  d.  h.  Moorfarn,  wächst  auf 
moorigen,  feuchten  Waldstellen.  Mit  Brüsch,  f.  hruyere,  be- 
zeichnet man  das  Heidekraut  Calluna  vulgaris.  Der  Name 
ist  verwandt  mit  Bruch,  es  soll  damit  aufgebrochenes,  aut- 
gelockertes Moorland  bezeichnet  werden. 

f.  Blegne. 

e.  Hardfern  [?]. 

h.  Dubhelloof:  Doppellaub,  wegen  der  auffallend  ver- 
schiedenen Form  der  tieffiederspaltigen  Blätter:  die  sterilen 
stehen  genähert,  die  fertilen  entfernt  voneinander.  —  Panne- 
Icoelcen:  Pfannkuchen.  Dieser  Namen,  der  eigentlich  und 
ursprünglich  dem  Tüpfelfarn,  Polypodium,  zukommt,  ist  für 
Blechnum  deplaziert,  da  hier  die  Fruchthäufchen  nicht 
rundlich,  sondern  linearisch. 

Sotrychitim,  Ableitung  von  ßorgvg:  Traube.  Die 
Sporen  bilden  sich  an  einem  besonderen  traubenähnlichen 
Zweig;  doch  auch  die  Anordnung  der  Blätter  hat  entfernte 
Ähnlichkeit  mit  einer  Traube. 

d.  Rautenfarn,  die  Blättchen  sind  rautenförmig.  Mond- 
raute, die  abgerundet  rautenförmigen  Fiederblättchen  haben 
mit  der  (Halb-)  Mondscheibe  entfernte  Ähnlichkeit.  Der 
Aberglaube  läfst  an  dem  Wedel  so  viel  Blättchen  wachsen, 


282 


Friederich  Kanngiesser, 


[9] 


als  der  betreffende  Monat  Tage  hat.  Mahenkraut  vgl.  h. 
maanvaren,  Ijedeutet  soviel  als  Älondkraut.  Walpurgiskraut, 
als  Wimderkraut  so  genannt.  Die  Walpurgisnacht,  die 
Nacht  vom  30.  April  auf  1.  Mai  ist  nach  dem  Volksglauben 
die  Nacht  des  Hexenspuks.  April  bis  Mai  erscheinen  die 
Wedel  des  Rautenfarn,  der  dieserhalb  auch  Maitraube  und 
Petersschliissel  genannt  wird.  Zu  letzterer  Bezeichnung  vgl. 
Himmelschlüssel  für  Priimda,  diese  wie  Botrycliiuni  werden 
als  Frühlingspflanzen  geschätzt,  mit  deren  Erscheinen  sich 
der  Himmel  wieder  , öffnet*  und  heiterer  wird.  Ankerkraut, 
wegen  der  Form  der  Blättchen,  die  mit  einem  Anker  ent- 
fernte Ähnlichkeit  haben.  Mitzünglein,  mnn  vergleicht  den 
sterilen  und  den  fertilen  Wedel  mit  zwei  Zungen.  Leber- 
raute, die  Einzelblättchen  haben  im  Umrifs  mit  einer  Leber 
entfernte  Ähnlichkeit.  Auch  mag  die  Pflanze  dieserhalb 
der  Signaturlehre  entsprechend  gegen  Leberleiden  gegeben 
worden  sein.  Beseichkraut,  die  salzburger  Älpler  glauben, 
dafs  Kühe,  die  Botrychium  fressen,  weniger  Milch  geben: 
„sich  beseichen".  Geburtskraut  und  Hurengras:  als  Ab- 
ortivum.  Allermannsharnisch,  die  Pflanze  wurde  als  Wund- 
heilmittel gebraucht,  vielleicht  trug  man  sie  auch  als 
schützende  Pflanze  bei  sich.  Mit  Allermannsharnisch  be- 
zeichnet man  wegen  der  vielen  Zwiebelschalen  vornehmlich 
das  Ällium  victoriale,  das  man  dieserhalb  ja  auch  Neun- 
hemdchen  genannt  hat.  Der  Signaturlehre  entsprechend 
hielt  man  eine  so  „geharnischte"  Pflanze  für  besonders 
schutzkräftig.  Man  übertrug  den  Glauben  an  diese  Schutz- 
kraft, die  man  für  die  Mannheit  spezialisierte,  auch  auf 
andere  Pflanzen.  So  also  auch  auf  Botryclnum,  das  wohl 
dieserhalb  auch  „Treublätter"  genannt  wird.  Es  ist  nicht 
ausgeschlossen,  auch  wenn  es  parodox  scheint,  dafs  der 
erwähnten  Bezeichnung  Hurengras  letztgenannte  Etymologie 
zu  Grunde  liegt.  Wiedertod  s.  u.  Asplenum  Trichomanes. 
Jammerkraut,  Zankkraut  vgl.  unter  Greinkraut  in  der  Ein- 
leitung. Den  Pteridophyten  haftete  man  in  der  Mythologie 
allerhand  Untugenden  an,  der  Grund  dafür  mag  in  dem  oft 
düsteren,  moorigen  oder  felsigen  Waldstandort  sein,  der 
ohnehin  die  Phantasie  etwas  zum  Gespensterglauben  anregt; 
dann  aber  auch  das  seltsam  biologische  Verhalten  der 


[10]  Die  Etymologie  der  Pteridophytennomenklalur.  283 


Farngewächse,  von  denen  man  nie  BiUten  und  Samen  8ah. 
Um  so  gröfser  ist  natürlich  die  Rolle,  die  die  Farnblüte  und 
der  Farnsanien  im  Aberglauben  und  in  den  Legenden  spielt. 

f.  Lunaire:  Mondkraut;  vgl  die  Artbezeichnung  Bo- 
trycliium  lunarium. 

e.  Moomvort.    Grape  fern:  Traubenfarn. 

h.  3Iaanvaren.  DruifJcruid:  Traubenkraut.  Walpurgis- 
kruid. 

Ceterach.  Ceterach  ofßcinale  ist  das  aOjiXrjvov  des 
DioscoRiDES  III,  141.  Ceterach  ist  abzuleiten  von  dem 
spätgr.  xiragxa,  xiragäS,  und  dem  spätlat.  ceterah,  Namen, 
die  aus  dem  arab.  chet{e)ra{c)Jc  stammen  sollen.  Doch  ist 
Ceterach  wahrscheinlich  eine  arabisierte  Bezeichnung,  deren 
Etymologie  im  gr.  xifhagog:  Brust  und  axog:  Heilmittel  zu 
suchen  ist;  in  der  Volksmedizin  wird  die  Pflanze  noch  jetzt 
als  „Brustheilmittel"  benutzt. 

d.  Milzfarn  s.  u.  Äsplenwn,  dem  Ceterach  nächstverwandt 
ist.  Schriftfarn,  die  Sporenhäufchen  nehmen  sich  wie  Schrift 
aus.  Vollfarn,  wegen  der  büscheligen  Blätter.  Vielleicht 
auch,  dafs  Vollfarn  als  Druckfehler  aus  Rollfarn  entstanden 
ist.  RoUfarn  könnte  die  Pflanze  heifsen,  weil  sie  bei  heifsem 
Wetter  die  Wedel  einrollt.    Zecht  verderbt  aus  Ceterach. 

f.  Ceterach.  Herbe-ä-dorer,  dorade,  herbe  doree,  doradille: 
wegen  der  schönen  goldgelben  (anfangs  silberglänzenden, 
später  rostfarbenen)  Spreuhaare  an  der  Unterseite  der 
Blätter.  Dieserhalb  auch  im  ital.  erba  dorata:  Goldkraut 
und  im  neugr.  yQvooxoQxov:  Goldgras  genannt. 

e.  Rusty  back:  rostiger  Rücken,  s.  o.  Scaly  spleenwort: 
schuppiges  Milzkraut,  desgl. 

h.  Ceterach. 

djstopteris  von  xx'ang:  Blase  und  jirtQiq:  Farn; 
wegen  der  membranösen,  transparenten,  bläschenförmigen 
Indusien. 

d.  Blasenfarn. 

f.  Cystoptcride. 

e.  Bladderfern:  Blasenfarn, 
h.  Blaasvaren. 


284  Friederich  Kanngiesser,  [11] 

Eqiiisettim  von  equus:  Pferd  und  seta:  Borste, 
Haar.  Wegen  der  Form  der  Halme  wurde  die  Pflanze 
„Pferdebaar"  genannt;  vgl.  Plinius  18,67  und  26,  83.  Die 
Griechen  nannten  die  Pflanze  ijinovgig:  Pferdeschweif 
von  'i'jTJTO^:  Pferd  und  ovQcr.  Schweif.  Auch  öaP.jrlyyiov: 
Trompetehen  wurde  die  hohlstengelige  Pflanze  genannt; 
vgl.  Geopon.  2.  6,  26;  8,  27.  Im  ital.  heifst  die  Pflanze 
equiseto  und  cola  dt  cavallo:  Pferdeschweif;  desgl.  span. 
cola  de  caballo  und  portug.  equiseto  und  rabo  de  cavallo. 
In  Schweden  werden  angeblich  Pferde  mit  Equisetum  sil- 
vaticum  gefüttert,  doch  sind  andere  Equisetum- Arten  den 
Pferden,  dem  Rindvieh  und  den  Schafen  gefährlich:  starker 
Durchfall,  Blutbarnen,  Abortus,  Titubation,  Krämpfe  und 
Lähmungen,  sogar  Todesfälle  sind  nach  Genufs  von 
Schachtelhalmarten  bei  genannten  Tieren  gesehen  worden,  i) 
Wenn  die  Pflanze  in  vielen  Sprachen  „Pferdeschweif"  ge- 
nannt wird,  so  ist  dies  also  lediglich  als  Vergleich  aufzu- 
fassen und  nicht  etwa  weil  die  Pflanze  gleichzeitig  als 
Futter  diene.  Die  holländischen  Namen  Schaafstroo,  Schaaf- 
gras  sind  daher  als  unglückliche  Assimilationen  aus  Schab- 
gras zu  bewerten ;  s.  u. 

d.  Schachtelhalm  statt  Schaftelhalm;  dieses  eine  Di- 
minutivform zu  Schafthalm,  niederdeutsch  „ch"  für  hoch- 
deutsch „f ".  Die  Pflanze  wird  auch  direkt  Schafthalm, 
Schaftheu  wegen  der  schaftähnlich  aufgeschossenen,  heu- 
artig trockenen  Stengel  genannt.  Nach  anderer  Meinung 
hat  Schachtelhalm  seinen  Namen  wegen  der  ineinander- 
geschachtelten Halme.  M.  E.  ist  Schachtelhalm,  resp.  Schaft- 
halm aus  Schabhalm  assimiliert,  wie  denn  noch  heute  der 
Schachtelhalm  im  dän.  scavgras  und  im  schwed.  skafgräs, 


*)  Bei  Korrektur  vorstehender  Zeilen  finde  ich  bei  K.  Kobert, 
Intoxikationen  II,  190G,  S.  1014,  folgende  Notiz:  „Die  Landwirte,  die 
die  Schachtelhalme  als  Duwockheu  gelegentlich  in  reichlicher  Menge 
mit  verfüttern,  haben  schon  längst  festgestellt,  dafs  nach  dieser 
Fütterung  manchmal  eine  Taumelkrankheit  auftritt,  bei  der  Pferde, 
Rinder  und  Schafe  im  Gang  unsicher  werden,  ja  wie  betrunken 
taumeln,  nachdem  vorher  eine  gesteigerte  Refiexerregbarkeit  und 
Schreckhaftigkeit  bestanden  hat.  Zuletzt  kommt  es  zu  aufsteigender 
Lähmung." 


Die  Etymologie  der  Pteridophytennouienklatur.  285 


also  Scbabgras  genannt  wird,  weil  die  kieselsäurelialtige 
Pflanze  zum  Schaben,  Scbeuem  und  Polieren  von  Holz  und 
Metallgefäfsen  benutzt  wird.  Daher  denn  die  Namen:  Feg- 
kraut, Seheuerkraut,  Zinnkraut  (in  Wtirzburg),  Keibiscb  [?] 
und  Kandelwtisch,  d.  h.  Kannenwäsche.  Betreffs  der  Namen 
Rofswedel,  Katzenschwanz  usw.  s.  o.  Mit  „Rattenschwanz" 
wird  speziell  der  fertile,  unverzweigte  Sprol's  von  Equisetum- 
Arten  bezeichnet.  Spargelkraut  wird  die  Pflanze  ihrer 
Ähnlichkeit  mit  dem  Spargelgewächs  wegen  benannt. 
Falbenrock,  wegen  der  falben,  d.  h.  fahlen,  fertilen  Stengel 
und  dem  spinnrockähnlichen  Ausseben  der  Sporenähre. 
Taubenrock,  Taubenkunkel  (Kunkel :  f.  quenouille,  d.  Spinn- 
rocken), Taubenrode:  Rode  desgl.  Rade  bedeutet  ein  auszu- 
rottendes Unkraut,  wie  denn  Equisetum  als  lästiges  Acker- 
unkraut auch  im  engeren  Sinn  „Unkraut"  genannt  wird. 
Mit  „Tauben-"  werden  die  vorstehenden  Namen  gleichsam 
als  Synonym  für  „unecht"  verbunden;  vgl.  Rofskastanie, 
d.  h.  unechte  Kastanie,  Hundsrose,  d.  h.  die  wilde,  nicht  die 
edle  Rose  usw.  Taubenrode  wird  also  Equisetum  im 
Gegensatz  zur  echten  Rode  [Ägrostemma]  genannt.  Die 
deutsche  Bezeichnung  Duwok  für  Equisetum  findet  sich 
wieder  im  böhm.  und  im  dän.  duwock,  doch  ist  mir  die 
Etymologie  unbekannt. 

f.  Freie,  Äsprele,  Äsperelle  vom  ital.  asparella;  vgl.  die 
ital.  Bezeichnung  für  Equisetum  „rasperella" ,  verwandt  mit 
ital.  raspm:  die  Raspe,  s.  o.  Der  f.  und  ital.  Name  prele 
resp.  asparella  ist  abzuleiten  vom  lat.  asper:  rauh.  Das 
„a"  hat  sich  aus  Verwechslung  mit  dem  weiblichen  Artikel 
„la"  verloren:  aus  Vasprele  la  prele.  Die  Akademie  schreibt 
noch  heute  die  alte  Orthographie:  presle.  Dafs  der  accent 
circomflexe  einem  ausgefallenen  nachfolgendem  s  entspricht 
ist  eine  wohl  zur  Genüge  bekannte  Tatsache.  Freie  des 
tourneurs:  Drechslerschachtelhalm.  Queue  de  cheval:  Rofs- 
schweif;  queue  de  renard:  Fuchsschwanz;  queue  de  rat: 
Rattenschwanz. 

e.  Horse-tail:  Pferdeschweif.  Scouring  rush:  Scheuer- 
binse.   Mare's  tail:  Stutenschweif. 

h.  Paardestaart:  Pferdeschweif.  Kattestaart.  Schahgras. 
Lidruske :  Gliederbinse.  Koevergif :  Kuhgift,  s.  o.  Unjer  aus 


286  Friederich  Kanngiesser,  •  [13] 

Oneet:  unefsbares  Kraut,  Unkraut.  Schrijnwerkersbiesen: 
Schreinersbinsen. 


JSymenophylluni  von  vfit'jv:  Membran,  Häutchen 
und  g)vXkov:  Blatt,  wegen  der  zarten,  fast  durclischeinenden 
Blättchen.  Hymenophyllum  tunhridgense,  die  Pflanze  wächst 
u.  a.  bei  Tunbridge  in  England. 

d.  Hautfarn. 

f.  Hymenophylle. 

e.  Filmy  fern:  häutiger  Farn, 
h.  Hymenophyllum. 

Isovtes,  Mit  diesem  Namen  aus  dem  gr.  iöosrtg  von 
iöog :  gleich  und  erog :  Jahr  wird  im  24.  Buch  des  Plinius 
eine  S emj) er vivum- Art  bezeichnet,  weil  sie  das  ganze  Jahr 
hindurch  grünt  und  sich  stets  ähnlich  bleibt,  wie  das  auch 
für  unsere  Gattung  Isoetes  zutrifft. 

d.  Brachsenkraut,  d.  h.  Karpfenkraut.  Die  Pflanze 
wächst  am  Grund  von  Teichen. 

f.  Isoetes. 

e.  Quillwort:  Federkielkraut.  Die  Halme  haben  mit 
einem  Federkiel  Ähnlichkeit.  Small  houseleeJc:  kleiner 
Hauslauch,  kleines  Sempervivum,  s.  o.  Aye-green:  Immer- 
grün. 3Ierl'in's  grass.  Merlin  ist  der  Stifter  der  Arthur- 
schen  Tafelrunde,  von  dem  die  Sage  geht,  dafs  er  nicht 
gestorben  sei,  sondern  noch  fortlebe.  Die  Pflanze  wurde 
also  wegen  ihrer  immergrünen  Halme  nach  dem  Waldgeist 
benannt. 

h.  JBiesvaren:  Binsenfarn,  wegen  des  binsenähnlichen 
Aussehens. 


Lycopodium  von  Xvxog:Wo]i  nuA  jrööiov:  Füfschen. 
Die  merkwürdige  und  giftige  Pflanze  wird  mit  allerhand 
mythologischen  Namen  bedacht. 

d.  Bärlapp  [ahd.  lappo:  HandJ,  Bärenklaue,  Löwenfufs, 
Teufelsklaue,  Druidenfufs,  Zigeunerkraut,  Köhlerkraut,  Wolfs- 
fufs  [dän.  ulvefod]  usw.    Weinkraut:  soll  den  sauren  Wein 


[14] 


Die  Etymologie  der  Pteridophytennomenklatur. 


287 


wieder  gut  machen.  Purgierbärlapp,  Fieberrankeu,  Nennheil 
(als  Universalmittel),  die  Pflanze  wird  als  gefährliches  Volks- 
mittel gebraucht,  u.  a.  auch  um  Abortus  hervorzurufen ;  auf 
letztere  Verwendung  weist  der  Name  Jungfernkraut  [dän. 
Jonifruurt].  Doch  ist  dieser  Name  wohl  auch  darauf 
zurückzuführen,  dafs  das  Sporenpulver  intravagiual  an- 
gewendet die  Konzeption  verhindern  soll,  weswegen  die 
Pflanze  im  slav.  auch  netata:  Nichtvater  genannt  würde. 
Wegen  des  gelben  Sporenstaubs  wird  Lycopodium  auch 
Puderkraut  genannt.  Wegen  des  langen  kriechenden 
Stengels,  den  gleichen  Sprofsteilen  und  den  Abzweigungen 
hat  Lycopodium  die  folgenden  Namen:  Gürtelkraut,  Schlangen- 
moos, Seilkraut,  Katzenleiterlein,  Haarschauer  [d.  h.  Haar- 
regen vgl.  Goldregen:  Cytisus  und  Silberregen:  Prunus  Padus 
und  Robinia  Pseudacacia].  Wegen  des  moosähnlichen  Aus- 
sehens wird  die  Pflanze  Langmoos  und  Tangelmoos  genannt, 
letzterer  Ausdruck  weil  die  Pflanze  im  Tann  wächst  und 
mit  Tannenzweigen  entfernte  Ähnlichkeit  hat.  Vielleicht 
nach  dem  Algentang  benannt.  Diesem  Wort  Tang  wie  dem 
Wort  Tanne  soll  ja  der  Begriff  „dehnen"  zu  Grunde  liegen, 
der  ja  auch  für  das  Tangelmoos,  das  Lycopodium,  zutrifft. 
Übrigens  wird  Lycopodium  im  Volksmund  auch  Sautanne 
genannt.    Mörsemau  [?]. 

f.  Lycopode  [ital.  und  span.  licopodio,  portug.  hjcopodio], 
Pied  de  hup:  Wolfsfufs.  Herbe  aux  massues:  Keulenkraut, 
wegen  der  Form  der  Sporangienträger.  Herbe  aux  porcs: 
Schweinekraut;  ob  die  giftige  Pflanze  den  Schweinen  un- 
schädlich ist?  Mousse  terrestre:  Erdmoos.  Aiguaires  (Nor- 
mandie)  angeblich  von  aqua :  Wasser  abzuleiten,  weil  manche 
Arten  feuchten  Boden  lieben. 

e.  Clubmoss:  Keulenmoos.  Tree-moss:  Baummoos,  hohes 
Moos.  Firmoss:  Föhrenmoos;  groundpine:  Erdpinie,  s.  o. 
Wolfs-claw:  Wolfsklaue;  fox's-cJaws:  Fuchsklauen;  fox-tail: 
Fuchsschwanz.  Stag's-horn:  Hirschhorn,  wegen  der  ver- 
zweigten Stengel.  Buck's-horn :  Bockshorn,  wegen  der  Form 
der  Sporangienträger. 

h.  Wolfsldauw.  Wolfspoot.  Beerenvoet.  Aardmos: 
Erdmoos.  Kruipmos:  Kriechmoos.  Glimkruid.  Hertshoorn: 
Hirschhorn.  HeksenJcrans. 


288 


Friederich  Kanngiesser, 


[15] 


Das  Sporeumehl  von  Lycopodium,  das  zum  Bestreuen 
der  Pillen  in  den  Apotheken,  gegen  Würmer,  gegen  das 
Wundliegen  der  Kinder  und  als  leicht  entzündbare  Masse 
zu  Blitzpulver  im  Theater  verwandt  wurde,  hat  viele  volks- 
tümliche Bezeichnungen. 

d.  Hexenmehl.  Druidenmehl.  Alpmehl  [Alp:  ein  böser 
Geist].    Erdschwefel.    Wurmmehl.  Blitzpulver. 

f.  Soufre  vcgetal:  Pflanzensehwefel. 

e.  Witch-meal :  Hexenmehl, 
h,  Heksenmeel. 

Marsilia  [Marsilea\  Zu  Ehren  von  A.  Marsili,  einem 
italienischen  Naturforscher,  genannt. 

d.  Kleefarn,  wegen  der  vier  Blättchen.  Vgl.  die  Art- 
bezeichnung M.  quadrifoliata. 

f.  Ilarsüce. 

e.  Marsilia. 
h.  desgl. 

Ophioglossum  von  6(piq:  Schlange  und  yXmöOa, 
yXcorra :  Zunge.  Die  Pflanze  besteht  aus  einem  einzigen, 
ovalen,  schlangenkopfähnlieh  zugespitzten  Blatt;  aus  der 
Mitte  des  Blattansatzes  ragt  die  schmale  Sporenähre  wie 
eine  Sehlangenzunge  heraus.  Die  Pflanze  ist  mit  der  Lingua 
herba  oder  Linguieula,  dem  Zungenkraut  des  Plinius  24, 
84  und  108,  identisch. 

d.  Natterfarn.  Natternzunge.  Mutterkrautwurz,  vielleicht 
wegen  der  vermeintlichen  Wirkung  bei  Mutterleiden. 

f.  Ophioglosse.  Lance  du  Christ:  Christusspeer.  Herhe 
Sans  couture:  Ohnnahtkraut,  das  Blatt  zeigt  keine  Nerven. 
Herbe  aiix  cent  miracles:  Hundertwunderkraut,  wegen  der 
der  Pflanze  zugedachten  Heilwirkungen.  Luciole:  Glüh- 
würmchen, Johanniswürmchen  [?].  Langue  de  serpent: 
Schlangenzunge. 

e.  Adder' s-tongue:  Otternzunge,  Natternzunge;  in  alt- 
englischen Handschriften:  nedderis-tonge. 

h.  Addertong,  Natertong,  Christilancet,  Ons-Jieeren- 
speerJcruid. 


Die  Etymologie  der  Pteridophytennoinenklatur.  289 


Osmunda.  Dieser  Name  wurde  der  Gattung  1700  von 
TouRNEFORT  gegeben.  Osmunda  stammt  aus  dem  Latei- 
nischen des  Mittelalters  und  wird  abgeleitet  von  Osmunder, 
einem  keltischen  Namen  des  Gottes  Thor.  Wegen  der  Kraft 
der  Heilwirkungen  habe  die  Pflanze  den  Namen  erhalten. 

d.  Königsfarn,  dieser  Name  wie  die  Erklärung  von 
Osmunda  aus  os  mundi:  Antlitz  der  Welt  nehmen  Bezug 
auf  die  Schönheit  dieses  Farnkrauts.  Traubenfarn,  Rispen- 
farn, Maiträubchen ;  die  Sporenbehälter  finden  sich  an  einer 
im  Mai  erscheinenden  Rispe  oder  Traube. 

f.  Osmonde  royale  vgl.  die  Artbezeichnung  Osmunda 
regalis:  Königsfarn.  Fougere  fleurie:  Blütenfarn,  wegen  der 
gelbbraunen  fertilen  Rispe,  die  sich  von  fern  betrachtet  wie 
ein  Blütenstand  ausnimmt.  Fougere  aquatique:  Wasserfarn, 
die  Pflanze  vegetiert  auch  in  Waldsümpfen. 

e.  Fern  Royal  oder  Royal  fern.  Osmund  royal.  King- 
fern. Flowering  fern:  Blütenfarn.  Buchhornbrake:  ßocks- 
hornfarn,  die  fertilen  Blätter  haben  entfernte  Ähnlichkeit 
mit  Bockshörnern.  Ditch-fern:  Grabenfarn.  St.  Christopher' s 
herb,  Waterfern:  der  Farn  kommt  in  Gräben,  stehenden 
Wassern  und  Waldsümpfen  vor.  St.  Christopherus  hat, 
wie  der  Mythos  berichtet,  das  Jesuskind  übers  Wasser 
getragen.  Manche  Wasserpflanzen  werden  daher  diesem 
Schutzgeist  zu  Ehren  benannt. 

h.  Koningsvaren.  Bloeiend  varenJcruid.  Druivenvaren, 
trosvaren:  Traubenfarn.  Sint-Jansreinvaar.  St.  Johanns 
Rainfarren.  Die  Pflanze  hat  mit  dem  Rainfarn  {Tanacetum) 
ganz  entfernte  Ähnlichkeit  und  „blüht"  zur  Johanniszeit. 

Phegopteris  [Phaegopteris]  von  gpj^/ög,  die  nach  Voss 
gewöhnlich  mit  „Buche"  übersetzt  wird  [eigentlich  aber  die 
Kastanie  bedeutet]  und  von  nxtQiq:  Farn.  Der  Farn  kommt 
mit  Vorliebe  im  Buchenwald  vor,  eine  Art  desselben:  Phego- 
pteris  Dryopteris  [von  ÖQvq:  Eiche  und  jiziQig]  gedeiht 
hauptsächlich  im  Eichwald. 

d.  Buchenfarn, 
f.  Phegopteris. 

e.  Beechfern. 
h.  Beukvaren. 


Zeitsohr.  f.  Naturwiss.  Halle  a.  S.    Bd.  82.  1910. 


19 


290 


Friederich  Kanngiesser, 


[17] 


JPUularia  von  pilula:  Kügelchen;  wegen  der  kugeligen 
SporenbehälterhüUen  „Pillenkraut":  Pilularia  sc.  herba  be- 
nannt. 

d.  Pillenfarn, 
f.  Püulaire. 

e.  Pillwort.  Peppergrass :  wegen  der  pfefferkornähn- 
lichen SporenbehälterhüUen  und  der  grashalraähnlichen 
Stengelchen. 

h.  Pilvaren. 

JPoli/podium  von  jioXvg:  viel  und  jtööiov:  Ftifschen, 
wegen  des  verzweigten  Wurzelstocks.  Nach  Theophrast 
—  das  jcoXvjiodiov  dieses  Autors  [9, 13. 6]  wie  das  des 
DioscoRiDES  [IV,  185],  ebenso  das  polypodium  des  Plinius 
[26,  58]  ist  mit  unserem  Polypodium  vulgare  identisch  — 
habe  es  den  Namen  nach  dem  jioXvjiovg:  dem  Meerpolypen 
erhalten,  da  die  Wurzel  Kotyledonen  habe,  wie  sie  an  den 
Armen  der  Polypen  sitzen.  Unter  Kotyledonen  versteht 
Theophrast  sowohl  die  Saugnäpfchen  der  Polypen  als  die 
Narben,  die  die  abgefallenen  Blätter  am  Wurzelstock  zurück- 
lassen (vgl.  hierzu  das  „Salomonssiegel":  Convallaria  poly- 
gonata).  Digscobides  beschreibt  den  Tüpfelfarn  1.  c. 
folgendermafsen :  „Das  Polyptodion  wird  auch  Polyrhizon, 
d.  h.  Vielwurzler  genannt.  Es  wächst  auf  moosbewachsenen 
Felsen  und  alten  Baumstämmen  am  liebsten  von  Eichen, 
ist  eine  Spanne  hoch,  dem  Wurmfarn  ähnlich,  eingeschnitten, 
nicht  aber  so  fein  zerteilt.  Der  Wurzelstock  ist  etwa  klein- 
fingerdick,  von  herbsüfslichem  Geschmack  und  mit  Fasern 
wie  der  Polyp  mit  Fangarmen  versehen."  Neugr.  wird  die 
Pflanze  noXvJcoöi  genannt;  in  Italien  heilst  sie  polipodio 
quercino,  felce  quercina,  mosco  quercino :  Eichenfarn,  Eichen- 
moos; span.  polipodio  und  portug.  polypodio.  Der  Araber 
nennt  die  Pflanze  wegen  der  tief  eingeschnittenen  Blätter 
adJiräs  elkab:  Hundszahn. 

d.  Tüpfelfarn  und  Hoffarn  wegen  der  runden  Sporen- 
häufchen. Engelsüfs,  Bittersüfs,  Steinlakritz,  Eichenfarn, 
daraus  auch  Eisenfarn.  Zur  Erklärung  siehe  die  Beschrei- 
bung des  DioscoRiDES.  Windfarn  wächst  auch  an  sonnig 
windigen  Stellen,  wo  er  dann  kleinere  und  derbere  Wedel 


Die  Etymologie  der  Pteridophytennomenklatur. 


291 


bildet.  Kreuzfarn,  wegen  der  zur  Blattacbse  rechtwinklig 
gerichteten  Einschnitte.  Korallenwurzel,  wegen  der  Form 
des  Wurzelstocks.  Kropfwurz  und  Tropfwurz,  vielleicht  als 
Mittel  gegen  diese  Erkrankungen ;  unter  Tropf  versteht  man 
in  Norddeutschland  den  sogenannten  ^Schlagflufs". 

f.  Polypode.  Polypode  de  chene:  Eichenfarn.  Fougcre 
douce:  sUfser  Farn.  Beglisse  des  bois:  Waldlakritz,  Wald- 
siifsholz. 

e.  Polypody.  Polypody  of  the  oak:  Eichenfarn.  Wood- 
fern: Waldfarn.  Wallfern:  Mauerfarn,  wächst  an  Gemäuer 
und  Felsen. 

h.  Engelzoet.  Wildzoethout:  wildes  Sülsholz.  Veelvoet: 
Vielfufs.  Boonivaren  wächst  am  Wurzelanlauf  und  zuweilen 
als  Epihyt  in  den  Gabelungen  alter  Bäume.  Pannekoelcen: 
Pfannkuchen,  wegen  der  Form  der  Sporenhäufchen.  Hane- 
kammen,  wegen  der  tieffiederteiligen  Blätter. 

I*teris  aquilina  sive  Pteridium  aquilinum  ist  die 
jtrsQig  fisyä/Lrj  des  Theophkast  IX,  13. 6.  und  die  »htjXv- 
jiTiQiq  des  DioscoEiDES  IV,  184.  Über  Pteris  [jirsgig]  siehe 
die  Einleitung;  aquilina  ist  das  Adjektiv  von  aquila:  Adler, 
zur  Erklärung  vgl.  unter  Adlerfarn. 

d.  Adlerfarn,  der  Stiel  zeigt  am  Grunde  von  der  Rinne 
nach  unten  schräg  durchschnitten  infolge  der  Anordnung 
der  Gefäfsbündel  die  braunschwarze  Zeichnung  eines  öster- 
reichischen Doppeladlers,  in  Form  eines  „9£".  Man  hat 
diese  Zeichnung  auch  mit  einem  Eichbaum  oder  einem  „3C" 
verglichen  und  der  Pflanze  daher  den  Namen  Jesus- Christus- 
Wurzel  gegeben.  Eine  treffende  Bezeichnung  für  den  gesellig 
auftretenden  oft  mannshohen  Farn,  der  erst  hoch  am  Stiel 
seine  Wedel  abgibt,  ist  der  einfache  Name  ^Hochfarn*. 
Saumfarn  wird  die  Pflanze  genannt,  weil  die  Sporenkapseln 
dem  Rand  der  Fiederblättchen  parallel  laufen.  Flügelfarn, 
wegen  der  hoch  ausgebreiteten  Wedel.  Da  Farn  schon 
selbst  wahrscheinlich  Flügel  bedeutet  (s.  Einleitung),  wäre 
der  Name  Flügelfarn  eventuell  eine  Tautologie;  vgl.  Sauer- 
ampfer (Rumex)  und  h.  OkJcernoot  {Juglans).  Die  Bezeich- 
nung Rofsfarn  bedeutet  wohl  soviel  als  falscher,  unechter, 
ungebräuchlicher  Farn  im  Gegensatz  zu  dem  als  Wurmmittel 

19* 


292 


Friederich  Kanngiksser, 


[191 


gebräuchlichen  Aspidium  filix  mas;  vgl.  llofskastanie  {Aes- 
culus), d.  h.  unechte  Kastanie.  Pferden  ist  dauernder  Genufs 
von  Adlerfarnkraut  jedenfalls  sehr  gefährlich.  Es  treten 
n.  a.  Krämpfe  und  Lähmungen  auf,  sogar  Todesfälle  sind 
beobachtet  worden. 

f.  Aigle  imperiale :  Kaiseradler ;  vgl.  ital.  felce  imperiale. 
Aquiline.  Grande  fougere:  grofser  Farn.  Fougere  commune. 
Fougere  femelle:  weiblicher  Farn;  vgl.  das  Synonym  des 
DioscoRiDES  d^rjXvjiTiQiq  und  unter  Aspidium  thelypteris 
und  Asplenum  fdix  femina. 

e.  Brachen  und  brahe:  darunter  versteht  man  alle 
gröfseren  Farne,  insbesondere  aber  den  Adlerfarn ;  betr.  der 
Etymologie  s.  die  Einleitung. 

h.  Adelaarsvaren.  Boomvaren:  wegen  seiner  Höhe;  die 
eigentlichen  Baumfarne  wachsen  in  Australien  und  auf 
Ceylon.    Gewoon  varenJcruid. 

Salvinia,  zu  Ehren  von  Salvini,  einem  griechischen 
Professor  zu  Florenz. 

d.  Schwimmblatt.  Büschelfarn,  wegen  des  unteren 
Blattes,  das  in  zahlreiche  fadenförmige,  ins  Wasser  tauchende 
Zipfel  geteilt  ist. 

f.  Salvinia  nageante:  schwimmende  Salvinia. 

e.  Salvinia. 

h.  Watervaren.  Trosvaren:  Traubenfarn,  die  dicht  an- 
einandergedrängten  länglichrunden  Blättehen  einer  Salvinia- 
Kolonie  haben  mit  Traubenbeeren  entfernte  Ähnlichkeit. 
Zilverschoon:  Silberschön,  wegen  der  oberseits  hellbläulich- 
grünen  Blättchen. 

Scolopendrium  (ofßcinale)  ist  die  rpvXllxiq  [d.  h. 
eine  aus  lauter  Blättern:  (pvXXa  bestehende  Pflanze]  des 
DioscoRiDES  III,  III.  Der  Gattungsname  ist  abzuleiten  von 
oxoXojrtvöga:  TausendfUfsler.  Die  zahh-eichen  linearen 
Sporenhäufchen  sind  mit  diesen  Insekten  verglichen  worden; 
DioscoRiDES  bemerkt:  Das  Blatt  sieht  an  der  Unterseite 
aus  als  ob  kleine  Würmer  darauf  verteilt  wären.  Unter 
öxoXojisvÖQiov  selbst  versteht  Dioscorides  III,  141  jedoch 
unser  {Asplenum)  Ceterach,  von  dem  er  bemerkt,  es  habe 


Die  Etymologie  der  Pteridophytennomenklatur.  293 


Blätter  ähnlich  dem  geglirtelten  Tausendfufs  {Scolopender 
cingulata).  Ngr.  heifst  Scolopendrium  wegen  der  Zungen- 
form des  Blattes  einfach  yXcöoöa. 

d.  Zungenfarn.  Hirschzunge. 

f.  Scolopendre.  Langue  de  cerf:  Hirschzunge.  Langue 
de  hmuf:  Ochsenzunge.  Herhe  ä  la  rate:  Milzkraut  s.  u. 
Asplenum. 

e.  Harfs-tongue:  Hirschzunge.  LamV s-tongue :  Lamms- 
zunge. Adder' s-tongue:  Natternzunge.  Fox-tongue:  Fuchs- 
zunge. Buttonhole:  Knopfloch,  wegen  der  linearen  Sporen- 
häufchen, die  sich  wie  eingesäumte  Knopflöcher  ausnehmen. 

h.  Hertstong:  Hirschzunge.  Tongvaren.  Müthruid. 

Selaginella.  Diminutiv  zu  Selago,  worunter  Plinius 
vielleicht  Lycopodium  selago  verstanden  hat.  Auf  -ago 
enden  bekanntlich  verschiedene  lateinische  Namen;  vgl. 
Bor(r)ago,  Medicago,  Tiissüago  usw.  Unter  selas  (oeXag) 
verstand  man  eine  feurige  Lufterscheinung.  Wegen  des 
Sporenpulvers  [vgl.  Blitzpulver  unter  Lycopodium]  mag  man 
die  Pflanze  vielleicht  (!)  selago  von  selas  und  agere :  herbei- 
führen benannt  haben.  Doch  dies  nur  eine  Vermutung  über 
die  Entstehung  des  Wortes,  für  das  keine  Etymologie  ge- 
funden werden  konnte. 

d.  Mooskraut,  das  zierlich  fein  verzweigte  Pflänzchen 
hat  mit  dem  Moos  grofse  Ähnlichkeit.  Zwergbärlapp. 

f.  Selaginelle. 

e.  Lesser  cluh  nioss:  kleineres  Keulenmoos,  im  Gegen- 
satz zu  dem  nächstverwandten  Lycopodium.  llock-lily,  Rock- 
rose: das  zierliche,  schöne  Pflänzchen  wächst  auf  Felsen. 

h.  Engelsch  mos:  die  Selaginella  kommt  wild  in  Holland 
nicht  vor. 

Woodsia.    Die  Pflanze  wurde  1815  durch  R.  Brown 
zu  Ehren  von  J.  Woods,  einem  englischen  Botaniker,  benannt, 
d.  Wimperfarn,  die  Blättchen  sind  unterseits  behaart. 

f.  e.  und  h.  Woodsia. 


294    F.  Kanngiesser,  Etymologie  d.  Pteridophytennomenklatur.  [21] 


Literaturnachweis. 

Theophrast,  Curavit  Link  et  Schneider,  Lipsia  1818 — 1821. 

Dioscoridcs,  übersetzt  und  erläutert  von  J.  Berendes,  Stuttgart  1902. 

Thesaurus  Graecae  Linguae  ab  H.  Stephano,  Paris  1831 — 1865. 

Totius  Latinitatis  Lexicon,  Aeg.  Foreeliino,  Prati  185S — 1875. 

H.  0.  Lenz,  Botanik  der  alten  Griechen  und  Römer,  Gotha  1859. 

Grofses  Universallexikon  von  J.  H.  Zedier,  1733 — 1750. 

J.  und  W.  Grimm,  Deutsches  Wörterbuch,  Leipzig  1854 — 1908. 

F.  Holl,  Wörterbuch  deutscher  Pflanzennamen,  Erfurt  1833. 

J.  ßhiner.  Volkstümliche  Pflanzennamen  der  Waldstätten,  Schwyz  1866. 
O.Wünsche,  Die  Pflanzen  Deutschlands,  Leipzig  und  Berlin  1901. 
E.  J.  Klein,  Die  Flora  von  Luxemburg,  Diekirch  1897. 
0.  v.  Hovorka  und  A.  Kronfeld,  Vergleich.  Volksmedizin,  Stuttgart  1908. 
H.  Henkels,  Woordenboek  der  Nederland.  Volksnamen  van  Planten,  1907. 

G.  Bentham,  Handbook  of  the  British  Flora,  London  1904. 

J.  A.  H.  Murray,  A  new  English  Dictionary,  London  1884 — 1900. 
The  Century  Dictionary,  W.  D.  Whitney,  New  York  —  London. 
G.  Bonnier  et  G.  de  Layens,  Flore  complete  de  la  France,  Paris. 
Toussaint,  Etüde  etymol.  s.  1.  Flores  Normande  et  Parisienne,  Ronen  1905. 
E.  Littre,  Dictionnaire  de  la  Langue  Frangaise,  Paris  1873 — 1875. 
A.  Scheler,  Dictionnaire  d'Etymologie  Franq-aise,  Bruxelles  1888. 
A.  Darmsteter  et  A.  Hatzfeld,  Diction.  general  de  le  Langue  Fran^.,  Paris. 
L.  Lewin  et  G.  Pouchet,  Traite  de  Toxicologie,  Paris  1903. 
Ferner  verschiedene  fremdsprachliche  Lexica. 


Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna 
von  Halle  a.  S. 

von 

Bernhard  Füge 


Seitdem  A.  Stange  im  Jahre  1869  sein  „Verzeichnis  der 
Schmetterlinge  der  Umgegend  von  Halle  a.  S."  herausgab, 
ist  nichts  mehr  über  die  Hallisehen  Kleinfalter  veröffentlicht 
worden.  Wenn  ich  nun  im  folgenden  meine  Sammel- 
ergebnisse der  Öffentlichkeit  unterbreite,  so  mache  ich  damit 
keinen  Anspruch  auf  Vollständigkeit.  Im  Gegenteil,  da  ich 
die  Umgegend  der  alten  Salzstadt  nur  kurze  Zeit  durch- 
forschen konnte,  bin  ich  überzeugt,  dafs  dieses  schöne 
Gebiet  mit  seinen  Sand-  und  Auengegenden,  seinen  Stein- 
brüchen und  Ödländereien  bei  längerer  Sammeltätigkeit 
eine  grofse  Zahl  weiterer  Arten  liefern,  wird.  Meine  vor- 
läufige Zusammenstellung  soll  nur  zu  ferneren  Publikationen 
über  diese  so  schmählich  vernachlässigte  und  doch  so  reiz- 
volle Schmetterlingsgruppe  anregen. 

In  der  systematischen  Anordnung  folge  ich  dem  neuen 
Spuler,  trotz  der  vielen  Umstellungen  und  Auseinander- 
reif sungen,  die  er  bringt.  In  der  üblichen  Weise  setze 
ich  R.  für  Raupe  und  die  entsprechenden  Ziffern  für  die 
Monate. 

Mannigfache  Unterstützung  durch  Überlassung  ge- 
fangenen oder  gezogenen  Materials  erfuhr  ich  durch  gleich- 
gesinnte  Freunde  aus  der  hiesigen  „Entomologischen 
Gesellschaft",  die  ich  am  betreffenden  Ort  namentlich  an- 
führe, und  denen  ich  auch  an  dieser  Stelle  meinen  herz- 
lichsten Dank  auszusprechen  nicht  unterlassen  möchte. 

*  * 
* 


29Ö 


Bernhard  Füge, 


[2] 


Psychidae. 

Talaeporiinae. 
Talaeporia  Hb.i) 
tubulosa  Retz.  {pseiidohomhycella  Hb.).    Heide  häufig.  R, 
an  allen  Bäumen  hängend. 

Fyralidae. 

Galleriinae, 
Acliroea  Hb. 

grisella  F.  In  Bienenstöcken.  Das  ganze  Jahr  hindurch. 
R.  den  Wachswaben  sehr  schädlich. 

Melissoblaptes  Z, 
hipunctanus  Z.    Petersberg  27.  6.  vereinzelt.    Auf  Brach- 
feldern. 

Galleria  F. 

mellonella  L.    Mit  Achroea  aus  Wachswaben  gezogen. 

Crambinae. 
Crambus  F. 

fascelinellus  Hb.  Petersberg  2.  8.  Auf  Grasplätzen  häufig. 
R.  4.  5.  au  Gras. 

inquinateUus  Schiff.  Im  ganzen  Gebiet  mit  Ausnahme  des 
Ostens.    7.  8.  auf  trockenen  Wiesen.    R.  4.  5.  an  Gras. 

siculellus  Dup.2)  Petersberg  6.  einmal  frisch  geschlüpft  ge- 
funden. Steinbruch. 

tristellus  Schiff.  Petersberg ;  Heide  8. — 9.  überall  auf  Gras- 
plätzen.   R.  5.  an  Gras. 

')  Ich  führe  die  Art  mit  an,  weil  sie  bisher  stets  als  Tinoine  an- 
gesehen ist. 

^)  Da  ich  angesichts  des  ungewöhnlichen  Vorkommens  dieser 
von  Rebel  nur  für  Sizilien  im  Juli  angegebenen  Art  ander  Richtig- 
keit meiner  Bestimmung  irre  wurde,  liei's  ich  sie  von  Herrn  Hauder, 
Linz  (Donau)  nachprüfen,  der  das  Stück  mit  Sicherheit  als  sicxilellus 
bestimmte. 


Beiträge  zur  Microlepidoptereu -Fauna  von  Halle  a.  S.  297 


perlellus  Sc.    Überall  6.  auf  Wiesen. 

var.  warringtonella  Stt.    Verbreitet,  im  Osten  viel  häufiger. 

R.  4.  5.  an  Gras. 
margaritellus  Hb.    Bitterfeld  8.  auf  feuchten  Wiesen,  selten. 

Halle  einmal  am  Licht  gefangen.    R.  4.  5.  an  Gras. 
conchellus  Schiif.    Bitterfeld  8.  vereinzelt.    R.  5.  an  Moos. 
falsellus  Schiff.    Halle  18./8.  ein  Stück  am  Licht  gefangen. 

R.  3. — 4.  an  Moos. 
chrysonuchellus  Sc.    6.    Diese  schöne  Art  traf  ich  nur  am 

Petersberg ;  nicht  selten.    R.  3.  4.  an  Gras. 
hortuellus  Hb.    Im  ganzen  Gebiet  gemein  6.    R.  4.  5.  an 

Gras. 

ab.  cespitella  Hb.    Sehr  selten. 

culmellus  L.    Heide  6.  7.  sehr  häufig.    R.  5.  an  Gras. 
pratellus  L.    Heide,  Petersberg  6.  7.  nicht  selten,    R.  3.  4. 
an  Gras. 

pascuellus  L.    Petersberg  6.   Auf  Wiesen  nicht  selten. 

Platytes  Gn. 

cerussellus  Schiff.  Im  ganzen  Norden  und  Westen  6.  7.  Auf 
steinigen  Grasplätzen  sehr  häufig.    R.  5.  6.  an  Gräsern. 


Schoenobiinae. 

Äcentropus. 

niveus  Oliv.  7.  am  Süfsen  See  und  Teichen.  R.  4. — 6.  an 
Ceratophyllum  demersum  und  submersum  unter  Wasser 
zwischen  den  Blattachseln.  Haupt  fand  die  R.  im 
Bindersee  an  Naias  maior. 


Phycitinae. 
Homoeosoma  Gurt. 
nimhellum  Z.  Heide  6.  vom  Gebüsch  geklopft;  häufiger  am 
Licht  gefangen.  R.  9.  in  Blüten  von  Hieracium  pilosella. 

EpJiestia  Gn. 

elutella  Hb.    Petersberg  5.  im  Laubwald  geklopft;  nicht 
häufig.  R.? 


298 


Bernhard  Füge, 


[4] 


Pempelia  Hb. 

Silbornatella  Dup.  Petersberg  zusammen  mit  P.  ornatella 
gefangen.  R.  auf  Thymus  serpyUum  5.  6.  In  röhren- 
förmigem Kotgespinst  am  Boden. 

ornatella  Schiff.  Petersberg  6.  7.  auf  steinigen  Grasplätzen; 
nicht  häufig.    R.  wie  vorige. 

Selagia  Hb. 

spadicella  Hb.  [iantliinella  Hb.).  Petersberg  7.  vereinzelt  an 
Steinbrüchen.  R.  6.  an  Calluna  vulg.  In  Gespinst  an 
unteren  Zweigen. 

argyrella  Schiff.  Petersberg  7.  mit  voriger  Art,  doch  seltener. 
R.  6.  7.  wie  vorige. 

Salebria  Z. 

semiruhella  Sc.  var.  sanguinella  Hb.  Petersberg  7.  auf 
steinigen  Grasplätzen  nicht  selten.  Ich  habe  nur  die 
Varietät  gefangen.  R.  9. —  5.  an  Lotus  corniculatus  in 
Gespinströhren  am  Boden. 

Acrohasis  Z. 

zelleri  Rag.  Heide  7.  sehr  häufig  am  Köder.  R.  5.  an  Eiche. 

Rhodophaea  Gn. 
rosella  Sc.    Petersberg  7.    Steinbrüche  und  Grasplätze  sehr 

selten.    R.  8.  in  der  Blüte  von  Scabiosen. 
advenella  Zck.    Halle  7.    Am  Licht.    R.  5.  an  Pirus  malus 

und  communis. 

Myelois  Hb. 

crihrella  Hb.  Halle  6.  7.  überall  häufig.  R.  5. — 9.  in  Distel- 
stengeln. 

Endotrichinae. 


Endotricha  Z. 

flammealis  Schiff.  Heide  7.  an  sumpfigen  Waldrändern  sehr 
häufig  geködert.    R.  frifst  welke  Blätter  am  Boden. 


[5]        Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  299 

PyraMnae. 
Aglossa  Latr. 

pinquinalis  L.  Halle  7.  Am  Licht.  R.  ?  Dr.  Schmiede- 
hausen referierte  in  einer  Vereinssitzung-  über  eine 
Mitteilung  in  der  Münchner  Med.  Zeit.,  wonach  diese 
Raupen  in  jungem  Stadium  einige  Tage  im  Darm  eines 
Kindes  gelebt  haben. 

Herculia  Wk. 

glaticinalis  L.  Heide  7.  8.  sehr  vereinzelt.  R.  6.  Ich  fand 
dieselben  an  einem  hängenden,  trockenen  Eichenast 
zwischen  Blättern  versponnen. 

Cledeohia  Stph. 
angustalis  Schiff.    Petersberg  7.  häufig  auf  steinigen  Gras- 
plätzen; sehr  selten.    R.  6.  unter  Moos  und  anderen 
Pflanzen. 

Hydrocampinae. 
Nymphula  Schrk. 
stagnata  Don.    Halle,  Dieskau  an  sumpfigen  Gewässern. 

R.  9. — 4.  an  Sparganmm  ramosum  und  simplex. 
nymphaeata  L.     Überall  nicht  selten.    An  Teichen.  R. 
4. — 9.  am  Älisma  plantago  in  einem  Gehäuse  an  den 
Blättern. 
stratiotata  L.    Wie  vorige. 

Cataclysta  Hb. 

lemnata  L.  6.  überall  an  sumpfigen  Gewässern.  R.  das 
ganze  Jahr  an  Lemna  minor  und  trisulca. 

Stenia  Gn. 

pundalis  Schiff.  Petersberg,  Galgenberg.  In  Steinbrüchen; 
nicht  häufig.  R.  9.;  nährt  sich  von  welken  Blättern 
an  der  Erde. 

Psammotis  Hb. 

pulveralis  Hb.  Bitterfeld  7.  8.  auf  feuchten  Wiesen.  R.  8. 
an  Mentha  aquatica. 


300 


Bernhard  Füge, 


[6] 


Eurrhypara  Hb. 
urticata  L.    Heide  6.  häufig  an  Brennessel  sitzend.  R. 
8. — 10.  au  Urtica  urens;  in  Blattgespinst. 

Scopariinae. 
Scoparia  Hw. 

ambigualis  Tr.  Überall  7.  8.  an  Baumstämmen  sitzend.  R,? 
dubitalis  Hb.    Peifsnitz  6.  7.  an  Pappelstämmen  häufig. 

Pi/rmistinae. 

Syllepta  Hb. 

ruralis  Sc.  Heide  6.  7.  In  Gemüsegärten  häufig.  R.  5.  an 
Grossulariaceen  in  Blattrollen. 

Nomophila  Hb. 

noduella  Schiff.  Petersberg  7.  8.  auf  trockenen  Grasplätzen. 
R.  6.  7.  an  Polygonum  persicaria  und  bistorta;  am 
Boden  in  Röhrengespinst. 

Phlyctaenodes  Hb. 
palealis  Schiff.    Petersberg  6.  7,    In  Steinbrüchen  nicht 

selten.   R.  8.  im  Blütenschirm  von  Peucedanum. 
sticticalis  L.    Petersberg  7.  mit  voriger  Art,  doch  seltener. 

R.  8.  9.  an  Ärtemisia  im  Gespinst  zwischen  Blättern 

und  Blüten. 

Diasemia  Gn. 

litterata  Sc.  Dieskau  7.  8.  auf  feuchten  Wiesen  vereinzelt. 
Schkeuditz,  Flutrinne  nicht  selten.  R.  4. — 7.  an  Hiera- 
cium  pilosella,  umbellatum;  in  leichtem  Gespinst  am 
Boden. 

Pionea  Gn. 

forficalis  L.    6.  7.  in  Gemüsegärten  häufig.    R.  6.  und  9.  10. 

am  Sisynibriutn. 
olivalis  Schiff.    6.  im  Osten  des  Gebietes  nicht  selten.  R. 

8. —  5.  zvrischen    versponnenen   Blättern   von  Adaea 

spicata. 


Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  BOl 


Pyrausta  Schrk. 
sambucalis  Schiff.    Halle  6.  7.  an  Gärten  nicht  selten.  R. 

im  Herbst  an  Syringa  vulg.  in  versponnenen  Blättern. 
flavalis  Schiff.    Petersberg  7.  in  Steinbrüchen  nicht  selten. 

Im  Osten  nie  gefangen.    R.  an  Galium  verum  und 

tnollugo. 

cespitalis  Schiff.  Petersberg,  Städtische  Sandgrube  7.  häufig. 
R.  6.  und  10.  an  der  Wurzel  von  Plantago  niaior  und 
media. 

purpuralis  L.    Petersberg  6.  und  9.  häufig;  liebt  trockene, 

sonnige  Plätze.    R.  6.  7.  und  10.  in  Gespinst  an  den 

unteren  Blättern  von  Mentha  arvensis  und  silvestris. 
aurata  Sc.    6.  7.  Heide  von  Lassmann  ein  Stück  gefangen. 

R.  wie  purpuralis. 
nigrata  Sc.    Petersberg  6.  7.  auf  Brachfeldern  häufig.  Fehlt 

im  Süden  und  Osten.    R.  6.  und  9.  an  Salvia  off.  und 

prat  im  Gespinst  am  Boden. 
cingulata  L.     5.  6.   Nietlebener  Bruchfelder.     Dort  von 

Bandermann  in  Menge  gefangen.    Liebt  Sandboden. 

R.  6.  8.  9.  mit  voriger. 

Tortricidae. 
Tartricinae. 

Äcalla  Hb. 

hoscana  F.    Heide  6.    Nicht  häufig.    R.  5.  an  TJlmus  camp. 

zwischen  zwei  Blättern. 
niveana  F.    Heide  4.  5.   Vereinzelt  im  Gebiet.    R.  5.  6.  an 

Birken  in  Blattgespinst. 
holmiana  L.    6.  7.  überall  häufig.    R.  5.  und  7.  an  Rosen; 

oft  schädlich. 

contaminana  Hb.  Petersberg  8.  Ich  klopfte  den  Falter  mit 
allen  Var.  häufig  von  Eschengebüsch.  R.  5.  6.;  soll  auf 
Prunus  leben;  von  Daehne  auf  Pirus  in  Anzahl  ge- 
funden. 

Capua  Stph. 

favillaceana  Hb.  Heide  7.  8.  vereinzelt  geklopft;  auch  am 
Köder.    R.  8.  9.  auf  Laubhölzern. 


302  Bernhard  Füge,  [8] 

Cacoecia  Hb. 

podana  Sc.    6.  7.  Heide  überall  häufig.   R.  5.  6.  (polyphag). 
crataegana  Hb.   Heide  6.  7.  Häufig.  R.  5.  an  Laubhölzern. 
xylosteana  L.    Bergholz  6.  7.    Sehr  gemein.    R.  polyphag 
in  Blattrollen. 

rosana  L.  Halle  7.  8.  an  Hecken  und  Zäunen.  Sehr 
variabel  an  Gröfse  und  Färbung.    R.  5.  G.  polyphag. 

sorhiana  Hb.  Bergholz  6.  7.  Nicht  selten.  R.  5.  an  Laub- 
holz, auch  niederen  Pflanzen. 

musculana  Hb.  Petersberg  8.  von  Haupt  gefangen.  R.  10. 
polyphag. 

lecheana  L.  Heide  6.  7.  am  Köder  gefangen.  R.  4.  5.  an 
Laubhölzern. 

Pandemis  Hb. 

corylana  F.   Heide  7.    Nicht  selten.    R.  5.  6.  an  Laubholz. 
ribeana  Hb.    Heide  6.  7.  häufig  am  Köder.    R.  5.  6.  an 
Laubhölzern. 

heparana  Schiff.  Uberall  7.  8.  Auch  in  Gärten.  R.  5.  6. 
an  Laubhölzern. 

Eulia  Hb. 

cindana  Schiff.    Petersberg  6.  7.    Auf  Wiesen  häufig.  R. 

6.  und  9.   an   niederen   Pflanzen;  von  Daehne  aus 

Potentilla  fragaria  gezogen. 
ministrana  L.    Heide  6.  von  Kleine  gefangen.    R.  10.  an 

Laubhölzern. 

Tortrix  Meyr. 

hergmanniana  L.    6.  überall  in  Gärten,  nicht  selten.    R.  5.; 

den  Rosen  sehr  schädlich. 
loefflingiana  L.    Heide  6.  7.    Uberall,  doch  nicht  häufig. 

R.  4.  5.  an  Laubbäumen. 
viridana  L.    Heide,  Bergholz  6.  sehr  häufig.    R.  4.  5.  an 

Eiche  und  anderem  Laubholz. 


Cnephasia  Gurt. 
wahlhomiana  L.  Heide  6.  7.   Überall  gemein.   Sehr  variabel. 
R.  5.  polyphag;  von  Daehne  in  diesem  wie  im  vorigen 
Jahre  schon  20./4.  und  16./4.  angetroffen. 


Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  303 


Oporinia  Hb.  (Cheimatophila  Stph.). 
tortricella  Hb.    Im  Wörmlitzer  Kirschberg  einmal  ein  ab- 
geflogenes Stück  im  4.  gefangen.    R.  5.  an  Corylus 
avellana. 


Phaloniinae  (Conchylinae). 
Phalonia  Hb.  {Conchylis  Ld.). 
sanguinana  Tr.    Dieskau  6.  7.  auf  feuchten  Wiesen.    R.  6. 

im  Stengel  von  Eryngium  campestre. 
woUniana  Schleich.   Petersberg  6.  nicht  selten  auf  blumen- 
reichen Wiesen.    R.  9.-4.  im  Stengel  und  Zweigen 
von  Ärtemisia  vulgaris  und  campestris. 
smeathmanniana  F.    Halle  6.    Sandgrube,  Steinbrüche.  R. 

9.  10.  zwischen  dem  Samen  von  Centaurea, 
zephyrana  Tr.    Petersberg  6.  auf  Brachfeldern ;  nicht  häufig. 

R.  10. — 4.  im  Stengel  von  Daums  carota. 

curvistrigana  Wilk.  Petersberg  6.  Sehr  selten.  R.  10; 
soll  in  dem  Samen  von  Prenanthes  purpurea  leben. 

posterana  Z.  Petersberg  6.  vereinzelt.  Von  Kleine  aus 
Distelköpfen,  von  Daehne  aus  Samenköpfen  von  Cen- 
taurea jacea  gezogen.    R.  6.  8.  9. 

dipoltella  Hb.    Petersberg  6.  auf  Brachfeldern  häufig.  R. 

10.  in  den  Blüten  von  Matricaria  chamomilla. 
alhipalpana  Z.    Petersberg  6.  an  Strafsengräben  häufig. 

(Südtier!   Sizilien,  Pisa.)  R.? 

Euxanthis  Hb, 

straminea  Hw.  Petersberg  6.  7.  auf  Brachfeldern;  nicht 
häufig.    R.  7.  in  den  Blüten  von  Centaurea. 

hamana  L.  Halle  7.  Im  ganzen  Gebiet.  In  Gemüsegärten. 
R.?  DiSQUE  gibt  an:  R.  soll  an  Ononis  leben,  doch 
vermute  ich  eher,  dafs  sie  irgendwie  an  Disteln  lebe." 
Daehne  traf  den  Falter  1909  häufig  in  den  Feldmarken 
der  Gemeinden  Petersroda  und  Roitzsch  bei  Bitterfeld 
und  vermutet  die  Raupe  nach  einer  mifsglückten  Zucht 
an  Klee. 

zoegana  L.  Halle,  Sandgrube  6.  7.  häufig.  Umschwärmt 
nach  Sonnenuntergang  die  Blüten  von  Centaurea.  R. 


304 


Bernhard  Füge, 


[10] 


5.  6.  an  der  Wurzel  von  Centaurea  jacea,  nigra  und 
cyanus  unter  Gespinst. 

Epihletninae  (Olethrentinae). 

Evetria  Hb. 

pinivorana  Z.  Heide  6.  nur  einmal  in  einem  Spinngewebe 
gefunden.  R.  4.  5.  in  Knospen  und  Trieben  von  Pinus 
silvestris. 

turionana  Hb.    Petersberg  6.  nicht  selten.    K.  9. — 4.  in 

Trieben  von  Pinus  silvestris. 
huoliana  Schiff.    Petersberg  7.  nicht  häufig.    R.  5.  6.  in 

Knospen  von  Pinus  silvestris. 
resinella  L.    Heide,  Petersberg  5.  6.    Manche  Jahre  häufig. 

R.  10. — 4.  in  Harzgallen  an  Pinus  silvestris. 

Ärgyroploce  Hb.  {Olethreutes  Hb.). 

salicella  L.  Heide  6.  Überall  nicht  selten.  R.  7.  in  ver- 
sponnenen Trieben  an  Populus  und  Salix. 

Scriptana  Hb.    Dieskau  6.  7.  am  Köder.    R.  4.  5.  auf  Salix. 

hetulaetana  Hw.  Bitterfeld,  Heide  6.  nicht  selten;  nach 
Daehne  1909  gemein  in  der  Goitzsche,  in  den  Elster- 
hölzern und  in  dem  Feuerschutzstreifen  (Kleinbahn 
Bitterfeld  —  Zörbig)  des  sonst  nur  aus  Nadelholz  be- 
stehenden Stakendorfer  Busches.  R.  5.  6.  auf  Betula 
alba  in  Blattgespinst. 

variegana  Hb.  Halle  5.  6.  Uberall  häufig.  R.  4.  5.  an 
Laubbäumen;  trat  nach  Daehne  im  5.  1908  und  1909 
im  Obstgarten  des  Rittergutes  Roitzsch  II  als  Schäd- 
ling auf. 

ochroleucana  Hb.  Petersberg  6.  nicht  selten.  R.  5.  6.  an 
Laubhölzern;  wurde  1909  von  Daehne  im  Roitzscher 
Gutspark  als  Rosenschädling  beobachtet  und  aus  ver- 
sponnenen Rosenblättern  gezogen. 

dimidiana  Sodof.  Heide  6.  vereinzelt.  R.  8.  auf  Tilia 
europaea. 

micana  Hb.  [olivana  Tr.).  Halle  7.  am  Licht  vier  Stücke 
gefangen.  R.? 


[11]      Beitri  ige  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  305 


lacunana  Dup.    Petersberg  6.  7.  auf  Wiesen  nicht  selten. 

R.  4.  5.  polyphag. 
cespitana  Hb.    Petersberg  7.  auf  Brachfeldern  nicht  selten; 

sitzt  gern  auf  der  Erde.  K.  5.  an  niederen  Pflanzen. 
antiquana  Hb.    Halle  7.  am  Licht  gefangen.    R.  10. —  5.  in 

den  Wurzelausläufern  von  Mentha  arvensis  und  silvestris. 
striana  Schiff.    Petersberg  6.  7.  auf  feuchten  Wiesen  nicht 

selten.    R.  4.  5.  an  der  Wurzel  von  Lemna  minor  und 

trisulca  in  Gespinst. 
rufana  Sc.   Petersberg  6.  7.  häufig  aus  Rosengebüsch  ge- 
klopft.   R.  3. — 6.  an  der  Wurzel  von  Sonchus  oleraceus, 

auch  Tanacetum  vulgare. 

Olethreutes  Hb. 

arcuella  Cl.    Heide,  Petersberg  6.  sehr  häufig.    R.  4.  am 
Boden  unter  Laub. 

Ancylis  Hb. 

achatana  F.  Heide,  Petersberg  6.  7.  aufwiesen  vereinzelt.  R.? 
lundana  F.    Lindenbusch;  nicht  häufig.  R.? 
siculana  Hb.   Petersberg  überall  gemein.  R.  10.  an  Cornus 
mas,  sanguinea. 

Badra  Stph. 

lanceolana  Hb.  Heide,  Exerzierplatz  7.  nicht  selten  an  Binsen. 

R.  im  unteren  Stengelteile  von  Cyperus  flavescens,  longiis. 
furfurana  Hw.    8.  Petersberg  an  Teichen  vereinzelt;  bei 

Schkeuditz  sehr  häufig.    R.  wie  vorige. 

Enarmonia  (Hb.)  Meyr.  (Steganoptycha  Stph.). 
profundana  F.  Heide  (Erholungsheim)  8.  an  Eichenstämmen. 

R.  5.  am  Laubbäumen. 
corticana  Hb.    Heide  6.  7.  in  allen  Laubhölzern.    R.  5. 

zwischen   versponnenen  Blättern,     var.  ohtusana  im 

Bergholz  nicht  selten. 
ratsehurgiana  Rtzb.    Heide  7.  in  einem  Stück  gefangen.  R. 

soll  in  versponnenen  Knospen  von  Pinns  leben. 
oppressana  Tr.    Petersberg  6.  7.  nicht  häufig.    R.  4.  an 

Populus-Knospen. 

Zeitaolir.  f.  Naturwias.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  20 


306 


Bernhard  Füge, 


[12J 


Cydia  (Hb.)  Meyr.  p.  p. 
ramella  L.   Petersberg  7.  8.  vereinzelt.   R.  4.  5.  in  Knospen 
von  Pappeln. 

trimaculana  Don.    Heide  6.  vereinzelt.    R.  5.  6.  zwischen 

den  Trieben  von  Ulmus  campestris. 
mimitana  Hb.    Petersberg  6.  7.  nicht  häufig.    R.  zwischen 

zwei  Pappelblättern  versponnen. 

Semasia  Stph. 

pupillana  Cl.    Petersberg  7.;  nicht  häufig.    R.  9. — 4.  im 

Stengel  von  Ärtemisia  ahsynthium. 
hypericana  Hb.     Petersberg,   Heide  6.  sehr   häufig.  R. 

zwischen  versponnenen  Trieben  von  Hypericum  per- 

foratum. 

Thiodia  (Hb.)  Ken. 
dtrana  Hb.  Petersberg  6.  auf  Brachfeldern  häufig.  R.  8.  9. 
auf  Tanacetum  vulgare  (Blüten  und  Herztriebe). 

■  Tmetocera  Ld, 

ocellana  F.   Heide  6.  nicht  selten.    T.  4.  5.  in  Trieben  von 
Betula  alba. 

Notocelia  (Hb.)  Meyr. 
uddmanniana  L.   Heide  6.  sehr  häufig.  R.  5.  an  Brombeere 
zwischen  zusammengezogenen  Trieben  und  Blättern. 
Daehne  zog  den  Falter  aus  Himbeere. 

Epiblema  Hb. 

albidulana  H.  S.  6.  7.  im  Norden  und  Westen  häufig.  Gegen 

Abend  die  Blüten  von  Centaurea  umschwärmend.  R. 

8.  9.  in  der  Blüte  von  Centaurea  jacea,  nigra,  cyanus. 
fulvana  Stph.   Petersberg  7.;  nicht  häufig.    R.  8.  9.  Blüten 

von  Carduus  nutans. 
luctuosana  Dup.    Galgenberg  6.  nicht  selten.    R.  10. — 4. 

Spöttel  überbrachte  sie  mir  aus  den  Stengeln  von 

Carduus  nutans. 
foenella  L.    Halle,  Galgenberg  6.  häufig.    R.  4.  5.  in  Stengel 

und  Wurzel  von  Ärtemisia  vulgaris  und  absynthium. 


[13|      Beiträge  zur  Microlepidoptereu- Fauna  von  Halle  a.  S.  307 

graphana  Tr.  Petersberg  7.  nicht  häufig.  R.  5.  6.  an  Wurzel 

von  Achillea. 
tripunctana  F.    Petersberg  6.  nicht  häufig.  R.? 
subocellana  Don.    Heide  6.  vereinzelt.    R.  9.  10.  auf  Salix 

caprea. 

immundana  F.  R.  Petersberg  7.  Überall,  doch  selten.  R. 
9.  an  Erle,  in  den  männlichen  Kätzchen  überwinternd. 

nisella  Cl.  Heide  6.  Überall  gemein.  R.  4.  5.  in  der 
Samenwolle  von  Betula  und  Populus. 

bihmana  Hw.  Heide  6.  nicht  häufig.  R.  3.  4.  in  männ- 
lichen Blüten  von  Betula  alba. 

solandriana  L.  Bitterfeld  6.  nicht  selten.  R.  5.  in  Blatt- 
rollen von  Haselnufs  und  Salix  caprea;  nach  Daehne 
in  der  Goitzsche  190^  häufig  auf  Espe  und  Faulbaum. 


Heminiene  Hb.  {Dichrorampha  Gn.). 
petiverella  L.    Halle  5.  6.  auf  Wiesen.    R.  3.  4.  in  der 
Wurzel  von  Achillea  millefoUum. 

Lipoptycha  Ld. 

saturnana  Gn.  Petersberg  5.  vereinzelt  auf  Wiesen.  R.  4. 
in  der  Wurzel  von  Tanacetum  vulgare. 

Carpocapsa  Tr. 

pomonella  L.  6.  überall  an  Apfelbäumen  sitzend.  R.  8.  in 
der  Frucht,  10. — 4.  unter  der  Rinde  an  kranken  Stellen 
überwinternd,  wo  auch  die  Puppe  sitzt. 

splendana  Hb.  Heide  7.  am  Köder.  R.  10.  in  Frucht  von 
Quercus  robur. 

Laspeyresia  Hb.  {Grapholitha  [Tr.]  Hein.). 
woeberiana  Schiff.    Kirschberg  bei  Beesen  nicht  selten.  R. 

9. — 5.  im  Bast  und  unter  Rinde  an  Kirschbäumen. 
caecana  Schlag.    Petersberg  6.  auf  Wiesen  vereinzelt.  R. 

in  den  Stengelspitzen  von  Ononis  repens. 
aitrana  F.     Dieskau   6.   vereinzelt;   bei  Schkeuditz  auf 

Schirmblüten  in  gröfserer  Anzahl  gefunden.    R.  8.  9. 

im  Samen  von  Ueracleum  sphondylium. 

20* 


308 


Beunhard  Füge, 


[14] 


Pamene  Hb. 

argyrana  Hb.    Heide,  Petersberg  4.  5.  nicht  selten.  R. 

7. — 10.  unter  Rinde  von  Quercus. 
gaUicolana  Z.    Heide  4.  vereinzelt.  Von  Haupt  aus  Gallen 

von  Cynips  quercus  und  terminalis  gezogen.  R.  10. — 3. 

in  obigen  Gallen. 


Ptevoi)horidae. 
Platyptiliinae. 

Eucnemidophorus  Wlsghm.  {Platyptilia  Hb.). 
rhoclodactylus  F.    Galgenberg  7.  8.  Überall  in  Steinbrüchen, 
doch  vereinzelt.    R.  5.  6.  an  Rosa  canina,  centifolia; 
Knospen  und  Blüten  fressend. 

Stenoptilia  Hb. 

bipunctidactyla  Hw.    Überall  im  Gebiet,  doch  vereinzelt. 
R.  5.  7.  9.  wie  vorige. 

Marasmarcha  Meyr. 
pJiaeodactyla  Hb.    Petersberg  6.  nicht  selten.    R.  6.  7.  an 
Ononis  spinosa. 

Oxyptilus  Z. 

pilosellae  Z.   Petersberg  7.  auf  dürren  Gräsern;  selten.  R. 
5.  an  Hieraciimi  ^^Hosella  und  umbellatum. 

Pterophorus  Geoffr. 
monodactylus  L.    Heide  3.  und  10.  an  Kiefernstämmen 
häufig.    R.  8.  9.  an  ÄntirrJnnum  maius,  linaria  und 
genistifolium. 

Alucita  (L.)  Wlsghm.  {Aciptilia  Hb.). 
pentadactyla  L,    7.  überall  gemein.   R.  5. — 8.  auf  Rosaceen, 


[15]      Bcitr  äge  zur  Microlepidopteren-Fauna  von  TIallc  a.  S.  300 


GelecMiäae. 
Chimabacchinae. 
Chimabacche  Z. 
fagella  (S.  V.)  F.    Halle,  Heide  5.  überall  häufig.    R.  9.  10. 

an  Betula. 

Depressariinae. 
Psecadia  Hb. 

bipundella  F.  Petersberg  7.  nicht  selten ;  zwei  Generationen. 
R.  fand  ich  6.  und  9.  an  Blüten  von  Anchusa  off. 

Depressaria  Hb. 

fiavella  Hb.  Petersberg  6.  nicht  selten.  R.  5.  in  Röhren- 
gespinst an  Centaurea  cyaniis. 

putridella  Schiif.  Schkeuditz  6.  häufig.  R.  5.  in  ver- 
sponnenen Trieben  an  Peucedanum  off. 

liturella  Hb.  Galgenberg  6.  Überall  häufig.  R.  5.  6.  an 
Eryngium  campestre;  verrät  sich  durch  feuchte  Kot- 
haufen auf  der  Pflanze. 

S  cMstodepressaria. 
libanotidella  Schlag.    Petersberg  7.    Nicht  häufig.    R.  8.  an 

Peucedanum  cervaria. 
heradiana  De  Geer.    Galgenberg  8.  sehr  häufig.    R.  7.  8. 

im  Schirm  von  Pastinaca  sativa. 
pulcherrimella   Stt.     Petersberg  7.  vereinzelt.     R.  5.  an 

Pimpinella  saxifraga. 
nervosa  Hw.    Petersberg  5.  vereinzelt.    R.  6  7.  an  Carum 

carvi,  bulbocastanum. 

HofmannopJdla  Spul. 
pseudospretella  Stt.  Halle  7.  einmal  am  Licht  gefangen.  R.? 

Cardna  Hb. 

quercana  F.  Heide  6.  7.  Uberall.  R.  6.  an  der  Unterseite 
der  Blätter  von  Quercus  robur  in  leichtem  Gespinst. 


310  Bernhard  Füge,  [16] 

OecophoiHnae. 
Harpella  Schrk. 
forficelJa  Sc.    Petersberg,  Heide  6.  vereinzelt.    R.  4.  in 
faulem  Holz. 

SorJiJunisenia  Hb.  {Oecophora  auct.). 

similella  Hb.  Heide  5.  an  Kieferstämmen  häufig.  R.  10. — 4. 
an  Pinns  zwischen  der  Rinde. 

angusteUa  Hb.  Petersberg  7.  Ich  fand  die  schöne  Art  an 
Pappelstämmen.    R.-'    Wahrscheinlich  unter  Rinde. 

formosella  F.  Halle  7.  nicht  selten  an  Obstbäumen.  R. 
10. — 4.  unter  Rinde  von  Piriis  malus,  conim. 

schaeffereUa  L.  Petersberg  6.  Von  Haupt  in  Anzahl  ge- 
funden. Ich  fand  den  Falter  sehr  häufig  in  Kirsch- 
plantagen. R.  10. — 4.  an  Pinns  unter  Rinde ;  jedenfalls 
auch  an  anderen  Pflanzen. 

Blastobasinae. 
Endrosis  Hb. 

lacteella  Schiff.  Halle  4.  5.  häufig;  auch  in  Wohnungen. 
R.  3,  4.;  ich  zog  sie  aus  einem  vorjährigen  Puppen- 
kasten. 

Gelechiinae. 

Soplironia  Hb. 

hiunereUa  Schiff.  Petersberg  6.  7.  vereinzelt.  R.  5.  6.;  soll 
an  Artemisia  vulgaris  leben. 

Nothris  Hb. 

verbascella  Hb.  Petersberg  7.  nicht  selten.  R.  3.  4.  und 
7.  8.  in  den  jungen  Stauden  von  Verlascnm  lycimitis, 
thapsns  und  blattaria. 

Tachyptilia  Hein. 
popidella  Cl.    Halle  7.  an  Pappelstämmen,  meist  in  den 
Ritzen  verborgen;   häufig.    R.  6.  in  Blattrollen  von 
Salix,  Populus,  Betula. 


[17]      Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S. 


311 


Recurvaria  (Hw.)  H.  S. 
leucatella  Cl.    Halle  7.  an  Gartenhecken  aus  Crataegtis 
geklopft.    R.  4.  5.  in  den  Trieben  von  Crataegus. 

Teleia  Hein. 

fugitivella  Z.    Halle  6.  nicht  selten.    R.  4.  5.  an  Ulmtis  in 
Blattgespinst. 

jproximella  Hb.  6.  im  ganzen  Gebiet  nicht  selten.  R.  5.  8.  9. 

an  Betula,  AIniis. 
notatella  Hb.    Galgenberg  8.  häufig.    R.  6.  9.  10.  Nach 

DiSQUE  soll  sie  an  Salix  leben;  ich  zog  den  Falter  in 

grofser  Zahl  aus  den  Gipfelblättern  einer  Atriplex-Art. 
luculella  Hb.    Heide  5.  an  Eichenstämmen  sehr  gemein.  R. 

6.  9.  10.  im  Moos  am  Stamm. 

Gelechia  Z. 

pinguinella  Tr.    Halle  8.    Überall  nicht  selten.    R.  4.  5.  an 

Fopulus  nigra  zwischen  Blättern  versponnen. 
scalella  Sc.    Petersberg  5.  an  Eichenstämmen  in  Ritzen.  R. 

6.  10.  im  Moos  am  Stamm  von  Quercus  rohur. 

Uta  Tr. 

atriplicella  F.  R.    Halle  8.  überall  gemein ;  Uberwintert.  R. 

7.  8.  zwischen  den  Samen  von  Ätriplex  patula,  laciniatum. 

Bryotropha  Hein. 
terrella  (S.  V.)  Hb.  Schkeuditz  6.  vereinzelt  auf  Wiesen.  R.? 
senectella  Z.    Galgenberg  8.  nicht  selten.    Ich  zog  den 
Falter  in  Anzahl  aus  einer  Atriplex-Art    R.  6.  7. 

Metzneria  Ti.  {Parasia  Dup.). 
lappella  L.   Halle  4.  5.  vereinzelt;  von  Haupt  aus  Blüten- 
köpfen von  Centaurea  gezogen.    R.  10. — 3. 


Paltodora  Meyr.  (Cleodora  Gurt). 
cytisella  Gurt.    Dieskau,  Schkeuditz  6.  sehr  selten.    R.  6. 
an  Pteris  aquilina. 


312 


Bernhard  Füge, 


[18] 


Chrysopora  Clem.  (Nannodia  Hein.). 

stipella  Hb.  var.  naeviferella  Diip.  Schkeuditz  4.  aus  Reisig- 
haufen geklopft.    R.  soll  an  Ätriplex  minieren. 

hermannella  F.  Halle  6.  nicht  häufig.  R.  7.  8.  miniert  an 
Ätriplex  patula. 

Momphidae. 
MompMnae. 

Momplia  Hb.  {Laverna  Curt.). 

conturbatella  Hb.  Heide  6.  nicht  selten.  R.  5.  in  Gipfel- 
blättern von  Epilobium  versponnen. 

fulvescens  Hw.  Heide  8.  häufig.  R.  7.  in  Trieben  von 
Epilobium. 

Anybia  Stt. 

epilobiella  Römer.  6.  nicht  selten.  R.  5.  in  Epilobium 
minierend. 

Tebenna  H.  S. 

raschldella  Z.  Schkeuditz.  6.  vereinzelt.  R.  6.  8.;  miniert 
Epilobium  angustifolia. 

Chrysoclista  Stph. 
lineella  Cl.    Halle  7.  einmal  gefangen.  R.? 

Cosmopteryginae. 
Batrachedra  Stt. 
praeangusta  Hw.    Halle  7.  an  Pappelstämmen  häufig.   R.  5. 
ebenda  zwischen  Samenwolle  und  Blättern. 

Coleophoridae. 

Metriotes  H.  S.  (Äsychna  Stt,). 
modestella  Dup.    5.  auf  Wiesen  vereinzelt.    R.  6.  nach 
Hofmann  auf  Stellaria  holostea. 


[10]      Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  313 
Coleophora  Z. 

frischella  L.    Halle,  Sandgrube  7.  nicht  selten.    R  8.  an 

Samen  von  Melüotus  off. 
currucipennella  Z.    Halle  5.  häufig.    R,  4.  an  Carpinus 

betulns. 

Gracilariidae. 
Ch'acilariinae, 
Gracilaria  Z. 

alcliimiella  Sc.  Halle  5.  an  Kirschbäumen  nicht  selten.  R.? 

Xanthospilapteryx  Spul. 
syringella  F.    Halle  5.  Von  Haupt  im  Zoologischen  Garten 
zu  Hunderten  schwärmend  beobachtet.    Drei  Genera- 
tionen.   R.  miniert  an  Syringa. 

Ornix  Z. 

avellanella  Stt.    Halle  5.  vereinzelt.    R.  9.  10.  an  Corylus 
avellana. 

torquillella  Z.   Heide  5,  von  Crataegus  geklopft.  R.? 

TJfhocoUetinae. 
LithocoUetis  Z. 

sylvella  B.w.  Heide  7.  an  Eichenstäramen  häufig.  R.  ebenda. 
tenella  Z.    Heide,  Petersberg  6.  7.  nicht  selten.    R.  9.  10. 

an  Carpinus  unterseitig. 
alnieUa  Z.    Dieskau  5.  nicht  selten.    R.  6.  7.  9.  10.  an 

Alnus  unterseitig  minierend. 
strigulatella  Z.    Wie  vorige. 

sorhi  Frey.    Halle  6.  Uberall.    R.  miniert  an  Prunus  padus. 
froehlichiella  Z.    Dieskau  5.  häufig.    R.  7.  9.  10.  an  Erle. 
Memannella  F.    Dieskau,  Beesen  5.  nicht  selten  auf  Erle. 
R.  miniert  ebenda  6.  7.  9.  10. 

Bucculatrix  Z. 

ulmella  Z.  Heide  (Nietleben)  6.  vereinzelt.  R.  9.  10.  miniert. 


314 


Bernhard  Fügk, 


[20] 


Lyonetiidae» 

Lyonetia  Hb. 

derhella  L.    Heide,  Petersberg  häufig.    R.  miuiert  Prunus- 
Arten,  auch  Betula. 

Elachistidae. 

Elachista  Tr. 

quadrella  Hb.    Am  See  8.  einmal  gefangen.    R.  5.  6.  an 

LuzuJa  pilosa,  aJbicla. 
cerusella  Hb.    Petersberg  auf  Wiesen  vereinzelt.    R.  4.  6. 

an  Phalaris  arundinacea. 

Scyflirididae. 
Scythridinae. 
Scythris  Hb.  (Butalis  Tr.). 
ptinctivittella  Costa.    Petersberg  7.  einmal  gefangen.  R.? 
chenopodiella  Hb.    Halle  7.  tiberall  häufig.    R.  7.  8.  an 

Chenopodium-kxiQn. 
insperseUa  Hb.    Heide  (Erholungsheim)  8.  auf  blühender 
Kamille  nicht  selten.  R.  6.  an  Epilohium  angustifolium. 

Hyponomeutidae. 
llyponomeutinae. 
Hypononieuta  Latr. 
phmbeUus  Schiff.   Halle  7.  nicht  selten.    R.  5.  in  Gespinst 

an  Obstbäumen. 
malinellus  Z.    Petersberg  7.  sehr  häufig.    R.  5.  gesellschaft- 
lich in  Gespinst  an  Evomjmus  europaeus. 

Sivammerdamia  Hb. 
pyrella  Vill.    Halle  5.  an  Crataegus -Hecken  häufig.    R.  6. 
9.  10.  ebenda. 


[21  I      Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  315 


Argyresthiinae. 

Argyresthia  Hb. 
epliippiella  F.    Heide  6.  nicht  selten.    R.  in  Trieben  von 
Crataegus. 

nitidella  F.    Kirsehberg  bei  Beesen  von  Rosenbaum  ge- 
fangen. R.? 

goedartella  L.    Überall  an  Birkenstämmen  sitzend.    R.  3. 

an  Betula;  in  den  Kätzchen,  später  unter  der  Rinde. 
certella  Z.    Petersberg  7.  einmal  gefangen  R.V 

Plutellinae. 
Cerostoma  Latr. 
radiatellum  Don.    Petersberg  6.  nicht  häufig.    R.  5.  an 

Pn(ww5- Arten. 
parenthesellum  L.    Heide,  Petersberg  8.  vereinzelt.  R.? 
lucellum  F.    Heide  6.  nicht  selten.    R.  6.  7.  an  Quercus. 

Plutella  Schrk. 
maculipennis  Curt.    Halle  6.  auf  Brachfeldern  häufig.  R. 
5. — 10.  an  Arabis  petraea. 

Acrolepiidae. 

Roesslerstammia  Z. 
erxlebeniella  F.    Petersberg  6.  sehr  vereinzelt.    R.  9.  an 
Tilia  europaea. 

Tineidae. 
Tineinae. 
Scardia  Tr. 

holeti  F.    Heide  8.  von  Kleine  gefangen.    R.  3. —  5.  in 
Baumschwämmen. 

TricJiophaga  Rag. 
tapetiella  L.    Halle  6.    Ich  fing  einige  Stücke  in  einem 
Kaninchenstall.   R.  9, — 4.  in  Gewölle  und  Federn, 


316 


Bernhard  Füge, 


[22] 


Tinea  Z. 

granella  L.    Heide  5.    Uberall  häufig.    R.  9. — 3.  unter 

Rinde  und  Löcherschwamm. 
fuscipunctella  Hw.   Halle  einmal  am  Licht.  R.? 

Tineola  H.  S. 

hiselUella  Hummel.    Uberall  in  zwei  Generationen.    R.  an 
Biskuit  und  Federn. 

Monopidae. 

Blahophanes  (Z.)  H.  S. 
ferruginella  Hb.    Halle  6.  in  Gärten  auf  Nelken.  R.? 

Monopis  Hb. 

rusticella  Hb.    Halle  5.  nicht  selten;  zwei  Generationen.  R. 
an  tierischen  Stoffen,  in  Vogelnestern. 

Incm'variidae. 
Incurvaminae4 
Incurvaria  Hw. 
morosa  Z.    Petersberg  7.  aus  Rosengebüsch  geklopft.  R. 

3.  4.;  frifst  Rosentriebe. 
muscalella  F.    Heide  5.  häufig.    R.  4.  an  Fragaria  vesca. 
pectinea  Hw.    Heide  4.  häufig;  im  Sonnenschein  fliegend. 
R.  9.;  miniert  jung  an  BetuJa;  später  als  Sackträger 
am  Boden. 

Nemophora  Hb. 
swammerdamella  L.    Bitterfeld  5.  sehr  häufig.  R.V 

Adelinae. 
Nemotois  Hb. 

fasciellus  F.    Halle  7.    Von  Haupt  auf  Windenblüten  ge- 
funden.  R.  6.  7.  an  Lamium  albuni,  purpureum. 


Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna  von  Halle  a.  S.  317 


Adela  Latr. 

viridella  Z.    Heide  4.  Eichen  umscbwärmend.  R.? 

degeereUa  L.    Heide  6.  auf  Brombeergebüscli  häufig.  R.? 

rufifronteUa  Tr.  Petersberg  6.  eiumal  gefangen  von  Lass- 
mann. R.  an  Capsella  bursa  pastoris\  jung  in  Samen, 
später  am  Boden. 

fibulella  F.  Petersberg  5.  häufig  auf  Blüten  von  Veronica  off. 
R.  7.  ebenda  in  den  unreifen  Samen,  später  als  Sack- 
trägerin. 

Heliozelidae. 

Äntispilia  Hb. 

pfeifferella  Hb.  Halle  8.  In  manchen  Jahren  nicht  selten. 
Dr.  VON  ScHLECHTENDAL  zog  den  Falter  in  grofser 
Anzahl.    R.  6.  7.;  miniert  Cornus. 


Nepticulidae, 
Nepticulinae. 

Nepticula  Z. 

oxyacanthella  Stt.  Halle  7.  vereinzelt.  R.  6.  10.  an  Sorhtis. 
Salicis  Stt.    Beesen  5.  an  einer  Uferweide  in  Anzahl  ge- 
fangen.   R.  7.  10.  an  SaN^. 
trimaculella  Hw.    Mit  voriger  Art  vereinzelt.  R.? 


Micropterygidae. 

Micropteryx  Hb.  {Eriocephala  Curt.). 
aureatelJa  Sc.    Bitterfeld  5.  an  sumpfigen  Waldstellen  an 
Stämmen  sitzend.  R.? 


Somit  ergibt  eine  zahlenmäfsige  Zusammenstellung 
meiner  Funde  folgendes  Bild: 


318     Bernhard  Füge,  Beiträge  zur  Microlepidopteren- Fauna.  [24] 


Familie 

Zabl  der  Arten 

Familie 

Zahl  der  Arten 

Psychidae  .  . 

1 

2 

Pyralidae  .  . 

.   58  (incl.  2  var. 

.    .  3 

und  1  ab.) 

Hyponomeutidae  . 

.    .  11 

Tortricidae  . 

88  (incl.  1  var.) 

Acrolepiidae     .  . 

.    .  1 

Pterophoridae 

6 

5 

Gelechiidae  . 

34  (incl.  1  var.) 

2 

Momphidae  . 

6 

Incurvariidae    .  . 

.    .  9 

Coleophoridae 

3 

1 

Gracilariidae  . 

12 

Nepticulidae  .   .  . 

,  3 

Lyonetiidae  . 

1 

Micropterygidae  . 

.    .  1 

Summa   247  (incl.  4  var.  und  1  ab.) 


Das  ist  noch  nicht  einmal  die  Hälfte  der  von  Stange  auf- 
geführten 578  Formen.  Wie  schon  gesagt,  dürfte  dies  haupt- 
sächlich an  der  kurzen  Dauer  meiner  Sammeltätigkeit  im 
fraglichen  Gebiet  liegen.  Ferner  habe  ich  manche  von 
Stange  regelmäfsig  explorierten  Fanggebiete,  wie  z.  B.  die 
Mosigkauer  Heide,  nicht  besuchen  können.  Endlich  haben 
sich  in  den  seither  verflossenen  vier  Jahrzehnten  unver- 
kennbar die  faunistischen  Verhältnisse  im  Hallischen  Gebiet 
verschlechtert:  durch  das  Abholzen  verschiedener  Wäldchen 
wie  durch  Separationen  und  Meliorationen  aller  irgendwie 
landwirtschaftlich  ausnutzbaren  Flächen  sind  ergiebige  Fang- 
plätze verschwunden,  und  jahraus  jahrein  lichtet  die  abend- 
liche Lichtfülle  des  zur  Grofsstadt  aufgeblühten  Halle  und 
der  vielen  neuerdings  auch  mittels  Elektrizität  oder  Gas  er- 
leuchteten umliegenden  Ortschaften  die  Reihen  der  flammen- 
tollen Geschöpfe.  Trotzdem  habe  ich  eine  Anzahl  von 
Stange  nicht  genannter  Formen  aufgefunden.  Indessen 
sind  davon  manche  erst  nachdem  neu  beschrieben,  andere 
verdanken  ihr  Leben  nur  der  neuerdings  beliebten  Zer- 
spaltung  damals  noch  vereinter  Formen,  bei  wieder  anderen 
ist  die  Synonymie  unsicher.  Dadurch  wird  eine  einwandfreie 
Feststellung  der  wirklich  für  das  Gebiet  neuen  Formen  so 
erschwert,  dafs  ich  lieber  ganz  davon  absehe. 


über  zwei  Zuchten  von  Abweichungen  des 
Wolfsmilchschwärmers 

von 

Franz  Bandermann,  Halle  a.  S. 


Im  Herbst  1908  trug  ich  90  Raupen  von  Beüephila 
euphorhiae  L.  ein,  in  der  Hoffnung,  unter  der  Menge  einige 
Abänderungen  zu  erhalten.  Nach  dreimonatlicher  Ruhezeit 
nahm  ich  die  Puppen  im  Januar  1909  in  ein  geheiztes 
Zimmer  von  etwa  15 — 20"  Wärme,  wo  ich  sie  leicht  ange- 
feuchtet auf  dem  Fensterbrett  stehen  liefs.  Am  3.  März  safs 
der  erste  normale  männliche  Falter  im  Kasten.  Bis  zum 
1.  Mai  schlüpften  dann  53  Falter,  darunter  6  Stück  (2  Männ- 
chen und  4  Weibchen)  der  stark  rot  bestäubten  ah.  rubescens 
Garb.,  und  2  Stück  der  v.  paralias  Nick.,  die  nur  in  Süd- 
europa vorkommt  und  den  direkten  Übergang  zu  der 
V.  grentsenhergi  Stgr.  von  Capri  und  Portugal  bilden  soll. 
Da  die  Temperatur  am  Tage  schon  ziemlich  hoch  stieg, 
stellte  ich  die  übrigen  Puppen  vor  das  Fenster  ins  Freie, 
wo  bis  zum  4.  Juni  noch  25  Falter  schlüpften.  Darunter 
befand  sich  ein  Männchen  der  sehr  seltenen  ab.  helioscopiae 
Sel.-Longch.,  bei  der  die  schwarze  Binde  der  Hinterflügel 
vollständig  fehlt,  und  ein  Weibchen,  das  auf  den  Vorder- 
flügeln graubraun  gefärbt  war,  sonst  aber  die  gewöhnliche 
Zeichnung  aufwies.  9  Puppen  waren  eingegangen;  3  sind 
bis  zum  Herbst  noch  nicht  geschlüpft,  ich  will  aber  ab- 
warten, ob  sie  nicht  doch  noch  die  Falter  ergeben.  —  Da 
ich  einen  zweiten  Versuch  im  Herbst  1909  machen  wollte, 
sammelte  ich  schon  im  Juli  43  ausgewachsene  Raupen,  von 
denen  sich  bis  zum  8.  August  39  verpuppten ;  4  gingen  ein. 
Die  Puppen  stellte  ich  bis  zum  28.  September  in  einen  Keller 


320    F.  Bandermann,  Zwei  Zueilten  d.  Wolfsmilchschwäriners.  [2j 

von  8 — 10"  und  nahm  sie  dann  in  ein  geheiztes  Zimmer 
von  18 — 24**  C,  wobei  ich  sie  alle  3  Tage  etwas  anfeuchtete. 
Am  12.  Oktober  war  der  erste  Falter,  ein  normales  Männ- 
chen, geschlüpft.  Am  15.  und  16.  Oktober  sehlüpften  ein 
Männchen  und  ein  Weibchen,  welche  auf  den  Hinterflügeln 
etwas  helleres  Rot  als  gewöhnlich  hatten;  am  23.  und 
26.  Oktober  2  Stücke  mit  der  gelblichen  Färbung  der  sehr 
seltenen  ab.  lafitolei  Th.-Mieg.  Da  der  Oktober  zu  Ende 
ging  und  durch  das  frühe  „Treiben"  eine  Menge  Puppen 
zu  Grunde  gingen,  wollte  ich  nicht  mehr  so  viel  Puppen 
opfern  und  daher  den  Versuch  am  3.  November  abschliefsen. 
Da  fand  ich  bei  gründlicher  Untersuchung  des  Kastens  in 
einer  Ecke  einen  prächtigen  Falter,  der  auf  der  Oberseite 
der  Vorderflügel  der  v.  par alias  Nick,  gleicht,  während  die 
Oberseite  der  Hinterflügel  stark  ins  Gelbe  geht  und  etwa 
die  Farbe  des  Weibchens  von  Lasiocomxm  quercus  L.  zeigt. 
Das  Stück  sieht  dadurch  ganz  merkwürdig  aus ;  man  könnte 
es  für  einen  Exoten  halten.  18  Puppen  waren  eingegangen; 
15  blieben  lebend  liegen. 

Als  ich  1908  bei  Massenzuchten  von  Weifslingen  i)  aus 
hallischen  Puppen  ohne  jede  künstliche  Beeinflussung  Stücke 
erhielt,  die  von  weitem  heimischen  Formen  täuschend  glichen, 
sah  sich  Stichel  veranlafst,  im  Interesse  exakter  Begriffs- 
bestimmung den  neuen  Terminus  „f  fuc."  (=  forma  fucosa, 
Scheinform)  aufzustellen. Für  die  Berechtigung  einer  derart 
strengen  Unterscheidung  dürften  die  vorstehenden  DeilepMla- 
Zuchten  einen  weiteren  Beleg  liefern.  Im  allgemeinen  ergab 
sich  aus  meinen  gesamten  bisherigen  Wolfsmilchschwärmer- 
Zuchten,  dafs  die  im  Frühjahr  getriebenen  Puppen  mehr 
nach  Rot,  also  nach  der  normalen  Färbung  schlagen,  während 
die  im  Herbst  getriebenen  sichtlich  zu  hellerer  Färbung  neigen. 

1)  Vgl.  diese  Zeitschrift  Bd.  81,  S.  182  [Mitt.  a.  d.  Eni  Ges.  HaUe, 
Heft  1,  S.  2—3]. 

2)  Int.  Ent.  Zeitschr.  IV  (1910),  Nr.  5,  Leitbericht  S.  23. 


über  siidetische,  prätertiäre  junge  Krusten- 
bewegungen und  die  Verteilung  von  Wasser 
und  Land  zur  Kreidezeit  in  der  Umgebung 
der  Sudeten  und  des  Erzgebirges/) 

Eine  Studie  zur  Geschichte  der  Kreidetransgression 

von 

Prof.  Dr.  Hans  Scupin. 

Mit  2  Figuren  im  Text. 

Die  prätertiären  jungen  Krustenbewegungen,  wie  sie  be- 
sonders in  den  letzten  Jahren  in  verschiedenen  Gegenden 
Deutschlands  festgestellt  worden  sind,  rückten  auch  die 
Möglichkeit  oder  Wahrscheinlichkeit  näher,  dafs  sich  in 
gleicher  Weise  auch  im  Gebiete  der  Sudeten  Ahnliches  be- 
obachten lassen  werde.  Die  Untersuchung  der  nieder- 
schlesischen  Kreide  in  dem  ganzen  Gebiete  zwischen  Hirsch- 
berg, Görlitz,  Sagan  und  Goldberg,  die  mich  in  den  letzten 
Jahren  beschäftigte  (Löwenberger  Kreide  in  weiterem  Sinne), 
bestätigte  diese  Erwartung  und  ergab  das  Vorhandensein 
einer  Krustenbewegung,  die  sich  wohl  schon  in  der  älteren 
Kreidezeit  äulserte,  dann  während  der  ganzen  jüngeren 
Kreide  anhielt  und  schliefslich  ihre  Fortsetzung  in  der 
grofsen  tertiären  Faltung  fand,  welche  das  in  der  Kreide- 
zeit entstandene  Bild  der  Sudeten  vervollständigte  bezw. 
umformte. 

Das  Vorhandensein  einer  jungen  prätertiären  Bewegung 
ergibt  sich  zunächst  aus  dem  Auftreten  einer  Diskordanz 
zwischen  älterer  Trias  und  dem  Cenomanquader, 


')  Vorgetragen  in  der  Sitzung  des  Naturwissenschaftlichen  Vereins 
für  Sachsen  und  Thüringen  zu  Halle  am  24.  Februar  191 D. 

Zeitacbr.  f.  Naturwise.    Halle  a,  S.    Bd.  82.    1910.  21 


322 


Hanb  Scupin, 


12] 


die  allerdings  da,  wo  die  Auflagerung  des  letzteren  zu  sehen 
ist,  wie  besonders  in  der  Umgebung  Löwenbergs  im  einzelnen 
Aufschlüsse  nicht  zum  Ausdruck  kommt,  die  aber  aus  der 
Auflagerung  des  Cenomanquaders  auf  verschieden 
alten  riorizonten  der  Trias  folgt.  So  liegt  die  Kreide 
bei  Löwenberg  auf  mittlerem  Buntsandstein,!)  bei  Armeruh 
nördlich  des  Heiligen  Berges  auf  Röt,  im  Katzbachtal,  wie 
es  scheint,  auf  unterem"^)  Buntsandstein,  wobei  die  Grenze 
vielfach  eine  ganz  scharfe,  mit  der  Hand  zu  bezeichnende  ist. 
Muschelkalk  tritt  als  Liegendes  der  Kreide  nur  nordöstlich 
einer  Linie  Hermsdorf  an  der  Katzbach — Gr.-Hartmannsdorf 
und  deren  nordwestlicher  Fortsetzung  auf.  Bei  Hermsdort 
verrät  sich  die  Auflagerung  auf  Muschelkalk  nur  durch  eine 
kleine  in  der  Hermsdorfer  Spalte  eingeklemmte  Scholle  von 
ßuntsandstein  und  unterem  Muschelkalk,  wogegen  der  Muschel- 
kalk bei  Gr.-Hartmannsdorf  in  mächtigen  Steinbrüchen  auf- 
geschlossen eine  gröfsere  Fläche  einnimmt.  Die  Fortsetzung 
dieses  Muschelkalkzuges  wird  durch  den  Muschelkalk  von 
Alt-Warthau  gebildet  und  ebenso  stöfst  bei  Wehrau  und 
Klitschdorf  am  Queis  der  mit  dem  Röt  steil  aufgerichtete 
untere  Muschelkalk  an  das  kohlenftihrende  Untersenon,  den 
Überquader  Beyrichs,^)  der  an  einem  mächtigen  Bruch  von 
etwa  400  m  Sprunghöhe  abgesunken  ist. 

Dafs  es  sich  hier  nicht  um  eine  Erosionsdiskordanz  auf 
ungestörter,  nur  verschieden  tief  erodierter  Unterlage  handelt, 
ergibt  sich  daraus,  dafs  nirgends  gegenüber  der  Auflagerung 
auf  Buntsandstein    eine   merkliche  Unvollständigkeit  der 


Man  vergleiche  zur  Orientierung  die  Roth-Beyrichsche  geo- 
logische Karte  des  Niederschlesischen  Gebirges,  Blatt  Löwenberg  und 
Liegnitz. 

2)  Vorausgesetzt,  dafs  die  Vermutung  Zimmermanns  richtig  ist 
nach  der  nicht  nur  die  tiefsten,  auch  von  mir  noch  zum  Zechstein  ge- 
rechneten Bänke  der  roten  Sandsteine  (auf  der  Roth-Beyrichschen 
Karte  von  Niederschlesien,  Blatt  Liegnitz,  als  Buntsandstein  kartiert) 
sondern  auch  noch  ein  Teil  der  jüngeren  Bänke  zum  Zechstein  gehört, 
was  Zimmermann  aus  dem  Auftreten  von  Plattendolomit  folgert. 

3)  Roth,  Erläuterungen  zur  geognostischen  Karte  vom  Nieder- 
schlesischen Gebirge,  S.  288.  Vgl.  aufserdem  Scupin,  Die  strati- 
graphischen  Beziehungen  der  obersten  Kreideschichten  in  Sachsen, 
Schlesien  und  Böhmen.  Neues  Jahrb.  f.  Min.  1907,  Beil.,  Bd.  24,  S.  695. 


Sudetische  prätertiäre  junge  Krustenbewegungen  usw.  323 


basalen  Schichten  zu  bemerken  ist.  Bei  Hermsdorf  und 
Wehrau-Klitscbdorf  sind  diese  durch  die  beiden  Längsbrüehe 
allerdings  der  Betrachtung  entzogen,  dagegen  sind  sie 
zwischen  Alt-  und  Neu -Warthau,  wo  die  Fortsetzung  des 
Wehrauer  Braches  erst  im  Hangenden  des  Cenomans  vorbei- 
läuft, hier  den  unteren  Emscher  (die  bekannten  Neu- 
Warthauer  Schichten)  gegen  unterturonen  Quader  verwerfend, 
in  durchaus  typischer  Weise  entwickelt.  Das  Gleiche  gilt 
von  den  basalen  Schichten  in  der  südöstlichen  Fortsetzung 
bei  Gr.-Hartmannsdorf,  wenn  auch  natürlich  kleinere  Ver- 
schiedenheiten in  der  Mächtigkeit  des  Cenomans  vorkommen, 
die  auf  Ungleich mäfsigkeiten  des  Untergrundes  zurück- 
zuführen sind;  im  gröfsten  Teil  war  dieser  aber  wohl  ziemlich 
eben,  wodurch  eine  an  den  meisten  Stellen  einigermafsen 
gleichmälsige  Mächtigkeit  des  Cenomans  von  etwa  30  m 
bedingt  wurde. 

Man  wird  daher  zur  Annahme  einer  Krustenbewegung 
genötigt,  die  allerdings  nicht  sehr  erheblich  war.  Das  Auf- 
treten des  Muschelkalkes  nordöstlich  der  Linie  Hermsdorf 
an  der  Katzbach  —  Gr.-Hartmannsdorf  erklärt  sich  dann 
vielleicht  durch  eine  alte  Bruchlinie,  die  den  Muschelkalk 
ins  Niveau  des  Buntsandsteins  warf,  wenn  man  nicht  eine 
ganz  flache  dem  Auge  unmerkliche  präcenomane  Faltung  der 
Triasschichten  annehmen  will,  die  neben  dieser  Bruchlinie 
auch  noch  zur  Erklärung  der  Auflagerung  auf  den  oben 
genannten  verschiedenen  Buntsandsteinhorizonten  heran- 
gezogen werden  könnte.  Ganz  gewifs  wird  eine  Neigung 
der  Schichten,  die  um  nur  etwa  1«  von  der  des  Cenomans 
abweicht,  dem  Auge  entgehen  und  doch  würde  sie  bereits 
in  10  km  Entfernung  eine  Niveaudifferenz  von  etwa  200  m 
hervorbringen.  Auch  die  Messung  mit  Bergkompafs  und 
Senkel  wird  hier  versagen,  da  ein  solch  geringer  Betrag 
noch  innerhalb  der  Grenzen  der  Fehlerquellen  liegt.  Übrigens 
würde  die  Richtung  einer  derartigen  Verwerfungslinie  Herms- 
dorf—  Gr.-Hartmannsdorf  nur  wenig  von  der  späteren  post- 
kretazischen  Hermsdorfer  Spalte  (Hermsdorf — Hockenberge) 
abweichen. 

Uber  das  genaue  Alter  dieser  Störungen  läfst  sich 
zunächst  Bestimmtes  nicht  aussagen,  vermutlich  dürften 

21* 


324 


Hans  Scupin, 


[4] 


sie  spätjurassisch  oder  altkretazisch  sein.  Jedenfalls 
war  diese  Geländeverscliiebung  der  jurassisch-altlcretazischen 
Landmasse  beim  Einbruch  des  Kreidemeeres  schon  wieder 
mehr  oder  weniger  durch  Denudation  eingeebnet. 

Weiter  wird  das  Auftreten  prätertiärer  gebirgsbildender 
Kräfte  bewiesen  durch  das  Auftreten  von  Gerollen  älterer 
Schichten  in  der  Kreide.  Abgesehen  von  den  für  die  Be- 
trachtung fortfallenden  basalen  Schichten,  die  stellenweise 
aus  Gerollen  gebildet  sind,  welche  die  eindringenden  Wogen 
des  Kreidemeeres  vielleicht  bereits  vorfanden  und  in  ihre  Sand- 
massen aufnahmen,  sind  GeröUe,  die  Nähe  des  Landes  an- 
zeigend, in  verschiedenen  jüngeren  Horizonten  der  Kreide,  im 
Unter-.Mittel- und  Oberturon  (Rabendocken-Sandstein,  Ludwigs- 
dorfer  Sandstein)  im  Emscher  und  Untersenon  (Oberquader  und 
Uberquader)!)  zu  finden,  doch  sind  es  fast  ausschliefslich 
Quarzgerölle,  über  deren  Herkunft  sich  Genaues  nicht  aus- 
sagen läfst.  Ursprünglich  den  Quarzgängen  der  nieder- 
schlesischeu  Tonschieferformation  entstammend,  haben  sie 
wahrscheinlich  zuletzt  dem  Buntsandstein  angehört,  der  an 
verschiedenen  Stellen  geröllführend,  gelegentlich  sogar  als 
konglomeratischer  Sandstein,  so  bei  Lähn,  entwickelt  ist. 

Von  Bedeutung  wird  erst  ein  einzelnes  Geröll,  das  ich 
im  Untersenon  nördlich  Langenau  unweit  Görlitz  aus  dem 
anstehenden  konglomeratischen  Sandstein  des  Untersenon 
herausschlug.  Das  Stück  selbst  besteht  wieder  aus  einem 
verfestigten  konglomeratischen  Sandstein  und  zeigt  kleine 
Milchquarzgerölle,  die  durch  einen  gelblichen,  kaolinisierten 
Feldspat  führenden  Sandstein  verkittet  sind.  Die  bei  der 
Kaolinisierung  frei  gewordene  Kieselsäure  hat  einzelne  kleine 
Quarzkriställchen  gebildet.  Nach  meiner  Kenntnis  der  Ge- 
steine der  ganzen  Gegend  kann  das  Geröll  nur  ein  ge- 
bleichtes Stück  der  rotliegenden  geröllführenden 
Arkosen  sein,  wie  sie  besonders  im  Mittelrotliegenden  in 
der  sich  weit  nach  Westen  erstreckenden  Löwenberger 
Hauptmulde  sehr  verbreitet  sind,  die  also  ursprünglich  von 
Zechstein  und  Trias  bedeckt,  zur  Zeit  des  Untersenon  stellen- 
weise bereits  freigelegt  sein  mufsten. 

')  Über  die  Lokalbezeichniingeu  für  die  einzelnen  Kreidehorizonte 
hier  und  weiter  unten  vgl.  die  zitierte  Arbeit  des  Verfassers. 


Sudetische  prätertiäre  junge  Krustenbewegungen  usw.  325 


Gesichtspunkte  allgemeinerer  Art  sind  es  endlich,  die 
ebenfalls  die  Annahme  einer  prätertiären  Krustenbeweguug 
im  Vorlande  der  Sudeten  fordern.  Es  ist  die  Verteilung 
von  Wasser  und  Land,  wie  sie  auf  Grund  der 
petrographischen  und  faunistischen  Verhältnisse  zur 
Kreidezeit  in  Schlesien,  Böhmen  und  Sachsen  wohl 
anzunehmen  ist. 

Die  positive  Strandversehiebung  am  Beginn  der  oberen 
Kreide,  welche  den  Einbruch  des  Meeres  nach  Sachsen, 
Schlesien  und  Böhmen  verursachte,  vollzog  sich  hier  offen- 
bar nicht  gleichmäfsig ,  vielmehr  scheinen  ausgedehnte 
Schollen  der  altkretazischen  Landmasse  in  der  Umgebung 
stehengebliebener  Pfeiler,  die  unten  näher  zu  kennzeichnen 
sind,  abgesunken  zu  sein.  Lepsius')  hat  sich  bereits  bei 
Behandlung  der  sächsischen  Kreide  in  ähnlichem  Sinne 
geäufsert,  indem  er  für  den  Einbruch  des  Kreidemeeres  eine 
grabenartige  Einsenkung  zwischen  Erzgebirge  und  Lausitzer 
Platte  annahm,  die  nach  ihm  ebenso  wie  das  Riesen-  und 
Isergebirge  aus  dem  Meere  hervorragten. 

Allerdings  möchte  ich  Lepsius  bezüglich  dieses  präceno- 
manen  Grabens  nicht  beipflichten.  Ich  glaube,  dafs  die 
Lausitzer  Platte  und  mindestens  ein  sehr  grolser  Teil  des 
Erzgebirges,  dessen  östlichen  Teil  bei  Tharandt,  Dippoldis- 
walde, Markersbach  und  Nollendorf  Lepsius  allein  vom 
Meere  bedeckt  sein  läfst,  zur  Kreidezeit  unter  Wasser 
lagen. 

Man  darf  aus  dem  Fehlen  von  Kreideablagerungen  hier 
keinen  Schlufs  auf  fehlende  Meeresbedeckung  ziehen.  Mit 
Partsch^)  glaube  ich  vielmehr,  dafs  über  die  Lausitzer 
Platte  hin  ein  unmittelbarer,  höchstens  ganz  lokal  unter- 
brochener Zusammenhang  zwischen  den  sächsischen  und 
den  Ablagerungen  der  Bunzlau  -  Löwenberger  Kreidemulde 
bestanden  hat.  Erst  am  Beginn  des  Senons  könnte  die 
Verlandung  vom  Süden  aus  solche  Fortschritte  gemacht 
haben,  dals  auch  ein  Teil  der  Lausitzer  Platte  trocken 
gelegt  war.  Die  niederschlesische  Kreide  ist  z.  Zt.  bis  etwas 


1)  Geologie  von  Deutschland  II,  S.  174,  175  Fufsnote. 
Schlesien  S.  149. 


326 


Hans  Scupin, 


[6] 


westlich  der  Neisse  im  Untergrunde  nachgewiesen. Wenig 
östlich  der  letzteren  fallen  die  Schichten  des  oberen  Emschers 
(schlesischer  Oberquader)  bei  Nieder-Bielau  in  etwa  180  m 
Höhe  (unweit  der  Bahnstrecke  Kohlfurt — Horka)  mit  steilem 
Fallen  von  60"  von  dem  Lausitzer  Granit  gegen  NO.  ab, 
den  sie  einst,  wenigstens  zum  grofsen  Teil,  bedeckt  haben 
dürften,  und  an  dessen  Nordostrand  die  sonst  ziemlich 
flaches  Einfallen  von  etwa  10 — 15«  zeigende  Mulde  in  die 
Tiefe  geglitten  ist. 

In  der  böhmisch-sächsischen  Kreide  überragt  das  mittlere 
Turon  des  hohen  Schneeberges  mit  720  m  Höbe  bereits  er- 
heblich die  höchsten  Erhebungen  des  Lausitzer  Hügellandes, 
die  etwa  600  m  erreichen.  In  der  Südwestecke  des  Blattes 
Kosenthai  —  Hoher  Schneeberg  liegt  sogar  schon  die  Basis 
des  Cenomans  550  m  hoch.  Wird  man  auch  diese  Teile 
als  gehoben  betrachten  müssen ,  so  steht  dieser  Hebung 
wiederum  auch  die  sehr  bedeutende  Hebung  des  Lausitzer 
Granits  gegenüber.  Auch  an  der  Lausitzer  Uberschiebung 
liegt  der  Brongniarti-Quader  schon  in  beträchtlicher  Höhe, 
die  am  Oybin  mit  580  m  fast  den  höchsten  Erhebungen  des 
Lausitzer  Granits  gleichkommt. 

Da  die  etwa  300  m  tiefer  liegende  Unterkante  des 
Cenomans  natürlich  in  jedem  Falle  über  die  Lausitzer  Spalte 
übergegriffen  haben  mufs,  so  ergibt  sich  hierdurch  eine 
Höhendift'erenz  in  positivem  Sinne  gegenüber  dem  Lausitzer 
Bergland,  deren  Ausgleich  dann  nur  durch  eine  sehr  viel 
energischere  Abtragung  des  Lausitzer  Granits  und  der  ihm 
aufgelagerten  Schollen  gegenüber  dem  Quadersandstein  ge- 
dacht werden  könnte.  Sollte  ein  Teil  der  Lausitzer  Platte 
vom  Meere  unbedeckt  geblieben  sein,  so  könnte  dieser  jeden- 
falls infolge  des  anzunehmenden  Übergreifens  der  Kreide- 
ablagerungen auf  diese  im  Nordosten  und  Südwesten  also 
wohl  nur  recht  unbedeutend  gewesen  sein,  zumal  auch 
noch  in  der  Überschiebungsspalte ,  dicht  bei  Hinterdaubitz,^) 

')  Vgl.  K.  Priemel,  Die  Braunkohlenformation  des  Hügellandes 
der  preufsischen  Oberlausitz,  Zeitschr.  f.  d.  Berg-,  Hütten-  und  Salinen- 
wesen, 55,  1907,  S.  53. 

2)  Blatt  Hinterhermsdorf— Daubitz  der  geol.  Spezialkarte  des 
Königreichs  Sachsen. 


Sudetische  prätertiäre  junge  Krustenbewegungen  usw.  327 


Cenoman  in  mergeliger  Fazies  (Plenus-Zone)  erhalten  ist, 
das  mit  dem  gleichen  Hechte  als  etwas  küstenfernere  Ab- 
lagerung angesprochen  werden  kann,  wie  umgekehrt  die 
konglomeratischen  Sandsteine,  die  in  der  Nähe  der  Uber- 
schiebungaspalte am  Oybin  sowie  auch  zwischen  Hinter- 
daubitz  und  Hinterhermsdorf  auftreten,  als  Zeichen  einer 
alten  Küste  betrachtet  worden  sind. 

In  gleicher  Weise  ist  bezüglich  des  Erzgebirges  das 
Auftreten  von  CenomanschoUen  am  Sattelberge  nördlich 
Schönwalde  1)  mit  einer  Unterkante  von  670  m  Höhe  sowie 
weiter  westlich  in  etwa  850  m  Höhe  bemerkenswert,  so 
dafs  wohl  nur  die  allerhöchsten  Erhebungen  des  überfluteten 
Gebietes  aus  dem  Meere  hervorgeragt  haben  dürften. 

Dagegen  kann  man  aus  den  Faziesverhältnissen  in 
der  sächsischen  Kreide  auf  ein  weiter  südöstlich  ge- 
legenes Festland  schlielsen,  das  etwa  in  der  Gegend  des 
Iser-  und  Riesengebirges  gesucht  werden  mufs. 

In  den  meisten  Horizonten  der  sächsischen  Kreide  geht 
die  sandige  Fazies  mehr  oder  weniger  deutlich  gegen  Süd- 
osten in  die  mergelige  über.^)  Es  zeigt  sich  das  besonders 
gut  in  der  Labiatus-,  Brongniarti-  und  Scaphiten-Zone  (=  oberer 
ßrongniarti-Quader  und  -Pläner  der  sächsischen  Geologen). 
Auch  der  Baculiten-Mergel  von  Zatzschke  (=  oberste  Sca- 
phiten-Zone) keilt  gegen  Südosten  aus,  und  ebenso  wird  im 
Cenoman  der  Pläner  der  Zone  des  Äctinocamax  plenus  im 
Südosten  allmählich  durch  Plänersandstein  ersetzt.  Aller- 
dings ist  die  Faziesänderung  in  dieser  Zone  keine  so  gleich- 
mäfsige ;  die  Gesetzmäfsigkeit  wird  hier  lokal  gestört  durch 
die  Unregelmäfsigkeit  der  von  der  Transgression  betroffenen 
Fläche,  die  infolge  der  erst  allmählich  eintretenden  Uber- 
flutung  der  höchsten  Erhebungen  Veranlassung  für  die  Bil- 
dung der  bekannten  Klippenfazies  und  wohl  auch  der 
zwischen  Dresden  und  Freiberg  vorkommenden  Pläner- 
sandsteine  wurde,  was  jedoch  für  die  Betrachtung  selbst 
belanglos  bleibt.  Ebenso  kann  man  diese  Faziesverschiebung 

^)  Vielfach  auch  als  Spitzberg  bezeichnet. 

2)  Vgl.  hierüber  auch  Petraschek,  Studien  über  Faziesbildungen 
im  Gebiete  der  sächsischen  Kreideformation.  Abhandl.  d.  naturw.  Ges. 
Isis,  Dresden  1899,  II,  S.  53. 


328 


Hans  Scupin, 


[8] 


im  unteren  Cenoman  natürlich  nicht  erwarten,  da  hier  beim 
Vorrücken  des  Meeres  jeder  Punkt  einmal  Küste  war. 

Auch  in  Böhmen  sind  ganz  ähnliche  Fazies- 
verschiedenheiten bemerkbar.  Die  sandigen  Iserschichten 
sind  in  der  Nähe  des  Gebirgsrandes,  die  mehr  mergeligen 
Weifsenberger,  Malnitzer  und  Teplitzer  Schichten  in  gröfserer 
Entfernung  von  dem  Gebirge  zur  Ablagerung  gelangt.  Sehr 
gut  veranschaulichen  das  auch  die  Karten  des  Komitees 
für  die  naturwissenschaftliche  Landesdurchforschung  von 
Böhmen,  auf  der  die  ersteren  mit  gelb-grünen,  die  letzteren 
mit  blauen  Tönen  angelegt  sind,  so  dafs  der  Gegensatz 
trotz  einzelner  Ungenauigkeiten  der  Karte  besonders  an 
der  sächsischen  Grenze,  gut  zum  Ausdruck  gelangt.  Auch 
auf  der  neuen  CREDNERschen  geologischen  Übersichtskarte 
von  Sachsen  wird  durch  die  Farbenwahl  die  eben  ge- 
schilderte Verteilung  deutlich  veranschaulicht.  Näher  an 
den  Gebirgsrand  rücken  nur  die  mergeligen  Priesener 
Schichten  heran,  die  in  ihrem  untersten  Teile  den  ßaculiten- 
Mergeln  von  Zatzschke  entsprechen,  während  sie  in  ihrem 
oberen  Teile  in  der  Nähe  des  Gebirgsrandes  das  mergelige 
Äquivalent  des  sächsischen  Überquaders  (Cuvieri  -  Zonei), 
weiter  ab  vielleicht  noch  die  küstenfernere  Fazies  der  san- 
digen Chlomeker  Schichten  (Emscher)  darstellen.  Auch  sie 
keilen  gegen  den  Gebirgsrand  hin  aus  und  sollen  nach 
Fritsch  am  Jeschkengebirge  nordöstlich  von  Turnau  bei 
Vorderad  und  Zbiroh  bereits  zwischen  den  Sandsteinen 
der  Iserschichten  und  Chlomeker  Schichten  nicht  mehr  vor- 
handen sein. 

Man  ist  daher  wohl  genötigt,  das  Kiesen-  und 
Isergebirge  als  landfest  anzunehmen,  um  sie  herum 
gruppieren  sich  im  Nordwesten,  Westen  und  Südwesten 
Zonen  zunächst  mehr  grobklastischer,  peripherisch  dann 
feinklastischer  Sedimente,  wobei  der  Gürtel  der  fein- 
klastischen, mergeligen  Sedimente  sich  bald  enger  um  dieses 
Zentrum  schliefst,  bald  wieder  weiter  abrückt,  den  Fazies- 
wechsel nun  auch  im  Vertikaldurchschnitt  zum  Ausdruck 
bringend.    Die  Form  der  Gürtel  ist  natürlich  nicht  überall 


1)  Scupin  a.  a.  0.  S.  698. 


Sudetische  prätertiäre  junge  KrustenbeweguDgen  usw.  329 


die  gleiche  in  den  einzelnen  Horizonten,  sie  tiberschneiden 
sich  vielmehr  und  sind  bald  mehr,  bald  weniger  gegen 
Norden  vorgeschoben.  Im  Norden  haben  sich  diese  Zonen 
dann  wohl  über  die  Lausitzer  Platte  fortgezogen,  wo  sie 
später  wieder  abgetragen  wurden,  und  so  schoben  sich 
zur  Zeit  des  Mittelturons,  in  der  die  Bildung  klastischer 
Sedimente  besonders  intensiv  war,  offenbar  auch  jene 
geröllführeuden  Sande  nach  Norden  weit  ins  Meer  vor,  die 
dann  zur  Bildung  des  „geröllführenden  Brongniarti-Quaders" 
Anlafs  gaben,!)  der  in  der  Gegend  von  Oybin  stellenweise 
geradezu  konglomeratisch  wird.  Man  darf  sich  vorstellen, 
dafs  sich  diese  grobklastisehen  Sandsteine  mit  Gerollen  bis  zu 
Taubenei-Gröfse,  die  Lepsius  zur  Annahme  eines  im  Norden 
liegenden  Festlandes  der  Lausitzer  Platte  veranlafsten,  eben- 
falls einst  über  die  jetzige  Uberschiebungslinie  fort  auf  der 
dem  Jeschkengebirge  nördlich  vorgelagerten  Lausitzer  Senke 
ausgebreitet  haben. 

Im  Nordosten,  in  der  niederschlesischen  Kreide,  speziell 
der  Kreide  der  sehlesischen  Oberlausitz,  sind  die  älteren  in 
Betracht  kommenden  Horizonte,  jüngeres  Cenoman  (Plenus- 
Zone)  Labiatus,  Brongniarti-  und  Scaphiten-Zone,  die  bei 
Löwenberg  mergelig  oder  mergelig -sandig  entwickelt  sind 
—  das  untere  Cenoman  scheidet  wieder  für  die  Betrachtung 
aus  — ,  durch  Diluvium  verdeckt.  Das  Gleiche  gilt  von 
der  auch  bei  Löwenberg  sandig  entwickelten  Cuvieri-Zone 
(Ludwigsdorfer  Sandstein)  und  dem  tonig- sandigen  bezw. 
mergelig  -  sandigen  unteren  Emscher  (Neu -Warthauer 
Schichten).  Die  in  Böhmen  und  Sachsen  beobachtete  Zu- 
nahme des  grobklastischen  Charakters  der  Sedimente  nach 
dem  Gebirgsrande  hin,  läfst  sich  daher  in  diesen  Schicht- 
gliedern hier  nicht  feststellen.  Auffallenderweise  ist  eine 
solche  von  Löwenberg  aus  nur  gegen  Osten  hin  von  der 
Plenus-Zone  an  bis  in  die  Scaphiten-Zone  zu  beobachten, 
so  dafs  wir  hier  eine  Landmasse  anzunehmen  haben,  von 
der  noch  weiter  unten  die  Rede  sein  soll. 

Dagegen  zeigt  sie  sich  wieder  im  oberen  Emscher  (Ober- 


')  Blatt  Zittau  —  Oybin-Lausche  der  geologischen  Spezialkarte  des 
Königreichs  Sachsen. 


330 


Hans  Scupin, 


[10] 


quader)  undUntersenon  (schlesischer  Uberquader),  die  beide  ge- 
legentlich grobe  konglomeratische  Bänke  enthalten.  Besonders 
gut  sind  diese  in  dem  oben  genannten  Steinbruche  in  Nieder- 
Bielau  an  der  Neifse  (Emscher),  ferner  in  einigen  Stein- 
brüchen zwischen  den  Bahnstrecken  Horka -Kohlfurt  und 
Görlitz -Kohlfurt,  sowie  nördlich  Langenau  unweit  Görlitz 
(Untersenon)  zu  beobachten. •)  Auch  weiter  östlich  zwischen 
Tiefenfurt  und  Wehrau  am  Queis  sind  konglomeratische 
Untersenonschichten  an  der  Chaussee  aufgeschlossen,  ebenso 
tragen  die  kohleführenden  Untersenonschichten  im  Queis- 
tal bei  Wehrau -Klitschdorf  einen  stärker  grobklastischen 
Charakter  als  sonst.  Es  scheint,  als  ob  am  Beginn  des 
Untersenons  die  Verlandung  im  Norden  und  Nordosten  des 
Festlandes  bereits  grofse  Fortschritte  gemacht  habe,  so  dafs 
sich  die  grobklastischen  Sedimente  nun  auch  weiter  vorschoben. 

Im  Osten  des  Riesengebirges  sind  mergelige  Schichten  der 
Plenus-Zone,  sowie  der  Labiatus-,  Brougniarti-  und  Scaphiten- 
Zone  am  Grünauer  Spitzberg  bei  Lähn  in  nur  ungefähr  12  km 
Entfernung  vom  Gebirgsrand  vorhanden;  man  wird  daher 
annehmen  müssen,  dafs  die  in  einer  Höhe  von  380 — 480  m 
auftretenden  vom  Gebirgsrande  abfallenden  Ablagerungen 
sich  noch  bis  über  den  nachträglich  eingesunkenen  Hirsch- 
berger  Talkessel  erstreckten,  wie  auch  Gürich^)  schon  die 
Vermutung  ausgesprochen  hat,  dafs  dieser  einst  eine  Kreide- 
scholle getragen  habe,  die  erst  der  starken  Erosion  der 
Gebirgswässer  zum  Opfer  gefallen  sei.  Ebenso  haben  sich 
wohl  die  Ablagerungen  der  Löwenberger  Gegend  bis  etwa 
in  die  Gegend  des  heutigen  (jungen)  Gebirgsrandes  am 
Isergebirge  erstreckt,  der  ähnlich  scharf  ausgeprägt  ist  wie 
der  Hirschberger  Kessel  und  bemerkenswerter  Weise  in  die 
Richtung  der  oben  genannten  Linie  fällt,  an  der  die  nieder- 
schlesische  Dyas- Trias -Kreidemulde  gegen  die  Lausitzer 
Platte  ins  Liegende  verschoben  ist. 

In  gleicher  Weise  zeigen  auch  am  Erzgebirge  aufser 
den  hoch  liegenden  Kreideschollen  die  Faziesverhältnisse, 

»)  Näheres  über  die  Kreide  dieses  ganzen  Gebietes  bringt  eine 
unlängst  abgeschlossene  in  der  Paläontographica  erscheinende  umfang- 
reichere Abhandlung:  Die  Löwenberger  Kreide  und  ihre  Fauna. 
Geologischer  Führer  ins  Riesengebirge,  S.  27. 


Sudetische  prätertiäro  junge  Krustenbewegungen  usw.  331 


dafs  dieses  wenigstens  zum  grofsen  Teil  noch  nicht  land- 
fest war.  Auch  die  durch  den  Randbruch  vom  heutigen 
Erzgebirge  getrennten  böhmischen  mergeligen  Kreide- 
ablagerungen sind  offenbar  in  gröfserer  Entfernung  von 
der  Küste  abgelagert  und  gehören  derselben  oben  genannten 
peripherischen  Randzone  feinklastischen  Charakters  an,  wie 
die  mergeligen  Ablagerungen  im  Nordwesten  des  sächsischen 
Kreidegebietes,  mit  denen  sie  über  den  Rücken  des  heutigen, 
erst  in  tertiärer  Zeit  herausgehobenen  Erzgebirges  hinfort 
in  Verbindung  gestanden  haben  dürften. 

Man  wird  sich  das  Auftreten  einer  Landmasse  innerhalb 
des  Kreidemeeres,  wie  sie  oben  nachzuweisen  versucht  wurde, 
am  ungezwungensten  wohl  durch  tektonische  Vorgänge, 
Bildung  eines  Horstes,  erklären.  "Natürlich  wäre  dasselbe  an 
sich  selbst  kein  Beweis  gegen  die  Süss  sehe  Auffassung  der 
positiven  Strandverschiebung,  deren  Bedeutung  neben  tek- 
tonischen  Vorgängen  nicht  abzustreiten  bleibt,  dagegen 
gewinnt  es  in  Verbindung  mit  den  anderen  oben  angeführten 
Tatsachen  erhöhte  Bedeutung.  Die  anzunehmenden  kreta- 
zischen Krustenbewegungen  können  als  Fortsetzung  der 
älteren  oben  geschilderten  aufgefafst  werden,  die  nordöstlich 
der  Linie  Hermsdorf  an  der  Katzbach  —  Gr. -Hartmannsdorf 
den  Muschelkalk  ins  Niveau  des  Buntsandsteins  verschob  und 
sind  Vorläufer  der  jungen  wohl  tertiären  i)  Bewegung,  welche 

Da  Obersenon  in  Schlesien  nicht  vorhanden  ist,  wie  früher  an- 
genommen wurde,  so  läfst  sich  das  Alter  der  jüngeren  Gebirgsbildung 
nicht  mit  voller  Schärfe  präzisieren.  Die  jüngsten  gehobenen  Kreide- 
schollen in  der  Heuscheuer  gehören  dem  Emscher  an,  die  jüngsten  an 
der  Faltung  beteiligten  Kreideschichten  nördlich  des  Riesengebirges 
dem  Untersenon.  Der  frühestens  oberoligocäne  Knollenstein  unter  der 
miocänen  Braunkohle  liegt  bereits  diskordant  über  der  Kreide.  Da  es 
ganz  allgemein  nicht  gerade  wahrscheinlich  ist,  dafs  die  bis  zur  Ab- 
lagerung der  Knollensteine  erfolgte  Abtragung  nur  genau  gerade  bis 
zu  den  zuletzt  abgelagerten  Kreideschichten  vorgedrungen  sein  sollte, 
mit  anderen  Worten,  dafs  alle  abgetragenen  Schichten  diskordant  über 
dem  Untersenon  gelegen  haben  sollten,  so  wird  es  wahrscheinlich,  dafs 
auch  noch  jüngere  gefaltete  Schichten  abgetragen  worden  sind.  Die 
Faltung  könnte  also  dann  frühestens  in  der  allerobersten  Kreide  ein- 
gesetzt haben.  Die  auf  der  Beyrichschen  Karte  in  übergreifender 
Lagerung  eingetragenen,  angeblich  noch  zur  Kreide  gehörigen  Ab- 
lagerungen sind  bekanntlich  schon  Tertiär. 


332 


Hans  Scupin, 


[12] 


nach  wie  vor  den  Hauptanteil  an  der  Herausbildung  der 
Sudeten  trägt  und  die  Kreide  in  Böhmen  und  der  Grafschaft 
Glatz  in  so  bedeutende  Höhe  hob,  die  in  der  Heuscheuer 
mehr  als  900m  erreicht.  Sie  muldete  die  Kreidegebiete 
im  Norden  und  Süden  des  Riesengebirges,  die  doch 
wohl  einst  am  Landeshuter  Pafs  in  einem  erst 
später  abgetragenen  Sattel  in  Verbindung  standen. 

Partsch')  hat  die  Möglichkeit  des  einstigen  Zusammen- 
hanges dieser  jetzt  räumlich  getrennten  Kreidegebiete,  der 
sich  bis  Grüssau  erstreckenden  Adersbach -Weckelsdorfer 
Mulde  und  des  südlichsten  Zipfels  der  Löwenberger  Kreide, 
der  Lähner  Grabenmulde,  bereits  in  Erörterung  gezogen, 
meint  aber,  dafs  sich  der  Zusammenhang  nicht  strikt  be- 
weisen lasse.  Immerhin  scheint  mir  doch  nach  den  neueren 
Untersuchungen  von  Flegel-)  die  Wahrscheinlichkeit  eine 
ziemlich  grolse.  Bemerkenswert  ist  besonders,  dafs  sich 
die  feinklastischen  Sedimente  am  Ende  des  Cenomans  und 
am  Beginn  des  Turons  hier  so  weit  gegen  einander  vor- 
schieben. Sie  sind  in  beiden  Mulden  noch  in  den  äufsersten 
einander  zugekehrten  Zipfeln  zur  Ablagerung  gelangt;  so 
ist  das  obere  Cenoman  (Plenus-Zone)  in  der  Lähner  Kreide 
am  Grünauer  Spitzberg  als  Mergel,  in  der  Adersbach- 
Weckelsdorfer  Kreide  bei  Grüssau  als  Plänersandstein,  die 
Labiatus-Zone  am  Grünauer  Spitzberg  als  Mergelsandstein, 
bei  Grüssau  als  Pläner  entwickelt.  Die  Entfern img  beider 
beträgt  nur  etwa  30  km.  In  der  Brongniarti-Zone  ist  dieser 
Meeresarm,  der  also  die  „Riesengebirgsinsel"  südösthch 
umschlang,  dann  zeitweise  versandet,  wie  die  Vorkommen 
von  Brogniarti- Quader  beweisen,  ob  bis  zur  völligen  Aus- 
füllung, ist  nicht  zu  sagen. 

Dieser  Meeresarm  dürfte  nicht  allzu  breit  gewesen  sein, 
denn  bereits  wenig  weiter  gegen  Südosten  ragte  oifenbar 
eine  zweite  alte  Laudmasse  aus  dem  Kreidemeere 
heraus,  die  in  gleicher  Weise  wie  die  Riesengebirgsinsel 

1)  Parts ch,  Schlesien  S.  149. 

Heuscheuer  und  Adersbach -Weckelsdorf.  Eine  Studie  über  die 
obere  Kreide  im  böhmisch -schlesischen  Gebirge.  Festschr.  d.  schles. 
Ges.  f.  vaterl.  Kultur  z.  Tagung  d.  deutsch,  geol.  Ges.  in  Breslau, 
Sept.  1904,  III. 


Sudetische  prätertiäre  junge  Krustenbewegungen  usw. 


333 


334 


Hans  Scupin, 


[U] 


durch  Absinken  der  umgebenden  Landschollen  als  Pfeiler 
stehen  geblieben  war  (vgl.  vorstehende  Kartenskizze.) 

Auch  hier  sind  es  die  Faziesverhältnisse,  der  Aders- 
baeh-Weckelsdorf er  sowie  der  Heuscheuer  Kreide, 
die  auf  eine  derartige  Landmasse  hinweisen.  Wie  Petra- 
schek')  und  Flegel 2)  erkannten,  geht  der  Turonquader 
auf  der  Südwestseite  der  Wünschelburger  und  Braunauer 
Lehne  infolge  von  Fazieswechsel  in  Mergel  über.  In 
gleicher  Weise  hat  Sturm  auf  das  Vorhandensein  sandiger 
Bildungen  in  der  Brongniarti-Zone  westlich  und  nordwestlich 
Habelschwerdt  hingewiesen,  während  diese  weiter  südlich 
mergelig  entwickelt  ist.  Wir  gelangen  also  auch  hier  zu 
der  Vorstellung  einer  Landmasse  im  Nordosten,  die 
etwa  im  Eulengebirge,  sowie  den  später  durch  den  ost- 
sudetischen  Randbruch  getrennten  Reichenbacher  und 
Strehlener  Gneisen  gesucht  werden  könnte. 

Im  tiefsten  Turon  und  wenigstens  in  der  obersten  Sca- 
phiten-Zone  ist  ein  solcher  Fazieswechsel  innerhalb  des 
einen  Horizontes  nicht  wahrzunehmen;  der  Inoceramus 
Brongniarti  führende  Quader  wird  sowohl  von  Mergeln  unter- 
wie  überlagert  und  wir  müssen  daher  annehmen,  dafs  vorher 
und  nachher  die  Küste  weiter  gegen  Nordost  vorgeschoben 
war  und  die  hier  gebildeten  grobklastischen  Küstensedimente 
der  Erosion  zum  Opfer  gefallen  sind.  Das  unterste 
Turon  ist  hier  ebenso  wie  die  jüngere  Scaphiten- 
Zeit  und  auch  vorher  schon  das  oberste  Cenoman  eine 
Periode  verstärkter  positiver  Strandverschiebung, 
die  Brongniarti-Zeit  eine  Periode  verstärkter  Sedi- 
mentation, die  möglicherweise  noch  bis  in  die  ältere  Sca- 
phiten-Zeit  hineinreicht.*)  Ob  sich  auch  hier  wie  in  Sachsen 

^)  Zur  Geologie  des  Heuscheuergebirges.  Verhandl.  d.  k.  k.  geol. 
Reichsanst,  1903,  N.  13. 
2)  a.  a.  0.  S.  17. 

')  Der  Sandstein  von  Kieslingswalde  in  der  Grafschaft  Glatz  und 
seine  Fauna.   Jahrb.  d.  preufs.  geol.  Landesanst.  1900,  S.  43. 

*)  Flegels  Brongniarti-Pliiner  in  der  Heuscheuer  uuafafst,  wie  ich 
glaube,  noch  die  Labiatus-Zone,  der  vielleicht  auch  noch  der  unterste 
Teil  des  sie  im  Nordosten  des  Gebietes  überlagernden  Quaders  an- 
gehört. Andererseits  könnte  dieser  Quader  möglicherweise,  was  jedoch 
nicht  erwiesen  ist,  ähnlich  wie  in  den  sog.  Brongniartischichten  in 


Sudetische  prätertiäre  junge  Krustenbewegungen  usw.  335 


und  an  anderen  Punkten  der  Iserschichten  Böhmens  infolge 
erneuten  Vordringens  des  Meeres  wieder  Mergel  zwischen 
die  sandigen  Schichten  des  Unter-  und  Mittelturons  drängen 
(Brongniarti-Mergel  s.  str.  des  hohen  Schneeberges,  Zwischen- 
pläner  der  Iserschichten)*)  ist  auch  nach  den  Untersuchungen 
Flegels  noch  nicht  entschieden. 2) 

Die  eben  genannte  Landmasse  im  Nordosten  der  Aders- 
bach-Weckelsdorfer  und  Heuscheuer-Kreide  stellt  wohl  einen 
Teil  eines  Festlandes  dar,  das  sich  zwischen  die  ober- 
schlesischen  und  böhmischen  Kreideablagerungen 
schob  und  das  auch  aus  faunistischen  Gesichts- 
punkten heraus  vermutet  werden  kann.  Leonhard^)  hat 
in  seiner  Abhandlung  über  die  oberschlesische  Kreide  bereits 
darauf  hingewiesen,  dafs  wohl  das  oberschlesische  Kreide- 
meer in  keinem  unmittelbaren  Zusammenhange  mit  dem 
böhmischen  bezw.  dem  Löwenberger  gestanden  habe,  und 
dafs  vielmehr  engere  faunistische  Beziehungen  zu  den  bal- 
tischen Kreideablagerungen  vorhanden  seien.  Die  Neu- 
bearbeitung der  Löwenberger  Fauna  hat  diese  Auffassung 
bestätigt.  Es  fehlen  in  Oberschlesien  die  für  die  Scaphiten- 
zone  der  böhmisch- sächsisch -niederschlesischen  Kreide  so 
bezeichnenden  Formen  wie  Nucula  producta  aud.*)  Leda 

Sachsen,  noch  in  die  Scaphiten-Zone  hineinreichen,  da  nach  Jahn  (Jahrb. 
der  k.  k.  geol.  Reichsanstalt,  1895,  S.  215)  auf  den  Iserschichten,  zu  denen 
der  Quader  gehört,  im  östlichen  Böhmen  nirgends  Teplitzer  Schichten 
(untere  Scaphiten-Zone)  beobachtet  sind.  Alle  früher  als  Teplitzer 
Schichten  angesprochenen  Schichten  über  den  Iserschichten  haben  sich 
vielmehr  als  Priesener  Schichten  (obere  Scaphitenschichten  bezw.  Mergel 
von  Zatzschke  +  Cuvieri-Zone)  erwiesen.  Es  ist  daher  auch  nicht  aus- 
geschlossen, dafs  auch  an  der  Heuscheuer  die  den  Quader  über- 
lagernden Mergel  erst  dem  oberen  Scaphitenhorizont  zuzurechnen  sind, 
dessen  untere  Abteilung  dann  im  Nordosten  noch  sandig  vertreten  wäre. 

Fritsch,  Iserschichten,  Archiv  für  Landesdurchforschung  v. 
Böhmen,  V,  1883,  S.  5. 

^)  Die  Kreide  an  der  böhmisch -schlesischen  Grenze,  Jahrb.  d.  k. 
k.  geol.  Reichsanstalt,  Bd.  55,  1905,  S.  55. 

^)  Die  Fauna  der  Kreideformation  in  Oberschlesien,  Paläonto- 
graphica,  44,  1897/98,  S.  20. 

*)  Besser  mit  dem  neuen  Namen  Nucula  productotdes  zu  bezeichnen, 
unter  dem  sie  in  der  angekündigten  Abhandlung  beschrieben  und  ab- 
gebildet ist. 


336 


Hans  Scupin, 


[16] 


semüunaris  Reufs,  Pleurotomaria  haculitarum  Gein.,  Ben- 
taliuni  medium  Sow.;  umgekehrt  ist  Ananchytes  ovata  Leske 
Oberschlesien  und  Wollin  gemeinsam,  während  diese  sonst 
so  häufige  Form  in  der  böhmisch-sächsisch-niederschlesischen 
Entwicklung  der  Kreide  fehlt. 

Im  Süden  legt  sich  zwischen  die  glätzischen  und  ober- 
schlesischen  Kreideablagerungen  das  Reichensteiner  und 
Altvatergebirge,  die  als  südliche  Fortsetzung  dieser 
Landmasse  aufgefafst  werden  können.  Diese  kann  hier 
stellenweise  nur  eine  geringe  Breite  gehabt  haben.  Die 
Entfernung  zwischen  der  Kreide  bei  Leobsehütz  und  den 
Kreideablagerungen  im  Graben  der  Glatzer  Neifse  bei 
Kieslingswalde  beträgt  nur  etwa  80  km.  Nun  ist  der,  wie 
bekannt,  zum  Emscher  gehörige  Kieslingswalder  Sandstein, 
der  sich  natürlich  noch  über  seine  jetzigen,  durch  Brüche 
bezeichneten  Grenzen  hinaus  erstreckt  haben  mufs,i)  sieher 
bereits  in  gröfserer  Küstennähe  zur  Ablagerung  gelangt  als 
das  ihn  unterlagernde  mergelige,  mittlere  und  obere  Turon, 
die  Kieslingswalder  Tone,  die  den  böhmischen  Teplitzer 
und  Priesener  Schichten  entsprechen.  Der  trennende  Land- 
streifen mufs  also  am  Ende  der  Turonzeit  eine  noch  ge- 
ringere Breitenausdehnung  gehabt  haben. 

Nach  Norden  hin  könnte  sich  diese  Landmasse  vom 
Eulengebirge  über  das  Zobtengebirge  und  etwa  den 
Granit  und  die  alten  Schiefer  bei  Striegau - Jauer 
fortgesetzt  haben.  Weiter  nördlich,  östlich  von  Goldberg, 
war  die  Landmasse  dann  wohl  ebenfalls  zum  grofsen  Teil 
aus  den  alten  Schiefern  der  niederschlesischen 
Tonschieferformation  zusammengesetzt. 

Auch  hier  im  Löwenberger  Becken^)  weist,  wie  schon 
oben  angedeutet,  die  Zunahme  des  grobklastischen 
Charakters  der  Kreideablagerungen  in  verschiedenen 
Zonen  nach  Osten  auf  ein  dort  liegendes  Festland 
hin,  eben  dieser  nördlichen  Forsetzung  der  Eulengebirgs- 

Vgl.  Sturm,  Der  Sandstein  von  Kieslingswalde  und  seine 
Fauna,  Jahrb.  d.  preufs.  geol.  Landesanstalt,  21,  19üü,  S.  39. 

Nicht  „Löwenberger  Bucht",  wie  ziemlich  allgemein  auch  noch 
in  neueren  Werken  zu  lesen.  Dafs  es  sich  hier  nicht  um  eine  solche 
handelt,  ergibt  sich  aus  den  obigen  Ausführungen. 


fl7]      Siidctisfhü  prätertiäre  junge  Krustenbeweguiigen  usw.  337 

landmasse,  die  wohl  als  im  Süden  wnrzelude  Halbinsel  an- 
zusehen ist. 

Bereits  am  Ende  des  Cenomans  zeigt  sieb  eine  Fazies- 
verschiebung in  der  genannten  Kicbtung,  indem  der  Pläner 
der  Plenus-Zone  in  der  Goldberger  Gegend  teilweise  durch 
Plänersandsteiu  ersetzt  wird.i)  In  gleicher  Weise  ist  die 
Labiatus-  und  ßrongniarti-Zone  bei  Löwenberg  als  Mergel- 
sandstein entwickelt,  der  zwischen  Löwenberg  und  Gold- 
berg durch  einen  mittel-  bis  grobkörnigen,  stellenweise 
konglomeratische  Bänke  enthaltenden  Sandstein  (Raben- 
dockensandstein) vertreten  wird  und  besonders  schön  im 
Katzbachtal  sowie  östlich  desselben  autgeschlossen  ist. 
Ebenso  scheinen  die  tonigen  Mergel  der  oberen  Scai)hiten- 
zone  (Gr.-Raekwitzer  Scaphitenmergel  =  Baculitenmergel 
von  Zatzschke)  unweit  Löwenberg,  im  Osten  in  der  Gold- 
berger Gegend  nicht  mehr  vorhanden  zu  sein,  hier  wurden  in 
der  Scaphiten-Zone  nur  Mergelsandsteine  beobachtet.  Wie 
sich  die  Halbinsel  weiter  nach  Norden  erstreckt  hat,  ist 
natürlich  nicht  zu  sagen. 

Die  Senkung  des  Gebietes  in  der  Umgebung  der 
eben  geschilderten  Landmassen  hielt  während  des 
ganzen  Cenomans  und  Turons  an  und  kam  erst  im 
Laufe  des  Senons  zum  Stillstand.  Durch  die  Senkung 
des  Mündungsgebietes  der  einmündenden  Flüsse  wurde  deren 
Gefälle  und  damit  ihre  erodierende  Kraft  erhöht,  und  es 
zeigt  sieh  nunmehr  gewissermafsen  das  Bestreben,  die 
Senkung  des  Meeresgrundes  durch  vermehrte  Sedimentation 
wieder  auszugleichen,  wobei  bald  die  erstere  bald  die  letztere 
das  Ubergewicht  erlangt. 

Gegen  Ende  des  Cenomans  ist  infolge  des  Vorrückens 
des  Meeres  im  weiteren  Umkreis  der  geschilderten  Landmassen 
feinklastisches  Material  auf  dem  gröberen  des  tieferen 
Cenomans  niedergeschlagen  worden;  es  bilden  sich  die  Pläner 
und   etwas   weiter  gegen  die  Küste  hin   die  Plänersand- 

^)  Vgl.  Scupin,  Die  Gliederung  der  Schichten  in  der  Goldberger 
Mulde,  Zeitschr.  d.  deutsch,  geol.  Ges.,  1902,  S.  1U6  und  Zimmer- 
mann, Der  Bau  der  Gegend  bei  Goldberg,  Jahrb.  d.  preuls.  geolog. 
Landesanst.  für  1902  (1905),  S.  679;  ferner  Scupin,  Neues  Jahrb.  f.  Min., 
Beil.  24,  1907,  S.  679. 

Zeitsclir.  f.  Naturwiss.    Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  22 


338 


Hans  ScuriN, 


[18] 


steine  der  Plenus-Zoue  in  Sachsen,  Böhmen  und  Nieder- 
schlesien. 

Vom  Turon  an  beginnt  allmählich  die  Aufschüttung 
zuzunehmen,  die  nun  an  der  Küste  stärker  wird  als  der 
Betrag  der  Senkung.  Neue  Sandraassen  schieben  sich  über 
das  feine  Material  der  Plenus-Zone  und  rücken  allmählich 
von  der  Küste  aus  vor;  es  entstehen  der  Labiatus-  und 
Brongniarti- Quader  Sachsens,  die  Iserschichten  Böhmens, 
denen  auch  der  oben  genannte  Brongniarti-Quader  der  Aders- 
bach-Weckelsdorfer  Felsen  und  der  Heuscheuer  zuzuzählen  ist, 
und  der  sog.  Rabendocken- Sandstein  der  Löwenberger  Kreide 
in  der  Katzbach-Gegend.  Erst  in  etwas  gröfserer  Entfernung 
von  der  Küste  werden  diese  Sandmasseu,  bei  denen  vielleicht 
auch  ins  Meer  gewehte  Dünen  eine  Rolle  gespielt  haben 
mögen, ')  wieder  durch  Sedimente  mergeligen  Charakters  ver- 
treten, die  Labiatus-,  Brongniarti-  und  Scaphiten-  (Strehlener) 
Mergel  in  Sachsen  und  Nordböhmen,  die  Weissenberger, 
Malnitzer  und  Te])litzer  Schichten  Böhmens,  die  Mergel- 
sandsteine der  Löwenberger  Gegend  und  weiter  südlich  der 
Lähner  Mulde.  Während  diese  im  Norden  sich  bald  weiter 
vorschieben,  bald  wieder  mehr  vom  Gebirge  entfernen,  in 
mehrfacher  Wechsellagerung  mit  sandigen  Ablagerungen, 
schliefslich  aber  im  mittleren  Turon  (untere  Seaphiten-Zone) 
den  vordringenden  Sandmassen  weichen,  macht  das  Meer 
in  Schlesien,  wo  der  Labiatus-  und  Brongniarti-Quader  der 
Katzbach-Gegend  (Rabendockensandstein)  wieder  von  mer- 
gelig-sandigen Schichten  (Hermsdorfer  Mergelsandstein)  über- 
lagert wird,  am  Beginn  der  Scaphiten-Zone  wieder  weitere 
Fortsehritte.  Nicht  ganz  sicher  ist  der  Zeitpunkt  des  er- 
neuten Vordringens  des  Meeres  südwestlich  des  Eulengebirges  -) 
im  Heuscheuer- Gebirge  und  bei  Adersbach -Weckelsdorf. 

Allgemein  wird  das  Vorrücken  des  Meeres  jedoch  erst 
gegen  Ende  des  Turons  (obere  Scaphiten-Zone).  In  Schlesien 
legt  sich  über  den  stellenweise  auch  reine  Sandsteinbänke 
enthaltenden  Löwenberger  Mergelsandstein  der  stark  thonige 

>)  Eine  AuffassuDg,  der  Herr  Professor  J.  Walt  her  in  der  Dis- 
kussion dieses  Vortrages  Aiisdrucli  gab  und  die  jedenfalls  nicht  von 
der  Hand  zu  weisen  ist. 
Vgl.  S.  334. 


[19|      Sudetiseyie  prätortiäre  junge  Krustenbewegungen  usw.  339 

Scaphiten  -  Mergel  von  Grol's  -  Rackwitz ,  iu  Sacbsen  schiebt 
sich  der  ])etrügra])hi8ch  iiud  faimistisch  vollstäudig-  gleich 
artige  Bakuliteu-Mergel  von  Zatzschke  weit  über  die  Saiid- 
massen  des  Broiigniarti-Quaders  der  sächsischen  Schweiz. 
In  Böhmen  zeigt  sich  das  gleiche  Schauspiel.  W  ie  die 
Karten  des  Komitees  für  Landesdurchforschimg  von  Böhmen 
erkennen  lassen,  ist  keines  der  älteren  mergeligen  Schichten- 
systeme so  weit  gegen  das  Gebirge  vorgeschoben  wie  die 
Priesener  Schichten,  deren  tiefsten  Horizont  die  Baku- 
liten-Mergel  von  Zatzschke  darstellen,  die  hier  vielfach  die 
sandigen  Iserschichten  überlagern.  Eine  an  Fischen  und 
Cephalopoden  reiche  Fauna  nimmt  ihren  Einzug.^)  In  dieser 
Zeit  dürfte  die  gröfste  Meerestiefe  der  ganzen  Kreide- 
trausgression  in  Sachsen  und  Schlesien  erreicht  sein. 

Von  jetzt  ab  zeigt  sich  hier  ein  ziemlich  stetiges  Flaeher- 
werden,  das  nur  geleutlich  zum  Stillstand  kommt  und  vielleicht 
auch  wiederum  einen  kleinen  Rückschritt  erfährt.  Es  erfolgt 
wieder  stärkere  Zufuhr  gröberen  klastischen  Materials,  neue 
Sandmassen  schieben  sich  in  Sachsen  über  die  mergeligen 
Ablagerungen  der  jüngsten  Scaphiten-Zone,  es  entsteht  der 
sächsische  Uberquader.  Derselbe  Vorgang  vollzieht  sich  in 
der  nördlichen  sehlesischen  Kreide,  wo  sich  ein  ebenfalls 
zur  Cuvieri-Zone  gehöriger  Quader,  der  Ludwigsdorfer  Sand- 
stein über  die  Gr.- Rackwitzer  Scaphiten-Mergel  legt.  Be- 
merkenswert ist  das  Auftreten  zahlreicher  Kaolinpartikelchen 
in  dem  eiugespülten  Material,  während  solche  in  den  älteren 
Sandsteinen  des  Mittelturons  nur  ausnahmsweise  auftreten. 
Immer  gröfsere  Flächen  des  krystallinen  Gebirges  der 
Riesengebirgsinsel  seheinen  jetzt  freigelegt  zu  werden,  wenn 
auch  die  Kaolinbildung  erst  im  Untersenon  einen  erheblicheren 
Umfang  erreicht. 

Während  in  Sachsen  2)  die  Kreide  mit  dem  Turon  ab- 
schliel'st,  läfst  sich  die  geologische  Entwicklung  in  Schlesien 
noch  weiter  verfolgen,  wo  im  unteren  Emscher  die  be- 

•)  Auffallend  ist  übrigens  die  Kleinheit  sehr  vieler  Arten. 

'■')  Dafs  in  der  sächsischen  Kreide  Senon  nicht  vorhanden  ist,  wie 
dies  u.  a.  neuerdings  auch  Reinisch  noch  in  seiner  Geologie  der 
deutschen  Mittelgebirge  angibt,  glaube  ich  in  dem  oben  genannten  Auf- 
satz einwandsfrei  bewiesen  zu  haben. 

22* 


340 


Hans  Scupin, 


[20J 


kannten  Neu -Warthauer- Schichten,  wenn  auch  toniger,  als 
die  vorgenannten  Sandsteine  nnd  gelegentlich  mergelig-sandig 
werdend,  durch  die  eingesehwenimten  Reste  von  Landpflanzen, 
Blätter  und  Zweige.  Zeugnis  für  die  Nähe  des  Landes  ab- 
legen. Noch  deutlicher  kommt  die  Küsteunähe  zum  Ausdruck 
in  den  sich  auflegenden,  wieder  rein  sandigen,  lokal  sogar 
konglomeratischen  Schichten  des  oberen  Emschers,  des  sog. 
schlesischen  Oberquaders,  in  dem  sich  ebenfalls  derartige 
Pflanzenreste,  sowie  besonders  auch  dickschalige  Gastro- 
poden (Nerineen  und  Omphalien),  zum  Teil  in  massenhafter 
Anhäufung,  und  widerstandsfähigere  Zweischaler  {Ostreen, 
Tanopaeen)  finden.  Vielleicht  darf  man  ans  dem  Auftreten 
konglomeratischer  Bänke  in  diesen  Schichten  im  Norden 
des  Gebietes  bei  Nieder-Bielau  an  der  Neisse  im  Gegensatz 
zu  den  weiter  südöstlich  gelegenen  Gegenden  der  Mulde, 
wo  Konglomerate  erst  wieder  im  Untersenon  (Uberquader) 
auftreten,  den  Schlufs  ziehen,  dafs  die  Verlandung  im  Norden 
schnellere  Fortschritte  gemacht  habe  und  erst  allmählich  auch 
mehr  gegen  Nordosten  bezw.  Osten  vorgedrungen  sei. 

Anders  wie  in  Sachsen  und  im  nördlichen  Schlesien 
äufserte  sich  die  Strandverschiebung  im  gröfsten  Teile 
Böhmens  und  dem  südlichen  Schlesien,  in  der  Grafschaft 
Glatz.  Das  Meer  behielt  hier  noch  länger  seine  bedeutendere 
Tiefe.  Wohl  treten  auch  in  Böhmen  in  der  Nähe  des  alten 
Gebirges  am  Schlüsse  der  Turonzeit  sandige  Bildungen  auf 
—  das  Vorkommen  von  Turnau  bei  Vorderrad  und  Zbiroh 
am  Jeschkengebirge  wurde  schon  erwähnt  — ,  doch  dringen 
auch  in  weit  gegen  das  Gebirge  vorgeschobenen  Gegenden, 
in  der  Heuscheuer,  bei  Kieslingswalde,  bei  Kreibitz  erst 
gegen  Beginn  des  Senons  im  Emscher  wieder  küstennahe 
Sedimente  rein  sandigen  Charakters  über  die  mergeligen 
der  Scaphiten-  und  Cuvieri-Zeit  vor,  wenn  auch  bei  Kieslings- 
walde die  Cuvieri-Zone  (obere  Kieslingswalder  Tone)  bereits 
etwas  sandiger  als  die  Scaphiten  -  Zone  (untere  Kieslings- 
walder Tone)  entwickelt  ist.  Noch  weiter  westlich  sind  viel- 
leicht, was  noch  nicht  sicher  zu  entscheiden,  auch  nach 
Beginn  des  Senons  küstenfernere  Sedimente  (oberste  Priesener 
Schichten?)  abgelagert  worden,  so  dafs  dann  also  die  Ver- 
landung hierher  noch  später  vorgedrungen  wäre. 


[21]      SiKit'tisclie  prätcrtiiiro  Krustenhevvegiingen  usw.  341 


lü  8clile8icu,  wo  die  geologischen  Urkunden  am  weitesten 
rciclieii,  hat  das  Land  wohl  am  Hegiuu  des  Uuterseuons, 
wie  schon  angedeutet,  bereits  einen  Zuwachs  erfahren.  Es  hat 
sich  ein  schlammiges  Becken  gebildet,  in  dem  Brackwasser- 
muscheln stellenweise  in  grofsem  Individuenreichtum  aber 
artenarm  erscheinen.  In  massenhaften  Anhäufungen  bedeckt 
Cyrena  cretacea  Dresch.  den  zeitweise  aus  feinstem  Tou- 
schlamm  bestehenden  Boden  dieses  Beckens;  nur  einige  in 
stärker  salzigem  Wasser  heimische,  schon  aus  den  älteren 
Meeresablageruugen  bekannte  Tiere  sind  daneben  noch  zu 
finden,  wenige  davon  wie  Cardium  pectiniforme  J.  Müll, 
auch  in  gröfserer  Häufigkeit.  Die  eingeschwemmten  Land- 
pflanzenreste häufen  sich.  Blätter,  Zweige  und  auch  gröfsere 
Stamrastücke  sind  den  eingespülten  Ton-  und  Sandmassen 
beigemengt,  daneben  auch  feine  Partikelchen  von  Pflanzen- 
resten, die  stellenweise.  Jedoch  immer  nur  während  relativ 
kurzer  Zeit  allein  das  Material  der  Sedimentbildung  aus- 
machen und  die  hier  vorkommenden  nur  wenig  mächtigen, 
höchstens  etwas  mehr  als  V2  m  erreichenden  Kohlenflöze 
bilden. 

Ich  halte  diese  Kohlen,  wie  an  anderer  Stelle')  aus- 
einandergesetzt, im  wesentlichen  nicht  für  autochthon. 
Nirgends  wurden  etwa  Wurzeln  im  Liegenden  oder  sonstige 
für  Authochthonie  sprechende  Merkmale  beobachtet,  dagegen 
spricht  für  Allochthonie  die  Beschaffenheit  der  liegenden, 
durch  Kohle  verunreinigten  Bildungen,  die  echte  mechanische 
Ablagerungen  sind  und  stellenweise  durch  Abnahme  der 
beigemengten  anorganischen  Sedimente  in  die  Kohle  über- 
gehen, ferner  die  ünregelmäfsigkeit  in  der  Verbreitung  der 
meist  nur  auf  kurze  Strecken  hin  aushaltenden  Kohlen- 
flöze und  der  sie  einschliefsenden  Sedimente.  An  der 
angegebenen  Stelle  ebenfalls  erwähnt  wurde  auch  das  Auf- 
treten von  Kaolinen  an  sekundärer  Lagerstätte,  das  zu 
meiner  Auffassung  gut  pafst,  nach  der  hier  besonders 
umgelagerte  Moore  bei  der  Kohlenbildung  eine  Rolle  ge- 
spielt haben. 


')  Die  Entstehung  der  niederschlesisclien  Senonkohlen,  Zeitschr. 
f.  prakt.  Geologie  1910,  Julilieft  S.  254. 


342 


Hans  Scupin, 


[22] 


Dafs  iu  diese  ßeoken,  wohl  iufolgc  weiterer  Senkung 
des  Meeresbodens,  vielleielit  ancli  iufolg;e  klimatischer 
Änderungen,  gelegentlich  wieder  das  Meerwasser  eindrang, 
zeigt  das  Auftreten  von  Sandsteinen  mit  reicher  mariner, 
wenn  auch  dem  flachen  Meere  angehöriger  Fauna,  in  der 
besonders  Zweischaler  sowie  auch  Schnecken  eine  Rolle 
spielen,  während  Cephalopoden  bemerkenswerter  Weise  so 
gut  wie  ganz  fehlen;  nur  ein  einziger  kleiner  Hamitenrest 
wurde  in  der  grofsen  Menge  der  tierischen  Reste  gefunden. 
Hier  weicht  der  Individuenreichtum  bezeichnenderweise 
wieder  der  Artenfülle  des  normal  gesalzenen  Wassers. 
Klockei)  hat  die  Vermutung  ausgesprochen,  dals  der  Ein- 
bruch des  Meeres  vielleicht  auch  durch  Stürme  bedingt  ge- 
wesen sein  könnte,  doch  glaube  ich,  dafs  diese  im  vor- 
liegenden Falle  nicht  allein  zur  Erklärung  ausreichen  würden. 

Im  Untersenon  reifst  der  Faden  der  geologischen  Über- 
lieferung für  das  ganze  Kreidegebiet  in  der  Umgebung  der 
Sudeten  ab:  was  später  noch  zur  Ablagerung  gelangte,  ist 
der  Erosion  zum  Opfer  gefallen. 

Man  ist  vielfach  geneigt,  den  Wechsel  mergeliger  und 
sandiger  Schichten  auf  eine  oszillierende  Bewegung  der 
Küste  bezw.  auf  abwechselnde  Hebungen  und  Senkungen 
zurückzuführen.  In  der  sUdostdeutschen  Kreide,  wie 
man  die  schlesisch-sächsisch-bohmische  Kreide  einschliefslich 
der  fränkischen  zweckmäfsig  vielleicht  bezeichnet,  wenn  man 
nicht  etwa  den  Ausdruck  „sudetische  Kreide"  vorzieht,^) 
ist  eine  Annahme  wiederholter  Hebung  und  Senkung 
jedenfalls  nicht  nötig. 

Der  mannigfache  Wechsel  von  Mergeln  und  Sandsteinen 
läfst  sich  hier  unschwer  durch  einen  einheitlichen  Vorgang 
erklären,  durch  einen  Kampf  zwischen  Senkung  und 
Aufschüttung.  Erstere  verursacht  lokal  positive  Strand- 
verschiebung, auf  die  ganze  Fläche  des  Meeres  bezogen, 
dem  dadurch  neue  Gebiete  erschlossen  werden,  dagegen 

Lausitzer  Magazin,  Bd.  41,  S.  200. 

Die  mitunter  gebrauchte  Bezeichnung  „hercynische  Kreide" 
für  das  ganze  Gebiet  scheiut  mir  nicht  empfehlenswert,  wenn  man  den 
Begriff  hercynisch  im  Sinne  von  Lepsius  (Geologie  von  Deutschland, 
II,  S.  3)  fafst. 


[23]      vSudetisclii;  i)riitortilirc  Junge  Knistcnbewegiiiif^cn  usw.  343 

entsprecliend  verniindertc,  oft  wohl  nur  minimale,  negative 
Straudverscliiebuugeu.  Letztere  veraulal'st  lokal  ein  Zurück- 
weichen des  jMeeres,  auf  die  ganze  Meeresfläche  bezogen 
dagegen  ein  entsprechend  minimales,  erst  durch  ihre  Dauer 
wirksam  werdendes  Vordringen  desselben.  Erhält  die  Senkung 
das  Übergewicht,  immer  neue  Küstengebiete  in  Mitleiden- 
schaft ziehend,  so  schieben  sich  die  küstenferneren  mer- 
geligen Ablagerungen  über  die  küstennahen  sandigen  fort, 
erhält  die  Aufschüttung  durch  die  Senkung  des  Küsten- 
gebietes infolge  nunmehr  stärker  wirkender  Erosion  die 
Oberhand,  so  schieben  sich  umgekehrt  die  küstennahen 
Sandmassen  über  die  küstenferneren  mergeligen  der  ver- 
flossenen Periode. 

In  der  oberen  Kreide  ist  es,  wie  auseinandergesetzt, 
besonders  die  Zeit  des  oberen  Cenomans  und  der  oberen 


et  e  SU 


Fig.  2.    Schematischc  Darstellung  der  Veränderung  der  Mecrestiefe 
während  der  oberen  Kreide  für  die  Gegend  zwischen  Bunzlau  und 
Löwenberg  in  Schlesien 
c   =  Cenoman  sc  =  Scapliiten-Zone 

pl  =  Plenus-Zone  e    =  Emscher 

t   =  Turon  sn  =  Untersenon 

Scaphiten-Zone,  Inder  die  Senkung  ein  merklicheres 
Übergewicht  über  die  Aufschüttung  erlangt  und  ein  stärkeres 
Vordringen  gegen  die  stehengebliebenen  alten  Landmassen 
erfolgt.  Andererseits  ist  der  Rückzug  des  Meeres  am  Ende 
der  Kreidezeit  wohl  im  wesentlichen  durch  Verlandung  zu 
erklären,  die  von  den  Landmassen  aus  allmählich  vor- 
schreitet. 

Die  Verschiebungen  in  der  Meerestiefe  lassen  sich  durch 
obenstehende  Kurve  zum  Ausdruck  bringen,  die  etwa  für  die 
Gegend  zwischen  Bunzlau  und  Löwenberg  in  Schlesien  zu- 
trifft, wo  die  Schichtenfolge  am  vollständigsten  entwickelt  ist. 

Überblicken  wir  noch  einmal  das  oben  Gesagte,  so 
sehen  wir  zunächst  eine  ältere,  verhältnismäfsig  schwache 


34  4       11.  ScupiN,  Siuiet.  priitert.  JmifiH;  Knistimbi'wcg.  usw. 


Krusteubewegilug  wahrscbciulicli  spätjurassischen 
oder  altkretaeischen  Alters.  Ihr  folgte  eine  stärkere 
mit  dem  Cenoman  einsetzende  Krustenbewegung, 
die  das  Absinken  greiser  Sehollen  in  der  Umgebung 
einerseits  des  Riesen-  und  Isergebirges,  anderseits 
der  geschilderten  schmalen,  sich  vom  Altvater- 
gebirge über  das  Eulengebirge  gegen  Norden  er- 
streckenden Landmasse  zur  Folge  hatte  und  den 
Einbruch  des  Kreidemeeres  wohl  ganz  allein  ver- 
anlafste. 

Die  Hauptteile  des  böhmisch- schlesischen 
Greuzgebirges  waren  nach  oben  Gesagtem  also 
bereits  zur  Kreidezeit  vorhanden,  und  zwar  in  zwei 
getreuuteu  Massen.  Erst  die  tertiäre  Faltung  aber 
hob  sie  an  der  nordost-sudetischen  Handlinie  zusammen  mit 
den  inzwischen  gebildeten  Kreiueablagerungen  stärker  heraus 
und  schweil'ste  sie  am  Landeshuter  Pafs  zu  dem 
heutigen  grol'sen  Gebirge  zusammen. 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 

von 

Johannes  Liebe,  Gandersheim 

Mit  16  Figuren  im  Text 

Die  Dipteren -Gattung  Simulia  (oder  SimuUum)  ist  in 
weiten  Kreisen  bekannt  geworden  durch  den  Schaden, 
welchen  die  Imago  von  Simulia  columhaczensis  Öcbönbauer 
unter  den  Viehherden  Serbiens,  Ungarns  und  Rumäniens 
gestiftet  hat  und  noch  immer  von  neuem  anrichtet,  ohne 
dafs  man  imstande  wäre,  dieser  Gefahr  wirksam  entgegen- 
zutreten. Nach  der  Berechnung  des  Bezirks -Physikus 
Dr.  Medovicsi)  beträgt  der  Schaden  in  Serbien  jährlich 
drei  Millionen  Kronen  im  Rinderbestande.  Daneben  fallen 
den  Mücken  aber  noch  recht  erbebliche  Mengen  von 
Pferden,  Schafen  und  Schweinen  zum  Opfer.^)  Ausführliches 
über  die  bisherigen  Forschungen  über  diese  Mücke  findet 
sich  zum  gröfsten  Teile  in  Werken  ungarischer  Zunge, 
speziell  in  denen  des  früh  verstorbenen  Gelehrten  Dr. 
E.  TÖMÖSVARY,  welcher  sich  auch  um  die  Entwicklungs- 
geschithte  dieser  Art  grofse  Verdienste  erworben  hat,  da 
er  „1883  im  Auftrage  des  ungarischen  Aekerbauministers 
an  der  unteren  Donau  nahezu  drei  Monate  ausschliefslich 
dem  eingehenden  Studium  dieser  Mücke  oblag".!).  Auf  grund 
seiner  Veröflfentlichungen  und  hinterlassenen  Aufzeichnungen 


')  V.  Aigner-Abafi,  „Die  Kol.  Fliege".  Allgem.  Zeitschr.  für 
Entomologie.    Neudamm  1903,  Nr.  5,  6/7. 

Vgl.  F.  Plettke,  „Über  das  massenhafte  Auftreten  einer  Simulie 
in  Nordwestdeutschland.  Jahrb.  d.  ver.  Naturf.  a.  d.  Unterweser.  1901,02, 
S.  44—47. 


346 


Johannes  Liebe, 


[2] 


stellte  Dr.  G.  Horväth  eine  Lebensgeschichte  der  Mücke 
zusauimen.  Im  8.  Baude  der  allgemeinen  Zeitschrift  für 
Entomologie,  Neudamm  1903,  Nr.  5  und  6/7  hat  der  Buda- 
pester Gelehrte  L.  v.  Aigner -Abafi  eine  deutsche  Über- 
setzung dieser  interessanten  Arbeit  sowie  auch  die  nötigen 
Literaturnachweise  für  die  älteren  Aufzeichnungen  über 
dieses  Thema  gegeben. 

Diese  sämtlichen  Veröffentlichungen  bringen  indessen 
keine  Beschreibung  des  feineren  Baues  der  Larve  oder  der 
Puppe  des  Insekts.  Vielmehr  scheinen  gerade  die  relativ 
vollständigsten  Beobachtungen,  die  von  G.  Horvath  einer 
Ergänzung  bezw.  Berichtigung  zu  bedürfen.  Freilich  ist 
dabei  natürlich  auch  zu  beachten,  dafs  von  dem  ungarischen 
Forscher  die  Kolumbaczer  Mücke,  von  mir  dagegen  die  Art 
ornata  untersucht  wurde;  im  entwickelten  Zustande  sind 
sich  S.  columbaczensis  und  S.  ornata^  wie  man  in  jeder 
gröfseren  Dipteren -Sammlung  feststellen  kann,  zum  Ver- 
wechseln ähnlich. 

Nachdem  er  die  entwickelte  Mücke  beschrieben  hat, 
fährt  Horväth  folgendermafsen  fort  (nach  der  deutschen 
Ubersetzung  von  v.  Aigner-Abafi): 

,Das  Weibchen  legt  die  mit  freiem  Auge  nicht  sicht- 
baren winzigen  Eier  (im  Durchschnitt  5000  bis  10000)  in 
der  zweiten  Hälfte  Mai  und  ersten  Hälfte  Juni  in  das 
kristallhelle  Wasser  der  von  den  bewaldeten  Berggegenden 
herabströmenden  Bäche.  Die  Eier  sind  mit  einem  schleimigen, 
gallertartigen,  gelblich-weifsen  Stoff  umgeben  und  in  flachen 
kleinen  Bündeln  an  im  Wasser  befindliche  oder  beständig 
vom  Wasser  bespülte  Steine,  Grashalme  und  ähnliche  Gegen- 
stände befestigt.  "* 

Aus  den  Eiern  schlüpfen  nach  zwei  bis  drei  Wochen 
die  winzigen  Larven  aus,  welche  sich  vermittelst  der  am 
hinteren  Körperende  befindlichen  zwei  sägeförmigen  Lamellen 
an  die  am  Grunde  des  Wassers  liegenden  Steine,  Blätter, 
Aste  usw.  anheften  und  sich  nun  zu  nähren  beginnen.  Ihre 
Nahrung  besteht  aus  Algen  und  sonstigen  winzigen  Pflanzen- 
partikeln, welche  sie  vermittelst  des  auf  dem  Kopfe  sich 
erhebenden  eigentümlichen  Rotationsorgans  und  des  dadurch 
verursachten  Wasserwirbels  ihrem  geräumigen  Munde  zu- 


[3 


Die  Larve  von  Sinuilia  ornata  Mg. 


347 


fUhrei].  Die  anfäuglicli  weifseu  Larven  uebnieii,  nach  nielir- 
nialiger  Ilüutiiii^',  allniälilicli  eine  grünlich -braune  Färbung 
an;  nach  der  vierten  Häutung  erreichen  sie  eine  Länge 
von  6 — 7  mm  und  erhalten  eine  annähernd  einer  Biskote 
gleichende  Form.  Untersucht  man  im  Juni  und  Juli  das 
Bett  eines  kleinen  Bergbaches  mit  Aufmerksamkeit,  so  sieht 
man  zerstreut  Hunderte  der  kleinen  an  Steinen  befestigten 
Larven,  mit  dem  Kopfe  nach  oben  ausgestreckt,  wie  sie 
vom  Wasser  hin-  und  herbewegt  werden.  Rührt  man  an 
dem  betreffenden  Steine,  so  ziehen  sie  sich  zusammen 
und  richten  sich  erst  wieder  auf,  wenn  die  Störung 
aufhört.  Das  Leben  der  Larven  ist  entschieden  an  das 
Wasser  gebunden;  denn  nimmt  man  sie  heraus,  so  gehen 
sie,  gleich  den  Fischen,  zu  gründe,  weil  sie  die  zum 
Atmen  erforderliche  Luft  nur  dem  Wasser  zu  entnehmen 
vermögen. 

Nach  6—8  Wochen  erreichen  die  Larven  ihre  volle 
Entwicklung  und  verwandeln  sich  zur  Puppe.  Das  erfolgt 
gewöhnlich  im  August  oder  September,  obgleich  man  auch 
schon  Ende  Juli  zahlreiche  Puppen  findet.  Zur  Verpuppung 
sucht  die  Larve  an  der  Unterseite  eines  im  Wasser  liegenden 
Steines  oder  ins  Wasser  hängenden  Grashalmes  eine  ge- 
eignete Stelle,  wo  sie  sich  anheftet  und  aus  einem  eigen- 
artigen spinnwebeartigen  Stoffe  eine  trichterförmige,  am 
breiteren  (oberen)  Ende  offene  Cyste  von  der  Gröfse  eines 
Reiskornes  spinnt,  worin  sie  sich  verpuppt.  Die  Cysten 
stehen  immer  so,  dafs  ihre  Öffnung  der  Strömung  folgt, 
nie  gegen  dieselbe.  In  der  Cyste  verbringt  die  Puppe  den 
ganzen  Herbst  und  —  erstarrt  —  den  Winter,  um  im 
Frühling  wieder  erwacht  das  Wasser  als  vollkommen  ent- 
wickelte Fliege  zu  verlassen." 

Wir  sehen,  die  Beschreibung  von  Larve  und  Puppe  der 
KoUimbaczer  Kriebelmücke  ist  äufserst  lückenhaft.  Auch 
die  Entwicklung  anderer  Arten  der  Gattung  Sinmlia  ist 
nur  von  wenigen  Forschern  genauer  studiert  worden,  eine 
ausgeführte  Beschreibung  der  Larve  findet  sich  nirgends, 
höchstens  eine  solche  der  Puppe.  Eine  Darstellung  des 
Entwicklungsganges  von  Sinmlia  auf  grund  von  eigenen 
und  fremden  Beobachtungen  gegeben,  verdanken  wir  dem 


348 


Johannes  Liebe, 


[41 


Londüuer  Professor  L.  C.  Miall.')  Er  stützt  sieh  zum  Teil 
auf  Uutersueliuugeu  vou  Hagen  über  Sim.  pictipcs"-)  und  auf 
Vekdats  Gescbiehte  der  Simulien, 3)  welch  letztere  Ab- 
handhmg  neuerdings  vom  Barou  Osten-Sacken  ins  Englische 
übertragen  ist.^)  Die  ungarischen  Veröffentlichungen  über 
S.  columbaczensis  erwähnt  Miall  nirgends.  Er  beschreibt 
nun  die  Larve  und  Puppe  von  Simulia  mit  folgenden  Zeilen 
(das  Original  ist  englisch): 

„In  lebhaft  strömenden  Gewässern  kann  man  die  nied- 
lichen schwärzlichen  Larven  von  SimiiUnni  oft  in  zahllosen 
Mengen  finden.  Sie  sitzen  je  nachdem  an  Wasserkräutern 
wie  Nixenhaar,  Wasserkresse,  Wasserschlingen  u.  dergl.  Man 
findet  sie  auch  an  Steinen,  doch  ich  bin  der  Ansicht,  dafs 
diejenigen  Larven,  welche  man  in  steinigen  Bächen  findet, 
zu  einer  anderen  Spezies  gehören.  In  einem  Bachlauf,  wo 
alle  nötigen  Bedingungen  ausreichend  erfüllt  sind,  das  sind 
ein  nie  aufhörender  Zuflufs  sauerstotfreichen  Wassers,  eine 
Menge  untergetauchter  Blätter,  eine  Menge  mikroskopischer 
Organismen,  da  sind  die  Larven  oft  im  Uberflufs  vorhanden, 
kleine  schwarze  Würmer  von  höchstens  ^/^  Zoll  Länge.  Unter- 
sucht man  das  Laub  mit  unbewaffnetem  Auge,  so  entdeckt 
man  vielleicht  keine  einzige  Larve.  Sie  sind  meistenteils 
an  der  Unterseite  zusammengedrängt  und  werden  nur  sicht- 
bar, wenn  man  das  Blatt  abpflückt  oder  umdreht.  Sie  sind 
am  zahlreichsten,  wo  die  Strömung  rasch  ist.  In  York- 
Shire  finde  ich  sie  massenhaft  in  pflanzenreichen  Bächen, 
welche  von  den  Mooren  herabkommen,  und  zwar  besonders 
in  den  reifsenden  obe  en  Wasserfällen.  Hagen  nennt  die 
Larve  und  Puppe  von  Simulium  pictipes  häufig  im  Ausable- 
River  in  den  Adonirack- Bergen.  Hier  befinden  sich  die 
Puppengehäuse  augeheftet  an  die  Felsen  in  Haufen,  welche 
kleinen  Wespennestern  ähneln.  Wenn  auch  die  Larven 
sauerstottreiches  Wasser  verlangen,  so  darf  es  doch  nicht 

Mi  all,  The  natural  history  of  aquatic  insects.   London,  Mac- 
millan  and  Co.  1895. 

2)  H.  A.  Hagen,  Proc.  Boston  Soc.  Nat.  Hist.  Vol.  XX,  S.  305 
—.307,  1S80. 

^)  Naturw.  Anzeiger  der  allgem.  Schw.  Gesellsch.  1822. 
")  Amer.  Ent.  Vol.  II,  S.  229. 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 


349 


rein  sein.  Durch  Abwässer  verunreinigte  Bäche  enthalten 
sie  oft  in  grol'ser  Zahl. 

Dal's  Kutter  der  Larve  ist  völlig  mikroskopisch.  Ich 
fand  den  Magen  mit  den  Kieselschalen  von  Diatonicon  und 
üesmidien,  hin  und  wieder  auch  mit  Stücken  von  einem 
niederen  Krebse  gefüllt.  Ein  Paar  gefranster  Anhänge, 
einer  auf  jeder  Seite  des  Kopfes,  werden  wie  der  ähnliche 
Apparat  der  Gnitzenlarve  {Culex)  dazu  gebraucht,  um  die 
Partikelcheu  in  die  Larve  hineinzufegen. 

Der  Rumpf  der  Larve  ist  zylinderförmig  und  im  hinteren 
Teile  des  Abdomens  erweitert.  An  die  Mundwerkzeuge 
angefügt  sieht  man  die  fächergleichen  Anhänge,  jeden 
mit  etwa  fünfzig  langen  Filamenten  versehen,  welche  auf 
einer  Seite  gefiedert  sind  und  die  Nahrung  in  die  Kehle 
hiueinfegen.  Da  das  Leben  der  Larve  von  diesen  zarten 
Organen  abhängt,  überrascht  es  nicht,  wenn  man  grofse 
Sorgfalt  darauf  verwendet  findet,  sie  vor  dem  Zusammen- 
kleben zu  bewahren.  Mit  Hilfe  einer  Lupe  kann  man  oft 
bemerken,  wie  die  Larve  sie  mit  ihren  Mandibeln  auskämmt. 
Es  sind  zwei  Paar  auf  zahlreiche  Pigmentflecken  reduzierte 
Augen  und  kleine  dreigliedrige  Antennen  vorhanden. 

Es  sind  zwei  Paar  Beine  vorhanden,  wie  bei  der  Larve 
von  Chironomus^  und  diese  endigen  in  Hakenkränze.  Allein 
die  Simulienlarve  hat  keine  Höhle  um  sich  festzuhalten, 
und  die  Beine  werden  daher  stark  umgebildet.  Jedes  Paar 
verwächst  zu  einem  einzigen  Organ,  welches  durchaus  wie 
ein  Saugnapf  angewendet  wird.  Das  vordere  Paar,  welches 
am  1.  Thorakalsegment  entspringt,  wird  indessen  gewöhnlich 
als  Greifwerkzeug  gebraucht,  indem  es  dem  Kopf  opponier- 
bar ist.  Die  Funktion  dieser  Saugnäpfe  zeigt  sich  leicht, 
wenn  man  eine  Larve  frisch  aus  dem  Bache  in  eine  Unter- 
tasse mit  Wasser  befördert.  Sie  kriecht  umher  wie  ein 
Blutegel,  indem  sie  die  beiden  Enden  ihres  Körpers  ab- 
wechselnd an  die  glatte  Oberfläche  der  Untertasse  anheftet. 
Sogar  in  einem  rasch  fliefsendeu  Gewässer  sieht  man  sie 
nie  wider  ihren  Willen  losgerissen  werden.  Die  Haken, 
welche  denen  an  den  Beinen  der  Cldronomus- Larve  nicht 
unähnlich  gestaltet  sind,  bilden  an  der  aus  den  ver- 
schmolzenen Beineu  gebildeten  Extremität  der  Simulienlarve 


350 


Johannes  Liebe, 


[6] 


konzentrische  Kreise.  Sie  dienen  jedenfalls  dazu  das  Ab- 
gleiten von  dem  glatten  Blatte  oder  seblamniigen  Steine  zu 
verhindern.  Hei  den  Saugnäpfen  des  Tintentisches  ist  zn 
demselben  Mittel  gegrirt'eu  worden.  Jeder  Saugnapf  ist  ein 
Becher,  dessen  Höhlung  dincb  Muskelzug  ausgedehnt  werden 
kann  derart,  dal's  der  Druck  innerhalb  des  Bechers  geringer 
als  der  Aufsendruck  wird.  Der  Rand  des  Bechers  ist  wie  bei 
Shmdium  durch  zahlreiche  winzige  Zähnchen,  welche  das 
Ausgleiteu  veihiuderu,  rauh  gemacht. 

Beim  Fressen  hält  sich  die  Larve  mit  ihrem  hinteren 
Saugnapfe  fest  und  streckt  ihren  Rumpf  ausgereckt  ins 
Wasser.  Ist  aber  die  Strömung  ungewöhnlich  heftig,  so 
schlägt  die  Larve  oft,  indem  sie  nicht  mehr  frifst,  ihren 
Körper  um  und  hält  sich  an  der  Oberfläche  des  Blattes 
mit  beiden  Saugnäpfen  an." 

Nun  geht  der  Verfasser  auf  die  eigentümliche  Fähigkeit 
der  Larve,  Gespinstfäden  zu  produzieren,  ein.  Dann  folgt 
noch  einiges  über  den  inneren  Bau  und  die  Puppenruhe,  was 
hier  ebenfalls  in  Ubersetzung  wiedergegeben  werden  mag: 

„Die  Speicheldrüsen,  welche  den  Gespinstfaden  ab- 
sondern, sind  bei  dieser  Larve  ungewöhnlich  lang.  Sie 
durchziehen  die  ganze  Länge  des  Rumpfes  und  krümmen 
sich  dann  um  ein  Drittel  ihrer  Länge  nach  vorn.  Die 
Tracheeuröhren  sind  weit  und  geben  ein  Netzwerk  feiner 
Seitenzweige  an  die  Haut  ab.  Diese  scheint  Sauerstoff  aus 
dem  Wasser  zu  absorbieren ;  denn  es  ist  keine  Öffnung  in 
das  Tracheensystem  vorhanden. 

Naht  die  Zeit  der  Puppenruhe,  so  bedarf  es  in  An- 
betracht der  eigenen  Umstände,  unter  welchen  das  ganze 
Wasserleben  bei  Simulium  vor  sich  geht,  besonderer  Sorg- 
falt. Eine  untätige  und  freie  Puppe  wie  die  von  Chironomus 
mag  wohl  in  dem  weichen,  schlammigen  Grunde  eines  träge 
flief senden  Gewässers  lebensfähig  sein,  allein  solch  eine 
Puppe  würde  in  einem  Augenblick  hinweggeschwemmt 
werden  von  den  Giefsbächen,  in  welchen  Simulium  meist 
heimisch  ist.  Vor  der  Verpuppung  verfertigt  sich  das  Insekt 
eine  Art  Nest,  in  Gestalt  nicht  unähnlich  den  Nestern 
mancher  Schwalben.  Dieses  Nest  ist  an  der  Oberseite  einer 
Wasserpflanze  festgeklebt.    Die  Speicheldrüsen,  welche  die 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 


351 


Aukerfäden  liefern,  stellen  auch  das  Material,  aus  welchen 
das  Nest  gebaut  wird.  Eingeschlossen  in  diesem  weichen, 
spitzzulanfenden  Cocon,  dessen  verjüngtes  Ende  strom- 
aufwärts gerichtet  ist,  während  die  otfene  Mündung  strom- 
abwärts gekehrt  ist,  bleibt  die  Puppe  während  ihrer  Ver- 
wandlung in  Sicherheit. 

Solange  der  Cocon  noch  gebildet  wird,  ist  er  vollständig 
geschlossen,  wenn  aber  das  Insekt  die  Larvenhaut  abgeworfen 
hat,  wird  das  eine  Ende  des  Cocons  aufgestofsen,  und  die 
Puppe  steckt  nun  den  vorderen  Teil  ihres  Körpers  in  den 
Wasserstrom.  Die  Atemfäden,  welche  unmittelbar  hinter 
dem  zukünftigen  Kopfe  hervorspringen,  genau  wie  bei 
Chironomus,  entnehmen  dem  sauerstoifreichen  Wasser  rings- 
um einen  genügenden  Luftvorrat.  Die  Ringe  des  Abdomens 
sind  mit  einer  Anzahl  vorragender  Häkchen  versehen  und 
in  dem  Mafse,  wie  das  Innere  des  Cocons  infolge  von 
Gespinstfäden  filzig  ist,  bekommt  die  Puppe  festen  Halt  in 
ihrem  Cocon.  Wenn  sie  aber  sehr  erschüttert  wird,  wird 
eine  Anzahl  Gespinstfäden  aus  dem  filzigen  Futter  heraus- 
gerissen." 

So  weit  Miall!  Auch  von  anderen  Autoren  ist  die 
Puppe  besonders  besprochen;  so  hat  Vogler')  in  einem 
kleinen  Aufsatze  die  Tracheenkiemen  der  Simulienpuppen 
behandelt.  Über  die  Prothorakal- Stigmen  der  Üipteren- 
puppen  gibt  J.  C.  H.  de  Mejeke^)  im  Zoologischen  Anzeiger 
einen  Beitrag.  Die  Embryologie  von  Simulia  hat  eingehend 
Elias  Mecznikow  geschildert,  wobei  der  Bau  der  Larven- 
organe natürlich  nicht  berücksichtigt  wird.  Während  also 
Puppe  und  Eier  hinreichend  deutlich  beschrieben  sind,  so- 
dafs  man  sich  ein  Bild  von  ihrer  äufseren  Gestalt  und  — 
in  Analogie  zu  denselben  Stadien  anderer  Dipteren  von 
ähnlichen)  Bau  —  auch  eine  Vorstellung  von  ihrer  inneren 
Organisation  machen  kann,  so  fehlt  eine  ins  einzelne  gehende 
Beschreibung  des  vom  Gewöhnlichen   sehr  abweichenden 

>)  Mitteilungen  der  Schweizer  Ent.  Gesellsch.  Bd.  7,  Heft  7,  S.  277 
bis  382. 

")  Zool.  Anzeiger,  Bd.  23,  Nr.  632,  S.  67G— 678. 
^)  E.  Mecznikow,  ,Über  die  Embryologie  von  Simulia  etc.". 
Zeitsclir.  für  wissensch.  Zoologie,  1866,  Bd.  16,  S.  392— 406. 


352 


Johannes  Liebe, 


[8] 


Baues  der  Larve.  Miall  gibt  uns  zwar  ein  besseres  und  voll- 
ständigeres Bild  von  der  Lebensvpcise  und  dem  Eutwiekelungs- 
ablaufe  der  Mücke  als  Hokväth,  bat  aber  kein  Interesse 
daran,  die  Beschreibung  der  Larve  bis  ins  einzelne  zu 
verfolgen.  Wir  erfahren  durch  ihn  nichts  von  der  Gestalt 
der  Mundwerkzeuge  oder  anderer  Teile  des  Kopfes,  ins- 
besondere der  Bestandteile  des  Fächers;  wie  die  Bewegung 
des  Fächers  vor  sich  geht,  und  wie  die  Körperextreraitäten 
sieh  einstülpen,  bleibt  ungewifs.  Auch  wird  der  Ausdruck 
„Saugnapf"  „sucker"  bei  der  Vorderextremität  zu  Unrecht 
angewendet.  Im  folgenden  soll  nun  die  eigenartige  Or- 
ganisation der  Larve  von  Simulia  möglichst  eingehend 
beschrieben  und,  soweit  angängig,  auch  gedeutet  werden. 

Einige  Vorbemerkungen  mögen  hier  Platz  finden.  Die 
erste  Bekanntschaft  mit  den  Simulienlarven  machte  ich  vor 
vielen  Jahren  auf  einer  von  meinem  damaligen  Lehrer 
Privatdozent  Dr.  Brandes  veranstalteten  Exkursion  zwischen 
Ziegenrück  und  Triptis,  wo  wir  in  den  kleinen  Abflüssen  des 
Kulmplateaus  u.  a.  unsägliche  Mengen  von  diesen  Larven 
antrafen  und  für  ihre  sonderbare  Lebensweise  interessiert 
wurden.  Von  der  Gattung  Simulia  sind  mir  zwei  in  Larveu- 
und  Puppenzustande  verschiedene  Formen  bekannt  geworden. 
Die  eine  Art  konnte  ich,  da  mir  das  Imagostadium  dazu 
fehlte,  nicht  bestimmen.  Von  der  anderen  habe  ich  im 
August  1901  ein  Exemplar  der  entwickelten  Mücke  aus  der 
Larve  gezüchtet  und  damit  die  Herkunft  einwandfrei  er- 
mittelt. Die  Imago  wurde  von  Herrn  v.  Röder -Hoym  in 
Anhalt,  dem  ich  die  Mücke  einsandte,  freundhch  bestimmt 
und  als  Simulia  ornata  Mg.  erkannt. 

Die  kleinen  dreieckigen  Eier  habe  ich  immer  erst  in 
der  vorgerückten  Jahreszeit  gefunden,  weshalb  ich  vermute, 
dal's  die  von  mir  beobachteten  Arten  im  Eistadium  über- 
wintern. Sehr  zeitig  im  Frühjahr,  schon  Anfang  April 
begegnete  ich  ausgewachsenen  Larven,  was  auf  ein  frühes 
Verlassen  der  EihüUe  schliefsen  Heise.  Das  von  mir 
gezogene  Tierchen  hat  im  August  genau  vierzehn  Tage  in 
der  Puppe  geruht.  Dies  ist  um  so  bemerkenswerter,  weil 
colimhaczensis  ja  meist  als  Puppe  überwintern  soll.  Am 
deutlichsten  prägt  sich  der  Gegensatz  der  beiden  von  mir 


(9] 


Die  Larve  vou  Simulia  ornata  M^. 


353 


untersuchten  Formen  im  Pupi)enstadium  aus.  Bei  der  iiielit 
bestimmten  Art  sind  die  Stignieuscbläuche  am  Protliorax  in 
ein  dicliotoraisch  verästeltes  Blisehel  von  jederseits  vier, 
bei  ornata  in  ein  solches  vou  acht  Fäden  zerteilt. 

Die  Larven  beider  Arten  stimmen  in  ihrer  Lebensweise, 
von  noch  anzuführenden  Punkten  abgesehen,  völlig  überein. 
Sie  kriechen  mit  Hilfe  des  vorderen  Hakenkranzes,  der 
Mundwerkzeuge  und  des  hinteren  Haftapparates  nach  Art 
und  Weise  der  Spannerraupen.  Hierzu  tasten  sie  zuerst 
mit  der  Unterlippe  im  ganzen  Umkreise  die  Gegend  ab  und 
spinneu  schliefslich  an  einem  geeigneten  Punkte  plötzlich 
einen  Faden,  an  dem  sie  sich  mit  den  Mundwerkzeugen 
und  dem  an  diese  hinaufgestreckten  vorderen  kleinen  Haft- 
organe festzuhalten  verstehen.  Nun  ziehen  sie,  das  Abdomen 
nach  oben  krümmend,  schnell  das  Leibesende  nach  und 
setzen  den  hinteren  grofsen  Hakenkranz  von  der  Seite 
zwischen  Mund  und  Vorderextremität,  die  sofort  losläfst. 
Darauf  machen  sie  auch  die  Muudwerkzeuge  los  und 
suchen  nach  einem  neuen  Befestigungsort  —  wofern  sie 
nämlich  noch  keinen  endgültigen  Ruhepunkt  gefunden  haben. 
Sitzen  sie  aber  einmal  in  dieser  Lage  fest,  so  vermag  keine 
noch  so  starke  Strömung  sie  loszureifsen,  und  gerade  an 
den  stärkstfliefsenden  Stellen  der  Bäche  halten  sie  sich 
mit  besonderer  Vorliebe  auf.  Es  leuchtet  ein,  dafs  sie 
hierbei  in  eine  Stellung  kommen,  bei  der  die  ventrale 
Seite  nicht  der  Strömung  entgegengerichtet  ist,  obwohl  dies 
zur  Nahrungsaufnahme  das  Beste  wäre.  In  der  Tat  findet 
man  auch  den  aboralen  Hakennapf  immer  mit  seiner 
dorsalen  Seite  dem  Wasserstrom  entgegen  festgeheftet.  Um 
nun  trotzdem  am  Kopfende  die  ventralen  Gliedmafsen 
dem  Wasserstrom  zuzuwenden,  wird  der  Rumpf  um  seine 
Achse  um  zwei  Rechte  gedreht  und  so  die  Nahrung  auf- 
genommen. 

So  fand  ich  S.  ornata  oft  zu  hundert  Individuen, 
einen  schmutzfarbenen,  rasendichten  Uberzug  bildend,  an 
Steinen  oder  Stengeln  nebeneinander.  Die  Larve  der 
anderen  beobachteten  Art  bevorzugt  steinige  Bäche  in  der 
Nähe  der  Quellen;  man  findet  diese  Art  auch  meist  einzeln 
oder  zu  wenigen  beisammen,  und  die  Tierchen  sind  daher 

Zeitschr.  f.  Naturwisa.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  23 


354 


Johannes  Liebe, 


[lOJ 


sehr  schwer  zu  finden,  zumal  sie  heller  wie  ornata  gefärbt 
und  dem  Untergrunde  der  Bachkiesel  sehr  angepafst  sind. 

Der  walzenrunde  Körper  der  Larve  mifst  nach  der 
letzten  Häutung  mit  Ko])f  7  V-2  bis  8V2  «nm  in  der  Länge 
und  1,4  mm  an  der  dicksten,  0,75  mm  an  der  Stelle  der 
stärksten  Einschnürung,  welche  etwa  in  der  Mitte  der 
ganzen  Körperlänge  liegt.  Er  besteht  aus  Kopf  und  Rumpf, 
welch  letzterer  Brust  und  Hinterleib  ohne  deutliche  Abgrenzung 
enthält.  Der  Hinterleib  gliedert  sich  nicht  sehr  deutlich  in 
neun  Segmente.  Die  Farbe  des  dickeren  Chitinbezuges  ist 
dunkelbraun,  rostbraun  bis  gelb;  die  Bedeckung  des  Thorax 
(Brust)  und  des  Abdomen  (Hinterleib)  hat,  wo  sie  nicht 
durchsichtig  lederfarben  ist  (wie  an  den  segmentalen 
Grenzmembranen)  einen  fleischfarbenen  Ton.  Die  ganze 
Oberfläche  ist  fein  gerunzelt  und  infolgedessen  im  auf- 
fallenden Lichte  irisierend.  Bei  der  unbestimmten  Larven- 
art ist  auch,  wie  erwähnt,  eine  Zeichnung  vorhanden.  Jedes 
Segment  weist  auf  der  Bauchseite  beiderseits  einen  schräg 
von  aufsen  und  vorn  nach  der  Mitte  und  hinten  verlaufenden 
dunkelbraunen  Strich  auf;  der  Thorax  besitzt  drei  solcher 
Strichpaare,  ein  Zeichen  dafür,  dafs  er  aus  der  entsprechen- 
den Zahl  von  Segmenten  zusammengesetzt  ist.  Diese  Zeichnung 
ist  bei  manchen  Larven  von  ornata  auch  zu  sehen,  jedoch 
ganz  undeutlich. 

Der  tonnenförmige  Kopf  ist  von  einem  Chitinpanzer 
bekleidet,  welcher  ungefähr  die  Gestalt  eines  Hohlzylinders 
hat.  Ventral  und  hinten  befindet  sich  an  diesem  Kopf- 
panzer ein  dreieckiger  Einschnitt,  wo  die  weichere  Chitin- 
bekleidung des  übrigen  Körpers  die  Haut  bildet,  um  dem 
dahinter  am  Thorax  ansitzenden  beweglichen  Stiel  des 
vorderen  Hakenuapfes  freien  Spielraum  zu  gewähren.  Der 
vordere  wie  der  hintere  Rand  der  Chitinbedeckung  des 
Kopfes  weist  gewisse  Verdickungen  auf,  welche  Muskeln 
als  Ansatzstellen  dienen.  Die  vordere  Öffnung  wird  durch 
ein  Kopfschild  überwölbt,  welches  am  Rücken  angefügt  ist. 
Am  ventral  gerichteten  Ende  dieses  den  Kopf  haubenartig 
bedeckenden  Stückes  erhebt  .  sich  die  Oberlippe;  diese 
bedeckt  die  Innenseite  der  ventral  gegenübersitzenden  Uuter- 
lijjpe.    An  beiden  Seiten  der  Oberlippe  erheben  sich  zwei 


[llj  Die  Larve  von  Siniulia  oriiata  Mg.  ^^55 

eigenartige  Auswüchse,  welche  zu  Faiigorgauen  ausgebildet 
sind.  An  sie  schliefseu  sich  seitlich  nach  unten  je  ein  Ober- 
kiefer und  je  ein  Unterkiefer  mit  Taster  an.    Anisen  an 


Fig.  2. 


dem  Stiel  des  erwähnten  Fangorganes  bemerkt  man  jeder- 
seits  einen  Fühler.  Soweit  die  Aufzählung  der  Kopfglied- 
mafsen.    Fig.  1  und  2. 

Hinter  den  Fühlern,  ungefähr  in  der  Mitte  des  Kopfes 
liegen  jederseits  zwei  Flecken  schwarzen  Pigments,  die 
Augen,  von  denen  das  hintere  gröfser  ist  als  das  vordere. 

23* 


356  Johannes  Liehe, 


Der  ganze  Kopf  ist,  zum  Teil  sehr  reicblicb  mit  kurzen 
Borsten  besetzt. 

Der  Tborax  ist  unbebaart,  äufserlicb  nicbt  gegliedert. 
Auf  der  ventralen  Seite  sitzt  vorn  der  scbon  erwäbnte 
Hakennapf  an  einem  beweglicben  Stiele  auf.  Dieser  Stiel 
ist  so  mit  Muskeln  verseben,  dafs  das  napfförmige  Ende 
aus  seiner  gewöbnlicben  oralen  Lage  (a)  beraus  aueb  nacb 
unten  fast  senkreebt  zur  Körperacbse  gestellt  werden 
kann  (b). 

Von  den  neun  völlig  glatten  Segmenten  des  Abdomens 
sind  die  ersten  sieben  deutlicb  gegeneinander  abgesetzt  und 


Fig.  3. 


schmäler  als  die  beiden  letzten.  Das  neunte  trägt  an  seinem 
Ende  einen  komplizierten  Haken-  und  Saugnapf,  dessen 
Öffnung  etwas  ventral  gedreht  ist.  Dorsal,  unmittelbar 
darüber  sitzen  drei  bandscbubfingerförmig  ausgestülpte 
Oberfläcbenverbreiterungen  der  Haut,  unter  denen  der  After 
mündet.    Fig.  3. 

Der  Sinnesapparat. 

Das  Nervensystem,  dessen  Hauptstrang  scbon  äufserlicb 
durch  dunklere  Färbung  auf  der  Bauchseite  siebtbar  wird, 
kennzeichnet  sieb  bei  näherem  Zusehen  als  ein  gewöhnliches 
Strickleiternervensystem;  sämtliebe  elf  Ganglienpaare  des 
Kumpfes  sind  so  miteinander  verwachsen,  dafs  nur  eine 
einfache  Ganglienkette  vorbanden  zu  sein  scheint.  Die  drei 
letzten  Paare  sind  sehr  dicht  aneinander  gerückt  und  liegen 
im  zehnten  Körpersegment.    Das  letzte  Paar  sendet  vier 


[13] 


Die  Larve  von  Siuiulia  ornata  Mg. 


357 


Nerveustriluge  uacli  biuteii.  Die  Läugskomruissureii  sind 
überall  getrennt.  Die  anderen  Seblundganglien  sind  zu 
einem  dreieckigen  Gebilde  vereinigt,  an  dem  man  aber 
deutlich  die  Grenzen  der  symmetrischen  Hälften  erkennt. 
Sie  senden  ihre  vorderen  Nervenfortsätze  um  den  Ösophagus 
herum  zu  den  unmittelbar  darüber- 
liegenden  beiden  oberen  Schlund- 
ganglien, welche  über  dem  Öso- 
phagus durch  eine  breite  Quer- 
kommissur  verbunden  sind.  Diese 
entsenden  ihre  Nerven  vorzugs- 
weise nach  den  Muskeln  der 
Mundwerkzeuge  sowie  nach  den 
Augen  und  Antennen. 

Von  Augen  sind  jederseits 
zwei  vorhanden;  sie  haben  Ähn- 
lichkeit mit  denen  der  Culiciden. 
Nach  aufsen  schliefst  sich  an  sie 
eine  ovale  Scheibe  von  Zellen  an, 
welche  vielleicht  die  Bildungs- 
zellen der  Kristallkegel  für  das 
Imagoauge  sind. 

Die  Antennen  sind  deutlich 
dreigliedrig.  Das  Basalglied  ist 
etwa  halb  so  lang,  über  doppelt 
so  stark  als  das  Endglied;  vom 
Mittelgliede,  welches  sich  nach 
dem  Endgliede  konisch  verjüngt, 
wird  es  um  das  Dreifache  an 

Länge  übertroffen.  Am  vorderen  Ende  sitzt  ein  Leydig scher 
Sinneskörper,  i)  zu  welchem  ein  Nerv  leitet.  Dasselbe 
Ganglion  (innerhalb  des  Basalgliedes),  von  welchem  dieser 
Nerv  enspringt,  sendet  noch  zwei  Nerven  zu  zwei  am  Ende 
des  mittelsten  Gliedes  befindlichen  Sinneskörperchen.  Fig.  4. 

Die  Maxillartaster  bestehen  aus  einer  wulstförmigen 
Basis  und  einem  zapfenartigen  Hauptteil.  Sie  sind  reichlich 


Fig.  4. 


>)  Zoolog.  Anzeiger,  9.  Jahrg.,  Nr.  222,  S.  284— 291  und  Nr.  223, 
S.  308—314. 


358 


Johannes  Liebe, 


[14] 


mit  Haaren  bedeckt,  die  grörsten teils,  an  dem  Zapfen  sogar 
alle,  mit  Nerven  in  Verbindung  stehen,  also  wohl  sicher 
Siuuesfimktiou  versehen.  Auch  in  die  Maxillen  selbst  führen 


Flg.  6. 


Nerven,  gewifs  ein  Beweis,  dafs  auch  sie  Sinnesempfindungen 
vermitteln  können.    Fig.  5. 

Zu  erwähnen  sind  an  dieser  Stelle  noch  rätselhafte 
Bildungen  an  den  Fangfächern,  die  mit  Nerven  in  Verbindung 


[IT))  Die  Larve  von  .Simulia  oruata  Mg.  359 

stclicu.  Am  liöt'listen  Piniktc  der  Aulsenseite  des  Stieles 
sitzen  auf  einer  Membran,  welche  die  beweglichen  Teile 
des  Fächers  verbindet,  drei  kleine  Cliitinriuge.  In  diese 
verlaufen  die  Enden  von  Nerven,  welche  den  Stiel  durch- 
ziehen. Ob  diese  Organe  etwa  üruckänderungen  übermitteln, 
wage  ich  nicht  zu  entscheiden.    Fig.  G. 


Fig.  7. 


Der  Bewegungsapparat. 

Nicht  Beine  oder  Flossen  bilden  die  Bewegungsorgan 
dieses  merkwürdigen  Geschöpfes,  sondern  neben  denMandibeln, 
die  gelegentlich  zum  Festklammern  des  Körpers  verwandt 
werden,  dienen  dazu  die  beiden  einander  bis  zu  gewissem 
Grade  ähnlichen  Hakennäpfe,  deren  vorderer  auf  einem 
muskulösen  Fuls  an  der  Ventralseite  des  Frothorax  aufsitzt 
(Fig.  7),  und  deren  hinterer  den  analen  Abschlufs  des 
Leibes  bildet.   (Fig.  8—10). 

Der  Fufs,  welcher  den  vorderen  Hakennapf  trägt,  liegt 
nach  vorn  gerichtet,  unterhalb  der  Stelle,  wo  die  Kopf  kapsei 


360 


Johannes  Liebe, 


[16] 


düuiicres  Chitin  aufweist,  sodals  in  der  Ruhelage  die  durch 
den  Körpersaft  ausgestülpte  llakenkroue  des  Napfes  in  die 
Nachbarschaft  der  Muudgliedmafseu  und  auf  eine  eben 
verfertigte  Gespinstfläche  reicht.  Der  Durchmesser  des 
vorderen  Napfes  beträgt  0,2  mm,  seine  Haken  sind  zurück- 
gebogen, mit  einer  breiten  Basis  versehen  und  alle  unter- 
einander von  gleicher  Gröfse.  Sie  laufen  links  und  rechts 
sowie  an  der  Vorderseite  am  Stiel  ein  Stück  herab,  und  zwar  in 
ungefähr  sechsundzwanzig  Längsreihen,  welche  jede  durch- 


Fig.  8. 


schnittlich  sieben  Widerhaken  enthalten.  Der  hakenbesetzte 
Kopf  der  Extremität  ist  einziehbar  durch  vier  Muskeln, 
welche  paarig  den  Stiel  durchziehen  und  an  seinem  Fufse 
in  der  Leibeswand  inseriert  sind.  Hervorzuheben  ist,  dafs 
die  Hakenkrönung  in  toto  eingezogen,  also  nicht  umgestülpt 
wird.  Von  einer  Verschmelzung  aus  zwei  Hälften  ist  aufser 
dem  paarigen  Muskelsystem  nichts  zu  bemerken.  Doch  ist 
es  höchstwahrscheinlich,  dafs  wir  es  hier  mit  einem  um- 
gebildeten Extremitätenpaare  zu  tun  haben. 

Der  hintere  Hakennapf  (Fig.  8)  ist  wesentlich  kom- 
plizierter gebaut,  über  doppelt  so  grofs  im  Durchmesser  und  mit 
zahlreicheren  Widerhaken  versehen  als  das  eben  beschriebene 
Organ.  Er  ist  in  der  Ruhelage  im  Verein  mit  den  Segment- 


117) 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 


361 


tiuiskelu,  welche  sich  iu  der  LäugsrichtuLj^  unter  der 
Hypodenuis  durch  den  gauzeii  Körper  hinzieheu,  das  llaupt- 
beweg'uugsorgan  des  Tieres.')  Der  Ausdruck  Napf  kann  hei 
beiden  Extremitäten  nur  für  den  Zustand  gelten,  in  welchem 
sie,  fest  an  den  Untergrund  angeprelst,  Scheibengestalt  an- 
nehmen. Betrachtet  mau  den  hinteren  Kürperpol  des  toten 
Tieres,  so  erblickt  man  auf  der  Chitinhaut  einen  Kranz  von 
Dornen.  Es  sind  Widerhaken  von  derselben  Form,  nur 
etwas  kleiner  wie  beim  vorderen  Napfe.  Sie  verlaufen  in 
dichtgedrängten  Reihen  von  ungefähr  je  sechzehn  strahlen- 
förmig nach  einem  Punkte  im  Innern,  ihre  Spitzen  nach 
der   Peripherie   gerichtet.    Die  Anzahl    der  Radialreihen 


Fig.  9. 


kann  schätzungsweise  auf  24  angegeben  werden.  An  der 
Peripherie  verlaufen  zahlreiche  Muskeln  nach  den  Seiten- 
wänden des  Rumpfes,  welche  den  Kranz  befähigen,  sich 
wieder  einzustülpen,  nachdem  er  durch  den  Blutdruck 
herausgequollen  ist.  Auf  der  Dorsalseite  wird  die  Basis 
dieses  sonderbaren  Kranzes  von  einem  zangentörmigen  Spreiz- 
apparat begrenzt,  dessen  Enden  oben  durch  starke  Zug- 
muskeln mit  der  Seitenwandung  des  Körpers  in  Verbindung 
stehen.  Die  Zange  besteht  aus  zwei  Winkelhebeln,  die  am 
Drehpunkt  durch  ein  Scharnier  verbunden  sind,  und  ist  im 
eingestülpten  Zustand  zusammengeklappt.  Fig.  9.  Durch 
das  Auseinanderspreizen  dieser  Zange  wird  die  Ausbreitung 
des  Hakenkranzes  eingeleitet  und  in  der  Form  reguliert. 

^)  Horväth  nennt  ,zwei  sägeförmige  Lamellen"  als  das  kaudale 
Befestigungsorgan  von  S.  columbaczensis.  Sicherlich  meint  er  nichts 
anderes  als  unseren  hinteren  Hakennapf. 


362 


Johannes  I.ieüe, 


[18] 


Dana  treibt  der  Körpersaft  den  einwärts  gekehrteu  Haken- 
kranz heraus.  Jeniehr  von  den  Widerhaken,  deren  Spitzen 
ja  nach  aufsen  gerichtet  sind,  hervorquellen,  desto  fester 
wird  die  Verankerung-  des  Körpers;  von  aufsen  nach  innen 
fortschreitend,  rücken  schnell  mehrere  hervor  und  hängen 
sich  in  dem  Untergrunde  fest,  wobei  der  dorsale  Teil  des 
Napfes  anfangs  etwas  zurückbleibt.  Schliefslich  sind  alle 
gleichraäfsig  zu  einem  Fünfeck  zusammengetreten.  Diese  An- 
heftung geht  fast  in  einem  Augenblick  von  statten.  Fig.  10. 

Wie  erwähnt  wird  der  Untergrund  sehr  sorgfältig 
ausgewählt,  aufserdem  aber  stets  mit  einer  Gewebsschicht 


von  Gespinstfäden  überzogen,  die  die  Larve  fortwährend 
erzeugen  kann.  Es  ist  daher  nicht  zu  verwundern,  wenn 
der  Sitz  eine  so  bedeutende  Festigkeit  erlangt,  dafs  er  viele 
Stunden,  ja  Tage  lang  für  das  Geschöpfchen  derselbe  bleibt. 
Hierzu  kommt  noch  folgendes:  Das  Körpereude  bildet  mit 
dem  Hakenkranze  ein  ringförmiges  Polster  und  schliefst, 
fest  angeprefst,  den  vom  Ringe  eingeschlosseneu  Raum  vom 
Wasser  ab.  So  wird  die  Bedeutung  eines  Längsmuskels 
klar,  welcher  im  Inneren  des  Hakenkranzes  inseriert  ist 
Fig.  10  m.  Durch  seine  Kontraktion  mufs  ein  Vakuum 
entstehen,  ähnlich  wie  bei  den  Saugnäpfen  des  Tinten- 
fisches oder  denen  der  Larve  von  Liponeiira.^)  Der  Druck 
des  Wassers  also  ist  es  zuletzt,  das  last  not  least  dem 
Organ  den  festen  Halt  verleiht,  und  wir  müssen  es  als 

')  Fritz  Müller,  A  inetiimorphose  de  uno  insecto  Dlptero.  Arcliivo 
Mus.  Nacion.  ßio  de  Janeiro,  Vol.     p.  4,  1885, 


Fig.  lü. 


[19 


Uic  Larve  von  Siimilia  ornata  Mg. 


363 


ciucn  Saiiguiipf  iuispieolicii.  Den  vorderen  Ilakeukranz 
(lagogen  habe  ich  weder  je  als  Saug-napf  fungieren  gesehen, 
noL'li  habe  ich  au  ihm  eine  das  Ansaugen  ermöglichende 
luftdiclit  schlielseude  Fläche  gefunden.  Der  Ausdruck 
sueker- Saugnapf  bei  Miall  tritt't  also  nicht  das  Richtige, 
soweit  die  orale  Extremität  in  Frage  kommt. 

Der  Ei'uähnmgsapparat. 

Dem  Schlünde  wird  die  Nahrung  durch  die  Mund- 
gliedmafsen  zugeführt;  zugleich  bilden  diese  auch  den  oberen 
Verscblufs  des  gesamten  Verdauungstraktus.  Der  Schlund 
erweitert  sich  nach  oben  ventral  zu  einer  unbeweglichen 
Unterlippe.  Diese  ist  horizontal  nach  aufsen  umgebogen 
und  wird  ventral  von  einer  senkrechten  Platte,  der  Kehle, 
welche  eine  Verlängerung  des  Kopfskeletts  darstellt,  ver- 
deckt. Von  oben  her  wird  der  Schlund  durch  die 
übrigen  Mundgliedmafsen  geschlossen,  welche  die  Nahrungs- 
aufnahme besorgen.  Die  Oberlippe,  welche  jedenfalls  auch 
beim  Fadenspinnen  eine  wichtige  Rolle  spielt,  deckt  den 
Schlundkopf  von  oben;  seitlich  sitzen  die  paarigen  Ober- 
und  Unterkiefer,  welche  zusammen  besonders  die  Zer- 
kleinerung der  Nahrung  bewirken.  Die  Unterkiefertaster 
und  gewisse  Stellen  der  Unterkiefer  selbst  sind  vielleicht 
mit  Tast-  und  Geschmackskörperchen  versehen.  Dorsal  er- 
beben sich  zu  beiden  Seiten  der  Oberlippe,  wie  schon  erwähnt, 
zwei  grofse  fächerförmige  Strudelapparate  (Fig.  1  und  2). 
Sie  sind  viel  verwickelter  im  Bau  als  dem  gleichen  Zweck 
dienende  und  homologe  Bildungen  der  Larve  von  Culex. ') 

Die  Oberlippe,  welche  mit  einem  halbmondförmigen 
Basalstück  an  dem  gewölbten  Kopfschild  aufsitzt,  ist 
schnabelförmig  nach  vorn  gebogen  und  hohl,  trägt  an  ihrem 
Vorderende  auf  der  oberen  Seite  einen  dichten  Haarwall 
und  eine  doppel-T-trägerförmige  Chitinversteifung.  Das 
gebogene  Basalstück  setzt  die  Oberlippe  mit  den  beiden 
seitlichen  Fächerorganen  in  Zusammenhang;  diese  Anhänge 
sind  nämlich  Erweiterungen  der  Oberlippe,  des  Labrums. 

')  Raschke,  Die  Larve  von  Culex  neniorosiis.  Inaug.-Dissert. 
Leipzig  und  Arcb.  f.  Naturgesch.  53.  Jahrg.,  1887,  Bd.  1,  Heft  2,  S.  L33 
bis  163, 


364 


Johannes  Liebe, 


[20] 


Dieses  kann  durcb  zwei  Retraktoren  uat'b  uuteu  gezogen 
werden.  Bewcglieber  sind  seine  Appendiees,  die  Fangorgane. 

Sie  gleichen  ilirer  Gesamtgestalt  nach  einem  Fiicber 
auf  breitem  Stiele.  Ihre  Mecbanik  ist  sebr  kompliziert. 
Der  Stiel  ruht  auf  einem  eigenartigen  Gerüst  von  Cbitin- 
balken  und  gleicbt  in  seiner  Gestalt  einem  abgestumpften, 
an  der  Spitze  abgerundeten  balben  Kegel.    Der  Rückenteil 


Fig.  11. 


des  Stieles  besteht  aus  steifem  Chitin,  gebt  in  das  Kopf- 
schild über  und  ist  wie  dieses  mit  zahlreichen  Sinnesbaaren 
besetzt.  Auf  der  fast  halbkreisförmigen  oberen  Kante  sitzt 
der  bewegliche  Hauptfächer  (Fig.  11).  Die  ventrale,  ebene 
Fläche  des  Stieles  wird  auf  den  Seiten  und  unten  durch 
Cbitinleisten  begrenzt,  welche  untereinander  und  mit  einem 
etwa  die  Mitte  des  Stiels  bildenden  Balken,  der  den  Fächer 
stützt,  gelenkig  verbunden  sind.  Der  Balken  geht  oben 
allmählich  in  chitinige  Membran  über.  Solche  füllt  auch  an 
seinen  Seiten  die  Felder  zwischen  den  Randleisten  aus. 
Sie  hat  die  Eigenheit,  dafs  sie  sich  in  bestimmten  Falten 
zusammenlegt.    Am  Oberende  des  Balkens  sitzt  in  der 


[21| 


Die  Larve  von  Sitiuilia  ornata  Mg. 


365 


Sagittalebene,  nach  der  Leibesaclise  gerichtet,  nur  durcli 
Chitinliaut  verbunden,  ein  Qiierbälkclieu  (Fig.  IIa  u.  1))  an. 
Von  der  Ansatzetelle  dieses  Hälkeliens  zieht  sich  eine  Falte 
nach  dem  oheren  Rande  der  Membran.  An  dem  obersten, 
halbkreisfcirniigen  Rande  des  Stieles  sitzt,  durch  feine,  l)ieg- 
sanie  Membran  verbunden,  der  grol'se  Fächer.  Er  wird  beim 


Fig.  12. 


erwachsenen  Tiere  aus  etwa  fünfzig  (bei  eben  geschlüpften 
aus  neun)  S-förmig  gebogenen  Chitinstäbeu  von  der  Länge 
des  Stieles  gebildet,  welche  auf  einer  Seite  mit  kurzen 
Fiedern  besetzt  sind  (Fig.  12  u.  13).  In  gröfseren  Abständen 
linden  sich  Fiedern  von  der  doppelten  Länge  als  die  anderen. 
Jeder  Stab  bildet  an  der  Basis  eine  ein  wenig  windschiefe 
Lamelle,  die  nngefähr  das  unterste  Drittel  der  Gesamtlänge 
einnimmt.    In  der  Mitte  dieser  Lamelle  besitzt  jeder  Stab 


366 


Johannes  Liebe, 


[22] 


einen  scliriig  nach  unten  und  innen 
gerieliteten  ziemlich  langen  Fortsatz. 
Bis  zu  diesen  Fortsätzen  breitet  sich 
nämlich  die  Membran  aus,  welche 
von  dem  Mittelbalken  des  Stieles 
ausgeht,  setzt  sich  zwischen  den 
Lamellen  hindurch  als  feine  Ver- 
bindungshaut der  einzelnen  Lamellen 
auf  der  Rückenseite  fort  und  ver- 
läuft, bauschige  Säckchen  bildend, 
auf  dem  Rücken  des  Stieles. 
Zwischen  je  zwei  Stäben  streckt 
die  Membran  noch  einen  Zipfel  aus. 
Es  entsteht  auf  diese  Art  ein  Hohl- 
raum, welcher  vom  Stiel,  von  den 
Fächerstäben  und  von  der  Membran 
allseitig  geschlossen  wird.  Nach 
der  Medianebene  hin,  wo  die  nasen- 
artigen Vorsprünge  immer  dichter 
an  die  Basis  ihrer  Fäeherstäbe 
heranrücken,  schliefst  sich  ein  frei 
hängender,  sonst  gleichartig  ge- 
bildeter Fächerstab  mit  längeren 
nach  unten  gerichteten  Fiedern  und 
in  weiterer  Folge  eine  Reihe  an  der 
Basis  miteinander  verwachsener  ähn- 
licher Stäbe  an,  deren  Ansatzstelle 
unterhalb  des  genannten  Quer- 
bälkchens  liegt.  Auf  der  anderen 
Seite,  aufsen  variieren  die  Fächer- 
stäbe- plötzlich  zu  eigentümlichen 
Plättchen,  deren  jedes  einzelne 
andere  Form  hat,  und  welche  nicht 
mehr  an  die  Membran  angeschlossen 
sind.  An  sie  reiht  sich,  nach  innen 
und  oben  geschlagen,  ein  der 
Membran  ansitzender  kleiner  Fächer,  dessen  fiedrige,  wie 
ein  S  gestaltete  Bestandteile  ziemlich  in  einen  Punkte  ent- 
springen und  sich  zu  einer  etwa  halbkreisförmig  begrenzten 


Fig.  13. 


[23] 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 


3G7 


Sehranbenfläclie  ausbreiten.  Auch  der  g-rofse  Fächer  bildet 
im  auff^erichteten  Zustande  eine  solche  SchraubenHüehc 
(Fig.  14). 

Die  pjutfaltung  dieses  eigenartigen  doppelten  Fächer- 
systenis  wird  allein  durch  den  Blutdruck  bewirkt.  Im  Ruhe- 
zustand des  Tierchens  ist  der  Fächer  eingeklappt  und  bis 


Fig.  15. 


auf  den  Stiel  unsichtbar.  Den  Hohlraum  des  Stieles  erfüllt 
dann  zwar  die  Leibesflüssigkeit,  doch  nicht  prall,  sodafs 
die  blasigen  Aussackungen  der  Fächerbasis  schlaff  hängen. 
Die  Fächerstäbe  liegen  umgeklappt,  parallel  so  dicht  neben- 
einander, als  möglich  ist,  etwa  wie  die  Stäbe  eines  Schirmes, 
auf  der  Innenseite  des  Stieles.  Dieser  ist  beinahe  senk- 
recht nach  oben  gerichtet.  Man  sieht  am  ruhenden  Indivi- 
duum daher  die  Fächerapparate  lediglich  als  eine  Art 
Hörner  (Fig.  15).    Will  das  Tier  Nahrung  zu  sich  nehmen, 


368 


Johannes  Liebe, 


[24] 


80  legen  sich  durch  verstärkten  Blutdruck  zunächst  die 
beiden  Stiele  etwas  nach  aulsen.  Diese  Stellung;  wird  da- 
durch eine  dauernde,  dafs  sich  an  der  Basis  seitwärts  und 
aulsen  eine  Falte  bildet,  welche  durch  eine  gewisse  Steif- 
heit des  Chitins  erhalten  bleibt.  Die  beiden  Stiele  stehen 
dann  mit  ihren  Enden  schräg  nach  aufsen.  Dadurch  wird 
der  Hohlraum  bedeutend  verengert,  und  die  Leibestlussigkeit 
füllt  auch  die  Falten  des  Fächerhohlraumes.  Auf  diese 
Weise   wird  durch   den  Druck   der  Leibesfiüssigkeit  der 


Fig.  16. 


Fächer  in  die  Höhe  geklappt  und,  während  sieh  die  Lamellen 
noch  teilweise  decken,  strahlenförmig  auseiuandergebreitet 
(Fig.  IG).  Nun  steht  der  Blutdruck  und  die  Elastizität  des 
Stieles  einerseits  in  Wechselwirkung  mit  der  Tätigkeit  eines 
Muskels  andererseits,  welcher  an  der  Basis  des  Mittelbalkens 
mit  Pseudosehnen  ansetzt  und  sich  durch  den  Kopf  hin- 
durch in  der  Längsrichtung  bis  zum  unteren  Rande  des 
Kopfskeletts  hinzieht.  Seine  Kontraktion  übt  einen  Zug 
auf  den  Mittelbalkeu  aus.  Dadurch  wird,  unterstützt  durch 
das  Querbälkchen  (das  dann  einen  rechten  WMnkel,  nicht 
mehr  einen  stumpfen  bezw.  spitzen  bildet),  das  Volumen 
des  Stieles  vergröfsert.  Der  Druck  des  Kürpersaftes  kann 
den  Fächer  nicht  mehr  ausgebreitet  halten,  und  dieser  fällt 
augenblicklich  zusammen,   hebt  sich  aber  noch  schneller 


[25] 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 


369 


wieder,  da  der  Zug  des  Muskels  nur  ein  momentaner  ist 
und  die  Elastizität  des  ganzen  Stieles  ihm  entgegenwirkt. 
Über  90  mal  in  der  Minute  wird  der  Fächer  auf-  und  zu- 
geschlagen. Die  Bewegung  erfolgt  auf  beiden  Seiten  nicht 
gleichzeitig,  sondern  links  und  rechts  abwechselnd,  mitunter 
auch  auf  kurze  Zeit  nur  mit  dem  einen  Fächer  allein, 
während  der  andere  ausgebreitet  ruht. 

Seiner  Form  nach  stellt  der  Apparat  ein  Greiforgan 
dar.  Die  Betrachtung  des  lebenden  Insekts  beweist  auch 
die  Richtigkeit  dieser  Auffassung.  Das  Geschöpf  ist  kein 
Räuber  wie  etwa  Corethra;  es  sitzt  am  liebsten  fest  und 
erbeutet  auch  in  sefshafter  Stellung  seine  Nahrung.  Einen 
wesentlichen  Teil  derselben  machen  die  im  Wasser  befind- 
lichen mikroskopischen  Lebewesen  aus  —  ich  fand  im  Darm- 
lumen unter  anderem  Panzer  von  Rädertierchen.  Miall 
nennt  als  gewöhnliche  Nahrung  der  Simulien  Diatomeen 
und  Desmidien  und  in  zweiter  Linie  niedere  Kruster.  Diese 
Nahrung  ist  in  reichem  Mafse  in  dem  umgebenden  Elemente 
vorhanden  und  wird  durch  die  Strömung  immer  von  neuem 
zugeführt.  Sie  in  möglichst  grofser  Menge  dem  Munde  zu- 
zustrudeln,  ist  Aufgabe  des  Fäeherorgans,  und  mit  seinen 
befiederten  Stäben  dient  dieses  zugleich  als  ein  Seihapparat. 
HoRvÄTH  nennt  Algen  und  Pflanzenpartikel  als  Nahrung 
von  S.  colimbaczensis.  Mit  der  Nahrungsgewinnung  durch 
den  Fächer  steht  dies  nun  in  vollem  Einklänge;  denn  pflanz- 
liche Teilchen  flottieren  so  gut  im  Wasser  wie  tierische, 
und  ich  bin  fest  überzeugt,  dafs  manche  Pflanzenstoffe  auch 
von  unseren  deutschen  Simulien  mitgefischt  werden,  wenn 
auch  die  Hauptnahrung  nicht  daraus  besteht. 

Zu  beiden  Seiten  der  Mundöffnung  stehen  in  unmittel- 
barer Nähe  der  eben  beschriebenen  Fächer  die  Oberkiefer, 
denen  die  Unterkiefer  sich  anschliefsen.  Der  Zwischenraum 
zwischen  rechtem  und  linkem  Unterkiefer  wird  durch  die 
Unterlippe  ausgefüllt. 

Der  Oberkiefer  macht  in  seinem  Gesamthabitus  den 
Eindruck  eines  grofsen  Zahnes.  Sein  Drehpunkt  befindet 
sich  oberhalb  einer  doppelten  Chitinverstärkung  des  Kopf- 
skeletts. Die  Muskeln  greifen  so  an,  dafs  die  Beuge- 
bewegung sich  etwa  in  der  Sagittalebeue  vollzieht.  Der 

Zeitsclir.  f.  Naturwise.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  24 


■370 


Johannes  Liebe, 


[26] 


Oberkiefer  besitzt  eine  äufsere,  d.  Ii.  auf  der  dem  Unterkiefer 
zugewandten  Seite  liegende  und  eine  innere,  auf  der  anderen 
Seite  gelegene  Krönung.  Die  äufsere  trägt  ein  dichtes  Büschel 
steifer  Haare  und  Borsten;  die  innere  läuft  spitz  aus  und 
ist  ziemlich  am  Rande  mit  etwa  zehn  einwärts  gerichteten 
Zähnen  bewehrt,  von  denen  sich  besonders  der  drittoberste 
durch  Gröfse  auszeichnet.  An  der  Basis  entspringt,  dem 
Unterkiefer  zugekehrt,  ein  besenartiges  Bündel  sehr  langer, 
steifer  Borsten,  welche  in  den  Schlund  hineinragen.  Einige 
davon  sind  gefiedert,  andere  einfach,  die  meisten  enden 
eigentümlich  stufig  abgeschnitten  und  mit  einer  Endborste. 
Sie  dienen  zweifellos  als  Putz-  und  Fegewerkzeuge. 

Die  Unterkiefer  sind  dicke  löff'elförmige  Gebilde,  stark 
behaart,  mit  Flexor  und  Extensor  versehen ;  sie  senden  nach 
aufsen  einen  Taster  und  sind  selbst  reichlich  mit  Tasthaaren 
versehen.  Die  Basis  des  Unterkiefers  und  seines  Tasters 
berührt  einen  medianen  unpaaren  Kopfteil,  die  Kehle. 

.  Dies  ist  eine  vertikal  nach  oben  ragende  trapezförmige 
Platte,  deren  kürzere  obere  Kante  stark  verdickt  ist  und 
elf  Zähne  trägt,  von  denen  der  mittelste  bei  weitem  am 
längsten  ist.  Auch  ihre  Seitenkanten  sind  höckerig  gezähnt. 
Ein  Stück  einwärts  erhebt  sich,  den  beiden  Seiten  parallel, 
je  eine  Reihe  von  fünf  langen,  in  Gelenkgruben  aufsitzenden 
Borsten.  So  wie  diese  sind  die  meisten  der  am  Kopfskelett 
sitzenden  Borsten  gelenkig  inseriert  wie  bei  den  Larven  von 
CtenophoraJ) 

Die  Unterlippe  bildet  den  verbreiterten  Rand  des 
Schlundes.  Sie  steht  horizontal  und  hat  die  Gestalt  einer 
Schaufel.  An  ihrem  Vorderrande  und  parallel  dahinter  ist 
sie  durch  gebogene  Leisten  versteift,  welche  feine  nach 
aufsen  gerichtete  Börstchen  tragen.  In  der  Mitte  der 
hintersten  Spange  oder  Leiste  ist  die  Behaarung  etwas  nach 
hinten  gerückt.  Der  Vorderrand  ist  lang  und  kräftig  be- 
haart. In  seiner  Mitte  zwischen  zwei  Polstern  mündet 
innerhalb  eines  kleinen  dichten  Haarbüschels  der  gemein- 
same Ausführungsgang  der  Spinndrüsen,  die  ungeheuer  lang 


')  Weyenbergh,  Beiträge  zur  Anatomie  und  Histologie  der 
hemiceph.  Dipt.-Larven.   Inaugural-Diss.  Göttingen  1873. 


[27] 


Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg. 


371 


sind  und  bis  tief  ins  Abdomen  reichen.  Die  seitliche  Be- 
festigung der  Uuterlii)pe  geschieht  durch  Doppelspangen, 
welche  durch  balkenartige  Träger  mit  der  äul'seren  Körper- 
wandung verbunden  sind.  Nach  innen  schliefst  eine  breite 
gebogene  Spange  den  Schlundkopf  ab. 

Die  Spinndrüsen,  durchziehen,  indem  sie  von  ihrer 
Ursprungsstelle  im  drittletzten  Abdominalsegment  aus  zu- 
nächst in  den  hinteren  Segmenten  eine  Windung  vollführen, 
unverästelt  den  ganzen  Körper.  Ihre  einfache  Wand  besteht 
aus  verhältnismäfsig  grofsen  Zellen,  welche  die  Eigentümlich- 
keit einer  an  der  Aufsenseite  der  Drüsen  verdickten  Membran 
besitzen.  Ihr  Produkt,  der  Speichel,  verhärtet  an  der  Luft 
und  liefert  den  Stoff  zu  Spinnfäden,  welche  bei  der  Fort- 
bewegung als  Brücke  und  Halt  und  bei  der  Verpuppung  als 
Bestandteile  des  Cocongewebes  eine  wichtige  Rolle  spielen. 

Der  Veidauungs-  und  der  Atmuugsapparat. 

Mit  dem  Darmtraktus  hängen  sämtliche  Mundgliedmafsen 
durch  Bindegewebe  zusammen;  keines  von  allen  setzt  sich 
so  direkt  in  den  Schlund  fort  wie  die  Unterlippe,  indem 
sich  deren  seitliches  Gestänge  bis  zu  den  Enden  eines  Chitin- 
bogens ausdehnt,  der  sich  um  die  Ventralseite  des  Schlundes 
schlingt.  Dort  kreuzt  dieser  einen  zweiten  aufsen  darüber 
verlaufenden  Bogen  zweimal.  Die  Auskleidung  der  Intima 
des  Schlundes  wird  von  einer  muskulösen  gestreiften  Schicht 
gebildet.  Besonders  die  erste  Hälfte  bis  zu  den  beiden 
sich  kreuzenden  Bögen  ist  stark  horizontal  gestreift;  die 
Streifung  zeigt,  dafs  die  Muskelfasern  längs  gerichtet  sind. 

In  der  sich  anschliefsenden  Speiseröhre  geht  die  eben 
behandelte  Muskelschicht  in  gleicher  Beschaffenheit  weiter 
bis  zum  Anfang  des  Hinterleibes,  wo  der  Magen  beginnt. 
Das  Bindegewebe,  welches  die  ganze  Unterlippe  stützt, 
bekleidet  auch  die  Speiseröhre  und  schliefst  sie  an  die 
Bauchwand  an.  In  ihrer  oberen  Hälfte  bildet  die  Speise- 
röhre eine  Art  Kropf. 

Mit  dem  Eintritt  in  den  Hinterleib  nimmt  die  Intima 
die  gewöhnliche  glatte  Struktur  an ;  sie  verliert  die  Muskel- 
schicht. Die  Speiseröhre  erweitert  sich  zum  Magen.  Auf 
ihn  folgt  im  Mittel bruststück  der  eigentliche  Darm.  Er  ver- 

24* 


372       Johannes  Liebe,  Die  Larve  von  Simulia  ornata  Mg.  [28J 


läuft  gestreckt,  ungeteilt,  verjüngt  sieb,  wird  dann  zum 
Enddarna  und  bildet  als  solcber  eine  Scbleife.  Das  Rektum 
ist  sebr  kurz  und  mündet  im  neunten  Hinterleibsringe  in 
den  After.  Malpigbiscbe  Gefäfse  oder  sonstige  Blindscbläucbe 
der  Verdauungsorgane  sind  nicbt  vorbanden. 

Die  Intima  des  Darmes  ist  ein  Plattenepitbel  aus  grofsen, 
vieleckigen,  deutlicb  gekernten  Zellen.  Genau  so  ist  auch 
die  äufsere  Körperhaut  der  Larve  zusammengesetzt. 

Die  Atmung  erfolgt,  da  das  Traeheensystem  wie  bei 
Chironotnus  rudimentär  ist  und  blind  schliefst,  durch  die 
Haut.  Besonders  bemerkenswert  sind  drei  zwischen  dem 
After  und  den  Spangen  des  hinteren  Hakennapfes  hervor- 
tretende Hautverbreiterungen  von  Fingerform,  welche  sonst 
keinerlei  Struktur  aufweisen.  Sie  sind  sicher  als  Atmungs- 
werkzeuge aufzufassen.  Ihr  Inhalt  ist  nicht  etwa  Luft, 
sondern  Körperflüssigkeit,  sodafs  sie  wie  entsprechende  Ge- 
bilde bei  der  verwandten  Chirononuis -Lsivve  als  echte  Kiemen 
des  lakunären  Blutkreislaufes  angesehen  werden  können. 


Eine  für  Deutschland  neue  Noctue 

von 

E,  Bauer,  Referendar. 


Wenn  wir  heute  grofse  Originalsendungen  von  Schmetter- 
lingen aus  Gegenden  fremder  Länder  bekommen,  über  deren 
P^auna  bisher  nur  wenig  bekannt  ist,  ist  es  keineswegs  eine 
auffallende  Tatsache,  wenn  sieh  unter  den  Fremdlingen  aufser 
bekannten  Sachen  auch  ein  oder  das  andere  neue,  noch 
unbeschriebene  Tier  befindet.  Es  würde  durch  die  gegen- 
teilige Entdeckung  nur  die  unter  diesen  Umständen  wohl- 
begründete Hoffnung  auf  eine  Neuentdeckung  zu  nichte 
gemacht!  Wie  viel  schwieriger  ist  es  da,  in  unserem  deutschen 
Heimatlande  bisher  unbeschriebene  Tiere  zu  finden,  ein  Fall, 
der  schon  zu  den  gröfsten  Seltenheiten  gehört  und  sich 
meines  Wissens  seit  langer  Zeit  nicht  ereignet  hat.  Ist  es  da 
doch  schon  eine  das  Herz  jedes  lokalfaunistisch  arbeitenden 
Entomologen  erfreuende  Sache,  wenn  er  ein  für  eine  Gegend 
seines  Heimatlandes  bisher  nicht  bekanntes,  wenn  auch  schon 
sonst  beschriebenes  Tier  der  Fauna  neu  einverleiben  kann! 
Bei  dem  immer  mehr  gesteigerten  Interesse  für  die  Ento- 
mologie und  besonders  für  die  Makrolepidopteren  ist  unser 
deutsches  Faunengebiet  hinsichtlich  dieser  Insektengruppe 
so  genau  durchforscht,  dafs  es  jetzt  nur  noch  selten  gelingt, 
Spezies,  die  in  Deutschland  bisher  noch  nicht  beobachtet 
waren,  zu  erbeuten. 

Dieses  Glück  sollte  mir  an  einem  an  und  für  sich  sonst 
recht  wenig  erfolgreichen  Leuchtabend  vergönnt  sein.  Ich 
hatte  mich  an  einem  warmen  Frühlingsabend  Ende  Mai  1904 
von  Freiburg  im  Breisgau  aus  in  die  ausgedehnten  Laub- 
und Nadelwald ungen  der  Umgebung  dieser  Stadt  begeben, 


374 


E.  Bauer,  Eine  für  Deutschland  neue  Noctue. 


[2] 


um  mit  meiner  Acetylenlaterne  dem  Liehtfaag  obzuliegen. 
Es  flog  jedoch  nur  wenig  an :  einige  Scoria  lineata,  1  Larentia 
silaceata.  2  Mamestra  leucophaea  und  eine  Eule,  die  mir 
unbekannt  war.  Jahrelang  befand  sich  diese  Eule  unbestimmt 
in  meiner  Sammlung,  bis  ich  mich  vor  einiger  Zeit  auf  das 
fast  vergessene  Exemplar  besann  und  sie  als  Dianthoccia 
{Harniodia)  magnoli  Bsd.  feststellen  konnte.  Nach  der  mir 
zur  Verfügung  stehenden  Literatur  ist  das  Tier  bis  zum 
Jahre  1904  in  Deutschland  noch  nicht  beobachtet  worden; 
auch  Reutti  führt  in  seinem  die  fragliche  Gegend  so  er- 
schöpfend behandelnden  Werke:  „Die  Schmetterlinge  des 
Grofsherzogtums  ßadeu*'  Dianth.  magnoli  nicht  für  dieses 
Gebiet  auf. 

Durch  Feststellung  dieser  Spezies  in  Deutschland  ist 
wiederum  ein  Beweis  für  die  Tatsache  erbracht,  dafs  manche 
Insekten  ihr  Wohngebiet  durch  Überwandern  weiter  aus- 
zudehnen bestrebt  sind.  Dianth.  magnoli  galt  bisher  für 
ein  in  dem  südlichen  Europa  und  einigen  Gegenden  Asiens 
heimisches  Tier,  doch  reichte  seine  Verbreitung  bis  Osterreich 
und  in  die  Schweiz.  Wenn  nun  jetzt  diese  Spezies  gerade  in 
der  Südwestecke  von  Deutsehland  gefunden  ist,  also  einer 
Stelle,  die  ihrem  schweizerischen  Fhiggebiet  am  nächsten 
liegt,  so  dürfte  der  Annahme  nichts  entgegenstehen,  dals 
sie  von  der  Schweiz  aus  in  Deutschland  einzuwandern  be- 
ginnt und  bald  zu  unseren  heimischen  Arten  zu  zählen  sein 
wird.  Da  die  Nahrungspflanze  der  Raupe  —  Silene  nntans 
—  sich  in  ganz  Deutschland  findet,  dürfte  der  weiteren 
Verbreitung  des  Tieres  nichts  im  Wege  stehen. 

Wie  ich  aus  einer  Notiz  in  einer  entomologischen  Zeit- 
schrift ersah,  sollen  zwei  Exemplare  dieses  Falters  in  den 
letzten  Jahren  —  raeine  Beobachtung  stammt,  wie  oben 
erwähnt,  bereits  aus  dem  Jahre  1904  —  in  Obersehlesien 
gefangen  worden  sein.  Auch  diese  neuerliche  Beobachtung 
würde  meine  Annahme,  dafs  der  Falter  von  seinen  Deutsch- 
land benachbarten  Flugorten,  in  diesem  Falle  also  von  Oster- 
reich aus,  allmählich  einwandert,  unterstützen. 


Kleinere  Mitteilungen. 


Ein  Verfahren  zur  Abformung  von  Pflanzenblättern. 

Die  grofsen  gefärbten  Schnitte  z.  B.  von  inenscblichen 
Gehirnen  wurden  bisher  in  Kanadabalsam  eingebettet  und 
zwischen  zwei  Glasplatten  aufbewahrt.  Es  gelang  mir, 
einen  Ersatz  für  dieses  sehr  teure  Verfahren  dadurch  zu 
schaffen,  dafs  ich  die  Glasplatten  mit  5,prozentiger  Gelatine- 
lösung übergofs,  den  aus  lauwarmem  Wasser  kommenden 
Gehirnschnitt  darauf  legte  und  dann  nach  erfolgter  Er- 
starrung nochmals  mit  Gelatinelösung  übergofs.  Nach  der 
Trocknung  erfolgte  noch  eine  Lackierung  der  Oberfläche. 
Der  Brechungsindex  der  getrockneten  Gelatine  besitzt  hin- 
reichende Ähnlichkeit  mit  demjenigen  des  Schnitts. 

Es  lag  nahe,  dieses  Gelatine-Einbettungsverfahren  auch 
einmal  für  Pflanzenblätter  zu  versuchen.  Denn  es  war  zu 
erwarten,  dafs  sich  dann  Form  und  Farbe  besser  kon- 
servieren würde  als  nach  den  bisher  üblichen  Verfahren. 
Die  zuerst  mit  den  flachen  Blättern  der  Kapuzinerkresse 
angestellten  Experimente  ergaben  jedoch  etwas  Unerwartetes: 
Die  Gelatine,  welche  unterhalb  des  Blattes  lag,  wollte  nicht 
ihr  Wasser  verlieren.  Infolge  des  vieltägigen  Feuchtbleibens 
trat  eine  Zersetzung  der  Gelatine  ein:  sie  ging  in  Gelatose 
über,  und  damit  war  die  Herstellung  eines  Dauerpräparates 
ausgeschlossen.  Es  war  dies  deshalb  nicht  vorauszusehen 
gewesen,  weil  die  Zwischenlagerung  der  Gehirnschnitte 
durchaus  nicht  die  Trocknung  der  Gelatine  verzögert  hatte; 
selbst  dann  nicht,  wenn  noch  ein  Unter-  und  Übergufs 
mit  Celloidin,  wie  es  bei  manchen  histologischen  Färbe- 
verfahren üblich  ist,  die  Schicht  wesentlich  verstärkt  hatte. 
Und  sogar  solche  Schichten  hatten  eine  Trocknung  gestattet, 


376 


Kleinere  Mitteilungen. 


bei  welchen  diese  theoretisch  ganz  ausgeschlossen  hätte 
sein  sollen,  nämlich  Blattsilber.  Die  stets  vorhandenen 
feinen  Löcher  waren  daran  schuld  gewesen.  —  Bei  den 
Pflanzenblättern  bildete  der  dünne  Waehsüberzug  das  grofse 
Hindernis  für  die  Passage  des  Wassers.  Die  Einbettungs- 
versuehe  mui'sten  aus  diesem  Grunde  aufgegeben  werden, 
obgleich  sich  Form  und  Farbe  sonst  wirklich  tadellos  zu 
konservieren  schienen. 

Dieser  Waelisüberzug  der  Blätter  ermöglichte  aber  ein 
anderes:  Während  Gehirnschnitt  und  trockne  Gelatine  ganz 
fest  zusammenhängen,  läfst  sich  letztere  vom  Pflanzenblatt 
leicht  abziehen.  Es  sind  dann  alle  Details  der  betreffenden 
Blattoberfläche  darin  abgeformt.  Da  diese  Struktur  der 
mikroskopischen  Untersuchung  sonst  nicht  leicht  zugänglich 
ist,  dürfte  die  Benutzung  der  Gelatine  für  diesen  Zweck 
Wert  haben. 

Glasplatten  werden  reichlich  mit  einer  5  prozentigen 
Gelatinelösung  Übergossen,  und  vor  deren  Erstarren  Blätter 
darauf  gelegt.  Dann  wird  weiter  so  viel  Gelatinelösung 
darüber  gegossen,  dafs  alles  davon  bedeckt  ist.  Wieder  ist 
es  die  Wachsschicht,  die  hier  einige  Schwierigkeit  macht. 
Die  Gelatinelösung  wird  nämlich  stark  davon  abgestofsen. 
Wenn  man  aber  das  Aufgegossene  fast  bis  zur  Erstarrung 
abkühlen  und  dadurch  schwerflüssig  werden  läfst,  gelingt 
die  gleichmäfsige  Uberbreitung  doch.  —  [Vor  der  Verteilung 
verhalten  sich  die  Gelatinemassen  wie  Tautropfen.  Man 
erkennt  daran,  wie  am  Leuchten  der  letzteren  im  Sonnen- 
licht eine  dünne  adsorbierte  Luftschicht  zwischen  Blatt  und 
Wasser  als  spiegelnde  Fläche  viel  mehr  beteiligt  ist,  als 
die  Lichtbrechungen  im  Tropfen  selbst.]  —  Je  nach  der 
Dicke  der  obenstehendeu  Gelatiüeschicht  ist  deren  Trock- 
nung in  ein  oder  zwei  Tagen  beendigt.  Diese  vollkommene 
Trocknung  reicht  dann  genau  bis  zum  Blatt;  unter  diesem 
ist  auch  nach  zwei  Wochen  die  Gelatine  ganz  wasserhaltig. 
—  Schneidet  man  an  den  Rändern  die  Folie  durch,  so  kann 
man  sie  leicht  abziehen  und  ihre  Struktur  der  mikro- 
skopischen Untersuchung  unterziehen. 

Eine  Verstärkung  der  Relief bild -Wirkung  durch  Zusatz 
von  Farbstoffen  zur  Gelatine  erwies  sich  als  nicht  nötig. 


Kleinere  Mitteilungen. 


377 


Ein  solcher  z.  B.  von  Chlorophyll  oder  ähnliehen  grünen 
Pigmenten  würde  nur  dann  in  Betracht  kommen,  wenn 
man  die  Präparate  nicht  zur  wissenschaftlichen  Untersuchung, 
sondern  für  dekorative  Zwecke  benutzen  wollte. 
Frankfurt  a.  M.,  Neurolog.  Institut. 

Raphael  Ed.  Liesegang. 


Aus  den  Sitzungen  der  Entomologischen  (lesellschaft 
zu  Halle  a.  S.  (E.  V.) 

Sitzung  vom  4.  April  1910.  Herr  Haupt  zeigte  eine 
neue  Auswahl  exotischer  Singcicaden,  vornehmlich  Ost- 
asiaten. Da  die  Unterordnung  der  Cicaden  meist  kleine 
bis  kleinste,  unscheinbare  Formen  enthält,  fallen  die  bis 
fingerlangen  Platypleuren,  die  zudem  an  Farbenpracht  mit 
den  schönsten  Schmetterlingen  wetteifern,  umsomehr  ins 
Auge.  Ihrer  Gröfse  entsprechend  vollführen  die  Riesen- 
cicaden  einen  ziemlichen  Lärm;  eine  javanische  Form  erzeugt 
einen  weit  hörbaren,  klingenden  Ton,  ähnlich  dem  Hämmern 
eines  Schmiedes  auf  dem  Ambofs.  Der  Fang  der  teilweise 
recht  gefährlich  aussehenden  Tiere  ist  schwierig,  da  sie 
gewöhnlich  hoch  auf  den  Bäumen  sitzen  und  sehr  scheu 
sind.  —  Herr  Spüttel  I  legte  frische  Frühlingskäfer  vor. 
Wenn  nach  Reichardt  Tropinota  hirta  gelbe  Blüten  bevor- 
zugen soll,  so  erklärt  sich  dies  nach  Ansicht  des  Vor- 
tragenden einfach  dadurch,  dafs  unsere  Frühlingsblumen 
fast  sämtlich  gelb  blühen ;  wenn  später  andersfarbige  Blüten 
kommen,  findet  sich  der  Käfer  auch  in  diesen,  z.  B.  gern 
in  Kirschblüten.  —  Herr  Rosenbaum  sprach  unter  Vorlegung 
lebender  ßlattfufskrebschen  (Branchipus)  von  der  Rabeninsel 
über  die  Biologie  dieses  interessanten  Fhyllopoden.  —  Herr 
Kleine  führte  als  bemerkenswertestes  Ergebnis  einer  Oster- 
fahrt nach  Regensburg  umfangreiche  Frafsstücke  von  Cry- 
phalus  fagi  und  piceae,  Phthorophloeus  spinulosüs,  niicro- 
graphus  und  chalcoyraphus  sowie  von  Folygraphus  poly- 
graphics  vor. 

Sitzung  vom  18.  April  1910.  Herr  Haupt  besprach 
eine  Reihe  Lege-Immen,  darunter  eine  bisher  nur  als  Primär- 


378 


Kleinere  Mitteilungen. 


Schmarotzer  bei  Schmetterlingen  und  bei  CItrysopa  perla 
bekannte  Zehrwespe  {Ferüampns  sp.),  die  von  Herrn  Kleine 
als  Sekundärparasit  aus  einer  Tachina  gezogen  ist,  die 
ihrerseits  bei  Taeniocampa  stabilis  schmarotzte.  Ferner  aus 
der  Dübener  Heide  die  4,5  mm  grol'se  Fimpla  angens,  die  in 
den  Eiersäcken  von  Ärachniden  schmarotzen  soll.  Endlich 
Männchen  und  Weibchen  der  P.  terebrans  Ratz.,  von  Herrn 
Kleine  aus  Pissodes  notatus  gezogen,  die  bisher  nur  als 
Schmarotzer  anderer  Pissodes- kxiQxi  und  nur  im  vpeibliehen 
Geschlecht  bekannt  war.  Ist  schon  bei  dem  Weibchen  in  der 
Segmentierung  der  Übergang  zu  Ephialtes  angedeutet,  so 
zeigt  das  neue  Männchen  direkt  einen  ausgeprägten  Ephialtes- 
Habitus.  —  Herr  Kleine  sprach  über  unsere  Bremsen 
(Tabanidae).  Die  Tabaniden,  sämtlich  Blutsauger,  lieben 
lichte  Waldstellen,  besonders  in  der  Nähe  von  Viehweiden, 
nur  T.  spodopteriis  zieht  Obstplantagen  und  Alleen  vor.  Bei 
uns  sind  13  Arten  festgestellt,  darunter  als  Seltenheiten 
niaculicornis,  solstüialis,  stideticus  und  ein  Überbleibsel  aus 
der  Eiszeit:  tarandinus.  Bei  der  Bearbeitung  eines  gröfseren 
Materials  des  häufigen  T.  luridus  fand  der  Vortragende  ver- 
schiedentlich leicht  irreführende  Unregelmäfsigkeiten  im 
Flügelgeäder,  indem  am  oberen  Sector  der  Radialis  eine  Ver- 
längerung auftrat,  was  er  mit  Hilfe  des  die  Schwierigkeiten 
derartiger  Untersuchungen  spielend  bewältigenden  Zeifs-Bino- 
culars  an  mehreren  Stücken  veranschaulichte.  —  Herr 
Bandermann  zeigte  eine  von  ihm  täuschend  zusammen- 
gesetzte Nachbildung  des  im  Posener  Kaisermuseum  auf- 
bewahrten Manqelsdorf sehen  Wolfsmilchschwärmers,  den 
Rebel  für  eine  Kreuzung  von  Deilephüa  livorniea  mit  zygo- 
phylli,  Jordan  von  livorniea  mit  eupJiorbiae,  ev.  auch  mit 
dahli  hält.  —  Herr  Spöttel  demonstrierte  die  Blattkäfer- 
gruppe der  Crioceridae,  von  denen  das  rote  Lilienhähnchen 
durch  seine  Zirptöne  bei  Jung  und  Alt  bekannt  ist.  Dafs 
sich  die  Larven  in  eine  Kotdecke  hüllen,  dürfte  wohl  nicht 
als  Sonnenschutz  aufzufassen  sein,  wie  einige  wollen,  sondern 
eher  als  Schutzmittel  gegen  Feinde,  z.  B.  Vögel.  —  Bei 
Laccophilus  hyalinus  sind  Stridulationsorgane  bekannt,  nicht 
aber  bei  Gyrinus.  Herr  Krüger  teilte  jedoch  mit,  dafs  auch 
eine  Gyrinusai  t  Töne  hervorbringe,  wie  er  in  seinem  Aquarium 


Kleinere  Mitteilungen. 


379 


unzweideutig  beobachtet  habe.  Der  Käfer  klammerte  sich 
dabei  an  Pflanzen  lest  und  rieb  mit  den  Hinterbeinen  den 
Rand  der  Flügeldecken. 

Sitzung  vom  2.  Mai  1910.  Herr  Hauer  hielt  die 
zweite  diesjährige  botanische  Demonstration.  Seit  den  ver- 
heifsungsvollen  Aufäugen  in  den  paar  warmen  Märztagen 
ist  das  PHauzenleben  bei  Halle  fast  auf  demselben  Fleck 
stehen  geblieben,  so  dals  der  Vortragende  kaum  ein  Dutzend 
Arten  vorlegen  konnte,  über  deren  Bewohner  dann  die  Kenner 
der  jeweils  in  Betracht  kommenden  Insektenordnungen 
sprachen.  Herr  Bauer  legte  auch  einen  Nachtkerzen- 
schwärmer {Pterogon  proserpinä)  vor,  den  er  an  den 
Blüten  des  Gundermann  gefangen  hatte.  —  Unter  Vor- 
legung von  21  Arten  sprach  Herr  Haupt  über  die  Schlupf- 
wespengattung Pimpla,  deren  Larven  in  den  verschie- 
densten Schmetterlingen  schmarotzen.  Obwohl  die  Gattung 
meist  grofse  bis  sehr  grofse  und  auffallend  gezeichnete 
Arten  enthält,  ist  ihre  Systematik  schwierig.  Gleich  ein 
hauptsächliches  Trennungsmerkmal,  ob  nämlich  die  Atetn- 
löcher  an  der  Brust  oval  oder  rund  sind,  ist^  wie  Schmiede- 
knecht selbst  bemerkt,  oft  Gefühlssache.  Ein  von  Herrn 
Kleine  aus  Spinneukokons  gezogenes,  in  die  Nähe  von  P. 
oculatoria  gehörendes  Stück  ist  mindestens  eine  noch  un- 
bekannte Farbvarietät,  wahrscheinlich  sogar  eine  neue  Art. 
Von  gleichzeitig  vorgelegten  anderen  seltenen  Hymenopteren 
von  allgemeinerem  Interesse  seien  erwähnt  die  erst  1898  publi- 
zierte, bisher  nur  je  einmal  bei  Hamburg  und  bei  Schwerin 
gefangene  Clistopyga  sauheri  Brauns,  oder  der  mächtige, 
vom  Vortr.  in  grofser  Anzahl  aus  einem  Birkenknüppel  ge- 
zogene Tremex  fuscicornis ,  der  ausnahmsweise  einmal  aus 
Schwarzpappel  gezogen  ist  und  sonst  als  Buchenzerstörer 
gilt.  Die  seltene,  zwischen  Blatt-  und  Holzwespen  stehende 
Xyela  julii  soll  sich  nach  Hartigs  Vermutung  in  trockenen 
Kiefernästen  entwickeln,  ist  aber  bereits  von  Zetterstedt 
auf  einer  gänzlich  kiefernlosen  Insel  bei  Tromsoe  erbeutet 
worden,  und  Herr  Haupt  fand  sie  in  diesem  Frühjahr  zahl- 
reich in  der  Dölauer  Haide  an  Gräsern.  —  Herr  Kleine 
brachte  einen  neuen  Beleg  für  die  Annahme,  dafs  die  Fliegen 
mit  untingierten  Flügeln  zu  Reduktionen  im  Geäder  neigen:  er 


380 


Kleinere  Mitteilungen. 


fand  bei  einer  aus  dem  Erzgebirge  stammenden  Leptis  aequalis 
den  Sektor  von  der  unteren  Abbiegnng  bis  zum  Rand,  also 
den  ganzen  konkaven  Teil,  erloschen. 

Sitzung  vom  O.Juni  1910.  (Statt  der  Sitzung  vom 
16.  Mai  eine  Exkursion  in  die  Goitzscbe.)  Herr  Dr.  med. 
ScHW^ARZENBECK  legte  einen  Schmetterlingsbastard  vor,  der 
einer  Kreuzung  von  SmerintJms  populi  mit  ocellata  ent- 
sprossen sein  dürfte.  Das  Stück  ist  insofern  von  hohem 
theoretischen  Interesse,  als  man  zwar  wiederholt,  z.  T.  unter 
Anwendung  ganz  verschmitzter  KunstgriliPe,  experimentell 
Schwärmerbastarde  erzielt  hat,  dieses  Exemplar  jedoch  ein 
Hybrid  aus  der  freien  Natur  ist,  da  es  bei  gewöhnlicher 
Haltung  (Futter:  Weide)  neben  zehn  normalen  Geschwistern 
von  demselben  Baum  auskam.  —  Herr  Kleine  erläuterte 
an  farbigen  Tafelzeichnungen  den  normalen  Bau  des  Leptiden- 
fltigels  (Dipt.)  und  die  von  ihm  mehrfach  beobachteten  Re- 
duktionen im  Geäder,  die  in  verschiedener  Hinsicht  die 
Adolph  sehe  Theorie  stützen.  —  Herr  Haupt  referierte  über 
den  Feldzug,  der  angesichts  der  bedrohliehen  Zahl  von  Malaria- 
fällen in  Deutschland  (jährlich  über  1000!)  zurzeit  von  der 
Senckenbergischen  Naturforschenden  Gesellschaft  gegen  die 
keiraübertragende  Anoplieles-W^Qk.Q  organisiert  wird.  In 
der  Debatte  wurden  von  den  Herren  Dr.  Japha,  Pastor 
Manitius,  und  dem  Referenten  diesbezügliche  Beobachtungen 
aus  verschiedenen  Gegenden  unseres  Vaterlandes  mitgeteilt.  — 

Herr  Daehne  sprach  unter  Vorlegung  der  Hallischen 
Arten  über  Bau  und  Lebensweise  der  hübsehen,  sattgelbe, 
rostbraune,  zartgraue  und  silberweifse  Farbtöne  in  aparter 
Zusammenstellung  vereinenden  Wicklergattung  Euxantliis. 
Die  in  Norddeutschland  im  allgemeinen  seltene  E.  zoegana 
ist  hier  nicht  selten;  E.  siraminea  zeigt  einen  deutlichen 
Sexualdimorphismus  dadurch,  dafs  das  Männchen  hellgraue, 
das  Weibchen  braungraue  HinterfiUgel  hat;  von  der  hier 
häutigsten  Art,  E.  hamana,  ist  weder  die  Raupe,  noch  die 
Futterpflanze,  noch  die  Generationenzahl  sicher  festgestellt.  — 
Herr  Spöttel  I  zeigte  aus  Spickendorf  zur  Bestimmung  ein- 
gesandte Exemplare  des  Pilzkäfers  Ätomaria  linearis,  der 
dort  als  Rübenschädling  aufgetreten  ist,  so  dafs  bereits  ein 


Kleinere  Mitteilungen. 


381 


1/2  Morgen  grofses  Feldstück  umgepflügt  werden  mufste.  Die 
etwa  1  mm  grofse  Cryptophagide  fril'ist  tagsüber  an  den 
Wurzeln  und  schwärmt  nur  abends  zur  Begattung  umher. 
Die  Rüben  gehen  durch  die  Schädigung  entweder  ganz  ein, 
oder  sie  bilden  statt  der  Pfahlwurzel  eine  Reihe  wertloser 
Nebenwurzelu.  Die  Aussichten  für  eine  erfolgreiche  Be- 
kämpfung sind  leider  sehr  gering;  der  Vortragende  empfahl 
möglichst  spätes  Verziehen.  Herr  Spüttel  zeigte  ferner 
unter  einer  gröfseren  Käferkollektion  eine  aus  der  Heide 
stammende,  auf  beiden  Elytren  verschieden  gezeichnete 
Synharmonia  conglobata  (CoccinelUdae)  nebst  farbiger  Zeich- 
nung in  starker  Vergröfserung. 

Sitzung  vom  20.  Juni  1910.  Zunächst  kamen  zwei 
Arten  aus  der  Stadt  zur  Bestimmung  eingesandter  kleiner 
Insekten  zur  Vorlage.  Die  Tierchen  sollten  in  Unmenge  als 
Zerstörer  von  Reisekörben  (Weide)  auftreten,  und  zwar  ab- 
wechselnd in  einem  Jahre  immer  das  eine  viel  häufiger  als 
das  andere.  Sie  wurden  gleich  in  der  Sitzung  als  ein  Poch- 
käfer {Änohmm)  und  eine  zu  den  Braconiden  gehörende 
Sehmarotzerwespe  {Spathius)  erkannt;  als  bequemste  Be- 
kämpfung wurde  Ubergabe  der  Körbe  an  ein  mit  Schwefel- 
kohlenstoff arbeitendes  Mottentötungs-Institut  empfohlen.  Mit 
seiner  Beobachtung  hat  der  Einsender  übrigens  einen  Ein- 
blick in  das  Walten  eines  allgemeinen  Naturgesetzes  ge- 
wonnen: Tritt  ein  Tier  in  grofser  Menge  auf,  so  vermehren 
sich  infolge  der  günstigen  Nahrungsbedingungen  auch  seine 
Schmarotzer  bis  zum  Uberwiegen;  mit  dem  nunmehr  ein- 
tretenden Nahrungsmangel  geht  ihre  Zahl  zurück,  und  der  Wirt 
gewinnt  wieder  die  Oberhand.  —  Herr  Dr.  von  Schlechten- 
DAL  zeigte  lebende,  auf  der  sog.  Turmschwalbe  {Cypselus 
apus)  schmarotzende  Lausfliegen  (Stenopteryx  hirimdinis)  und 
sprach  dann  über  seine  Impfungen  ausländischer  Eichenarten 
mit  verschiedenen  Gallenerzeugeru,  wodurch  er  u.  a.  bei  einer 
amerikanischen  Art  die  Zusammengehörigkeit  einer  ge- 
schlechtslosen mit  einer  geschlechtlichen  Form  hier  in  Halle 
eher  nachwies  als  die  Amerikaner  selbst.  —  Herr  Haupt  legte 
eine  Auswahl  Hautflügler  vor,  und  zwar  die  durch  einen 
sehr  dicken  Kopf  und  eine  nach  vorn  gerichtete  scheinbare 


382 


Kleinere  Mitteilungen. 


Muudspalte  ausgezeichneten  Xoridinen,  darunter  vier 
Gattungen  und  fünf  Arten  neu  für  Halle. 

Ferner  von  Herrn  Spötiel  I  gezogene  Töpferwespen 
(Trypoxylon)  mit  ihren  Kunstbauten  in  Brombeerstengeln  und 
eine  der  seltensten  Hymenopteren  Europas,  Trigonalys  halmi 
Gurt,  [nee  Pseudogonalos  hahni  Spin.!),  den  Schrecken  der 
Systematiker,  weil  sie  ihrem  Geäder  nach  eine  Biattwespe, 
dem  Leib  nach  eine  Sehlupfwespe  ist  und  nach  ihren  zwei 
Scheukeiriugen  beides  sein  könnte.  ■ —  Herr  Kkrn  teilte  die 
beachtenswerte  Beobachtung  mit,  dafs  die  fleischfressenden 
Laufkäfer  Carahus  dathratus  und  violaceus  rohe  Äpfel  an- 
fressen. —  Herr  Kleine  demonstrierte  von  einer  Kgl. 
Bayrischen  Versuchanstalt  eingesandte  Espenhölzer  mit  Frafs- 
gängen  des  Espenboeks  {Saperda  populnea)  und  Fliegen- 
kokons. Der  Bock  wird  sehr  stark  von  Schmarotzern  heim- 
gesucht —  der  Vortragende  hat  bereits  über  30  Arten  fest- 
gestellt — ,  das  Vorkommen  einer  Sarcophaga  ist  aber  neu, 
zumal  sich  die  Fliege  gewöhnlich  in  Faulstoffen  entwickelt. 
Der  Befall  dürfte,  da  die  Fliege  nur  wenige  Wochen  zu 
ihrer  Entwicklung  braucht,  im  zweiten  Larvenjahre  er- 
folgen und  wahrscheinlich,  da  sie  vivipar  ist,  in  der  Weise, 
dafs  die  Fliegenmaden  durch  die  Bohrlöcher  in  die  Gänge 
kriechen.  —  Herr  Bauer  zeigte  eine  Hallische  Spezialität, 
die  begehrte  Eule  Plusia  consorui,  deren  Raupe  in  vorzüg- 
licher Anpassung  auf  der  Kalk,  Lehm  und  Löls  bevorzugenden 
Boraginee  Nonnea  pulla  frifst. 

Sitzung  vom  4.  Juli  1910.  Unter  Vorlegung  von 
52  Hallis^chen  Wicklerarten  sprach  Herr  Daehne  über  die 
ohne  Zweifel  allgemein  unterschätzte  Bedeutung  dieser  Klein- 
schmetterlingsgruppe im  Haushalt  der  Natur.  Wegen  ihrer 
Kleinheit  und  ihrer  verborgenen  Lebensweise  werden  die 
Räupchen  gewöhnlich  kaum  beachtet;  durch  ihre  Zerstörung 
der  lebenswichtigsten  Teile  unserer  Kulturpflanzen  vermögen 
sie  aber,  besonders  bei  Massenvorkommen,  der  Land-  und 
Forstwirtschaft,  dem  Gartenbau  und  der  Obstzucht  erheblichen 
Schaden  zu  bereiten.  Leider  stehen  wir  dieser  ständigen 
Schädigung  unseres  Nationalvermögens  so  gut  wie  machtlos 
gegenüber  und  müssen  die  Bekämpfung  der  Wickler  in  der 


Kleinere  Mitteilungen. 


383 


Hauptsache  ihren  naturlichen  Feinden  Uberlassen.  Die  allein 
100t)  paUiarktische  Arten  zählende  Gruppe  wird  in  geradezu 
merkwürdiger  Weise  von  den  Sammlern  vernachlässigt,  ob- 
wohl sie  durch  gefälliges  Äulsere,  durch  hochinteressante 
Lebensweise  und  durch  ihre  praktische  Wichtigkeit  besticht, 
und  obwohl  ihr  Studium  infolge  der  grofsen  Lücken  in  ihrer 
Biologie  und  Morphologie  von  vornherein  verlockend  erscheint. 
—  Herr  Bauer  besprach  etwa  20  Näbrpfjanzen  von  Schmetter- 
lingen, Käfern  und  Fliegen,  dabei  besonders  betonend,  dafs 
auch  einige  vor  nicht  allzu  langer  Zeit  neu  eingeführte 
PHanzen  regelmäfsig  von  alteinheimischen  Insekten  befallen 
werden.  —  Herr  Kleine  sprach  über  die  Larven  des  Feuer- 
käfers PyrocJiroa  coccinea,  die  in  vermorschtem  Holz  von 
Eichen  —  nur  einmal  fand  er  sie  in  Rüster  —  stets  im 
Cambium  leben,  vielleicht  erst  nach  vorhergehendem  Bock- 
käfer-Befall. Auch  er  beobachtete  den  von  Daehne  in 
wiederholten  Zuchten  festgestellten  Kannibalismus  der  assel- 
artig fiaehen,  gelbroten  Larven,  die  ebenso  geschickt  rück- 
wärts wie  vorwärts  laufen.  In  vier  verschiedenen  Versuchs- 
anordnungen fand  er,  dafs  die  als  Steigeisen  gedeuteten 
Anhänge  keinesfalls  zu  diesem  Zwecke  dienen;  die  Larven 
verwenden  vielmehr  zum  Klettern  ein  drüsenartiges,  aus 
dem  After  hervortretendes  Organ,  mit  dem  sie  sich  fest- 
saugen. —  Herr  Hemprich  zeigte  Seidenspinner-Kokons  vom 
Gardasee,  die  dort  anscheinend  nach  einem  neuen  Verfahren 
behandelt  werden.  Denn  während  bei  dem  altbekannten 
Dämpfungsverfahren  die  Puppen  abgetötet  werden,  fanden 
sie  sich  in  den  vorgelegten  abgehaspelten  Kokons  sämtlich 
lebend  vor.  Herr  Bandermann  führte  die  neuesten  Ergeb- 
nisse seiner  in  grofsem  Mafsstabe  angelegten  Weifslingszuchten 
vor,  darunter  ein  durch  Treiben  erzieltes  Stück  der  forma 
Immaculata  von  Pieris  brassicae. 

Sitzung  vom  18.  Juli  1910.  Herr  Rosenbaum  legte 
lebende,  aus  dem  Ei  gezogene  Larven  von  Libellula  quadri- 
maculata  im  jüngsten  Stadium  vor.  —  Herr  Daehne  sprach 
an  der  Hand  zahlreicher  Tafelzeichnuugen  über  die  um- 
fassenden Vererbungs versuche,  die  W.  L.  Tower  an  der  von 
Carnegie  eigens  für  experimentelle  Entwicklungsgeschichte 


384 


Kleinere  Mitteilungen. 


g-egrüudeten  und  reich  dotierten  (!)  „Carnegie  institution  of 
Washington"  durchgeführt  hat.  Abgesehen  von  einer  ganzen 
Anzahl  anderer  wichtiger  Feststellungen  erzielte  Tower  durch 
Einwirkung  äulserer  Reize  (Kälte,  Wärme,  Feuchtigkeit)  auf 
den  KartotTelschädling  Leptinotarsa  decemlineata  —  1875 
als  „Koloradokäfer"  auch  in  Europa  eingeschleppt  —  künst- 
lich eine  Reihe  in  der  freien  Natur  vorkommender  Lokal- 
varietäten. Und  zwar  nach  Belieben  mit  unvererbbaren  oder 
mit  vererbbaren  Charakteren,  je  nachdem  er  die  Reize  erst 
auf  die  Puppen  oder  schon  auf  die  fertigen  Käfer  zur  Zeit 
der  Eireife  wirken  liefs.  Sogar  von  denselben  Mutterkäfern 
erhielt  er  sowohl  weiter  vererbbare  Abänderungen  als  auch 
den  Eltern  genau  gleiche  Nachkommen,  indem  er  die  Mutter- 
käfer z.  B.  zur  Reifezeit  der  drei  ersten  Eiportionen  beein- 
Hufste,  zur  Reifezeit  der  zwei  letzten  Eiportionen  aber  unter 
normalen  Verhältnissen  liefs.  So  hat  in  dem  grofsen  Streit 
der  Vererbungslehren,  der  durch  Darwin  in  den  Vorder- 
grund des  öffentlichen  Interesse  gerückt  in  der  ganzen  Kultur- 
welt wiederhallt  und  sich  neuerdings  immer  mehr  zu  einem 
Zweikampf  zwischen  Lamarckismus  und  Weismanuismus  zu- 
gespitzt hat:  die  Entomologie  ein  ausschlaggebendes  Gewicht 
in  die  Wagschale  des  letzteren  gelegt.  —  Herr  Rosenbaum 
schilderte  den  anatomischen  Aufbau  eines  Filterapparates 
im  Pylorusmagen  der  höhereu  Krebse  (Malakostraka).  In 
der  Mitte  des  Magens  drückt  eine  unten  ausgehöhlte,  cliitinöse 
Platte  die  autgenommene  Nahrung  gegen  ein  dichtes,  von 
der  unteren  Magenwand  schräg  nach  oben  gerichtetes 
Borstensystem,  das  die  flüssigen  Bestandteile  in  den  resor- 
l)ierenden  Teil  des  Mitteldarmes  abfiltriert,  während  die 
harten,  unverdaulichen  Reste  in  den  chitinisierten  Enddarm 
abgeleitet  werden.  Ferner  skizzierte  Herr  Rosenbaum  die 
Jordan  sehen  Untersuchungen  über  die  Leistungen  des  Ge- 
hirns bei  Krebsartigen.  Im  Gegensatz  zu  den  Sehnecken, 
bei  denen  das  Gehirn  alle  Muskeln  gleichmäfsig  quantitativ 
beeinfiufst,  wirkt  es  bei  den  Krebsen  nur  auf  besondere 
Muskelgruppen,  was  sich  anschaulich  nachweisen  läfst, 
wenn  man  bei  einseitig  euthirnten  Krabben  die  Wirkung  des 
Gehirns  durch  elektrische  Reizung  der  vom  Gehirn  aus- 
gehenden Nervenstränge  der  Schlundkommissur  ersetzt. 


Kleinere  Mitteilungen. 


385 


Herr  Spöttel  I  hielt  einen  Demonstrationsvortrag  über 
die  Käferfauna  von  Scbmiedefeld  (Thür.),  die,  entsprechend 
der  Höhenlage  von  700—800  m  eine  Anzahl  bei  Halle  nicht 
vertretener  Bergformen  aufweifst.  —  Herr  Dr.  med.  Schwak- 
ZENBECK  sprach  über  die  Verbreitung  und  die  Gewohnheiten 
des  sehr  flüchtigen  grauen  Prachtkäfers  Änfhaxia  quadri- 
pundata,  den  er  im  Stakendorfer  Busch  (Bitterfeld — Zörbig) 
auf  Habichtskräutern  auffand.  —  Die  Herren  Daehne,  Kleine 
und  Dr.  Schwarzenbeck  teilten  neue  eigene  Beobachtungen 
über  Fang  und  Verzehren  verschiedener  Sehmetterlingsarten 
durch  einheimische  Vögel  mit.  Diese  Tatsache  wird  bekannt- 
lich von  angesehenen  Fachgelehrten,  hauptsächlich  aus 
theoretischen  Erwägungen  heraus,  ebenso  energisch  bestritten, 
wie  von  praktischen  Entomologen  auf  Grund  eigener  Be- 
obachtungen behauptet. 

Sitzung  vom  1.  August  1910.  Die  Sitzung  diente 
gröfstenteils  der  Sichtung  verschiedener  Ferienausbeuten,  und 
zwar  besprach  Herr  Bauer  Schmetterlinge  aus  den  Hoch- 
alpen, Herr  Haupt  Hautflügler  und  Fliegen  aus  der  Dres- 
dener Heide  und  vom  Erzgebirge,  Herr  Kleine  Fliegen  aus 
den  Alpen  und  Herr  Spöttel  I  Käfer  aus  dem  Mittelgebirge 
(Thür.  Wald)  von  800  m  und  aus  den  Hochalpen  von  2000  m 
Höhe.  Allgemein  wurde  über  zu  geringe  Ausbeute  geklagt;  die 
langen  ßegenwochen  scheinen  vielerorts  fast  alles  Insektenleben 
vernichtet  zu  haben.  ■ —  Herr  Haupt  referierte  über  Nonnen- 
schäden und  ihre  Bekämpfung,  die  gerade  jetzt  wieder  Gegen- 
stand eines  hitzigen  Streites  zwischen  den  beiden  Richtungen 
der  „Leimfreunde"  und  der  „Leimgegner"  ist.  Zwar  vermag 
das  Leimen  eine  Nonnenkalamität  nicht  radikal  zu  beseitigen, 
aber  ebenso  falsch  ist  es,  dieses  kostspielige  Bekämpfungs- 
mittel als  gänzlich  nutzlos,  wenn  nicht  gar  schädlich  zu  ver- 
schreien: entschieden  führt  es  eine  progressive  Entlastung  des 
Waldes  und  eine  Linderung  der  Krankheit  herbei.  Allerdings 
mufs  man  sich  dabei  hüten,  das  Kind  mit  dem  Bade  aus- 
zuschütten, und  mufs  nicht  blindlings  alle  von  den  Leimringen 
abgefangenen  Raupen  töten.  Dadurch  würden  auch  die  von 
verschiedenen  Feinden  —  namentlich  von  dem  Erbfeind  der 
Nonne,  der  Raupenfliege  Parasetigena  segregaia  —  befallenen 

Zeitsohr.  f.  Naturwisa.  Halle  a.  S.    Bd.  82.    1910.  25 


386 


Kleinere  Mitteilungen. 


Raupen  mitsamt  den  nützlichen  Schmarotzern  vernichtet  werden. 
Unumgänglich  nötig  ist  es  vielmehr,  mit  dem  Töten  der  Raupen 
dann  aufzuhören,  wenn  ein  bestimmter  Prozentsatz  —  die  Säch- 
sische Regierung  schreibt  z.  B.  50  "/o  vor  —  angestochen  ist, 
damit  die  natürlichen  Feinde  sich  möglichst  vermehren  und 
das  Ende  der  Kalamität  beschleunigen  können.  —  In  einem 
seiner  regelmäfsigen  Berichte  über  den  Fortschritt  der  ento- 
mologischen Wissenschaft  referierte  Herr  Daehne  über  eine 
sehr  beachtenswerte  Arbeit  des  dänischen  Forschers  Kryger 
aus  dem  wenig  bebauten  Gebiete  der  Spinnensehmarotzer. 
Durch  planmäfsige  Zuchten  erhielt  Kryger  aus  den  Eiern 
von  56  Spinnenarten  nicht  weniger  als  75  verschiedene  Para- 
siten, darunten  68  Hautflügler  und  4  Fliegen.  Von  den 
Hymenopteren  leben  bezeichnender  Weise  60  Ichneumonideu 
frei  in  der  ganzen  Eiermasse,  3  Proctotrupier  in  den  einzelnen 
Eiern,  während  4  Chalcidier  als  Secundärparasiten  wiederum 
die  Schmarotzer  ersten  Grades  befallen.  —  Herr  Kleine  er- 
läuterte die  Variabilität  der  Fliegengattung  Heteroneura ;  die 
Krim picipes  und  albimana  scheinen  häufig  zu  bastardieren.  — 
Herr  Haupt  schilderte  die  systematischen  Schwierigkeiten 
die  aus  der  aufserordentlichen  Geäder -Variation  der  Holz- 
wespe Xii^hydria  camelus  entspringen.  Von  20  Staudinger- 
schen  Exemplaren  wiesen  kaum  2  genau  gleiche  Aderung 
auf;  ein  Stück  zeigte  sogar  auf  beiden  Vorderflügeln  ver- 
schiedenes Geäder.  —  Herr  Spöttel  I  zeigte  Bockkäfer  aus 
der  Gattung  Leptura,  darunter  die  bei  Halle  nicht  vor- 
kommende maculicornis,  und  die  2  Kurztleckfliigler  Lomechusa 
strumosa  und  Dinarda  dentata,  bekannt  durch  ihre  merk- 
würdige Lebensweise  bei  Ameisen.  —  Herr  Daehne  sprach 
über  das  Vorkommen  und  Uber  strittige  Punkte  in  der  Biologie 
des  vierschrötigen  pechschwarzen  Gerberbocks  Prionus 
coriarius  und  des  eleganten,  von  Unkundigen  regelmäfsig 
für  eine  Wespe  gehaltenen  Fliegenbocks  Necydalis  maior. 

Sitzung  vom  15.  August  1910.  Herr  Bauer  zeigte 
eine  südamerikanische,  aber  neuerdings  gern  bei  uns  kulti- 
vierte Pflanze,  Asclepias  syriaca,  die  mittels  kleiner,  zwischen 
den  StaubgefUfsen  sitzender  Sperrblättchen  Insekten  fängt; 
und  zwar  nicht  nur  kleine  Schwebfliegen  —  die  in  den  vor- 


Kleinere  Mitteilungen. 


387 


gelegten  BiUten  dutzendweis  hingen  —  sondern  vereinzelt 
sogar  robuste  Honigbienen.  Ferner  wies  er  in  den  Hoch- 
alpen erbeutete  Stücke  eines  Sehmetterlingshaftes  (Ascala- 
phus)  vor,  der  bei  2000  m  Höhe  Jagd  auf  Schmetterlinge 
machte.  Die  Tiere  sind  echte  Netzflügler,  nach  ihrer 
prächtigen,  Goldgelb  mit  Saratbraun  vereinenden  Färbung 
und  den  wie  bei  den  Tagfaltern  durch  einen  Endknopf 
ausgezeichneten,  langen  Fühlern  könnte  man  sie  jedoch 
beinahe  für  Schmetterlinge  halten'.  —  Als  einzige  Ausbeute 
einer  Sammeltour  durch  den  Böhmerwald  legte  Herr  Spüttel  II 
ein  Kästchen  Grofsläufer  (Carabmi)  und  Bockkäfer  {Ceram- 
bycidae),  sowie  ein  Hornissennest  mit  lebenden  Larven  vor. 

In  auffallendem  Gegensatz  zu  den  entmutigenden  Er- 
fahrungen sämtlicher  übrigen  Mitglieder  brachte  Herr 
Hemprich  von  einer  Sammelreise  durch  die  Lausitz  drei 
Riesenkästen  voll  Schmetterlinge,  Käfer  und  Libellen  heim. 

Herr  Haupt  zeigte  eine  neue  Auswahl  exotischer  Laternen- 
träger (Horn.),  die  an  Farbenpracht  nach  einstimmigem  Ur- 
teil den  schönsten  Schmetterlingen  mindestens  gleichkommen. 
Die  Deutung  des  grofsen  Stirnfortsatzes  als  Balanzierorgan  er- 
scheint insofern  nicht  einwandfrei,  als  es  auch  Arten  ohne  diesen 
Fortsatz  gibt.  Herr  Bandermann  legte  ein  halbes  Dutzend 
lepidopterologischer  Kostbarkeiten  vor,  eine  aus  Py rameis 
atalanta  gezogene  Theronia  atal.  Poda  und  3  Abarten  eines 
Bären  {Ärdia  hebe),  die  er  neben  29  normalen  Geschwistern 
gezogen  hat.  —  Herr  Spüttel  I  demonstrierte  ein  Exemplar 
des  Leinkrautes  {Linaria  vulgaris),  in  dem  zwei  verschiedene 
Rüfsler  hausten:  Gymnetron  antirrhini  in  den  Fruchtkapseln 
und  G.  linariae  in  Wurzelgallen.  —  Unter  Vorlegung  lebender 
Ameisenlöwen  sprach  Herr  Rosenbaum  über  die  Biologie  von 
Myrmecoleon  formicarius.  Aus  wenigen,  verhältnismäfsig 
grofsen  Eiern  schlüpfen  die  Larven,  die  in  den  bekannten 
Fangtrichtern  zwei  Jahre  lang  als  blutdürstige  Wegelagerer 
hausen  und  sich  dann  in  einem  kugelförmigen  Sandkokon 
verpuppen.  —  Den  Hauptteil  des  Abends  füllte  ein  Demon- 
strationsvortrag des  Herrn  Haupt  über  die  Schlupfwespen- 
gruppe der  Evaniidae,  die  durch  die  ungewöhnliche  Ein- 
lenkung  ihres  Hinterleibs  ganz  oben  am  Rücken  schon  be- 
sonders auffallen.  Zudem  ist  der  Hinterleib  bei  manchen  Arten 

25*  , 


388 


Kleinere  Mitteilungen. 


SO  stark  seitlich  zusammengedrückt,  dafs  er  von  oben  gesehen 
fast  verschwindet,  das  Tier  also  nur  aus  dem  Vorderkörper 
zu  bestehen  scheint.  Während  die  Gattungen  Evania,  Aulacus, 
Brachygaster  und  Stephanus  nur  wenige  Arten  enthalten, 
nmfalst  die  Gattung  Gastemption  deren  120,  die  trotz  ihres 
sehr  zarten  Legebohrers  empfindlich  stechen  können,  und 
dadurch  ein  merkwürdiges  Flugbild  zeigen,  dafs  sie  die 
langen  Beine  schräg  nach  unten  und  den  Hinterleib  schräg 
nach  oben  halten.  Die  Gruppe  scheint  sehr  altertümlich  zu 
sein.  Denn  erstlich  besitzt  sie  ein  sehr  einfaches  Geäder 
und  ferner  schmarotzt  sie  teilweise  bei  sehr  altertümlichen 
Wirtstieren.  So  hat  sich  Evania  appendigaster  mit  ihren 
Wirten,  den  Schaben  Feriplaneta  orientalis  und  americana 
fast  über  die  ganze  Erde  verbreitet  —  beiläufig  erregt  sie 
durch  ihr  häufiges  Auftreten  auf  den  modernen  Ozeandampfern 
öfter  die  Bewunderung  der  Reisenden,  die  sieh  nicht  erklären 
können,  wie  die  grofsen  schwarzen  Tiere  an  Bord  gekommen 
sein  mögen !.  —  sie  ist  aber  merkwürdiger  Weise  noch  nicht 
bis  zu  uns  vorgedrungen.  Bei  einer  Schabe  {Edobia  lapponica) 
schmarotzt  auch  Brachygaster  minuta,  dagegen  Aulacus  bei 
Käfern  und  der  Holzwespe  Xiphydria,  und  Gasteruption  bei 
Bienen. 

Sitzung  vom  5.  September  1910.  Unter  Vorlegung 
einer  Auswahl  Hallischer  Wanzen  sprach  Herr  Meyer  über 
Bau  und  Lebensweise  dieser  arg  verkannten  Sippe.  Er- 
fahrungsgemäfs  löst  bei  dem  grofsen  Publikum,  das  die 
ganze  Unterordnung  nach  dem  einem  widerwärtigen  Bett- 
bewohner beurteilt,  schon  die  blofse  Erwähnung  des  ver- 
pönten Namens  die  Vorstellung  von  etwas  Häfslichem  und 
Ekelhaftem  aus.  Dabei  erfreut  aber  die  Mehrzahl  der  Wanzen 
ebenso  durch  schöne  Färbung,  eigenartige  Zeichnung  oder 
bizarre  Form  das  Auge,  wie  durch  interessante  Lebensweise 
den  denkenden  Sinn.  Manche  Gruppen  fallen  als  Schmarotzer 
lästig,  manche  werden  als  Pflanzenfeinde  direkt  schädlich, 
andere  aber  sind  uns  willkommene  Bundesgenossen  im  Kampfe 
gegen  unsere  vielen  kleinen  Feinde.  Gelegentlich  findet 
sieh  auch  Futterwechsel;  so  wird  die  gewöhnlich  von  Tier- 
säften lebende  Strachia  oleracea  bei  Massenauftreten  zu 


Kleinere  Mitteilungen. 


389 


einem  Kohl-  und  RUbensehädling.  —  Mit  Hilfe  zahlreicher 
Präparate  und  Zeichnungen  führte  Herr  Haupt  in  das  wenig 
gekannte  Gebiet  der  Cicadinen-Schmarotzer,  dabei  auf  Grund 
sorgfältiger  Zuchten  verschiedene  Irrtümer  älterer  Autoren 
berichtigend.  Einen  sehr  merkwürdigen  Parasitismus  übt 
z.  B.  die  zu  der  eigentümlichen  Gruppe  der  Betylidae  ge- 
hörende Wespe  Gonatopus  spec.  an  der  Larve  von  Cicadula 
sexnotata  insofern,  als  sie  ihr  Opfer  zur  Verwandlung  kommen 
läfst.  Der  Parasit  sitzt,  ohne  erkenntliche  Belästigung  seines 
Wirts,  in  einer  grofsen,  runden  Kapsel  hinter  dem  zweiten 
Segment  der  Cicadenlarve  und  macht  —  wie  der  Vortragende 
im  Gegensatz  zu  Miks,  auf  einer  unrichtigen  Ubersetzung 
einer  Perris sehen  Beschreibung  beruhenden  Angaben  mit 
Sicherheit  nachwies  —  zwei  richtige  Häutungen  durch.  Erst 
nach  der  Verwandlung  platzt  die  Kapsel  auf,  die  Wespen- 
larve drängt,  sich  auf  die  doppelte  Länge  ausdehnend,  ein 
rüsselartiges  Organ  in  den  Körper  der  Cicade  und  zehrt 
diese  so  vollständig  auf,  dafs  nur  der  sauber  ausgeräumte 
Balg  übrig  bleibt.  Dann  wandert  sie,  auf  dem  Rücken 
kriechend,  zum  Einspinnen  ab  und  entläfst  schliefslich  die 
5—8  mm  grofse  Imago,  die  im  weiblichen  Geschlecht  ein 
zu  einer  Schere  umgebildetes  Klauenglied  besitzt,  wohl  um 
sieh  an  den  Cicaden  beim  Belegen  festhalten  zu  können.  — 
Im  Ansehluls  an  die  Kuhnt sehen  Untersuchungen  kam  Herr 
Bauer  in  einer  technischen  Erörterung  über  den  Schutz  der 
lüsektensammlungen  gegen  Zerstörer  zu  dem  Schlufs,  dafs 
nur  Schwefelkohlenstoff  unbedingte  Sicherheit  gewährleiste, 
alle  anderen  gepriesenen  Schutzmittel  aber  teils  nutzlos,  teils 
sogar  schädlich  seien.  — ■  Herr  Rosenbaum  erbrachte  an 
einem  überzeugenden  Belegmaterial  den  Nachweis,  dafs  unsere 
beiden  einheimischen  Dornschrecken  Tettix  subulatus  und 
T.  hipundatus  lückenlos  ineinander  übergehen!  —  Herr  Bauer 
erläuterte  au  seiner  Kleefalter-Spezialsammlung  die  Systema- 
tik der  etwa  40  paläarktische  Arten  umfassenden  Gattung 
Colias.  —  Herr  Spöttel  I  sprach  über  Futterwechsel  bei 
Laufkäfern  (Carabidae).  Mit  Ausnahme  des  bekannten  Ge- 
treideschädlings Zabrus  tenebrioides  gelten  die  Raubläufer 
durchweg  als  reine  Fleischfresser,  doch  sind  gerade  in  letzter 
Zeit  mehrere  Arten  von  den  Mitgliedern  der  E.  G.  als  Gelegen- 


390 


Kleinere  Mitteilungen. 


heits-Vegetarier  festgestellt  worden.  Als  neues  Beispiel  führte 
der  Vortragende  den  Fsendophonus  pubescens  an,  den  er  auf 
der  Passeudorfer  Wiese  beim  Verzehren  der  Früchte  von 
Pastinaca  sativa  beobachtete.  —  Herr  Hemprich  demon- 
strierte Gold-  und  Schlupfwespen  aus  der  Niederlausitz  sowie 
einige  Kästen  Riesenschmetterlinge  aus  Java. 

Sitzung  vom  19.  September  1910.  Herr  Lassmann 
demonstrierte  eine  mehrere  Hundert  Teile  umfassende  Zu- 
sammenstellung der  hauptsächlichsten  Feinde  unserer  ge- 
meinen Kiefer  mitsamt  den  von  ihnen  hervorgerufenen  Zer- 
störungen in  Rinde  und  Holz,  den  Blütenteilen  und  Wurzeln. 
Die  Kiefer  ist  einer  unserer  meistbefallenen  Waldbäume;  sie 
vereinigt  Angehörige  aller  Insektenordnungen,  höchstens  die 
Scheinnetzflügler  und  Netzflügler  ausgenommen,  zu  einer 
Lebensgemeinschaft,  in  der  sich  die  verschiedenartigsten 
Interessen  kreuzen.  Ein  grofser  Teil  ihrer  Bewohner  be- 
wirkt nur  leichtere  Deformationen ;  viele  Arten  sind  selbst 
als  Freunde  der  Kiefer  zu  betrachten,  da  sie  als  Räuber 
oder  Schmarotzer  unter  den  Kieferfeinden  aufräumen.  Die 
meisten  jedoch  gefährden  als  physiologische  Schädlinge  das 
Leben  des  Baumes  oder  machen  sogar  als  technische  Schäd- 
linge die  Verwertung  der  Baumprodukte,  vor  allem  des 
Holzes,  teilweise  oder  ganz  unmöglich.  Die  gefährlichsten 
physiologischen  Feinde  finden  sich  unter  den  Schmetterlingen: 
Kiefernspinner,  Nonue,  Kiefernspanner;  die  gefährlichsten 
technischen  Feinde  unter  den  Käfern:  Borkenkäfer,  Rüfsler, 
Pracht-,  Schnell-  und  Bockkäfer.  —  In  einer  seiner  regel- 
mäfsigen  botanischen  Demonstrationen  zeigte  Herr  Bauer 
u.  a.  einen  Büschel  Artemisia  ahsynthium  mit  Eulenraupen 
{Cucullia  sp.),  deren  orangebraune  Wülste  den  Blütenköpfen 
täuschend  glichen.  Ferner  zeigte  er  mehrere  Stücke  des 
Wicklers  Argyroploce  schultziana,  der  an  Finus,  vielleicht 
auch  an  Vaccinimn  vorkommen  soll,  den  er  aber  bei  Lettin, 
weit  entfernt  von  diesen  beiden  Nährpflanzen,  an  Erica  auf- 
fand. —  Herr  Kleine  sprach  Uber  die  in  den  Kambial- 
schichten  der  Kiefer  bei  Spannerfrafs  {Bupalus  piniarius)  auf- 
tretende Temperatursteigerung  um  5 — 6  Grad,  die  aus  der 
geminderten  Respiration  resultieren  dürfte.  —  Unter  Vor- 


Kleinere  Mitteilungen. 


391 


legung  reichlichen  lebenden  und  präparierten  Materials  sprach 
Herr  Lassmann  über  die  Biologie  der  „Wachsmotte"  {Galleria 
mellonella).  Das  wegen  seiner  Verschiedenheit  vom  Männ- 
chen früher  für  eine  eigene  Art  gehaltene  Weibchen  legt 
seine  Eier  in  Bienenstöcke.  Die  Kaupen,  die  ihre  Frafsgänge 
mit  einem  stichfesten  Seidengewebe  auskleiden,  leben  vom 
Wachs  und  können  durch  ihre  Zerstörungen,  namentlich 
durch  das  tötende  Blofslegen  der  Bienennymphen,  den  ganzen 
Stock  vernichten.  Bis  vor  kurzem  schien  es,  als  ob  dieser 
von  den  Imkern  bitter  gehalste  Schädling  zu  einem  Segen 
für  die  Menschheit  werden  würde,  weil  er  uns  eine  schneidige 
Waffe  gegen  den  schlimmsten  Menschenwürger,  die  Tuber- 
kulose, zu  liefern  versprach.  Die  Tuberkelbazillen  verdanken 
nämlich  ihre  aulserordentliche  Widerstandsfähigkeit  einer 
feinen  Wachsumhüllung,  und  da  allein  die  Züuslerraupen 
Wachs  schlankweg  verdauen,  so  hoffte  man,  aus  ihnen  das 
wachsspaltende  Ferment  gewinnen  und  damit  die  Bazillen 
abtöten  zu  können.  Leider  sind  die  in  der  Theorie  so  aus- 
sichtsvollen Versuche  vorläufig  auf  dem  toten  Punkt  ange- 
kommen. Daehne. 


Literatur-Besprechungen. 


Hersen,  C.  und  Hartz,  R.,  Telegraphen -Ingenieure  bei 
der  Telegraphen- Apparatwerkstatt  des  Keiehspostamts  in 
Berlin,  Die  Fernsprechtechnik  der  Gegenwart  (ohne 
die  Selbstanschlufssystenie).  686  S.  Mit  mehr  als  600 
Abbildungen  und  einer  Tafel.  Braunschweig,  Friedrich 
Vieweg  &  Sohn.  Geheftet  30, —  M.,  in  Leinwand  ge- 
bunden 32,—  M. 

Das  Werk,  auf  dessen  Erseheinen  schon  in  einer  früheren 
Nummer  unserer  Zeitschrift  (Heft  1 — 3,  1910)  hingewiesen 
ist,  bildet  die  V.  Abteilung  der  „Telegraphen-  und  Fernsprech- 
technik in  Einzeldarstellungen  von  Th.  Karkass",  deren 
bereits  erschienene  Bände  zum  Teil  von  uns  bereits  be- 
sprochen sind.  Wie  seine  Vorgänger  gibt  es  eine  er- 
schöpfende Darstellung  seines  Gebiets  und  was  die  Haupt- 
sache ist,  es  füllt  eine  fühlbare  Lücke  aus,  denn  aufser 
den  in  den  Fachschriften  zerstreuten  einzelnen  Abhandlungen 
und  oberflächlichen  populären  Darstellungen  hat  die  deutsche 
elektrotechnische  Literatur  seit  Wietlisbachs  grundlegendem, 
klassischen  „Handbuche  der  Telephonie"  kein  zusammen- 
hängendes Werk  mehr  zu  verzeichnen.  In  der  Auswahl 
und  Begrenzung  des  Stoffes  haben  sich  die  Verfasser  sicher 
in  schwieriger  Lage  befunden.  Hätten  sie,  wie  es  Wietlis- 
BACH  noch  konnte,  das  gesamte  Fernsprechwesen  be- 
handelt, also  geschichtliche  Entwiekelung,  wissenschaftliche 
Grundlagen,  technische  Einrichtung  und  Betrieb  der  Sprech- 
stellen und  Amter,  sowie  endlich  den  Leitungsbau  mit  dem 
aufserordentlich  wichtigen  Kapitel  der  Sprechfähigkeit,  von 
dem  Fernsprechen  ohne  Draht  ganz  zu  schweigen:  so  hätte 


Literatur-Besprechungen. 


893 


bei  der  riesigen  Entwiekelung,  die  das  Fernsprechwesen 
im  letzten  Jahrzehnt  genommen  hat,  ein  vielbändiges  Werk 
entstehen  müssen,  in  welchem  möglicherweise  die  eigentliche 
Technik  zu  kurz  gekommen  wäre.  Diese  aber  nach  dem 
heutigen  Staude  gründlich  zu  behandeln,  war  das  Ziel  des 
Buches  und  dieses  Ziel  ist  erreicht,  bezüglich  der  deutschen 
Einrichtungen  vollkommen,  hinsichtlich  des  Auslandes  in 
ausreichendem  Mafse.  Besonders  haben  die  amerikanischen 
Einrichtungen  eingehende  Berücksichtigung  gefunden  und 
das  mit  Recht,  denn  es  gibt  keinen  Zweig  der  Fernsprech- 
technik, der  nicht  seine  Wurzeln  oder  seine  Entfaltung  auf 
amerikanischem  Boden  gehabt  hätte.  Bei  den  meisten 
Apparaten  und  Schaltungen  ist  ihrer  geschichtlichen  Ent- 
wickelung  gedacht  und,  wo  deren  verschiedene  noch  jetzt 
gleichzeitig  verwendet  werden,  fehlt  es  nicht  an  einem  zu- 
treffenden Urteil  über  ihre  Vorzüge  und  Nachteile.  Auf 
diese  Weise  ist  zwar  kein  Werk  entstanden,  das  der  ge- 
bildete Laie  mit  Genufs  zum  Selbststudium  verwenden  könnte, 
auch  ist  das  Verhältnis  zwischen  der  Wichtigkeit  einzelner 
Apparate  und  Einrichtungen  und  der  auf  ihre  Besprechung 
verwendeten  Zeilen  nicht  immer  richtig  —  z.  B.  sind  dem 
Wecker  24  Seiten  gewidmet,  während  das  wichtige  Kapitel 
über  die  Bauart  der  Fernsprechämter  sich  mit  14  Seiten 
begnügen  muls  —  aber  der  Fachmann  findet  ein  gründliches 
Nachschlagewerk  und  der  junge  Telegraphenbeamte  ein 
sehr  brauchbares  Lehrbuch. 

Die  Zeichnungen  sind  klar  und  übersichtlich;  die  Aus- 
stattung ist  gediegen. 

0.  SCHiJTZ. 


Pohl,  Robert,  Dr.,  Assistent  am  Physikalischen  Institut  der 
Universität  Berlin,  Die  elektrische  Fernübertragung 
von  Bildern.  Heft  Nr.  34  der  Sammlung  naturwissen- 
schaftlicher und  mathematischer  Monographien  ,Die 
Wissenschaft*.  45  S.  Mit  25  Abbildungen,  Geheftet 
1,80  M.,  in  Leinen  gebunden  2,50  M. 

Das  Büchlein  gibt  eine  kurze  Darstellung  der  wissen- 
schaftlichen Grundlagen  für  die  Fernübertragung  der  mensch- 


394 


Literatur-Besprechungen. 


liehen  Handschrift  sowie  von  Zeichnungen  und  Bildern,  an- 
knüpfend an  die  geschichtliche  Entwickelung  dieses  Zweiges 
der  Telegraphie.  In  übersichtlicher  Weise  sind  die  physi- 
kalischen Bedingungen  erörtert,  auf  denen  sich  die  drei 
Haupttypen  dieser  Art  von  Telegraphen  aufbauen.  Zunächst 
ist  der  sogenannten  Kopiertelegraphen  von  Bakewell  und 
Caselli  gedacht,  die  bereits  vor  ungefähr  60  Jahren  er- 
funden wurden.  Sie  bedürfen  synchron  laufender  Sender 
und  Empfänger  und  liefern  durch  elektrolytische  Strom- 
wirkungen schraffierte  Bilder  der  Urschrift.  Hieran  schliefst 
sich  der  Kopiertelegraph  von  Lacoine,  der  keiner  Syn- 
chronismuseinrichtungen, dafür  aber  zweier  Leitungen  bedarf 
und  gestattet,  die  Bewegung  der  sehreibenden  oder  zeich- 
nenden Hand  unmittelbar  zu  übertragen.  Schliefslich  ist 
etwas  eingehender  das  eigentliche  fernphotographische  Ver- 
fahren beschrieben,  welches  nicht  nur  die  Umrisse  der  Ur- 
bilder, sondern  auch  die  Feinheiten  der  Schattierungen 
weitergibt,  wie  sie  etwa  gut  durchgearbeitete  Photographien 
enthalten.  Man  benutzt  denn  auch  als  Sender  die  photo- 
graphische Platte,  deren  Bild  plastisch  gemacht  wird,  z.  B 
durch  Anwendung  der  ßichromate  des  Kaliums,  Natriums 
usw.,  so  dais  der  durch  die  aktive  Schicht  fliefsende  Strom 
bald  dickere,  bald  schwächere  Stellen  trifft  und  damit  mehr 
oder  weniger  in  seiner  Stärke  und  folglicli  auch  in  seiner 
Wirksamkeit  beeinfiufst  wird.  Am  Empfangsorte  erseheint 
ein  dementsprechend  abgetöntes  Bild.  Noch  feiner,  und  zur 
Zeit  am  brauchbarsten  ist  das  Verfahren  unseres  Lands- 
manns, des  Prof.  Korn.  Er  läfst  durch  ein  gewöhnliches 
photographisches  Negativ  Licht  auf  ei-ne  Selenzelle  fallen, 
deren  Ohmscher  Widerstand  bekanntlich  bei  der  Belichtung 
sinkt.  Derartige  Zellen  sind  gegenüber  Liehtschwankungen 
so  empfindlich,  dais  sie  die  feinsten  Abstufungen  wieder- 
geben, selbst  auf  grofse  Entfernungen.  So  gelang  es  dem 
Erfinder,  das  Bild  des  Kronprinzen  von  München  nach 
Berlin  klar  zu  übermitteln. 

Auf  die  technische  Ausgestaltung  der  verschiedenen 
Verfahren  geht  der  Verfassser  nicht  näher  ein,  wohl  um 
den  Rahmen  der  rein  wissenschaftlichen  Abhandlung,  auf 
die  er  es  abgesehen  hatte,  nicht  zu  überschreiten.  Daher 


Literatur-Besprechungen. 


395 


wird  sich  der  Leser,  der  nicht  schon  einigerniaf'sen  mit  dem 
Stoffe  vertraut  ist,  kaum  ein  deutliches  Bild  über  die 
Wirkungsweise  der  verschiedenen  Apparate  und  Einrichtungen 
machen  können,  denn  gerade  die  technische  Seite  bietet 
die  gröl'sten  Schwierigkeiten  auf  diesem  Gebiete  und  nur 
ihrer  Ausgestaltung  ist  der  schliefsliche  Erfolg  zu  danken. 
Es  wäre  daher  sehr  erwünscht  gewesen,  Hinweise  auf  die  in 
den  Fachschriften  zerstreuten,  umfassenderen  Abhandlungen 
zu  geben.  Aber  auch  so  bietet  das  Werk  einen  willkommenen 
Beitrag  zur  Schwachstromliteratur. 

0.  Schütz. 


Zittel,  Karl  A.  vou,  Grundzüge  der  Paläontologie 
(Paläozoologie).  1.  Abteilung:  Invertebrata.  Dritte  ver- 
besserte und  vermehrte  Auflage.  Mit  1414  in  den  Text 
gedruckten  Abbildungen.  Neubearbeitet  von  Ferdinand 
Broili.    München  und  Berlin  1910.    607  S. 

ZiTTELS  Grundzüge  der  Paläontologie  waren  als  der 
beste  kurze  Ausdruck  unseres  Gesamtwissens  von  den 
fossilen  Tieren  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  in  allen 
Ländern  der  Erde,  in  denen  Paläontologie  getrieben  wird, 
ein  durchaus  unentbehrliches  Buch  geworden.  Nach  der 
Fertigstellung  der  I.  Abteilung  der  zweiten  Auflage i)  setzte 
der  Tod  dem  eminent  arbeitsreichen  Leben  des  Verfassers 
(am  6.  Januar  1904)  ein  Ende.  Da  die  zweite  Auflage  der 
II.  Abteilung  bis  heute  nicht  erschienen  ist,  und  auch  die 
zweite  Auflage  der  I.  Abteilung  bereits  wieder  vergriffen 
war,  mufste  uns  bange  Sorge  um  das  unentbehrliche  Buch 
ergreifen.  Jetzt  liegt  eine  dritte  Auflage  der  I.  Abteilung 
(Invertebrata)  aus  der  Feder  eines  Schülers  und  langjährigen 
Assistenten  des  Altmeisters  vor.  Sie  rechtfertigt  die  Hoff"nung, 
dals  uns  das  Werk  Zittel  s  in  der  altbewährten  Form  er- 
halten bleibt,  und  dafs  es  dem  Neubearbeiter  gelingen  wird, 
dem  Werke  seinen  W^eltruf  zu  erhalten. 

Die  Form  des  Werkes  ist  unverändert  geblieben,  den 
Fortschritten    unserer    Wissenschaft    aber    nach  Kräften 


')  Besprochen  in  dieser  Zeitschrift,  Bd.  76,  1903,  S.  377—378. 


396 


Kleinere  Mitteilungen. 


Rechnung  getragen.  Da  der  Neubearbeiter  die  Aufforderung 
zur  Herausgabe  der  dritten  Auflage  erst  im  Herbste  1909 
erhielt,  war  es  ihm  nicht  möglich  alle  Abschnitte  in  dem 
von  ihm  selbst  gewünschten  Umfange  neu  durchzuarbeiten. 
Gleichwohl  zeigt  die  Neuauflage  umfangreiche  und  be- 
deutungsvolle Änderungen.  Die  Seitenzahl  ist  um  etwa  50 
gewachsen.  Die  Zahl  der  Abbildungen  ist  nur  unbedeutend 
vermehrt,  doch  sind  etwa  60  Abbildungen  durch  neue  er- 
setzt worden.  Zudem  sind  dankenswerter  Weise  einer  Reihe 
älterer  Abbildungen  das  Verständnis  erleichternde  erklärende 
Buchstaben  zugefügt  worden.  In  den  Literaturangaben  sind 
nicht  nur  die  wichtigeren  Neuerscheinungen,  sondern  auch 
manche  Arbeiten  der  älteren  Literatur  nachgetragen  worden. 
Völlig  umgearbeitet  ist  der  Abschnitt  über  die  Insekten,  dem 
Handlirschs  Handbuch  zu  Grunde  gelegt  worden  ist.  Aber 
auch  sonst,  z.  B.  in  den  Abschnitten  über  Foraminiferen, 
Graptolithen,  inartikulate  Braehiopoden  usw.,  finden  sich  er- 
hebliche Umarbeitungen  und  Zusätze.  Den  Flagellaten  ist 
ein  besonderer  Abschnitt  gewidmet  und  die  Receptaculida, 
die  ZiTTEL  in  der  zweiten  Auflage  als  vermutlich  zu  den 
Pflanzen  gehörend  weggelassen  hatte,  sind  neu  aufgenommen. 

Ew.  Wüst. 


Reinisch,  R.,  Entstehung  und  Bau  der  deutschen 
Mittelgebirge.  Mit  48  Abbildungen.  Leipzig  1910.  VIII 
und  206  Seiten.  Leipzig,  Dieterich.  Geheftet  3,50  M. 
Eine  brauchbare  kurze  zusammenfassende  Darstellung 
der  erdgeschichtlichen  Entwicklung  und  des  geologischen 
Baues  Deutschlands  ist  ein  für  weiteste  Interessentenkreise 
dringendes  aber  leider  bisher  unbefriedigtes  Bedürfnis.  Auch 
das  vorliegende  Buch  trägt  nur  wenig  zur  Befriedigung 
dieses  Bedürfnisses  bei.  Es  beschränkt  sich  auf  das  deutsche 
Mittelgebirgsland,  für  das  eine  zusammenfassende  Darstellung 
am  dringlichsten  ist.  Es  ist  nicht  zu  verkennen,  dafs 
Reinisch  mit  Fleifs  —  aber  oft  ohne  zureichende  Kritik  — 
ein  nicht  unbeträchtliches  Material,  vor  allem  eine  ganz  gute 
Sammlung  von  Profilen  und  Kartenskizzen  zusammengetragen 
hat,  aber  er  steht  im  allgemeinen  zu  wenig  über  dem  be- 


Literatur-Besprechungen. 


397 


handelten  StofiFe  und  läfst  die  erdgesehicbtliclien  Momente 
zu  wenig  in  den  Vordergrund  treten,  als  dafs  wesentlich 
mehr  als  eine  ziemlieh  dürftige  Kompilation  herausgekommen 
wäre,  welche  immerhin  ihre  Dienste  tun  kann,  bis  einmal 
etwas  brauchbareres  vorliegen  wird. 

Ew.  Wüst. 


Schurig,  Walter,  Dr.,  Biologisehe  Experimente  nebst 
einem  Anhang:  Mikroskopische  Technik.  8".  190  S. 
Leipzig,  Quelle  ä  Meyer.    Gebunden  2,80  M. 

Das  Buch  gliedert  sich  in  drei  Abschnitte.  Teil  I  und  II 
bringen  eine  Zusammenstellung  meist  einfacher  und  in- 
struktiver Versuche  aus  dem  Gebiet  der  Pflanzen-  und  Tier- 
biologie; Teil  III  enthält  einen  kurzen  Abrifs  der  mikro- 
skopischen Technik,  soweit  deren  Kenntnis  zur  Ausführung 
der  behandelten  Experimente  notwendig  ist. 

Das  Werk  wird  als  erste  Anleitung  manchem  Natur- 
freund willkommen  sein.  Insbesondere  scheint  es  mir  brauch- 
bar für  die  immer  noch  giofse  Zahl  derjenigen  Lehrer,  die 
—  ohne  eine  besondere  praktische  Ausbildung  in  diesen 
Fächern  erfahren  zu  haben  —  naturkundHchen  Unterricht 
erteilen  müssen  und  dabei  auf  das  wertvolle  Hilfsmittel  des 
Versuches  nicht  verzichten  wollen.  Diese  werden  vorzüglich 
die  Zusammenstellung  der  wichtigsten  Konservierungs-  und 
Färbemethoden  gern  benutzen.  Auch  dem  Fachlehrer  wird  es 
angenehm  sein,  ein  bequemes  Nachschlagebuch  zu  besitzen, 
das  ihm  der  Mühe  überhebt,  die  einzelnen  Versuche  selbst 
zusammenzustellen.  Ür.  Leeke. 


Uhlenhuth,  Eduard,  Vollständige  Anleitung  zum 
Formen  und  Giefsen  nebst  genauer  Beschreibung  aller 
in  den  Künsten  und  Gewerben  dafür  angewandten 
Materialien.  192  S.  22  Abbild.  VI.  Aufl.  Chemisch- 
Technische  Bibliothek  Bd.  49.  Wien,  A.  Hartleben.  Ge- 
bunden 2, —  M. 

Die  vorliegende  Neuauflage  des  Buches  hat  eine  er- 
hebliche Erweiterung  erfahren.  In  der  ersten  Hälfte  desselben 


398 


Literatur-Besprechungen. 


weiden  ausfuhrlieb  das  Formen  und  Giefsen  in  Gips,  ferner 
die  Fabriltation  und  Verwendung  der  verschiedenen  Zemente, 
die  Fabrikation  von  Tonwaren  und  die  neuerdings  so  be- 
deutungsvoll gewordene  Herstellung  von  Zelluloidwaren  be-» 
handelt.  Die  zweite  Hälfte  ist  der  Besprechung  der  Metall- 
giefserei  gewidmet.  Hier  sind  besonders  die  Ausführungen 
über  die  in  der  Praxis  verwendeten  Legierungen  von  Inter- 
esse. In  (lern  Abschnitte  über  Bronzegielserei  ist  auch  die 
Herstellung  japanischer  Bronzen,  ferner  die  Verwendung 
elastischer  Formen  bei  der  Herstellung  der  AVachsmodelle 
für  den  Metallgufs  berücksichtigt  worden.  Das  umfangreiche 
Kapitel  über  Eisengiefserei  enthält  u.  a.  eine  Beschreibung 
des  GoLDSCHMiDTschen  Thermitverfahrens.  Der  Stahlgiefserei 
ist  in  der  Neuauflage  entsprechend  ihrer  Entwicklung  ein 
eigener  Abschnitt  vorbehalten.  Neu  aufgenommen  sind 
ferner  noch  eine  Besprechung  der  Bleigiefserei  und,  nach 
einer  ausführlicheren  Behandlung  der  Patina,  eine  Anleitung 
zum  Reinigen  und  Konservieren  antiker  Bronzen. 

Dr.  Leeke. 


Hegi,  G.,  Dr.,  Illustierte  Flora  von  Mitteleuropa.  Mit 
besonderer  Berücksichtigung  von  Deutschland,  Osterreich 
und  der  Schweiz.  München,  Verlag  von  J.  F.  Lehmann. 
Die  inzwischen  erschienenen  Lieferungen  23—25  (160  S. 
mit  12  Tafeln  und  68  Abbildungen  im  Text)  schreiten  in 
der  Behandlung  der  Dicotyledonen  fort  bis  zu  den  Cheno- 
padiaceae.  Die  textliche  Bearbeitung  ist  eine  recht  aus- 
führliehe.  So  wird  bei  der  Besprechung  der  Fagaceae  die 
Physiognomie  der  mitteleuropäischen  Flora  besonders  hervor- 
gehoben; auch  werden  —  und  in  gleicher  Weise  geschieht 
das  auch  bei  anderen  wichtigen  Arten  —  die  typischen  Be- 
gleitpflanzen zusammengestellt.  Unter  den  Qiiercus  -  Arten 
erfahren  die  häufiger  kultivierten  und  gelegentlich  ver- 
wilderten amerikanischen  Arten  Berücksichtigung.  Hier  wie 
bei  den  Ulmen  werden  anhangsweise  die  mannigfachen 
Gallbildungen  behandelt. 

Als  Kulturpflanzen  werden  insbesondere  Feige,  Hopfen 
und  Hanf  gewürdigt;  auf  die  interessanten  Geschlechts- 


Literatur-Besprechungen. 


399 


Verhältnisse  und  Bestäubuugsvorgänge  der  ersten  wird  be- 
sonders eingegangen.  Bezüglich  der  Mistel  wird  die  von 
TuHKUF  kürzlich  aufgestellte  Einteilung  in  die  drei  bio- 
logischen, ernährungsphysiologischen  Rassen,  Laubholz-, 
Tannen-  und  Föhren-Mistel  übernommen. 

ür.  Leeke. 


Artus,  W.,  Dr.,  Grundzüge  der  Chemie  für  Gewerbe- 
treibende sowie  für  Lehrer  an  Gewerbeschulen. 
II.  Aufl.  Neu  bearbeitet  von  E.  Nicolas.  8».  424  S. 
62  Abb.  Chemisch -Technische  Bibliothek  Bd.  64.  Wien, 
A.  Hartleben.    Gebunden  6, —  M. 

Das  Werk  stellt  ein  kurzes  Handbuch  der  Chemie  vor, 
der  im  Titel  ausgesprochenen  Tendenz  entsprechend,  ist,  ohne 
die  wissenschaftliche  Behandlungsweise  des  Stoffes  ganz 
fallen  zu  lassen,  die  Verwendung  chemischer  Fachausdrüeke 
und  Formeln  auf  ein  geringes  Mafs  beschränkt  worden. 
Dafür  erfahren  dann  die  technisch  wichtigeren  Verbindungen 
und  ihre  Darstellung,  sowie  die  gegenseitigen  Beziehungen 
der  einzelnen  Zweige  der  chemischen  Industrie  eine  weiter- 
gehende Berücksichtigung,  als  dieses  sonst  üblich  ist. 

Dr.  Leeke. 


Schuster,  Fr.,  Oberstleutnant  a.  D.,  Der  Einflufs  des 
Mondes  auf  unsere  Atmosphäre.  31  S.  2  Taf.  Karls- 
ruhe, Fr.  Gutsch.    Broschiert  1,40  M. 

Verfasser  will  eine  Lanze  brechen  für  den  alten  Glauben 
au  den  EinHufs  des  Mondes  auf  den  Stand  des  Barometers 
und  damit  auf  das  Wetter.  Die  wechselnde  Stärke  der 
Anziehung  des  Mondes  soll  eine  Barometerwelle  von  1  mm 
Höhe  und  28  Tagen  Länge  hervorrufen,  welche  sich  mit 
einer  anderen,  durch  die  Mondphasen  bedingten  Wellen- 
bewegung zu  einem  —  dem  Verfasser  übrigens  selbst  nicht 
ganz  klaren  —  kombinierten  Wellensystem  vereinigen  und 
in  periodischen  Schwankungen  unseres  Wetters  ihren  Aus- 
druck finden  soll.  Der  Theorie  Falbs  kann  Verfasser  auf 
Grund  seiner  Untersuchungen  eine  gewisse  Berechtigung 
nicht  absprechen.  Dr.  Leeke. 


400 


Literatur-Besprechungen. 


Binz,  Artur,  Prof.  Dr.,  Koble  uud  Eisen.  IV,  137  S. 
„Wissenschaft  und  Bildung",  Nr.  69.  (Leipzig,  Quelle  & 
Meyer.) 

Es  ist  zweifellos  keine  leichte  Aufgabe  über  ein  so 
umfangreiches  Stoffgebiet,  wie  „Kohle  und  Prisen",  auf  wenig 
Seiten  zu  berichten;  insbesondere  erscheint  es  schwierig,  die 
mannigfachen,  scheinbar  weit  voneinander  entfernt  liegenden 
Sondorgebiete  organisch  mit  dem  Ganzen  zu  verknüpfen 
und  in  einer  ihrer  Bedeutung  entsprechenden  Weise  zu 
berücksichtigen.  Dieses  aber  hat  Verfasser  in  dem  genannten 
Büchlein  in  vortrefflicher  Weise  verstanden. 

In  der  ersten  Hälfte  desselben  erfährt  der  Leser  über 
die  Entstehung  und  Gewinnung  der  Holz-,  Braun-,  Steinkohle 
und  Uber  ihre  Bedeutung  vorzüglich  für  die  Eisenbereitung  in 
früherer  und  jetziger  Zeit  alles  wichtige;  von  dem  einfachen 
„Herdfrischen"  mit  der  Holzkohle  durchleben  wir  den  langen 
Gang  der  technischen  Entwicklung  der  Eisenindustrie  bis 
zur  Herstellung  der  KRUPPSchen  Panzerplatten.  In  der 
zweiten  Hälfte  werden  wir  mit  der  Industrie  des  Leucht- 
gases und  seiner  Konkurrenten,  sowie  derjenigen  des 
Ammoniaks  und  der  Gewinnung  der  P'arbstoffe  aus  dem 
Steinkohlenteer  bekannt  gemacBt.  Auch  hier  wird  durch 
Schilderung  des  genetischen  Zusammenhanges  der  einzelnen 
Industriezweige  ein  tieferes  Verständnis  angebahnt. 

Die  Darstellung  ist  aufserordentlich  klar  und  frei  von 
jener  Trivialität,  die  man  heute  leider  so  häufig  in  sogen, 
populären  Arbeiten  findet.  Insbesondere  mufs  der  Versuch, 
die  Bedeutung  der  Kekule sehen  Benzolformel  für  die  Ent- 
wicklung der  Farbstoftindustrie  in  einer  auch  dem  Nicht- 
fachmann  verständlichen  Weise  klar  zu  legen,  als  gelungen 
bezeichnet  werden.  Unter  den  Abbildungen  erregen  vor- 
züglich einige  aus  dem  Kgl.  Materialprüfungsamt  zu  Grofs- 
Lichterfelde  stammende  mikrophotographische  Aufnahmen 
unser  Interesse,  welche  deutlich  die  Abhängigkeit  der  Be- 
schaffenheit des  Eisens  und  Stahls  von  Kohlenstoff"  und 
anderen  Beimischungen  zeigen. 

Dr.  Leeke. 


Druck  von  Ehrhardt  Karras,  Halle  a.  S. 


über  den  Formeukreis  der  Statice  Limouium 
und  ihrer  nächsten  Verwandten 

Vorstudieu  zu  einer  Monographie 
von 

Dr.  Walther  Wangerin 

Der  Formenkreis  der  Statice  Limonium  und  ihrer 
nächsten  Verwandten,  der  im  Folgenden  einer  eingehenderen 
kritischen  Untersuchung  unterzogen  werden  soll,  gehört 
innerhalb  der  Gattung  Statice,  die  ja  bekanntlich  der 
systematischen  Gliederung  und  Artunterscheidung  überhaupt 
nicht  unerhebliche  Schwierigkeiten  bereitet,  mit  zu  den 
schwierigsten  und  kompliziertesten,  sowohl  was  die  gegen- 
seitige Abgrenzung  der  Formenkreise  und  die  systematische 
Wertung  der  einzelnen  Glieder,  als  auch  was  die  Synonymie 
anlangt.  Die  Schwierigkeiten,  welche  diese  Gruppe  bereitet, 
liegen  nicht  allein  in  der  starken  Variabilität  der  meisten 
zur  Artunterscheidung  gebrauchten  Charaktere  begründet, 
sondern  vor  allem  auch  darin,  dafs  mehrere  der  hierher 
gehörigen  Arten  ursprünglich  vorzugsweise  auf  Grund  ihres 
abweichenden  Habitus  aufgestellt  wurden  und  sich  infolge- 
dessen später,  bei  erweiterter  Kenntnis  des  Formenkreises, 
die  Notwendigkeit  ergab,  diese  mehr  oder  weniger  schwan- 
kenden Habitusmerkmale  durch  bestimmter  definierte  Charak- 
tere zu  ersetzen,  was  aber  keineswegs  immer  in  einwand- 
freier Weise  möglich  ist.  Einen  Teil  der  hierher  gehörigen 
Arten  hat  neuerdings  bereits  SalmonI)  einer  Revision  unter- 
zogen ;  indessen  kann  ich  mich,  worauf  weiter  noch  zurück- 

Salmon,  Notes  on  Limonium  in  Journal  of  Botany  XLIII 
u.  XLVII. 

Zeitsobr.  f.  Naturwiss.  HaUe  a.  S.    Bd.  82,    1911.  26 


402 


WAi/niEu  Wangerin, 


[21 


zukommen  sein  wird,  mit  seinen  Ergebnissen  nicht  in  allen 
Punkten  einverstanden  erklären,  auch  hat  er  lediglich  die 
bekanntesten  europäischen  Glieder  des  Formeukreises  be- 
rücksichtigt, während  nur  eine  alle  Glieder  der  Gruppe 
gleichniälsig  umlassende  Betrachtung  zu  einer  befriedigenden 
Darstellung  und  Klärung  führen  kann;  es  dürfte  daher  der 
folgende,  auf  Sichtung  eines  sehr  umfangreichen  Materials 
beruhende  Versuch  nicht  unangebracht  sein. 

I. 

Der  Forinenkreis  der  eigeutliclien  Statice  Limonium 
und  der  *S^.  halmsiensis. 
Linne  1),  auf  den  der  Name  Statice  Limonium  zurück- 
geht, kannte  nur  eine  Gesamtart,  die  bei  ihm  nicht  weiter 
gegliedert  erscheint,  da  die  von  ihm  aufgeführten  Varietäten 
ß  —  ö  sämtlich  anderen,  unserer  Gruppe  ferner  stehenden 
Arten  zugehören;  sein  Name  umfafst  indessen  im  heutigen 
Sinne  mindestens  drei  verschiedene  Arten,  nämlich  aufser 
der  eigentlichen  St.  Limonium  noch  die  St.  halmsiensis  (ein 
Exemplar  derselben  liegt  in  seinem  Herbar  unter  dem  Namen 
St.  Limonium)  und  die  St.  caroliniana,  da  er  auch  die 
Küsten  von  Virginien  als  Heimatsgebiet  seiner  St.  Limonium 
angibt.  Ebenso  fafste  auch  Willdenow^),  der  der  Gruppe 
in  St.  Gmelini  und  St.  scoparia  zwei  neue  Arten  hinzufügte, 
denen  der  zweite  Abschnitt  dieser  Arbeit  gewidmet  sein 
wird,  die  gesamten  mittel-  und  südeuropäischen  Formen  als 
St.  Limonium  zusammen.  Der  erste  Versuch  einer  Gliederung 
des  Formenkreises  rührt  von  Reichenbach  3)  her;  er  bezog 
den  Linne  sehen  Namen  auf  eine  bestimmte  südeuropäische 
Form,  neben  der  er  noch  eine  zweite  Art  als  St.  serotina 
aus  dem  Mediterrangebiet  beschrieb,  während  er  die  an  den 
Küsten  des  nördlichen  Mitteleuropa  vorkommende  Pflanze 
mit  dem  Namen  St.  Pseudolimonium  belegte.  Durch  Fkies*) 


1)  Linne,  Spec.  pl.  ed.  1  (1753)  274. 

2)  Willdenow,  Sp.  pl.  I  (1797)  1524. 

3)  Reichenbach,  Ic.  pl.  crit.  VIII  (1830)  fig.  959,  997  u.  998  und 
Fl.  Germ,  excurs.  (1830)  191. 

0  Fries,  Nov.  Fl.  Siiec.  Mant.  I  (1832)  10. 


[3] 


Über  den  Formenkreis  der  Statice  Limoniuni  etc. 


403 


wurde  letztere  zerlegt  in  St.  Limonium  scanica.  und  St.  Limo- 
nium  lahusiensis-,  erstere  wurde  von  Drejer*)  sechs  Jahre 
später  unter  dem  Namen  St.  Behen  zur  eigenen  Art  erhoben, 
von  letzterer  eine  in  Dänemark  vorzugsweise  vorkommende 
niedrige  Form  als  St.  rariflora  beschrieben.  Die  Darstellung 
in  der  Monographie  von  Boissier^)  schliefst  sich  im  wesent- 
lichen an  Reichenbach  an,  nur  dafs  er  dessen  drei  Arten  als 
Varietäten  unter  dem  Namen  St.  Limonium  vereinigt  und 
daneben  St.  hahusiensis,  wenn  auch  mit  einigen  Bedenken, 
als  eigene  Art  aufführt;  die  übrigen  von  Boissier  in  unserer 
Gruppe  unterschiedenen,  zum  grofsen  Teil  neu  aufgestellten 
Arten  sind  entweder  amerikanisch  oder  gehören  zum  Formen- 
kreis der  St.  Gmelini.  Später  hat  allerdings  Boissier  3) 
seine  Meinung  insofern  geändert,  als  er  seine  früheren  Varie- 
täten a.  genuina  (=  St.  Limonium  Rehb.)  und  /.  macroclada 
(=  St.  serotina  Rchb.)  einfach  als  Synonyme  zu  St.  Limonium 
aufführt,  so  dafs  er  also  diesen  Namen  in  erster  Linie  eben- 
falls auf  die  südeuropäische  Form  bezieht  und  die  nord- 
europäische als  besondere  var.  Behen  ansieht.  Schon  vor 
Boissier  hatte  übrigens  Reichenbach  fil.*)  einen  ähnlichen 
Schritt  getan,  indem  er  (abgesehen  von  St.  hahusiensis)  nur 
noch  zwei  Arten,  die  nordeuropäische  St.  Bseudolimonium^) 
und  die  südeuropäische  St.  serotina  unterscheidet,  so  dafs  hier 
also,  wie  es  schon  Fries  vorgeschlagen  hatte,  der  Name  St. 
Limonium  ganz  fallen  gelassen  wird.  Ähnlich  ist  auch  die  Dar- 
stellung bei  Janka^)  nur  mit  der  Abweichung,  dafs  dieser  für 
die  nordeuropäische  Form  den  Linne  sehen  Namen  beibehält, 
wie  es  ähnlich  z.  B.  schon  Grenier  und  Godron'')  getan  hatten. 

Was  nun  zunächst  die  an  den  Küsten  des  nördlichen 
Mitteleuropa  vorkommenden  Formen  der  St.  Limonium  an- 

')  Drejer,  Fl.  excurs.  hafn.  (1838)  122. 

2)  Boissier  in  DC.  Prodr.  XII  (1848)  644  —  645. 
Boissier,  Fl.  orient.  IV  (1879)  858  —  859. 

*)  Reichenbach  fil,  Ic.  Fl.  Germ,  et  Helvet.  XVII  (1S55)  62. 

■')  Die  zugehörige  Tafel  trägt  merkwürdigerweise  den  Namen 
St.  Behen,  obwohl  im  Text  die  Priorität  des  Namens  St.  Pseudolimonium 
ausdrücklich  betont  wird. 

")  Janka,  Plumbaginaceae  europaeae  in  Termeszetrajzi  Füzetek 
VI.  1  (18S2)  und  Engl.  Bot.  Jahrb.  IV  (1S83)  117—125. 

')  Grenier  et  Godron,  Fl.  de  France  II  (1S50)  739—740. 

26* 


404 


Walthei:  Wangekin, 


[4] 


gebt,  so  können  dieselben  als  in  Habitus  nnd  Charakteren 
verbältnismäfsig  konstant  bezeichnet  werden.    Die  Höhe 
der  Pflanzen  beträgt  im  allgemeinen  20 — 40  cm;  zwergige 
Exemplare   sind   gelegentlich   nur  7 — 12  cm   hoch.  Die 
Blätter  sind  lang  elliptisch  bis  umgekehrt  lang  eiförmig 
oder  lanzettlich,  durchschnittlich  21/2  —  31/2 mal  so  lang  als 
breit,  seltener  erheblich  schmäler;  die  Länge  des  Stieles 
beträgt  gewöhnlich  •  ;,  bis  ^  2  von  derjenigen  der  Spreite, 
doch  habe  ich  auch  Exemplare  mit  fast  sitzenden  Blättern 
gesehen,  andererseits  aber  auch  solche,  bei  denen  der  Blatt- 
stiel ungefähr  die  Länge  der  Spreite  erreichte.    Der  blatt- 
lose, stielrunde  Schaft  ist  etwa  von  der  Mitte  an  wiederholt 
gabelig  verzweigt;  die  primären  Aste,  die  nicht  allzu  weit 
voneinander  entspringen,  gehen  unter  einem  ziemlich  spitzen 
Winkel  ab,  sie  sind  steif  aufrecht  und  gewöhnlich  gerade, 
nur  am   Ende    etwas   nach   aulsen   gebogen.     Auch  die 
sekundären  Aste,  welche  entweder  selbst  oder  erst  an  den 
Auszweigungen  dritter  Ordnung  die  Blüten  tragen,  sind 
einander  ziemlich  genähert  und  gerade  aufrecht;  die  blüten- 
tragenden Aste,  welche  die  „Spiculae"  in  dichter,  regelmäfsig 
zweizeiliger  Anordnung  zu  1 — 2  cm  langen  kleinen  Ähren 
vereinigt  tragen,  sind  ziemlich  dick  und  ebenfalls  aufrecht 
oder  nur  wenig  gebogen.    Die  Gesamtinfloreszenz  ist  daher 
in  der  Eegel  eine  dichte,  wenig  ausgebreitete,  ebensträufsige 
Rispe.    Die  Spiculae  sind  zumeist  zweiblütig;  die  äufsere 
Braktee,   aus   deren   Achsel   die   Spicula   entspringt,  ist 
mindestens  halb  so  lang  wie  die  obere,  die  Blüten  um- 
schliefsende  oder  noch  etwas  länger,  von  lang  eiförmiger 
Gestalt,    zugespitzt    oder   raeist   deutlich    mukronat,  mit 
schmalem  bis  mäfsig  breitem  Hautrand  und  auf  dem  Rücken 
mit  starkem,  dickem  Kiel  versehen;  die  mittlere  Braktee 
ist  von  gleicher  Länge  wie  die  untere,  und  mit  Ausnahme 
des  gekielten  Rüekennerven  wie  bei  fast  allen  Arten  der 
Gruppe  vollständig  hyalin;  auch  an  der  obersten  Braktee  ist 
der  Rückennerv  bisweilen  etwas  gekielt,  und  fast  bis  zum 
oberen  Rande  durchgezogen,  der  Hautsaum  ist  mäfsig  breit 
und  meist  von  weifslicher  Farbe.    Der  Kelch  ist  7  mm  lang; 
sein  weifshäutiger,  bisweilen  etwas  blau  überlaufener  Saum 
ist  reichlich  halb  so  laug  wie  die  Röhre,  die  Zipfel  sind 


l'ber  eleu  Formenkreis  der  Statice  Limonium  etc.  405 


grol's,  dreieckig  bis  lanzettlich  und  spitz,  in  den  Buchten 
zwischen  ihnen  befinden  sich  (wie  bei  den  meisten  Arten  der 
Gruppe)  noch  fünf  sehr  kleine,  kaum  '/4  so  lange  Zähnchen. 
Die  Behaarung  der  Kelchröhre  beschränkt  sich  in  der  Regel 
auf  die  beiden  inneren  Rippen.  Die  blauviolette  Blütenkrone, 
deren  Zipfel  nur  am  Grunde  zusammenhängen,  überragt 
den  Kelch  um  ca.  3  mm. 

Wie  schon  bemerkt,  ist  der  geschilderte  Normaltypus 
ziemlich  konstant,  wenn  auch  im  einzelnen  der  Habitus 
geringe  Abweichungen  aufweist,  was  zum  Teil  wohl  durch 
die  Standortsverhältnisse  bedingt  sein  dürfte.  Exemplare 
mit  höherem,  reicher  verästeltem  Schaft,  mit  verlängerten, 
zum  Teil  bogig  abstehenden  oder  spreizenden  Asten,  welche 
eine  etwas  lockere,  subpyramidale  Rispe  bilden,  sind  als 
var.  pyramidalis  Syme  beschrieben  werden;  ein  gröfserer 
systematischer  Wert  dürfte  derselben  nicht  zukommen,  da 
zwischen  solchen  Exemplaren  and  den  typischen  alle  mög- 
lichen Ubergänge  an  demselben  Standort  beobachtet  werden. 
Von  gröfserem  Interesse  ist  die  als  var.  hallandica  von  Neu- 
MAN 1)  beschriebene  Pflanze.  Dieselbe  zeichnet  sich  vor 
allem  dadurch  aus,  dafs  der  Schaft  nur  an  seiner  Spitze 
verzweigt  ist  und  die  primären  Aste  alle  dicht  beieinander 
entspringen;  der  blütenlose  Teil  dieser  Zweige  ist  auffallend 
kurz,  die  äufseren  Blütenäste  sind  nach  aufsen  gebogen, 
die  übrigen  schräg  aufsteigend  bis  aufrecht.  Die  Corolle 
überragt  den  Kelch  nur  um  1  mm;  die  Kelchnerven  ver- 
schwinden bereits  unterhalb  der  Basis  der  Zipfel,  während 
sie  gewöhnlich  bis  in  die  Zipfel  hinein  zu  verfolgen  sind. 
Die  Blätter  sind  stark  sukkulent,  nur  doppelt  so  lang  als 
breit  und  sehr  lang  gestielt  (Stiel  länger  als  die  Spreite); 
der  Schaft  ist  15—25  cm  hoch.  Aufser  in  Schweden  soll 
diese  Varietät  auch  in  Dänemark  und  auf  den  nordfriesischen 
Inseln  vorkommen. 

Von  sonstigen  Abweichungen  bezüglich  der  Blüten- 
verhältnisse erwähne  ich  noch  ein  Exemplar  aus  Varel  in 
Oldenburg  (Herb.  Berlin),  bei  dem  der  Kelchsaum  tief  zer- 
schlitzt und  die  Zipfel  sehr  schmal  lanzettlich  waren. 


»)  Neuman,  Bot.  Not.  (1897)  203. 


406 


Walthek  Wangeiün. 


[6] 


Die  Gesaiutverbreitung  der  Form  erstreckt  sich  Uber  die 
deutsche  Nord-  und  Ostaeeküste  (hier  bis  nach  Mecklenburg 
und  Vorpommern),  Dänemark,  Südskandinavien,  England 
und  Schottland  (scheint  in  Irland  zu  fehlen),  Holland, 
Belgien,  die  französische  Kanal-  und  Ozeanküste  und  Nord- 
spanien, i) 

In  den  Blütenverhältnissen  stimmt  St.  bahusiensis  im 
wesentlichen  mit  der  vorigen  überein,  nur  ist  die  untere 
Braktee  etveas  schwächer  gekielt  und  nur  zugespitzt,  nicht 
mukronat,  und  sind  meist  alle  Kelchrippen  behaart;  die 
Blüten  wie  die  ganzen  Spiculae  sind  meist  noch  etwas 
gröfser  (Kelch  8 — 9  mm  lang).  Auch  zeichnet  sich  die 
Pflanze  dadurch  aus,  dafs  der  Hautrand  der  Brakteen  und 
der  Kelcbsaum  lebhaft  purpurrot  überlaufen  sind.  Die  Unter- 
schiede der  St.  bahusiensis  gegenüber  der  St.  lAmonium- 
Form  des  nördlichen  Mitteleuropa  beruhen  im  wesentlichen 
auf  dem  Habitus  der  Infloreszenz.  Der  Schaft,  der  nicht 
stielrund,  sondern  etwas  kantig  ist,  ist  gewöhnlich  von  der 
Mitte,  seltener  fast  vom  Grunde  an  verästelt;  die  primären 
Aste  sind  schräg  nach  aufwärts  abstehend,  ziemlich  steif 
und  gerade;  das  gleiche  gilt  auch  von  den  Blütenzweigen 
(Aste  zweiter  oder  dritter  Ordnung),  welche  verlängert  (bis 
5  cm  lang),  ziemlich  dick  und  steif  und  meist  nur  wenig 
gebogen  sind;  die  regelmäfsig  zweizeilig  angeordneten 
Spiculae  stehen  an  ihnen  sehr  locker  und  (besonders  die 
unteren)  weit  voneinander  entfernt. 

Auch  diese  Pflanze  ist  wenig  veränderlich,  fast  nur  die 
Höhe  und  die  Gröfse  der  Blätter  variieren  in  stärkerem 
Mafe.  Während  die  normale  Pflanze  (.var.  a.  horealis  Fries) 
20—  40  cm  hoch  und  ziemlich  reich  und  locker  verästelt  ist, 
kommen  in  Dänemark  vorwiegend,  doch  auch  in  den  übrigen 
Teilen  des  Verbreitungsgebietes  niedrige  Formen  von  7 — 12  cm 
Höhe  mit  entsprechend  kleineren  Blättern  (nicht  über  4  cm 
lang  und  1'  2  cm  breit)  und  sehr  viel  weniger  reich  ver- 
ästelter  und  minder  reichblütiger  Rispe  vor.  Auf  solche 
Formen  bezieht  sich  in  erster  Linie  der  Name  St.  rariflora 
Drejer  (=  St.  bahusiensis  var.  ß.  danica  Fries),  der  indessen 


»)  Nach  Wilk.  et  Lange,  Prodr.Fl.Hisp.il  (1870)  380. 


[71 


Über  den  Fürnienkrcis  der  Statice  Liiuoiiiuiu  etc. 


407 


nach  Nkuman  i)  den  DHE.iEiisehen  Originalexeniplareu  zufolge 
daneben  auch  noch  den  Bastard  zwischen  St.  Limonium 
lind  baJmsiensis  unifafst,  weshalb  jener  Autor  für  die  frag- 
liche Pflanze  die  neue  Bezeichnung  St.  hahusiensis  ioxm.  nana 
eingeführt  hat. 

Die  Verbreitung  der  St.  hahusiensis  erstreckt  sich  über 
Dänemark  (südlichster  Standort  auf  der  Insel  Aarö  an  der 
Ostküste  von  Schleswig),  Südskaudinavien,  England,  Schott- 
land, Irland  und  Nordfrankreich. 

Zwischen  St.  Limonium  uud  St.  hahusiensis  existiert, 
wie  schon  bemerkt,  ein  Bastard,  der  von  Salmon^)  unter 
dem  Namen  Limonium  Xeumani  beschrieben  worden  ist 
und  diesem  Autor  zufolge  in  England,  Schottland.  Dänemark 
und  Schweden  vorkommt.  Die  Hybride  ist  im  Habitus 
ziemlich  wechselnd,  doch  schliefst  sie  sieh  zumeist  mehr  an 
die  St.  hahusiensis  an;  der  Schaft  ist  bald  etwas  kantig, 
bald  ziemlich  stielrund,  bald  fast  vom  Grunde  an,  bald  nur 
an  der  Spitze  verzweigt  und  bildet  eine  unregelraäfsige 
Rispe,  deren  Aste  bald  aufrecht  abstehend,  bald  mehr 
oder  weniger  gebogen  sind.  Die  Blütenzweige  sind  länger 
als  bei  St.  Limonium,  jedoch  kürzer  als  bei  St.  hahusiensis, 
die  Spiculae  einander  mehr  genähert  als  bei  letzterer,  jedoch 
nicht  imbrikat.  Kelch  und  Brakteen  sind  ähnlieh  wie  bei 
St.  hahusiensis  purpurn  überlaufen.  Der  Pollen  ist  oft  normal 
entwickelt,  während  die  Frucht  meist  fehlschlägt. 

In  viel  höherem  Mafse  variabel  als  die  beiden  vorigen 
sind  die  im  Mediterrangebiet  vorkommenden  Formen  der 
St.  Limonium,  welche  habituell  von  den  nordeuropäischen 
in  der  Regel  recht  erheblich  abweichen.  Die  Rispe  ist  stets 
sehr  viel  stärker  ausgebreitet  und  viel  weniger  dicht,  auch 
allermeist  nicht  korymbos,  sondern  ±^  uuregelmäfsig,  bisweilen 
fast  besenartig.  Es  ist  das  vor  allem  dadurch  bedingt,  dafs 
die  primären  Aste  der  Rispe  weit  voneinander  entfernt  sind, 
vom  Hauptsehaft  stark  abstehen  und  viel  mehr  in  die  Länge 
gestreckt  sind  als  bei  der  nordeuropäischen  St.  Limonium; 
sie  sind  in  der  Regel  stark  nach  aufsen  gebogen,  zuletzt 


1)  Neuman,  Sveriges  Fl.  (l'JOl)  205. 

»)  Salmon  in  Journ.  of  Bot.  XLII  (l'JOl)  361  —  363,  tab.  4G0. 


408 


Walther  Wangeuin, 


18] 


fast  wagerecht  oder  sogar  nach  unten  gekrümmt,  seltener 
schräg  aufsteigend  und  nur  wenig  gebogen.  Auch  die 
sekundären  Aste  sind  meist  sehr  locker  und  ziemlich  weit 
voneinander  entfernt;  sie  sind  allermeist  bogig  aufsteigend, 
seltener  ziemlich  gerade  aufwärts  von  den  primären  Asten 
abstehend.  Sehr  wechselnde  Verhältnisse  herrschen  bezüglich 
der  blütentragenden  Aste;  es  sind  dies  in  den  unteren  Teilen 
der  Rispe  gewöhnlich  die  Zweige  dritter  bis  vierter  Ordnung, 
während  in  den  oberen  Teilen  (sowie  auch  gegen  das  Ende 
der  primären  Aste  hin),  wo  die  Verzweigung  allmählich 
ärmer  wird,  auch  bereits  die  Zweige  niedrigerer  Ordnung 
Spiculae  tragen.  Bald  sind  die  sekundären  Aste  reich  ver- 
ästelt, so  dafs  die  Blütenzweige,  welche  dann  ziemlich  kurz 
und  zur  Seite  gebogen  bis  bogig  aufstrebend  sind,  an  ihrem 
Ende  kleine,  bald  sehr  lockere,  bald  etwas  dichtere  Eben- 
sträufse  bilden;  oder  aber  die  sekundären  Aste  sind  nur 
wenig  verästelt  und  dafür  die  einzelnen  Blütenzweige  lang 
(bis  4  cm)  und  stark  nach  aufsen  gebogen.  Ebenso  ist 
auch  die  Dichtigkeit  der  Spiculae  an  den  einzelnen  Blüten- 
zweigen eine  wechselnde;  meist  sind  sie  einander  ziemlich 
genähert  oder  sogar  +  imbrikat,  bisweilen  aber  auch  sind 
sie  ziemlich  locker  angeordnet.  Übrigens  sei  bemerkt,  dafs 
das  mehr  oder  weniger  dichte  Aussehen  der  Blütenzweige 
nicht  nur  abhängig  ist  von  dem  gegenseitigen  Abstand  der 
primären  Brakteen,  aus  deren  Achseln  die  Spiculae  ent- 
springen, sondern  auch  von  der  Zahl  der  in  jeder  Spicula 
enthaltenen  Blüten;  dieselbe  beträgt  in  der  Regel  drei  bis 
zwei,  in  den  letzten  Spiculae  kommt  oft  auch  nur  eine  Blüte 
zur  Entwicklung;  doch  sah  ich  z.  B.  im  Breslauer  Herbar 
ein  von  Weiss  in  Brioni  gesammeltes  Exemplar  mit  fünf- 
bis  dreiblütigen  Spiculae,  bei  dem  infolgedessen  die  Blüten- 
zweige ein  ungewöhnlich  kompaktes  Aussehen  hatten. 

Infolge  der  angeführten  Verhältnisse  ist  der  Gesamt- 
habitus der  Infloreszenz  ein  ziemlich  wechselnder,  und  dieser 
Umstand  ist  es  wohl  in  erster  Linie,  der,  worauf  bereits 
oben  hingewiesen  wurde,  seinerzeit  Reichenbach  und  ihm 
folgend  BoissiER  zu  dem  Versuch  veranlafst  hat,  eine  Schei- 
dung der  mediterranen  Formen  in  zwei  Arten  resp.  Varietäten 
vorzunehmen.    Dafs  ein  solcher  Versuch  aussichtslos  ist, 


[91 


Über  den  Foriuenkreis  der  Statice  Limoniimi  etc.  409 


dürfte  aus  den  vorstehenden  Angaben  über  die  Mannig- 
faltigkeit der  vorkommenden  Formen  zur  Genüge  hervor- 
gehen. Reichknbach  stützte  sich  allerdings  bei  der  Unter- 
scheidung seiner  beiden  Arten  nicht  nur  auf  den  Habitus 
der  Infloreszenz,  sondern  auch  noch  auf  ein  zweites  Merk- 
mal, nämlich  die  Insertion  des  Mukro  am  Ende  des  Blattes, 
oh  derselbe  direkt  aus  der  Spitxe  oder  auf  der  Unterseite 
etwas  unterhalb  der  Spitze  aus  der  Mittelrippe  entspringt; 
indessen  ist  mit  diesem  Merkmal  noch  weniger  anzufangen, 
da  in  dieser  Hinsicht  sogar  an  den  Blättern  eines  und  des- 
selben Stockes  Verschiedenheiten  begegnen.  Auffällig  ist 
es  übrigens,  dafs  Reichenuach  in  seinen  Exsikkaten  unter 
Nr.  1516  als  St.  scoparia  eine  Pflanze  von  Zaule  bei  Triest 
ausgegeben  hat,  die  mit  seiner  St.  serotina  völlig  überein- 
stimmt, während  die  von  ihm  als  St.  scoparia  beschriebene 
und  abgebildete  Pflanze  zum  Formenkreis  der  St.  Gmelini 
gehört.  Ferner  sei  in  diesem  Zusammenhange  auch  gleich 
erwähnt,  dafs  es  für  die  Reichenbach  sehe  St.  serotina 
einen  älteren  Namen  gibt,  St.  angusiifolia  Tausch,  den  z.  B. 
Kerner  aus  Prioritätsgründen  in  der  ..Flora  austro-hungarica 
exsiccata''  (Nr.  255,  von  Zaule  bei  Triest)  angenommen  hat. 
Indessen  ist  die  Originaldiagnose  von  Tausch i)  so  kurz 
gefafst,  dafs  eine  Identifizierung  fast  nur  auf  Grund  der 
beigefügten  Standortsangabe  (österreichisches  Litorale)  mög- 
lich ist;  vor  allem  aber  fällt  der  Umstand  ins  Gewicht,  dafs 
die  von  Tausch  beschriebene  Pflanze  nur  eine  spezielle, 
durch  besonders  lange  und  schmale  Blätter  ausgezeichnete 
Form  darstellt.  Allerdings  haben  die  meisten  Exemplare 
gerade  aus  dem  österreichischen  Küstenland  lang  gestielte 
(Stiel  1/2  bis  2  3  so  lang  wie  die  Spreite),  lang  gestreckte, 
schmal  oblonge  bis  lanzettliche  Blätter  (Spreite  vier-  bis 
fünfmal  so  lang  als  breit);  indessen  liegen  mir  daneben  in 
nicht  geringer  Zahl  auch  Exemplare  mit  kürzer  gestielten, 
bisweilen  fast  sitzenden  und  breiteren  elliptischen  Blättern 
vor;  ich  halte  daher  den  Namen  St.  angustifolia  zur  Be- 
zeichnung des  gesamten  mediterranen  Formenkreises  für 
ungeeignet. 


')  Tausch,  Syll.  pl.  nov.  Ratisbon.  II  (182b)  254. 


410 


WAT/niEu  Wangekin, 


[10] 


Wie  sclioD  bemerkt,  sind  die  habituellen  Unterschiede 
zwischen  der  süd-  und  der  nordeuropäischen  Form  der 
St.  Lmonhm  im  allgemeinen  recht  typisch  und  deutlich 
ausgeprägt,  und  ebenso  wie  bei  den  Formen  von  den  Küsten 
des  nördlichen  Mitteleuropa  nur  selten  habituelle  Anklänge 
an  die  südeuropäischen  Exemplare  zu  verzeichnen  sind,  so 
habe  ich  auch  umgekehrt  aus  dem  Mediterrangebiet  unter 
der  grolseu  Zahl  der  von  mir  untersuchten  nur  wenige  Exem- 
plare gesehen,  welche  sich  habituell  der  nordeuropäischen 
Form  stärker  nähern.  Eine  solche  Ubergangsform  hat 
mir  z.  B.  vorgelegen  aus  San  Sebastian;  bei  derselben  war 
zwar  die  Rispe  lockerer  und  stärker  ausgebreitet  als  es  bei 
der  nordeuropäischen  Form  in  der  Regel  der  Fall  zu  sein 
pflegt,  andererseits  aber  waren  die  primären  Aste  steiler 
und  weniger  bogig  ansteigend  und  auch  die  Blütenäste  mehr 
aufrecht  als  man  es  bei  den  mediterranen  Formen  gewöhnlich 
antrifft.  Ebenso  zeigten  auch  bei  einem  Exemplar  von 
Aigues  mortes  (Südfrankreich)  die  Partialinfloreszenzen  eine 
der  nordeuropäischen  Form  ähnliche  Gestaltung  und  war 
die  Gesamtrispe  ziemlich  ebensträufsig.  Übrigens  bemerkt 
PospiCHAL,!)  dafs  zwar  die  grofse  Mehrzahl  der  sich  im 
österreichischen  Küstengebiet  findenden  Pflanzen  infolge  der 
weitschweifig  ausgespreizten  Aste  und  der  schmalen  Blätter 
ein  von  der  gedrungenen  St.  Limonium  der  nördlichen  See- 
küste stark  verschiedenes  Aussehen  besitze,  dafs  aber  auf 
schlammig-brackigem  Boden  gelegentlich  Stöcke  vorkommen, 
die  sich  durch  steifen  und  niedrigeren  Wuchs,  breit  ovale 
Grundblätter  und  mehr  straff  aufrechte  Aste  der  nördlichen 
Form  sehr  nähern,  so  dafs  er  die  Vermutung  ausspricht, 
die  südliche  Form  sei  vielleicht  nur  eine  durch  warmen, 
trockenen  Boden  erzeugte  Varietät. 

Was  den  Bau  der  Spiculae  und  der  Blüten  bei  der 
südeuropäischen  Form  angeht,  so  ist  die  primäre  untere 
Braktee  in  der  Regel  breit  eiförmig  mit  deutlichem  Kiel 
auf  dem  Rücken,  mit  kurzer  Stachelspitze  und  ziemlich 
breitem  Hautrand;  auch  die  oberste  Braktee  ist  gewöhnlich 
mit  recht  breitem  Hautsaum  versehen.    Die  Längenverhält- 


>)  Pospicbal,  Fl.  des  üsterr.  Küstenlandes  II  (1898)  4C4  — 465. 


[11]         über  den  Tormenkreis  der  Statice  Limoniiiiu  etc.  411 


uisse  der  Brakteen  sind  nicht  absolut  konstant,  doeb  ist 
allermeist  die  untere  deutlicb  kürzer  als  die  halbe  obere, 
oft  nur  '/s  so  lang  wie  diese  und  die  mittlere  Braktee 
deutlich  länger  (bis  doppelt  so  lang)  als  die  untere;  nur 
selten  ist  die  untere  Braktee  ziemlich  halb  so  lang  wie  die 
obere.  Die  Behaarung  der  Kelchrippen  ist  auch  hier  recht 
wechselnd;  bald  sind  alle  Kippen  ziemlich  dicht  abstehend 
behaart  (z.  B.  bei  dem  Exemplar  der  Fl.  austr.-hung.  exsicc. 
n.  255,  ferner  auch  bei  algerischen  Exemplaren  u.  a.  m.), 
bald  sind  es  nur  zwei  Rippen,  die  eine  deutliche  Behaarung 
aufweisen  (z.  B.  bei  dem  Exemplar  von  F.  Schultz,  Herb, 
norm.  n.  324),  bald  ist  auch  bei  diesen  die  Behaarung  sehr 
schwach  und  nur  auf  die  Basis  beschränkt.  Die  Länge  des 
Kelches  beträgt  durchschnittlich  G — 7  mm,  die  Blüten  sind 
also  nur  wenig  kleiner  als  bei  der  nordeuropäischen  Form, 
bisweilen  auch  ebenso  grofs;  die  Kelchzipfel  sind  grofs,  bald 
etwas  breit  eiförmig -dreieckig  und  akuminat,  bald  mehr 
lanzettlich,  stets  aber  spitz;  die  Farbe  des  Kelchsaumes  ist 
bald  rein  weifs,  bald  mehr  oder  weniger  blauviolett  über- 
laufen. 

Es  verbleiben  nun  noch  einzelne  stärker  abweichende 
Formen  hervorzuheben,  soweit  solche  bei  der  in  vielen  Einzel- 
heiten bestehenden  grofsen  Variabilität  und  der  dadurch 
bedingten  Formenfülle  besondere  Erwähnung  verdienen.  In 
habitueller  Hinsicht  auffällig  war  ein  Exemplar,  das  in  der 
„Flora  lusitanica  exsiccata"  unter  Nr.  686  ausgegeben  worden 
ist,  dadurch,  dafs  die  einzelnen  Glieder  des  Hauptschaftes 
sehr  stark  winklig  hin  und  her  gebogen  sind;  es  ist  dies 
eine  Erscheinung,  die  bei  manchen  Statice-Avten  besonders 
gegen  das  Ende  der  primären  Seitenäste  hin  nicht  selten 
sich  findet,  die  ich  aber  am  Hauptschaft  selbst  nirgends  so 
stark  ausgeprägt  gesehen  habe  und  die  bei  Arten  unserer 
Gruppe  überhaupt  nur  selten  und  in  geringem  Mafse  sich 
findet;  die  Seitenzweige,  sowohl  die  primären  als  die  sekun- 
dären, waren  bei  dem  fraglichen  Exemplar  stark  gekrümrat, 
die  Blütenzweige  verhältnismälsig  robust,  ebenfalls  sehr  stark 
gekrümmt,  die  Spiculae  sehr  dicht.  Bemerkenswerter  ist 
noch  ein  Exemplar  (Herbar  de  CandoUe),  das  von  Bruni 
bei  Barletta  gesammelt  worden  ist;  zwar  war  der  Gesamt- 


412 


Walthei!  Wanoeiun, 


[12] 


auf  bau  der  Rispe  vom  Typus  nicht  abweichend,  dagegen 
waren  die  bogig  aufsteigenden  l)lütentragenden  Zweige  sehr 
verlängert  (4 — 8  cni)  und  die  Spiculae  sehr  weit  voneinander 
entfernt,  so  dais  die  Pflanze,  die  sich  auch  durch  eine  un- 
gewöhnlich frühe  Blütezeit  auszeichnete  (Mai  statt  Juli  bis 
September),  sich  in  ihrem  Aussehen  der  St.  hahusiensis 
näherte.  Andere  ebenfalls  von  Bhuni  bei  Barletta  ge- 
sammelte Exemplare  waren  durchaus  typisch,  auch  bezüglich 
der  Blütezeit;  Bruni  glaubte  daher,  in  jener  fraglichen  Pflanze 
eine  neue  Art  vor  sich  zu  haben  und  hat  auch  handschriftlich 
den  Namen  St.  harulensis  hinzugefügt,  denselben  aber  allem 
Anschein  nach  niemals  publiziert.  Ahnliche  Exemplare  mögen 
es  vielleicht  gewesen  sein,  welche  RouyI)  zu  der  Angabe 
veranlaft  haben,  St.  hahusiensis  komme  auch  im  Mediterran- 
gebiet vor,  was  ich  für  vollständig  ausgeschlossen  halte. 
Auf  Grund  der  gröfseren  oder  geringeren  Dichtigkeit  der 
Spiculae  unterscheidet  der  genannte  Autor  noch  zwei  be- 
sondere Formen  als  Subsp.  aggregata  und  Subsp.  remoti^lora, 
die  aber  nach  meinem  Dafürhalten  keinen  gröfseren  syste- 
matischen Wert  besitzen,  da,  wie  schon  bemerkt,  die  Aus- 
gestaltung der  Partialinfloreszenzen  bei  den  mediterranen 
Formen  eine  sehr  wechselnde  ist  und  sich  zwischen  extrem 
dicht-  und  besonders  lockerblütigen  Formen  eine  lückenlose 
Reihe  von  verbindenden  Zwischengliedern  herstellen  läfst. 
Endlich  ist  noch  zu  erwähnen  die  St.  drepanensis  Tin.,  die 
zwar  habituell  vom  Typus  nicht  abweicht,  bei  der  jedoch 
Schaft  und  Blütenzweige  warzig  rauh  sind  und  die  deshalb 
wohl  als  besondere  Varietät  aufgeführt  zu  werden  verdient. 

Was  die  Verbreitungsverhältnisse  angeht,  so  scheint 
unsere  Pflanze  im  mittleren  Teil  des  Mediterrangebietes 
(Südfrankreich,  Italien  und  Sizilien,  österreichisches  Küsten- 
land bis  Dalmatien)  am  häufigsten  zu  sein  und  sowohl  gegen 
Westen  (Spanien,  Portugal)  als  auch  gegen  Osten  (Griechen- 
land, Mazedonien  bis  Byzanz)  seltener  zu  werden ;  aufserhalb 
Europas  kommt  sie  in  Algier  und  Kleinasien  (Smyrna)  vor. 


1)  Rouy,  Kev.  Bot.  System  (1903)  167, 


über  den  Formenkreis  der  Statice  Limonium  etc.  413 


II.  Der  Formeiilireis  der  Statice  Gmelini. 

Komplizierter  noch  als  bei  der  St.  Limonium  liegen  die 
Verhältnisse  bei  dem  Formenkreis  der  St.  Gmelini,  einmal, 
weil  die  Zalil  der  hier  unterschiedenen  „Arten"  eine  be- 
trächtlich gröfsere  ist,  sodann  aber  vor  allem,  weil  neben 
der  Frage  der  inneren  Gliederung  des  Formenkreises  auch 
noch  das  Problem  der  Abgrenzung  gegenüber  demjenigen 
der  eigentlichen  St.  Limonium  hinzukommt.  In  der  Original- 
diagnose von  WiLLDENOwi)  hcifst  es  in  dieser  Beziehung: 
,Simillima  St.  Limonio,  sed  folia  tirmiora  raargine  non 
plicato  undulata,  forma  eorum  obovata,  mucro  magis  dissitus, 
flores  duplo  minores  conferti,  et  habitus  totius  scapi  diversus." 

Es  waren  also  in  erster  Linie  in  der  Diagnose  nicht 
näher  präzisierte  Eigentümlichkeiten  des  Habitus  und  die 
Kleinheit  der  Blüten,  welche  Willdenow  zur  Aufstellung 
seiner  Art  veranlafsten.  Boissier^)  fügt  noch  ein  die  Be- 
schaflPenheit  der  Primärbrakteen  der  Spiculae  betreffendes 
Merkmal  hinzu;  in  seiner  Monographie  sagt  er  Uber  die 
St.  Gmelini:  „A  St.  Limonio  egregie  distincta  foliis  latioribus 
brevius  petiolatis,  floribus  dimidio  minoribus,  bracteis  in- 
ferioribus  fere  omnino  membranaceis  superiore  subrotunda"; 
und  in  der  , Flora  orientalis"  heifst  es  ebenfalls:  „A 
St.  Limonio  floribus  minoribus,  bracteis  externis  fere  omnino 
membranaceis  et  calycis  lobis  obtusis  distincta",  doch  spricht 
er  hier  nicht  mehr  von  „ausgezeichneten"  Unterscheidungs- 
merkmalen, sondern  räumt  ausdrücklich  ein,  dafs  gewisse 
Exemplare  hinsichtlich  ihrer  Zugehörigkeit  zu  der  einen 
oder  anderen  Art  Zweifel  zu  erwecken  imstande  seien. 

Vorweg  sei  bemerkt,  dafs  mit  der  Gestalt  und  Kon- 
sistenz der  Blätter  und  der  Länge  des  Blattstieles  für  die 
Charakterisierung  unserer  Art  wenig  anzufangen  ist;  neben 
kurz  gestielten,  fast  sitzenden  Blättern  kommen  auch  solche 
mit  deutlichen  Stielen,  die  bisweilen  sogar  länger  sind  als 
die  halbe  Spreite,  vor,  und  die  Gestalt  der  Spreite  ist  auch 


')  Willdenow,  Sp.  pl.  I  (1797)  1524. 

«)  Boissier  in  DC.  Prodr.  XII  (1848)  645. 

3)  Boissier,  Fl.  orient.  IV  (1879)  859. 


414 


Waltheu  Wangeuin, 


[14] 


bei  nicht  kritiscbeii  Exemplaren,  bald  breit  umgekehrt 
eiförmig,  bald  ovat-elliptisch  bis  oblong;  und  was  die  Kon- 
sistenz der  Spreite  angeht,  so  sind  dick  lederartige  Blätter 
auch  bei  den  südeuropäischen  Formen  der  >S7.  Limonium 
häutig,  während  allerdings  die  nordeuropäische  St.  Limonium 
meist  etwas  dünnere  Blätter  besitzt.  Wir  können  sonach 
die  Blattmerkraale  von  vornherein  ausscheiden  und  uns  auf 
die  Untersuchung  der  sonst  in  Betracht  kommenden  Charak- 
tere beschränken. 

Da  der  WiLLDENOWSche  Name  ursprünglich  auf  sibi- 
rische Exemplare  gegründet  ist,  so  wird  es  berechtigt  sein, 
wenn  wir  mit  Tkautvetter  >)  in  von  dort  stammenden 
Exemplaren  den  eigentlichen  Typus  der  Art  erblicken.  Mir 
liegen  z.  B.  Exemplare  vor,  welche  von  Schuenk  in  der 
songorischen  Steppe  gesammelt  worden  sind  und  die  auch 
Tkautvetter  seiner  var.  typica  zugrunde  gelegt  hat.  Bei 
denselben  ist  der  Schaft  kahl,  45  —  50  cm  hoch  und  etwa 
von  der  Mitte  an  locker  und  regelmäfsig  verzweigt;  die 
primären  Aste  sind  weit  abstehend,  anfangs  bogig  auf- 
steigend, zuletzt  fast  wagerecht  oder  sogar  nach  aufsen  und 
unten  gekrümmt,  die  sekundären  sind  voneinander  entfernt 
oder  (am  Ende  der  unteren  sowie  an  den  kürzeren  oberen 
Primärästen)  einander  etwas  genähert,  bogig  aufsteigend 
und  nur  an  ihrer  Spitze  verästelt;  die  Blütenzweige  sind 
dicht  zusammengedrängt,  stark  zur  Seite  gebogen  und 
ziemlich  kurz,  die  Spiculae  einander  sehr  genähert.  Infolge- 
dessen erhalten  die  Partialblütenstände  ein  überaus  charakte- 
ristisches, stark  geknäueltes  Aussehen;  derUmrifs  der  Gesamt- 
rispe ist  ziemlich  regelmälsig  pyramidenförmig.  Die  Spiculae 
sind  zwei-  bis  einblütig;  die  primären  Brakteen  sind  von 
breit  eiförmiger  Gestalt,  kurz  zugespitzt  und  auf  dem  Rücken 
deutlich  gekielt;  sie  sind  mit  Ausnahme  des  gekielten  Rücken- 
nerven und  der  Basis  zumeist  vollständig  hyalin  und  etwa 
1/3  so  lang  wie  die  nur  mit  schmalem  Hautrand  versehene 
obere  und  wenig  mehr  als  halb  so  lang  wie  die  mittlere. 
Der  Kelch  ist  4  mm  lang;  die  ziemlich  schlanke  Röhre  ist 


1)  Trautvetter  in  Bull,  phys.-math.  Acad.  St.Petersb.  XIV,  Nr.  16 
(1855)  252. 


[15j         I  ber  den  Forinenkreis  der  Statice  Liiuoniiiin  etc.  415 

nur  au  den  beiden  inneren  Kippen  etwa  bis  zur  Mitte  locker 
und  kurz  abstehend  behaart,  der  Saum  ist  sehr  schmal,  die 
Zipfel  klein,  breit  dreieckig,  abgerundet;  oft  sind  nur  die 
fünf  den  Rippen  entsprechenden  Hauptzipfel  entwickelt  und 
fehlen  die  intermediären  Zähne  völlig.  Die  Farbe  des  Kelch- 
saumes ist  bei  neueren  Exemplaren  regelmäfsig  hell  violett- 
blau, bei  älteren  dagegen  meist  verblafst  und  rein  weifs. 

Die  übrigen  sibirischen  Exemplare  der  8t.  Gmelini,  die 
mir  vorgelegen  haben,  stimmten  mit  der  geschilderten  Pflanze 
in  allen  wesentlichen  Punkten  überein.  Als  Hauptmerkmale 
für  den  Typus  unserer  Art,  den  wir  im  Anschlufs  an  Boissier 
am  besten  als  subspec.  genuina  bezeichnen,  können  wir  also 
betrachten  in  habitueller  Beziehung  die  regelmäfsig  ver- 
zweigte subpyramidate  Rispe  mit  bogig  abstehenden,  nicht 
besonders  verlängerten  primären  Asten  und  die  dicht  glome- 
raten  ßlütensträuJ'se,  hinsichtlich  des  BlUtenbaues  die  Kürze 
des  Kelches  (niemals  über  41/2  mm,  oft  nur  2'V4  — 3^2  mm), 
die  Schmalheit  des  Kelchsaumes  und  die  geringe  Gröfse 
der  Kelchzipfel.  Die  Verbreitung  des  Typus  scheint  nach 
Osten  bis  ins  baikalische  Sibirien  sich  zu  erstrecken,  während 
ich  über  die  Grenze  nach  Norden  keine  genaueren  Angaben 
zu  macheu  imstande  bin;  am  häufigsten  scheint  die  Pflanze 
im  russischen  und  in  dem  westlichen  chinesischen  Turkestan 
(Dsungarei,  Altai,  Kirghisensteppe  usw.)  vorzukommen. 
Daneben  findet  sich  St.  Gmelini  jedoch  auch  noch  im  süd- 
lichen und  südöstlichen  Teil  des  europäischen  Rufslands,  in 
Ungarn,  Siebenbürgen,  der  Balkanhalbinsel  und  Kleinasien 
in  zum  Teil  recht  weiter  Verbreitung,  und  bei  den  aus  diesen 
Gegenden  stammenden  Exemplaren  liegen  die  Verhältnisse 
weit  weniger  einfach  als  bei  den  sibirischen.  Am  zweck- 
mäfsigsten  werden  wir  die  Besprechung  mit  den  Exemplaren 
beginnen,  welche  wenigstens  in  habitueller  Hinsicht  mit  der 
typischen  Form  einigerraafseu  übereinstimmen.  Dies  ist  z.  B. 
zunächst  der  Fall  bei  den  beiden  Exemplaren  Nr.  89  und  90 
des  Herb,  ruthen.  von  Läng  und  Szovits  aus  der  Gegend 
von  Odessa,  von  denen  das  eine  als  St.  Gmelini,  das  andere 
unter  .dem  Namen  *S'^.  scoparia  ausgegeben  worden  ist.  Bei 
beiden  stehen  die  Blütenzweige  in  dichten  kleinen  Eben- 
sträufsen  an  der  Spitze  der  Sekundäräste,  sie  sind  allerdings 


416 


Walther  Wangerin, 


[16] 


bei  Nr.  89  zum  Teil  etwas  länger  uud  dafür  weniger  zahl- 
reich als  bei  der  typischen  subsi)ec.  genuina,  doch  stimmen 
in  dieser  Hinsicht  selbst  verschiedene  Exemplare  derselben 
Nummer  nicht  völlig  überein;  ferner  kommen,  allerdings  nur 
vereinzelt  und  auch  nicht  regelmäfsig,  im  unteren  Teil  der 
Elspe  sterile  Nebenäste  vor.  Der  Gesamtumrifs  der  Rispe 
ist  zumeist  nicht  so  regelmäfsig  und  ausgesprochen  pyramidat 
wie  beim  Typus.  Bemerkenswert  ist  es  auch,  dafs  bei 
einem  im  Herbar  Wien  befindlichen  Exemplar  der  Nr.  90 
die  feineren  Infloreszenzzweige  etwas  warzig  punktiert  und 
zum  Teil  fein  kurzhaarig  sind.  Die  Blüten  sind  zum  Teil 
etwas  gröfser  als  beim  Typus  (Kelch  ca.  5  mm  lang);  die 
Kelchröhre  ist  etwas  dicker,  umgekehrt  kegelförmig,  eben- 
falls nur  an  den  beiden  inneren  Rippen  behaart;  der  Kelch- 
saum ist  schmal,  die  Kelchzipfel  klein  und  breit  dreieckig, 
jedoch  spitz,  die  intermediären  Zähne  sind  deutlich  ent- 
wickelt. Die  Beschaffenheit  der  primären  Brakteen  ist  nicht 
völlig  konstant;  dieselben  sind  bei  Nr.  89  fast  völlig  hyalin, 
bei  Nr.  90  dagegen  ist  nur  ein  ziemlich  breiter  hyaliner 
Saum  vorhanden  und  der  Rücken  krautig.  Auch  bei  den 
übrigen  südrussischen  Exemplaren,  so  weit  sie  durch  den 
Besitz  dicht  glomerater  Partialinfloreszenzen  ausgezeichnet 
sind,  halten  sich  die  Abweichungen  in  denselben  engen 
Grenzen;  besonders  erwähnt  sei  daher  nur  noch  ein  Exemplar 
aus  ßessarabien  (Herb.  Wien,  leg.  Marsch,  v.  Bieberstein),  bei 
dem  an  den  unteren  primären  Asten  der  Rispe  die  meisten 
Sekundärzweige  steril  sind  und  nur  die  äufsersten  kleine 
dichte  Ebensträufse  von  Blütenzweigen  tragen,  sowie  ein 
anderes  gleichfalls  von  M.  v.  Bieberstein  gesammeltes 
Exemplar  aus  Taurien  mit  etwas  gröfseren  Kelchzipfeln  und 
Primärbrakteen,  die  nur  einen  schwachen  Hautrand  besitzen. 

Auch  die  überwiegende  Mehrzahl  der  ungarischen  und 
siebenbürgischen  Exemplare  stimmen  habituell  mit  der  mehr 
oder  weniger  ausgeprägt  pyramidaten  Rispe  und  den  kurzen, 
in  dichten  glomeraten  Ebensträufsen  an  der  Spitze  der 
Sekundärzweige  vereinigten  Blütenzweigen  gut  mit  der 
typischen  St.  Gmelini  überein.  Aber  auch  hier  erweist  sich 
die  Beschaffenheit  der  Primärbrakteen  sowohl  als  auch  die 
Ausbildung  des  Kelches  und  die  Blütengröfse  als  nicht 


über  den  Formenkreis  der  Statice  Limonium  etc.  417 


konstant.  Z.  B.  ist  an  dem  Exemplar  von  F.  Schnitz,  Herb, 
norm.  Nr.  1213  (Umgebung  von  Budapest)  der  Kelch  zvear 
nur  4  mm  lang,  die  Zipfel  aber  sind  grofs  (reichlich  die 
Hälfte  des  Saumes  einnehmend),  von  ähnlicher  Gestalt  wie 
bei  St.  Limonium  und  sehr  spitz;  dagegen  zeigen  Exemplare 
von  den  Bittersalzquellen  bei  Hunyadi  Janos  zwar  etwas 
gröfsere  Blüten  (Kelch  3'/4  mm  lang),  dagegen  sind  die 
Kelchzipfel  klein  und  wenig  spitz.  Ahnliche  Schwankungen 
kommen  auch  bei  den  übrigen  ungarischen  und  sieben- 
bürgischen  Exemplaren  vor;  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  sind 
allerdings  die  Kelcbzipfel  klein,  breit  und  wenig  spitz, 
während  die  Länge  des  Kelches  zwischen  4  und  51/2  mm 
schwankt  und  die  Kelchröhre  zumeist  ausgeprägt  obkonisch 
und  ziemlich  weit  ist;  so  extrem  kleinblütige  Formen  wie 
die  sibirischen  habe  ich  überhaupt  bei  dem  ganzen  mir 
vorliegenden  europäischen  Material  der  St.  Gmelini  nicht 
wieder  angetroflen.  Die  Ausbildung  der  Gesamtrispe  ist 
nicht  immer  so  regelmäfsig  pyramidat;  die  Primärbrakteen 
sind  bald  ganz  hyalin,  bald  auf  dem  Rücken  ziemlich  breit 
krautig  und  nur  von  einem  +  breiten  Hautrand  umsäumt. 
Die  gleichen  Eigenschaften  wie  die  ungarischen  und  sieben- 
bürgischen  zeigen  auch  Exemplare  aus  Serbien,  die  mir 
vorgelegen  haben. 

Neben  der  St.  Gmelini  beschreibt  nun  Willdenowi) 
unter  dem  von  Pallas  herrührenden  Namen  St.  scoparia 
noch  eine  zweite  Art,  von  der  es  in  der  Diagnose  heifst: 
„Simillima  St.  latifoliae,  sed  non  pilosa  et  scapi  fere  ut  in 
St.  Limonio;  pagina  foliorum  inferior  punctis  parvis  elevatis 
lente  tantum  conspicuis  est  tecta."  Nach  Boissier  soll 
allerdings  das  Exemplar  der  St.  scoparia  aus  dem  Willde- 
Now  sehen  Herbar  mit  dem  der  St.  Gmelini  völlig  überein- 
stimmen, während  die  Beschreibung  bei  aller  Kürze  doch 
wohl  keinen  Zweifel  läfst,  dafs  Willdenow  eine  von  der 
St.  Gmelini  vor  allem  habituell  stark  abweichende  Pflanze 
im  Sinne  hatte;  wie  dieser  Widerspruch  zu  erklären  ist, 
läfst  sich  nicht  mehr  aufhellen,  immerhin  aber  glaube  ich, 


>)  Willdenow,  Spec.  pl.  I  (1797)  1524. 
5)  Boissier  in  DC.  Prodr.  XIII  (1848)  646. 

Zeitschr.  f.  Naturwiss.   HaUe  a.  S.   Bd.  82.   1911.  27 


418 


Walther  Wangetjin, 


[18J 


mit  Trautvetter*)  den  sehr  bezeichnenden  Namen  St.  sco- 
paria  nicht  fallen  lassen  und  durch  den  Boissibr sehen  var. 
laziflora  ersetzen  zu  sollen,  zumal  jener  Name  —  abgesehen 
von  WiLLDENOW  —  bereits  vor  Boissier  von  anderen 
Autoren 2)  in  dem  gleichen  Sinne  wie  die  von  Boissier 
geschaffene  Benennung  gebraucht  worden  ist.  Der  Be- 
schreibung der  hierher  gehörigen  Formen  möge  etwa  zugrunde 
gelegt  werden  das  Exemplar  von  Gallier,  Iter  tauricum 
seeundum  Nr.  305.  Bei  demselben  ist  der  Schaft  ungefähr 
vom  unteren  Drittel  an  locker  verästelt;  die  primären  Aste 
sind  bogig  abstehend  und  aufsteigend  bis  nach  aufsen  zurück- 
gekrlimmt  oder  unregelmäfsig  hin  und  her  gebogen  und 
ziemlich  stark  verlängert;  die  Blutenzweige  bilden  an  der 
Spitze  der  bogig  abstehenden  und  aufsteigenden  Sekundär- 
äste kleine,  lockere  Ebensträufse;  sie  sind  kurz,  zur  Seite 
gekrümmt  oder  halb  aufrecht  und  tragen  die  Spiculae  in 
lockerer,  zumeist  einseitswendiger  Anordnung.  Letztere  sind 
zumeist  nur  einblütig;  die  primäre  Braktee  ist  fast  ganz 
hyalin,  die  obere  mit  ziemlich  breitem  Hautrand  versehen. 
Der  Kelch  ist  41/2  —  5  mm  lang,  seine  Röhre  an  zwei  oder 
drei  Rippen  schwach  behaart,  der  Saum  wenig  erweitert 
und  ziemlich  schmal,  hell  violett  überlaufen,  mit  ziemlich 
grofsen,  stumpfen,  dreieckigen  Zipfeln;  die  intermediären 
Zähne  sind  fast  halb  so  grol's  wie  die  Hauptzipfel.  Teil- 
weise noch  stärker  verästelt  sind  Exemplare,  die  Hohen- 
acker (Unio  itineraria  1838)  bei  Kumbaschinsk  in  der 
Provinz  Talysch  am  Kaspischen  Meer  gesammelt  hat.  Der 
Schaft  ist  hier  vielfach  fast  vom  Grunde  an  verästelt  und 
bildet  eine  sehr  stark  ausgebreitete,  unregelmäfsig  besen- 
förmige  Rispe  mit  langen,  weit  abstehenden,  gebogenen  und 
sehr  stark  verzweigten  Asten;  die  kurzen  Blütenzweige 
bilden  kleine  lockere  Ebensträufse;  die  Spiculae  sind  einander 
zum  Teil  etwas  mehr  genähert,  zum  Teil  auch  ziemlich 
locker.  Die  untere  Braktee  ist  ziemlich  hyalin;  der  Kelch 
ist  3'/2 — 41/2  niiQ  If^ng,  der  Saum  ist  schmal,  die  Zipfel 
bald  klein,  bald  ziemlich  ansehnlich,  bald  abgerundet,  bald 

1)  Trautvetter,  I.  c.  253  —  254. 

Z.  B.  von  Lessing,  Beitr.  z.  Fl.  d.  südl.  Ural  u.  d.  Steppen  in 
Linnaea  IX  (1835)  196. 


[19J 


Über  den  Fonuenkreis  der  Statice  Limoninm  etc. 


419 


spitz,  zum  Teil  sogar  au  verschiedenen  BiUten  derselben 
Pflanze  nicbt  ganz  gleiehniursig  gestaltet.  Diese  Exemplare 
waren  es,  auf  die  BoissiEui)  hauptsäcblicli  seine  St.  Meyeri 
gegründet  bat,  welcbe  zwiscbeu  St.  Limonium  und  St.  Gmelini 
gewissermalsen  eine  Mittelstellung  einnimmt;  später 2)  jedocb 
bat  er  diese  Art  wieder  eingezogen  und  mit  seiner  var.  laxi- 
flora  vereinigt.  Neuerdings  bat  Salmon^)  den  Namen  als 
var.  Meyeri  wieder  hergestellt  und  dazu  aufser  den  be- 
scbriebenen  russischen  auch  gewisse  griechische  Exemplare 
gezogen,  die  aber,  worauf  weiter  unten  noch  zurückzukommen 
sein  wird,  mit  jenen  in  wesentlichen  Punkten  nicht  überein- 
stimmen und  eine  besondere  selbständige  Form  der  St.  Gmelini 
darstellen. 

Die  Unterschiede  der  subspec.  scoparia  gegenüber  der 
typischen  St.  Gmelini  sind  also  wesentlich  habitueller  Natur; 
sie  liegen  vor  allem  begründet  in  dem  unregelmäfsig  besen- 
artigen Gesamtcharakter  der  aufserordentlich  stark  ver- 
ästelten Rispe  mit  ihren  sehr  stark  verlängerten  und  weit 
abspreizenden  Zweigen,  den  lockere  Ebensträufse  dar- 
stellenden Partialiufloreszeuzen  und  der  etwas  lockeren  An- 
ordnung der  Spiculae.  Hinsichtlich  der  Blütencharaktere 
hingegen  läfst  sich  ein  positives  Unterscheidungsmerkmal 
nicht  angeben;  es  kommen  hier  bezüglich  der  Blütengröfse 
wie  der  Gestalt  und  Gröfse  der  Kelchzipfel  dieselben 
Schwankungen  vor,  die  schon  bei  den  europäischen  Exem- 
plaren der  subspec.  genuina  zu  verzeichnen  waren.  Ich 
vermag  Trautvetter ^)  nicht  beizustimmen,  wenn  er  zur 
Charakterisierung  seiner  var.  scoparia  gegenüber  der  var. 
typica  nur  ganz  geringfügige  Differenzen  des  Blütenbaues 
(Blüten  etwas  gröfser,  Kelchsaum  deutlich  zehnzähnig)  als 
mafsgebend  ansieht  und  und  im  übrigen  habituell  ganz  ver- 
schiedene Formen  in  seiner  var.  scoparia  vereinigt;  denn 
wenn  auch  bei  den  sibirischen  Formen  der  St.  Gmelini  die 
intermediären  Kelchzähne  meist  nur  sehr  schwach  entwickelt 
sind,  so  fehlen  sie  doch  durchaus  nicht  immer  gänzlich;  mir 

1)  Boissier  in  DC.  Prodr.  XII  (1848)  (545. 
^)  Boissier,  FI.  orient.  IV  (1879)  859. 
3)  Salm on  in  Journ.  of  Bot.  XLVII  (1909)  288. 
*)  Trautvetter,  1.  c.  253—254. 

27* 


420 


Waltheu  Wangerin, 


[20] 


scheint  daher  jenes  Merkmal  zur  Gliederung  des  Formen- 
kreises ungeeignet  und  ich  glaube  den  Charakter  der  In- 
floreszenz für  die  Unterscheidung  in  den  Vordergrund  stellen 
zu  müssen.  Aufser  aus  dem  südlichen  und  südöstlichen 
europäischen  Rufsland  haben  mir  Exemplare  der  subspec. 
scoparia  z.  B.  vorgelegen  aus  der  Dobrudscha  (Sintenis  Nr.  201 
und  202),  Rumänien,  Transkaspien  (Sintenis,  Iter  transcasp.- 
pers.  Nr.  1307)  und  Nordpersien  (leg.  Szovits).  Die  letzteren 
Exemplare  weichen  allerdings  von  der  gewöhnlichen  Form 
der  subspec.  scoparia  dadurch  ab,  dafs  die  Verästelung  der 
Rispe,  deren  sämtliche  Zweige  sehr  schlank  und  dünn  sind, 
eine  regelmäfsigere  und  infolgedessen  ihr  Umrifs.  ein  sub- 
pyramidater  ist;  auch  sind  die  Blütenäste  an  den  bogig 
aufstrebenden  Sekundärzweigen  sehr  regelmäfsig  angeordnet, 
stark  zur  Seite  gebogen  und  gar  nicht  oder  nur  sehr  wenig 
verästelt,  so  dafs  auch  die  Partialinfloreszeiizen  im  Umrifs 
pyramidenförmig  erscheinen ;  die  Spiculae  sind  mäfsig  dicht 
bis  etwas  locker  angeordnet,  die  Blüten  sehr  klein  (Kelch 
kaum  4  mm  lang),  die  Kelchzipfel  klein  und  abgerundet. 
Es  dürfte  dementsprechend  angemessen  sein,  die  fragliche 
Pflanze  als  besondere  var.  gracilis  der  subspec.  scoparia 
unterzuordnen.  Nebenbei  sei  bemerkt,  dafs  im  nördlichen 
Persien  auch  die  subspec.  genuina  vorkommt;  z.  B.  gehört 
zu  ihr  ein  von  Buhse  in  der  Provinz  Ardebil  gesammeltes 
Exemplar  mit  sehr  dichten,  ausgesprochen  glomeraten  Partial- 
infloreszenzen  und  ebenfalls  sehr  kleinen  Blüten. 

Schon  oben  wurde  erwähnt,  dafs  Salmon  zu  seiner 
var.  Meyeri,  welche  hinsichtlich  der  russischen  Exemplare 
im  wesentlichen  unserer  subspec.  scoparia  entspricht,  auch 
noch  gewisse  griechische  Exemplare  zieht,  welche  von 
Phaleron  in  Attika  stammen  und  von  Obphanides  (Fl.  graec. 
exsicc.  Nr.  266)  und  v.  Heldreich  (Herb,  graec.  normale 
Nr.  495)  unter  dem  Namen  St.  Limonium  var.  macroclada 
ausgegeben  worden  sind.  Auch  Halacsy^)  zieht  die  frag- 
lichen Exemplare  zu  St.  Limonium,  wohl  im  Anschlufs  an 
BoissiER,  der  zwar  in  seiner  Monographie  seine  St.  Meyeri 
auch  —  obschon  mit  einigen  Bedenken  —  für  Griechenland 


»)  Halacsy,  Consp.  Fl.  graec.  III  (1904)  16—17. 


[21] 


Über  den  Formenkreis  der  Statice  Limonium  etc. 


421 


angibt,  iu  der  „Flora  orientalis"  jedoch,  wo  er  ja  den  Namen 
St.  Meyeri  ganz  fallen  Hilst,  die  betreffende  Angabe  aus- 
drücklieb auf  St.  Limonium  bezieht.  Nun  hat  Salmon  aller- 
dings recht,  wenn  er  darauf  hinweist,  dafs  die  fraglichen 
Pflanzen  nicht  zu  St.  Limonium  gehören,  sondern  dem 
Formenkreis  der  St.  Gmelini  zugerechnet  werden  müssen. 
Das  ergibt  sich  mit  voller  Deutlichkeit  aus  der  geringen 
Gröfse  der  Blüten  (Kelch  nur  4  mm  lang),  der  Schmalheit 
des  Kelchsaumes  und  der  äufserst  geringen  Gröfse  der  spitz- 
lichen Kelchzähne.  Dagegen  vermag  ich  der  von  Salmon 
vorgenommenen  Vereinigung  jener  Pflanzen  mit  den  oben 
ausführlich  beschriebenen  sUdrussischen  Exemplaren  nicht 
beizustimmen.  Sie  gleichen  denselben  zwar  in  der  sehr 
starken  Verästelung  und  dem  besenartigen  Gesamtcharakter 
der  Rispe,  deren  primäre  Zweige  auch  hier  sehr  verlängert 
und  gebogen  weit  abspreizen;  die  Bildung  der  Partial- 
infloreszenzen  dagegen  ist  bei  den  griechischen  Exemplaren 
eine  wesentlich  andere.  Die  primären  Aste  tragen  hier  nur 
gegen  ihr  Ende  hin  wenige  bogig  aufsteigende,  ebenfalls 
ziemlich  lange  Sekundäräste,  die  ihrerseits  an  ihrer  Spitze 
nur  wenige  ±  genäherte,  kurze,  schräg  nach  aufwärts  ab- 
stehende oder  zur  Seite  gebogene  Blütenzweige  tragen; 
letztere  sind  sehr  dicht  mit  mehrblütigen  Spiculae  besetzt 
und  zeigen  daher  ein  recht  kompaktes  Aussehen.  Bezüglich 
des  Baues  der  Spiculae  sei  noch  hinzugefügt,  dafs  die  fast 
kreisförmigen,  kaum  zugespitzten  und  nur  schwach  gekielten 
Primärbrakteen  auf  dem  Rücken  krautig  und  blofs  mit 
schmalem  Hautsaum  versehen  sind.  Um  diesen  Unter- 
schieden Rechnung  zu  tragen,  scheint  es  mir  am  zweck- 
mäfsigsten,  die  fragliche  Form  als  besondere  var.  limonioides 
der  subspec.  scoparia  anzugliedern;  der  Name  soll  die  habi- 
tuelle Ähnlichkeit  der  Pflanze  mit  gewissen  mediterranen 
Formen  der  St.  Limonium  zum  Ausdruck  bringen.  Inwieweit 
die  von  Halacsy  angegebenen  griechischen  Fundorte  der 
St.  Limonium  auf  unsere  Form  zu  beziehen  sind,  vermag  ich 
nicht  festzustellen;  ich  habe  dieselbe  aufser  vom  Phaleron, 
wo  sie  mehrfach  gesammelt  worden  ist,  noch  gesehen  von 
der  Eurotasmündung  und  vom  Peloponnes,  ferner  aufser- 
halb  Griechenlands  noch  von  Saida  in  Syrien  (Reliquiae 


422 


Waltuer  Wangekin, 


[22] 


Mailleauae  Mr.  1616  und  1616a)  und  von  Mersina  in  Ana- 
tolien  (Bornmüller  Nr.  1799b).  Die  letztere  Pflanze  ist  es 
voruebnilich,  die  mich  veranlafst,  die  in  Rede  stehende  Form 
nur  als  Varietät  der  suhspec.  scoparia  und  nicht  als  eigene 
Unterart  zu  betrachten;  denn  sie  nähert  sich  im  Verzweigungs- 
habitus der  typischen  St.  scoparia,  stimmt  dagegen  hinsichtlich 
der  Partialiutioreszenzen  und  der  Blütenzweige  mit  den 
sehr  genäherten  Spiculae  mit  der  griechischen  Form  überein. 

Trautvetter  1)  beschreibt  neben  seinen  beiden  Varietäten 
«.  typica  und  ß.  scoparia  noch  eine  dritte  unter  dem  Namen 
/.  steiroclada,  die  sich  durch  zahlreiche  sterile  Zweige  an 
der  Basis  des  Blüteustandes,  dünneren  und  schlankeren 
Schaft,  kurze  und  armblütige  Blütenähreu  und  zehnzipfligen 
Kelch  auszeichnen  soll.  Ich  habe  bisher  unter  dem  mir 
vorliegenden  Material  kein  Exemplar  gesehen,  das  ich  als 
zweifellos  zu  jener  Varietät  gehörig  betrachten  könnte;  nach 
der  Beschreibung  glaube  ich  kaum,  dafs  dieselbe  als  eine 
unseren  Unterarten  genuina  und  scoparia  gleichwertige  Form 
zu  betrachten,  sondern  höchstens  als  besondere  Varietät  der 
ersteren  zu  bewerten  ist;  denn  das  Vorkommen  von  sterilen 
Zweigen  in  gröfserer  Zahl  stellt  eine  Erscheinung  dar,  die 
sich  als  gelegentliche  Ausnahme  bei  den  meisten  Arten  der 
ganzen  Limoniiim-Grui^Tpe  findet  und  die  für  die  systematische 
Gliederung  nicht  sonderlich  bewertet  werden  kann,  und  im 
übrigen  bemerkt  Trautvetter  selbst,  dafs  die  fragliche 
Pflanze  habituell  der  typischen  Form  am  nächsten  komme. 
Sehr  beachtenswert  hingegen  scheint  mir  der  Hinweis 
Trautvetteks  ,  dafs  die  von  Boissier'-')  auf  Grund  eines 
sehr  unvollständigen  Exemplars  aufgestellte,  aus  dem  Altai 
stammende  St.  gracilis,  die  Boissier  —  wohl  wegen  der  zahl- 
reichen sterilen  Zweige  und  der  hyalinen  Beschaffenheit  der 
Primärbraktee  —  in  die  Gruppe  der  ,,IIyalolep)ideae^^  neben 
St.  caspia  stellt,  hierher  gehören  dürfte;  denn  es  ist  in  der 
Tat  auffällig,  dafs  Boissier  eine  Art  mit  deutlich  zehn- 
zipfligem Kelch,  in  dem  er  gerade  eines  der  Hauptmerkmale 
seiner  Gruppe  der  „Genuinae^'  erblickt,  nicht  dieser  zu- 


>)  Trautvetter  1.  c.  2.54. 

«)  Boissier  in  DC.  Prodr.  XII  (1&4S)  660. 


[28J         Über  den  Formenkreis  der  Statice  Limonium  etc.  423 

rechnet,  sondeiu  iu  eiueu  audern  Veiwaudtschaftskreis  stellt, 
in  dem  jenes  Merkmal  sonst  nicht  vorkommt,  und  ich  glaube 
daher,  dafs  die  TßAuxvETTERSche  Vermutung  das  Richtige 
treffen  und  es  sich  hier  nur  um  eine  Form  der  vielgestaltigen 
St.  Gmelini  handeln  dürfte. 

Eine  gute,  selbständige  Unterart  stellt  dagegen  die  St. 
lilacina  dar,  die  Boissier  ursprünglich  als  eigene  Art  auf- 
gestellt, später 2)  jedoch  als  Varietät  zu  St.  Gmelini  gezogen 
hat.  Das  Originalexemplar,  das  von  Balansa  (PI.  d'orient 
Nr.  927)  bei  Caesarea  in  Cappadocien  gesammelt  worden 
ist,  hat  lang  gestielte  Blätter  mit  auffallend  breiten  Blatt- 
scheiden und  umgekehrt  eiförmig-spathulaten  Spreiten.  Der 
ziemlich  stielrunde,  gegen  40  cm  hohe  Schaft  ist  schon 
weit  unterhalb  der  Mitte  verzweigt  und  bildet  eine  reich 
verästelte,  ausgebreitete  Rispe,  deren  primäre  Aste  weit 
bogig  abstehen  und  anfangs  aufsteigend,  am  Ende  fast 
wagerecht  ziirückgebogen  sind,  während  die  bogig  auf- 
steigenden oder  halbaufrechten  Sekundäräste  an  ihrer  Spitze 
in  lockerer  bis  mäfsig  dichter  Anordnung  die  bis  IV2  cm 
langen,  zur  Seite  gebogenen  Blütenäste  tragen;  an  letzteren 
stehen  die  drei-  bis  zweiblütigen  Spiculae  dicht  gedrängt. 
Die  untere  Braktee  ist  fast  ganz  hyalin,  die  obere  mit  sehr 
breitem  weifsem  Hautrande  versehen,  der  Kelch  ist  31/2  rani 
lang,  mit  auffallend  dicker  Röhre,  die  an  allen  Rippen  bis 
zum  Grunde  des  Saumes  herauf  behaart  ist,  und  sehr  stark 
erweitertem,  ziemlich  breitem,  kaum  gezähneltem  Saum. 
Eine  besondere  von  mir  als  var.  laxiflora  bezeichnete  Form 
dieser  Subspecies  wird  dargestellt  durch  ein  von  Zederbauer 
(Reise  nach  dem  Erdschias  -  dagh)  in  der  Salzsteppe  bei 
Saisaly  gesammeltes  Exemplar;  dasselbe  unterscheidet  sich 
vom  Typus  durch  den  erst  von  der  Mitte  an  verzweigten 
Schaft  und  längere,  lockere  Blütenzweige  mit  sehr  locker 
angeordneten  Spiculae. 

Der  St.  Gmelini  ist  nächst  verwandt  die  ebenfalls  von 
Bois8ier3)  aufgestellte  St.  tomentella,  in  welcher  Traut- 


1)  Boissier,  Diagn.  pl.  Orient,  ser.  2.  IV  (1S59)  68. 

Boissier,  Fl.  orient.  IV  (1879)  859. 
3)  Boissier,  in  DC.  Prodr.  XII  (1848)  645. 


424 


Walther  Wangerin, 


[24] 


VETTER  ij  auch  nichts  als  eine  Varietät  der  ersteren  sieht. 
Das  einzige  positive  Merkmal,  das  für  die  Unterscheidung 
brauchbar  ist,  liegt  in  der  Behaarung;  bei  typischen  Exem- 
plaren ist  die  Blattmittelrippe  unterseits  dicht  mit  feinen 
kurzen  Härchen  besetzt,  und  ebenso  sind  der  Schaft  und 
die  Äste  der  Rispe  dicht  kurz-weichfilzig;  von  den  Brakteen, 
ist  mindestens  die  obere  auf  dem  Rücken  dicht  kurz  seidig- 
filzig, und  die  Kelchröhre  ist  nicht  nur  längs  sämtlichen 
Rippen  lang  abstehend  behaart,  sondern  auch  zwischen  den 
Rippen  kurz  und  dicht  pubescent.  In  dieser  Weise  typisch 
sind  z.  B.  die  im  „Herbarium  Florae  Rossiae"  unter 
Nr.  1588  a  (von  Sarepta)  und  1588  b  (Distr.  Starobelsk, 
Prov.  Charkow)  ausgegebenen  Exemplare.  Bei  dem  ersteren 
sind  die  Blätter  mittellang  gestielt,  und  ziemlich  breit 
obovat- elliptisch;  der  70  cm  hohe,  schwach  kantige  Schaft 
ist  sehr  reich  verästelt  und  bildet  eine  ausgebreitete, 
lockere  Rispe,  deren  primäre  Aste  stark  bogig  abstehend 
und  aufsteigend,  die  sekundären  +  bogig  aufstrebend  sind; 
die  kurzen  Blütenzweige  stehen  ziemlich  dicht  gedrängt  an 
der  Spitze  der  Aste  zweiter  oder  dritter  Ordnung,  sie 
tragen  die  Spiculae  in  dichter  Anordnung.  Die  Brakteen, 
auch  die  unteren,  zeigen  nur  einen  schmalen  Hautsaum,  der 
Kelch  ist  4 — 41/2  Dim  lang,  der  Saum  schmal,  wenig  er- 
weitert, mit  zehn  kleinen  Zipfeln,  deren  fünf  gröfsere  breit 
dreieckig  und  stumpf  sind.  Bei  dem  anderen  Exemplar 
sind  die  Blätter  fast  sitzend,  der  Schaft  sehr  viel  weniger 
und  nur  in  seinem  obersten  Teil  verzweigt  und  die  Blütenäste 
noch  viel  ausgesprochener  glomerat. 

Nun  weist  aber  Trautvetter  mit  Recht  darauf  hin, 
dafs  die  Behaarung  keineswegs  immer  ^n  dieser  typischen 
Weise  entwickelt  ist.  Das  ergab  sich  auch  mir  bei  der 
Untersuchung  zahlreicher,  zumeist  von  Beqker  in  der  Flora 
von  Sarepta  gesammelten  Exemplare.  Stengel  und  Zweige 
sind  regelmäfsig  kurzhaarig,  obschon  oft  sehr  viel  weniger 
dicht  als  beim  Typus,  die  Blattmittelrippe  hingegen  ist 
bisweilen,  obschon  selten,  fast  vollständig  kahl.  Die  Brakteen 
der  Spiculae  sind  bei  diesen  schwach  behaarten  Formen 


1)  Trautvetter,  1.  c.  255—256. 


über  den  Fonueiikreis  der  Statice  Liiuouiuiu  etc. 


425 


meist  völlig  kahl  oder  böclistens  ganz  zerstreut  behaart ;  bei 
dem  Kelch  beschränkt  sich  die  Behaarung  auf  die  fünf 
Rippen,  ist  aber  auch  au  diesen  merklich  schwächer,  während 
die  Zwischenräume  gänzlich  der  Behaarung  entbehren.  In 
habitueller  Hinsicht  gleichen  die  meisten  Exemplare  der 
Nr.  1588a  des  „Herbarium  Florae  Rossicae",  sie  haben  also 
eine  reich  verzweigte,  ausgebreitete  Rispe  mit  ziemlich  dicht 
zusammengedrängten  bis  ausgeprägt  gekuäuelten  Blüten- 
zweigeu.  Stärker  abweichend  waren  in  dieser  Beziehung 
nur  zwei  ebenfalls  von  Becker  bei  Sarepta  gesammelte 
Pflanzen  (Herbarium  Berlin),  die  sich  auch  durch  ihren 
niedrigen  Wuchs  und  die  lang  gestielten,  schmalen  Blätter 
auszeichneten;  bei  denselben  war  der  Schaft  fast  vom  Grunde 
an  unregelmäfsig  verästelt,  die  Blütenzweige  lang,  locker 
und  nur  wenig  gebogen,  die  Spiculae  etwas  voneinander 
entfernt,  die  Blüten  etwas  grölser. 

Bei  dieser  Lage  der  Sache  ist  es  offenbar  nicht  möglich, 
die  St.  tonientella  als  selbständige  Art  von  St.  Gmelini  zu 
trennen,  da  die  Grenzen  zwischen  beiden  bei  den  schwach 
behaarten  Formen  fast  vollständig  verschwimmen;  man  wird 
sie  der  letzteren  vielmehr  als  Subspecies  unterordnen  müssen, 
die  sich  dann  in  eine  var.  typica  und  eine  var.  subglabra 
gliedern  läfst. 

Mit  der  St.  tonientella  wird  von  Nyman']  fälschlich 
indentifiziert  die  von  Becker^)  als  St.  sareptana  beschriebene 
Pflanze,  von  der  ich  von  Becker  selbst  gesammelte  authen- 
tische Exemplare  (Becker,  PI.  Wolgae  inferioris  Nr.  42; 
F.  Schultz,  herb.  norm.  Nr.  1211,  u.a.m.)  in  gröfserer  Zahl 
gesehen  habe.  Die  Pflanzen  besitzen  kurz  bis  mittellang 
gestielte,  umgekehrt  eiförmige  bis  oblonge  Blätter,  deren 
Mittelrippe  kurz  und  fein  abstehend  behaart  ist,  während 
die  lederige  Spreite  oberseits  ziemlich  dicht  warzig  punktiert 
ist.  Der  Schaft  ist  stielrund,  im  unteren  Teil  ziemlich  dicht 
mit  sehr  kurzen  abstehenden  Haaren  bedeckt,  welche  einzeln 
oder  seltener  zu  mehreren  aus  kleinen  warzigen  Erhebungen 


>)  Nyman  Consp.  fl.  europ.  (1881)  609. 

2)  Becker  in  Bull.  Soc.  nat.  Mose.  (1854)  p.  454 'und  (1858)  p.  12 
und  CO. 


420 


WALT]1EI!  Wangkuin, 


[26] 


entspringen,  nacli  oben  zu  allmählich  veikahlend,  so  clafs 
die  meisten  Aste  der  Rispe  völlig  kahl  oder  höchstens  noch 
fein  warzig  punktiert  sind.  Der  Schaft  ist  fast  vom  Grunde 
an  sehr  stark  beseuartig  verästelt,  alle  Zweige  sind  weit 
abstehend,  ziemlich  verlängert  und  oft  unregelmäfsig  hin 
und  her  gebogen,  die  Blütenzweige  kurz  bis  niittellang,  halb 
aufrecht  oder  zur  Seite  gebogen,  zu  sehr  lockeren  oder 
seltener  mäfsig  dichten  Ebensträufsen  vereinigt,  die  Spiculae 
stehen  sehr  locker  und  sind  allermeist  einblütig.  Die  untere 
Braktee  ist  klein,  sehr  breit  eiförmig,  auf  dem  Rücken  nur 
schwach  gekielt  und  abgerundet  oder  kaum  zugespitzt  mit 
mäfsig  breitem  Hautrande;  die  obere  Braktee  ist  reichlich 
dreimal  so  lang,  mit  breitem  hyalinen  Saum  und  auf  dem 
Rücken  kahl  oder  sehr  zerstreut  kurzhaarig.  Der  Kelch  ist 
5'/2 — 6  lom  lang,  seine  Röhre  nur  an  den  beiden  inneren 
Rippen  behaart  und  sehr  schlank,  der  weifse  Saum  etwas 
erweitert,  mäfsig  breit,  mit  ziemlich  grofsen,  dreieckigen, 
spitzen  Zipfeln  und  deutlich  entwickelten,  gleichfalls  spitzen 
intermediären  Zähnen.  Es  handelt  sich  hier  sonach  um 
eine  Form,  welche,  vor  allem  habituell,  sich  der  St.  latifolia 
nähert  und  wohl  als  Verbindungsglied  zwischen  dieser  und 
dem  Formenkreis  der  St.  Gmelini  betrachtet  werden  kann. 
St.  latifolia  ist  insbesondere  durch  ihre  grofsen,  sternfilzigen 
Blätter  gut  charakterisiert;  ihr  gegenüber  ist  St.  sareptana 
aufserdem  auch  durch  den  deutlich  zehnzälinigen  Kelch 
unterschieden,  während  sie  andererseits  auch  auf  Grund  der 
angeführten  Merkmale  neben  St.  Gmelini  als  selbständige 
Art  belassen  werden  kann. 

Gleichfalls  der  Flora  von  Sarepta  gehört  die  von  Claus  i) 
als  St.  Bungei  beschriebene  Art  an,  die  mir  nur  aus  der 
recht  genauen  und  ausführlichen  Originaldiagnose  bekannt 
ist.  Danach  würde  die  Pflanze,  welche  ebenfalls  habituell 
der  St.  latifolia  am  ähnlichsten  zu  sein  scheint,  in  den 
meisten  Merkmalen  mit  der  St.  sareptana  übereinstimmen; 
abweichend  sind  nur  der  sehr  lange  Blattstiel,  die  aus- 
drücklich hervorgehobene  Kahlheit  des  Schaftes  und  die 

Claus,  Lokalfl.  d.  Wolgagegenden  in  Beitr.  zur  Pflanzenkunde 
d.  russ.  Reiches  VIII  (1851)  30b. 


[27] 


i'ber  den  Fonueukreis  der  Statice  Limoniuiu  etc.  427 


Füufzäbuigkeit  des  Kelches.  Möglicherweise  würden  also 
beide  Arten  zu  vereinigen  sein,  doch  kann  ich  diese  Frage 
ohne  Autopsie  der  St.  Bungei  nicht  sicher  entscheiden. 

Den  beiden  letzten  Arten  sehr  nahe  steht  auch  die 
St.  membranacea  Czernajewi)  aus  den  Steppen  der  Ukraine, 
von  der  authentische  Exemplare  im  Berliner  Herbar  vor- 
handen sind.  Die  Ptianze  besitzt  sehr  kurz  gestielte,  obovat- 
elliptische,  kahle  Blätter  und  einen  30—45  cm  hohen,  ebenso 
wie  die  Zweige  ziemlich  schlanken  und  stielrunden,  kahlen 
Schaft,  der  schon  weit  unterhalb  der  Mitte  reich  verästelt 
ist;  die  primären  Äste  sind  bogig  aufsteigend  und  zuerst 
nur  wenig  abstehend,  erst  am  Ende  sind  sie  stärker  nach 
aufsen  gekrümmt;  die  sekundären  Aste  sind  flexuos  auf- 
steigend, locker  verästelt,  die  unteren  zum  grofsen  Teil 
steril,  die  Blütenzweige  kurz  und  mit  wenigen  lockeren 
Spieulae  besetzt.  Die  untere  Braktee  ist  fast  ganz  hyalin, 
deutlich  gekielt  und  zugespitzt,  die  obere  2'/2— 3mal  längere 
mit  breitem  Hautsaum  versehen;  der  Kelch  ist  5  mm  lang, 
die  schlanke  Röhre  nur  an  der  Basis  der  beiden  inneren 
Nerven  schwach  behaart,  der  Saum  ist  weil's,  schmal,  mit 
kleinen,  breit  dreieckigen,  subakuten  Zipfeln  und  halb  so 
grofsen,  deutlich  entwickelten  intermediären  Zähnen. 

Endlich  gehört  in  diese  Verwandtschaft  auch  noch  die 
kleinasiatische  St.  eff'usa  Boiss.,  welche  ebenfalls  den  Habitus 
der  St.  latifoUa  besitzt,  von  dieser  jedoch,  abgesehen  von 
der  Behaarung  und  den  Blättern,  durch  die  Zehnzähnigkeit 
des  Kelchsaumes  sich  unterscheidet,  während  sie  gegenüber 
den  vorigen  vor  allem  durch  die  viel  kleineren  Kelchzipfel 
unterschieden  ist. 

Als  letzte  Art  aus  dem  ^ormenkreis  der  St.  Gmelini 
ist  schliefslich  noch  die  St.  pycnantha  Koch  (=  St.  Balansae 
Boiss.)  zu  erwähnen;  dieselbe  kommt  in  Cappadocien  und 
Armenien  vor  und  schliefst  sieh  durch  die  dicht  glomeraten 
Partialinfloreszenzen  eng  an  die  subspec.  gemiina  der  St. 
Gmelini  an,  ist  von  dieser  aber  durch  noch  kleinere  Blüten 
und  den  tief  und  sehr  spitz  fünfteiligen  Kelchsaum  unter- 
schieden. 


1)  Czernajew,  Consp.  pl.  Charcov.  (1859)  51. 


428 


Walthek  Wangeiun, 


[28] 


III.  Die  anierikauischen  Arten. 

Es  ist  pflanzengeograpbiscli  von  grofsem  Interesse,  dafs 
der  Formeukreis  der  St.  Limonium  auch  in  Amerika  mit 
mehreren  Arten  vertreten  ist,  die  zum  Teil  geradezu  als 
Parallelformen  zu  den  altweltliclien  betrachtet  werden  können. 
Es  ist  dies  der  einzige  Verwandtschaftskreis  aus  der  ganzen 
Gattung  Statice,  der  auch  in  Amerika  sich  findet,  mit  einziger 
Ausnahme  der  ganz  isolierten,  eigenartigen  St.  plumosa  in 
der  Wüste  Atacama  und  der  der  europäischen  St.  caspia 
und  damit  auch  der  Limonium-(jiX\\\)\)Q  nahestehenden  St. 
hahamensis. 

Im  grofsen  und  ganzen  scheinen  die  amerikanischen 
Arten  nicht  in  so  hohem  Mafse  variabel  zu  sein  wie  die 
altweltlichen  und  sind  demgemäfs  voneinander  leichter  und 
schärfer  zu  trennen;  nichtsdestoweniger  wird  die  systematische 
Gliederung  des  Gesamtformenkreises  durch  sie  nicht  un- 
erheblich erschwert  und  kompliziert,  weil  eben  die  ameri-. 
kanischen  Arten  den  altweltlichen  nicht  als  in  sich  ge- 
schlossene Gruppe  gegenüberstehen,  sondern  die  Differen- 
zierung, wie  schon  bemerkt,  im  grofsen  und  ganzen  in 
ähnlichen  Bahnen  sich  bewegt. 

Diejenige  Art,  die  am  längsten  unterschieden  ist,  ist 
St.  caroliniana  Walt.,  deren  Verbreitung  sich  über  die  ganze 
atlantische  Küste  von  Nordamerika  erstreckt.  Dieselbe  hat 
meist  ziemlich  schmal  oblonge  (drei-  bis  sechsmal  so  lang 
als  breit),  lang  gestielte  Blätter  und  einen  etwas  kaniigen, 
etwa  von  der  Mitte  reich  und  locker  verästelten,  eine  meist 
ziemlich  ausgesprochen  pyramidenförmige,  seltener  unregel- 
mäfsig  besenartige  Rispe  bildenden  Schaft.  Die  primären 
Aste  sind  weit  voneinander  entfernt,  entweder  schräg  auf- 
wärts abstehend  und  nur  zuletzt  nach  aufsen  gebogen  oder 
von  vornherein  stark  bogig  abstehend,  die  sekundären  bogig 
aufsteigend  oder  seltener  etwas  steif  aufrecht,  locker  ver- 
ästelt; die  Blütenäste  sind  mittellang  (bis  zu  3  cm),  halb 
aufrecht  oder  +  gekrümmt  mit  nicht  sehr  zahlreichen,  von- 
einander entfernten  Spiculae.  Letztere  sind  allermeist  ein- 
blütig; die  primäre  Braktee  ist  kaum  1/3  so  lang  wie  die 
obere  und  um  die  Hälfte  kürzer  als  die  mittlere,  eiförmig, 


[29] 


Über  den  Formenkreis  der  Statice  Limonium  etc. 


429 


zugespitzt,  schwach  gekielt  und  ebenso  wie  die  obere  mit 
breitem  Hautrand  versehen.  Der  Kelch  ist  G — 7  mm  lang, 
die  Röhre  schlank,  an  den  inneren  Rippen  +  stark  behaart, 
der  Saum  wenig  erweitert,  nicht  abspreizend,  mit  fünf 
grofsen,  lanzettlicheu,  spitzen  Zipfeln  und  fünf  kleinen 
spitzen  Zähnchen  in  den  Buchten  zwischen  ihnen. 

Wir  haben  es  hier  sonach  mit  einer  Art  zu  tun,  welche, 
vor  allem  hinsichtlich  der  Anordnung  der  Spiculae,  der  St. 
baJmsiensis  am  nächsten  steht  und  sich  von  derselben  haupt- 
sächlich durch  die  schlankeren,  dünneren  Zweige  und  die 
ganze  Verzweigungsart  unterscheidet. 

Gleichfalls  in  die  Verwandschaft  der  St.  baJmsiensis 
scheint  die  durch  Hemsleyi)  von  den  Bermudas -Inseln 
beschriebene  St.  Lefroyi  zu  gehören;  ob  dieselbe  aber  von 
St.  caroliniana  genügend  unterschieden  ist,  geht  aus  der 
Diagnose  nicht  mit  hiureichender  Deutlichkeit  hervor  und 
erscheint  mir  mindestens  zweifelhaft. 

Der  nordeuropäischen  Form  der  St.  Limonium  steht 
am  nächsten  die  St.  californica  Boiss.  Bei  derselben  sind, 
wie  bei  jener,  die  Spiculae  zu  kurzen,  dichten,  steif  auf- 
rechten Ähren  angeordnet;  indessen  ist  die  Gesamtverzweigung 
eine  wesentlich  andere:  die  Verzweigung  beginnt  bereits 
unterhalb  der  Mitte  des  Schaftes,  die  primären  Aste  sind 
weit  voneinander  entfernt,  steif  aufrecht  abstehend  und  meist 
nur  gegen  ihr  Ende  hin  verzweigt;  die  Gesamtrispe  ist 
daher  locker  und  meist  im  Umrifs  pyramidenförmig.  Der 
Bau  der  Spiculae  stimmt  im  wesentlichen  mit  dem  von  St. 
Limonium  überein :  die  Brakteen  sind  nur  mit  schmalem 
Hautsaum  versehen,  die  untere  stark  gekielt,  zugespitzt  und 
reichlich  halb  so  lang  wie  die  obere;  der  Kelch  ist  6  mm 
lang,  an  allen  Rippen  locker  abstehend  behaart, 2)  der  Saum 
wenig  erweitert,  mit  mäfsig  grofsen,  dreieckigen,  spitzen 
Zipfeln. 

')  Hemsley  in  Journ.  of  Bot.  XXI  (1883)  105. 

^)  Die  Angabe  von  Small  (Flora  of  the  southeastern  United 
States  [1903]  900),  die  Kelchröhre  bei  St.  californica  sei  kahl,  entspricht 
nicht  den  tatsächlichen  Verhältnissen;  auch  Boissier  sagt  in  der 
Originaldiagnose  (in  DC.  Prodr.  XII,  643)  „tubo  calycino  ad  5  costas 
breviter  hirsuto." 


430 


Walthek  Wangerin, 


[30] 


Der  St.  californica  ist  habituell  die  St.  chilensis  Phil, 
aulserordentlich  ähnlich;  auch  diese  besitzt  eiae  locker  ver- 
ästelte Rispe  mit  etwas  steifen,  aufrecht  abstehenden,  nur 
wenig-  gebogenen  Asten  und  ziemlich  steif  aufrechten,  kurzen, 
eine  dichte  Ähre  darstellenden  Blütenzweigen.  Auch  der 
Bau  der  Spiculae  ist,  vor  allem  was  die  Gröfsenverhältnisse 
und  die  Beschaffenheit  der  Brakteen  angeht,  wesentlich 
Ubereinstimmend;  der  Unterschied  ist  in  der  Hauptsache  der, 
dafs  die  Spiculae  bei  St.  californica  drei-  bis  zweiblütig,  bei 
St.  chilensis  dagegen  nur  einblütig  sind,  und  dafs  bei  letzterer 
die  Blüten  etwas  kleiner  (Kelch  nur  41/2 — 5  mm  lang),  die 
Kelchröhre  völlig  unbehaart  und  die  sehr  breit  dreieckigen 
Kelchzipfel  stumpf  sind. 

Weniger  konstant  in  ihrem  Habitus  ist  die  gleichfalls 
durch  eine  völlig  kahle  Kelchröhre  ausgezeichnete  St.  brasi- 
liensis  Boiss.,  welche  mir  nur  in  zahlreichen  Exemplaren  aus 
Brasilien,  Argentinien  und  Patagonien  vorgelegen  hat,  nach 
Smalli)  auch  in  Carolina  und  Florida  vorkommen  soll.  Bei 
den  meisten  Exemplaren  ist  der  Schaft  etwa  von  der  Mitte 
an  sehr  reich  verästelt  und  bildet  eine  ausgebreitete  lockere, 
subpyramidate  oder  seltener  etwas  ebensträufsige  Rispe.  Die 
primären  Aste  sind  voneinander  entfernt,  bald  stark  zur 
Seite  gebogen  und  zum  Teil  fast  wagerecht  abstehend,  bald 
etwas  steif  aufwärts  abstehend;  dementsprechend  sind  auch 
die  sekundären  Aste  bogig  aufsteigend  oder  ziemlich  steif 
aufrecht,  bald  ziemlich  reich,  bald  nur  sparsam  locker  ver- 
ästelt; die  Blütenzweige  sind  meist  kurz,  halbaufrecht  oder 
nur  wenig  zur  Seite  gebogen,  sie  tragen  nur  wenige  Spiculae 
in  mäfsig  bis  ziemlich  dicht  imbrikater  Anordnung.  Ich 
habe  jedoch  auch  einzelne  Exemplare  (z.  B.  E.  Ule  Nr.  376) 
mit  nur  an  der  Spitze  schwach  verästeltem  Schaft  und  ver- 
längerten Blütenzweigen  mit  deutlich  voneinander  entfernten 
Spiculae  gesehen.  Ein  wesentliches  Merkmal  der  Art  liegt 
darin,  dafs  die  Zweige  der  Rispe  stets  +  dicht  warzig  rauh 
sind.  Was  den  Bau  der  Spiculae  angeht,  so  sind  dieselben 
zwei-  bis  einblütig,  seltener  mehrblütig;  die  unterste  Braktee 
ist  sehr  klein,  fast  breiter  als  lang,  kaum  zugespitzt  und 


>)  Small,  1.  c.  900. 


über  den  Forraenkreis  der  Statice  Linioniiiiii  etc.  431 


nur  schwach  gekielt,  mit  iiurserst  schmalem  Hautsaum;  die 
obere  Braktee  ist  mehr  als  dreimal  so  lang,  ihr  Hautaaum 
ebenfalls  nur  schmal;  der  Kelch  ist  51/2  mm  lang,  der  Saum 
kaum  erweitert,  schmal,  mit  eiförmig- dreieckigen,  kaum 
zugespitzten  Zipfeln.  Die  *S7.  patagonica  Spegazz.  scheint 
mir  nach  dem  mir  vorliegenden  Exemplar  (Düsen  Nr.  522G) 
von  St.  brasilicnsis  nicht  verschieden  zu  sein. 

Small')  beschreibt  unter  dem  Namen  lAmonium  angu- 
statiim  noch  eine  weitere,  mir  bisher  nicht  bekannte  Art 
aus  Florida,  welche  ebenfalls  eine  unbehaarte  Kelchröhre 
besitzen  und  vor  allem  durch  sehr  schmale  Blätter  (vom 
Autor  als  „linear"  bezeichnet)  charakterisiert  sein  soll.  Im 
übrigen  läfst  die  recht  oberflächliche  Diagnose,  welche  auf 
die  Art  der  Verzweigung  und  den  feineren  Bau  der  Spiculae 
gar  nicht  näher  eingeht,  nichts  Genaueres  über  die  Merk- 
male und  Verwandtschaftsbeziehungen  dieser  Art  erkennen. 

Hatten  wir  in  St.  californica  eine  Paralellform  zu  der 
nordeuropäischen  Form  der  St.  Limoniuni,  so  läfst  sich  auch 
deren  südeuropäischer  Form  eine  amerikanische  Art  an  die 
Seite  stellen  in  einer  Pflanze,  die  mir  in  mehreren  Exem- 
plaren (Herb.  Berlin  u.  DC.)  aus  Texas  (leg.  Leybold)  und 
Mexiko  (Tamaulipas,  Berlandier  iter  tex.-mexic.  Nr.  3179) 
vorliegt  und  die  allem  Anschein  nach  mit  dem  von  Small  1) 
beschriebenen  Limoniuni  Nashii  identisch  sein  dürfte.  Die 
Blätter  der  fraglichen  Pflanze  sind  lang  gestielt  (Stiel 
5 — 9  cm  lang)  und  schmal  oblong  (10 — 12  cm  lang,  I1/4 
bis  21/4  cm  breit).  Der  schwach  kantige  Schaft  ist  etwa 
vom  unteren  Drittel  an  locker  und  reich  verzweigt,  eine 
ausgebreitete,  subpyramidate  bis  subcorymbose  Rispe  bildend. 
Die  etwas  starren  primären  Aste  spreizen  stark  nach  auf- 
wärts ab  und  sind  an  ihrer  Spitze  nach  aufsen  zurüek- 
gebogen,  seltener  sind  sie  von  Anfang  an  bogig  abstehend; 
die  sekundären  Aste,  deren  untere  zum  Teil  steril  sind,  sind 
bogig  aufsteigend,  sie  tragen  an  ihrem  Ende  kleine  lockere 
Ebensträufse  von  stark  zur  Seite  gebogenen,  mäfsig  langen 
Blütenzweigen,  an  denen  die  Spiculae  in  ziemlich  dichter 
Anordnung  stehen.    Letztere  sind  drei-  bis  zweiblütig;  die 


1)  Small,  1.  0.  900. 


432 


Walther  Wangerin, 


[32] 


untere  Braktee  ist  eiförmig,  kurz  stachelspitzig,  auf  dem 
Rücken  schwach  gekielt  und  mit  schmalem  Hautsaum  ver- 
sehen; die  mittlere,  etwa  um  die  Hälfte  längere  Braktee  ist, 
abweichend  von  allen  übrigen  Arten  der  Gruppe,  nicht  voll- 
ständig hyalin,  sondern  nur  am  Rande  von  einem  mäfsig 
breiten  Hautsaum  umgeben  und  im  übrigen  krautig;  die 
obere  ist  2V2iiial  länger  als  die  primäre,  ihr  Hautsaum 
ebenfalls  ziemlich  schmal.  Der  Kelch  ist  6'/2- — 7  mm  lang, 
an  den  beiden  inneren  Rippen  sparsam  abstehend  behaart, 
der  Saum  wenig  erweitert,  mit  langen,  lanzettlichen,  spitzen 
Zipfeln,  welche  dreimal  länger  sind  als  die  intermediären 
spitzdreieckigen  Zähne. 

Aus  Mexiko,  und  zwar  ebenfalls  aus  dem  Staate  Tamau- 
lipas,  liegt  mir  noch  eine  andere,  bisher  noch  nicht  be- 
schriebene Art  vor,  die  ich  nach  dem  Sammler  (Endlich 
Nr.  549,  Herbar  Berlin)  St.  Endlichiana  benenne.  Dieselbe 
ist  ausgezeichnet  durch  einen  fast  vom  Grunde  an  ver- 
zweigten, eine  fast  besenartig  ausgebreitete  Rispe  bildenden 
Schaft.  Die  nur  mäfsig  weit  voneinander  entfernten  Aste 
sind  schräg  aufwärts  abstehend  oder  von  vornherein  stark 
zur  Seite  gebogen;  sie  sind  wiederholt  locker  und  sparrig 
verästelt,  mit  bogig  aufsteigenden,  zum  Teil  sterilen  Sekundär- 
ästen; die  Blütenzweige  bilden  lockere  Ebensträufse,  sie  sind 
ziemlich  lang,  stark  gekrümmt  und  tragen  die  Spiculae  in 
etwas  lockerer  Anordnung.  Die  primäre  Braktee  ist  breit 
eiförmig,  zugespitzt  oder  kurz  stachelspitzig,  schwach  gekielt, 
mit  ziemlich  schmalem  Hautrand;  die  mittlere  ist  doppelt 
so  lang  und  vollständig  hyalin,  die  obere  21/2 — 3  mal  so  lang, 
mit  ziemlich  breitem  Hautrand;  der  Kelch  ist  7  mm  lang, 
die  Röhre  längs  zwei  Rippen  kurz  abstehend  behaart, 
schlank,  mit  grolsen,  lanzettlichen,  zugespitzten  Zipfeln. 

Die  letzte  amerikanische  Form  Art  endlich  ist  St.  limbata 
(Small)  Wang,  aus  Neu -Mexiko,  von  der  mir  authentische 
Exemplare  (Wooton  Nr.  172,  Earle  Nr.  341)  vorliegen.  Die- 
selbe ist  in  habitueller  Hinsicht  ausgezeichnet  dadurch,  dafs 
die  primären  Aste  der  stark  verästelten,  ausgebreiteten,  sub- 
korymbosen  Rispe  steil  und  gerade  schräg  nach  aufwärts 
abstehen;  ebenso  sind  auch  die  sekundären  Aste  ziemlich 
aufrecht,  sie  tragen  am  Ende  etwas  lockere  bis  ziemlich 


[33] 


l'ber  den  Formenkreis  der  Statice  I.iinonium  etc. 


433 


dichte  Ebensträulse  von  kleinen,  aufiecliten  oder  zur  Seite 
gebogenen  Bllitenzweigen,  an  denen  die  Spieulae  in  dicht 
inibri